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Zu Paul Austers “Im Land der letzten Dinge”


Rezension zu Paul Austers “Im Land der letzten Dinge”

“Some say the world will end in fire,
Some say in ice.
From what I’ve tasted of desire
I hold with those who favor fire.
But if it had to perish twice,
I think I know enough of hate
To say that for destruction ice
Is also great
And would suffice.”
Robert Frost

Dystopien sind, obgleich in der erzählenden Literatur keine völlig unbekannte Größe, nach wie vor eine seltene Erscheinung – wenn man davon absieht, dass große Teile der in Werken des Sci-Fi-Genres geschilderten Zustände als Dystopie durchgehen können, je nachdem, wie man sie auslegt, einfach, weil ein Blick in die Zukunft, der nicht konsequent utopisch ist, auch immer besorgniserregende Entwicklungen und daraus resultierende Effekte, die von Ansätzen unserer heutigen Zeit ausgehen, mit einbeziehen muss. Furcht und Argwohn sind die mächtigsten Triebfedern, die uns in ferne Zukünfte (vor allem abseits unserer eigenen Lebensspanne, mit Blick auf das Schicksal der Menschheit insgesamt) blicken lassen.

Ist eine Dystopie also konsequent eine Warnung, da sie, ganz gleich ob sie als Ich-Geschichte erzählt werden vermag, stets eine Geschichte von uns allen ist, die wir die Dystopie, die der Autor der Geschichte entwirft, nicht verhindert haben? Kann ein Roman über solch ein Thema überhaupt etwas anderes sein, als eine Betrachtung bereits vorhandener/aufkommender gefährlicher Aspekte, Ansätze und Probleme, mit den Mitteln der Vorausschau in ihren Ausformungen verdeutlicht? Ja, denn mit “Im Land der letzten Dinge” hat Paul Auster, wie schon Albert Camus mit “Der Pest” (diese Bücher gleichen sich zwar nicht in festzumachenden Punkten, aber ihre Idee, die existenzialistische und schlichte Form, ist durchaus verwandt) ein Beispiel für eine andere Art von dystopischer Erzählung vorgelegt: plastisch und sehr menschlich, in Verlorenheit noch von Gefühlen sprechend und meist näher an der Wirklichkeit des Menschen als an der Wirklichkeit der dystopischen Welt: Paul Auster ist in diesem Werk nicht mehr und nicht weniger als ein spannender Roman über die conditio humana in einer endzeitlichen Welt gelungen.

Man darf sich dieses Buch gar nicht so sehr metaphorisch, sondern als sehr greifbar vorstellen. Eine Theorie oder Botschaft mithilfe eines Romanhelden, der in die ungeheuerlichen Systeme eines dystopischen Staates oder einer solchen Welt gerät, zu forcieren ist die eine Sache, aber das ist nicht Austers Anliegen. Er geht in seinem Buch über den Rahmen hinaus, nutzt seine Imagination des Landes der letzten Dinge nicht, um eine Parabel oder eine Warnung zu präsentieren. Ihn interessieren schlicht die Folgen, eine vielfältige Idee des Überlebens in so einer Welt – ja, ihn interessiert die Frage nach Überleben/Existieren überhaupt. Was brauchen wir zum Leben? Liebe, Besitz, ein Ziel, Hoffnung, eine Arbeit, Ordnung, Sicherheit? Alle diese Aspekte werden während des Romans einmal auftauchen, sind aber in die Geschichte der Überlebenden, die einen Brief (pro forma, eigentlich ist es kein Brief, weil sie ihn nicht abschicken kann) an einen Freund in Europa schreibt (die dystopische Region/Stadt liegt in Amerika), eingewoben, werden von ihr gelebt und nicht schematisch angebracht.

“Manchmal denke ich, wenn es die Dunkelheit nicht gäbe und die seltsamen Nächte, die sich über uns senken, würde der Himmel ausbrennen. Die Tage enden zwangsläufig genau dann, wenn die Sonne die von ihr beschienen Dinge ausgelaugt zu haben scheint. Nichts wäre der Helligkeit mehr gewachsen. Die ganze unglaubhafte Welt schmölze weg, und damit hätte es sich.“

Desto barer die Existenz, umso mehr treten wesentliche Züge des Menschen, im Miteinander und allein, hervor. Natürlich Misstrauen, Zorn und Überlebenswille, aber, und das schildert Auster schlicht und doch wahrhaftig, auch Emotionen wie Liebe, das Staunen über Umgebung, Naturschauspiele und die erhöhte Wahrnehmung für die Geschehnisse. Es gibt keine Ablenkungen mehr, weder Fernsehen, noch Unterhaltungsshows – selbst das Schreiben eines Buches wird zur reinen Existenzverdeutlichung, ebenso wie der Beischlaf. Diese Details fängt Auster ein. Überhaupt ist er beim Beschreiben seiner Welt sehr auf einen Ausgleich zwischen Erlebnis und Information bedacht, was wiederum die Ich-Erzählerin glaubwürdiger macht, da beide Beweggründe ihrer Niederschrift dadurch hervortreten: Bericht/Dokumentation einerseits und das persönliche Ausdrucks-/Mitteilungsbedürfnis andererseits.

“Was mir merkwürdig vorkommt ist nicht, dass alles in die Brüche geht, sondern dass so vieles sich erhält. […] Vielleicht ist das die interessanteste Frage von allen: was geschieht, wenn nichts mehr da ist, und ob wir auch das überleben oder nicht.”

Austers Buch ist teilweise unentschlossen, in vielen Passagen sehr einfach, nie übermäßig soghaft oder spannend, aber gerade deswegen unerhört glaubwürdig. Es ist immer gefährlich, einen Ich-Erzähler sprechen zu lassen und ebenfalls nicht unbedenklich, dem ganzen Buch die Form eines Briefes zu geben. Doch während Auster sich von letzterer Eingrenzung nichts diktieren lässt, hat er die Problematik des Ich-Erzählers mit seiner nahen und uncharakterisierten Erzählweise in Luft aufgelöst. Wir sind stets im Geschehen, wir sehen diese Welt mit den Augen der Erzählerin. Da ist kein auffälliger Komponist im Hintergrund, der unsere Blicke auf die wesentlichen Konflikte und Problematiken lenkt – sowohl wichtiges, als auch scheinbar unwichtiges wird berichtet, betrachtet, erwähnt und skizziert, im Gefühl, in der Wahrnehmung der Protagonistin. Wir lernen, was es heißt, in ihrer Welt zu leben, die Fragen dieser Welt zu stellen, die Mechanismen dieser Welt (am eigenen Leib) zu erfahren, die Emotionen dieser Welt zu spüren, ihre Wirklichkeit zu ahnen. Das ist sicherlich nicht die ultimative Auslegung eines dystopischen Romans – aber in jedem Fall ist es ein kleines Meisterwerk erzählerischer Tradition, das ich nur empfehlen kann.

Ein stiller Dichter der Seelsorge : R.S. Thomas


“Sie sind weiße Nachtfalter
die Flügel
aufgeschlagen
über dunklem Wasser
als wollten sie fliegen,
doch aufgehalten
von ihren zarten Bildern
in seinen Mahagoni-Tiefen.”
-Aus dem Gedicht “Alpenveilchen”-

Der Titel dieser Werkauswahl von Gedichten des walisischen Dichters und anglikanischen Priesters R.S. Thomas – dessen Werk sich der Babel-Lyrik Verlag mit besonderem Aufwand angenommen hat (noch vier Gedichtbände sind dort bereits erschienen) – könnte nicht verfänglicher sein. Denn man könnte nun surreale, aber auch barocke, oder gar epische Psalmen\Gesänge\Insignien\ erwarten, doch nicht diese eher kurz gehaltene, sehr einfach inspirierte und doch tiefe Gedankenlyrik, die einem dann auf den wenigen Seiten entgegentritt. Nur ein einziges Gedicht ist (bei großem Druck) länger als eine Seite; meist sind es nur 8 oder 12 Zeilen. Zeilen in denen es auf sehr engem Raum um die Schönheit und das Sein geht und um ihrer beider Heimsuchungen.

“Ich sitze in der Vermittlung
der Fernmeldeämter der Menschen
aller Zeiten und empfange ihre Botschaften,
ob ich will oder nicht. Liebst
du mich?, schreien die Stimmen.
Und es gibt keine Antwort; es gibt
nur die Verträge und Machtübernahmen
und die Vision von verschränkten
Händen über dem unruhigen Blut.”

Fragen spielen eine zentrale Rolle in dieser kurzen Lyrik, existenzielle Fragen und doch auch die, die sich jeder stellt. Außerdem ständig anwesend: die Beschaffenheit des geistlichen Lebens und des Glaubens – Dinge bei denen Thomas wenig zu sagen hat, die er aber auf so schlichte und nachempfundene Weise schildert, dass sie kaum mehr etwas sakrales haben, sondern etwas ausgesprochen menschliches.

Insgesamt ist hier eine sehr gute Auswahl enthalten. Und manches Gedicht, ist, außerhalb von Form und Farbton, einfach anrührend aus dem Leben gegriffen. So jener 8zeiler, in dem ein alter Mann sich fragt, ob er mit einem jungen Mädchen tanzen soll und darf. Oder eine sehr entschiedene und menschliche Anteilnahme an dem Schicksal Gottes.

Es ist es die Kunst des Dichters, immer die richtigen Fragen zu stellen (wenn auch nur ganz still für sich allein) um dann Verse an die Antworten zu legen. Thomas nun stellt hauptsächlich die Fragen, auf das wir die Antworten selber finden. Und warnt uns gleichzeitig vor dem Verhängnis, dass eine zu einseitige Antwort hervorrufen kann. So bleibt seine Lyrik in der Schwebe, so wird sie zum Gruß an das Lyrische, das jeder Situation innewohnt und doch nur ein Spiel ist mit der Wirklichkeit, die sich nicht hinter, sondern vor der Welt befindet.

“Wohin sich wenden, ohne zu Stein
zu werden? Von der einen Seite
starrt die Medusa der Geschichte,
von der anderen die Liebe

an ihrem Kreuz. Während das Herz
sich füllt nicht mit dem Licht
aus dem Kopf, sondern mit den Schatten,
den zu viel solchen Lichts wirft.”

Link zum Buch

Ein menschlicher Dichter – zur neuen Ausgabe der Milosz Gedichte bei Hanser


“Es ist gewiss eigentlich nicht statthaft,” bemerkte Kipling, “einen Dichter zu lieben, weil er spricht, wie man selber gerne spräche. Es mag darin nämlich mancher eine Schwäche sehen, sich immer dem Vertrauten zuzuwenden, wenn er auch das Neue oder sogar das Konträre entdecken könnte. […] Dies geht von der falschen Vorstellung aus, nur das Neue, Andersartige könne uns bereichern […] obwohl ja auch eine gute Maschine nicht aus allen Teilen gebaut wird, die man bekommen kann, sondern nur mit den Teilen, die für die Funktion unerlässlich sind, wobei zusätzliche Teile entweder Zierde sind oder Hindernis – in jedem Falle überflüssig. […] Was dabei eben oft übersehen wird ist die Tatsache, dass man sich nicht nur erweitern, sondern auch vertiefen kann. […] Ich glaube, dass derjenige in der Welt am wenigsten Schaden anrichten wird, der weiß wer er ist und wo er steht.” (Kipling, Essay on Criticism)

“Keine Sprache genügt der Schönheit.”

Ich wählte dieses Zitat von Kipling als Einstieg für diese Rezension, weil es (abseits der vielen Ansatzpunkte für Kritik und Diskussion) einen Gedanken enthält, den ich mit dem Werk von Milosz immer Zentral in Verbindung gebracht habe. Seit Jahren besitze ich die Auswahl seiner Gedichte aus der Bibliothek Suhrkamp, hatte bisher jedoch immer nur einzelne Gedichte und Passagen gelesen und mich nie ganz in ihn vertieft; er war für mich einer der wenigen Dichter, denen ich mich nicht mit Gedanken an das Gesamtwerk genähert habe, sondern die ich als Gesprächspartner aufsuchte, die ich als Möglichkeit betrachtete, die Stimme eines Dichters im Ton eines Freundes reden zu hören. Einem Freund, der keine Abstraktionen hinblättert, sondern mir Ideen eingibt, Ansichten, Bilder und Fragen, Meinungen und Streiflichter. Anders gesagt: In der Poesie von Czeslaw Milosz fühlt man sich wie ein werdender Mensch, der noch nicht fertig sein muss (ein Gefühl, was einem sehr wenige große Dichter geben). Ihm geht es um die eigene Bestimmung, den wirklich eigenen Blick und den Weg dorthin, der nie ein Ende findet.

Und er zelebriert nicht nur die Dinge für sich selbst – er lässt auch Dinge in seine Gedichte eintreten, gegen die er dann bis zum Schluss des Textes ankämpfen muss; Kämpfe, bei denen er die Regeln nicht bestimmen kann und in deren Verlauf er nur die Sprache hat, um zu agieren, zu widerstehen, und sich, die Poesie und das Glück zu verteidigen.

“Aus der Vorhölle für ungetaufte Jünglinge und Tierseelen

Soll ein toter Fuchs erscheinen und er soll Zeugnis

ablegen gegen die Sprache.”

Direkt zu Anfang möchte ich anmerken, dass Milosz nicht auf ein Zitat festgelegt werden kann und somit auch nicht auf eine einzelne Ausdrucksweise. Alle Beispiele hier sollen einen kleinen Eindruck der Vielfalt aufzeigen und keine repräsentativen Klarheiten schaffen.

Für repräsentative Klarheiten ist Milosz sowieso der falsche Dichter. Im Zusammenhang mit vielen Dichtern, die ich gelesen hatte, habe ich später in Besprechungen den Ausdruck “menschliche Poesie” verwendet, wenn ich eigentlich humanistische Prinzipien, eingebundene Anteilnahme oder subtile Nähe zum Leser meinte. Auf Miloszs Poesie passt diese Bezeichnung allerdings am besten; menschlich im Sinne von: unperfekt, stimmungsabhängig, ambivalent, bekennend, gefühlsbestätigend, nachdenklich, mit Gedächtnis und Gewissen operierend.

“Auf diesem selben Marktplatz

Verbrannte Giordano Bruno,

Das Feuer, geschürt vom Henker,

Wärmte die Neugier der Gaffer.”

1911-2004. Eine beachtliche Lebenspanne, in einem Jahrhundert voller Tod und vieler rapider Entwicklungen, die vor allem eins erhöhten: Die Undurchschaubarkeit der Welt und ihrer Systeme. Nachdem die Zeitalter davor das Ich stark in den Fokus gerückt hatten, war genau dieses Ich nun dabei, im Kampf der Ideologien und Zukunftsaussichten zu verschwinden.

Diese Unklarheit über den Wert des Ich, des Selbst, des Einzelnen: bei Schriftstellern, die nicht den Ideologien ihrer Zeit anhingen und sich trotzdem mit ihr befassen wollten, musste diese Problematik zwangsläufig (mit) zum Thema werden. Dabei ist, von sich selbst zu sprechen, in der Lyrik von jeher ein Risiko, wenngleich auch eine Chance.

“Der Vorteil der Poesie ist, dass sie uns daran erinnert,

wie schwer es ist, man selbst zu bleiben,

denn unser Haus steht offen, die Tür ist schlüssellos,

und unsichtbare Gäste gehen ein und aus.”

Ich bin der Ansicht (die manchen vielleicht seltsam erscheinen mag), dass das Leben eines Dichters zwar viel mit den Wesensinhalten seiner Gedichte zu tun hat, man aber von den Gedichten auf die Biographie schließen muss, und nicht umgekehrt. Anders gesagt: Man sollte Gedichte nicht nach Aspekten durchsuchen, die man zuvor in der Biographie gefunden hat, sondern lieber die Gedichte lesen und sich nachher über den biographischen Hintergrund des Gedichtes informieren. So wirkt das Gedicht als erstes, aus sich selbst heraus, und durch die zusätzlichen biographischen Daten wird dieser Eindruck eventuell noch klarer, evidenter – wenn man es umgekehrt handhabt, sieht man im Gedicht vielleicht nur die Bestätigung der Biographie und nicht den eigenen, tieferen, komplexeren Ausdruck.

Gerade bei Milosz, der in seine Gedichte seine Verzweiflung, ebenso wie seine Hoffnung legte (zwei Gefühle, so stark auf den Moment ihres Empfindens fokussiert, dass man sie in einer Biographie nicht wirklich auffinden oder nachvollziehen kann) ist diese Herangehensweise empfehlenswert.

Deswegen werde ich mich auch nicht weiter über seinen Lebenslauf auslassen (zumal Adam Zagajewski ein hervorragendes (zum Teil auch sehr biographisches) Nachwort zu diesem Band verfasst hat).

Zahlreiche frühe Gedichte von Milosz handeln vom Krieg, dem Warschauer Ghetto, seiner Verbindung zu und Sicht auf die Taten & Geschehnissen dieser Zeit. Die meisten Gedichte streifen jedoch in seiner persönlichen Geschichte; die natürlich, da er ein Dichter ist, sich oftmals mit den großen Geißelungen der Zeit konfrontiert oder vereint sieht.

“Wie soll ich leben in diesem Land,

Wo der Fuß über die Knochen

Der unbestatteten Nächsten stolpert?

[…]

War ich denn dafür geschaffen,

Klagelieder zu singen?

[…]

Lasst doch

Den Dichtern den Augenblick der Freude,

Sonst geht eure Welt zugrunde”

Die schmerzliche Erkenntnis, nicht schreiben zu können, was man will, weil es Dinge gibt, die man beschreiben muss, die also mehr Realität haben, als ein Gedicht, das sich nicht mit ihnen beschäftigt, jemals haben könnte… Der Dichter: als Warner oder als Künstler? In Milosz Werk sieht man die Schwierigkeit, beides auf einen Nenner zu bringen: Das Abbilden der Gegenwart, also auch das Bekenntnis zur eigenen Geschichte, und gleichzeitig das Aufgreifen der ewigen Themen der Dichtung, der Versuch, Sprache zu einer Epiphanie und nicht nur zu einer Dokumentation werden zu lassen.

Die Geschichte ist eben nicht alles, aber manchmal schafft sie es, die Menschen für sich zu verpflichten. Und der Dichter weiß, dass er eine komplette Okkupation nur verhindern kann, wenn er sich mit ihr auseinandersetzt – er weiß, dass es Dinge gibt, die Vorrang haben, vor seinen Ideen von Idylle, Farben und Genie. Einfache Dinge, elegische, schwierige Dinge; Gedanken, Bedenken, Geständnisse; Ansagen, Wiederworte, Wünsche.

Milosz ist auch deswegen ein großer Dichter, weil er sich trotz seiner regen Beschäftigung mit Zeitgeschichte und Ethik, nie davon vereinnahmen ließ. Er fand einen Mittelweg, eine Möglichkeit Farben und Ideen anzurufen und dennoch zu bedenken und zu berichten. Seine Verse sind selbstbezügliche Studien – Ansichten, die dem eigenen Ich vorgetragen werden und aus seiner Gedankenwelt, zusammen mit den Worten, den Raum für ein Gedicht erschaffen.

“Was ist die Poesie, wenn sie weder Völker

Noch Menschen rettet?”

Ein sehr direkter Ausruf – eigentlich zu wage für einen Diskurs und zu groß für viele Lyriker, die um solche einwandfreien Fragen eher einen Bogen machen. Aber Milosz ging es darum, ob es in seinem eigenen derzeitigen Gemütszustand, in den Umständen seines derzeitigen Gedichtes, eine wichtige Frage war, eine Frage, die hineingehörte in die poetische “Aufregung” seiner Zeilen und zu dem Selbstverständnis seines Textes. Das macht seine Verse authentisch, ehrlich, manchmal auch etwas willkürlich. (eine unwillkürliche Willkür – und das ist nicht nur ein essayistischer Stilsalto.)

Überhaupt ist Milosz ein sehr unstrukturierter Autor, für einen Lyriker. Trotz Intelligenz und Gespür merkt man bei ihm wenig Formwillen – nur einen schlichten, der die Worte nach der Art zusammenbringt, dass sie die Form eines Gedichtes annehmen, dass sie eine poetische Wirksamkeit beziehen, aber keine Umbrüche, keine Formung, die das Gedicht schon deutet, seine Ausgestaltung mitdiktiert.

“Ich war ein Instrument, ich lauschte, traf eine Auswahl

der Stimmen aus dem stammelnden Chor und

übersetzte sie in klare Sätze mit Punkt und Komma.”

 […]”Wir suchen nämlich nicht das Vollkommene, wir suchen

das Resultat von unaufhörlichem Streben.”

Bei all dieser “Un”beschaffenheit, zu der seine Poesie tendiert, ist doch jedes Glied seiner Gedichte von vollendeter Klarheit – worunter nicht hoch hinaus gefaltete Schönheit oder sensationelle Aspekte zu verstehen sind, sondern eine schlichte Präzision, eine Poesie, die immer bei sich selber bleibt, auch in sich selbst träumt oder von ureignen Fehlern spricht; die sich nicht in andere Räume oder Welten, andere Perspektiven begibt oder begeben muss. Inmitten dieser Selbstvertiefungen entstehen immer wieder Verse und Zeilen, die die Dinge auf den Punkt bringen – vielleicht nur für einen Moment, in etwa wie es der eigene Gedanke, die eigenen Eingebung tut, die uns tagtäglich überraschen kann.

“Zwischen Augenblick und Augenblick habe ich viel erlebt im Traum,

So deutlich, dass ich das Schwinden der Zeit fühlte,

Als das, was ständig fern war, nicht da war.”

 

“Der Duft des frischen Klees hat die kriegerischen

Märsche wiedergutgemacht und im Licht der

Autoscheinwerfer glänzen die Wiesen für immer und

ewig.”

Träumerische Facetten und utopische bis verzweifelte Imaginationen geistern durch Miloszs Werk. Der Titel (der Begriff) Dichter/Lyriker wird heute in Deutschland eher an dem formschaffenden Aspekt festgemacht, gepaart mit einem enormen Innovationsdrang, dem Streben nach einem rein exklusiven Ausdruck.

Auf Milosz kann man diese Bewertungskriterien unmöglich anlegen. (Ja, wenn man Dichter wie Milosz liest, muss man diese Kriterien vielleicht sogar in Frage stellen.) Er ist auch kein Dichter, der, wie die klassischen Poeten, größtenteils an der Veranschaulichung oder Darstellung des Schönen interessiert ist; auch sein Harmoniebedürfnis ist geringer, aber es ist vorhanden, es hat sich bloß gewandelt: von einer freudigen Antwort zu einer rastlosen Frage. In Milosz Werk treffen der Wille, dieser Stoff, mit dem Dichter die Welt in Worten ausdrücken, und der Zweifel, der sie dazu bringt, ihre Darstellungen zu bedenken, in einer besonderen Mischung zusammen – was sicherlich auch mit der Zeit zu tun hatte, in der Milosz lebte: eine Zeit, die viel Zerwürfnis kannte und doch auch sehr viele Entwicklungen. Größere Entwicklung, tiefere Abgründe. Was stellt man dagegen: den Willen oder den Zweifel? – Dichter suchen bis heute auf diese Frage eine Antwort.

“Früh erreicht uns der Aufruf, aber er bleibt

unverständlich und erst langsam stellt sich heraus, wie

gehorsam wir waren.”

 

“Was trennt, das zerfällt. Und dennoch ist mein Schrei

>>nein, nein,<<, noch nicht verhallt, obwohl er im Winde

verbrannte.

Nur das, was nicht trennt, zerfällt nicht. Alles andere ist

jenseits der Dauer.”

Gewissheiten hinter den Fragen – wie oben bereits angesprochen, war Milosz ein Suchender, ein Dichter, der sich selbst nicht als Teil des Jahrhunderts sehen, sondern das Menschliche in sich bewahren wollte und auch in seiner Poesie. Deswegen das “nein, nein” und die vielen tausend Wahrheiten und kleinen Wirklichkeiten, die man, über sein Werk verstreut, einzelnen Abschnitten entnehmen kann –  ewige Wirklichkeiten, Wahrheiten, im Bruchteil einer Sekunde geschehen, da man sie vollends wahrnimmt und spürt, bis sie vergehen – was sind diese Abschnitte anderes als das Leben?

Auf jeden Fall sind es solche Momente, Schweife, für die man in Milosz Lyrik immer wieder dankbar ist; denn sie sind jenseits von Rhetorik oder Beweis. Es sind Einsichten, einfach beeindruckend und bemerkenswert, in ihrer feinen, inneren Ausrichtung.

“Was auch immer damals in das verriegelte Haus der fünf

Sinne gelangte, ist im Brokat des Stils erstarrt.

Wer, Hohes Gericht, kennt nicht solche Einzelfälle.”

 

“In dem einen gemeinsamen menschlichen Traum

wohnen pelzige Tiere.”

 

“Bin ich hier, in der Hoffnung, man könne neu beginnen

und das eigene Leben heilen, wenn man fest daran denkt,

was man erfahren hat.”

Die Hoffnung ist, wie wir wissen, in Wahrheit eine launische Kraft (wobei sie, wie Borges klug bemerkte, eigentlich nicht uns enttäuscht, sondern wir stets sie). In der Poesie ist sie im besten Falle eine Ausdrucksform/-variante der Sehnsucht, in welcher sie eigentlich nur als Abglanz enthalten ist; doch es ist dieser Glanz der einem Gedicht eine besondere, kommunikative Form von Schönheit verleihen kann.

“Derweil ich in Gedanken weiter Fräulein Jadwiga rette,

Die kleine Bucklige, Bibliothekarin von Beruf,

Die im Bunker jenes Hauses ums Leben kam,

Das als sicher galt, doch ist es eingestürzt

Und niemand konnte durch die Mauerplatten dringen,

Obwohl man viele Tage Klopfen hörte, Stimmen.

Ein Name also, verloren für Jahrhunderte, für immer;

Ihre letzten Stunden bleiben unbekannt

[…]

Der wahre Feind des Menschen heißt Verallgemeinerung.

Der wahre Feind des Menschen, die sogenannte Geschichte,

wirbt und erschreckt mit ihrem Plural.”

Wie weit ist dann der Weg von diesem Zitat zu jenem:

“Dazu bin ich berufen:

Die Dinge zu preisen, weil es sie gibt.”

Oder ist er vielleicht die Entfernung zwischen diesen Abschnitten gar nicht so weit? Ich denke nicht. Und ich denke weiterhin, dass jener Aspekt, jene Idee, die diese beide Abschnitte trotz ihrer Unterschiede verbindet, könnte sie anders als durch solche Verse ausgedrückt werden, das wäre, worum es in Milosz Werk geht.

“Es gibt derart Beharrliche; gib ihnen ein paar Steine

Und essbare Wurzeln, und sie werden die Welt erbauen.” 

Inhalt:

Dieser Band enthält Gedichte aus allen Perioden von Milosz Schaffen, sogar einige der letzten. Angenehmerweise wurde ebenfalls keine Botschaft oder Richtung bevorzugt und der Band liest sich wie ein gut ausgesuchtes “Best of”, mit vielen Anliegen und Ideen, die in Milosz Werk als Ideen präsent sind. Das Nachwort tut, wie bereits gesagt, sein Übriges. Ein paar Anmerkungen wären schön gewesen, aber sie fehlen auch nicht wirklich.

Am Ende jeder Rezension kommen mir Zweifel, ob ich alles gesagt habe. Habe ich es richtig gesagt? Ich glaube, dieser Zustand lässt sich ein bisschen mit dem Lesen und Schreiben von Gedichten vergleichen. Ist denn jemals alles gesagt? Vielleicht das, was man sagen konnte. Vielleicht reicht das.

“Was bleibt vom Leben? Nur Licht,

Vor dem die Augen blinzeln an Sonnen-

Tagen. Man sagt: so ist es,

Und keine Fähigkeit, keine Gabe

Reicht hinaus über das, was ist.”

Link zum Buch