Tag Archives: Liebe

Übermütig und schlitzohrig: Charles Simmons “Das Venus-Spiel”


“Ich habe eine Frage”, sagte ich. “Was ist der Unterschied zwischen Sex und Liebe?”
Sie versuchte, meine Zehen mit ihren Zehen zu packen.
“Wenn es Sex ist, schert es dich nicht, was der andere denkt. Bei der Liebe ist das anders. Du möchtest im Inneren des anderen sein. Was denkst du gerade, beispielsweise?”
(Zitat, Seite 46)

Das Venus-Spiel war das letzte Buch des Autors Charles Simmons, das mir noch fehlte. Geständnisse eines ungeübten Sünders las ich als erstes – ein kleiner Bruder vom Fänger im Roggen, der mich sehr begeisterte. Es folgte Salzwasser, sein Triumph, ein Meisterwerk. Sein Buch Belles Lettres über die Redaktion einer Literaturzeitschrift war für einen Literaturgeek wie mich natürlich ein gefundenes Fressen und ich bin bis heute ein bisschen verknallt in diesen kleinen, aber feinen Streich. Lebensfalten musste im Vergleich mit den Dreien fast zwangsläufig etwas zurückfallen, war aber formal eine spannendes Erlebnis.

Und nun also ein federleichter Roman über eine Sex-Droge. Aufgeführt von einem Figurenkabinett, heiter bis albern bis idiotisch. Wie war das mit der Liebe? Ah, stimmt: sie stößt an ihre Grenzen. Und wenn die Lust grenzenlos wäre, wär dann auch die Liebe ohne Ende? Doch so banal ist die zentrale Frage natürlich nicht, auch wenn es einem manchmal so vorkommt, als sollte tatsächlich über diese Frage sinniert werden. Venus-Spiel ist vor allem, und daran sollte man sich besser früh bei der Lektüre gewöhnen, eine Farce, ein Drama mit viel Setting, aber ohne Hintergrund, ähnlich den Komödien von Oscar Wilde, nicht ganz so scharfzüngig, dafür mit etwas mehr Aberwitz.

Eine Wunderdroge namens Venus soll getestet werden – allerdings ohne Genehmigung, unter der Hand, mithilfe eines Arztes und einiger unabhängiger “Spieler”. Ben, 28 Jahre alt, ist einer von ihnen – und, oh Wunder, sein erotisches Leben wird sofort noch ein bisschen interessanter, nachdem er die Pille geschluckt hat. Aber das Spiel und die Erwartungen der Firma sind undurchsichtig und seine frisch mithilfe der Droge begonnene Liebschaft droht ins Blickfeld der Pharma-Interessen zu geraten, derweil ihr gemeinsames, fröhliches, fast schon aristokratische Leben erblüht und skurrile Früchte trägt. Ben versucht mehr über die anderen Spieler herauszufinden und gleichzeitig seine Geliebte aus dem Umfeld von Venus herauszuhalten, doch langsam aber sicher wachsen im die Dinge und die Fähigkeiten seines neuen Körpers über den Kopf…

Die Formen der Liebe, die Formen der Unschuld, der Schemen der Lust – sie sind die Triebfedern hinter Simmons stets augenzwinkerndem, illustren Reigen. Manchmal kommt einem die ganze Geschichte doch ein bisschen zu sehr wie auf einem einzelnen Finger balanciert vor, dann greifen die Motive aber wieder ineinander oder scheinen ineinander zu greifen. Ton und Esprit des Textes sind dermaßen beschwingt, dass die Story durchaus auf einem Finger herumgewirbelt werden kann. Viele treffsichere Spitzen, wie nebenbei untergebracht, verstärken den Eindruck, es mit einem sehr findigen Werk zu tun zu haben, bei dem man stets auf die Zwischentöne hören sollte. Und doch wirkt alles auch wie Show. Man könnte meinen, das ganze Buch hänge irgendwie in der Luft.

Zur Top 3 wird auch “Das Venus-Spiel” nicht aufschließen können. Aber es fällt auch nicht besonders ab, weiß meist eher zu unterhalten, als zu erstaunen oder zu fesseln. Ein famoses, manchmal zu leichtes Werk.

Zu Enrique Serna: Liebe aus zweiter Hand


  Es ist ja schon schwer zu sagen, was Liebe ist, wenn man es mit Worten herauszufinden versucht. Aber sie ist nicht nur ein metaphysisches, sondern schlicht ein praktisches Problem – selbst wenn Dinge wie Ehebruch und Eifersucht einmal keine Rolle spielen sollten (was sie in diesem Erzählband zuweilen tun). Schon die Frage dahingehend, wie man seine Liebe ausdrücken soll, würde wohl von den meisten Menschen unterschiedlich beantwortet werden.

Um Spielarten der Liebe geht es auch in Enrique Sernas Erzählungen in „Liebe aus zweiter Hand“. Nicht all diese Spielarten gehören der erotischen Liebe an und nicht alle erotischen Lieben sind hier obsessive. Es geht in diesen Geschichten sogar selten um die große, entscheidende Liebe – wesentlich öfter um die Liebe als Ausweg, als Ablenkung von den eigenen Problemen, als etwas, in das man hineinrutscht. Liebe aus zweiter Hand, das erinnert ja an Tina Turners Song “What’s love got to do with it?“, in dem sie u.a. singt: “What’s love but a second hand emotion?”

So sieht beispielsweise eine Frau im Fernsehen ein Waisenkind, das bei einem Erdbeben in Mexiko seine Eltern verlor und entwickelt spontan mütterliche Gefühle, fährt dann sogar extra nach Mexiko, um es irgendwie in die Finger zu kriegen; es muss dieses eine Kind sein! In einer anderen Erzählung lernt ein Dozent an einer amerikanischen Universität die Frau des brillanten Gastprofessors kennen und sein Neid und die Probleme mit der eigenen Arbeit, bringen ihn dazu diese Frau ins Bett kriegen zu wollen, damit der Ehemann als gehörnter dasteht und endlich seinen Namen kennt.

Auf dem Cover wird Serna als ideenreicher und origineller Autor bezeichnet. Das ist keine Phrase, denn in der Tat ist es dieser Ideenreichtum, sowie Sernas breit aufgestellte Bildung, bewiesen durch sein gutes Händchen für Motive, die seinen Geschichten einen eigenwillig guten und schönen Flair verleihen; sogar ein größeres Maß an Spannung ist häufig mit dabei, was bei Liebesgeschichten ja eher selten der Fall ist, da sich das Ende meist früh abzeichnet. Serna baut oft noch eine Pointe oder einen Bruch als letzten Schnörkel ein – was manchmal furios gelingt, manchmal aber auch etwas überflüssig wirkt.

In jedem Fall: ein lesenswerter Erzählband, mit 4-5 sehr guten Geschichten und auch die anderen Texte haben ihre Qualitäten und so eine Art von Einteilung/Wertung ist natürlich immer eine Geschmackssache. Wem die Liebe schon immer verrückt vorkam, der wird seine Befürchtungen hier bestätigt finden – aber er wird auch nicht leugnen können, dass dieser Wahnsinn immer noch zu dem Unterhaltsamsten gehört, was man auf Erden finden und erleben kann.

Zu Vincent Overeem und seinem Buch “Misfit”


  “Und als wir ausstiegen, sagte ich zu Kaat, tagsüber würden die Vögel durch die Luft fliegen und nachts die Fledermäuse und niemand nehme Notiz davon. Wir suchten den dunklen Himmel ab und sahen schließlich ein paar. Kaat stieß einen Schrei aus, umarmte mich uns sagte, wir seien auf der Welt, um auf solche kleinen Dinge zu achten. Und ich müsste dafür sorgen, dass das so bleibe. Das sagte sie, ehrlich wahr. Und zu Hause fickten wir die Sterne vom Himmel.”

„Misfit“ ist eins dieser Bücher, die man entweder in einem bestimmten Alter lesen muss oder sofort mit Nostalgie liest. Da ist ein 18jähriger Ich-Erzähler in einer mittelgroßen Stadt. In seiner eigenen Bude (eine baufällige, ranzige Angelegenheit) liegt nur eine Matratze auf dem Boden und er arbeitet mit seinem Nachbarn hier und da an einem Handwerks-Job; ansonsten verbringt er seine Zeit mit Kaat. Kaat, die großartige, die schöne, die aufbrausende, die selbstsichere, die freche, die nachdenkliche, die unausstehliche, die geliebte.

Kaat, das Mädchen, das sich wohl ein Großteil der 18jährigen, heterosexuellen Jungs aus Spielfilmvorlagen, Schulschwarms und eigenen ideelen Vorstellungen zusammenphantasiert; nicht nur eine Freundin, sondern eine Gefährtin durch dick und dünn. Die eines Tages einfach in der Tür steht. Und mit ihr beginnt die schwüle Zeit, die Zeit von häufigem Sex, von privaten Ritualen, kleinen (aber in der eigenen Prägung riesigen) Geschichten. Bis aus der Schwüle eine Hitze wird, die über der Stadt liegt und alles zu erdrücken scheint. Aber es ist nicht nur die Hitze, die drückt, sondern die unausgesprochene Vergangenheit des Protagonisten (aufgerollt in einer zweiten Geschichte, die sich Stück für Stück erschließt) und die geheimniskrämerische Seite von Kaat.

„Misfit“, das Buch eines Sommer, ein Buch voller schmerzlicher und schöner Emotionsanwandlungen (hinter denen aber auch dichtere Gefühle stehen), mit einem Auge für das – mal schmale und mal weite – Unbegreifliche, das oft zwischen Menschen steht, zwischen Freunden, Fremden, Liebenden und Familienangehörigen. Ein Buch über das Ende des Aufwachsens, den Übergang, in dem sich wie in einer Rinne zwischen Kindheit und Erwachsensein die Sehnsüchte ansammeln, vorwärts und rückwärts gerichtet.

Ja, das alles steckt in diesem Buch und ich bin selbst verblüfft darüber, denn seine Geschichte, die sich in zwei Geschichten aufteilt, ist geradezu simple und könnte Stoff für einen gewöhnlichen Teenie-Roman sein. Was „Misfit“ von einem solchen unterscheidet ist nicht nur das sich langsam in Bild schiebende ernste Thema im Hintergrund, sondern die ungefilterte und dennoch nie voyeuristische oder provokante Art der Darstellung, die ehrliche Form, die das Buch sich bewahrt. Die Nähe zum Geschehen quasi, die sich in ihrer Deutlichkeit und Schlussendlichkeit jedes Klischees entledigt.

Ein Buch des Sommers, ein Buch der Bewältigung, ein Buch der Schönheit im Jungsein. Nostalgie pur mit Genuss- und Anspruchsfaktor und dem gewissen, großartigen Etwas.

Besprechung zur Anthologie “Mein durstiges Wort gegen die flüchtige Liebe”


Wunderbare Anthologie, erschienen beim Elif Verlag, besprochen bei Fixpoetry

Schön nur in den Zwischentönen – zu Jan Schomburgs “Das Licht und die Geräusche”


     Ich habe eine Schwäche für Literatur, deren Protagonist*innen Jugendliche sind. Nicht unbedingt, weil ich mich in diese Episode meines Lebens zurücksehne, sondern weil diese Zeit so viele Schwellensituationen bereithält und damit auch jede Menge natürliches Konfliktpotenzial bietet. Die/der Autor*in muss sich wenig aus den Fingern saugen, muss keine großen Geschichten auftürmen – es gibt grundlegende Erfahrungen und Entwicklungen, die immer schon in diese Zeit gehörten und auf die jeder Schreibende zurückgreifen kann.

Natürlich gibt es auch jede Menge Bücher über diese Zeit, die nicht gut sind, gerade weil sie sich zu sehr auf diese Grundlagen verlassen und nicht genug das Eigene suchen. Nach der Lektüre von „Das Licht und die Geräusche“ bin ich geneigt, zu behaupten, dass dies einer der Fehler dieses Buches ist. Womit ich schon früh beim Urteil angelangt bin, dass natürlich differenzierter ausfällt und dargestellt werden will. Denn dieses Buch hat auch Vorzüge, aber es gibt einige Probleme und Handikaps, die sich meiner Meinung nach auch nicht allein auf Geschmacksfragen erstrecken, sondern schlichtweg in den Bereich der Mängel fallen. Das ist hart formuliert und letztlich vermessen, aber es geht ja darum, wie ein Buch zu einem spricht und in der Kommunikation zwischen mir und „Das Licht und die Geräusch“ gab einige Verständigungsschwierigkeiten.

Wir betreten den Roman und erleben die Geschichte durch die Augen von Johanna. Sie hat eine Schwäche für ihren besten Freund Boris, mit dem sie eine geradezu symbiotische Nähe verbindet, aber aus unerklärlichen Gründen ist er mit Ana-Clara zusammen, einer mehr oder weniger völlig regungslosen Portugiesin, mit der er eine Fernbeziehung führt. Natürlich wird die Geschichte nicht nur um das Dreiecksverhältnis aufgebaut, sondern beinhaltet auch eine Klassenfahrt und einige Nebengeschichten, die gekonnt um den Hauptstrang herum gewoben werden, stilsicher wie bei einem Nabokov-Roman. So weit, so verlockend.

So, what’s the problem? Nun, Nummer Eins: Die Konzeption der Figuren. Ich habe kein Problem damit, wenn Personen durch ihre Handlungen beschrieben werden und auch nicht, wenn ich Einblick in die Gedanken der Protagonist*innen habe. Aber wenn beides sich zum permanenten Irritationsfaktor auswächst, habe ich irgendwann keine Lust mehr, mir die Handlungen selbst zu erklären und mir die Gedanken anzuhören. Figuren in einem Roman sind Resonanzkörper, die auf jedes Wort und jede Beschreibung reagieren und durch jede beschriebene Aktion in Schwingungen versetzt werden. Irgendwann kennt man ihren Klang, dann werden sie von der Gestalt zur Persönlichkeit. Dies geschieht auch teilweise in Schomburgs Werk, allerdings gibt es immer wieder Dissonanzen und Rückkopplungen, Verzerrungen und simplifizierte Melodien, sodass einem dann und wann die Haare zu Berge stehen.

Und ich war wirklich bemüht, die Figuren zu begreifen oder zumindest der Raum, in dem sie verortet sind. Aber irgendwann hatte ich das Gefühl, dass dieser Raum nicht existiert, dass er leer ist bis auf das, was im Roman beschrieben wird; irgendwann kam mir die Charakterzeichnung dermaßen bemüht vor, gleichzeitig zu rabiat und zu behutsam, und das Ganze hat mich wirklich genervt.

Vor allem die Hauptfigur. Womit wir bei Punkt Nummer Zwei wären: den überdetaillierten Beschreibungen. An denen hat der Autor einen Narren gefressen. Keine einzige Handlung, kein Gefühl, kein einziger Eindruck der Protagonistin wird nicht zum Fallbeispiel, zur Reflexionsschleife, zur Aspektdurchdenkung schlechthin, zu einem Anlass die Prosa zu strecken. Zu Anfang hat man noch das Gefühl, diese Art charakterisiert ihre Person und soll Johanna Tiefe verleihen, ihre Zerrissenheit abbilden. Ja, das funktioniert auch. Aber irgendwann schlägt das um und diese Art der Darstellung hemmt jede Natürlichkeit des Erzählflusses und ermüdet die eigenen Vorstellung. Dank dieses ständigen Eingriffs ins Geschehen ist man sich die ganze Zeit einer erzählenden Instanz bewusst und hat außerdem das ungute Gefühl, der Autor wolle mit dieser Masche seiner Geschichte einer künstliche Breite verschaffen, ständig das Schreiben selbst ausschmücken.

Damit sind wir bei Punkt Drei angekommen: der Story. Die liegt irgendwo zwischen eigenwillig schön und hanebüchen. Wie bereits erwähnt: das Ineinandergreifen der Kapitel ist virtuos, da gibt es nichts zu meckern und man liest das Buch dadurch trotz aller Mängel mit Spannung und es gibt auch einige Momente, in denen die Leseerfahrung sich auflädt und einen kalt erwischt. Aber das ist das Problem: ein Roman ist (für mich) keine Szenenfolge mit möglichst hohem Spannungsfaktor und möglichst unerwarteten, kurz schockenden Wendungen. Aber genauso arbeitet „Das Licht und die Geräusche“. Mit Cliffhangern am Ende der Kapitel und einigen bemerkenswerten Twists und Sprüngen, die den Erwartungen der Leser*innen zuwider laufen. Mit kammerspielartigen Auslotungen und aufgeladenen Szenen, die arrangiert wirken. Nicht überall und immer, aber kontinuierlich.

Was Punkt Zwei und Drei angeht, die muss ein gute/r Lektor*in (auch wenn der/die Autor*in noch so darauf beharrt) angehen, finde ich. Da lehn ich mich weit aus dem Fenster und ich gestehe ein, dass ich vielleicht übers Ziel hinausschieße, aber ganz von der Hand weisen kann man diese Kritikpunkte meiner Ansicht nach nicht.

Natürlich habe ich Gewissensbisse, wenn ich das Buch in einigen Punkten so deutlich verurteile. Es hat auch seine Vorzüge, das weiß ich und in anderen Besprechungen werden sie sicherlich hervorleuchten, zurecht. Aber unausgesprochen sollte nicht bleiben, dass dieser Roman auf unsicheren Beinen steht; er täuscht Souveränität vor und verrät damit seine Makel, die einem so auch nicht sympathisch oder eingebettet vorkommen, die, im Gegenteil, hervorstechen. In der Handlung bleibt vieles unerklärlich und verlässt sich so deutlich auf diese Unerklärlichkeit, dass kaum etwas davon geheimnisvoll wirkt, sondern eher blutarm, willkürlich. Und letztlich verspricht es auch mehr, als es einhält. Auf einer Mikroebene arbeitet es sich an den großen Themen ab, aber so dezent, dass es immer wieder intensiv wird, aber diese Intensität springt nicht auf das große Ganze über.

Nun aber genug. Ich bin der Erste, der zugibt, dass dies eine einseitige Rezension ist. Ein Verriss, der immer auch ein bisschen zu leicht von der Hand geht. Ich bin sonst zimperlich mit solchen Dingen – und hoffe, dass zumindest klar wird, woran ich mich stoße.

“Fast eine Liebe” von Alexandra Lavizzari, über Carson McCullers und Annemarie Schwarzenbach


fast-eine-liebe  Zwei Wunderkinder und zwei Welten. Anhand des biographischen Werks von Alexandra Lavizzari – das weniger eine Liebesgeschichte erzählt, sondern vielmehr eine Odyssee des Scheiterns und Hoffens in den Lebensgeschichten zweier Menschen, die in einer Begegnung miteinander dem am nächsten kommen, was man eine Erfüllung dieser Wünsche nennen könnte – könnte man breite Überlegungen anstellen über die Idee des Genies und die Beschaffenheit literarischer Zirkel. Aber es geht ja um die Geschichte einer Liebe (und eben nicht um eine Liebesgeschichte), um das Wenige, was zwei (nun zufällig berühmt-berüchtigte) Personen miteinander teilten.

Und das war nicht viel, woraus die Autorin (im Gegensatz zum Klappentext) keinen Hehl macht und das Buch, ganz unironisch und unschwärmerisch, „Fast eine Liebe“ nannte. Ein stimmiger Titel, wenn man glaubt und berücksichtigt, dass er nicht heischen, sondern von vorneherein einen klaren Rahmen setzen will. Diese Liebe, wie die Autorin sie darstellt, war etwas sehr Wirkliches und gleichzeitig etwas nicht wirklich Stattfindendes. Man könnte jetzt lange darüber reden was denn „eine Liebe“ ist. Beginnt eine Liebe erst da wo man physischen Kontakt aufnimmt oder auf der geistigen Ebene, bei gegenseitiger, tiefer Sympathie, ein dauernder Austausch stattfindet? Kann man sagen, wann und wo eine Liebe beginnt oder endet? Gerade diese Dimension ist vielleicht die interessanteste im ganzen Buch: Die Art, wie Liebe in unserem Leben immer wieder andere Vorstellungen an sich reißt, aber alte Vorstellungen deswegen nicht verlässt und sich plötzlich zwischen allen Dinge bewegt, aber auch dazwischen verschwindet, Nähebeweis und doch unantastbar.

Klar ist jedenfalls, dass die Liebe in diesem Buch Anlass und Zentrum zugleich ist. Sie ist Anlass, um über die beiden Protagonistinnen zu schreiben, über Annemarie Schwarzenbach und Carson McCullers, ihr Schreiben, ihr Leben, ihr Schicksal. Vor allem ersteres und letzteres, die, zusammen, mittleres zu jeder Zeit bedingt haben. Beiden waren mehr oder minder seit der Kindheit dazu verdammt, sich immer wieder mit existenzdeterminierenden Bedingungen auseinanderzusetzen, seien es bei Annemarie das reiche, konservative Elternhaus und die jungenhafte Erscheinung, oder bei Carson McCullers die nie richtig behandelte Krankheit, die sie frühzeitig kränklich und anfällig machte. Für beide war ein wichtiger Ausweg das Schreiben, aber – und hier kommen wir zum Zentrum – sie waren beide auch auf der Suche nach einer weiteren Möglichkeit von Heimat, einem Gegenüber, einer Art von Verständnis, nach einer Liebe, die eine bessere Form der Existenz verspricht.

Eine Suche, die vielleicht ihr Ende hätte finden können, wenn zwischen ihnen beiden etwas möglich gewesen wäre. Woran es scheitert (wenn man überhaupt von einem Scheitern sprechen kann, wie schrieb Hans-Ulrich Treichel: „Wir sollten es dabei belassen/ ein Hauch ist fast wie ein Kuss./ Sich lieben heißt auch sich verpassen.“) will ich gar nicht vorwegnehmen. Stark ist, wie es der Autorin gelingt, den Leser in die Lebensgeschichten der beiden Autorinnen hineinzuziehen. Es gibt ein paar zu viele Wiederholungen, aber alles in allem gelingt es Alexandra Lavizzari, eine sehr dichte Geschichte aus dem rar gesäten Material zu weben.

Zwei Autorinnen sind dies, die man unbedingt wieder lesen sollte (im Fall von Annemarie Schwarzenbach sogar: überhaupt einmal lesen sollte). Carson McCullers gehört in meinem Empfinden nach wie vor zu den großen Schriftstellerinnen des zwanzigsten Jahrhunderts und wir verdanken ihr einige der sensibelsten zwischenmenschlichen Szenen und Schilderungen überhaupt.

Das letzte Wort lasse ich dennoch Annemarie Schwarzenbach und dem Auszug eines Briefs, den sie an Carson schrieb:

„Carson, erinnere Dich an die Momente, da wir uns verstanden, und daran, wie sehr ich Dich geliebt habe. Vergiss nicht die ungeheure Verpflichtung auf die Arbeit, lass Dich nie verführen, schreibe, und, Liebes, pass auf Dich auf, wie auch ich es tun werde und bitte, vergiss nie, was uns zutiefst berührt hat.“