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Hans-Ulrich Treichels gesammelte Gedichte in “Gespräch unter Bäumen”


“Noch ist alles möglich.
Wir haben uns flüchtig gestreift.
Der Rest: wahrscheinlich tödlich.
Die Kunst: Das man es begreift.

Wir sollten es dabei belassen.
Ein Hauch ist fast wie ein Kuss.
Sich lieben heißt auch sich verpassen.
Auf andere Art. Und Schluß.”

Wenn man die Auslese aus dem lyrischen Gesamtwerk von Hans-Ulrich Treichel zum ersten Mal liest, könnte man auf die Idee kommen, hier habe sich ein sehr stummer, ein schweigsamer zu Wort gemeldet. Viele Gedichte erscheinen nur als Nuancen viel größerer Bilder; wirken wie das Ende größerer Aufzüge; sind Ausgangspunkte viel umfangreicherer Gefühle, wie einzelne Szenen aus einem längeren Film, voller Eindruck.

Gerade deswegen sind es gute Gedichte, sehr gute. Aber auch Gedichte, die man öfter lesen muss, um ihre innere Brisanz und Magie zu begreifen, zu erreichen. Es ist eine Lyrik, die das Verstehen zurückerlangt wie ein entfallenes Wort, eine entfallene Idee – oder anders: wie etwas, das es wirklich will.

“So viel vergessen, die
schreiende Lust. Mein Herz in
den Wolken und ein Stein
in der Brust.”

Aber es gibt auch Verse, die ganz schlicht und einfach und von offensichtlicher Qualität sind, von einer beiläufigen Dichte und Klarheit, gepaart mit einem Schuss Tucholsky oder Fried oder Brecht. Es entsteht Lyrik, wie man sie sich leise auch nach dem Lesen noch aufsagt, in Gedanken, immer wieder.

“Schlimmstenfalls wird aufgeräumt
In Herz und Seele, Aug und Ohren

Schlimmstenfalls ist ausgeträumt
Was wir wollten längst verloren

Schlimmstenfalls geht alles schneller
Auf jeden Biss ein leerer Teller

Schlimmstenfalls fehlt uns der Mut
Schlimmstenfalls wird alles gut”

Auch diese scheinbar einfach gereimten Verse habe eine schwere Leichtigkeit, darin man die einzelnen Aussagen der Sätze und deren Stimmhöhe noch erkennen kann. Treichel heischt nirgends in diesen Gedichten um Aufmerksamkeit und es bleibt dem Leser überlassen, das potenzielle Wahrheitsverhältnis seiner Reime und Gedanken in ihren Wendungen zu erkennen.

Es wird viel erinnert in diesen Gedichten, viel kreist um die Diskrepanz aller Welt zum eigenen Ich. Während die Gedichtauswahl des ersten Bandes Ein Restposten Zukunft noch sehr fixiert ist auf eine offensichtliche Wirkung, zeichnet sich von beim zweiten Band Tarantella ab, dass Treichel die Wirkung losgelassen hat. Sie treibt von da an in seinen Versen wie ein weißes Blatt auf dunklem Wasser; sie ist das, was ist und nicht das, was wir mit Worten hinzufügen, das, worum die Worte kreisen, ohne sich jemals zu nähern. Man kann es von hier aus sehen, aber es ist nicht direkt da.

In den Gedichten aus Liebe Not provoziert er dann noch mal stärker den Unmut, so wie er es immer ein bisschen tut. Den vorletzten “Seit Tagen kein Wunder” und den letzten Band “Der einzige Gast” halte ich für seine gelungensten Einzelbände. Hier betreibt er eine Form des Auslassens und Anreicherns, die mir einzigartig scheint in ihrer Kürze und Stille; manche dieser Gedichte wirken wie knappe Kohlezeichnungen auf einem großen Blatt Papier:

“-Vaterbild-

Dieser stumme
und schwere Mann,
der mit Hut
und Mantel
durch meine
Kindheit ging,
wie über ein
schneegraues Feld.”

Diese kleine Poesie, die sich fast immer im Schatten hält, die auch nicht singt, sondern summt, die auch nicht winkt, sondern einfach nur hinsieht. Nicht immer gelingt es Treichel, eine lyrische Präsenz in den Worten aufzubauen, doch wenn es dann doch geschieht, haben die Wörter und Verse in ihrer Kürze und Einfachheit etwas Eindrückliches, etwas Unantastbares. Diese, ihnen eigene, Filigranität, macht die Lektüre dieser Gedichte geradezu unverzichtbar.

“Blätter vor unseren Füßen
Wir nannten sie Blätter
Als die Wälder noch standen
Als der Wind noch hindurchfuhr
Was für Umwege wir machten
Wie viele Worte es gab”

Insgesamt bleibt Treichels Lyrik in einem schmalen Kreis, aber sein Repertoire ist deswegen nicht klein. Es liegt vielmehr in jedem Gedicht eine letzte Zurückhaltung, die verschiedene Themen unterschiedlich wirken lässt. Ein Liebesgedicht zum Beispiel kleidet dieser Stil ganz wunderbar und unnachahmlich.

“Mit der Ich Mozzarella aß
Ihr Federbett war grün wie Gras
Die in der großen Stadt verschwand
Die Schuhe trug sie in der Hand
Der Mond fiel in den grauen Fluß
An die ich immer denken muss”

6 Zeilen voller schneller Rückblicke, voller Sehnsucht.

Treichel ist ein moderner Lyriker und doch ist er ein Lyriker der zeitlos ist. Denn seine Worte sprechen für sich, sind wenig an Konventionen oder ästhetische Prinzipien geknüpft, sie verbindet das das Einfassen eines schlichten Aspekts, der lyrisch intoniert wird, aber nur bis zu einer Frequenzhöhe, die sich der Musik erinnert und sie noch nicht hören kann. Sie sprechen für einen Schweigenden, der das Schweigen als wichtigen Teil des Erlebens kennt, den im Schweige kann sich innerlich ausbreiten, was im Außen oft untergeht, wenn man es weitläufig aufzeigen, sagen, fassen will.

“Zuerst gehen die Väter
aus ihrem gewalttätigen Leben,
aus ihren jagenden Geschäften,
und lassen uns die steifen Hemden
und die Salzränder über
dem Herzen”

Gedichtband “Die Uhr” von Kurt Aebli


die-uhr_kurt-aebli  “Presslufthämmer
Bruchteile der
Welt auf den
Punkt gebracht”

Als eine ganz kleine, unscheinbare Sache hat die Poesie sicherlich einmal begonnen. Und noch heute lebt sie mehrheitlich von (und aus) den kleinen Bildern, Momenten, Eindrücken, die die Lektüre unwiderruflich machen – als etwas, dass einem widerfährt, in den vielen Erinnerungspunktierungen und zweideutigen Schlaufen, die das Gedicht bereithält.

Kurt Aebli, ein schweizer Autor, der sich auf die kurze Form in Prosa und Lyrik spezialisiert hat, legte 2000 mit dem schmalen Band „Die Uhr“ sein Lyrikdebüt vor. Er ist voller knapper, poetischer Aussichten und konzentrierter Einsichten.

“Ich bewege mich
als Windstille
verkleidet”

“Kirchenglocken bearbeiten die Luft
bis ihnen der Atem ausgeht”

Wenn man Lyrik liest, ergibt es sich immer wieder, dass man weniger zu den Gedichten sagen kann, als einem lieb ist. Man kann natürlich bloße Fakten aufzählen; hier könnte man dann über die Gedichte Aeblis sagen, dass sie selten länger als eine halbe Seite sind und meistens nicht über 4,5 Zeilen hinauskommen. Es sind Sekunden, Momente, noch einmal gestaucht durch die szenische Verlangsamung von Geschehen, von Innen und Außen. Die poetische Nuance ergibt sich manchmal aus der Tiefe der Wortzusammenspiele, manchmal (wie bei den oberen Beispielen) aus einem plötzlichen Gewahr werden der Wirklichkeit in den Ziffern der Sprache. Meist führt Aebli auf die eine oder andere Weise den Leser mit Nähe & Ferne von Welt und Eindruck zusammen.

“Der Tag drückt ab
ich erwache ausgelöscht”

Eindringlich ist vielleicht das beste Wort, um Aeblis sehr eigenwillige, beinahe stumpfe und doch unglaublich intensive Lyrik zu beschreiben. Sie könnte Verschwinden, das Verschwinden ist ihr fast eingeschrieben, eine bloße, schwarze Idee auf leicht gebräuntem Papier. Und doch scheint jedes seiner Gedichte so trefflich, nicht von der Hand zu weisen, unwillkürlich, als schreibe man es gerade selbst mit dem eigenen Blick, dem eigenen, gelüfteten Eindruck nieder.

Sicherlich gibt der Band zum Ende nicht so viel her – er enthält zwar eine starke, aber äußerst schmale Erfahrung, mit einer leisen Spur von Melancholie und Wahrheit. Ein paar kleine Momente der Unwiederbringlichkeit, aber auch diese und jene Lichtblicke:

“Die Straße
die sich unter meinen Schritten
duckt
wird von einem Humpelnden
getröstet”

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