Tag Archives: Matthias Engels

Besprechung zur Anthologie “Mein durstiges Wort gegen die flüchtige Liebe”


Wunderbare Anthologie, erschienen beim Elif Verlag, besprochen bei Fixpoetry

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Zwei neue Besprechungen


Auf signaturen-magazin.de und fixpoetry zu:

John Burnside: Anweisungen für eine Himmelsbestattung

Und der 7. Ausgabe der Literaturzeitschrift Sachen mit Wörtern

Drei neue Veröffentlichungen


Das Nachwort, das ich für Matthias Engels Gedichtband “eremiten in wohngebieten” verfasst habe, kann man auch online nachlesen auf lyrikwelt.de  – Link

Außerdem besprochen auf fixpoetry: die grandiose 70. Ausgabe der Edit – Link

Und schließlich ist heute ein Gedicht von mir der “Text des Tages” – Link

Zu Matthias Engels Debüt: “Spiegelschrift”


“Diese Geschichte leidet an Glasknochen.
Ein zerbrechliches Gerüst. Was ist ein Spiegel letztlich anderes als eine Glasscheibe, zerbrechlich, hinten mit einer dünnen Silberschicht?! Ein Spiegel zerbrechen bringt sieben Jahre Pech. Diese Figur muss mir ähneln, sie steht schließlich vor dem Spiegel, dem Medium, das Dinge sichtbar macht, so wie bei der Spiegelschrift unsinnige Girlanden erst durch den Spiegel lesbar werden. Richtet man den Blick fest auf den Spiegel und schaut streng geradeaus, liegen die Dinge, die sich hinter einem befinden, weit for einem. Streckt man die Hand aus, um danach zu greifen, stößt man an die kalte Scheibe des Spiegels.”

Matthias Engels erster Roman (er hat schon zwei weitere geschrieben, wovon einer sich mit Thomas Mann und seiner Schaffenskrise (“Mann im Schatten“) auseinandersetzt – welchen ich auch sehr gelungen fand – und  Springprozession: ein ländliches Roadmovie) ist eine komprimierte Familienchronik. Über drei Generationen nehmen wir Teil an der persönlichen Mythologie, dem Leben und Sterben ihrer Mitglieder, von der Nachkriegszeit bis ins Jahr 2005. Immer wieder können wir in diesem Mikrokosmos dieselben Sachen beobachten und doch hat alles, wenn auch nur kurz, eine eigene Geschichte.

“Wie verrückt das ist, denkt Martin bei sich. Nichts ändert sich daran, immer finden sich zwei und tun sich zusammen. Und dann machte eins und eins plötzlich drei und dann vier und vielleicht noch mehr und alle fühlen sich, als hätten sie das erfunden, dabei ist es immer schon so gewesen. Und alle diese Kinder werden groß, finden ihre Eltern peinlich und tun doch das Gleiche wie sie und denken, sie hätten es neu erfunden.

Da es ein Debüt ist, sollte man vor allem das Positive bezeichnen und auf die Schwächen nur nebenbei hinweisen. Was einen, wenn man das Buch weglegt, nicht direkt verlässt, ist die Atmosphäre. Es sind nicht die Personen, die mit gutem Schliff zu moderaten Figuren einer Geschichte, aber nicht zu unvergleichlichen, bleibenden Charakteren geworden sind, sondern die Stimmung, das stilistisch gekonnt angebrachte Netz des Gewöhnlichen und Alltäglichen, das sie alle abdeckt, und was dem Roman seinen eigenen Ton verleiht, eine Umfassung, die auch nach der Lektüre als eine Idee von Generationen und Alltag zurücklässt. Auf vielen Seiten und über weite Strecken hatte ich das Gefühl, Engels würde uns hier eine wahrhaftige Familiengeschichte erzählen, aber nicht individuell gefärbt, sondern vollends nach Tatsachen, ohne eingehende Ausschmückungen, im Deutschen Westfalen Mittelland.

Die Charaktere wirken über weite Strecken sehr schweigsam und unpersönlich, was auch an der Kürze liegen mag und doch waren sie lebendig, ohne eben besonders plastisch zu sein – lebendig wie ein Mensch, den du nie getroffen hast, der aber dennoch existiert und sein Leben lebt. Es war einfach im ganzen Buch dieses Gefühl, als würde man miterleben, wie das Leben vorbeizieht, wie manches passiert und anderes nicht, wie die Zeit sich dehnt und dann wieder springt.

“Wilhelm war überhaupt nicht enttäuscht, dass es wiederum ein Mädchen geworden war. Mädchen heirateten irgendwann, und wenn man Glück hatte, war der Schwiegersohn nicht nur wohlhabend genug, um die Tochter zu ernähren, sondern es fiele auch noch etwas für die Schwiegereltern ab. es gebe schließlich genug reiche Bauern hier und alten Adel. Gertrude war für Anette, aber Wilhelm wollte keinen Namen einer adligen, frigiden Jungfer. Er fand Hilde passte ohnehin besser zu Helga. Helga und Hilde, Gertrude dachte, das klänge wie bei Goebbels, willigte aber letztendlich ein.”

Natürlich gibt es auch andere Momente. Da ist zum Beispiel ein Tischtennisspiel, wunderbar geschildert, einer der Höhepunkte des Buches – was einem dann wieder wie eine wertvolle Erinnerung scheint, von denen man selber ein paar mit sich herumträgt: Bilder, Gefühle und Szenen, die einfach nie aus dem Gedächtnis verschwinden, als würden sie in jedem Herzschlag mitschlagen. Und es lässt sich dabei auch nicht leugnen, dass man nach diesem genau fixierten, lebendigen Bild etwas widerwillig in den Trapp der Zeit zurückkehrt. Denn die Zeit ist der größte und stärkste Faktor des Buches. Sie rast, hält, fliegt und schlittert. Manchmal ist man plötzlich 5 Jahre weiter, manchmal wird das Ganze erst knapp geschildert, um dann weit voraus zu greifen.

Als abschließendes Resümee würde ich sagen: Es ist ein bemerkenswertes Debüt und wer sich auf die Art des Erzählens einlassen kann, der wird sie als geradezu hautnah empfinden. Es ist nicht ein Roman, bei dem man wünscht er würde nie aufhören. Aber es ist einer, den man am Ende in der Hand hält und mehr darin sieht als ein Buch. Eine Geschichte wohl. Und zwischen all den eingeflochtenen Witzen und dem ewigen Motiv von Spiegel, Selbstbild und Reflexion, findet man womöglich -sogar- ein Stück unzerstörbarer Erinnerung.

Link zum Buch

*diese Rezension ist in Teilen schon auf Amazon.de erschienen