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Zu der Anthologie “Sagte sie – 17 Erzählungen über Sex und Macht”, erschienen bei Hanser Berlin


Sagte Sie „(auch habe mich bei der Körperpflege, beim Schminken, Sportmachen und Rasieren schon häufiger mit schlechtem Gewissen gefragt, für wen ich das eigentlich tue, wenn nicht für die Männer beziehungsweise in diesem konkreten Fall C., und bin zu dem Schluss gekommen, dass mein Wille und ihrer nicht mehr trennbar sind, das heißt: Sie würden mir das gleiche Kleid aussuchen wie ich.“
(Antonia Baum)

Eine Frau beginnt zu sprechen, an ein Publikum gerichtet, gleichsam als würde sie in einem Raum, der halb Bühne, halb Gerichtssaal ist, ihren Fall vortragen. Sie spricht von ihren Zweifeln, davon wie sie selbst nicht ganz genau weiß, wie sich abgrenzen soll von der Art, wie sie gesehen wird, wie sie gesehen werden will (und wie sich das beides bedingt), dass sie sich schuldig fühlt und nicht weiß, inwieweit sie das sollte, erzählt wie sie wieder und wieder als Frau in soziale Konventionen verstrickt wird, die sie oft als unangenehm, manchmal aber auch als angenehm empfindet. Das alles breitet sie aus, aber eigentlich will sie von einem Erlebnis mit einem Arbeitskollegen erzählen; einem netten Typen, der aber dann im Taxi übergriffig wird.

Schon in dieser ersten Erzählung von Antonia Baum zeigt sich die Ambivalenz, die dieser Band und seine Thematik aushalten müssen und der in den Erzählungen, wie ich finde, letztlich über weite Strecken vielschichtig und gut Ausdruck verliehen wird. „Setzen sie sich!“ ist als Einstiegstext die perfekte Wahl, denn er erzählt einerseits eine ziemlich klare Geschichte, ist aber andererseits in seiner ganzen Inszenierung facettenreich, inkludiert viele weitere Aspekte.

Baums namenlose Frau muss sich nicht nur Zwischenrufe aus dem Publikum gefallen lassen, der ganze Rahmen, in dem sie ihr Erlebnis schildert, bildet wiederum einen Aspekt der Problematik ab: wenn sie davon sprechen will, muss sie sich ausstellen, sie muss es sich gefallen lassen, beurteilt zu werden (entweder als Opfer oder als Mittäterin, was sie natürlich beides nicht sein will) sie muss sich rechtfertigen, sich erklären. Sie findet keine Position, in der sie wirklich über sich und das Geschehene reden kann, umringt von einem Wust aus Details und Überlegungen, die sich in für und wider aufteilen, als ginge es nur darum, ob das Urteil zu ihren Gunsten ausfällt – und nicht um das Verstehen ihrer schwierigen Position, um ihre Gefühle und deren Verletzung; um sie als menschliches Wesen, nicht als Fall.

Die folgenden Erzählungen von Anna Prizkau und Julia Wolf weiten das Thema „Sex und Macht“ auf ihre Weise aus. In Prizkaus „Boss“ ist der Job der Mutter an die Bedingung geknüpft, dass sie etwas mit ihrem Chef hat. Julia Wolfs Erzählung „Dickicht“ ist einer der eigenwilligsten Texte des Bandes, stark fokussiert auf die Eigenständigkeit des Narrativ. Er arbeitet auf verschiedenen Ebenen mit den Motiven Angst und Verletzlichkeit, ohne sich klar zu positionieren, bleibt ausdeutbar.

Anett Gröschners „Maria im Schnee“ ist dagegen die knappe, schonungslose Schilderung einer Vergewaltigung. Die namenlose Frau wird von diesem Gewaltakt wie in zwei gerissen – der betrunkene Vergewaltiger glaubt in ihr eine andere Person zu erkennen, eine Maria. So erleidet sie die Vergewaltigung zweifach: in den eigenen Schmerzen und Gefühlen und in der Taten- und Hilflosigkeit der Betrachterin gefangen. Sie ist das Opfer, aber auch Maria ist das Opfer. Maria und alle anderen Frauen, von denen Männer glauben, sie würden gerne oder willig ihrem sexuellen Verlangen Abhilfe schaffen (sie wären dazu da) und man könnte das einfach jederzeit von ihnen erwarten, verlangen, fordern. Gröschner schildert den Vergewaltiger als verstörten Mann, als Individuum, das fast schon Erbarmen weckt; aber sie zeigt im selben Moment: auch hilflose Gesten können Gesten der Gewalt sein. Es gibt in den gesammelten Essays von Magret Atwood eine Stelle, wo es heißt:

»Wieso fühlen sich Männer von Frauen bedroht«, habe ich unlängst einen Freund von mir gefragt […] »Ich meine, Männer sind doch größer«, sagte ich, »meistens jedenfalls, können schneller laufen, besser würgen, und im Schnitt haben sie auch viel mehr Macht und mehr Geld.« »Sie haben Angst, dass die Frauen sie auslachen«, sagte er. »Ihre Weltsicht belächeln.« Und dann fragte ich in einem improvisierten Lyrikseminar ein paar Studentinnen: »Wieso fühlen sich Frauen von Männern bedroht?« »Sie haben Angst, dass sie umgebracht werden«, hieß es lapidar.

Und diese Angst vor männlicher Gewalt ist leider alles andere als unbegründet; alle Zahlen belegen, dass Männer sehr viel gewalttätiger als Frauen sind (nicht nur gegen Frauen) und ihre Motive ändern nichts daran, dass es Gewaltakte sind.

Der folgende Text von Annika Reich, „Der Fleck“, besticht durch seine Bilder, durch seine Art, sich an Dinge heranzutasten. Die Protagonistin ist mit ihrer Mutter in China und erlebt dort eine ungewohnt asexualisierte Atmosphäre. Diese Abwesenheit bringt ihre Protagonistin zum Nachdenken. Vor allem denkt sie darüber nach, was die sexualisierte Atmosphäre zu Hause mit ihr macht/gemacht hat:

Ich hatte keine fremde Hand mehr am Arsch. Keine Hand mehr am Arsch, keine am Busen, keine an der Hüfte, der Taille, dem Nacken. Die fremden Hände waren von mir abgefallen wie Gipsabdrücke, die abgetrocknet keinen Halt mehr fanden, keinen Halt und vielleicht auch keinen Gefallen mehr an mir. […] Mein Körper, hin- und hergerissen zwischen einer hingebungsvollen und einer straffen Beziehung zu sich selbst, meist gleichzeitig weich und verspannt, hatte sich im Hohlraum dieser Griffe geformt.

Außerdem gibt es da noch ein totgeschwiegenes Familiengeheimnis, über das Reichs Protagonistin endlich mit ihrer Mutter reden will. Die ganze Konstellation, zusammen mit den introspektiven Einschüben, breitet eine Palette von Themen aus: das früher vorherrschende (und bis heute angewandte) fast schon chronische Verschweigen oder Kleinreden von sexuellen Übergriffen in der Familie; die in der Gesellschaft immer noch präsente Vorstellung, eine Frau sei nichts ohne einen Mann ganz gleich, ob sie nun glücklich ist oder nicht; das Flirten als Erwartung, als Pflicht geradezu, als Aufmerksamkeitsvoraussetzung, und anderes.

In der Beziehung Mutter und Tochter wird der Generationenkonflikt – die alten Muster auf der einen, die langsam sich durchsetzenden Überzeugungen auf der anderen Seite – verhandelt, aber auch das generationsübergreifende Verständnis füreinander, weil die Erfahrungen trotzdem oft dieselben sind.

Einen spannenden Text hat auch Margarita Iov geschrieben: „Das Wasser des Flusses Lot“, eine Geschichte, irgendwo zwischen Parabel und feingesponnener Erzählung liegend, die ich bereits dreimal gelesen und noch immer nicht ganz durchdrungen habe. Sehr lesenswert, ich wünschte, ich könnte mehr dazu sagen, traue mir aber eine Analyse nicht zu. Anja Kümmel ist in ihrer Besprechung beim Onlinemedium Fixpoetry sehr gut auf diese Erzählung eingegangen.

Ich gebe zu, dass mich die nächsten beiden Texte – Anna Katharina Hahns „Drei Mädchen“ und Helene Hegemanns „The day I fucked her husband at the lake“ – etwas ratlos zurückgelassen haben. Ich kann sie im Kontext verorten, aber ihre Dynamiken verblüffen mich.

Hahn dreht den Spieß quasi um und schildert eine Kinderhortszene, in der die Mädchen als die stärkeren Personen auftreten, die Jungen dominieren und vielleicht auch ein wenig tyrannisieren. Ohne Zweifel ein spannender Beitrag, der auch die unbequeme Frage nach der generellen Problematik von Machtverhältnissen und ihrem natürlichen Zustandekommen aufwirft.

Hegemann wiederum erzählt eine Geschichte von einigen Aussteigern, die – halb Hippies, halb Millennials – am Meer in Kanada leben, ohne Strom, fließend Wasser – und ohne Sorgen. Hegemann verhandelt zwar gut die Themen Anziehung und Begehren (deren Individualität), und wie Rollenbilder, Besitzverhältnisse, etc. Einfluss darauf haben, trotzdem kommt ihr Text ein bisschen aus dem Nichts und verschwindet dort auch wieder, hat irgendwie keinen wirklichen Dreh- und Angelpunkt. Möglicherweise ist das aber auch ein Feature und kein Fehler.

Anke Stellings Text „Raus“ schildert die langsame Entfremdung der Ich-Erzählerin von einer befreundeten Dichterin, die von ihrem Mann tyrannisiert und nach allen Regeln der Kunst untergekriegt und abgeschottet wird, ohne, dass sie sich dazu in der Lage sieht, etwas dagegen zu unternehmen. Einer der geradlinigsten Texte, einer der psychologischsten.

Nora Gomringer entfaltet in ihren Monologen „aus dem dazwischen“ ein Kaleidoskop von Ansichten und Erlebnissen, angefangen beim noch nicht in die Pubertät eingetretenen Mädchen, das einen Übergriff durch einen Typen im Schwimmbad erlebt und beschließt, möglichst unauffällig, möglichst unattraktiv zu werden, um nicht mehr in Gefahr zu sein (denn nur als solche nimmt sie Begehren nun wahr: als Gefahr) bis zu einem Mann, der darüber klagt, dass er nicht mit allen Arschlöchern in einen Topf geworfen werden will, nur weil er einen Penis hat, den er schön findet, ebenso wie er Frauen schön findet und begehrt, während er damit hadert, dass sein Begehren auch als etwas Unerwünschtes wahrgenommen werden kann, als eine Zumutung.

Jackie Thomaes Beitrag „Unsexyland“, in einer nahen Zukunft spielend, überzeugt vor allem als klassische Narration, enthält eine der besten szenischen Schilderungen und zeichnet, ähnlich wie der Text von Hegemann, sehr gut Begehrensstrukturen nach, ihr Durchhaltevermögen, gleichsam ihre Irrationalität und ihre Fragilität.

Ein bisschen enttäuscht war ich von Margarete Stokowskis „Zurück“. Als großer Fan von „untenrum frei“ und der dort vorherrschenden, gelungenen Verquickung von Erlebnisbericht und essayistischer Ausformung, erscheint mir dieses Prosastück etwas blass, die Figurenkonstellation etwas zu gewollt. Vielleicht ist es eine wahre Geschichte – wenn sie fiktiv ist, wirkt das Nebeneinander zweier Thematiken (Obdachlosigkeit und sexueller Missbrauch – wohlgemerkt: nebeneinander, nicht in einer Figur zusammengelegt), etwas überinstrumentiert. Möglicherweise tue ich der Erzählung Unrecht – und mir ist klar, dass es problematisch ist, zu einem Text mit dieser Thematik einfach Geschmacksurteile abzugeben. Möglicherweise habe ich die Idee hinter dieser Zusammenführung nicht ganz verstanden.

Kristine Bilkaus „Die kurze Zeit der magischen Logik“ fängt einen weiteren Aspekt der Thematik Geschlecht und Macht ein. In ihrer Geschichte erlebt eine Mutter, wie ihre Tochter beim Spielen von zwei Jungen geärgert wird, ohne, dass die Jungen dafür von dem befreundeten Elternpaar wirklich gemaßregelt werden – am Ende ist es ihre Tochter, die sich bei den Jungen entschuldigt, weil sie wieder mitspielen will.

Am Ende noch zwei Highlights. Zum einen Mercedes Lauensteins Dialogtext „Die Wahrheit“, der die Lesenden auf ambivalente, mitunter durchaus amüsante, dann wieder ernste Weise mit Erwartungsstrukturen konfrontiert, wie vor allem Frauen sie ständig durchlaufen müssen, durch sie hindurchgeschleust werden. Und ständig in der Lage sind, reagieren zu müssen.

Fatma Aydemirs Text „Ein Zimmer am Flughafen“, mit dem der Band schließt, berichtet wiederum von einem Übergriff und wie eine Frau diesen Übergriff jemand anderem anvertraut. Die andere Person kennt den Übeltäter: es ist sein Schwager. Er will sie zu einer Aussage überreden, damit seine Schwester den Mann verlassen kann. Sie leugnet alles, zieht sich zurück. Im Licht dieser Erzählung wird noch einmal deutlich, was ein Übergriff mit einer Person macht, wie Machtausübung auch abseits des tatsächlichen Aktes geschieht, wie toxisch sie ist und wie viele Spuren von ihr zurückbleiben.

„Sagte Sie“ ist nicht nur ein Buch über sexuelle Gewalt, aber in jedem Text werden Gefälle sichtbar, zeigt sich die Schmalheit der Schwellen, an denen sich Begehren in Übergriffigkeit, Reiz in Gewalt, Interesse in Machtausübung verwandelt. Es erzählt, anschaulich und vielschichtig, und in seinen Erzählungen wird deutlich und ersichtlich, wie sehr menschliches Zusammenleben von den Auswüchsen der Problematik „Sex und Macht“ überzogen, umrankt, teilweise überwuchert wird; nicht in jedem Fall, aber oft genug.

Deswegen ist der Band lesenswert, sollte gelesen werden: als Auseinandersetzung, die viele Dimensionen abdeckt, die schildert, die den wichtigen Klartext mit wichtigen Zwischentönen versieht (ohne den Klartext damit zu untergraben). Das Buch sucht den Dialog und stellt gleichzeitig die Dinge dar, schlicht und direkt. Ich habe viel Eindrückliches mitgenommen und gleichsam viele Denkanstöße.

Zu Roberto Bolaños frühem Roman(fragment) “Der Geist der Science-Fiction”


Der Geist der Science-Fiction Robert Bolaños Ruhm, der ja posthum kam und mit „2666“ und „Die wilden Detektive“ seinen Höhepunkt erreichte, drohte, in meinen Augen, etwas unter der Veröffentlichungswut zu leiden, die in den darauffolgenden Jahren einsetzte und auch noch die frühsten Erzählungen, Romanfragmente, etc. hervorkramte. Anfangs war Großartiges darunter, aber speziell die letzten beiden Veröffentlichungen – die Erzählungen in „Mörderische Huren“ und das Romanfragment „Die Nöte des wahren Polizisten“ – waren, obgleich interessant, qualitativ eher ein Abstieg.

Natürlich ist es auf der anderen Seite toll, dass die Verlage Hanser und S. Fischer sich bemühen, eine lückenlose Ausgabe von Bolaños Werken auf Deutsch anzubieten – im Zuge dessen sind, wie gesagt, auch viele meisterliche Arbeiten wiederaufgelegt worden oder dies wird noch geschehen (so werden beispielsweise auch die großartigen Erzählungen in dem Band „Telefongespräche“ im nächsten Jahr bei S. Fischer neu aufgelegt).
Ich verstehe es ja: Bolaño-Fans wollen natürlich auch noch die letzte Zeile ihres Idols lesen und die Verlage liefern selbstverständlich. Aber es darf wohl die Frage gestellt werden: inwieweit sollte beim Veröffentlichen die Veränderung mitbedacht werden, die jede zusätzliche Publikation am Bild des Werkes und seines Autors vornimmt?

„Der Geist der Science-Fiction“ ist ein früher Roman (und wirkt sehr wie ein Fragment), der aber, laut Angabe im Buch, erst 2016 im Original veröffentlicht wurde. Bolaño arbeitete 1984 daran und verwendete einige Teile wohl für das 1993 erschienene „Fragmentos de la universidad desconocida“.
Der Roman spielt in den 70er Jahren in Mexiko-Stadt und besteht im Wesentlichen aus drei Strängen, die sich abwechseln. Zwei dieser Stränge sind verknüpft mit den beiden jungen Männern Remo und Jan, die sich ein Zimmer in der Metropole teilen. Während Remo versucht, Anschluss an die literarischen Institutionen zu bekommen und für verschiedene Magazine Artikel schreibt, liest Jan hauptsächlich nordamerikanische und europäische Science-Fiction-Romane und schreibt Briefe an die Autor*innen, in denen er sie, mit etwas wirren Erläuterungen und Abschweifungen, dazu anleiten will, sich für die Länder der Dritten Welt einzusetzen, ein Komitee für diese Angelegenheit zu bilden.

Die Briefe sind ein Strang, die Geschichte von Remos Erkundungen, die über ein paar Umwege in eine Liebesgeschichte münden, der andere. Der dritte Strang ist das Interview/Gespräch eines unbekannten jungen Science-Fiction-Autors, der anscheinend gerade einen bedeutenden Preis gewonnen hat, und einer ebenfalls unbekannten fragenden Instanz/Person.
Dieser dritte Teil fällt ziemlich heraus, bleibt bis zum Ende für sich und wirkt ein wenig deplatziert. Auch die Briefe sind, obgleich sie für sich genommen ein interessantes Narrativ darstellen, nur sehr lose mit der Haupthandlung verbunden und Jan tritt in ihnen ganz anders auf als in den Abschnitten mit Remo. Bis zum Ende greifen die Stränge nicht wirklich ineinander, das Konzept dahinter (wenn es denn eines gibt) geht für mich nicht auf.

Bewährte Motive Bolaños tauchen natürlich auch in „Der Geist der Science-Fiction“ auf: Nazis, leise Phantastik, Boheme, Vagabuntentum und Außenseiterphantasien, literarische Anspielungen und Referenzen in Hülle und Fülle. Immer wieder gibt es Passagen mit großartigen Einzelbeschreibungen, die eindringlich sind, Spaß machen.
Aber das alles kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass dieses Buch kein fertiger Roman, sondern ein liegengelassenes Projekt ist. Es sollte nicht als abgeschlossener Roman verkauft oder gelesen werden.

Spannend ist sicherlich, wie man in diesem Buch Bolaño bei Fingerübungen zusehen kann und wie stark hier teilweise, vor allem in den Briefen, nicht nur seine gewohnt satirische, sondern auch seine kritische Ader zum Vorschein kommt. Die Science-Fiction wird zum Sinnbild für die Utopie, zur Metapher für das Neu- und Besserdenken der Welt, der Verhältnisse. In der Hoffnung, welche Jan in seine Briefe an die Autor*innen legt, setzt Bolaño ein altes Dilemma, die Diskrepanz zwischen literarischer Vision und tatsächlichem Engagement, innovativ in Szene. Die Briefe sind somit Kabinettstücke mit einem gut gezimmerten doppelten Boden.

Lässt man die Einschränkungen (von denen aber jeder Kenntnis haben sollte, bevor er zu dem Buch greift) beiseite, ist diese frühe Prosa durchaus lesenswert. Ich mag, wie sich die Liebesgeschichte entfaltet. Die Beschreibung der Annäherung zwischen Remo und einer Frau namens Laura, erinnert an ein paar Glanzstücke von Bolaño Erzähltalent, seine Sprache wirkt auch in diesem frühen Werk nicht ungeschliffen, sondern schon sehr präzise; vielleicht sogar ein bisschen weniger verkopft und verstiegen als in den späteren, furioseren Werken.
Mit dem Interview konnte ich nicht viel anfangen und ich glaube, hier wären ein paar Backgroundinformationen wichtig oder interessant gewesen.

Überhaupt: es gibt zwar einen Abschnitt mit einigen schönen Originalnotizen aus der Entstehungszeit des Buches, aber keinen Anhang, kein Nachwort (allerdings ein kurzes Vorwort). Gerade wenn man ein Werk wie das von Bolaño zur Gänze herausgibt, sollte man editorisch ein bisschen mehr tun, ein bisschen mehr Beiwerk liefern. Und sei es nur ein Essay oder eine kleine Zusammenfassung, die vielleicht schon an anderer Stelle zu diesem Projekt oder dieser Zeit in Bolaños Leben veröffentlicht wurde. Fakt ist: Meine anfangs geäußerten Bedenken zur Veröffentlichungspolitik kann dieses Buch nicht zur Gänze eliminieren, aber es zerstreut sie erfolgreich. Mehr Bolaño bitte! Mehr Original und ein bisschen mehr Sekundäres.

 

Zu den Essays von Fritz J. Raddatz in “Schreiben heißt, sein Herz waschen”


Schreiben heißt sein Herz waschen Er schied die Geister und an ihm schieden sie sich. Fritz J. Raddatz war einer der beharrlichsten Kritiker und Rezensenten, Feuilletonisten und Essayisten der Bundesrepublik, ein Lauttöner und Feinsinniger, ein Dauerläufer des Kulturellen & rasanter Stilist – und gleichsam einer, der ehrfürchtig vor den Werken verharrt, in denen eine Authentizität und Wahrhaftigkeit aufleuchtet, die (nach seiner Ansicht) gerade aus dem Grundzwist des künstlerischen Arbeitens – der Differenz zwischen Werk und Leben, Meinung und Ästhetik, Handlung und Darstellung – entsteht und nicht aus irgendeiner Auflösung dieses Zwistes, einem Ausweichen oder Verhüllen des Dilemmas.

In diesem Band wurden (anlässlich von Raddatz 75. Geburtstag) einige seiner besten essayistischen Texte gesammelt. Am Anfang stehen zwei große Panoramen, von denen das erste sich mit der Frage nach der Verbindungen und Verflechtungen zwischen den Ideologien des 20. Jahrhunderts und den Akteur*innen der Literatur dieser Zeiten auseinandersetzt. Es ist keine große Abrechnung, sondern wirklich eine „Schau“, in die zahllose Klarstellungen und Einsprüche, Bloßstellungen und Zweifel eingeflochten sind und die wie eine Havarie von einem Schauplatz zum nächsten rollt, entziffernd, anklagend, aufdröselnd, unterscheidend.

Der zweite Text (der Band erschien 2006) setzt sich mit der Frage auseinander, warum es noch immer die Literat*innen älteren Kalibers sind, die in der Öffentlichkeit den Ton angeben und deren Bücher als stilprägend gelten. Raddatz führt aus (und sein Essay ist beides: eine Geschmacksdarlegung und dennoch in Teilen eine gute Analyse zeitgenössischer Literatur), dass dies mit dem existenziellen Gehalt der Bücher zu tun hat, der bei den älteren Schriftsteller*innen gegeben ist, bei der jüngeren Pop- und Verkaufsschlager- und Ich-Literatur nicht.
Eine steile These, die einige Werke jüngerer Autor*innen sofort widerlegen könnten, allerdings nur im Einzelnen – insgesamt verfehlt Raddatz Kritik die Gegenwart nicht so weit, wie es einem das Augenrollen und die desinteressierten, abschlägigen Handbewegungen vieler Leute glauben machen wollen. Es gibt eine Krise des Existenziellen in der Literatur, wie auch in der Gesellschaft, die sich auf ungute Weise zu entladen beginnt. Auch die Bücher mit den besten Stilen und den schönsten Geschichten sind aufgrund dieser Krise zur Bedeutungslosigkeit verdammt (selbst wenn sie massenhaft gelesen werden).

Dann folgen noch einige, teilweise grandiose, Porträts zu Literat*innen wie Thomas Mann, Christa Wolf, Robert Musil, Walter Kempowski, u.a.
Vor allem die Texte zu Musil und Mann (bei beiden geht es vorrangig um ihre Tagebücher und die daraus destillierte Selbstwahrnehmung und Positionierung gegenüber der Welt) sind sehr empfehlenswert. Der Christa Wolf-Text ist eine Lehrstunde in politsicher Dialektik und die Kempowski-Arbeit eine wunderbare Lobeshymne, die die ganze Kraft und das Darstellungsgenie von Kempowskis Echolot und seinen anderen Werken darlegt.

Die Texte haben schon einige Jahre auf dem Buckel; viele Ausschläge darin sind eher Anekdotenhappen und nicht unbedingt relevant für den literarischen Diskurs. Aber der Kern von Raddatz Kritik, Elan und Verve ist es umso mehr. Denn sein Beharren auf der existenziellen, differenziert zu betrachtenden Komponente der Kunst und ihrer Verschlingung mit dem Leben, der Politik, der Zeit, findet sich heute viel zu selten. In dem Maß, in dem sich die Politik gleichsam radikalisiert und banalisiert, beginnt auch die Kunst sich zu radikalisieren und gleichsam zu banalisieren. Nicht als Ganzes, nicht in jedem einzelnen Werk, das widerständig sein mag – aber doch stetig, fast scheint es: unaufhaltsam.

Raddatz ist nicht das Gegengift zu dieser Entwicklung – die vielleicht produktiver und wichtiger ist oder ausgehen wird, als ich befürchte. Aber seine Ideen und Hinweise reißen klare Wunden dort, wo sonst klammheimlich Entzündungen schwelen oder die Zellen schweigend verfallen würden. Er prescht in manches Thema zu ungestüm hinein, aber er hat immer wieder einen feinen Blick für das Wesentliche – und der ist niemals verkehrt!

Zu den Essays und Kritiken zur frz. Literatur in Hanns Grössels “Im Labyrinth der Welt”.


Im Labyrinth der Welt Die meisten werden Hanns Grössel als Übersetzer kennen, vor allem als Übersetzer der Werke des schwedischen Nobelpreisträgers Tomas Tranströmer; sehr verdient machte er sich, auf dem Gebiet der Übersetzungen, auch noch um Inger Christensen und Raymond Roussel. Neben dieser Übersetzungs-Tätigkeit hat er auch in zahlreichen Artikeln und Essays die Klassiker und Neuerscheinungen der französischen und skandinavischen Literatur besprochen. Er verstarb 2012. „Im Labyrinth der Welt“ versammelt die Texte zur frz. Literatur, ein Band mit Texten zur skandinavischen Literatur folgt im September 2018, ebenfalls beim Lilienfeld Verlag.

Für mich war schon dieser Band eine hellleuchtende Freude. Nicht nur, weil hier einige Autor*innen besprochen werden, zu denen man sonst wenige Besprechungen und essayistische Texte in die Finger bekommt (wie etwa Georges Perec, Michel Leiris, Marguerite Yourcenar oder Raymond Queneau), sondern auch weil mir Grössels Art zu Rezensieren sofort sympathisch war. Er liefert genau jenen Mix aus Hintergrundinformation und Aspektaufgreifen, der einen Sekundärtext anregend macht und ansatzweise eine Vorstellung des Leseerlebnisses transportiert, eine Idee von dem Kosmos vermittelt, in dem sich diese Literatur bewegt.

Viele der Texte sind Rezensionen und meist nicht länger als 3-5 Seiten. Es gibt aber auch einige umfangreichere Texte, von denen der stärkste wohl ein längerer Essay zu der Person und dem Werk von Louis-Ferdinand Céline ist, einem bis heute ja sehr umstrittenen Autor, auf den man gut Marcel Reich-Ranickis Satz über Ernst Jünger („Dass der Mann schreiben kann, macht die Sache nicht einfacher“) anwenden könnte – vielleicht trifft er auf Céline sogar mehr zu, denn auf Jünger. Grössel gelingt es in seinem Text, die Problematiken von Célines Person aufzugreifen und in allen Facetten abzubilden – und trotzdem eine Faszination für das Werk und den Autor zu wecken.

Neben Iris Radischs jüngst erschienenem Buch („Warum die Franzosen so gute Bücher schreiben“) über die Bücher und Autor*innen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhundert, ist dies hier sicherlich die beste Sammlung mit Texten zur französischen Literatur. Die beiden Bücher ergänzen sich sogar fabelhaft, denn wo Grössel ein Auge für die Außenseiter*innen hat, die Spezialist*innen (und außerdem bereist das 19. Jahrhundert mitabdeckt), hat Radisch eher die akkreditierten Literat*innen porträtiert.

Ich kann diese Sammlung zur jedem ans Herz legen, der sich mit den vielen Gesichtern der frz. Avantgarde und den Entwicklungen der französischen Literatur auseinandersetzen will. Es sind natürlich Streiflichter, die hier geboten werden, keine formvollendete Literaturgeschichte. Aber das Labyrinth der Welt lässt sich wohl auch schwerlich als Ganzes abbilden.

 

Zu W. G. Sebalds “Luftkrieg und Literatur”


Luftkrieg und Literatur Wie gehen größere Gesellschaften mit Traumata um? Kann eine Gemeinschaft aus einer Vergangenheit lernen, muss sie sich mit ihr beschäftigen oder ist es besser, diese Vergangenheit zu vergessen, damit sie die Zukunft nicht überschattet? (Aber verschwindet Vergessenes wirklich – und wenn es tatsächlich verschwindet, bleibt wohl dennoch eine Lücke, die nicht verschwindet, oder?)

Mit diesen Fragen hat sich u.a. Kazuo Ishiguro in seinem jüngsten Roman „The buried giant“ auseinandergesetzt, allerdings gekleidet in ein von phantastischen und mythischen Metaphern durchzogenes Gewand und vor dem Hintergrund einer Epoche Großbritanniens, die wenig erforscht ist. Dennoch ist es ein starkes Werk, welches Fragen nach der Notwendigkeit des Erinnerns und Vergessens im großen Stil aufwirft.
W. G. Sebalds Buch „Luftkrieg und Literatur“ schlägt da in eine durchaus kleinere, handfestere Kerbe und stellt die Frage auch nicht bedächtig, sondern durchaus bohrend.

„Die Frage, ob und wie der von Gruppierungen innerhalb der Royal Air Force seit 1940 befürwortete und ab Februar 1942 unter Aufbietung eines ungeheuren Volumens personeller und wehrwirtschaftlicher Ressourcen in die Praxis umgesetzte Plan eines uneingeschränkten Bombenkrieges strategisch oder moralisch zu rechtfertigen war, ist in den Jahrzehnten nach 1945 in Deutschland, soviel ich weiß, nie Gegenstand einer öffentlichen Debatte geworden“

Sebald führt in seiner Schrift aus, dass natürlich auf der Hand liegt, wieso dies nicht geschah: weil eine Bevölkerung, die in großen Teilen ein Regime gestützt hatte, das mörderische Kriege in viele Länder Europas trug und noch mörderischere Lager errichtete, um jüdische Menschen und Mitglieder viele anderer stigmatisierter Menschengruppen zu ermorden, keine Rechenschaft verlangen konnte von den Ländern, die gegen dieses Land gekämpft und dazu u.a. auch großangelegte Bombardements aus der Luft genutzt hatten.

Im Folgenden ist es auch nicht die deutsche Bevölkerung, die Sebald bei diesem Thema in die Mangel nimmt, sondern die deutschen Autor*innen der Nachkriegszeit, in deren Werken zwar Krieg und Entbehrung, Mord und NS-Terror eine Rolle spielen, nicht jedoch der Bombenkrieg gegen deutsche Städte. Was tatsächlich verwunderlich ist, denn immerhin hatte dieser Bombenkrieg in den Jahren 1944 und 1945 gigantische Ausmaße erreicht und manche deutschen Innenstädte wurden zu 80% oder 90% zerstört. Die meisten Autor*innen, die in Deutschland verweilten oder in den Jahren nach dem Krieg zurückkehrten, müssen das Ausmaß der Zerstörung mitbekommen haben, zumindest aus zweiter Hand davon gehört haben. Und doch: in den Schriften findet man meistens nur die Trümmer, nicht die Zerstörung. Sebald geht auf ein paar Ausnahmen ein und wie sich die Darstellung dort auf verschiedene Weise, akkurat oder unpassend, gestaltet.

Der Bombenkrieg war, zumindest in Großbritannien, lange umstritten und gilt heute als ein strategischer Misserfolg, der keines seiner Ziele (Demoralisierung der Zivilbevölkerung, Schwächung der Kriegswirtschaft, Unterbrechung der Versorgungslinien) erreichen konnte und gerade gegen Ende des Krieges jegliche Notwendigkeit verloren hatte und dennoch bis zuletzt betrieben wurde – also zuletzt auch als ethisches Desaster, das sich lediglich im Windschatten der vielen, noch größeren Verbrechen seiner Zeit und auch durch die moralisch höhere Warte der Siegermächte, an größerer Empörung vorbeischmuggeln konnte. Selbstverständlich ging der Bombenkrieg letztlich von Deutschland aus und wenn die Nazis die Mittel gehabt hätten, hätten sie ganz England auf diese Weise in Schutt und Asche gelegt (Pläne dafür gab es zuhauf).

Warum aber in dieser alten Wunde rühren? Und sind Autor*innen verpflichtet, gesellschaftliche Traumata aufzuarbeiten, abzubilden? Letztere ist eine große, sehr weitreichende Frage, die auch Sebald nicht klären kann oder will. Ihm ging es 1999 darum, auf einen irritierenden Fakt aufmerksam zu machen, eine Lücke in der deutschen Literatur und in welchem größeren Kontext er diese Verfehlung sieht und er deutet nur selten an, warum dieser Fakt generell relevant und problematisch ist.

Womit wir wieder bei der ersten Frage sind: Warum aber in dieser alten Wunde rühren? Diese Frage beantwortet Sebald zwar wie gesagt nicht in aller Deutlichkeit, aber sie lässt sich leicht beantworten. Wobei man zunächst einschränkend sagen muss: die Lage ist heute eine andere, wozu wohl am meisten der deutsche Historiker Guido Knopp beigetragen hat (ob zum Guten oder zum Schlechten, ob akkurat oder eher nicht, sei dahingestellt). Sein Buch und die Serie „Der Jahrhundertkrieg“ (2003) umfassten Beiträge zum Bombenkrieg und zu den Feuerstürmen von Hamburg und Dresden, gerade noch rechtzeitig durchaus, um noch lebenden Zeitzeugen miteinzubeziehen. Diese Dokumentationen haben den Bombenkrieg durchaus wieder ins nationale Bewusstsein gerückt (was durchaus auch unschöne Folgen hatte).

Auch diesen Teil der jüngeren deutschen Geschichte zu behandeln (mit dem jeder Mensch, der in deutschen Innenstädten lebt und aufwächst, letztlich indirekt konfrontiert ist, was man oft merkt, wenn man die Innenstädte in anderen Ländern besucht) ist vor allem wichtig, damit das Narrativ dieses Kapitels nicht von rechtsextremen Positionen und Motiven vereinnahmt wird, die diese Episode gerne und erfolgreich als Tabu inszenieren und von der „geplanten Vernichtung“ der deutschen Bevölkerung und dergleichen faseln, einen Opfermythos kreieren, auf dessen Sockel nicht nur von Erinnerung, sondern vor allem von Vergessen und vom Blick nach vorne die Rede ist (eine sehr schizophrene Auseinandersetzung mit Geschichte findet in solchen Inszenierungen statt).

Sebalds Vorlesungen (dies waren die Texte in dem Buch, ergänzt um einen Nachtrag und den Essay zu Alfred Andresch, ursprünglich) trugen zur Wiederentdeckung von Gert Ledigs „Vernichtung“ und Hermann Kasacks „Die Stadt hinter dem Strom“ bei, zwei Büchern, die nicht unbedingt schöner Lesestoff sind, aber das ganze existenzielle Ausmaß der Zerstörung greifbar machen, wozu auch Sebalds Spurensuche einiges beiträgt.

„Luftkrieg und Literatur“ ist sicher heute kein Buch mehr, das anstößt oder offenbarend ist. Aber noch immer ist es ein wichtiges Werk über die Beziehung zwischen Literatur und Wirklichkeit und darüber, wie ein Fehlen des literarischen und öffentlichen Aufgreifens von bestimmten Themen ein Verdrängen befördern kann oder überhaupt erst kreiert. Es hat also vor allem einen exemplarischen Wert und eine Lektion in Geschichte und Literatur gleichermaßen. Wie wichtig ist Darstellung und die in ihr bewahrte Erinnnerung? Eine Frage, die sich die Literatur immer wieder stellen MUSS.

 

Zu Philip Roth


 

Seine großen Themen waren Sex und Tod. Das in manchen seiner Romane nicht ganz unproblematische und nicht selten einseitig gewichtete Frauenbild, dürfte manchen Leser*innen schon einmal sauer aufgestoßen sein. Seine Frauenfiguren, oft nur Spiegel für die Vergänglichkeit und Konflikte der männlichen Protagonisten, blieben seine Achillesverse.

In den USA sorgten einige seiner Plots für Furore – schon sein Erstling „Portnoys Beschwerden“ wurde begrüßt und gleichsam verdammt, aber auch sein in Europa kaum bekannter Satireroman über Richard Nixon, seine Zuckermann-Quadrologie und nicht zuletzt sein Buch „Der menschliche Makel“, erhitzten die Gemüter und sorgten für einige Kontroversen. Nun ist der Autor Philip Roth gestern im Alter von 85 Jahren gestorben.

Immer wieder thematisierte er das Neurotische im und am Triebhaften, die Fallhöhen der kreativen und erotischen Existenz – und schon früh, und am Ende immer häufiger, die Qualen des Alters, die Furcht vor dem Tod. Eine Furcht, der seine Protagonisten anscheinend nur durch eine Flucht ins Brodelnde oder Ebenmäßige der wiedergefundenen Jugend beikommen konnten, im Wiederaufleben der Pubertät, einer letzten Erregung.

Ich schätze vor allem seine unkonventionelleren Werke: das anarchische Baseball-Opus „The great american Novel“, halb Parodie, halb Mythos, eigentlich ein wahnsinniger Witz und streckenweise eigenwilligste Unterhaltung. Das schmale Buch „Mein Leben als Sohn“, eine Auseinandersetzung mit dem Vater. Und jene beiden ersten Bände seiner letzten Kurzromanserie „Jedermann“ und „Empörung“.

Ersteres: eine rücksichtslose, hoffnungsangekratzte Bilanz einer (männlichen) Existenz, ein Endpunktspektakel, das berührt, weil es alle Kraft der Beschreibung in die Aussichtlosigkeit investiert. Ein Konzentrat der Endlichkeit.
„Empörung“: Das Gegenstück. Eine Geschichte von Jugend, Aufbruch und Ungeduld. Ein Konzentrat der Unendlichkeit. Und beide Bücher haben ihre ganz eigene Antipointe.

Viele können sicher viel mehr über das Werk Philip Roths, seine Größe, seine Problematiken, berichten. Aber für diese vier Bücher will ich ihm einfach danken. Mir werden sie bleiben. Ruhe sanft.