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Zu Dagrun Hintzes Gedichten in “Einvernehmlicher Sex”


Einvernehmlicher Sex “Es war nur eine Verabredung zum Abendessen
aber bei der letzten Begegnung hatten wir uns zum Abschied
schon beinah geküsst
danach änderte sich der Ton unserer E-Mails
[…]
Obwohl wir beide aussahen als wären wir zu einer Hochzeit geladen
hüpften wir nebeneinander her wie junge Hunde
die sich freuen weil ihr liebster Spielgefährte da ist”

Es ist schwer Zitate zu finden, die ausreichend wiedergeben, was an Energie, Laune, Humor und Schönheit in den Gedichten von Dagrun Hintze steckt, oder vielmehr: einem daraus entgegenschlägt. Denn diese Gedichte winken einen nicht verhalten heran – sie wandern, stürmen und tanzen in einen hinein, übermütig, heftig, zärtlich.

Es sind zumeist einfache Gedichte, die narrative Bögen schlagen und deren Fokus nicht auf einer ausgeklügelten Sprache, sondern auf der Nähe zum Geschehen liegt. Ich habe mich an die Gedichte Charles Bukowskis erinnert gefühlt, aber auch an jene von Nicolas Born. Hintzes Lyrik hat oft einen bukowski-ähnlichen Drive und Borns ähnelt sie vor allem in den sanften Momenten der Selbstschau; in den besten Momenten sind diese Texte ein Mix aus Springsteensong und Indiefilm.

“Einer ließ ein Modellauto den Tresen entlang fahren
Am Steuer saß eine Pinguinfigur
die nahm er manchmal heraus
küsste sie
behauptend es sei seine Frau”

Kneipenabende, Reisen, kleine Abenteuer und zahlreiche Begegnungen verschiedenster Art reihen sich im Verlauf des Bandes aneinander; Erlebnisse werden zu Trägern eines kurzen Glücks, einer kleinen Wahrheit, einer (pointierten) Überlegung.

Weiter hinten im Band gibt es auch Gedichte, die eher eine klassische “Verdichtung” anstreben, aber obgleich sie ebenfalls lesenswert sind, erreichen sie meist nicht die Kraft, das Geballte und Nachhaltige, das in den erzählerischen Gedichten zum Vorschein kommt.

“Das Unglück ist überall groß

Aber würdet ihr sehen
wie sie Feste feiern
würdet ihr staunen”

So heißt es am Ende eines Gedichtes, in dem Hintze einige unerfüllte Hoffnungen und Träume, Schicksalsschläge, Narben und Belastungen in ihrem Bekanntenkreis aufzählt. Ihr Fazit: “das Unglück ist überall groß” ist kein Eingeständnis, sondern schlicht eine Feststellung. Und diese Direktheit, Schnörkellosigkeit, macht Hintzes Lyrik aus: sie begegnet dem Leben auf Augenhöhe, versucht selten ihm mit Abstraktionen beizukommen. Sie gibt Geschehnisse und Erlebtes wieder und lässt sie in großen Teilen für sich selbst sprechen.

Nach “Ballbesitz” ist dies mein zweites Buch von Dagrun Hintze und wieder mal bin ich, vor allem, beglückt. Hier werden nicht einfach schöne Schwenke aufgebaut – hier teilt sich jemand mit, in vielen Facetten, versucht immer wieder den Puls, die schlagende Kraft des Lebens aufzunehmen, abzuspielen, in all seiner Profanität und seiner tiefen Faszination und Anziehung.

Kurzum: „Einvernehmlicher Sex“ ist kein Lyrikbuch, das am Saum des Daseins nestelnde Verdichtungen bietet, sondern eines, das ruft: Hey, Leute, das Leben findet statt! Und ich, ich war (und bin) dabei und mittendrin. Trotzdem (oder gerade deswegen) ist es ein Gedichtband, der einen dazu bringt, vieles ins Herz zu schließen; nicht zuletzt die eigenen Erinnerungen und die eigene Möglichkeit, etwas zu erleben.

Zu Philippe Djians Roman “Marlène”


Marlene Philippe Djians neuer Roman spielt in einer nicht näher benannten amerikanischen Kleinstadt/Vorstadt, vermutlich in den New England Staaten. Es gibt nicht eine/n konkrete/n Erzählende/n, vielmehr schlüpft Djian je nach Kapitel – und manchmal auch mitten im Kapitel oder mitten im Absatz – von einer Hauptfigur in die andere und schildert ihr Empfinden, ihr Erleben, ihre Sicht, ihre Lebenswirklichkeit.

Hauptfiguren sind die beiden Kriegsveteranen und engen Freunde Dan und Richard, Richards Frau Nath, ihre Tochter Mona und die Schwester von Nath, Marlène. Das Eintreffen von letzterer ist der Ausgangspunkt des Romans und zugleich der unmerkliche Startschuss für das weitere Geschehen, der lange nachhallt, spät die volle Lautstärke entfaltet.

Zu Anfang sitzt Richard noch wegen Geschwindigkeitsübertretung im Knast, Dan (der versucht, in einer freundlichen Stadtgegend wieder Anschluss ans Zivilleben zu bekommen) lässt gerade die 18jährige Mona ein bisschen bei sich wohnen, weil die sich nur noch mit ihrer Mutter in die Haare kriegt und Nath ist genervt davon, dass ihre Schwester bei ihr aufkreuzt, hat sie doch mit ihrem vom Krieg geschädigten, ständig saufenden und krumme Dinger drehenden Mann und ihrer pubertierenden Tochter genug am Hals.

Es braucht etwas Zeit, bis man sich in dem Roman zurechtfindet. Es gibt keine Anführungszeichen, die eine wörtliche Rede anzeigen oder kursive Passagen, die Gedachtes vom Rest der Handlung abheben. So muss man sich als Lesende/r selbst zurechtfinden, aufmerksam sein, sich auf die jeweiligen Figuren einlassen. Diese ungefilterte Erzähltechnik hat allerdings den Vorteil, einen ungekünstelten, direkten Eindruck zu hinterlassen. Die Figuren werden nicht plastisch durch äußere Beschreibungen, sondern durch die Ausformungen ihres Innenlebens, das Djian frei vor unseren Augen brodeln und fließen lässt.

Auch aus einem weiteren Grund kommt diese Art des Erzählens dem Buch zugute: es gibt keinen dramatischen, erzählerischen Bogen, nur die unmittelbare Wucht der Ereignisse und wie die Figuren sie wahrnehmen, verarbeiten. Kaum etwas in diesem Roman kann man kommen sehen (obwohl man sich im Nachhinein durchaus einreden kann, man hätte es irgendwie kommen sehen), so fein streut Djian Ahnungen ein, die gleich wieder vom tatsächlichen Geschehen verweht werden und erst später in vollendeter Form wieder auftauchen, so willkürlich erscheint vieles in dem Buch und doch so folgerichtig, wenn es erst geschehen ist.

Bei all dem gelingt es Djian, das Wesen seiner Charaktere auf geisterhafte Weise auszuleuchten – allen voran Marlène. Obwohl meist nur über sie gesprochen wird und sie sich kaum in den wenigen Passagen, die aus ihrer Sicht sind, entfalten kann, begreift man doch den Kern ihrer Seele, ihre bescheidenen, aber dennoch starken Sehnsüchte, Ängste, Schmerzen und Hoffnungen. Djians Figuren waren noch nie Heilige und auch in diesem Roman finden sich hauptsächlich halbfertige, halbverworfene, fragile Existenzen, abgestrampelt, unangeglichen, wie von allem übervorteilt. Und darin dem durchschnittlichen Leben nicht krampfhaft, sondern unverstellt nah.

„Marlène“ ist ein Buch, das langsam anläuft, aber letztlich wieder eine Wucht ist, wie so vieles, was Djian geschrieben hat. Manchmal kommt die Handlung fast zur Ruhe, aber der Sturm in einem solchen Buch klingt nie ganz ab – und schon kommt die nächste Welle.

Zu Karen Köhlers Erzählungen in “Wir haben Raketen geangelt”


Wir haben Raketen geangelt  Wir begegnen den Figuren in Karen Köhlers Erzählungen in Momenten der Krise. Auch der körperlichen, aber vor allem der seelischen. Vor beinahe jeder der Figuren breitet sich die Zukunft nicht als vage Konstellation von Möglichkeiten, als Quell der Erwartungen und Hoffnungen, sondern als sehr begrenztes Feld, als enger Gang aus; gemeint sind nicht Tristesse oder melancholische Stimmungen, sondern Geschichten beyond the point of no return. Von der Warte der Figuren aus gesehen, gibt es hauptsächlich Abgründe.

Beeindruckend sind vor allem die Formen, in denen diese Kurzgeschichten daherkommen. Manchmal bestehen sie nur aus Einträgen (Tagebuch, Notizen, Postkarten, Listen), in denen sich einige Hinweise finden, aber letztlich wird man als lesende Person immer wieder auf das Begrenzte zurückgeworfen; den Rest muss man sich denken. Das ist mitunter frustrierend, aber auch spannend. Und vor allem: es lässt einen nicht kalt.

Denn Köhlers formale Kniffe in den einen Texten und die existenziellen Themen und Narrative in den anderen (in manchen kommt natürlich auch beides zusammen) führen dazu, dass die übliche Beobachtungsposition eines/r Lesenden nicht gewahrt werden kann. Zu sehr ist man mit Körperlichkeit der Figuren konfrontiert, zu sehr ist man bei den Postkarten und Einträgen mitangesprochen (ohne auf sie eingehen oder eingreifen zu können, obgleich die Texte genau das suggerieren.)

Meist ist da nämlich ein Du, nicht selten ein geliebtes, ein partnerschaftliches, ein Gegenüber, das in der Regel auch die Bruchstelle ist, an der das Leben der Figur in zwei Teile zerbrach: die Vergangenheit und die unwirtlichen Reste von Leben danach. Manchmal erfahren wir mehr über dieses Du, manchmal weniger; manchmal ist es anwesend, manchmal abwesend. Aber immer wird es umkreist, subtil oder ganz offen.

Köhlers Geschichten wirken, trotz ihrer Krisenstimmungen, sehr echt, authentisch. Sie erzählen von dem Wunsch fern des eigenen Körpers und seiner Erinnerungen zu sein, auszubrechen und allem zu entfliehen, das einmal war und das noch immer ist, nur wesenlos, entrückt. Obwohl sie mich beeindruckt und teilweise aufgewühlt haben und ich davon überzeugt bin, dass es solche Geschichten braucht, bleibt dann und wann ein leicht fader Nachgeschmack zurück. Vielleicht, weil der Band bei allen Variationen so einheitlich wirkt.

Aber die Autorin hat halt entschieden, die Krise ins Zentrum ihrer Erzählungen zu stellen und ihre Figuren als gebrochene Existenzen zu zeigen. In „Wir haben Raketen geangelt“ geht es nicht ums Wiederaufstehen, sondern um das am-Boden-Liegen und wie es dazu kommen kann; um das, was einen wirklich niederschmettert oder lähmt, bis tief an die Wurzel.

Zu Julio Cortázars Erzählung “Die Katzen”


Die Katzen Wer ihn noch nicht kennt, dem/r rate ich, das schleunigst zu ändern. Vor allem, wenn man für jene besondere Art von Faszination anfällig und empfänglich ist, die phantastische, irreale und dennoch fesselnde Elemente erzeugen, die als bedrohliche, unheimliche und irritierende Momente innerhalb einer Erzählung eingesetzt werden und die Realität gleichsam umdeuten und hinterfragen.

Julio Cortázar hat eine Handvoll Erzählungen geschrieben, die ich wirklich liebe, die mich immer wieder begeistern (nicht zu vergessen: jenen irren Roman „Rayuela“, der gleich Joyce „Ulysses“ eine lange (möglicherweise nie endende) Vorlaufzeit braucht, bevor man ihn wirklich in Angriff nimmt, außerdem “Der Verfolger” eine der schönsten Novellen über Musik, die ich kenne). Die meisten davon sind in dem ersten Band der gesammelten Erzählungen bei Suhrkamp, „Die Nacht auf dem Rücken“, zu finden.

Viele dieser Texte arbeiten mit zwei Arten von erzählerischer Technik. Zum einen mit einer atmosphärischen Beschreibungskunst, die einem das Geschilderte nah an die Haut heranträgt. Cortázar ist kein Erzähler, der sich nur an seinen Ideen erfreut und dem es genügt, sie zu präsentieren, auszuwalzen – er will, dass die Lesenden die emotionale Komponente seiner Texte abbekommen, ja, sie ist oft die wahre Kraft, die in dem Text wirkt und die zweite Komponente als Vehikel benutzt.

Diese zweite Komponente sind die geschickt eingeflochtenen, immer tiefer verwobenen Irritationen, die aus der scheinbaren Wirklichkeit (in der man den Text zunächst verortet glaubt) eine Anderswelt machen, eine alternative Wirklichkeit, die sich bei Cortázar aber nicht als fremd entpuppt, sondern nur einen unscheinbaren Hauch entfernt ist und oft in einem kleinen Schritt, mit einer Bemerkung, in den Text eintritt und alle Spielregeln ändert. Diese Verschiebung ist immer wieder großartig zu beobachten und vollzieht sich auf so unterschiedliche Arten und Weisen, dass sich die Überraschung und Bewunderung angesichts dieses Kniffs nicht abnutzt; die Gewänder und Pointen, Ausgangspunkte und Verläufe sind vielfältig, geistreich, teilweise würde ich nicht zögern sie als genial zu bezeichnen.

Die aus dem Quasi-Nachlass stammende Erzählung „Die Katzen“ (in dieser Edition übersetzt von Henriette Terpe und Frank Henseleit, allerdings zweisprachig abgedruckt) ist ein Text aus dem Jahr 1948, kurze Zeit bevor die ersten wichtigen Erzählungen publiziert wurden. In ihr wird man keinen Tropfen jener erzählerischen Magie nach Art der zweiten Komponente finden – es gibt keine phantastischen Elemente in dieser Erzählung. Dafür tritt der erste Aspekt noch stärker hervor und die typische Aufgeladenheit einer Cortázar-Erzählung wird hier allein über den Aspekt des Emotionalen erreicht (die ja in ihren Extremen auch etwas Phantastisches, Transzendentes hat).

Schauplatz ist das Haus einer argentinischen Familie in den 40er Jahren. Carlos María wächst zusammen mit seiner Cousine im Haus seiner Eltern auf; ihre Eltern sind tot, wobei die Geschichte ihrer Herkunft nicht ganz klar ist. Die beiden Kinder spielen Verstecken, Fangen und Cowboy und Indianer – letzteres ein Spiel, das Carlos María bevorzugt, weil er seine Cousine dabei an den Marterpfahl binden kann, wo sie ihm ausgeliefert ist.
Schon zu Anfang wird klar, dass „Die Katzen“ die Geschichte einer Obsession werden wird, eine starke Anziehung zwischen den Heranwachsenden im Mittelpunkt steht. Im weiteren Verlauf wird zunächst das Widerstreben behandelt, das die beiden in Bezug auf ihre Zuneigung zueinander an den Tag legen. Die Mutter hält sie, kaum sind sie dabei in die Pubertät einzutreten, möglichst fern voneinander – und bald gesellt sich auch ein neuer Verehrer der Cousine dazu …

„Die Katzen“ ist vordergründig eine Geschichte vom Erwachsenwerden, mit einen leichten Hauch von Tabu versehen, der dann und wann hervorblitzt. Vielmehr als um die verbotene Liebe zwischen den gemeinsam aufgewachsenen Kindern, geht es um die, als prekärem Einschnitt empfundene, allgemeine Aufwallung des Begehrens; jenen Wunsch sich mit jemandem zu balgen, spielerisch wie einst als Kind, aber mit einem unterschwellig-heftigen Drang, der auf irgendeine Art und Weise „weiter“ gehen will. Keusche Verehrung und rasender Nähe- und Besitzwunsch prallen aufeinander, zusätzlich verstrickt in die sozialen Konventionen und die sich täglich wandelnden Verhältnisse, sowie die unklaren Dimensionen, als die sich die Gefühle der anderen Menschen darbieten und die man nicht aufdecken kann, nur schwerfällig ausdeuten.

Diese emotionale Achterbahnfahrt, mit all ihren kleinen Momenten, Wendepunkten, Erschütterungen, fährt Cortázar in seiner Erzählung ab, zeichnet jede neue Facette gekonnt und unreißerisch nach. Man kann den beiden Übersetzer*innen und Nachwortschreibenden nur danken, dass sie diesen Text ausgewählt haben (sowie dem Lilienfeld Verlag, dass sie ihn publiziert haben), denn in ihm wird eine weitere Qualitätsfacette von Cortázars Werk greifbar. An alle daher die Empfehlung – lesen!