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Don Paterson und sein Band “Weiß wie der Mond”


“Gedichte übersetzen das Schweigen und finden Worte, wofür es keine Worte gibt. Sie füllen Lücken mit… Liedern, die wir eigentlich nicht hören dürfen.”
Don Paterson

“Remember, brother soul, that day spent cleaving,
nothing from nothing, like a thrown knife?
Then there was no arriving and no leaving,
just a dream of a disintricated life –
crucified and free, the still man moving,
the balancing his work, the wind his wife.”
(Aus: Schlittschuhlaufen auf Loch Ogil)

Ausgerechnet der vielleicht größte amerikanische Dichter unserer Zeit, Charles Simic, sagte über dieses Buch: “Wenn sie mich fragen, ob große Gedichte überhaupt noch geschrieben werden, dann müssen sie nur die Gedichte von Don Paterson lesen.”
Denn eine so vielgestaltige und vielschichtige, in gleichen Teilen klassische, antagonistische und moderne Dichtung, die sich wegen ihrer Bandbreite allein schon dem Begriff der Größe nähert, gibt es in diesen Zeiten selten – eine Dichtung, die Wahrheit nicht zwanghaft mit Schönheit verbindet (aber sie doch oft zusammenbringt und wieder auseinandersprengt), nicht Reim mit Gesang, sondern ganz eigen und auf virtuose Weise radikal, stets ihren eigenen Diktionen folgt.

“Die Gegenwart ist eine Scheibe,
an die ihr die Stirn lehnt, wobei ihr heimlich
das Wörtchen >jetzt< schreit. Vielleicht
ist die Gegenwart eine Zimmerwand,
durch die ihr die Geister stoßt, die ihr sofort
wieder zu euch zurückholt. Die Gegenwart
ist eine Wand, vor der ihr zwischen Nichts
und Etwas patrouilliert. Sie hält nicht dicht.
Die Gegenwart ist eine Wand, die sich
vor euch aufbaut, während ihr euch bemüht,
sie zu erklimmen, bis ihr abrutscht und stürzt.
[…]
There is no wall. Pick your bed. Walk through it.
Last chance friend. So do it or don’t do it.”

Verse der Analyse, des Bohrenden und Offenbarenden, in endlosen Gedichtverquerungen, wird man hier finden, genauso wie kleine, sich in Reimen die Hände reichende Lyrik. Paterson wendet die Metapher und sogar die Metaphorik als ganzes Gedicht an, aber weiß auch in ganz einfachen Worten das Orchester der Welt einen Bogenstrich lang auf einen einzelnen Ton zu minimieren.

“Stehe ich zwischen der Sonne selbst,
gesegnete Mutter, und dem, was sie erhellt,
dann verwandele mich in Glas.”

Ein solches, immer wieder seine Ausrichtungen änderndes Werk, ist natürlich kein homogenes Lesevergnügen. Es sind z.B. auch zwei Rilke-Übersetzungen enthalten, die ich ziemlich schlecht finde und auch das sehr lange, in seinen scheinbar erderschütternden Parabeln des Worte-auf-den-Kopfstellens und -ausschüttens gefangene Gedicht-Black-Box, welches sicherlich Hochphilosophisches enthält, mir war es eher ein Gräuel. Aber was man eben anerkennen muss ist, dass Paterson einfach dichten/schreiben kann und das dabei immer auch etwas Tiefes zustande kommt, etwas Magisches.

Don Paterson ist ein starker Dichter, der sowohl Moll als auch Dur, sowohl Angriff als auch Beobachtung beherrscht. Dieses kleine Büchlein wird, denke ich, für jeden eine andere Erfahrung sein; es ist ein Kaleidoskop von “Weiß wie der Mond” bis zu “black box”, darin viele Stufen von hell und dunkel, Kontraste einer Welterfahrung, fein definiert. Aber jeder wird von seiner Position aus ein paar für ihn vortreffliche Verse entdecken, denn hier wurde nichts ausgespart, vom Prosagedicht bis zur lyrischen Einfassung.

“Was ich euch nun überbringe,
ist das Geheimnis der Bruderschaft der Dinge,
und nur der Dinge, die es lang schon bewahren.”

“Kein Sänger von Nacht- und Tageszeit
ist glücklicher als ich,
denn mein Schallraum ist die Dunkelheit,
mein Vortragssaal das Licht.”

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Appell ohne Appell – zu Ralf Rothmanns zweitem Lyrikband “Gebet in Ruinen”


“Verehrte Akademie für Dichtung und Maschinenbau,
das Leben ist schon so lange zu kurz.”

Ralf Rothmann hat bisher zwei Lyrikbände veröffentlicht. Der erste, [[ASIN:3518383248 Kratzer und andere Gedichte]], setzte sich vor allem mit Jugendthemen, Adoleszenz und Hoffnungslosigkeit auseinander. Der Ton dieser ersten Gedichte wird in diesem Band nahtlos weiterentwickelt und fortgeführt, wenn auch auf eine etwas virtuosere, nichtsdestotrotz auch teilweise etwas sprach verlorene, indirekte Art und Weise. Hoffnungslosigkeit steht weiterhin im Mittelpunkt und wird in vielschichtigen Momenten und Nuancen durchdekliniert.

“Wo Raben krächzen hat der Himmel Halsweh.”

Wie schon in den “Kratzern” ist Rothmanns große Stärke sein Gespür für eine Bildpoesie, die zwischen elegisch und profan hin und her pendelt und dabei unvorhergesehene mit nachzuempfindenden Betrachtungen kombiniert, die entrückte Zelebrierung von Tristesse mit nahe gehenden Symptomen von Sehnsucht, deren Farbe sich verschließen hat, verbindet. Es entsteht daraus eine unsichere Begegnung mit dem Leser – er bewundert Rothmanns poetische Einlassungen und ist doch leicht irritiert von der grundsätzlich radierenden, im Verschwinden begriffenen Programmatik in der Ausrichtung seiner Gedicht.

“Zu spät für das Licht
und die langen Schatten,
die unsere kurzen Sternstunden hatten.
Zu spät für die Frage wie’s weitergeht,
zu spät für jede Love Parade,
für Spott und Hohn und Religion,
zu spät für Tränen am Telefon.
Zeit war nie golden, Hoffnung nicht blau.
Die Tauben leben von ihrem Grau.”

Man bleibt seltsam unberührt im Banne der Schönheit. Ein seltenes Kunststück und eines, das sehr gut die moderne Überschaulichkeit unserer Empfindungen imitiert und andeutet. Rothmann versteht, dass der Gesellschaft etwas vorzuwerfen die Möglichkeit der Reflektion ausschließt, weil der Leser sich gemeinsam mit dem Autor von der Gesellschaft distanzieren kann; stattdessen führt er dem Leser seine Regungen und Bilder vor, spricht vom “Gott als einer Creditcard”, bringt Harmonie in seine Gedichte und kontrastiert diese mit absinkenden Verlorenheitspsalmen und macht den Leser so auf die Fassung der Wirklichkeit aufmerksam, in der wir derzeit existieren; eine Fassung in der die Sehnsucht, der Glanz eine Randerscheinung sind, mehr der Erinnerung als dem Erlebnis und dem Dasein verpflichtet.

“Einst sah ich Flieder im Fieber blühn,
den Mädchen fiel das Schreiten ein,
jeder Sternstrahl klang wie Wind.
Einst trugen wir nichts als Kleider aus Schweiß
und sammelten Süße in den Zimmern,
in denen Mondlicht die Betten verschob,
Süße, als wären die Ziegel aus Zimt.”

“und der Himmel wie immer, blaue Seite,
Innenfutter von Nichts.”

Dies ist sicherlich nur eine Art, wie man diesen schmalen, sehr filigranen und doch manchmal sehr von sich selbst entleerten Gedichtband lesen kann. Sprachlich ist Rothmann im Idealfall exzellent, ansonsten auf jeden Fall eingängig, anziehend. Seine Dichtung hat kaum Ausläufer, aber dafür den Charakter einer Leinwand der Regung, auf der fast immer etwas geschieht. Seine Gedichte stimmen nicht selten nachdenklich und oft haben sie eine Botschaft, die sich den Rahmen einer gewöhnlichen, zu propagierenden Botschaft, sprengt. Das ist etwas Wesentliches in Gedichten – das GILT für Gedichte:

“In jedem -Wo bist du?-
sind hundert
-Hier-.”

Über “Das Schloss” und den Erzähler Franz Kafka


An Kafka, Kafka, Kafka scheiden sich die Geister. So viel Zuspruch wie er hat noch keiner über sich ergehen lassen müssen, so viel unterschwellige Ignoranz wie ihm, wird ihm wie kaum einem anderen deutschen Literaten entgegengebracht. Es ist sicherlich, im Fall von Kafka, eine Frage von Erwartung und Erfüllung, wie sie überall in der Literatur, bei Kafka aber im besonders hohen Maße, eine Rolle spielt. Denn Kafka ist einer der wenigen Literaten, die kaum bis gar keine Erwartung des Lesers erfüllen oder überhaupt darauf eingehen. Ganz im Gegenteil: seine Prosa ist die reinste innere Konsequenz, scheint allein die Schlussfolgerung ihrer selbst zu sein. Scheint, wohlgemerkt. Vertieft man sich in Kafka, bemerkt man nämlich sehr schnell, dass diese erzählerische Folgerung sich an sehr realen Systemen und Ideen festmacht, dass sie Symptome des Realen ausweitet zur inneren Konsequenz der Handlung. Daraus ergibt sich eine paradoxe Wirkung, wie sie Kafka seit jeher ausmacht: Er ist ein Realist, aber einer, dessen Realismus (der ja “eigentlich” die am leichtesten verständliche Form der Fiktion ist) ganz schwer als solcher zu erreichen ist. Natürlich ist Kafka in allem auch ein bemerkenswerter Erfinder von Fiktion – dennoch ist er im Kern ein Realist, ohne die damit einhergehende Realitätsnähe.

Der Landvermesser K. kommt zu einem Dorf, das zu Füßen eines Schlosses liegt, angeblich ist er dorthin berufen worden. Doch schon kurz nach der Ankunft ist K. gefangen in dem wirren Netz aus grotesken Vorschriften und scheinbar unfähigen Beamten, einer undurchschaubaren Bürokratie, in deren Sog er droht – auch wegen der unverrückbaren anonymen Ablehnung und nicht vorhandenen Beachtung der herrschenden Klasse im Schloss – in seine ganz eigene Bedeutungslosigkeit zu versinken. Bestrebt, mit aller Entschlossenheit seine Existenz zu rechtfertigen, versucht K. im Dorf Verbündete zu finden, stößt aber auch hier nur auf ein diffuse Dogmatik von verstrickten Beziehungen, unerklärlichen Handlungen und widersprüchlichen Meinungen. All sein Aufbegehren und seine Versuche werden sofort wieder durch einen neuen Rahmen, eine neue Wendung begrenzt. Sein Ziel, der Einlass oder zumindest die Verbindung zum Schloss rückt für ihn in immer weitere Ferne, als wäre er jemand, der auf den Horizont zu rennt, während die Sonne unaufhaltsam immer tiefer sinkt, ohne dass der Horizont je näher kommt, ohne dass die Sonne je ganz verschwindet.

Kafka scheint auf den ersten Blick in seinen Büchern groteske, düstere und doch phantastisch anmutende Welten zu erschaffen, die in ihrer Widersprüchlichkeit und ihren Ausmaßen kaum einen Bezug zur Realität erkennen lassen. Verzeichnete Alpträume nannte Borges diese Art der Darstellung und den Schreibstil, der sich durch nichts, außer durch sich selbst, beherrschen lässt und sich durch nichts, außer durch sich selbst auszeichnet. Safranski dagegen hat in seinem Buch Wieviel Wahrheit braucht der Mensch? die klaren Strukturen dargestellt, die Kafka, unter der Oberfläche der Handlung, meisterhaft in seinen Büchern platziert hat.

Jedoch, Kafka ist, weitab dieser beiden Theorien, ein großer und tiefblickender Erzähler, der die Welt ausgeleuchtet hat und vielleicht nur an der Vermittlung seiner Ideen gescheitert ist; auch weil sein Feinsinn ganz in seiner Sprache liegt und man sich dieser Sprache erst öffnen muss, wie einem abstrakten Bild, um ihre Schönheit und mannigfaltige Bewegung zu erkennen.

Es mangelt nicht an philosophisch-interpretativen Ansätzen zu “Das Schloss“.

K., der Landvermesser, dringt am Anfang des Buches in einen Mikrokosmos ein, dem sich jeder neuen Ankömmling unterordnen muss – das ganze also eine Metapher auf das Leben selbst, der Künstler K., das Individuum K. als der Versuch, anders zu sein, über das Leben der anderen hinauskommen oder einfach genauso leben zu können, wie die anderen – also das ganze Werk eine Metapher als Aufruf zur Erkenntnis, dass eine Anpassung unmöglich ist?

Nähme man das Schloss auf der anderen Seite zum Beispiel als Symbol für die Wahrheit, wird wiederum eine Dimension von Kafkas Schaffen deutlicht. Wer hat sich nicht schon mal nach der Wahrheit gesehnt, hat versucht sie zu erreichen und ist doch an der gesammelten Fülle der Informationen und Verstrickungen gescheitert, die die Wahrheit umgibt, die Wahrheit, die vielleicht gar selbst nicht wahr ist; das Schloss, dass vielleicht gar nicht erstrebenswert ist.
Auch noch viele andere, existenzialistische oder religiöse Deutungen sind möglich. Hier könnte  K. ein kluger, sogar sehr intelligenter Redner und Mensch mit guten Ambitionen sein. Doch das Leben tut sich sinnlos vor ihm auf, überall wo er sich bemüht rechtschaffen, bescheiden und ehrlich zu sein, sich breitschlägt zu argumentieren, wird er abgeblockt und als lächerlich hingestellt, immer wenn er versucht es allen recht zu machen, wird er hier im Stich gelassen und dort schuldlos beschuldigt.

Vielleicht sind Kafkas Bücher tatsächlich einfach sehr fein justierte Modelle, auf die man sehr viele Ansätze legen und sie alle bestätigt finden kann. Ausdeutbare Dinge also, wie Träume, wie Gemälde, in denen der eine Erinnerung, der andere eine gerade aufkommende Angst, der nächste wieder eine schöne Idee von Wirklichkeit oder Vorstellungskraft sieht.

Kafka hat einen ausdruckstarken Ton der deutschen Sprache geprägt und es geschafft in seinen Werken symbolische Manifestationen zu schaffen, die uns nach der Lektüre unser Leben lang begleiten. Man kann natürlich auch sehr profan und richtig sagen, dass seine Bücher, wenn man sie richtig entschlüsselt, ein treffendes Bild des Menschen in einer modernen, völlig unübersichtlichen, bürokratischen Welt zeigen. Egal wie man ihn deutet, Kafka zwingt einen geradezu, über die Wörter hinaussehen. Wer dazu nicht bereit ist, bleibt zurück, wird Kafka am Liebsten an die Wand werfen wollen… Oder? Nun, ich muss sagen, ich lese Kafkas Prosa (wenn auch nicht die Romane) immer wieder gern, einfach weil sie so unbestimmt daherkommt, als würde ich nie wissen, was mich erwartet. Ich weiß nicht, ob es anderen auch so geht. Aber ich denke, man kann auch alle Theorien verdammen und einfach Kafka lesen. Zu Anfang würde ich immer die Aphorismen und kurzen Prosastücke, sowie den Prozeß empfehlen. An das Schloss sollte man sich vielleicht eher zum Schluss wagen. Aber und hier befinden wir uns eindeutig auf kafkaeskem Boden, vielleicht ist das wiederum der ganz falsche Ansatz…

*diese Rezension ist in Teilen schon auf Amazon.de erschienen

“Watchmen” – Eines der großen Werke der Moderne.


Quis custodiet ipsos custodes? ” (Wer wacht über die Wächter?)
Juvenal

Sicherlich kann man eigentlich keinen Kanon an “lesenswerten” oder “wichtigen” Büchern festlegen, der über die eigenen Person hinausgeht, erst recht nicht in Größenkategorien von 100 oder 10 oder 50, etc. Dennoch spürt man immer wieder bei ganz bestimmten Werken ihren klassischen/ kultigen/ einzigartigen/ stilbildenden Charakter – diese innere Größe und die Ausprägungen der Figuren und führenden Motive, die weit über sich hinausweisen.

Die Kette solcher Bücher, Comics, Filme (etc.) zieht sich durch das gesamte Leben und, danach gefragt, kommen wir schwer um eine bestimmte Liste von bewegenden, aufwühlenden, prägenden Erlebnissen herum, wie sie in endlosen Diskussionen mit Freunden und Bekannten immer wieder zelebriert wird, wie wir sie für unser Leben als einen kleinen Höhepunkt und Wegbegleiter verbuchen.

Einige sind darunter, die eine Art der Erweckung sind, der Urtypus, aus dem uns eine ganze Welt oder Vorstellung erwuchs; der Punkt, wo alles begann. So wird für manche z.B. der Disneyfilm die erste Berührung mit der romantischen Liebe gewesen sein, andere werden die Rede eines bestimmten Bürgerrechtlers oder Humanisten als erste Form integerer Kraft erlebt haben und für viele ist das “Erkennen” der Literatur und ihrer Möglichkeiten mit einem ganz bestimmten Buch verbunden. “Watchmen”, von Alan Moore, gehört zu diesen Werken, ist einer dieser Fixsterne im Universum fiktionaler Faszination.

Ich würde dieses über 400 Seiten schwere Werk nicht als den Urtyp der Graphic Novel bezeichnen, aber doch als einen ihrer großartigen, beinahe einsamen Gipfel. Dabei geht es vorrangig noch nicht einmal um solche Dinge wie Optik und Spannung, die beide auch vorzüglich sind (letztere tritt allerdings entgegen dem Comicstandard sehr langsam ins Geschehen, mehr hypnotisch als aggressiv, mehr enigmatisch als geradewegs). Nein, was mich immer und immer wieder zu diesem Buch hinzieht, ist das Genie seines Aufbaus, die Vielfalt seiner Ebenen. Banal ausgedrückt könnte man sagen: Es ist ein Comic, den man immer wieder lesen kann, jedoch nicht nur zur Entspannung, sondern (gleichsam) auch zur Neuorientierung, zu einer neuen Erfahrung.
Facettenreich, auch das ist noch zu wenig… Es ist eine geradezu ultimative Abstimmung in diesem Buch, schwer zu verorten, irgendwo liegend zwischen der Oberfläche des Comics, dem apokalyptischen Wind, der darin weht, dem Spiel und den Ideen der Zukunftsvisionen, dem unterschwellig philosophischen Timbre – das alles gebadet im Zwielicht-Glanz eines Noir-Films, voller Figuren, die so einzigartig und doch klassisch zugleich sind, als wären sie tatsächlich Urtypen einer sehr alten mythologischen Geschichte, in ein düsteres Diesseits übertragen, in dem es eigentlich keine Gegenspieler mehr gibt, sondern nur noch eine schwer zu wiegende Existenz, die sich selbst bedroht.

Was sicherlich aus all dem hervorgehen dürfte: Watchmen ist ein einzigartiges Werk und besticht auf sehr viele, manchmal nicht ganz zu erklärende Weisen. Es gehört in keine Kategorie und das macht es reich und universell, aber (auch wegen seiner prophetisch-bunten Aura) manchmal auch etwas monströs. Man muss es mögen, wenn Anti-Heldentum und Heldentum, wenn all diese Kategorien, sonst so klar, in ein paar sehr menschlichen Figuren und Ansichten verschmelzen und sich beinahe auflösen – und dann noch eine halb fiktionale, halb surreale Geschichte darum gewoben wird. Oft muss man sich dem Tempo des Werkes anpassen, welches sehr oft wechselt und durch die Einschübe, zusätzlichen und rückwirkenden Informationen, durch Anspielungen und verschiedene Formen der Fokussierung eine sehr individuelle Form bekommt. Als einer der ersten hat Moore verstanden das Medium Comic wirklich zur Graphic Novel zu entwickeln und alle Dinge dort zu nutzen, von wieder auftretenden Motiven in den Bildern, eingezeichneten Details und den vom Leser zu erwartende Interpretationen, bis zu Rückschauen und Bild für Bild Perspektiven, den wieder Spiele nach Arten der Collage, eingefügte Zeitungsartikel, Comics im Comic, historische Sentenzen – und trotzdem ist es ihm gelungen die klassischen Stärken des Comics damit zu verbinden, sie als Untergrund für seine Innovation zu verwenden.

Die Handlung des Werkes zu erläutern wäre schon der Beginn der Lektüre, nur ohne das Buch in Händen zu halten, was ich niemandem raten will. Es geht natürlich um (Super)Helden, aber worum es vor allem geht sind Begriffe wie “lebenswert”, “Gerechtigkeit” etc. und was Moore darum gruppiert hat ist eine sehr klassische und doch im Detail sehr eigene Geschichte von Gut & Böse, moralischer Relativierung, modernem Mythos, die nachdenklich stimmt und über alle Grenzen hinaus prägende und bleibende Motive bereithält. Also: Wagen Sie sich an dieses einzigartige Werk mit offener Faszination – machen sie sich bereit auf eine ganz eigene Welt.

Nachtrag: Einige Übersetzungen aus dem Englischen sind in der deutschen Version in der Tat, wie oft von Fans angemerkt, etwas schwerfällig und manche Szenerie lässt sich durch die englische Ausdrucksdichte besser (auch atmosphärisch) miterleben; auch sprachliche Kniffe und Doppeldeutigkeiten verlieren im Deutschen oft ihren Sinn. So spielt eine große Uhr eine wichtige Rolle (“watch” ist ja im englischen so schön vieldeutig) und auch einige Anspielungen in Sachen Comedian, wie einer der Charaktere (eine der besten, vielschichtigsten Comicschöpfungen aller Zeiten) heißt, kommen viel besser rüber, sowie der Schliff und die ambivalente Seite der Charaktere allgemein. Doch das kann man sich mit der Zeit auch im Deutschen erarbeiten. Hilfe ist dabei sicherlich der Anhang der neue Ausgabe, wo auf einige dieser Probleme mit Erläuterungen hingewiesen wird. Ansonsten: Einfach auf Englisch lesen – da wird es vielleicht auch etwas billiger.

Link zum Buch: http://www.amazon.de/Watchmen-Alan-Moore/dp/386607607X/ref=cm_cr_pr_pb_t

*diese Rezension ist in Teilen schon auf Amazon.de erschienen