Tag Archives: Lyirk

Jan Skácels wunderbare Poesie in “Wundklee”


“die laubigen laubfrösche bitten laut
(der morgen stellt sich häufig taub und blind)
mit laub auf den stimmen mit zungen betaut
für alle die im herzen barfuß sind”

Gedichte haben mir gezeigt, dass das Unspektakuläre oft sehr viel höher in unserem Empfinden Nachhall und Gleichsinn findet, als das Spektakuläre, das allein für den Moment uns als winzig in sein Ebenbild stellt. Auch das Gedicht tut dies, aber mit dem Zusatz, dass es wiederum einen kleinen Teil seiner selbst von diesem Ebenbild ausschließt und uns zukommen lässt – dieser Funken, der uns Gedichte mit Bereicherung lesen lässt, ist nicht leicht zu beschreiben . Er liegt irgendwo zwischen Erinnerung und Erfahrung und verbindet uns auf einer ganz speziellen Ebene der Sprache mit unserer innersten Wahrnehmung, einem vielschichtigen Gefühls- und Bilderkatalog, in diesem Moment zugänglicher als wir es sonst je erfahren.

“kindheit ist das was irgendwann
gewesen ist und aus dem Traum nun hängt
ein faden fesselrest den man
zersprengen kann und nie zersprengt”

Es gibt ganz unterschiedliche Weisen, auf welche ein Gedicht gelingen kann – doch oft ist es leider nur eine zentrale Komponente, mit der ein Dichter sein Werk zusammenhält. Groß muss man daher wohl die Dichter nennen, bei denen sich teilweise diese einzelne Komponente nicht findet, dafür aber zahllose sehr individuelle Komponenten.

Jan Skácel hat das beinahe klassische Schicksal der osteuropäischen Dichter des 20. Jahrhunderts erlitten, wie auch Joseph Brodsky, Anna Achmatowa, Ossip Mandelstam und unzählige andere. Seine Werke durften nach dem Ende des Prager Frühlings nicht mehr gedruckt werden, obwohl er – trotz Engagement und humanistischen Prinzipien – kein politischer Dichter war; erst gegen Anfang der 80er Jahre, als auch in der Tschechoslowakei das Tauwetter einsetzte, wurde das Verbot aufgehoben. In Deutschland hat sein Werk durch Rainer Kunze eine sehr beeindruckende und filigrane Übersetzung erhalten, die auch einige geniale Nachdichtungen enthält. Skácel starb 1989.

“und wie eine unerbittliche seltenheit
wird erinnerung auf erinnerung gelegt werden
ins nichtgedächtnis der welt”

“und nicht wahr ist`s dass das schicksal uns betrügt
weil das schicksal eine münze ist die lange fällt
ob der adler fällt oder der kopf
wird sich zeigen wenn sie auf der erde liegt”

Als ein Dichter der zu unterlassenen Schwermut, der einsamen Hoffnungskerze, ist die Atmosphäre in Skácel’s Versen nah bei den Werken des deutschen Dichters Peter Huchel oder auch bei denen seines russisch-amerikanischen Kollegen Brodsky zu verorten. Nachdenklich, jedoch vollkommen unabstrakt, arbeitet er in seinen längeren Gedichten (die meist auch über eine Seite nicht hinausgehen) mit uneindringlichen, langsam in das Thema seines Gedichts überschwappenden Bildern, die sich mit einer Welt aus Schemen und Lichtmomenten, einer gewissen Armut des Lebens und einer Fülle des Lebendigen verbinden.

“die häuser am holunder tun mir leid
all ihre Wunden möchtest du verbinden
nacht ist’s in den höfen duften die linden
wie eine ratte nagt am putz die zeit”

Auf der anderen Seite sind da die kreisrund anmutenden Vierzeiler (aus denen hier am meisten zitiert wurde). In Ihnen hält Skácel Dialog mit dem Leser, wie es nur wenige Dichter ohne Übergriff oder Mahnung vermögen. Mich haben diese Vierzeiler am meisten beeindruckt, auch wenn Skácel ansonsten ebenfalls ein filigraner Poet ist. Aber man sucht ja immer das, was einen selbst mit neuer Stimme und doch mit ewiger Erkenntnis, die man schon leise in sich hält, anspricht.

“vor der für immer letzten pforte
wenn man hinübersieht
kehrt zurück die kinderträne
und kullert unters Lid”

Beobachtend, dabei mit einem Gespür für das Verflossene, das uns noch in den Ohren rauscht, das wir wiedersehen dann und wann, ohne es zu sehen, auf das man aufmerksam machen muss, weil seine Essenz für das Verständnis unabdingbar ist; weil wir damit dem Bemühen eine flüchtige Schönheit entgegenstellen können, die die Wirkung des Daseins auf uns für einen Moment beweist und jeden Todeseindruck widerlegt, wenn auch nicht jede Verlorenheit, der man so aber kurz (mit einer Annäherung) widersteht

Die Kunst, mit den Worten die Dunkelheit zu vertreiben, ist möglicherweise nicht zu erreichen. Die Kunst, mit Worten die Dunkelheit zu erhellen und in diesem Lichte die Dinge wieder neu ansehen zu können, ist etwas, für das ich immer wieder dankbar bin – ich persönlich finde dieses Licht oft in Gedichten, auch vielfach in diesen Gedichten von Jan Skácel.

“Noch glauben wir’s einander nicht dass aus dem nahen dickicht
der herbst tritt
Immerzu liegen die bäume vor anker in wurzeln wie glocken
Sicherheit überkommt
Und wunderschön das überflüssigsein der klage”

Link zum Buch

“Ein Fischnetz aus teerigem Garn knüpfen” – Gedichte Robert Lowells


“An Trojas letztem Tag, o weh, ein Stürmen
Des Volkes zum Tempel: Welch ein Fest, die Kinder
Wanden Girlanden um das Pferd; so harren
Wir in des Löwen Rachen todgeweiht.”

Nicht umsonst ist Robert Lowell einer der sehr wenigen Dichter Amerikas, die es in die Weiße Reihe des DDR Verlages Volk und Welt geschafft haben: seine stets kritische Haltung seinem eigenen Heimatland USA gegenüber und sein unverbesserlicher Mahnungs- und Meinungsdrang von der linken Seite her, prädestinierten ihn für die Aufnahme, wenn diese Tatsache nicht sogar ausschlaggebend war – wie leider auch für die Auswahl der Gedichte dieses Bandes.

“Ihr Denkmal steckt wie eine Fischgräte
in der Kehle der Stadt.”

So schreibt er z.B. über ein Bürgerkriegsdenkmal.

Trotzdem war er in seiner Heimat sehr populär, auch gerade weil er anzuecken wusste und einen sehr eigenen Stil pflegte, der, mal persönlich, mal umfassender, die Probleme und Ränke des Landes einzufangen vermochte. Zweimal gewann er den Pulitzerpreis, beide Male für Gedichtbände.

“Seine Verzweiflung hat die Farbe
von Wischlappen und Wasser im verzinkten Eimer.”

Sprachlich gesehen ist er ein eher behäbiger, sängerischer, ausufernder Dichter, der meist auf strengen Formen besteht, bei denen der Reim mehr auferlegtes Stilmittel, den Klang ist. Immer wieder darin: kleine Kostproben wahrer poetischer Freistil-Bilder, aber immer nur ganz plötzlich, wie das Flimmern von Sonnenlicht auf trägen Ölschlieren.

Die Übersetzung ist eher mittelprächtig, aber immerhin versucht sie keine Nachdichtung, was bei Lowell auch schwer gelungen wäre, sondern begnügt sich mit einer ungereimten, an Takt und Metrum angelehnten Übersetzung. Das Nachwort ist aufschlussreich, aber natürlich in der DDR verfasst, weshalb politische Stellungnahmen unvermeidlich sind.

“Das Eis tickt mehrwärts wie eine Uhr.
Ein Neger röstet
Weizenkörner überm Koksfeuer
In einer durchlöcherten Tonne.
Chemische Luft
Streicht von New Jersey her
Und riecht nach Kaffee.

Jenseits des Flusses
Bräunen die Klippen von Vorstadtfabriken
In der schwefelgelben Sonne
Der unversöhnlichen Landschaft.”

Insgesamt ist Lowell mehr ein Dichter, mit dem man sich auseinandersetzen und den man studieren kann, als einer, der einem ein ungetrübtes Lesevergnügen beschert. Aber trotzdem lebt in seinen Gedichten etwas sehr Starkes, Natürliches, etwas ungewachst und ungeschöntes, eine Anwesenheit von Andacht und Werten, dass seine Verse trotz ihrer Rauheit und Schwere zu modernen Formen der Tradition des amerikanischen “Gesanges” macht, wie man sie ansonsten (und dann fröhlicher) von Walt Whitman oder Longfellow kennt.

Wer also eine Dichter sucht, dessen Belesenheit und Erhabenheit sich mit formaler Schwere und behäbiger Reverenz zusammentun, um kritische, wie forschende, wie betrachtende Gedichte zu schreiben, der sollte einen Blick auf Robert Lowell und seine Gedichtlegionen riskieren.

Link zum Buch

“Sommer vor den Mauern” von Nora Bossong


“Die Vögel in den Bäumen ich nenne sie Krähen
jemand sagt Drosseln sagt Spatzen unfassbar
wie weit man bisweilen mit Worten reicht.”

2012 ging der begehrte Peter-Huchel-Preis für Lyrik an die deutsche Dichterin Nora Bossong für ihren Gedichtband “Sommer vor den Mauern”. Dass der Band, als zweiter Gedichtband der Autorin, bereits in der Hanser Lyrik Edition erschien, war schon etwas Besonderes – der Preis, könnte man sagen, zeichnete ihn nun endgültig aus.
Der argentinischen Dichter und Essayist Jorge Luis Borges sagte einmal: “Die Europäer meinen, dass ein Buch, das einen Preis bekommen hat, gut sein muss. Der Argentinier gibt zu, dass es, trotz des Preises, nicht unbedingt schlecht sein muss.” Ein Zitat, dass auch die Europäer bedenken sollten.

Zu Anfang der Lektüre erscheinen die Gedichte Bossongs überraschend unscheinbar. Natürlich geht es nicht darum, immer sprachliches Konfetti zu werfen, sondern es tatsächlich lieber genau im richtigen Moment zu tun. Trotzdem: die Art, die Richtung, in welche sich die Texte formal bewegen, hat etwas Unverstelltes und ihre leicht gedämmte Filigranarbeit ist nicht das Problem. Nur geraten leider viele Gedichte (vor allem die in den ersten zwei Abschnitten) dank unscharfer Relationen und sprachlicher Bodenturnübungen, allzu leicht zu reinen Beobachtungscocktails – auch wenn sie noch so hehren Themen gewidmet sind. Möglicherweise hat diese Art der Darstellung eine Bezugstiefe, die mir entgangen ist und ich will nicht endgültig urteilen, aber die Wirkung bleibt bescheiden.

“Wache ich auf in diesem
Botanikerlicht, die Bilder
wachsen dichter um mich.
Ich habe mich ihnen ausgesetzt,
nur wer erklärt mir, wie was
und woran zu bestimmen ist?”

Wenig unwillkürliche Transparenz schafft Raum für tiefer gehende Ideen, für ein Geschehen unterhalb der funkelnden Hülle des Gedichts, ist aber auch keine Garantie für Tiefe.

Insgesamt kann man, sachlich, über den Gedichtband sagen, dass er sehr thematisch ausgelegt ist. Die Kapitel (Acht an der Zahl) reihen bestimmte Gruppen von Gedichten, die z.B. alle in Amerika entstanden sind. Ein Abschnitt, den ich für den gelungensten halte, beschäftigt sich mit den jüngsten 10 Päpsten (den amtierenden natürlich ausgeschlossen); in lyrischen Situationsaufnahmen, angefüllt mit historischen Einzelheiten und Eigenwilligkeiten der 10 Pontifexe, schafft Nora Bossang auf sehr elegante Weise eine Verknüpfung von Lebenswirklichkeit und -metaphorik, mit teilweise eigenwilligen Darstellungen. Diese Gedichte sind ehrlich, auch in ihren Bezügen (hinten im Band nachgewiesen) – und trotz der thematischen Grenzen ist die Freiheit in den Ausformungen und die sprachliche Auslegung so exakt und virtuos manifestiert, dass man wirklich eine Spur von Vollendung darin spürt.

“Auf einer Brücke stritten Kinder
um einen Schuhkarton, graue Pappe,
aus dessen Innerem ein Klirren drang,
als spielte die Dreieinigkeit mit ihren zarten Engeln
kegeln.”

Dagegen haben viele andere Gedichte diese, halbhaltlose, Suche in sich, zwischen Thema und Ausdruck. Auch dabei gelingen großartige Abbildungen, die innerlich eine nicht zu fassende Frequenz der Realität andeuten und bebildern und was durchscheint hat etwas ganz und gar Untransformiertes, Nahes. Aber zu oft scheint der reine Reiz der Texte in der Gedichtwerdung bestimmter Tatsachen, Orte oder Wesenheiten zu liegen und nicht in ihrem lyrischen Potential, das manchmal auch noch bewusst unterdrückt zu werden scheint, um die elitären Gewänder nicht zu verlieren. Dabei zeigt sich, wie ich finde, im Textausschnitt mit den Engeln, dass gerade eine kleine, kompromisslose Überwindung beeindruckend sein kann. Einfach, weil Gedichte auch etwas brauchen, was sie dimensional macht. Und da ist eigentlich nichts besser, als eine kleine sprachliche Erhöhung (die natürlich nicht plump einen Großteil oder das ganze Gedicht ausmachen sollte!)

“Beim Öffnen des Fensters
ein Windstoß aus Laub und vereister
Verkündigung, schnippe sie fort
aus diesem Gehege.[…]
Die Ewigkeit der Vororte.
Morgens wieder Sonnenaufgang, unwirklich,
einzustufen in die Kirchenfensterreihe,
rötliches Inkarnat. Wunsch, in die Höhe
zu fallen.”

Ich zweifle nicht an Nora Bossongs Talent und nach mehrmaligem Lesen ist mir natürlich auch der ein oder andere unbewusste Fehler meinerseits aufgefallen. Einige Gedichte sind einfach in sich selbst irgendwie bestechend, zum Beispiel das Gedicht über Mussolini und seine Geliebte, die von Partisanen tot an einer Tankstelle kopfüber zusammen aufgehängt wurden; es beschreibt diese Szenerie und unseren heutigen Blick darauf und endet dann mit dem furchtbar genialen Satz: “und wir, zwei dahergelaufene Zeugen,/ wissen wir denn, was Liebe war.”

Eine großartige, den Rahmen einer Erklärung sprengende, sprachliche Geste, unwillkürlich und genau zwischen allen Gesetzen der Ansicht, allein in der Wirklichkeit dieser Betrachtung liegend. Und es gibt natürlich noch mehr davon, vieles was Nora Bossong als große Lyrikerin auszeichnet. Und vielleicht ist letztlich jeder Vorbehalt ein Vorbehalt aus der Neigung heraus, kritisch zu sein, statt zu akzeptieren, dass man sich vielleicht die Idee jedes Gedichtes nicht ganz erschließen kann. So möchte ich denn am Ende sagen, dass ich Nora Bossong durchaus zutraue, dass in jedem ihrer Gedichte ein zu erfahrender Zusammenhang liegt. Und auch wenn ihre Betrachtungen allgemein etwas Verfremdetes haben, liegt gerade in dieser Verfremdung, wenn man aufpasst, ein ungeahnter Zusammenschluss verschiedener Formen von konzentrischer Wirklichkeit.