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Zu “Letztes Lexikon”, erschienen 2002 in “Die andere Bibliothek”


Das letzte Lexikon kann und will nicht mit den Heerscharen der Spezialisten und der profunden Sachkenntnis seriöser Enzyklopädien konkurrieren. Es ersetzt keinen einzigen Band eines ordentlichen Lexikons, flüstert aber allem Wissen und allen Wissbegierigen ein leises Memento Mori ins geneigte Ohr. Wir gleiten über einen unermesslich großen Ozean gefrorenen enzyklopädischen Wissens, bohren, mit stets unzulänglichen Mitteln, hier und da neugierig ein paar Löcher, um Trouvaillen, versunkene Schätze, Strandgut und der Bodensatz der Geistesgeschichte ans Tageslicht zu fördern
(Aus dem Vorwort)

Sie haben wohl ausgedient, die Mammutwerke, die säkularisierten Turmbaustellen zu Babel, die in den Antiquariaten und Kellern und Regalen verstauben; die Lexika von einst und heute. Schätzungen zufolge werden im 21. Jahrhundert pro Haushalt etwa 0,02 Prozent der Beiträge in diesen mehrbändigen Ungeheuern gelesen – bei dem Aufwand, der jahrhundertelang um diese Bildungsgewichte gemacht wurde, ist diese Zahl eigentlich eine Bankrotterklärung.

Aber natürlich hatte die Geschichte des Lexikons schon immer eine komische, absurde Note und die großen Projekte, von der großen Encyclopédie, bei der Denis Diderot mitwirkte, bis hin zur Encyclopædia Britannica, die der Journalist A.J. Jacobs immerhin in einem Jahr durchlesen konnte (und darüber ein Buch schrieb: Britannica & ich: Von einem, der auszog, der klügste Mensch der Welt zu werden), sind bis heute eigentlich ein perfektes Sinnbild für das Schicksal hochstechender Ideale: edel und mit zu großem Anspruch vorbelastet, sind sie meist zum Scheitern im großen Stil bestimmt.

Das Internet hat diese Absurdität natürlich etwas gewandelt, sie teilweise deutlicher herausgestellt und doch viele Probleme gelöst, mit denen Enzyklopädien seit jeher zu kämpfen hatten: Aktualität, Platz, Auswahl, Spezialist*innensuche etc. Die generelle Idee aber hat noch einmal Aufwind bekommen: was wäre, könnte man alles Wissen von allen sammeln und alle könnten davon profitieren? Wäre das nicht das Paradies? Der Fahrstuhl zur Vervollkommnung? Der Schlüssel zu allem?

Vermutlich nicht, denn wenn das “Letzte Lexikon” eines zeigt, dann, wie sehr Wissen ideologisch gefärbt ist und nicht nur vom Stand der Forschung, sondern auch von Deutung und Akzeptanz abhängt. Die alten Originalbeiträge, die die drei Autoren zusammengetragen haben, aus Lexika des 18ten, 19ten und 20ten Jahrhunderts, haben somit oftmals etwas Obskures und Kurioses – wenn auch leider nicht immer in dem erheiternden Maß, das man sich vielleicht bei einem Buch wie diesem erhofft.

Trotzdem lädt es wunderbar zum Schmökern ein und die gelegentliche Antiklimax der Erwartungen muss dann einfach mal hingenommen werden; auch im Banalen steckt ein Glanz, das haben Lexika ja schon immer gepredigt. Wer ein Buch sucht, in das er immer mal wieder einen Blick werfen kann, ein Anti-Lexikon, das doch irgendwie ein Lexikon ist: Voila. Hier ist es.

Ein Buch über Wissen zum Amüsieren – A.J. Jacobs Jahr mit der Enzyklopaedia Britannica: “Britannica & Ich”


“Sag niemals nein zu Abenteuern. Sag immer ja, sonst führst du ein totlangweiliges Leben.”
Ian Fleming

A. J. Jacobs ist ein Mann für Abenteuer der besonderen Art: Ein Jahr nach der Bibel leben (Die Bibel und ich), immer die Wahrheit sagen und, in diesem Buch, einmal die gesamte Encyclopaedia Britannica durchlesen (Über 32000 Seiten, ca. 44 Millionen Wörter) um zum klügsten Mann der Welt zu werden – oder zumindest hier und da mit neuem Wissen angegeben zu können.

Erinnern wir nicht alle aus unserer Schulzeit nur noch Bruchstücke, unvergessliche Taten von Mitschülern, Macken von Lehrern, und die legendären heiklen Themen dieser Zeit. Auch A. J. Jacobs geht es so – das Schul- und Collegewissen verschwindet zunehmend im Nebel der Vergangenheit. In Nachfolge seines Vaters (der allerdings nur bis zu M oder L kam), dem Jacobs hier in diesem Buch ein wunderbares Denkmal gesetzt hat, beschließt er daher, einmal das legendäre Lexikon durchzulesen. Und berichtet über seine Erfahrungen in diesem Buch – immer pointiert.

“Stichwort: -Casanova-
Der berühmte Schürzenjäger des 18. Jahrhunderts verbrachte seinen Lebensabend als Bibliothekar. Könnte Bibliothekare damit nicht ihr Image aufpolieren?”

Mehr durch die Lektüre und einzelne Stichworte angeregt, als wirklich seien komplette Leseerfahrung wiedergebend, erzählt Jacobs von den Versuchen, sein neu erworbenes Wissen an den Mann zu bringen, von allerlei neuen Erkenntnissen, ulkiger bis erstaunlicher Art, aber auch von der lieben Familie und den Alltagssorgen dieses Jahres, in der er die Britannica zu seinem Ein und Alles machte. Und letztlich geht es auch immer wieder darum, was Wissen, Intelligenz und Erkenntnis nun mit einander gemein haben und was wichtiger oder hilfreicher ist. Denn was hilft einem Wissen, wenn man nicht intelligent genug ist, es richtig anzuwenden? Und was hilft es, wenn man weiß, dass Opossums dreizehn Nippel haben?

“Stichwort: -Hollywood-
Gegründet von Horace Wilcox, >>einem Prohibitionisten, der sich eine Gemeinde vorstellte, die nach seinen nüchternen religiösen Prinzipien lebte<<. Also, dass halb Hollywood bei den Anonymen Alkoholikern rumhängt, war mir bekannt. Davon abgesehen wäre Mr. Wilcox höchstwahrscheinlich not amused.”

Das Buch ist vor allem ein großer Spaß und auch wenn es Erstaunliches und Faszinierendes zutage fördert, ist es trotz der Thematik mehr ein spielerisches, denn ein ernstes Buch. Die Lektüre der 400 Seiten vergeht wie im Flug. Manches Mal ist Herr Jacobs zwar allzu sehr in seinen Abschweifungen gefangen, aber auch dabei kommen immer wieder erstaunliche Geschichten heraus. Am Ende fühlt man sich dann schon sehr bereichert. Vielleicht nicht mit Wissen, aber mit allerlei erfahrener Lesefreude. Und spätestens wenn Jacobs so geniale Einschübe macht wie etwa eine Liste von Dingen, durch die man ganz sicher selbst in die Britannica aufgenommen wird (Gedichte schreiben – am besten Surreale – sich enthaupten lassen oder eine erfolglose Expedition zum Nordpol führen) hat das Buch im Herzen des Lesers einen Platz als Kuriosität sicher!

Ach ja übrigens: Erdbeeren, Himbeeren und Brombeeren sind gar keine Beeren! Dafür Bananen und Kürbise.

Link zum Buch: http://www.amazon.de/Britannica-ich-auszog-kl%C3%BCgste-Mensch/dp/3471795138/ref=cm_cr_pr_pb_t

*diese Rezension ist in Teilen schon auf Amazon.de erschienen