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Zu “Alle Zeit der Welt” von Thomas Girst


Thomas Girst

Kann der Mensch neben Kriegen, Zerstörung, Wut, bösen Worten, Ressourcenverschwendung und Umweltverschmutzung, kann der Mensch inmitten des Gifts von Nationalismus, Chauvinismus, Fremdenfeindlichkeit und Populismus, das ganze Gesellschaften zersetzt, nicht doch auch Wunderbares schaffen?

Eine berechtigte Frage. Je nachdem, ob man die Menschheit an der Gesamtheit der entstandenen Kunstwerke oder der Gesamtheit der begangenen Verbrechen beurteilt, ihr Wesen danach skizziert, entstehen sehr unterschiedliche Bilder unserer Spezies. Wir haben erstaunliche Dimensionen an Verständnis und Reflexions- sowie Vorstellungsvermögen entwickelt, sind aber andererseits kaum in der Lage, die Zerstörung unserer Lebensräume und die Auswirkungen unserer diversen technologischen Errungenschaften zu begreifen, geschweige denn zu kontrollieren.

Selbst in der Kardinalsfrage, der Frage nach dem Glück, sind wir, so scheint es, nach Jahrtausenden und Jahrhunderten immer noch gleichermaßen nah dran und weit entfernt von irgendwelchen Rezepten, selbst in unserer hypermedialen und selbstoptimierten Wohlstandsgesellschaft. Virginie Despentes schrieb in ihrem Essayband „King Kong Theorie“:

Alles in unserer Gesellschaft ist auf das kurze Sofortglück angelegt, Espresso, Zucker, Facebook-Likes, Porno, Drogen, Alkohol – immer geht es um Instantbefriedigung. Alle Hormone aber, die für echte Zufriedenheits- oder Glücksgefühle zuständig sind, werden bei diesem Verhalten eher heruntergefahren als angeregt. Die Sofortbefriedigung hindert uns an tieferem Wohlbefinden.

Schnelligkeit, Druck, Optimierung, das sind ein paar zentrale Schlagwörter unserer Zeit – eine Zeit, in der kaum noch jemand Zeit hat. Nicht nur keine Zeit zum Pause machen, Ausruhen, sondern auch kaum Zeit, um in sich zu gehen oder (und damit sind wir bei dem Buch von Thomas Girst angelangt) Zeit, um sich längerfristig und ohne klares Ziel mit etwas zu beschäftigen.

Letztlich sind es aber gerade die langwierigen Prozesse, die Bleibendes oder Beachtliches hervorbringen. Die ganze Geschichte der Naturwissenschaften, immer noch nicht abgeschlossen (und wohl nie zu Ende gehend), ist eine Geschichte der unermüdlichen Beschäftigung mit den immer gleichen Dingen, aus der ständig neue Erkenntnisse und auch neue technologische oder sonstige Erfindungen hervorgingen und -gehen. Gerade in unseren rasanten, von Schlagzeilen überschütteten Zeiten ist es wichtig, derlei zu bedenken

und nicht müde zu werden auf den Unterschied von Information und Wissen hinzuweisen. Erstere steht uns im Technologiezeitalter immer und überall zur Verfügung, Letzteres gilt es sich zu erarbeiten.

In etlichen kurzen Kapiteln nimmt uns Girst mit auf eine Reise zu den Errungenschaften und Entdeckungen, die sich stetigen und langen Prozessen verdanken. Da sind zum einen kuriose bis beeindruckende Kunstwerke, sei es nun der Palais idéal des Briefträgers Ferdinand Cheval, den er über 33 Jahre nur aus den aufgeklaubten Steinen und Muscheln auf seinem Berufsweg baute oder die langen Klang- und Kunstinstallationen in zahlreichen Museen der Welt, und zum anderen historische und wissenschaftliche Beispiele oder jene von Menschen und Einrichtungen, die sich den langsamen Prozessen verschrieben haben.

Girst trägt sehr viel zusammen und reiht es gekonnt aneinander, türmt es begeistert auf. Mitunter ist es vielleicht ein bisschen viel, was da an Kunst und Wissenschaft, Vergangenheit und Zukunft geballt beachtet und bedacht werden soll, aber diese Fülle macht das Buch andererseits sicher zur einer noch oft zur Hand genommenen Lektüre.

Auf Raumschiff Erde gibt es keine Passagiere. Wir sind alle Teil der Crew.

Die Fülle der Beispiele weiß jedenfalls zu überzeugen und ebenso die Botschaft. Ich habe mich beim Lesen öfters an Alessandro Bariccos „Die Barbaren“ erinnert gefühlt, in dem er von einem Paradigmenwechsel in der Moderne berichtet, während dem die Epoche der sich vergewissernden, sich versenkenden Erfahrung, sich zeitnehmenden Beschäftigung, durch die Epoche des Spektakels abgelöst wurde.

Girst versöhnt in seinen kurzen Geschichten und Essays beide Epochen ein wenig miteinander, plädiert für ihrer beider Errungenschaften, beschwört die Lesenden aber, aufmerksam zu sein für die Schönheit und allgemein die Idee langer Prozesse, sich nicht nur auf schnelle Erfolge und nahe Ziele einzuschießen, sondern zu lernen vom Gang der Dinge, von den Mühen und Freuden unserer Vorgänger*innen, von den Perspektiven, die sich uns bieten, wenn wir nicht nur auf uns und unsere naheliegenden Wünsche schauen, sondern den Blick heben und uns selbst dabei zurücklehnen, einmal einkehren in die Zeit, die wir haben, die uns bleibt, die uns niemand nehmen kann, außer wir selbst.

Wer Bäume setzt, obwohl er weiß, dass er nie in ihrem Schatten sitzen wird, hat zumindest angefangen, den Sinn des Lebens zu begreifen.

Don Paterson und sein Band “Weiß wie der Mond”


“Gedichte übersetzen das Schweigen und finden Worte, wofür es keine Worte gibt. Sie füllen Lücken mit… Liedern, die wir eigentlich nicht hören dürfen.”
Don Paterson

“Remember, brother soul, that day spent cleaving,
nothing from nothing, like a thrown knife?
Then there was no arriving and no leaving,
just a dream of a disintricated life –
crucified and free, the still man moving,
the balancing his work, the wind his wife.”
(Aus: Schlittschuhlaufen auf Loch Ogil)

Ausgerechnet der vielleicht größte amerikanische Dichter unserer Zeit, Charles Simic, sagte über dieses Buch: “Wenn sie mich fragen, ob große Gedichte überhaupt noch geschrieben werden, dann müssen sie nur die Gedichte von Don Paterson lesen.”
Denn eine so vielgestaltige und vielschichtige, in gleichen Teilen klassische, antagonistische und moderne Dichtung, die sich wegen ihrer Bandbreite allein schon dem Begriff der Größe nähert, gibt es in diesen Zeiten selten – eine Dichtung, die Wahrheit nicht zwanghaft mit Schönheit verbindet (aber sie doch oft zusammenbringt und wieder auseinandersprengt), nicht Reim mit Gesang, sondern ganz eigen und auf virtuose Weise radikal, stets ihren eigenen Diktionen folgt.

“Die Gegenwart ist eine Scheibe,
an die ihr die Stirn lehnt, wobei ihr heimlich
das Wörtchen >jetzt< schreit. Vielleicht
ist die Gegenwart eine Zimmerwand,
durch die ihr die Geister stoßt, die ihr sofort
wieder zu euch zurückholt. Die Gegenwart
ist eine Wand, vor der ihr zwischen Nichts
und Etwas patrouilliert. Sie hält nicht dicht.
Die Gegenwart ist eine Wand, die sich
vor euch aufbaut, während ihr euch bemüht,
sie zu erklimmen, bis ihr abrutscht und stürzt.
[…]
There is no wall. Pick your bed. Walk through it.
Last chance friend. So do it or don’t do it.”

Verse der Analyse, des Bohrenden und Offenbarenden, in endlosen Gedichtverquerungen, wird man hier finden, genauso wie kleine, sich in Reimen die Hände reichende Lyrik. Paterson wendet die Metapher und sogar die Metaphorik als ganzes Gedicht an, aber weiß auch in ganz einfachen Worten das Orchester der Welt einen Bogenstrich lang auf einen einzelnen Ton zu minimieren.

“Stehe ich zwischen der Sonne selbst,
gesegnete Mutter, und dem, was sie erhellt,
dann verwandele mich in Glas.”

Ein solches, immer wieder seine Ausrichtungen änderndes Werk, ist natürlich kein homogenes Lesevergnügen. Es sind z.B. auch zwei Rilke-Übersetzungen enthalten, die ich ziemlich schlecht finde und auch das sehr lange, in seinen scheinbar erderschütternden Parabeln des Worte-auf-den-Kopfstellens und -ausschüttens gefangene Gedicht-Black-Box, welches sicherlich Hochphilosophisches enthält, mir war es eher ein Gräuel. Aber was man eben anerkennen muss ist, dass Paterson einfach dichten/schreiben kann und das dabei immer auch etwas Tiefes zustande kommt, etwas Magisches.

Don Paterson ist ein starker Dichter, der sowohl Moll als auch Dur, sowohl Angriff als auch Beobachtung beherrscht. Dieses kleine Büchlein wird, denke ich, für jeden eine andere Erfahrung sein; es ist ein Kaleidoskop von “Weiß wie der Mond” bis zu “black box”, darin viele Stufen von hell und dunkel, Kontraste einer Welterfahrung, fein definiert. Aber jeder wird von seiner Position aus ein paar für ihn vortreffliche Verse entdecken, denn hier wurde nichts ausgespart, vom Prosagedicht bis zur lyrischen Einfassung.

“Was ich euch nun überbringe,
ist das Geheimnis der Bruderschaft der Dinge,
und nur der Dinge, die es lang schon bewahren.”

“Kein Sänger von Nacht- und Tageszeit
ist glücklicher als ich,
denn mein Schallraum ist die Dunkelheit,
mein Vortragssaal das Licht.”

Appell ohne Appell – zu Ralf Rothmanns zweitem Lyrikband “Gebet in Ruinen”


“Verehrte Akademie für Dichtung und Maschinenbau,
das Leben ist schon so lange zu kurz.”

Ralf Rothmann hat bisher zwei Lyrikbände veröffentlicht. Der erste, [[ASIN:3518383248 Kratzer und andere Gedichte]], setzte sich vor allem mit Jugendthemen, Adoleszenz und Hoffnungslosigkeit auseinander. Der Ton dieser ersten Gedichte wird in diesem Band nahtlos weiterentwickelt und fortgeführt, wenn auch auf eine etwas virtuosere, nichtsdestotrotz auch teilweise etwas sprach verlorene, indirekte Art und Weise. Hoffnungslosigkeit steht weiterhin im Mittelpunkt und wird in vielschichtigen Momenten und Nuancen durchdekliniert.

“Wo Raben krächzen hat der Himmel Halsweh.”

Wie schon in den “Kratzern” ist Rothmanns große Stärke sein Gespür für eine Bildpoesie, die zwischen elegisch und profan hin und her pendelt und dabei unvorhergesehene mit nachzuempfindenden Betrachtungen kombiniert, die entrückte Zelebrierung von Tristesse mit nahe gehenden Symptomen von Sehnsucht, deren Farbe sich verschließen hat, verbindet. Es entsteht daraus eine unsichere Begegnung mit dem Leser – er bewundert Rothmanns poetische Einlassungen und ist doch leicht irritiert von der grundsätzlich radierenden, im Verschwinden begriffenen Programmatik in der Ausrichtung seiner Gedicht.

“Zu spät für das Licht
und die langen Schatten,
die unsere kurzen Sternstunden hatten.
Zu spät für die Frage wie’s weitergeht,
zu spät für jede Love Parade,
für Spott und Hohn und Religion,
zu spät für Tränen am Telefon.
Zeit war nie golden, Hoffnung nicht blau.
Die Tauben leben von ihrem Grau.”

Man bleibt seltsam unberührt im Banne der Schönheit. Ein seltenes Kunststück und eines, das sehr gut die moderne Überschaulichkeit unserer Empfindungen imitiert und andeutet. Rothmann versteht, dass der Gesellschaft etwas vorzuwerfen die Möglichkeit der Reflektion ausschließt, weil der Leser sich gemeinsam mit dem Autor von der Gesellschaft distanzieren kann; stattdessen führt er dem Leser seine Regungen und Bilder vor, spricht vom “Gott als einer Creditcard”, bringt Harmonie in seine Gedichte und kontrastiert diese mit absinkenden Verlorenheitspsalmen und macht den Leser so auf die Fassung der Wirklichkeit aufmerksam, in der wir derzeit existieren; eine Fassung in der die Sehnsucht, der Glanz eine Randerscheinung sind, mehr der Erinnerung als dem Erlebnis und dem Dasein verpflichtet.

“Einst sah ich Flieder im Fieber blühn,
den Mädchen fiel das Schreiten ein,
jeder Sternstrahl klang wie Wind.
Einst trugen wir nichts als Kleider aus Schweiß
und sammelten Süße in den Zimmern,
in denen Mondlicht die Betten verschob,
Süße, als wären die Ziegel aus Zimt.”

“und der Himmel wie immer, blaue Seite,
Innenfutter von Nichts.”

Dies ist sicherlich nur eine Art, wie man diesen schmalen, sehr filigranen und doch manchmal sehr von sich selbst entleerten Gedichtband lesen kann. Sprachlich ist Rothmann im Idealfall exzellent, ansonsten auf jeden Fall eingängig, anziehend. Seine Dichtung hat kaum Ausläufer, aber dafür den Charakter einer Leinwand der Regung, auf der fast immer etwas geschieht. Seine Gedichte stimmen nicht selten nachdenklich und oft haben sie eine Botschaft, die sich den Rahmen einer gewöhnlichen, zu propagierenden Botschaft, sprengt. Das ist etwas Wesentliches in Gedichten – das GILT für Gedichte:

“In jedem -Wo bist du?-
sind hundert
-Hier-.”

Über “Das Schloss” und den Erzähler Franz Kafka


An Kafka, Kafka, Kafka scheiden sich die Geister. So viel Zuspruch wie er hat noch keiner über sich ergehen lassen müssen, so viel unterschwellige Ignoranz wie ihm, wird ihm wie kaum einem anderen deutschen Literaten entgegengebracht. Es ist sicherlich, im Fall von Kafka, eine Frage von Erwartung und Erfüllung, wie sie überall in der Literatur, bei Kafka aber im besonders hohen Maße, eine Rolle spielt. Denn Kafka ist einer der wenigen Literaten, die kaum bis gar keine Erwartung des Lesers erfüllen oder überhaupt darauf eingehen. Ganz im Gegenteil: seine Prosa ist die reinste innere Konsequenz, scheint allein die Schlussfolgerung ihrer selbst zu sein. Scheint, wohlgemerkt. Vertieft man sich in Kafka, bemerkt man nämlich sehr schnell, dass diese erzählerische Folgerung sich an sehr realen Systemen und Ideen festmacht, dass sie Symptome des Realen ausweitet zur inneren Konsequenz der Handlung. Daraus ergibt sich eine paradoxe Wirkung, wie sie Kafka seit jeher ausmacht: Er ist ein Realist, aber einer, dessen Realismus (der ja “eigentlich” die am leichtesten verständliche Form der Fiktion ist) ganz schwer als solcher zu erreichen ist. Natürlich ist Kafka in allem auch ein bemerkenswerter Erfinder von Fiktion – dennoch ist er im Kern ein Realist, ohne die damit einhergehende Realitätsnähe.

Der Landvermesser K. kommt zu einem Dorf, das zu Füßen eines Schlosses liegt, angeblich ist er dorthin berufen worden. Doch schon kurz nach der Ankunft ist K. gefangen in dem wirren Netz aus grotesken Vorschriften und scheinbar unfähigen Beamten, einer undurchschaubaren Bürokratie, in deren Sog er droht – auch wegen der unverrückbaren anonymen Ablehnung und nicht vorhandenen Beachtung der herrschenden Klasse im Schloss – in seine ganz eigene Bedeutungslosigkeit zu versinken. Bestrebt, mit aller Entschlossenheit seine Existenz zu rechtfertigen, versucht K. im Dorf Verbündete zu finden, stößt aber auch hier nur auf ein diffuse Dogmatik von verstrickten Beziehungen, unerklärlichen Handlungen und widersprüchlichen Meinungen. All sein Aufbegehren und seine Versuche werden sofort wieder durch einen neuen Rahmen, eine neue Wendung begrenzt. Sein Ziel, der Einlass oder zumindest die Verbindung zum Schloss rückt für ihn in immer weitere Ferne, als wäre er jemand, der auf den Horizont zu rennt, während die Sonne unaufhaltsam immer tiefer sinkt, ohne dass der Horizont je näher kommt, ohne dass die Sonne je ganz verschwindet.

Kafka scheint auf den ersten Blick in seinen Büchern groteske, düstere und doch phantastisch anmutende Welten zu erschaffen, die in ihrer Widersprüchlichkeit und ihren Ausmaßen kaum einen Bezug zur Realität erkennen lassen. Verzeichnete Alpträume nannte Borges diese Art der Darstellung und den Schreibstil, der sich durch nichts, außer durch sich selbst, beherrschen lässt und sich durch nichts, außer durch sich selbst auszeichnet. Safranski dagegen hat in seinem Buch Wieviel Wahrheit braucht der Mensch? die klaren Strukturen dargestellt, die Kafka, unter der Oberfläche der Handlung, meisterhaft in seinen Büchern platziert hat.

Jedoch, Kafka ist, weitab dieser beiden Theorien, ein großer und tiefblickender Erzähler, der die Welt ausgeleuchtet hat und vielleicht nur an der Vermittlung seiner Ideen gescheitert ist; auch weil sein Feinsinn ganz in seiner Sprache liegt und man sich dieser Sprache erst öffnen muss, wie einem abstrakten Bild, um ihre Schönheit und mannigfaltige Bewegung zu erkennen.

Es mangelt nicht an philosophisch-interpretativen Ansätzen zu “Das Schloss“.

K., der Landvermesser, dringt am Anfang des Buches in einen Mikrokosmos ein, dem sich jeder neuen Ankömmling unterordnen muss – das ganze also eine Metapher auf das Leben selbst, der Künstler K., das Individuum K. als der Versuch, anders zu sein, über das Leben der anderen hinauskommen oder einfach genauso leben zu können, wie die anderen – also das ganze Werk eine Metapher als Aufruf zur Erkenntnis, dass eine Anpassung unmöglich ist?

Nähme man das Schloss auf der anderen Seite zum Beispiel als Symbol für die Wahrheit, wird wiederum eine Dimension von Kafkas Schaffen deutlicht. Wer hat sich nicht schon mal nach der Wahrheit gesehnt, hat versucht sie zu erreichen und ist doch an der gesammelten Fülle der Informationen und Verstrickungen gescheitert, die die Wahrheit umgibt, die Wahrheit, die vielleicht gar selbst nicht wahr ist; das Schloss, dass vielleicht gar nicht erstrebenswert ist.
Auch noch viele andere, existenzialistische oder religiöse Deutungen sind möglich. Hier könnte  K. ein kluger, sogar sehr intelligenter Redner und Mensch mit guten Ambitionen sein. Doch das Leben tut sich sinnlos vor ihm auf, überall wo er sich bemüht rechtschaffen, bescheiden und ehrlich zu sein, sich breitschlägt zu argumentieren, wird er abgeblockt und als lächerlich hingestellt, immer wenn er versucht es allen recht zu machen, wird er hier im Stich gelassen und dort schuldlos beschuldigt.

Vielleicht sind Kafkas Bücher tatsächlich einfach sehr fein justierte Modelle, auf die man sehr viele Ansätze legen und sie alle bestätigt finden kann. Ausdeutbare Dinge also, wie Träume, wie Gemälde, in denen der eine Erinnerung, der andere eine gerade aufkommende Angst, der nächste wieder eine schöne Idee von Wirklichkeit oder Vorstellungskraft sieht.

Kafka hat einen ausdruckstarken Ton der deutschen Sprache geprägt und es geschafft in seinen Werken symbolische Manifestationen zu schaffen, die uns nach der Lektüre unser Leben lang begleiten. Man kann natürlich auch sehr profan und richtig sagen, dass seine Bücher, wenn man sie richtig entschlüsselt, ein treffendes Bild des Menschen in einer modernen, völlig unübersichtlichen, bürokratischen Welt zeigen. Egal wie man ihn deutet, Kafka zwingt einen geradezu, über die Wörter hinaussehen. Wer dazu nicht bereit ist, bleibt zurück, wird Kafka am Liebsten an die Wand werfen wollen… Oder? Nun, ich muss sagen, ich lese Kafkas Prosa (wenn auch nicht die Romane) immer wieder gern, einfach weil sie so unbestimmt daherkommt, als würde ich nie wissen, was mich erwartet. Ich weiß nicht, ob es anderen auch so geht. Aber ich denke, man kann auch alle Theorien verdammen und einfach Kafka lesen. Zu Anfang würde ich immer die Aphorismen und kurzen Prosastücke, sowie den Prozeß empfehlen. An das Schloss sollte man sich vielleicht eher zum Schluss wagen. Aber und hier befinden wir uns eindeutig auf kafkaeskem Boden, vielleicht ist das wiederum der ganz falsche Ansatz…

*diese Rezension ist in Teilen schon auf Amazon.de erschienen

“Watchmen” – Eines der großen Werke der Moderne


WatchmenQuis custodiet ipsos custodes? ” (Wer wacht über die Wächter?)
Juvenal

Einen Kanon, eine Liste der “lesenswerten” oder “wichtigen” Büchern feszutlegen, mag vermessen sein und auch unter vielen Gesichtspunkten stets misslingen, erst recht in Größenkategorien von 100 oder 50, dennoch scheinen einen besimmte Werke förmlich dazu aufzufordern, sie auf solche Listen zu setzen – sei es wegen der Ausprägungen der Figuren oder der gelungenen Umsetzung der führenden Motive, die weit über sich hinausweisen.

Die Kette solcher Bücher, Comics, Filme zieht sich wohl durch das gesamte Leben; eine Liste von bewegenden, aufwühlenden, prägenden Erlebnissen, die in endlosen Diskussionen mit Freunden und Bekannten immer wieder zelebriert werden.

Einige sind darunter, die einer Art Erweckung gleichen, aus der eine ganze Welt oder Vorstellung erwächst. So wird für manche z.B. der Disneyfilm die erste Berührung mit der romantischen Liebe gewesen sein, andere werden die Rede eines bestimmten Bürgerrechtlers oder Humanisten als erste Form integerer Kraft erlebt haben und für viele sind die Qualitäten der Literatur und ihre Möglichkeiten mit ganz bestimmten Büchern verbunden. “Watchmen” von Alan Moore gehört für mich zu diesen Werken, ist einer der Fixsterne in meinem Universum fiktionaler Faszination.

In jedem Fall ist dieses über 400 Seiten schwere Werk eine frühe Sternstunde der Graphic Novel. Nicht (allein), weil Optik und Spannung hier besonders ausgeprägt sind, sondern vielmehr, weil genial konzipiert ist, auf allen Ebenen und bis ins letzte Detail. Man kann “Watchmen” immer wieder lesen und jedes Mal sticht ein anderer Aspekt  hervor, jedes Mal wird ein andere Handlungsebene besonders faszinierend erscheinen; das Buch bietet die vielschichtige, facettenreiche Erfahrung, die normalerweise ein sehr gelungener Roman bietet.

Es ist, nicht zuletzt, ein unwiderstehlicher Mix aus mythologischem Hauch, apokalyptischem Wind, mit dem Fleisch zwischenmenschlicher Beziehung und einem klaren philosophischen Timbre, dem Rotz und der Gewalt des Antiheldentums und das Zwielicht einer Film-Noire-Geschichte, garniert mit historisch-sarkastisch-zynischen Seitenhieben und strukturiert durch narrative Abwechslung. Die Charaktere sind einzigartig, auf ihre Weise zwar besonders, aber dennoch tief verwurzelt in dieser schwer zu wiegenden menschlichen Existenz, die stets sich selbst bedroht.

Was sicherlich aus all dem hervorgehen dürfte: “Watchmen” ist ein großartiges Werks, das sich den meisten Kategorien erfolgreich entzieht, ohne die wichtigen Zutaten für jedes Comicerlebnis zu schmähen. Sicher, “Wachtmen” hat auch etwas Monströses an sich, oft muss man sich dem Tempo des Werkes anpassen, den Wechseln in der Dynamik. Aber es lohnt sich. Moore versteht es das Medium Comic und die Errungenschaften der literarischen Narration gleichsam für sich zu nutzen, von wieder auftretenden Motiven bis zu Geschehnissen, die der Interpretation der Leser*innen überlassen werden. Er hinterfragt zusammen mit dem Zeichner Dave Gibbons die Perspektive, die einzelne Panels in Comics liefern, er revolutionierte sein eigenes Genre, ohne es zu sprengen oder zu übersteigern.

Die Handlung von “Watchmen” zu erläutern, zusammenzufassen, übergeht in meinen Augen zu viele Feinheiten, weshalb ich vor einer Inhaltsangabe zurückschrecke. Natürlich dreht sich viel darin letztlich um Begriffe wie “Gerechtigkeit”, “Frieden”, “Freiheit”, aber Moores Ansatz ist eben nicht der konventionelle SuperHero-Ansatz und dementsprechend ist sein Werk um einiges pathosärmer und hintergründiger als viele andere Werke, selbst wenn diese die Modalitäten ihres Genres mitreflektieren. Moores Welt ist eine Welt der Zerrütung, eine Welt des Kalten Krieges, des Exodus. Am wichtigsten ist vielleicht, dass Moore seine Figuren nicht vor die Karren der oben erläuterten “großen” Ideen spannt. Sie sind eben keine Wächter, keine Beschützer im eigentlichen Sinne. Sie leben in der Postmoderne des Superheldentums, alles ist Karikatur oder Ironie, kein hehres Ideal kann mehr verdecken, dass Gewalt Gewalt erzeugt, dass Helden oft nur Spielfiguren auf den Brettern von den Mächtigen sind oder selbst zu machtgierigen Personen werden – in jedem Fall werden sie zu Karikaturen ihrer selbst oder werden wahnsinnig, zu Außenseitern. Gut & Böse, die Vorstellung eine solche Einteilung sei möglich, wird in “Watchmen” mehr als einmal auf die Probe gestellt, entkernt.

“Watchmen” bündelt und zerschlägt Ideen. Es ist wirklich eines dieser Werke für die Insel. Eines dieser Meister*innenwerke.

Nachtrag zur deutschen Version: Einige Übersetzungen aus dem Englischen sind auf Deutsch in der Tat, wie schon oft von Fans angemerkt, etwas schwerfällig und in vielen Szenen ist die englische Ausdrucksdichte einfach die bessere Wahl; auch sprachliche Kniffe und Doppeldeutigkeiten verlieren im Deutschen oft ihren Sinn, so spielt bspw. eine große Uhr eine wichtige Rolle (“watch” kann im Englischen ja sowohl ein Verb als auch ein Nomen sein) und auch einige Anspielungen bzgl. der Namen der Charaktere (etwa: Comedian), kommen viel besser rüber; der Schliff und die ambivalente Seite der Charaktere allgemein. Im Anhang der neuen deutsche Ausgabe wird immerhin auf einige dieser Probleme hingewiesen und sie werden gut erläutert.

Fazit:

Wichtig zu kennen:
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Grafik:
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Story:
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Aufmachung (deutsche Übersetzung ist teilweise nicht top; englische Ausgabe bekommt 5 Sterne, obwohl diese Graphic Novel mit ihren 400 Seiten sehr wuchtig ist):
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