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Spurwechsel Nr. 3, besprochen


Das Thema der dritten Ausgabe der Zeitschrift „Spurwechsel“, die sich der jungen (wobei sich „jung“ nicht auf das Alter der Autor*innen bezieht, so heißt es auf der Website) Literatur verschrieben hat, lautet: „Das Tier in mir“.

Als erster Text ist ein Prosastück von Hartwig Abshagen abgedruckt, der auf ficition-writing.de schreibt und dort bei einer Ausschreibung zum Thema der Ausgabe den 1. Platz erlangte. In seiner Geschichte geht es um Krafttiere und innere Schweinehunde. Der Protagonist begibt sich seiner Freundin zuliebe, mit ihr und zehn anderen Teilnehmenden zu einer schamanischen Zusammenkunft im Wald. Nicht nur tierisch geht es dort zu, sondern auch satirisch, nicht unbedingt goutierlich.

An einer von Kalkuttas Eichen
hängt heut noch meiner Mutter Leichen.
Meinen lieben alten Vater
stieß ich in den Ätnakrater.
Im schönen Lande Liechtenstein,
da hackte ich drei Nichten klein.

Und satirisch geht es weiter, wenn Horst Reindl in seinem Gedicht eine Reise um die Welt durch mehrfachen Sippenmord würzt. Was man von dieser Verwandtschaftsreduzierung in Form einer1 Ballade halten soll, ist die eine Sache, Spaß macht das Gedicht durchaus.

Ein klassischer Topos: die vergängliche Schönheit, die nicht vergehen soll, darf. Aufbereitet in der Geschichte eines Physiotherapeuten, der sich eine junge Braut auf den Philippinen gesucht hat und nun in ihrer körperlichen Vollkommenheit schwelgt. Bis dann … nun ja, das sei nicht verraten, aber man kann dem Text von Ortrud Battenberg durchaus ein paar Geschmacklosigkeiten ankreiden. Andererseits: es geht ja nicht darum, die Welt so darzustellen, wie sie sein sollte, sondern so wie sie ist, mit den seltsamen Tieren bevölkert, die wir sind und mit dem Tierischen, das wir in uns haben. Oder so ähnlich, in jedem Fall: der Text wirkt etwas zu selbstverständlich.

Ulli B. Laimers Werwolfblues ist eigentlich kein Blues, vielmehr eine tragische Notenfolge, die versucht spitz zu sein, aber eher flach ist; ein Heulen Richtung Mondsüchtigkeit. Danach kann man sich auch nicht besser in einen Werwolf hineinversetzen. Ich muss wohl wieder zu Christian Morgenstern greifen.

Am oberen Rand der Seite sind immer die jeweiligen Textkategorien angegeben, meistens steht dort „Prosa“ oder „Lyrik“ aber es gibt auch andere Rubriken, zum Beispiel den „Warentest“, wo ein Buch rezensiert wird. Die erste Rezension des Bandes gilt dem Autoren-Handbuch von Sylvia Englert, über das die Rezensentin Beate Loddenkötter u.a. schreibt:

Selten habe ich ein Sachbuch mit so viel Freude und Interesse gelesen. Und selten so schnell.

Ein Biedermeiersofa als Verkuppler – das glauben sie nicht? Probieren sie es vielleicht mal mit etwas mehr Gemütlichkeit. Oder mit Olga Baumfels Erzählung. Da tobt der Mensch und steppt das Sofa, bevor es dann zum glühend-glucksenden Happy End kommt. Die beiden kriegen sich! (also: nicht das Sofa und der Wüterich). Etwas abgewetzt, das Ganze.

Ich warte auf dich, denn du bist für mich all mein Glück, so heißt es in einem alten Schlager. Auch die Protagonistin von Dörte Müllers Text wartet; heute regnet es auch noch und bei so einem Sauwetter muss man herumstehen und warten. Auf was eigentlich? Auf eine etwas dürfte Pointe, wie der Lesende findet.

Ein Vergewaltiger, der tagsüber als Maler arbeitet und sich bei seinen Arbeitsplätzen seine Opfer sucht. Ein Tier, voller Gelüste, aber berechnend, vorsichtig, sorgfältig planend, von Kerstin Brichzin ohne Pardon gezeichnet. Und dann tritt diese rothaarige Schönheit auf. Erst wird ihr grapschender Kollege überfahren, dann die Tat selbst geplant. Aber, Moment, was sagt sie da, als sie dann bei ihm im Auto sitzt!! Sie ist eigentlich ein … oh, da ist der Vergewaltiger durchaus verblüfft und bestürzt – und ich als Lesender auch, allerdings aus anderen Gründen. Ich will mich ja nicht als Moralapostel hervortun, aber all das nur für diese eine Pointe?! Das find ich schon irgendwie daneben.

Es folgt ein Gespräch mit der Comiczeichnerin Dagmar Gosejacob. Die hat einen spannenden Lebenslauf mit verschiedenen Karrierewendungen hinter sich, Chapeau! Ich bin kein Riesenfan von Kurzcomics (außer Garfield!), aber wer mag, der schaue mal auf pinkmuetzchen.de vorbei.

In dem sympathischen Text von Olaf Lahayne braucht man eine Weile, bis man begreift, dass sich dort nicht die Tiere, sondern die Käfige des Tierparks unterhalten. Eine schöne Gaudi, nicht ohne manchen cleveren Witz, ein bisschen zu verulkt hier und da, aber im Großen und Ganzen fabelhaft und mal was anderes in diesem Wust an Mörder- und Monstergeschichten.

Klaus Gottheiner greift das Thema des Heftes allegorisch auf und schreibt über das letzte Zimmer, das im eigenen Innern noch ungeöffnet ist und in dem vielleicht eine tierähnliche Gestalt umhergeht. Ein bisschen Gänsehaut kommt auf.

Deshalb liebe ich dieses postmaterialistische Zeitalter. Es geht nicht mehr um so profane Dinge wie Macht, Geld, Maschinen. Dienstleistungen sind jetzt das Wichtigste.

Was kann ein Vollmondmonster fürs Big Business tun? Eine ganze Menge, Mörder werden doch immer gesucht! Und wenn Grauen eine Rolle spielen soll … Peter Schwendeles Schilderung ist dramaturgisch optimiert und hat durchaus Biss.

Eine weitere Kategorie in den Spurwechsel-Heften ist die Blitzaktion, ein kurzfristig angefragter Kurztext zu bestimmten Themen, in diesem Heft „Gier“, „Schlaf ohne a“ und „Wildwuchs“.
Der Text zu Gier, ein knapper Dialog von Helga Strehl, ist nicht so berauschend, vor allem weil er sich früh auf eine Pointe einschießt. Der Text zum Schlaf von Ruth Gaidas kommt nicht ohne einen Alkoholismus-Witz aus. Der letzte Text von Albrecht Bothner warnt mit erhobenem, realem Finger vor den Gefahren des übermäßigen Internetkonsums, wirkt darin etwas steif.

Die Tiere in uns und den anderen, welches kommt welchem zuvor? Bis dass der Tod uns scheidet, heißt es. Bei Astra-Birgitta Heesen ist die Ehe allerdings zur Unerträglichkeit geworden. Also: ein Bootsausflug, der all die Pein verfliegen lassen soll und wird, sobald die Partnerin im Wasser dümpelt. Doch manche Demütigung reicht bis in den Tod hinein …

Monika Kühns wunderbarer Streifzug durch die Märchenwelt anhand eines magischen Museums hat mir sehr gefallen, vielleicht weil ich selber märchenaffin bin. Es ist auch deswegen ein guter Text, weil man seiner Belustigung freien Lauf lassen kann.

Dr. Silke Vogts Text über die innere Schweinehundeschule basiert auf einer netten Idee, die knappe Ausführung ist dann irgendwie vorhersehbar. Die Pointe am Ende ist allerdings ganz cool!

Amokphantasien, ausgelebt im Kopf, um die innere Bestie zu befriedigen. Der Text von Lena Obscuritas hat etwas Kompromissloses, dass schon wieder bewundernswert wäre, wenn nicht hier und da ein paar zu glatte Formulierungen und ein paar allzu inszenierte Szenen vorkommen würden. Dennoch: der Text filtert aus dem nebulösen Thema eine heftige Geschichte und begibt sich in die Welten von pubertärer Depression und Verzweiflung und auch die Problematik der Ego-Shooter-und-Action-Heldenfilm-Gesellschaft lauert darin. Aber letztlich ist das schon ziemlich Splatter und wenig anderes.

Hoffnungen, die sich einstellen, wenn eine Frau bei einem Mann Hilfe mit ihrem Exfreund erfragt. Alte Geschichte, bei Dirk Alt spielt sie an Weihnachten. Eine Story, die vor allem eines klar macht: sieh immer hinter die Fassade.

Im zweiten Warenstest geht es um Karin Peschkas „FanniPold“, die Geschichte einer Frau, die behauptet, sie habe Krebs, und in der Folge ihrem eintönigen Leben entfliehen kann. Margit Heumann beginnt die Besprechung mit dem Satz:

Eigentlich lese ich nicht gern Romane über frustrierte Frauen. Ehrlich gesagt, nervt es mich, wenn sie ihren Alltag als banal oder unbefriedigend oder langweilig bezeichnen und trotzdem jeden Tag aufs Neue ihre sogenannte Pflicht erfüllen. Von einer solchen Frau handelt dieses Buch.

Und bei Dagmar Möhring haben wir einen weiteren heimlichen Mörder, diesmal einen, der sich von der Frauenwelt verlacht und gedemütigt fühlt. Dass auch dieser Text auf eine nette Pointe hinausläuft, hätte ich wohl ahnen müssen …

Stefan Müsers ekstatische, feucht-fröhliche Odyssee, die seine Charaktere Felizian und Melody in die großen Städte der Welt und die Freuden verschiedenster sexueller Akte führt, hat einen gewissen rauschenden Reiz und eine ebensolch rauschende Albernheit. Von allen Texten in diesem Heft ist es sicher der phantasievollste, der sprachlich erquicklichste.

Den Schlusspunkt setzt ein sehr unappetitliches Gedicht von Gerhard Dick, worin einer seine Körperteile zum Verzehr feilbietet. Nicht wirklich ein Spaß.

Fazit: Viele Geschichten in dieser Spurwechsel Ausgabe laufen auf mehr oder weniger vorauszuahnende Pointen hinaus, was ich irgendwann ein bisschen leid war. Anscheinend wird das Thema „Tier in mir“ vor allem mit den düsteren Seiten der menschlichen Seele zusammengebracht, es gibt aber auch einige phantasievolle Ausnahmen. Auffällig ist, dass die Redaktion wohl eher den reißerischen Erzählungen und Szenen gewogen ist.

Ich bin nicht wirklich warm geworden mit der Zeitschrift, allerdings bot sie mir eine Abwechslung in Sachen literarischer Erfahrung und literarischer Auseinandersetzung. Wer sich für heftigere, solide geplottete Geschichte interessiert, könnte an diesem Heft seine Freude haben. Wobei ich behaupte, dass man solche Geschichten auch in einschlägigen Kurzgeschichtenforen und auf Websites von Hobby-Autoren lesen kann. Diese Einschätzung will ich nicht als eine generelle qualitative Bewertung verstanden wissen.

Zu Ferdinand von Schirachs “Der Fall Collini”


Direkt vorweg: Ich gehöre zu den Bewunderern von Schirachs Kurzgeschichten und habe mich sehr gefreut, als ich es jetzt endlich geschafft habe, einen Roman von ihm zu lesen. Meine Erwartung: ein einfaches, aber schnörkelloses Werk, mit nicht viel Aufhebens, aber einem schönen doppelten Boden, einem Fingerzeig vielleicht, aber vor allem freute ich mich auf die Eindrücklichkeit, wie ich sie von Schirach bisher gewöhnt war.

Diese Erwartungen wurden nur teilweise erfüllt. Das liegt zum einen daran, dass das Buch, der “Roman” (es ist kein Roman – eine Novelle, allerhöchstens), sich nicht entscheiden kann zwischen einem neutralen Erzählton und einer sehr stark emotional eingefärbten Geschichte. Muss er ja auch nicht, könnte man denken, und ja: aus so einer Diskrepanz kann Spannung, kann Stil entstehen, aber es ist beileibe kein Patentrezept, keine einfache Gleichung, vor allem nicht für eine längere, nicht dicht-verwobene, sondern weitläufigere Erzählform, die über eine Kurzgeschichte hinausgeht. So wirkt das Buch mit der Zeit sehr um seinen Ton bemüht; es wird ihm eng in seinem Stil, aber es formt trotzdem alles damit aus, was dann manches etwas unförmig wirken lässt, konsequent zwar und teilweise folgerichtig, aber stellenweise mehr wie eine Musterschreiben, fern jeder Erzählhaltung.

Zum anderen ist da der Aspekt des Inhalts und hier betrete ich endgültig das Land meiner eigenen Ansichten, die ich nicht mehr objektiv nennen kann, trotzdem aber für wichtig halte, wenn es um dieses Buch geht. Es stört mich wenig, das Schirach sich dem Thema des 2. Weltkriegs zugewandt und noch weniger, dass er es an einem Rechtsfall aufgehängt hat; ebenso finde ich die Verknüpfung mit der Rechtsgeschichte der Bundesrepublik interessant.

Aber was mich wirklich aufregt ist sein geringes Bemühen um eine Annäherung an irgendeinen seiner Protagonisten. Da kann ihn auch der Verweis auf seinen Stil, seine Art zu schreiben nicht retten oder der Verweis auf Leute wie Carver oder Hemingway, Eisberg und so weiter. Gerade Carver, um ein Beispiel zu nennen, schrieb zwar auch karg und knapp, aber trotzdem drehte sich bei ihm alles um seine Protagonisten.

Bei Schirach geht es gar nicht um die Protagonisten. Sie sind Zweck für seine, sehr beeindruckende und schön aufgemachte, Lehrstunde in Sachen Recht und Unrecht. So blass wie die Figuren auftreten, treten sie auch wieder ab, angereichert mit Halbklischees, die so nah und knapp neben das Klischee gesetzt wurden, dass sie noch mehr den Eindruck des Pflichtschuldigen hinterlassen. Ich will diesem Buch wirklich nicht Unrecht tun, aber wie ich es auch lese, drehe und wende: hinter den Figuren steckt nicht annähernd so viel, wie hinter dem, was sie vor Gericht und in ihren Leben verhandeln. Die Profanisierung, die bei Schirachs Kurzgeschichten das Echte betonen und das Namenlose sich auftun ließ, schiebt sich hier als szenisches Ordnen vor alles, kaum zu durchdringen.

Von all diesen Anmerkungen unbeeindruckt, bleibt “Der Fall Collini” ein nicht uninteressantes Buch, eine spannende Lektion in Rechtsalltag und -geschichte allemal. Man sollte meiner Ansicht nach nicht zu viel erwarten. Der Kniff der Story ist gut, der Rest ist zu leicht ineinander zu stülpen, lässt sich allzu schnell weglesen.

Je suis Charlie


09.01.2015

Blut klebt an unseren Händen, in unseren Haaren, streicht dünn
Ränder um unseren Mund. Wie tauchten in, wir umkreisten uns
für so wenig Blut, ein paar Herzspritzer, in der Ferne schmerzt
eine Wunde ohne uns; noch zu wenig Kraft
uns mit zu zerfetzen
hat der freilaufende Tod.

Wir haben einen freilaufenden Tod.

Gestern war er in Paris,
aber ich war nicht dort.
Ist das jetzt die Scham des Überlebenden, die Trauer
oder die Wut?

Wird man sich in ein paar Jahren noch an diesen Tag erinnern
oder wird es dieser Tragödie gehen wie den Tragödien
der alten Griechen, den Opfern vergessener
Völkermorde, den vergewaltigen Frauen, die sich nicht wehren konnten, können,
was schon immer der wichtigste Grund dafür war, übrigens,
jemand anderem NICHTS anzutun;

(ohnehin, wenn wir weiter von
„der Menschheit“ sprechen wollen.)

Jeder geht mit dem Schicksal, das die Welt gerad bewegt,
anders um.
Wir können nicht alle trauern,
mit einer Faust in der Brust
und einem Boxsack in den Augen.
Wir sind nicht alle voller Leid, wenn auch unser Vertrauen
von Neuem in die Zerstörung fiel und wir
es eine Weile nicht mehr finden werden.

Doch was da Trauer in uns ist, das will uns sehen lassen,
wo wir sonst blind sind: Justitia in uns
hört auf die Waagschalen zu halten und fast sich
mit der uralten Geste jedes Menschen auf der Erde
an den Kopf und bedeckt danach die Augen.
Wut zittert wie Espenlaub, das auf dem kalten See treibt, im Wind.
Die Frequenz der Liebe wandert schuldig durch die Brust,
umher.
Wir sahen schon so vieles, aber dies sehen wir nun.

Ohnmacht und gleich im Anschluss unverheilte
Versuche von Rührung und Solidarität
umgeben uns, durchdringen die Anmut, die wir sein woll‘n,
die uns aber unmöglich halten kann
in dieser Flut, die man das Leben nennt
und auch die Freiheit der anderen. Die Freiheit, mit der
niemand mithalten kann,
nicht du, nicht das Gesetz, keine Kapazität.

Die Verbindung zwischen dem Punkt im Kopf, mit dem wir leben
und dem Gefühl allein zu sein.
Wir füllen diese Verbindung mit Glauben, mit Zynismus,
mit Lethargie und Illusionen,
mit jedem Hang, den wir noch spüren können,
dann und wann mit Liebe, Hoffnung,
ein Leben lang geht es
nur so.

Jetzt im Moment spür ich nur die Verbundenheit,
wenn ich „Je suis Charlie“ lese;
die Tränen, mit denen ich kämpfe, das sind
Tränen die ich vergießen will,
weil ich weiß, dass jeder Leben möchte
und die ich nicht vergießen kann, weil ich nicht weiß
und nicht verstehe,
warum irgendjemand töten will.

(Achtung: dieses Gedicht will keine umfangreiche, allgemeine Bewertung der Ereignisse sein; das oft gewählte “wir” soll keine besitzergreifende Tendenz oder Deutungshoheit implizieren; dieses Gedicht ist eine Auseinandersetzung und will auf gar keinen Fall ein tragisches Ereignis selbstbezogen stilisieren; dennoch kann es hier und da so wirken, als würde einer dieser drei möglichen Vorwürfe zutreffen. Wichtig ist mir, dass man diesen Text als ein Gedicht und keine Wortmeldung im eigentlichen Sinne begreift. Nichts darin verlangt nach Zustimmung, auch wenn, wie bei jedem Gedicht, der Versuch gemacht wird, diese Zustimmung, die Berührung mit dem Leser, möglich zu machen; sie ist erhofft und erwünscht, aber wird nicht verlangt, denn ein Gedicht kann und darf nichts verlangen.)

Zu Woody Allens “Cassandras Dream”


Nahezu jeder kennt die Geschichte der Kassandra, sie gehört zu den bekanntesten Sagen der griechischen Mythologie und ihre Figur ist als Symbol auch in unserer Zeit noch sehr gebräuchlich (siehe z.B.: Christa Wolf: Kassandra). Die Tochter Trojas war von Apoll mit der Fähigkeit zur Weissagung/Hellsicht bedacht worden, doch gleichsam war mit dieser Gabe die Tatsache verknüpft, dass niemand ihren Worten je Glauben schenken sollte. Stoff für eine Tragödie.

Eine Tragödie ist auch Woody Allens Film, der oberflächlich (mal abgesehen vom Titel, der im Film selbst aber in der verschleierten Form eine Randerwähnung auftritt) keinen direkten Bezug zu Kassandras Schicksal hat, sondern eher zu Erzählungen großer, klassischer Romanciers wie Dostojewski, Hardy, Thackeray oder Scott Fitzgerald tendiert und ihren metaphysischen, auf Schicksal, Schuld und Fall aufgebauten Handlungsbögen. Trotzdem gibt es eine kassandrische Komponente: die der Vorhersehbarkeit, die gepaart ist mit der Unausweichlichkeit, die wiederum dennoch Platz für Spannung und Hoffnung lässt (nichts ist so ehr an die Unausweichlichkeit geknüpft, wie die Hoffnung und, in der darstellenden Kunst, die Spannung).

Alle wollen es schaffen, es zu etwas bringen – das ist das “Memento Mori” unserer Zeit. “Die meisten Menschen”, sagte Jack London einst, “leben nicht, sie existieren nur.” (London meinte es allerdings im sinnlichen Sinne, als Wahrnehmen des Lebens, als das Spüren seiner urgewaltigen Kraft und Schönheit – eine Auslegung, die in unserer modernen Gesellschaft durch das Geld und den Glamour, durch Reichtum und Macht, durch Sex und Ansehen ersetzt wurde).

Genau das tun die Brüder Ian (Ewan McGregor) und Terry (Colin Farrell) am Anfang des Films: sie existieren bloß, mehr schlecht als recht. Sie leben in London, wo ihr Vater ein schlecht laufendes Restaurant hat, in das Ian immer noch mit involviert ist, obwohl er längst dort weg will, weshalb er immer wieder versucht ein lukratives Geschäft an Land zu ziehen; Terry derweil hat eine feste Freundin und einen Job als Mechaniker, spielt, wettet auf Hunde und trinkt, wenn auch nicht exzessiv; beide leihen sich beinahe regelmäßig Geld von anderen Leuten.

Doch schon am Anfang des Films, in der ersten Szene, tritt das “Leben” in ihr Leben, in Gestalt eines Segelboots, das Los zur Freiheit, der Anfang des Traums von einer eigenständigen Welt, autark und autonom, im Glanze von erfüllter Liebe zu einer Frau, genug Geld – einer sorgenfreien Existenz. Doch wie weit ist man bereit zu gehen, um sich diesen Traum zu erfüllen? Hat man, mit dem Glück vor Augen, denn die Wahl? Kann man sich abwenden, oder ist das Glück das einzige Ziel und der kürzeste Weg der einzig richtige…

Wie immer geht Woody Allen diesen Fragen in separierten Schritten nach; wie schon in Match Point schlummert das zentrale Motiv eine Weile und viele kleinere Thematiken bestimmen das Geschehen solange, bis das eigentliche, entscheidende Thema langsam soviel Raum einnimmt, dass man es nicht mehr ignorieren kann. Dann ist es für den Zuschauer und die Protagonisten meist schon zu spät. In all dem bewahrt Allen auch in diesem Film wieder ein feines Gespür für das Auf und Ab in Gemütern und dem Ablauf. Es ist kein rasantes sich Zuspitzen, es ist ein viel diffuseres, unsicheres, schleichendes. Jede neue Szene birgt einen neuen Aspekt und bis zum Ende kann man nicht sagen, welcher der Aspekte entscheidend ist. Wie ich finde: ganz großes, wenn auch nicht direkt frontal unterhaltendes Kino.

Man muss schon ein Fan von schicksalhaften, metaphysisch-moralischen Erzählungen sein, überhaupt von Erzählungen und nicht bloß von Geschichten. Um dabei nicht falsch verstanden zu werden: Cassandras Traum ist kein schwergewichtiges Art-Kino, aber trotzdem es ist ein psychologischer Film, ein seziertes Drama, mit Spannungsbogen und, was mich doch beeindruckt hat, einer wirklich sehr guten Besetzung (speziell McGregor und Farrell agieren wirklich hervorragend, aber auch die anderen Rollen sind toll besetzt).

Woody Allen ist vieles: Ein Komiker gewiss, manchmal ein Satiriker, oft ein Melancholiker, aber auch ein Regisseur, der es verdient hat, dass man ihn als einen Künstler ansieht, der Wesentliches über das Leben und die Moral zu sagen hat und dies beides immer wieder geschickt in den interessanten Plots seiner Filme verwebt. Man kann eigentlich nie sagen, wie einer seiner Filme verläuft, auch wenn einem vielleicht schon oft etwas schwant – er hält immer wieder eine Überraschung bereit und selbst der klassischste Verlauf erhält bei ihm Tiefe und Bedeutung. So auch in diesem Film, der sehr geschickt die Moral in ein Zimmer mit dem Glück sperrt. Also: ein guter Jahrgang, sehr zu empfehlen.

Link zum Film: http://www.amazon.de/Cassandras-Traum-Ewan-McGregor/dp/B001AI5QR8/ref=cm_cr_pr_pb_t

*Diese Rezension ist bereits teilweise auf Amazon.de erschienen.