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Kleine Prosa-Ode auf Zweigs “Schachnovelle”


Jedes Buch kann eine neue Liebe sein, meist eine, die begeistert, aber bald an Intensität verliert und vergessen wird. Doch manche werden zu alten Lieben – es sind die ganz besonderen Bücher, die Schätze, die vielleicht nicht mal einen Ehrenplatz im Regal haben, aber die wir immer wiederfinden, die wir nicht weggeben, bei denen wir immer genau wissen, wo sie stehen. Für mich ist die Schachnovelle so eine seltene alte Liebe. Und obwohl mir das Schachspiel mehr Bewunderung und Faszination als spieltiefentechnisches Begreifen abgewinnt, oder vielleicht gerade deswegen, würde dieses Buch in der Liste meiner liebsten Werke jederzeit auftauchen. Es ist bemerkenswert, schön geschrieben und gleichsam fesselnd, so gekonnt und doch so malerisch einfach. Ein Buch, das man immer wieder lesen kann, wie sonst nur ein heißgeliebtes Gedicht.

Es können oft die letzten Erzählungen eines Schriftstellers sein, die die einfachste und doch wunderbarste Seite seiner Erzählkunst enthüllen. So bei Hemingway (Der alte Mann und das Meer), Kipling (Genau-so Geschichten) und auch in gewissem Sinne bei Kafka (Der Bau) oder Albert Camus (Das Exil und das Reich). So auch bei Stefan Zweig, der viele großartige Erzählungen geschrieben hat (und auch einige schöne Gedichte: siehe Silberne Saiten) die dennoch alle nicht die Schachnovelle erreichen, in ihrer Schlichtheit und Eleganz, ihrer Konsequenz und ihrer symbolischen Geschichte.

Ungern möchte ich hier zu viel von der Handlung dieses Buches vorwegnehmen. Denn ihre Einzigartigkeit liegt auch in der Beschaffenheit des Erlebnisses, das man hat, wenn man die Geschichte zum ersten Mal lesen darf. Es sei aber gesagt, dass Zweig auf höchste eigene, fast schon innovative Weise die Nazidiktatur in sein Buch mit einbindet; jedoch spielt sie nur am Rande spielt eine Gastrolle. Denn eigentlich geht es um Schach und um die Faszination und die ambivalente Anschauung zu diesem Spiel – ist es System, ist es Schulung, Instinkt oder Mathematik? Doch werden darüber keine Reden geschwungen und psychologischen Vorträge geschwungen – Zweig geht direkt auf das Thema zu und lehnt seine meisterhafte Studie zweier Charaktere und ihrer Lebensgeschichten, die am Ende beide Schach als wichtige Komponente innehatten, daran an. Ein kluges Setting ermöglicht es ihm dabei, diese zwei völlig verschiedenen Menschen einander gegenüberzustellen – eingebunden in eine Geschichte, die wahrlich unvergesslich und in sich selbst, in ihrer Idee schon klassisch ist.

Stefan Zweig hat einige Erzählungen verfasst, die in ihrer Psychologie und ihrer beinahe nachzuempfindenden Schilderung und Erzählweise, oft großen Eindruck beim Leser hinterlassen. So die Novelle mit dem bezeichnenden Titel Angst oder natürlich eine der besten Geschichten über die Schwelle zwischen Kindheit und Jugend, zwischen Unschuld und Unwissen, Brennendes Geheimnis. Doch obwohl diese Texte Erkenntnis- und Verständnisblitze durch die Adern des Lesers jagen, sind sie doch nichts im Vergleich zu den beiden unsterblichen Geschichten, die Zweig uns mit Brief einer Unbekannten und diesem Buch geschenkt hat. Klar, wir wollen erfahren werden, lernen und reflektieren, aber eins wollen wir noch mehr: Geschichten lesen. Und so eine ist dieses Buch. Einfach eine runde, vollendete Erzählung – eine Geschichte, wie sie nur im Buche steht. Wie sie erfunden wurde, um gelesen zu werden.

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*Diese Rezension ist in Teilen bereits auf Amazon.de erschienen