Tag Archives: Marz

Zu “Jennifer Blood I – Selbst ist die Frau”


Jennifer Blood I Wäre Jennifer Blood ein Film, würde er wohl niemanden hinter dem Ofen hervorlocken, schließlich gibt es schon einige von dieser Machart: Frau/Mann rächt den Tod von Liebsten/nahen Verwandten, in dem sie nach und nach alle Killer*innen und Mitverschwörer*innen umbringt, schön der Reihe nach, möglichst erbarmungslos und rücksichtslos, unbeirrt, manchmal mit ihren eigenen Waffen, in ihren eigenen Umgebungen, dabei stets die Souveränität in Person. Uma Thurman lässt grüßen. Garth Ennis zieht das Ganze nicht wirklich neu auf und liefert solide Kost, mit vielen kleinen Bösartigkeiten und Gags.

Zusätzlich zu ihrem Rachefeldzug führt Jen (alias Jennifer Blood) noch ein Doppelleben: sie hat einen braven, vogelverrückten Mann und zwei Kinder im Grundschulalter, die allerdings im Verlauf der Ausgaben #1-6, die in dieser deutschen Edition zusammengefasst sind, nur als idyllische Kontrapunkte zu ihren nächtlichen Racheakten eine Rolle spielen, wirklich viel Persönlichkeit haben sie nicht. Jen will ihnen eine liebende Mutter/verlässliche Frau sein, doch in der Woche, in der wir sie begleiten dürfen (der Off-Text ist in großen Teilen ein Tagebuch, das Jen über den Fortgang ihre Racheakte führt) ist sie trotzdem jede Nacht unterwegs, um einen weiteren ihrer “Onkel” zu töten …

Wieso es Onkel sind und warum sie es auf sie abgesehen hat, erfahren wir Stück für Stück und erst ganz am Ende ergibt sich ein vollständiges Bild. Es ist zwar nicht direkt raffiniert, aber schon ordentlich, wie Ennis die einzelnen Kapitel und gleichsam den größeren Bogen inszeniert (er greift dabei auf manch altbewährte Schnörkel zurück, so haben bspw. die einzelnen Tage jeweils einen Songnamen als Motto). Er nimmt sich, wie bereits erwähnt, immer wieder Zeit für ein paar morbide Späße oder erschafft Gelegenheiten, in denen Jen ihre toughness einmal mehr unter Beweis stellen kann.

Psychologisch können der Charakter Jennifer Blood und der Verlauf der Handlung nicht wirklich überzeugen, dafür wirkt alles zu aalglatt, für Ambivalenzen bleibt zu wenig Raum. Dafür steigert sich die Serie, fachgerecht, mit jedem neuen Heft in Sachen Explosivität und Gewaltpotenzial – spätestens ab #3 ist es nichts mehr für schwache Nerven.

Graphisch sind die ersten drei Hefte mit Adriano Batista gelungen, gut schattiert und kantig, Marco Marz vierten Teil mit feineren Linien finde ich allerdings am besten, Kewber Baals Teile #5 und #6 sind eine Art Kompromiss aus den Stilen seiner beiden Vorgänger.

Alles in allem: wer eine fetzige, stylische und vor Kugeln und Blut nur so knallende Serie mit einer Powerfrau in der Hauptrolle sucht (die einen Fetisch für Waffen und coole Outfits und keine Scheu vor jeder Art von Gewaltanwendung hat), dem kann man Jennifer Blood wohl bedenkenlos empfehlen. Abgesehen von dieser soliden Kost und einem guten Aufbau bietet die Story allerdings wenig Eigenständiges, die Heldin hat keinen Knacks, es gibt keine Höhepunkte, hauptsächlich Prozedere, auch keine spannenden oder interessanten Wendungen. Graphisch ist alles gut bis sehr gut.

Fazit:

Lesenswert:
🌟 🌟 🌟
Grafik:
🌟 🌟 🌟 🌟
Story:
🌟 🌟 🌟
Aufmachung:
🌟 🌟 🌟 🌟 (leider löste sich bei mir sehr früh ein Teil der Seiten vom Einband)