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Zu “Königinnen” von Daniela Sannwald/Christina Tilmann


Königinnen Daniela Sannwalds und Christian Tilmanns Buch ist vor allem ein Buch über den Mythos, der sich um die zehn in diesem Buch behandelten Herrscherinnen gebildet hat. Keiner der Texte ist eine stringente Biographie, es sind stets Auslotungen der Präsenz, der Gestalt, die die Frauen im kulturellen Gedächtnis hinterlassen haben, gespiegelt in den Adaptionen ihrer (vermeintlichen) Lebensläufe und -motive (vor allem durch den Film), nebst Spekulationen zu Liebe und Charakter.

Wer also Kurz-Biographien erwartet, der wird enttäuscht werden. Interessant wird es für diejenigen, die sich gerne mit der Macht der Populärkultur auseinandersetzen wollen und wie sie von Personen der Macht angezogen wird, sie einspinnt und permanent neu erfindend, bis von der Wahrheit nur noch Versatzstücke übrig sind. Das Buch zeigt – wie gesagt: vor allem anhand von Verfilmungen – wie die Leben der Königinnen mal so mal so ausgelegt werden und wie unterschiedliche die Gewichtungen sind. Das ist vor allem spannend, weil es sich meist um mächtige Frauen handelt; eine Kombination, die anscheinend die Inszenierung herausfordert und wenig Raum für Ambivalenzen lässt (man denke an die Sissi-Filme).

In Verfilmungen werden Frauencharaktere oft in Rollenbilder hineingezwängt, sie müssen oft einen bestimmten Archetyp bedienen; oftmals sind es längst überlebte wie die gefallen Frau, die keusche Frau, die lüsterne Frau, die missgünstige Frau, etc.
Ich hätte mir gewünscht, dass die Autorinnen des Buches ein bisschen diese übergreifenden Tendenzen miteinbringen. Ansonsten ist das Buch aber zu empfehlen, als Reflexionsgrundlage und nicht zuletzt als Film- und Serientippsammlung.

Zu den Erzählungen von Luise Boege in “Bild von der Lüge”


  “Im Volkspark Friedrichshain setzten wir uns nebeneinander auf eine Bank und ich führte im vor, dass ich in Wahrheit nicht mittelgut sondern überhaupt gar nicht spucken konnte, und nachdem ich meine Spuckunfähigkeit überzeugend vorgeführt hatte, blieb ich mit vorgestrecktem Kopf in einer eigenartig wippenden sitzen und sah auf den Boden vor uns, auf den ich nicht spucken konnte, und horchte in mich hinein und merkte, dass ich insgeheim an verschiedene mir bekannte Familienkonstellationen dachte, und ich begann mich umzusehen, ob im Volkspark Friedrichshain jemand war, den ich kannte und es war niemand da.”

Müsste man den Auftritt dieser Texte beschreiben, so würde diese Beschreibung eine eingetretene Tür und ein fröhlich grinsendes, aber irgendwie auch leicht irritierendes Gesicht beinhalten; letzteres schwebt plötzlich vor einem und referiert über ein Problem. Gut, mit dieser Beschreibung ist jetzt niemandem geholfen, der noch keine der Erzählungen von Luise Boege gelesen hat (auch wenn ich hoffe, dass diejenigen, die es getan haben, wissen, was ich meine).

Eine andere Art von gesammeltem Fazit zu finden erweist sich allerdings als schwierig, denn von dieser Auftrittsart abgesehen, sind die Erzählungen sehr unterschiedlich. Was sie alle noch gemein haben, ist ein gewisser Kniff, ein Spin, der sie aus ihrem Konflikt, der meist eine Bagatelle ist, in eine Literarität trägt; und von diesen Kniffs leben sie, sind oft mehr darin beheimatet, als in ihrem Thema. Es sind, so gesehen, aufgebauschte Formturnnummern. Aber auch das hilft vermutlich nicht weiter, wenn es darum geht, sich die Texte vorzustellen.

Vielleicht so: ganz gleich, ob es um das (Aus)Lesen eines Frauenleichnams geht, um Wikipedia-Artikel basierte Überlegungen zu Sinn und Widerspruch oder um das ganz große Spucken in den Mund, bei dem einem selbige wegbleibt: Luise Boeges Erzählungen sind verschroben, schräg, aber vor allem hintersinnig und darin auch witzig. Wer mit dieser Hintersinnigkeit nichts anfangen kann, dem werden die Texte vor den Augen herunterrasseln wie Sperrschranken und er wird vermutlich nicht in sie hineinfinden. Wer aber das Hintersinnige schätzt, dem tun sich hier Schätze auf; in diesen Erzählungen, die zwischen der Filigranversessenheit und Komik eines Franz Kafka und der ausgedehnten Unschärfe und Verzettelung der Postmoderne hin und her schwanken.