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Zu “Stromern” von Andor Endre Gelléri


Stromern Andor Endre Gelléri starb im Mai 1945, kurz nach der Befreiung seines KZs durch amerikanische Truppen, und wurde nur 39 Jahre alt. In diesem Lebenszeitraum verdingte er sich in zahlreichen Berufen: als Erzieher und Sekretär, aber auch als Fuhrmann, Wäschereiarbeiter und vieles andere – und schrieb nebenbei an die 100 Prosastücke, Novellen und Erzählungen, von denen 31 hier in dieser Ausgabe beim Guggolz Verlag erschienen sind (der mit diesem Buch wieder einmal zur Wiederentdeckung eines vergessenen Autors der Moderne einlädt).

Die meisten der Texte spielen in den 20er und 30er Jahren in Ungarn. Es ist die Zeit der ersten globalen Finanz- und Wirtschaftskrise, jeder ist folglich auf der Suche nach Arbeit und wer eine hat, der muss sich an ihr festhalten, sich an sie klammern. Gelléris Protagonist*innen sind Arbeiter*innen, Angestellte, Rädchen im Getriebe, aber auch ein Fötus oder ein armer Künstler; meist meint es das Schicksal nicht gut mit ihnen, öfters auch die Menschen in ihrer Umgebung nicht. Durchaus virtuos beschreibt Gelléri das fragile Dasein dieser Zeit aus den unterschiedlichsten Perspektiven; manche davon haben etwas dezent Magisches, andere bestechen durch atemberaubende Profanität.

Am beeindruckendsten ist wohl der schmale Witz, die feine Rasanz hier und da. Gelléri war weder ein offener Sozialkritiker, noch ein kalter Geschichtenerzähler, sondern ein Beobachter mit Feinsinn. Seine Figuren gegenüber scheint er eine seltsame, aber doch klare Art von Sympathie empfunden zu haben, die die meisten Texte unterschwellig trägt. Zu entdecken gibt es hier besondere Mikrokosmen aus einer fast vergessenen Zeit, spielerisch und kühn und doch mit jenem menschlichen Nachdruck, den Literatur haben muss, um zeitlos zu sein.

Schöne Depressionslektüre – zu “Ein konföderierter General aus Big Sur”


Ein konföderierter General aus Big Sur Was kann man noch lesen, wenn gar nichts mehr geht? Zugegeben eine eher unangenehme, unschöne Frage. Aber sicher keine abwegige.

Der türkische Schriftsteller Orhan Pamuk schrieb über seine Thomas Bernhard-Lektüren, die ihm vor allem in depressiveren Zeiten geholfen hätten. Ein Freundin von mir spricht oft davon, dass man, wenn gar nichts mehr geht, nur noch Kafka lesen kann – dann könne man die Schwelle in Kafkas Schreiben und Denken erst richtig begreifen und sich mit seinem eigenen Abgrund auseinandersetzen, sich hineinstürzen ohne wirklich zu stürzen. Michel Houellebecq beschreibt ausführlich, dass ihm H.P. Lovecrafts Antiwelteinstellung immer eine perverse Art von Trost gegeben habe. Ein anderer Freund empfahl mir, bei Traurigkeit Cioran zu lesen, was vielleicht ein Witz war, vielleicht auch nicht.

Ich selbst habe immer nur vier Dinge lesen können, wenn gar nichts mehr ging: Douglas Adams Hitchhikers Guide, Mascha Kalékos Gedichte, Susan Sontags nachgelassene Texte aus „Zur gleichen Zeit“ und Richard Brautigans Gedichte und Romane. Im Prinzip sind auch dies (wie alle erwähnten Beispiel oben) Werke voller Hoffnungslosigkeit (und darin mitunter voller Hoffnung, denn die gehört, obgleich das Wort es zu verschleiern sucht, zur Hoffnungslosigkeit dazu).
Mascha Kalékos Melancholie und Bitterkeit, die Worte eingefärbt von ihrem traurigen Schicksal. Adams turbulent-phantastischer, brillanter Versuch eines heiteren Zynismus. Sontags entfaltetes, großartiges Denken, gefangen im Bild, in den Grenzen ihres Sterbens. Und Richard Brautigans Romane, Utopien ohne Halt, der Wirklichkeit entfremdet und ohne Chance, ihr zu entgehen, immer im Versuch etwas schöner, etwas besser zu sein als sie, ohne sie zu verlassen.

1964 erschien dieser erste seiner Romane, über zwei Freunde, die versuchen im Kalifornien der 60er Jahre über die Runden zu kommen. Beide sind sie so etwas wie Tunichtgute, Allerweltsverlierer, meist nur auf der Suche nach etwas zu essen, einer netten Frau, einem Drink. Im ganzen Roman geht es eigentlich nur darum, wie sie versuchen zu überleben und ein erträgliches Dasein zu haben, der Trostlosigkeit ein Schnippchen zu schlagen, mal hier, mal dort. Brautigan würzt diese Versuche mit einer Menge unprätentiöser, poetischer Komik und Szenen voller improvisiert wirkender und unschlagbarer Vergleiche und Beschreibungen wie diesen:

“Die Nacht kam herein und borgte sich das Licht. Sie hatte sich zuerst bloß für ein paar Cent Licht geborgt, aber jetzt borgte sie sich jede Sekunde Licht für Tausende von Dollars. Das Licht würde bald weg sein, die Bank geschlossen, die Kassierer arbeitslos und der Bankdirektor ein Selbstmörder.”

“Sie lachten beide. In Elizabeths Stimme war eine Tür. Wenn man die Tür aufmachte, fand man noch eine Tür, und wenn die Tür offen war, noch eine andere Tür. Die Türen waren alle hübsch und führten aus ihr hinaus.”

Diese Passagen schweben über dem Text, in ihnen entkommt man, mit einem erstaunlich freien Lachen und Staunen, für einen Moment der ganzen Schwere, die im Leben liegt (aber auch im Text, im Erzählen, im Denken, etc.) und der das Lebendige entgegenzuwirken versucht. Und es ist dies Lebendige, das in Brautigans Gedichten und Romanen immer wieder durchkommt, in seinen Erzählungen und Kurzprosastücken. Als wollte er eine neue Faszination der Welt begründen und doch von den ganz einfachen Dingen sprechen, drehen sich seine Romane um außergewöhnliche, aber eigentlich ganz unspektakuläre Momente, die sich aneinanderreihen, in immer neuen, meist kurzen Kapiteln aufziehen. Zwischen Märchen und bitterem Ernst, Gelassenheit und Abgrund.

Mit Brautigan kann man an der Welt zugrunde gehen und gleichzeitig ihre ganze, absurde Schönheit betrachten, ihr alles entgegenhalten und nichts. Deswegen kann man sie wohl noch lesen, wenn eigentlich gar nichts mehr geht. Weil die Welt darin still steht und doch in jeder Facette funkelt wie eine Discokugel. Sie zeigen das Leben wie es ist: absurd schön und trotzdem größtenteils ein Ort, an dem das, was man braucht (zu brauchen glaubt) und das, was man hat, nicht zusammenkommt, weswegen man ohne Ende dabei ist, dieses Zusammenkommen zu ermöglichen.

 

Zu Daniel Kehlmanns “Tyll”


Tyll Romane können unseren Horizont sprengen und im besten Fall setzen sie ihn dann auch wieder neu zusammen, bis wir gebannt sind von der “anderen” Wirklichkeit. Die letzten beiden Romane von Daniel Kehlmann, “Ruhm” und “F”, schienen sich bedenklich weit ins Postmoderne und in die Eigenreflexion zu neigen und sich gleichzeitig mit Zeitgeist schmücken zu wollen. In “Tyll” hat er meiner Meinung nach wieder zu dem Modus zurückgefunden, der seine stärksten Romane (für mich “Beerholms Vorstellung”, “Mahlers Zeit” und “Die Vermessung der Welt”) auszeichnet: die nahtlose Verknüpfung von Wirklichkeit und Phantastik, in deren Grauzone die ganze Palette von menschlichem Fehl und Fatum anzutreffen ist.

“Tyll” ist ein Eulenspiegelroman, ein Schelmenstück, formal wie inhaltlich, aber zugleich ist das Buch auch ein Zeitdokument. Und doch wieder nicht. Das lässt sich schwer verifizieren und auseinander differenzieren. Zu gekonnt spielt Kehlmann mit Sein und Schein, mit Fakten und Phantasmen, mit brutaler Realität und irrealem doppeltem Boden.

Den Rahmen für das Buch bildet im Wesentlichen die Zeit des dreißigjährigen Krieges von 1618-1648, allgemein eine Zeit der Unruhen und Umwälzungen, des Übergangs, auch vom Spätmittelalter in die Moderne (großartig beleuchtet wird diese Umbruchszeit in Philipp Bloms [[ASIN:3446254587 Die Welt aus den Angeln: Eine Geschichte der Kleinen Eiszeit von 1570 bis 1700]]).

Protagonist ist nicht nur Tyll, wichtige Figur ist auch Friedrich der V., Winterkönig von Böhmen und eine der unglücklichsten Gestalten der deutschen Geschichte, und seine Frau Elisabeth aus dem englisch-schottischen Hause Stuart, sowie Athanasius Kircher, eine schillernde Gelehrtenexistenz. Kehlmann schlüpft im Verlauf des Buches nicht nur in ihre Haut, sondern auch in die einiger Nebencharaktere, die den Krieg und die Zeit auf ihre Art erleben, wahrnehmen. “In die Haut” ist hier nicht nur eine rhetorische Floskel: Kehlmann entfaltet hier wieder einmal eines seiner bestechenden Talente, nämlich die authentische Intonierung der Geisteswelten, in denen sich seine Charaktere bewegen, in all ihrer Profanität und Eigenständigkeit. Ich habe schon oft gehört, dass diese Art des inneren Monologs, der detaillierten Sezierung, Leuten auf die Nerven geht, was ich wirklich nicht verstehen kann. Ich bin immer wieder fasziniert wie kompromisslos Kehlmann seine Figuren nicht nur typisiert, sondern ganz tief in ihren jeweiligen Horizonten verankert, ja, einkerkert, auch in Relation mit den Gegebenheiten, die sie umgeben, in denen sie leben müssen. Er unterwirft sie quasi vollends den Realien.

Und doch wieder nicht. Denn da ist natürlich immer mehr zwischen Himmel und Erde, als die Geschichtsbuchweisheit aufzeichnen kann; hinter der Geschichte liegen die Geschichten von unzähligen Individuen und durch sie lebt die Geschichte, aber an ihnen bricht sie auch auseinander. Das “mehr” ist nicht nur die artistische und teilweise magische Kunst des Tyll Eulenspiegel, sondern die allgemeine Unschärfe der Wirklichkeit, die Kehlmann immer wieder herausstreicht, dann wieder zerstreut, die aber nie ganz verschwindet. In dieser Unschärfe tritt nicht nur der Aberglaube, das Mystische und Mythische zutage, sondern auch die Ungeheuerlichkeit des menschlichen Geistes, der menschlichen Vorstellung: Was kann der Verstand ertragen, was kann er erdenken, wie sind Erinnerungen gebaut und erzählen wir uns nicht selbst immer Geschichten, wenn wir erinnern, gibt es Erinnerung denn überhaupt, gibt es nicht nur Narrative, die wir erdenken und über unser Leben legen? Und ist nicht Geschichte oder sogar Wirklichkeit ein Narrativ, das, ebenso erfunden, nur im größeren Stil, unser aller Erinnerung und Wahrnehmung bestimmt?

Diese Fragen tun sich auf, mitten in einem scheinbar historisch akkuraten Szenario, das auf der Mikro- und Makroebene ausgelotet wird. Und in all dem offenbart sich das Übergreifende, Unfassbare und entzieht sich gleichsam. Die Kunst der Fiktion: ein Spiel mit Möglichkeiten, die so schmerzlich nah an der Gewissheit, am Ausweg, an der Sehnsuchtserfüllung und -verdrängung liegen, dass daraus ein tiefer Spiegel wird, so tief, dass man das, was gespiegelt wird, fast nicht mehr erkennen kann.

Es gibt allerhand Gründe, Tyll zu lesen. Es ist, alle Metaphysik und Meta-Textualität beiseite lassend, auch ein recht unterhaltsames Buch, finde ich. Man muss an Kehlmanns profan-phantastischer Art der Darstellung und seiner schnörkelosen Erzählhaltung gefallen finden, sonst wird einem das Ganze ungenießbar und wenig reizvoll erscheinen. Ich plädiere aber dafür, sich genau auf dieses Ungenießbare einzulassen: denn obwohl sein Schreiben Fiktion durch und durch ist und sich nur in den entscheidenden Momenten vollkommen ernst nimmt (was dann umso deutlicher wird) – Kehlmann gelangt darin zu einer Erscheinung der Wirklichkeit, die die Profanität unseres Daseins eben nicht nur darstellt, sondern verkörpert. Das ist mitunter unbequem und unschön. Aber der Mantel der Seriosität, den die Menschen um die Historie, die Wissenschaft, die Vernunft, das Ideal, die Kunst und den guten Willen geworfen haben, er erweist sich oft als Verschleierung der darin liegenden Unseriosität. Das stellt Kehlmann immer wieder, augenzwinkernd, aber auch bezwingend, dar. Für mich: große Erzählkunst.

Cendrars, der reisende Magier und seine gesammelten Gedichte


“Der Himmel gleicht dem zerrissenen Zelt eines Wanderzirkus in einem kleinen Fischerdorf
In Flandern
Die Sonne ist eine rauchige Funzel
Und hoch oben am Trapez macht eine Frau den Mond.”

Er war überall und nirgends; er verlor seinen einen Arm im ersten Weltkrieg und schrieb mit seinem gesunden noch über ein Dutzend Bücher und Publikationen, er war ein Reisender und doch ein Innehaltender, ein Poet und doch ein Phantast, der allein die Welt dort für real hielt, wo sie etwas Einzigartiges offenbarte, an Farben, Fauna oder Lebensart. Er schrieb Romane und war doch eigentlich ein Dichter, er erweiterte und stutzte das Gedicht gleichermaßen und gehört wohl zu den formbewusstesten und formlosesten Lyrikern aller Zeiten. Sein Name: Frédéric Sauser, alias Blaise Cendrars.

“Die Fenster meiner Poesie sind weit geöffnet zur Straße und in ihren Scheiben
Leuchten
Die Juwelen des Lichts
Hörst du die Geigenkonzerte der Limousinen und die Xylophone der Druckmaschinen
Der Maler macht sich sauber im Handtuch des Himmels
Farbflecken überall
Und die Hüte der Frauen, die vorbeigehen, sind Kometen im Feuerschein des Abends”

Dank sei dem Lenos Verlag, dass sie eine so umfangreiche und umfassend kommentierte deutschsprachige Ausgabe der Gedichte herausgebracht haben. Mit beinahe hundert Seiten Anhang inkl. Kommentaren und Anmerkungen, sowie Einführungen zu allen einzelnen Gedichtbänden und einem großzügigen Lebenslauf könnte dieser Band schon fast als Standard für alle ehrgeizigen Werkzusammenfassungen weltweit herhalten. Dieser ungewöhnliche Geselle hat dies alles aber auch verdient.

“Ich will, dass die Wirklichkeit mir wie ein Traum vorkommt, will leben in einer Welt von Traumbildern.”
[…]
“Unter den Fingernägeln habe ich Musik”
[…]
“Im Zimmer nebenan, hinter der Türe wartet
Ein trauriges und stummes Wesen, wartet, dass ich’s rufe!
Du bist es, es ist Gott, ich selber bin’s – das Ewige.”

Aufmerksam geworden bin auf Cendrars durch eines meiner Lieblingsbücher, Philippe Djians In der Kreide, indem dieser Cendrars als einen seiner zehn großen Einflüsse beschreibt. Entsprechend ist Cendrars auch, wie viele andere Autoren in Djians Buch, ein Schriftsteller, der auf vielen Ebenen, stilistisch und formal, ungestüm ist, Grenzen sprengen will und seine eigene Vorstellung von der Beschaffenheit der Literatur erschaffen hat.

“Nach Japan können wir nicht
Komm mit nach Mexiko!
Auf den Hochebenen blüht der Tulpenbaum
Und die Schlingpflanzen sind das Haar der Sonne
Der Palette und dem Pinsel eines Malers scheint alles entsprungen
Farben, ohrenbetäubend wie Gongs”

Cendrars hielt es selten an einem Ort und so bereiste er schon früh die Welt. Er riss von zu Hause aus, war in Russland, gelangte in Paris vor dem 1. Weltkrieg in Literatenzirkel, war neben Apollinaire (mit dem er befreundet war, so wie mit vielen anderen z.B. Cocteau) einer der wichtigsten Dichter dieser kurzen Epoche, sagte sich dann vom Surrealismus und Symbolismus los, dem er nie wirklich angehört hatte und reiste nach dem Krieg, in dem er seinen rechten Arm verlor, nach Brasilien und Amerika und hielt seine Reiseeindrücke und -Phantasien in seinen knappen “Reiseblättern” fest.

“Der Frühling in Kanada hat eine Frische und Kraft wie sonst in keinem Land der Welt
Aus der dicken Schneedecke, aus dem Eis
Spiresst plötzlich
Fruchtbare Natur
Ganze Büschel von violetten, weißen, blauen, rosaroten Veilchen
Orchideen, Sonnenblumen, Tigerlilien
In den ehrwürdigen Avenuen mit ihren Ahornbäumen, dunklen Eschen und Birken
Fliegen und Singen die Vögel
Im Unterholz voller Knospen und zarter Triebe
Lakritzenfarbiges Sonnenlicht”

Man kann es sehen das Licht, man geht unter den Ahornbäumen längs – Cendrars hat wie kein anderer Wirklichkeit mit Phantasiefarben zusammengebracht und daraus das Erleben des Reisens, durch Natur und der Atmosphäre, nachgebildet. Fast alle seine Gedichte aus Brasilien oder von sonst woher, auf See, aus Afrika, haben diese innehaltende und gleichzeitig flüchtige Impression, diese unhaltbare, aber bewahrte Glück eines Fast-Eingehens in die Umgebung, eines Lebensmoments. Mit seiner Sprache blieb er sparsam und doch war ein Magier, mehr im Leben wohl, doch dann und wann packte ihn auch im Gedicht ein Hang zur ungewöhnlichsten Kreation. Zeilen, verquer und gleichsam genial – denen Cendrars eigene Wahrheit innewohnt.

“Ich kenne über 120000 Briefmarken, die mehr Spaß machen als die Schinken im Louvre”

Wenn man Dichter empfiehlt ist man immer ein bisschen in der Verlegenheit, weil man eigentlich ihre besten Zeilen zitieren müsste, um alle völlig mitzureißen und dennoch muss man den Leuten ja einen Eindruck vom Gesamtkonzept der Dichtung geben.
Viele der Zeilen die ich hier zitiere, machen sich natürlich besser, wenn sie einen mitten im Gedicht treffen, aber ich hoffe sie vermitteln etwas von der Leichtigkeit und Unberechenbarkeit von Cendrars Sprache und ihrem eigenwilligen Charme, ohne dabei zu verhehlen dass es die Lichtblitze in einer ansonsten sehr gelassenen und vor allem Eindrücke vermittelnden Dichtung sind, die sich auch wegen der vielen Arten von Ausdruck, in denen Cendrars sich versuchte, nicht wirklich auf ein Merkmal fokussieren lässt, auch wenn seine Reisebeschreibungen den größeren Teil seiner Schriften ausmachen und viele andere Werke mehr wie eine Laune, eine Phase wirken.

“Sie strahlt Lebhaftigkeit aus, Offenheit in ihren Gesten und Bewegungen
Der junge Blick eines bezaubernden Tiers
Ihre Wissenschaft: Die Grammatik des Gehens
Sie schwimmt wie man einen Roman von 400 Seiten schreibt
Unermüdlich
Stolz
Ungezwungen”

Nie oder ganz selten habe ich jemanden so klar und rein über Frauen schreiben sehen, ohne einen dunklen Hauch von Frivolität, höchstens einen hellen. Ganz ein Staunender, dem schon das blaue Meer in der Wärme der Sonne als Wunder und Offenbarung erscheint, nähert sich Cendrars beinahe jedem Thema, sofern er nicht seine leicht lakonisch-satirischen Einsprengsel von der Leine lässt oder den Überschwang in die Realität seiner Empfindungen einlädt.

“Eine Seerose auf der Seine, es ist in der Strömung der Mond.
Die Milchstraße spielt am Himmel verrückt vor Freude
und schließt Paris
nackt und wahnwitzig in die Arme, kopfüber saugt sich ihr Mund an Notre Dame fest.”

Er ist einzigartig dieser Dichter, er, der nie zur Ruhe kam, und dessen Gedichte doch eine gewisse Ruhe waren, ein Magier, der seine Ausführungen über eine tropische, leise Nacht in einem einfachen Satz ausklingen lässt, der, noch mal, alles heißt:

“Die Sterne schmelzen wie Zucker”

Dem letzten Romantiker Hermann Hesse


“Sorge flieht und Not wird klein
seit der Ruf geschah.
Mag ich Morgen nimmer sein,
heute bin ich da!”

Am neunten August 2012 jährte sich Hermann Hesses Todestag zum 50. Mal. Er, der weltbekannte deutsche Bestsellerautor und Nobelpreisträger, der als Schweizer starb; er, der zusammen mit Stefan Zweig einer der letzten, großen klassisch-romantischen Dichter war (und mit ihm teilt, dass sein Prosawerk mehr Anerkennung fand als seine Lyrik); er, der wie nur wenige Schriftsteller unsere Fantasie unentwegt beflügelte; er, der immer ein Außenseiter war und doch einer, der sich in diesem Zustand einrichten und behaupten konnte.

“Ihr schaffet, bauet, löset Rätsel viel –
Das kann ich nicht. Mich treibt es durch die Welt
rastlos nach einem unbekannten Ziel,
das jeder neue Tag mir ferner stellt.

Ihm also gilt diese Rezension seiner Gedichte.
Denn als Dichter hat sich Hesse immer betrachtet, in einigen Phasen seines Lebens mehr und weniger und schließlich verstärkt zuletzt. Es soll hier nicht behauptet werden, Hesse hätten seine Romane und Erzählungen nichts bedeutet, aber Lyrik war für ihn immer noch die am weitesten reichende Kunstform, die, in der er seinen ganz persönlichen Ausdruck, sein Selbst am allerbesten/-stärksten formulieren konnte, statt seine alter Egos in Romanen Geschichten erzählen, Systeme entwerfen und Erlebnisse verarbeiten zu lassen. Gedichte waren für ihn sofortiger Ausdruck, unmittelbare Kunst.

“Sterngleich ertönen sie gleich Kristallen,
in ihrem Dienst ward unser Leben Sinn,
und keiner kann aus ihren Kreisen fallen
als nach der heiligen Mitte hin.”

Hesse war ein aufgeschlossener Leser und hat, wenn auch gegen vieles in der Moderne eingestellt, auch vieles gewürdigt, was sie hervorbrachte – trotzdem hatte er nicht viel übrig für die Modernisierung der Dichtung. Als Vorbilder vor allem Goethe und Eichendorff, in den Thematiken dann und wann etwas moderner angeregt, geht es in seinen Versen vor allem um zweierlei: Das Zerreisend-Vergängliche und die lyrische Erschließung des Moments.

“Da geht kein Rauschen übers Feld,
Dem nicht mein Horchen nachgestellt
Sehnsüchtig, forschend, unverwandt,
Bis mir sein eig’nster Laut bekannt.”

Sehr beherrschend ist dabei die Figur (das Symbol) der unwiederholbaren Jugend, der nicht mehr zu erreichenden Tiefe und Fülle von einst, die man noch kennt und streift und spürt, doch nicht mehr wirklich trägt und hält. Ein Thema was Hesse in mindestens jedem zehnten Gedicht immer wieder variiert oder anklingen lässt.

“Hinträumend wandelt in die alten Zeiten
und scheu dein stillgewordener Wunsch zurück
zu lang verglühten Träumen, Wonnen, Leiden
und Jugendhoffnungen… Das war das Glück.”

Ganz klar ist Hesse ein Dichter des Ich, einer, der anerkennt, dass man im tiefsten Sinne nur von sich sprechen darf, wenn man andere erreichen will. Das nimmt seiner Lyrik sicherlich hier und da einiges, weil sie oft mehr ein freudiges, denn ein wohl platziertes Reimen inne hat, ein spontanes und stürmisch ausdrückendes, aber es macht sie auch ehrlich und hier und da auf wunderbare Weise vollkommen zugänglich, wie das selbst bei den schönsten Gedichten sonst selten der Fall ist.

“Lange habe ich nun dem Regenlied gelauscht,
tagelang und viele Nächte lang,
wie es schwebend hängt und träumend rauscht,
eingehüllt in ewig gleichen Klang.”

Nahend im Vertonen der manchmal simpelsten und doch wichtigsten Dinge, suchend und Beschreibungen und Eindrücke findend und in Worte fassend, wie sie jenem Bild, was wir von den Dingen haben, beiseite gestellt werden können, für einen Moment, einen Augenblick, einem Glänzen der Schönheit, indem uns die Welt Spiegel und Fenster zugleich.

“Wie still der Baum sein Kindergesicht
Hinunterbeugt und mit sich selber spricht.”

“Ein Tönen ist erklungen
aus dumpfen Erdentiefen her
und hat sich zart geschwungen
ins Reich der Luft und tönet
wie Harfen zart und Glocken schwer.”

Wer sich auf die Lektüre sämtlicher Gedichte Hesses einlässt, der wird vor allem von den Themen der Heimatlosigkeit, den Empfindungen von Rausch und Einwebung, von Traum und Nacht und dem Sonnenuntergang der Jugend begleitet werden. Dann und wann werden auch malerische Langgedichte und Arbeiten, die während der Romane entstanden sind, seine Wege kreuzen, sowie mahnende oder treffliche Zeilen auftauchen, wie diese:

“Das ist die tiefste Lebenslist:
Den Ort auf jedem Wege wissen,
Wo seine Sphinx verborgen ist.”

Dann wieder liefert er einleuchtende, schön gereimte und einfache Versionen jener Ahnung, die ganz tief in der Lyrik verwurzelt ist, was immer ihr Ruf, ihr Versprechen war: das Ewige.

“Wir freuen uns an Trug und Schaum,
wir gleichen führerlosen Blinden,
wir suchen bang in Zeit und Raum,
was nur im Ewigen zu finden.”

“Ich seh nach ewigen Gesetzen segeln
was einst mir wild erschien und frei von Regeln.”

Wenn Gedichte dies alles können, altern sie letztendlich nur im Auge desjenigen, der sie nach ihrer Aktualität und nicht nach ihrem Wert in allen Facetten beurteilt. Hesse hat einige wunderbare Gedichte geschrieben und er sollte als Dichter nicht vergessen werden – als Romancier natürlich auch nicht!
Manchmal sind seine Verse sehr schwermütig, todessehnsüchtig beinahe, dann wieder ist diese erlesene Klarheit enthalten, die man aus seinen Briefen und Buchbesprechungen kennt und schätzt – und irgendwo trifft sich dies beides in seinen besten Versen.

“Leise lösch ich mein spätes Licht,
fiebernde Stunden zu wachen,
und die Nacht hat dein Angesicht,
und der Wind, der von Liebe spricht,
hat dein unvergessliches Lachen.”

Verse voller Lebensdrang und Liebesklang – und doch auf der Suche, wie alle Lyrik, nach dem flüchtigen Schönen, dem Unsagbaren, dass uns gewährt wird jenseits der Erkenntnis der Wörter, in dem was sie auch noch können, ihrem zeitlosen Spiel, dessen Regeln wir wohl nur dann begreifen, wenn wir das Schöne und Vortreffliche einen Moment lang darin sehen, wie wir selbst es verstehen …

“Und so fließt im unterirdisch Dunkeln
ewig fort der heilige Strom, es funkeln
aus der Tiefe manchmal seine Töne;
wer sie hört, spürt ein Geheimnis walten,
sieht es fliehen, wünscht es festzuhalten,
brennt vor Heimweh. Denn er ahnt das Schöne.”

“Das Gefängnis der Freiheit” – Über Michael Ende’s Erzählband


“Wenn es sich aber so verhält, wenn Zeit nichts anderes ist als die Art und Weise, wie unser Bewusstsein eine Welt wahrnimmt, die ohne Zeit ist, warum sollte es dann nicht auch Erinnerungen geben an etwas, das uns erst in naher oder ferner Zukunft widerfahren wird?”
(S. 64)

Ein Geleit durch unerreichbare Länder sind jene Geschichten, die wir phantastisch nennen, und die heute meist dem Science-Fiction oder der Fantasy zuzuordnen sind; doch es gibt auch jenseits dieser Genres phantastische Literatur: Geschichten, die Randphänomene menschlicher Lebenswirklichkeit, wie Träume oder Mystik, unerklärliche Geschehnisse und Zaubertricks, mit einer gewohnten Erzählstruktur verbinden und daraus eine phantastische Erfahrung kombinieren, die nicht allein unsere Vorstellungskraft anspricht, sondern vor allem unser Staunen über die möglichen Untiefen der Wirklichkeit belebt.

Michael Ende, der die phantastischen Welten seiner Kinderbücher immer wieder auf besondere Art mit Facetten unserer wunderlichen und wunderbaren Wirklichkeit zu durchdringen vermochte (indem er z.B. die Realität mit einem phantastischen Element kontrastiere und so nicht nur die Macht der Fantasie, sondern auch die Schönheit der Realität hervorhob, ohne die seine fantasiereiche, gesteigerte Variante ja gar nicht denkbar gewesen wäre – oder indem er seinen Welten trotz ihrer phantastischen Weiten die menschlichen Gefühle und Sehnsüchte zur Seite stellte). Neben seinen Kinderbüchern hat sich Ende auch in einigen Erzählungen, Märchen, Aphorismen und Betrachtungen der Faszination von Wirklichkeit, Wünschen, Spirituellem und Träumen gewidmet.

“dass nämlich zur Erfahrung der Wirklichkeit außer dem Nur-Faktischen auch ein erkennendes Bewusstsein gehört, das dieses Faktische erst realisiert, dann ist es wohl nicht allzu gewagt zu folgern, dass also die Beschaffenheit der jeweiligen Wirklichkeit von der Beschaffenheit des jeweiligen Bewusstsein abhängt. Da letzteres jedoch, wie man weiß, keineswegs bei allen Menschen und in allen Völkern gleich ist, kann man mit Recht annehmen, dass es an verschiedenen Orten der Erde verschiedenen Wirklichkeiten gibt, ja dass an ein- und demselben Ort durchaus mehrere Wirklichkeiten vorhanden sein können.”
(S. 81)

Die Erzählungen in diesem Band sind allesamt der Tradition von erzählten Geschichten verpflichtet, es geht nicht um Zwischenmenschliches, es geht um Lebenswege und Gleichnisse, die sich um das Suchen und Entdecken drehen. Der Protagonist der ersten Geschichte ist ein Mann, der in Hotels rund um die Welt unter der Obhut des Vaters und ein-zwei Dienern aufwächst und ein gedämpftes, unwirkliches Leben fristet, bis er zum ersten Mal zufällig auf jemanden trifft, der Heimweh hat. Heimweh, Heimat, ein Zuhause? – etwas, das er nicht kennt. Aber alle bekommen diese wehmütige Art wenn sie davon reden. Auch wer will so etwas haben und sucht von da an sein ganzes Leben nach diesem Ort…
Während diese erste Erzählung noch in das Gewand einer gewöhnlichen, profanen Lebensgeschichte gehüllt ist, wird der Leser in einer anderen Erzählung in eine geradezu kafkaesk anmutende, totalitäre Schattenwelt geworfen, in der die Lebewesen in unveränderlichen Tagesrhythmen in einem unveränderlichen, unendlichen Tunnelsystem leben; wiederum in einer weiteren Erzählung, befindet er sich in den spirituellen Gleichniswelten des Korans, in denen ein dem Glauben entfallener sich mit dem Gefängnis der Freiheit auseinandersetzen muss. Und dann ist da noch jener Korridor in Rom, der ein physisch gewordenes mathematisches Problem darstellt …

Gute phantastische Literatur bezieht ihre größte Faszination nicht allein aus der reinen Fabulierkunst. Es ist die verschwimmende Grenze, das Abtasten der Wirklichkeit, das die erstaunlichsten phantastischen Erzählungen ausmacht, von Borges über Cortazar, von Lovecraft über Kehlmann bis zu diesen Geschichten Michael Ende. Denn die Wirklichkeit eines phantastischen Textes, einer phantastischen Welt, ist ein eigener Bereich, der aus Elementen der realen Wirklichkeit und der denkbaren Wirklichkeit erschaffen wird und wo die realen Elemente von der phantastischen Wirklichkeit in Beschlag genommen werden, aber umgekehrt auch die phantastischen von den realen. So entsteht eine Ebene, die man geheimnisvoll, rätselhaft nennen würde. Sie grenzt sich von der Realität nur dadurch ab, dass sie erdacht wurde, trägt aber Teile in sich, die durchaus in Bereichen unserer Lebenswirklichkeit greifen könnten, darin präsent sind.

Das ist natürlich mehr die interpretative Seite. Der Leser kann diese Seite ebenso gut mit Genuss ignorieren und diese Erzählungen so lesen, wie Ende sie sicherlich verstanden sehen wollte: als Geschichten mit fantasievollen Zügen, mit Ideen, die eine übergreifende Vorstellung erzeugen können, von der Bedeutung des Glücks, der Vorstellungskraft und vielem anderen. Ende war ein Geschichtenerzähler und er war sicherlich noch mehr als das. Aber allein wegen ersterem lohnt es sich schon, ihn zu lesen – die eigene Fantasie seinen kleinen Welten, Lebensläufen und Parabeln anzuvertrauen.

“Nick & Norah” – eine Reise durch Nacht und Musik


“We all start as strangers.”

Musik und Liebe haben etwas gemeinsam: man kann nur sehr schwer Worte finden, um sie lang und ausführlich zu beschreiben. Oft steckt die Wahrhaftigkeit dieser beiden Phänomene in einem kurzen Satz, einem Wort und noch häufiger einfach in ihnen selbst, als eine Wahrheit, die sie mittragen, ohne sie dir auszuhändigen; sie verbleibt dort, unauslotbar, eine Erscheinung der Wirklichkeit, die zwar wirkt, aber nicht bleibt – dem Kopf nicht zu vermitteln.

Jeder neue Liebesroman ist auch ein neuer Versuch, jene ganz spezielle Wahrheit einer Liebegeschichte zu beschreiben; jede Zeile, die man über Musik jeglicher Art schreibt, ist ein neuer Tanz auf dünnem Eis, fast genauso, als würde man versuchen, Musik zu genießen, in dem man sie kognitiv während des Hörens aufbricht, zu erschließen und in die richtigen Kanäle zu leiten versucht.

Aber nur fast… denn in der Sprache kann es noch gelingen, das man mit einem Mal, für einen Lese-Schritt, für eine Zeile, wirklich weiß, was der Autor meint – diese eine Zeile reißt einen dann mit, über weitere 10, 20, 30 weitere Sätze. Und man liest sich selbst die eignen Sehnsüchte, Gedanken und Erinnerungen von der Seele – und erschließt sich dabei ein Stück von den Weisheiten des Lebens. Auf denen mag stehen: Vorsicht – flüchtig. Aber selbst das was flüchtig ist, kann einem der Moment, in dem man liest und liest und erkennt, nicht nehmen.

“Die Seele hat ihr eigenes Ohr und manchmal ist die Erinnerung der gnadenloseste DJ aller Zeiten”

Alle meine Rezensionen zu Büchern sind nicht nur Empfehlungen und Besprechungen, sondern auch Meditationen zu den Themen, dem Tempo, der Sprache, der Botschaft eines Werkes. Als solche können die oberen beiden Abschnitte gelesen werden. Nun eine etwas sachlichere Ergänzung.

Wegen seiner unkonventionelle Erzählungen einer Liebesgeschichte in Das Wörterbuch der Liebenden, die mir sehr gut gefallen hat, war mir David Levithan schon ein Begriff – zusätzlich noch, weil er ja auch ein Buch zusammen mit John Green geschrieben hat, dessen Werke ich ebenfalls sehr schätze. Ich lese immer mal wieder gerne Jugendbücher – warum, diese Frage habe ich in meiner Rezension zu Die erste Liebe nach 19 vergeblichen Versuchen auf Amazon.de beantwortet; trotzdem sei hier erneut gesagt, dass ich glaube, dass Jugendbücher Erfahrungen bereithalten, die wir über unser ganzes Leben nicht vergessen sollten.

“und da hab ich mich nur noch wie eine Feuerwerksrakete gefühlt.”

In zwanzig Kapiteln (die ungeraden gehören Nick, in den geraden erzählt Norah, immer abwechselnd) begleiten wir die zwei durch die Nacht und die Clubs von New York City. Worum es geht, ist von Anfang an klar: es geht um die Liebe und um die Musik – und darum, dass man sich in beiden verlieren, aber auch finden kann. Beides leichter gesagt als getan, unentwegt passiert das eine wie das andere, scheinbar ohne, dass wir etwas daran tun können; schließlich sind wir, wer wir sind, die Musik ist, was sie ist. Das Leben ist, was es ist.

Manches kann man teilen, das andere nicht. Manches ist kompliziert, manches einfach – und manches, manches ist schöner als man glauben kann und manches gelingt nie, obwohl es anderen gelingt.

Und darum geht es doch, in der Musik und in der Liebe: um das, was den Glauben übersteigt. Es geht nicht darum “Wissen” zu werden oder “Gewissheit”. Eher darum etwas zu befühlen und zu erfahren, wie es sich anfühlt.

Auf dem Weg zu ein paar kleinen Erkenntnissen, reisen Norah und Nick durch die Nacht. Sie kommen sich näher, entfremden sich, lachen und reden, hören Musik, erleben und spüren, denken und erzählen. Der Rest: den muss man Lesen. Denn soviel sei gesagt: Auch sprachlich hat dieser kleine Roman den einen oder anderen genialen Riff drauf.

“Ich schaue nach oben, versuche, hinter dem Wolkenkratzer ein Stück vom Nachthimmel und am Nachthimmel einen schimmernden Stern zu entdecken, und als mir das nicht gelingt, schließe ich die Augen und versuche, mir auf meine Augenlider selbst einen Stern zu zaubern, und ich bin froh, dass Norah in diesem Moment Augenblick nicht meine Gedanken lesen kann, denn ich bin mir nicht sicher, ob ich will, dass irgendjemand von mir solche Sachen weiß.”

Warum wir lesen? Ich glaube, ich werde diese Frage nie beantworten können, während ich vor diesem Bildschirm sitze, oder während ich mit anderen irgendwo zusammensitze – und wenn, dann nur unzureichend. Ich könnte es immer nur sagen, wenn ich gerade vor einem richtig tollen Buch sitze. Doch dort bin ich mit mir allein und das ist gut so. Denn im Lesen geschieht mehr, als die Sprache wieder herausklauben könnte. Andeuten, ja das kann man und ich hoffe, dass die Andeutung ankommt, wenn ich abschließend sage, dass ich Nick & Norah für einen lesenswerten Jugendroman halte – kein Meisterwerk, aber eine kurzweilige Fuge in meinen Leseerfahrungen, die ich nicht missen möchte. “Atemlos”, nannte ein anderer Rezensent das Buch. Dem kann man zustimmen, auch wenn nicht das ganze Buch dieser Idee folgt. Es gibt auch sehr ruhige Stellen und ein paar die wiederum zum Schießen sind. Es gibt Stellen, wo alles Musik ist und dann wieder welche, wo alles fast süßlich ist, dann wieder kommt die Melancholie, dann die Zurückgezogenheit, dann der Überschwang, dann gehen die beiden Protagonisten wieder in einen filmreifen Schlagabtausch. Und das ist letztlich die Besonderheit des Buches, dass es einen die Intensität von Gefühlen in der Nacht nachempfinden lässt, auch von Enttäuschung oder Liebeswunsch oder simpler Freude am Gespräch – dass es seinen Ton, seine Windungen, sein Tempo sehr gut nach der Erzählung richtet, nach der Stimmung, die die Geschichte gerade betritt – einen wirklich durch diese Nacht, mit allen Höhen und Tiefen trägt. Diese eine Nacht. Was will man mehr?

Zum Schluss drehen wir die sprachliche Musik dieses Buches noch mal voll auf und lassen sie für sich selbst sprechen:

“Mein Herz schlägt schneller. Ich bin. Hier und jetzt. Ich bin. In der Zukunft. Ich umarme sie. Wir sind. Und wollen, fühlen, begehren, wissen, hoffen, alles wird eins. Wir sind die, die das Ding, das alle Musik nennen, mit dem Ding, das alle Zeit nennen, zusammenbringen. Wir sind das Ticken, wir sind das Pulsieren, wir sind die, die in diesem Augenblick alles vorantreiben. Es gibt nur uns in diesem Augenblick. Für eine Ewigkeit. Kein Publikum. Keine Instrumente. Nur unsere Körper, unsere Gedanken, unser Flüstern, unsere Blicke. Das ist die Musik, die größer ist als alles.”

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*diese Rezension ist bereits auf Amazon.de erschienen