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Über “Reisen in Ziegengeschwindigkeit” von Christian Hawkey, erschienen bei Kookbooks


“…but does ist matter, really/ what we’re called? Call me really. Really fine.”

“Ich merkte nicht, wie die Vögel verstummten. Ich leuchtete in den Wald.
Die zerschmetterte Frontscheibe eines alten Trucks
grinste zurück, mich an
dahinter

ein Netz aus Zweigen, Wirbel, gesponnen von Licht
– wie es immer entwirft, was schon da ist
Form gibt oder verformt:
Muster

hervorbringt, Relief, Amputationen des Hintergrunds –
bis die Lichter flackerten, erloschen
und unser Pfad im Dunkeln lag.”

Woraus besteht Dichtung? Zum einen natürlich aus Metrik, Ideen und deren Anordnung – dann aus den Bildern, die daraus beim Leser entstehen können, sowie Gedankenanstößen und zuletzt aus, wie ich es jetzt mal nenne, dem “Konzentrat”, was nur ein bestimmtes Gedicht in die eigene Vorstellung fließen lassen kann und das auf bestimmte Punkte darin drückt, was eine Flut von Eindrücken, Ausblicken und Erinnerungen hervorholen kann.

Um die Welt und ihre Assoziationen, ihre lebendige Mechanik, in den eigenen Gefühlskosmos einordnen zu können, sie darin wirklich ausgedrückt zu finden, muss man Gedichte lesen, das ist meine Überzeugung – und man muss sie auch verstehen. Aber wo endet das Lesen und wo beginnt das Verstehen? Was nennt man vielleicht manchmal Verstehen, dabei ist es nur Deuten, was hält man manchmal für Verstehen und dabei ist es nur Folgen? Ich denke, man hat ein gutes Gedicht dann “verstanden”, wenn man in ihm ausgedrückt sieht, was unsere sinnliche Vorstellung, unser ahnungsorientiertes Unterbewusstsein versteht, was unser Denken und Sprechen aber bisher nicht in Worte fassen konnte.

Einige Zeilen und ein, zwei vollständige Gedichte in diesem Band erfüllen für mich diese Bedingung, aber das Potential ist, denke ich, noch sehr viel größer für Leser, die des englischen mächtiger sind und allgemein eine feinere Konzentrationsspanne haben.

Christian Hawkey, geb. 1961, ist ein Virtuose, ein moderner. Er scheint alle Spielweisen zu beherrschen und auch wenn die richtigen, die “Memento Mori”- Gedichte, die für mich die Höhepunkte der Lyrik darstellen, ihren Zenit, hier wenig vorhanden sind, so hat Hawkey doch so viel Hintergründiges, Abstraktes, Intellektuelles, Spezifisches und Illuminiertes in seinen Gedichte gepackt und springt zwischen Formen und Genres hin und her, auch manchmal in ein und demselben Gedicht – sein Repertoire ist riesig und dürfte beinahe alle zufrieden stellen, die auch über einen gereimten Vers hinaus Interesse an Lyrik haben.

Und er ist gewiss auch kein reiner Kunstpoet, denn ein Gefühl für das Wunderbare, das noch nicht entdeckte, das noch nie in Worte gefasste, ist ein wesentlicher Antrieb seiner Wortgemische, immer wieder aufblitzend über die Seiten und Texte dieses Bandes hinweg.

Getroffen wurde die Auswahl aus den beiden Gedichtbänden, die Hawkey bereits in den USA veröffentlicht hat; John Ashbery lobte besonders das “Buch der Trichter/Book of Funnels” als das innovativste, was er in langer Zeit gelesen hätte.

“Und obwohl wir täglich elf Wimpern
verlieren, bringt Blinzeln allein
uns nicht in den Himmel”

Die moderne Poesie hat beim Leser einen schweren Stand. Was modern sei, könne nicht mehr schön sein, denken viele und wenden sich von Kunst und Lyrik dieses Zeitalters ab – als könnten Klassifizierungen Wahrheiten sein oder Worte wie schön nur eine Facette zulassen unter der sie ausgelegt werden! Grade die moderne Dichtung hat durch ihren Drang zum “Verwirklichbaren”, einige vollkommene Varianten der Schönheitserlangung/-darstellung geschaffen und gemeistert; durch Umwege, gewiss, aber gerade diese vermeintlich abstrakten Umwege bergen, wenn der Leser sie liest, eindrucksinterstellare Möglichkeiten. Einziger Unterschied ist, dass die moderne Poesie Sprache und Raum individuell und fein abstimmt, während sich die meisten Epochen davor den Reim als Ordnungsinstrument auferlegten.

Man kann “Reisen in Ziegengeschwindigkeit” empfehlen, weil es verblüffende und geniale Zeilen enthält und auch weil es sich auf gewisse Weise wie ein lyrisches Abenteuerbuch liest. Man reist auf Versen durch das eigene Ich, dann mal hinaus, dann vielleicht durch Welten voller abgekarteter Bilder, dann wieder hinein in eine Photographie der Welt, deren Winkel beunruhigend, suggestiv und trefflich zugleich wirkt. Reisen ohne Ziele gibt es bekanntlich nicht. Aber nicht immer führt nur ein einziger Weg zum Ziel – der Witz ist, dass wir in Gedichten unseren eigenen Wer gehen können, denn das Gedicht ist nicht die Straße, sondern das Gefährt.

“die Art, wie der Wind das Elefantengras
auf die Seite legt oder eine Stimme durchs offene Fenster
zu uns trägt…”

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