Tag Archives: Liebe

Zu Nico Feidens Gedichtband “Das Echo des Weines”


besprochen beim Signaturen-Magazin.de

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Zu Brautigans “Sombrero vom Himmel” über das Schlachtfeld der Liebe


Mit Langsamkeit und Zärtlichkeit und Bissigkeit, schildert Richard Brautigan in seinem Buch “Sombrero vom Himmel” den Abend eines von seiner japanischen Freundin verlassenen Schriftstellers. Er rekapituliert ihr Kennenlernen und ihre gemeinsame Zeit und die kleinsten profanen Details seiner Gedanken werden ausgebreitet: er stellt sich ihr langes, schwarzes Haar vor, hat Angst davor, dass sie bereits einen anderen hat, er hat Hunger, er denkt daran sich abzulenken und kann den Zustand des Trauerns um sie nicht verlassen.

Der zweite Erzählstrang beschreibt die Geschehnisse in einer Stadt in den USA (der Schriftsteller wollte dort eine Geschichte spielen lassen, dann zerriss er aber den Entwurf und warf ihn in den Papierkorb, doch die Papierschnipsel spinnen die Geschichte trotzdem fort), in der auf einmal wegen eines vom Himmel fallenden Sombreros zunächst Krawalle und dann Straßenkämpfe ausbrechen, bevor sich die Gewalt schließlich mit voller Härte gegen die anrückenden Nationalgarde und Armee richtet.

Das Nebeneinanderstellen der beiden Strenge – hier die Agonie, dort das blutrünstige Aufschaukeln – wirkt zunächst wie eine Verlegenheitslösung. Doch letztendlich spiegelt sich in diesem Wechsel, den krassen Gegensätzen, die Zerrissenheit der Liebe wieder. Sie zwingt einen in die Knie, in die Enge und doch fühlen die Verliebten das Unbändige, der Ruf der vom Schlachtfeld der Liebe herüberweht und kein Nein akzeptiert. Man will und will, kopflos und mutlos.

Sombrero vom Himmel ist ein traurig-schöner, ein seltsamer, ein leicht aberwitziger Roman.

Zu Mirko Bonnés “Lichter als der Tag”


“etwas kann nicht richtig daran sein, dass ich nicht mehr dort bin, wo ich selig war.”

Mirko Bonnès Buch beginnt mit Atmosphären, mit Momenten großer Besinnlichkeit. Mit einer Sprache, die eine poetische Aufladung des Stoffes zu forcieren scheint. Nach einer Weile bemerkte ich fasziniert, dass der Inhalt zwischen profanen und intensiven Momenten wechseln konnte, ohne, dass der Ton der Besinnlichkeit aus der Sprache wich. Als wären das Buch und sein Protagonist Raimund Merz gefangen in einem einzigen Motiv, schwer und fest und zugleich hell und seicht wie das Licht.

Der Inhalt ist von diesem Ton überzogen; er gibt dem Buch seinen eigenen Klang, seine eigene Ästhetik – hemmt dabei allerdings auch den Regungsraum der Figuren. Ich habe dreihundert Seiten gelesen, die auch so etwas wie eine Seelenanalyse sind, und mich dementsprechend viel mit dem Protagonisten Raimund Merz auseinandergesetzt. Doch kennengelernt habe ich ihn nicht. Ich bin mir nicht mal sicher, ob ich ihn je als Person begreifen konnte oder immer nur als Figur, die durch die Beschreibung zurechtgeschnitzt wird.

“Merz lächelte erschöpft. Er litt.”

Woran leidet dieser Raimund Merz? An der Aussichtslosigkeit des Erwachsenendaseins? Das ist eine Möglichkeit. An falschen Entscheidungen? Auch das ist eine Möglichkeit. Oder leidet er einfach nur so? Selbst das wäre ja zu verstehen.

Doch verstehen tue ich letztlich nur, dass Merz sich nach etwas sehnt, etwas, dass er einfach nicht angehen oder erreichen kann, obwohl er es will. Aber zum Kern seines Schmerzes durchstoßen tue ich nicht, nur zu allem, was um diesen Kern kreist. Merz wirkt wie ausgestellt, wie hinter Glas und ich bekomme von meinem Museumstour-Audio-Guide nur die ganze Zeit den immer gleichen Input zu ihm, seinen Gedanken und Eindrücken, aber diese Dinge legen ihn nicht frei, sie sollen nur seine Existenz nachweisen, so scheint es.

Und das macht mich nach einer Weile an manchen Stellen auch wütend, vor allem wenn Merz sich dämlich oder einfach haarsträubend aufführt – und in diesen Szenen trotzdem selten etwas aufbricht, alles nur stockt. Allerdings muss man dieser Stelle auch Respekt vor Bonné haben, dass er das durchzieht und seinen Protagonisten nimmt, wie er ist, wie er ihn angelegt hat, mit allen melancholischen Allüren. Das wirkt an manchen Stellen aber auch bequemlich und unausgegoren. Und so geht es mir wie Bruno, Merz Freund:

“Bruno stellte in den folgenden Tagen immer öfter fest, wie wenig er von seinem Freund wusste. Was Raimund in Paris vorhatte, war ihm schleierhaft.”

Es gibt viel in „Lichter als der Tag“, das man schnell schätzen lernt: die Sprache, ihre Klarheit und Gesetztheit. Die leichte Unerbittlichkeit. Die leichthändige Darstellung komplexerer Emotionszusammenhänge. Und doch hängt das alles in der Luft. Man bewegt sich durch das Buch und wartet auf den Zugang, den Moment, wo Bonné den Leser hineinziehen, hinzuziehen wird. Er kommt ganz am Schluss, aber auch da fand ich den Zugang nicht ganz.

Vielleicht ist das der falsche Ansatz, vielleicht sollte man stattdessen einfach die Geschichte und ihre Besinnlichkeit auf sich wirken lassen, einfach darin sein. Das fiel mir zugegebenermaßen schwer. Ich wollte den Berührungspunkt und den gab es nicht wirklich für mich. Was nicht heißt, dass „Lichter als der Tag“ ein misslungenes Buch ist. Es ist ein außerordentliches Portrait einer Entfremdung, die nicht nur Erhebung der Glücksmomente zurückfindet, sich verlaufen hat in einer Wirklichkeit, die ihr unwirklich erscheint und nur von wenigen besonderen Phänomenen durchzogen, so etwa dem Licht in der Bahnhofshalle oder den Bienen oder den Erinnerungen an bessere Zeiten, größere Gefühle.

“An einem gewöhnlichen frühen Donnerstagabend lief Raimund Merz über die Fleetufer vom Büro zum Hauptbahnhof, stellte sich für eine Viertelstunde auf einen stilleren Fernzugbahnsteig und überließ sich für eine Viertelstunde seinen Gedanken. Hierin lag sein Glück.”

Zu “Wie wir lieben: Von Ende der Monogamie” von Friedemann Karig


  Hinter der romantischen Liebe, diesem oft beschworenen Phänomen, steckt eine schöne und wahrhafige Idee, jedoch ist diese Idee durchaus problematisch (wie sehr oft angemerkt wird) weil sie erstens: nicht realistisch sei und zweitens: verklärende Wirkung haben kann, unsinnige Erwartungen und Hoffnungen mit sich bringt, Illusionen fabriziert. Ob die Liebe nun einfach eine Sache von Chemie ist oder ob sie etwas mit den Seelen in unserem Innersten zu tun hat (und ob es letztendlich im konkreten Fall wichtig ist, was die Liebe nun bedingt oder nicht, wenn sie da ist) könnte wohl nur abschließend geklärt werden, wenn die Menschheit sich kollektiv von transzendenten Vorstellungen oder von wissenschaftlichen Analysen verabschieden würde. Das wird in absehbarer Zeit nicht geschehen, denke ich. Ob Liebe also ein Holzweg ist, kann nicht so einfach geklärt werden. Aber wie steht es mit der Monogamie, mit den klassischen Beziehungstypen?

Die Monogamie kurzerhand für tot zu erklären ist schlicht unsinnig und so vorschnell wie Nietzsches Gottesmord (wenn auch vielleicht ähnlich erfolgreich). Allein schon deshalb, weil nicht für alle Menschen Sexualität eine zentrale oder überragende Rolle in ihrem Dasein einnimmt und somit das Argument der sexuellen Unzufriedenheit nicht zwangsläufig immer und überall ziehen muss. Ich erwähne diesen offensichtlichen Fakt nur, um klarzumachen, dass auch ein so ambitioniertes und streckenweise innovatives Buch wie dieses, sich letztlich an eine Zielgruppe richtet und nicht an die Menschheit im Allgemeinen. Gern wird in solchen Büchern von “uns Menschen” geredet, vom Menschen “an sich”. Ja, alle Menschen haben einen Körper, aber davon abgesehen könnte man die gesamte Menschheit niemals, nicht einmal biologisch, unter einen Hut bringen. Man kann sich eine Vorstellung von der Menschheit und der Welt auf sein eigenes Maß zurechtschneiden und gerade wenn man über so umfassende Themen wie Liebe und Geschlechtlichkeit schreibt, ist der Schritt von den gut ausgesuchten Beispielen zu den Vielen und schließlich zu Allen nicht sehr weit. Aber man sollte im Hinterkopf behalten, dass Sexualität, obwohl sie viele Menschen verbindet, doch eine individuelle Angelegenheit ist – wofür dieses Buch ja auch in Teilen wirbt (um dann allerdings wiederum vieles auf die Belange des Körpers zu reduzieren.)

Aber auch wenn die Monogamie nicht totgeredet werden kann, ist es ebenfalls nicht mehr möglich, über die Tatsache hinwegzusehen, dass in Gesellschaften mit emanzipierter Sexualität  die üblichen Beziehungsformen und -ideen oft als zu eng empfunden werden und nicht mehr als erstrebenswert gelten – und es vielleicht auch nicht sind. Das Recht am eigenen Körper sprengte zuerst die Ketten und nun die Grenzen von exklusivorientierten Partner*innenschaften. Sexuelle Treue, ein möglicherweise erst mit dem Sesshaftwerden der menschlichen Spezies wichtig gewordenes Konzept (zur Sicherstellung der klaren Erbfolge), wird derzeit an vielen Ecken und Enden infrage gestellt (und gilt oft als verklemmt und als unsexy; man sollte nie vergessen, dass wir hier auch über Trends reden.) In vielen Fällen überfordern diese propagierten Möglichkeiten natürlich auch.

In einigen Fallgeschichten und mehreren theoretischen Ausführungen, kreist Friedemann Karig seine Vorstellungen zu Partnerschaft, Lust, Freiheit, Beziehung und Erfüllung ein. Wie bereits an anderen Stellen richtig angemerkt wurde, vertritt Karig dabei vor allem die Position des Körpers: seine Bedürfnisse, seine Determinationen. Was nicht bedeutet, dass er ignorant oder unversiert vorgeht und argumentiert. Aber es ist richtig, dass er einen Fokus hat und einige wichtige Aspekte übergeht. Er argumentiert in eine Richtung und das ist auch nicht wirklich verwunderlich, denn wir haben es hier mit einem Plädoyer, mit einer Streitschrift zu tun, einer bestimmten Idee , die propagiert wird, und nicht mit einer differenzierten Studie. Und wenn man das Buch als Ausformung und Unterfütterung einer bestimmten Meinung liest, dürfte es vielleicht leichter fallen, nicht über die Lücken den Kopf zu schütteln, sondern sich auf die interessanten Fakten zu konzentrieren und sich auch in einigen Beispielen wiederzufinden.

Eigentlich könnte ja alles ganz einfach sein: freie Liebe unter allen und dennoch Partner*innen, die gemeinsam wohnen oder Kinder haben und jeder gönnt jedem sein Vergnügen, sein Glück. Ähnlich vernünftig könnte man für den Weltfrieden argumentieren: zerstört alle Waffen, arbeitet alle zusammen, gemeinsam errichten wir eine perfekte Welt für alle. Nicht verkehrt und bitte auch anzustreben, aber derzeit ebenso utopisch wie die Idee der vollkommenen, romantischen Liebe. Der Mensch ist nun mal ein Wesen, in dem auch Unsicherheiten vorhanden sind und in dem Dunkles wirkt, sowie Ängste und Narben und allerlei andere Einschränkungen. Wenn wir uns immer so begegnen könnten, wie Karig es vorschlägt, dann wäre die Abschaffung der Monogamie nicht das einzige Hurra. Es ist selbstverständlich wichtig, zu solchen Utopien den Weg zu weisen, Türen zu Vorstellungen zu öffnen und das gelingt Karig hier und da ganz wunderbar und schlüssig. Aber so mancher Philosoph hat die Welt so beschrieben wie sie sein sollte, nicht wie sie war; kein Manko, aber auch kein himmelschreiender Verdienst.

Viele Menschen in ihren 20ern gieren geradezu nach sexuellen Erfahrungen. Das hat biologische Ursachen, ebenso gesellschaftliche und Teile davon haben auch mit der Sexualisierung unserer Wahrnehmung zu tun; die aber natürlich nicht möglich wäre, wenn es nicht Anlagen in uns gäbe, die daran ein Interesse haben. “Kapital ist die neue Religion und Sex ist ein wichtiger Götze”, wie John Updike einmal schrieb; inwieweit unser Erleben und unsere Vorstellungen von Sexualität durch Werbung und Pornopgraphie und andere Dinge korrumpiert sind, ist schwer auszumachen. Auch wenn das nicht seine Absicht ist, schlägt Karig durchaus mit in diese Kerbe, wenn er die sexuelle Befreiung als körperliche Befreiung propagiert; optimiert euch!, so klingt der Ruf dann und wann. Oder: orientiert euch an den Wurzeln!, ein ebenso problematischer Schlachtruf. Mir ist klar, dass es ihm um ein Ideal geht; aber er trägt darin die problematischen Zeitgeisterscheinungen trotzdem mit.

Im Alter spielt für viele Menschen nachweislich Sicherheit und Verlässlichkeit und Gemeinschaft eine größere Rolle als sexuelle Abwechslung. Bei manchen früher, bei anderen später, bei manchen nie. Wie wir lieben: so wie wir glauben lieben zu müssen, wie wir gelernt haben zu lieben, wie wir lieben können? Dazwischen zu unterscheiden fällt schwer. Und das ist ja auch nur der derzeitige Stand. Inwieweit die Menschheit sich trotz Determination und Kulturpessimismus noch entwickeln kann, ist unklar, wir wissen nur, dass wir vermutlich nicht in der besten aller Welt leben. Aber wohin geht die Entwicklung? Friedemann Karig glaubt, einen Weg gefunden zu haben, der einen Hauch von Paradies verspricht.

Auf eine gewisse Art und Weise transportiert dieses Buch eine sehr romantisierte Vorstellung von heutigen Möglichkeiten in der Welt der Beziehungsmodelle. Aber es weist wichtige Alternativen aus, es zeigt Potentiale, es engagiert sich für einen offeneren Umgang mit dem Thema und zumindest letzteres ist ungemein wichtig und sei dem Buch hiermit hoch angerechnet. Denn auch wenn in diesem Buch nicht steht, wie alle lieben, müssen wir alle uns doch mehr darüber austauschen, wie wir lieben wollen, was das überhaupt heißt, wie es für den Einzelnen gehen kann. Zu diesem Dialog liefert das Buch einen teilweise provozierenden, teilweise fundierten, teilweise inspirierenden Beitrag.

Ein großartiges Buch: “Wenn ein Kind an einem Sommermorgen” von Roberto Cotroneo über die Liebe zur Literatur


Kann man einen Brief in Form eines Buches schreiben, um eine Lust zu erklären, nämlich die Lust des Lesens?

Ein Vater schreibt seinem Sohn einen Brief über die Liebe zur Literatur. Nicht die Liebe zum Lesen unzähliger Seiten, sondern zum Mysterium, zur Kraft, die in den Büchern steckt; er schreibt über die schiere Lust am Enträtseln und Verschlüsseln der Welt durch die Feinheiten der Erzähl- und Dichtkunst. Dieses Buch soll zeigen und zeigt es überdeutlich: Literatur ist nicht weltfremd, sie ist das Freilegen der Zentren, von denen das Leben zu uns fließt, in denen die Welt entsteht und die Übertragung der Ambivalenzen und Mehrdeutigkeiten in Reinschrift.

Anhand von vier Werken, Stevensons “Die Schatzinsel”, J. D. Salingers “Fänger im Roggen”, Gedichten von T.S. Eliot und Thomas Bernhards “Der Untergeher”, bewegt sich Cotroneo durch verschiedene Erweckungserlebnisse und Kosmen, die die Literatur erreichen und abbilden, aufzeigen kann. Zu Salingers wunderbarem Roman schreibt er zum Beispiel:

aber am Ende werden wir begreifen, dass dieses Buch nicht bloß die Geschichte eines Jungen ist, der gegen alle Regeln verstoßen will, sondern mehr: sondern die Geschichte eines Jungen, der, auf seine ironische Art, verloren in einer Welt voller Roggenfelder lebt, nahe an einem Abgrund, wo es jedoch nur wenige Fänger gibt. Es ist ein Buch über einen Heranwachsenden, der verzweifelt nach Großzügigkeit sucht, und es ist eine Streitschrift gegen den Egoismus, gegen eine unerträgliche Welt des Mittelmaßes, aufgemöbelt mit Großtuerei, mit einer Rhetorik, die dazu dient, Armseligkeiten aller Art zu bemänteln.

Cotroneo geht in die Tiefe und versteigt sich doch nicht; das Buch ist keine literaturwissenschaftliche, sondern eine homme de lettres-Schrift. “Wenn ein Kind an einem Sommermorgen” ist, ganz schlicht und einfach, ein großartiges Buch über die Reichhaltigkeit und den Sinn der Literatur, über das, was uns an ihr wirklich bewegen kann, worüber wir nur bei ihr Kenntnis erhalten können. Eine fesselnde und erweiternde Lektüre und eines der wenigen Bücher, die ich wahrscheinlich selbst in Phasen tiefster Verzweiflung oder Sinnlosigkeit lesen könnte; ein Rückzugsort wie es Salzwasser von Carles Simmons oder Per Anhalter durch die Galaxis von Douglas Adams sind.

Nun bin ich auch jemand, der zugegebenermaßen an derselben Verehrung für die Literatur leidet wie Cotroneo und auch regelmäßig an ihr genese. Ja, auch bin überzeugt davon,

dass die Literatur, der Traum, von dem wir in diesem Buch sprechen werden, nicht nur ein intellektuelles Spiel ist, sondern das einzige Mittel, die Welt zu verstehen, das einzige, sie durch die Brille der Mehrdeutigkeit zu sehen, die heute außer Gebrauch gekommen ist.

Uneingeschränkte Empfehlung!

Übermütig und schlitzohrig: Charles Simmons “Das Venus-Spiel”


“Ich habe eine Frage”, sagte ich. “Was ist der Unterschied zwischen Sex und Liebe?”
Sie versuchte, meine Zehen mit ihren Zehen zu packen.
“Wenn es Sex ist, schert es dich nicht, was der andere denkt. Bei der Liebe ist das anders. Du möchtest im Inneren des anderen sein. Was denkst du gerade, beispielsweise?”
(Zitat, Seite 46)

Das Venus-Spiel war das letzte Buch des Autors Charles Simmons, das mir noch fehlte. Geständnisse eines ungeübten Sünders las ich als erstes – ein kleiner Bruder vom Fänger im Roggen, der mich sehr begeisterte. Es folgte Salzwasser, sein Triumph, ein Meisterwerk. Sein Buch Belles Lettres über die Redaktion einer Literaturzeitschrift war für einen Literaturgeek wie mich natürlich ein gefundenes Fressen und ich bin bis heute ein bisschen verknallt in diesen kleinen, aber feinen Streich. Lebensfalten musste im Vergleich mit den Dreien fast zwangsläufig etwas zurückfallen, war aber formal eine spannendes Erlebnis.

Und nun also ein federleichter Roman über eine Sex-Droge. Aufgeführt von einem Figurenkabinett, heiter bis albern bis idiotisch. Wie war das mit der Liebe? Ah, stimmt: sie stößt an ihre Grenzen. Und wenn die Lust grenzenlos wäre, wär dann auch die Liebe ohne Ende? Doch so banal ist die zentrale Frage natürlich nicht, auch wenn es einem manchmal so vorkommt, als sollte tatsächlich über diese Frage sinniert werden. Venus-Spiel ist vor allem, und daran sollte man sich besser früh bei der Lektüre gewöhnen, eine Farce, ein Drama mit viel Setting, aber ohne Hintergrund, ähnlich den Komödien von Oscar Wilde, nicht ganz so scharfzüngig, dafür mit etwas mehr Aberwitz.

Eine Wunderdroge namens Venus soll getestet werden – allerdings ohne Genehmigung, unter der Hand, mithilfe eines Arztes und einiger unabhängiger “Spieler”. Ben, 28 Jahre alt, ist einer von ihnen – und, oh Wunder, sein erotisches Leben wird sofort noch ein bisschen interessanter, nachdem er die Pille geschluckt hat. Aber das Spiel und die Erwartungen der Firma sind undurchsichtig und seine frisch mithilfe der Droge begonnene Liebschaft droht ins Blickfeld der Pharma-Interessen zu geraten, derweil ihr gemeinsames, fröhliches, fast schon aristokratische Leben erblüht und skurrile Früchte trägt. Ben versucht mehr über die anderen Spieler herauszufinden und gleichzeitig seine Geliebte aus dem Umfeld von Venus herauszuhalten, doch langsam aber sicher wachsen im die Dinge und die Fähigkeiten seines neuen Körpers über den Kopf…

Die Formen der Liebe, die Formen der Unschuld, der Schemen der Lust – sie sind die Triebfedern hinter Simmons stets augenzwinkerndem, illustren Reigen. Manchmal kommt einem die ganze Geschichte doch ein bisschen zu sehr wie auf einem einzelnen Finger balanciert vor, dann greifen die Motive aber wieder ineinander oder scheinen ineinander zu greifen. Ton und Esprit des Textes sind dermaßen beschwingt, dass die Story durchaus auf einem Finger herumgewirbelt werden kann. Viele treffsichere Spitzen, wie nebenbei untergebracht, verstärken den Eindruck, es mit einem sehr findigen Werk zu tun zu haben, bei dem man stets auf die Zwischentöne hören sollte. Und doch wirkt alles auch wie Show. Man könnte meinen, das ganze Buch hänge irgendwie in der Luft.

Zur Top 3 wird auch “Das Venus-Spiel” nicht aufschließen können. Aber es fällt auch nicht besonders ab, weiß meist eher zu unterhalten, als zu erstaunen oder zu fesseln. Ein famoses, manchmal zu leichtes Werk.