Tag Archives: Musik

Alben, die ich sehr schätze – Dritter Eintrag: Live-Alben von Bruce Springsteen


Live 1975-1985 Bruce Springsteen hat mir schon mehr als einmal das Leben gerettet. Nicht er persönlich, aber seine Musik. Sie hat diese Fähigkeit, sämtliche Versteinerungen & Abschirmungen bei mir zu durchbrechen; steht direkt neben mir, sobald sie erklingt, als gäbe es keine Entfernungen zwischen ihr und mir zu überwinden. Ich liebe die Bandbreite der Stimmungen in dieser Musik, ihre vielen emotionalen Register.

Kurz eine Liste. Die zehn besten Live-Alben von Bruce Springsteen sind meiner Meinung nach:

10. Live & RARE (1992-95, nur MP3)
9. Max’s Kansas City (1973, mit E Street Band)
8. Acoustic Radio Broadcast Collect. (1973-74, nur MP3)
7. Chimes of freedom (1988)
6. Live in Dublin (2007, mit Session Band)
5. Live at the Main Point (1975, mit E Street Band)
4. Live in New York City (2001, mit E Street Band)
3. Hammersmith Odeon ’75 (1975, mit E Street Band)
2. In Concert/MTV Plugged (1993)
1. Live 1975-1985 (mit E Street Band)

Meine persönlichste Geschichte habe ich mit dem Springsteen-Song „The River“. Es gibt eine Live-Version davon, auf der dritten CD von „Live 1975-1985“. Es ist der erste Track, 11 Minuten und 39 Sekunden lang. Gleich zu Anfang setzt schon Musik ein, läuft aber dann nur sanft dahin und schließlich ist da Springsteens Stimme, die fragt: „How you doin out there tonight?“ Die Menge antwortet mit begeisterten Rufen, aber Springsteens Stimme scheint etwas verhalten als er sagt: „That‘s good. That‘s good.“

Dann beginnt er zu erzählen; die Musik fließt weiter dahin, schimmernd und still wie ein Fluss in der Nacht. Es geht um ihn und seinen Vater, die beiden streiten sich oft in seiner Jugendzeit; er hat lange Haare, läuft immer wieder von zu Hause weg, verbringt die Nacht draußen, hat das Gefühl seinen Vater zu hassen. Der sagt schließlich nur noch: „Man, I can’t wait till the army gets you. When the army gets you they’re gonna make a man out of you. They’re gonna cut all that hair off and they’ll make a man out of you.”

Ich hatte zwar keinen Vater, der mich zum Militär schicken wollte, aber auch einen Vater, mit dem ich nicht klarkam. Mir ging es als Teenager oft nicht gut, ich hatte Panikattacken, Depressionen, Zukunftsängste. Für ihn war mein Verhalten selbstzerstörerischer Nonsense, ich riss mich einfach nicht zusammen, meinte er.
Er wusste nicht, wie er mir helfen sollte, also schrie er mich an, machte mich fertig – kurzum: bei mir kam nicht an, dass er mich liebte. Für mich fühlte es sich an, als ob er mich nicht lieben konnte wie ich war, als ob er mich nicht verstehen wollte, mich und meinen Kampf mit diesen Gefühlen, die ich mir nicht ausgesucht hatte und denen ich so schwer gegenüber treten, die ich oft nicht bekämpfen konnte.

Springsteen erzählt weiter. Von 1968, seinem Abschlussjahr. Der Vietnamkrieg ist im Gange, viele von seinen Freunden werden eingezogen; es ist das Jahr, in dem die meisten amerikanischen Rekruten fallen; viele andere kommen mit schlimmen Versehrungen zurück. Auch Springsteen muss zur Musterung (dem physical).

„I remember the day I got my draft notice. I hid it from my folks. And three days before my physical me and my friends went out and we stayed up all night and we got on the bus to go that morning and man we were all so scared…“

Ich weiß noch, wie ich den Song das erste Mal hörte. Ich war 15, war gerade in meiner ersten depressiven Episode, verstand dieses Gefühl noch überhaupt nicht, konnte aber die ganze Angst und Wut und Trauer auch nicht wirklich herauslassen. Es war, als wären in mir alle Hähne abgedreht worden. Nichts floss mehr: keine Freude, keine anderen Gefühle, alles stockte und ich trieb mich fast nur noch in mir selbst herum, versuchte die Hähne aufzudrehen, mit aller Gewalt und hockte vor den leeren Becken, von denen mich nur die Spiegelung meines Gesichtes anstarrte.

Auch Tränen wollten nicht kommen. Geweint hatte ich schon eine ganze Weile nicht mehr. Es schien, als hätte ich es für immer verlernt. Es gab die Momente, in denen ich weinen wollte – und ständig war da diese Anspannung in mir, auf die ein Weinen normalerweise folgt, aber nichts passierte. Ich weiß noch, wie ich dasaß und mir wie der einzige Zuhörer vorkam; ich lauschte dem Ende von Springsteens Geschichte.

„And I went, and I failed. I came home [audience cheers], it’s nothing to applaud about…

I remember coming home after I’d been gone for three days and walking in the kitchen and my mother and father were sitting there and my dad said:
»Where you been?«
and I said, uh, »I went to take my physical.«
He said »What happened?«
I said »They didn’t take me.«
And he said: »…That’s good.«“

Und während das Saxophon und die Mundharmonika einsetzen, den Song spielen (dieser Einsatz ist wunderschön, wie ein Sprung, ein Hineingleiten in den Fluss) kommen mir die Tränen. Es ist, als könnte ich zum ersten Mal seit langer Zeit atmen. Sie kommen, ich weine und weine. Ich kann weinen.

Und es funktioniert bis heute. Ich muss nur dieser Geschichte lauschen, nur diesen Song hören, und beginne zu weinen. Und noch mehr als das: immer wenn ich seitdem auf meinen Vater wütend bin, gibt es da diesen Moment, wo ich an diesen Song, an diese Geschichte denke. Ich wusste damals augenblicklich, wider jeder Wut, dass mein Vater mich liebte; dass er mir nie würde helfen können, weil er so war wie er war – dass in ihm aber auch dieses „That’s good“ vorhanden war.

Wer wissen will, warum man Live-Stücke hören sollte und nicht nur Studio-Versionen, den kann ich an diesen ersten Track auf der dritten CD von „Live 1975-1985“ verweisen. Es gibt viele andere gute Live-Versionen von „The River“: Die von „Live in New York City“ hat ein wunderschönes Saxophon-Vorspiel, es ist im Ganzen eine großartig-sanfte Interpretation; es gibt eine Version, in der Springsteen den Song zusammen mit Sting performt und ein paar gute Versionen aus Live-Mitschnitten von Konzerten nach 2010. Es ist immer und überall ein ergreifendes Stück. Aber diese Version, die hat mir das Herz gebrochen, auf eine gute Art. Und wer oder was einem das Herz bricht, das vergisst man nicht, das bleibt einem; vor allem wenn das Herz an dieser Stelle nicht (nur) blutet, sondern der Spalt die Öffnung ist, durch die man atmen kann.

Es gibt ein heiteres, emotionales Gegenstück zu dieser Live-Version von „The River“. Es ist der siebte Track auf der ersten CD von „Live 1975-1985“, eine Version von „Growin up“ (Das Lied erschien ursprünglich auf dem ersten Album von Springsteen: „Greetings from Asbury Park, N.J.“.)

Am Anfang das Piano, erwartungsvoll. Man hört die Rufe der Menge so deutlich, als stünde man mit im Raum. Es ist eine kleinere Location: ein Keller, eine Kneipe. Die Aufnahme stammt vermutlich aus der Mitte der Siebzigerjahre, vielleicht von der „Born to Run“-Tour oder sogar von noch früher.

Springsteens Stimme: „There was one night … just a normal guy. … And than, there was a next night … goddamn I was still just a normal guy.“ Dann beginnt das Lied, wunderbar schwung-voll, ja, das Wort unbändig ist die einzig adäquate Beschreibung dieses Auftakts, des ganzen Stücks. Es ist ein Song, der das Schmerzhafte des Erwachsenwerdens einfängt und gleichsam eine wilde Phantasie ist, in der die ganze Suche nach einem Platz in der Welt und der ganze Wahnsinn dieser Welt steckt.

Nach zwei Minuten plötzlich wieder nur das Piano, die Rufe des Publikums. Springsteen: „I think … I’m not sure … But I think my mother and father and my sister, they’re here again tonight.“ Das Publikum jubelt, lacht. „For six years they been following me around California, tryin’ to get me come back home.“ Die Menge klatscht, lacht, als wäre Springsteen ein Comedian. „Hey Ma“, ruft er, „give it up, kay? Gimme a break. They still-“ Er muss Lachen und beteuert beim nachfragenden Publikum, dass sie hier bestimmt irgendwo sind. „You know, they still trying to get me go back to colleague. Every time I come in the house: »You kow: It’s not to late. You can still go back to colleague«, they tell me.“

Dann erzählt er wiederum von seiner Jugend. „When I was growin up, there were two things that were unpopular in my house. One was me“ Gelächter „and the over one was my guitar.“ Dann erzählt er, wie sein Vater immer wieder versucht, ihn vom Gitarre spielen abzuhalten. Der Vater will, dass er Anwalt wird und Springsteen erzählt mit großem Vergnügen eine Anekdote über einen Motorradunfall in seiner Jugend und wie er von dem Anwalt im Dorf wegen seiner Klamotten und seinen langen Haaren heruntergeputzt wurde. Sein Vater sagt trotzem: „You should be a lawyer. You know, you get a little something for yourself.“ Und seine Mutter sagt: „No, no, he should be an author, ride books. That’s a good life, you can get a little something for yourself.”
Eine minimale Pause.
„But what they didn’t understand was … was that I wanted everything.“ Die Menge jubelt und man hört eine Frauenstimme ganz deutlich rufen: „You got it!“ Die Musik steigt ganz langsam an und Springsteen: „So, you guys, one of you wanted a lawyer, and the other one wanted an author. Well, tonight, you are both just going to have to settle for rock ‘n roll…” Die Menge jubelt und das Stück setzt wieder mit seiner ganzen Energie ein, als wäre es nie unterbrochen worden. Wer glaubt, Springsteen sei nur der Stadionrocker von „Born in the USA“, der sollte sich diese Aufnahme anhören (und sich außerdem von den ersten drei, vier Alben umhauen lassen!)

Springsteens Umgang mit seinem Wunsch „nach allem“ hat mich nachhaltig inspiriert, mehr als mir lange Zeit klar war. Zwar möchte ich nicht mehr wirklich daran denken, mit welcher Naivität und Großtuerei ich als Jugendlicher (und manchmal noch danach …) meine literarischen Ambitionen vertreten habe, aber ich bin froh, dass ich immer zu meinem Wunsch stand, Schriftsteller werden zu wollen. Nicht weil es etwas Glamouröses ist oder etwas, auf das man übermäßig stolz sein kann. Sondern, weil es alles ist, was ich wollte und nach wie vor will (nicht alles in allen Belangen, aber auf einer bestimmten Ebene alles).

Schreiben war einer meiner Wege aus den Untiefen des Unglücklichseins – oder zumindest die gehaltene Verbindung zur Welt, wenn ich glaubte, mich nicht mehr in ihr aufhalten zu können. Menschen haben mir natürlich auch geholfen, meine Mutter insbesondere – und Musik. Es klingt pathetisch, aber … Bruce Springsteen hat mir dabei geholfen, mir mein Leben zu retten.

Es ist schwer, jetzt von diesem Einstieg wegzukommen. Vielleicht hätte ich nicht so persönlich werden sollen, aber ehrlich gesagt bin ich froh, dass ich das alles aufschreiben konnte.

Einen guten Übergang stellt vielleicht der Song „No surrender“ dar, eine weitere unbändige Ode auf den Kampf mit dem Leben, ein Schrei und eine Liebeserklärung gleichermaßen.

“Now on the street tonight the lights grow dim
The walls of my room are closing in
There’s a war outside still raging
You say it ain’t ours anymore to win
I want to sleep beneath
Peaceful skies in my lover’s bed
With a wide open country in my eyes
And these romantic dreams in my head”

Veröffentlicht auf Springsteens populärstem Album “Born in the USA” (musikalisch teilweise ein harter Bruch mit den virtuosen Stilen der ersten Alben) ist „No surrender“ ein Stück, dass sich mit seinem Tempo und mit seinen Keyboard- und Synthesizerklängen weniger für Live-Aufritte eignet, denn es unterfordert die Virtuosität und Vielfalt der E Street Band eher. Folgerichtig ist die beste Live-Version (von Springsteen selbst) eine sparsame: Track elf auf der dritten CD von „Live 1975-1985“. Nur mit E-Gitarre, sehr eindringlich, ganz ohne das Tempo der Originalversion, aber genauso drängend.

Wer das Lied mit all seiner Power live erleben will, der kann sich auf Youtube (unter dem Stichwort „No Surrender Festival 2017“) ein Video anschauen, in dem eine Menge von etwa fünfhundert Leuten den Song spielt/singt, mit sehr vielen Gitarren, Schlagzeugen, Klavieren, Stimmen, Bässen.

Das Festival, auf dem diese großartige Aktion zustande kam, fand in Spanien statt, 2017 das erste, dieses Jahr zum zweiten Mal (die in diesem Jahr entstandene „Badlands“-Version ist leider nicht ganz so mitreißend und ergreifend). Es ist toll, wie diese Interpretation die ganze Schönheit von Springsteens Musik einfängt, ihre verbindende und begeisternde Energie, ihre Faszination. Da geht einem das Herz auf.

“The screen door slams, Mary’s dress waves
Like a vision she dances across the porch as the radio plays
Roy Orbison singing for the lonely
Hey, that’s me and I want you only
Don’t turn me home again, I just can’t face myself alone again”

Auf ganz andere Weise geht mir die, wie ich finde, beste Live-Version von „Thunder Road“ nah. Sie befindet sich auf dem Album „In Concert“. Eigentlich sollte dieses Album zur bekannten „MTV unplugged“-Reihe gehören, in der Künstler*innen ihre Stücke ohne elektronische Unterstützung spielen. Springsteen spielte aber nur den ersten Track unplugged und den Rest mit einer kleinen Band (die E Street Band lag zu dieser Zeit auf Eis).
Es ist natürlich schade, dass es kein MTV Unplugged Album von Springsteen gibt, aber die Entscheidung erwies sich als Glücksfall, denn auf „In Concert“ befinden sich ein paar tolle Live-Versionen, auch teilweise von Liedern, die Springsteen mit der E Street Band nie gespielt hätte (und heute sehr selten spielt).

„Thunder Road“ hat er natürlich unzählige Male mit ihnen gespielt und es gibt gute Versionen auf mindestens der Hälfte der Live-Alben, die ich oben aufgelistet habe. Aber die auf „In Concert“ ist meiner Ansicht nach die beste: souverän, liebevoll, unerbittlich, zärtlich, zerschlagen, hoffnungsvoll, all diese Dinge auf einmal. Wunderbar, wie die Gitarre und die Hammond Orgel den Song kleiden, heben und heben; wunderschön, wie die Mundharmonika den Song noch festhält, festhält und schließlich gehen lassen muss (Springsteen ist eh ein wunderbarer Mundharmonikaspieler).

Nicht entscheiden kann ich mich bis heute, ob ich die auf „In Concert“ vertretene Version von „Atlantic City“ der vorziehen soll, die auf dem Album „Live in New York City“ enthalten ist. Ursprünglich stammt der Track von Springsteens erstem Soloalbum „Nebraska“ (1982), ein düsteres, nur von rauen, unerbittlichen Gitarrenklängen (und Springsteens Stimme) zusammengehaltenes Werk, auf dem ursprünglich auch „Born in the USA“ enthalten sein sollte – in einer ganz anderen, das Martialische des Textes viel eher betonenden Version (Ronald Reagan, der die Stadionrockversion des Titels 1984 für seinen Wahlkampf verwenden wollte und entsprechend anfragte (Springsteen sagte natürlich nein), hätte das bei dieser Version sicher nicht getan; 1995 veröffentlichte Springsteen sie auf der Kompilation „Tracks“).

Live wird „Atlantic City“ meist umarrangiert zu einer spannungsgeladenen Zelebration, zwischen Ausgelassenheit und Unterschwelligkeit pendelnd. Auf „In Concert“ geschieht das sanft, auf „Live in New York City“ brodelnd, eruptiv. Zwischen beiden Inszenierungen liegen acht Jahre, aber man hat das Gefühl, dass Springsteen auf „In Concert“ eine besondere Gelassenheit ausstrahlt, auf „Live in New York“ mitunter eher eine Angespanntheit (die aber manchen Song auch befördert, mit Ecken und Kanten versieht).

Auf „In Concert“ gelingt ihm alles leichthändig, im Kleinen, bei „Live in New York“ will er, dass ihm und der Band alles gelingt, das alles ganz groß ist. Bei Songs wie „Prove it all night“, „Out on the street“ und ganz besonders „Lost in the flood“, dieser Anti-Hymne auf die Schattenseiten der USA, die wie „Growin up“ von dem ersten Album stammt, ungeheuerlich und zerreißend, gelingt das. Bei anderen Songs wirkt diese Rasanz, dieses Drängen überdreht, nicht gut ausbalanciert, z.B. bei der dortigen Version von „Born to run“

Bis heute bin ich noch auf der Suche nach einer guten Live-Version von „Born to Run“. Weder die Version von „Live in New York City“, noch die von den frühen Live-Alben können mich vollends überzeugen. Es gibt eine unplugged Version auf „Chimes of freedom“, die die Intensität des Textes am besten widerspiegelt; außerdem eine Version von Melissa Etheridge – anlässlich der Kennedy Center Honors für Springsteen – die die Lebendigkeit des Songs, seine irre Dynamik einfängt.

Die ganze, intensive Kraft des Songs wird für meinen Geschmack am besten (abseits von Springsteens Studio Version versteht sich) in der Live Version des Songs „Springsteen“ von Erich Church (auf dem Live-Album „Caught in the act“) angedeutet; ein cooles Lied, eine wunderbar rockige Liebeserklärung an die Musik von Springsteen. Man findet den Track auch auf Youtube. – wenn man direkt zu der Stelle vorspringen will, die ich meine: sie fängt bei 05:04 an. Um nicht zu weit von Springsteen abzukommen: die Live Version aus dem Hammersmith Odeon und vom Main Point sind durchaus hörenswert.

Überhaupt: das sind zwei Live-Alben, die sich weniger in Tops und Flops gliedern, sondern durchweg eine großartige Show bieten. „Live at the Main Point“ stellt dabei die ganze Ausgelassenheit, das Konzert im Odeon die ganze Versiertheit der frühen E Street Band unter Beweis. Und beide Alben kann man nur als elektrisierend bezeichnen, von ihnen geht, finde ich, die wahre Suchtgefahr aus (während die meisten anderen Alben die Sucht, mehr oder weniger, befriedigen.)

Auf dem Main Point Album gibt es eine, herrlich café-süßliche Version von Bob Dylans „I want you“, eine endlos coole, blues-rappige Version von „The E Street Shuffle“ und die rührendste Version von „Incident on 57th Street“, nicht zu vergessen eine Interpretation von „Mountain of Love“, die einem direkt in die Beine fährt. Vermutlich kann man Springsteen auf diesem Album (und den Acoustic Broadcast Sessions, hier kann einen Springsteen erleben, der viel erzählt, nicht nur über die Songs, sondern über sich) am unbelasteten erleben, eins mit seiner Musik, wie auch oft später (vor allem seit den 2010er Jahren), aber nie so sehr wie hier.

Das Main Point Album wurde im selben Jahr aufgezeichnet, in dem „Born to Run“ erschien (1975) – der lang ersehnte Durchbruch für Springsteen. Auf den ein böses Erwachen folgte, als sich herausstellte, dass ihm die Rechte an seiner Musik nicht gehörten. Sein Manager hatte ihm einen Vertrag angedreht, der fast durchgehend nachteilig für ihn war; er wollte daraufhin unbedingt den Manager wechseln, konnte keine neuen Songs mehr schreiben, keine neue Musik aufnehmen und hatte es schnell Satz, um die Rechte an seiner Musik prozessieren zu müssen. (Nachlesen kann man über diese Zeit in dem Buch „Vom Außenseiter zum Boss: Als Bruce Springsteen sich seine Songs zurückholte“ von Philipp Hacker-Walton).

“Talk about a dream
Try to make it real
You wake up in the night
With a fear so real
Spend your life waiting
For a moment that just don’t come
Well don’t waste your time waiting
[…]
I believe in the love that you gave me
I believe in the hope that can save me
I believe in the faith
And I pray that some day it may raise me
Above these badlands”

Er überwand dieses Tief schnell und es folgte die produktive Phase in seiner Biographie. 1978 erschien „The Darkness in the edge of town“, vielleicht das vielseitigste Album, das Springsteen je gemacht hat, auf jeden Fall eines der unbequemsten, klügsten. Das Eröffnungslied „Badlands“ gibt es gleich in zwei großartigen Live-Versionen, die minimal bessere davon auf „Live in New York“, die andere auf „Live 1975-1985“. Es ist einer dieser Springsteensongs, der eine Form von Überwindung zelebriert, fordert, erhofft, die ich seitdem mit Rockmusik an sich verbinde, immer suche (nicht als einzige Qualität, aber als eine Qualität).

“And I’m driving a stolen car
On a pitch black night
And I’m telling myself
I’m gonna be alright
But I ride by night
And I travel in fear
In this darkness I will disappear”

Es gibt eine Szene in dem Film Prozac Nation (eine Verfilmung von Elizabeth Wurtzels gleichnamigen Buch, sehr lesens-/sehenswert), wo die Protagonistin über Springsteen schreibt, er sei wie ein „dichtender Automechaniker … wenn ich seine Lieder höre, habe ich Dunst in regennassen Gassen vor Augen… Liebende, die sich an den Händen halten… Dreck unter seinen Fingernägeln und Klarsicht in seinen Augen…er erzählt wie nebenbei, seinen Gitarre und seine Stimme aber zielen direkt auf das Herz…“

Das Autofahren, überhaupt das Wegfahren, Ausreißen, ist ein wichtiges Motiv in Springsteens Musik (und überhaupt in der amerikanischen Musik, eh klar). Ich erinnere mich, wie ich das zum ersten Mal verstand, als der Song „Stolen Car“ (von dem Album „The River“) auf sehr eindringliche Weise in der TV-Serie „Cold Case“ verwendet wurde (die Handlung dieser ganzen 11. Episode aus der dritten Staffel ist aus Springsteen-Songs zusammengebaut und von den entsprechenden Liedern untermalt). Ich weiß noch, wie ich danach eine ganze Nacht damit verbrachte, mir die Texte von Springsteen-Songs näher anzusehen/-hören – und wie ich mich bei einigen davon an eine Parabel von Kafka erinnert fühlte:

„Ich befahl mein Pferd aus dem Stall zu holen. Der Diener verstand mich nicht. Ich ging selbst in den Stall, sattelte mein Pferd und bestieg es. In der Ferne hörte ich eine Trompete blasen, ich fragte ihn, was das bedeutete. Er wusste nichts und hatte nichts gehört. Beim Tore hielt er mich auf und fragte: »Wohin reitet der Herr?« »Ich weiß es nicht«, sagte ich, »nur weg von hier, nur weg von hier. Immerfort weg von hier, nur so kann ich mein Ziel erreichen.« »Du kennst also dein Ziel«, fragte er. »Ja«, antwortete ich, »ich sagte es doch: ›Weg-von-hier‹ – das ist mein Ziel.« »Du hast keinen Eßvorrat mit«, sagte er. »Ich brauche keinen«, sagte ich, »die Reise ist so lang, daß ich verhungern muß, wenn ich auf dem Weg nichts bekomme. Kein Eßvorrat kann mich retten. Es ist ja zum Glück eine wahrhaft ungeheure Reise.«“

Es erscheint ein wenig lachhaft, aber ich finde, hier berühren sich der Prager Schriftsteller Kafka und der US-amerikanische Rockstar Springsteen. Es gibt noch andere großartige Songs übers Wegfahren, übers Herumfahren – zwei wunderbare ruhige und meditative sind „Drive all night“ und „Racing in the streets“, zu letzterem gibt es eine wunderbare Live Version auf „Live 1975-1985.“

Oft wird auf die sozialkritischen Aspekte von Springsteens Musik hingewiesen. Die Tracks 9-12 auf der zweiten CD von „Live 1975-1985“ sind ein sehr gutes Beispiel dafür. Drei davon („Nebraska“, „Johnny 99“ & „Reason to believe“) stammen von „Nebraska“ – heftige, sich unter die Fingernägel schiebende, tieftraurige Dystopien, Anklagen und Trauergesänge.
Das andere ist ein Lied von dem großartigen amerikanischen Liedermacher Woody Guthrie mit dem Titel „This land is your land“. Springsteen erzählt vorweg dem Publikum, dass er gerade dessen Biographie (von Joe Klein) liest – ein Buch, das ich ebenfalls sehr empfehlen kann. Der Song selbst ist, so Springsteen „one of the most beautiful song ever written“ und seine Live-Version bewegt entsprechend (und macht seine eher schwächliche Interpretation von Bob Dylans „The times they’re changin‘“ wett, die er anlässlich von dessen Kennedy Honorations verzapfte …).

Ich könnte ewig so weitermachen, will aber langsam zu einem Ende kommen. Also nur noch ein paar Streiflichter:

1. Songs, die ich als Studiotracks eigentlich nicht so mag, die aber live gut inszeniert sind:
„Im goin down“ (meine Live-Version ist ein Mitschnitt, den ich mal bei einem Springsteen-Radiosender mitgeschnitten habe, sie stammt vom Hard Rock Calling 2013).
„Working on the Highway“ (auch dies ein Mitschnitt, stammend von der Wrecking Ball Tour, London 2013)
„Tenth Avenue Freeze-Out“ (auf „Live in New York City“, enthält eine der großartigsten Ansprachen von Springsteen an sein Publikum – mit dem er über die Jahre immer mehr zusammengewachsen ist – und eine großartige(!) Vorstellung der Mitglieder der E Street Band)
„Tougher than the rest“ (auf „Chimes of freedom”, einfach nur Gänsehaut in dieser Version)
„I’m on fire“ (auf „Live 1975-1985“)
„Born in the USA“ (auf „Live in New York City“ in der düsteren, schlichten Version von der Kompilation „Tracks“)
„Adam Raised a Cain“ (von „Live 1975-1985)

2. Songs, bei denen ich gute Live-Versionen vermisse. Es sind einige, aber am meisten schmerzt es bei den Tracks „Thundercrack“ (ein sehr frühes Stück, unglaublich tolle Komposition von über 8 Minuten, ein Juwel) und „Wrecking Ball“, diesem mitreißenden Stück, das erst 2014 rauskam. Bei einem meiner absoluten Lieblingssongs von Springsteen, der unscheinbaren Serenade „Meeting across the River“, stört es mich wiederum nicht, dass es keine gute Live-Version gibt.

3. Auf das Album „Live in Dublin“ bin ich kaum eingegangen, aber nicht, weil ich es geringschätzen wollte. Es erscheint mir so zusammenhängend, dass ich kein Stück wirklich herausgreifen kann. Man erlebt hier einige Interpretation von Springsteen-Stücken, die einzigartig sind; die Session-Band, die auf dem Album mitspielt, ist keine Rockband, sondern mehr so etwas wie eine Folk-Bigband. Entsprechend besticht das Album nicht durch Wumms, sondern durch schöne Turbulenz, seine Elemente aus vielen Stilrichtungen. Es gibt ein Konzertalbum von Sting mit dem Titel „All this time“, auf dem er die meisten seiner bekannten Stücke ganz neu arrangiert – mit diesem Album ist „Live in Dublin“ vergleichbar (nur, dass das Publikum bei Sting kleiner ist, wie auch der Rahmen und dass bei „Live in Dublin“ die Ausgelassenheit eine größere Rolle spielt).

4. Coversongs, Duette. Es gibt so, so viele. Es gibt Aufnahmen von Springsteen mit Bob Dylan, Billy Joel, John Fogerty, Chuck Berry, Melissa Etheridge, Sting, U2, u.v.a.
Und Springsteen covert auf Konzerten regelmäßig Lieder von anderen Bands (ein paar seiner Favoriten sind The Clash, CCR, The Beatles), besonders gerne Rock’n’Roll-Klassiker. Hier zeigt sich auch immer wieder die Klasse der E Street Band, die anscheinend alles spielen kann. Ein paar meiner Lieblingscovers sind:
„You never can tell“ (ein Mitschnitt von einem Konzert in Leipzig 2013)
„I saw her standing there & Twist and Shout“ (mit Paul McCartney, Mitschnitt vom Hard Rock Calling 2012)
Nochmal „Twist and Shout & La Bamba“ (enthalten auf der CD „Released! The Human Rights Concerts – 1988“)
„London Calling“ (Original The Clash, auch Mitschnitt vom Hard Rock Calling, 2009, auch enthalten auf der DVD „Live in Hyde Park“)

5. Drei wunderbare Songs muss ich noch nennen, die auf dem Album „In Concert“ zu finden sind. Das ganze Album ist gut, aber diese drei sind „outstanding“: „Human Touch“ (der Titel sagt, worum es geht), „I wish I were blind“ (eines der besten Lieder über Eifersucht) und „If I should fall behind wait for me“ (eines der schönsten, zartesten Liebeslieder, mit einem Mundharmonikasolo vom Feinsten).

6. Noch drei großartige frühe Stücke von Springsteen: „Rosalita (come out tonight)“ (ein Stück von bahnbrechender Lebensfreude, beste Version auf „Hammersmith Odeon ’75) und die beiden schönen Balladen „Sandy“ und „Jersey Girl“ (ersteres auf der Hammersmith CD, das andere auf „Live 1975-1985“)

7. Und noch drei letzte Erwähnungen, die einen guten Abschluss bilden. Zum einen „Because the night“, das Springsteen zusammen mit Patti Smith schrieb und von dem es eine Live-Version auf „Live 1975-1985“ gibt (leider ohne Smith). Dann „American Land“, ein Immigrant-Song, der auf dem Studio Album „We shall overcome“ enthalten ist. Und last but not least: eines der schönsten Stücke von Springsteen, eine heilsame Hymne: „Land of Hope and Dreams“ – beste Live-Version auf „Live in New York City“.

Ich habe einige Konzerte von Springsteen besuchen können – wer es sich leisten kann, der sollte es einmal in seinem Leben tun. Es ist wirklich magisch. Die Live-Alben können das einfangen und wiedergeben, aber nicht zur Gänze. Ich habe mit völlig fremden Menschen getanzt, in einem Kreis in der Menge. Fast jedes Stück hat uns einander näher gebracht. Bei den Zugaben am Ende hatte sich längst dieses Gefühl eingestellt, dass man hat, wenn man sich gut aufgehoben fühlt. Ich hätte mich wohl bei einigen dieser Menschen aus den unterschiedlichsten Gründen nicht so schnell (oder überhaupt) gut aufgehoben gefühlt. Aber Springsteens Musik hat etwas Verbindendes, besonders auf Konzerten. Nicht nur, weil alle hier zusammengekommen sind, um derselben Band zuzuhören. Nein, es scheint in diesen Momenten wirklich so, als würde die Musik zwischen den Menschen für die Dauer des Konzertes ein Band knüpfen und durch dieses Band fließt die ganze Energie jedes einzelnen Liedes.

… diese Dinge, an denen man nicht nur teilhat, sondern die man so sehr mit sich herumträgt, leidenschaftlich, dass man sie sofort zückt, anbringt, wenn das Thema in die Nähe kommt. Bruce Springsteen gehört bei mir zu diesen Dingen, die mich in der Welt verankern. Es ist wohl so: das gilt für mich und viele andere nicht. Aber wenn ihr wollt: hört euch mal was an?

Alben, die ich sehr schätze – Zweiter Eintrag: Greatest Hits von Joan Jett & the Blackhearts


Greatest Hits Joan Jett war die Heldin meiner frühen Jugend. Und ist es bis heute geblieben. Ich trete ihr mit derselben naiven Bewunderung gegenüber wie damals, als ich 13 Jahre alt war.
In einer Buchhandlung stieß ich vor kurzem auf das Buch „Good Night Stories for Rebel Girls: 100 außergewöhnliche Frauen“. Ich öffnete es – genau auf der Seite mit Joan Jett. Und hätte es beinah sofort gekauft. (Es steht jetzt auf meinem Weihnachtswunschzettel)

Albern ist es, sagen manche, sich mit Menschen verbunden zu fühlen, die man überhaupt nicht kennt. Von denen man nur Aussagen oder Werke kennt. Aber irgendwie glaube ich daran, dass es nicht nur Schwärmerei und Idealisierung sind, die mich zu Joan Jetts Musik hinziehen, sondern dass darin etwas Echtes, durch und durch Aufrichtiges liegt, das Jett in ihre Songs gelegt hat und auf das ich zugreifen kann, wenn ich sie höre.

In der Wahrnehmung der meisten (behaupte ich) wird Joan Jett hauptsächlich mit Bombast-Rock und dem Song „I love Rock’n’Roll“ in Verbindung gebracht; einige werden noch wissen, dass sie vor ihrer Solokarriere Gründungsmitglied der Band „The Runaways“ war (da war sie siebzehn Jahre alt. Als sie 1982 zu einem Weltstar wurde, war sie erst 24.)

Was den Menschen Joan Jett betrifft, kann ich nur empfehlen, sich für den Anfang das Video von der Aufnahme in die Rock’n’Roll Hall of Fame anzuschauen (Laudatio: Miley Cyrus), in dem auch auf viele ihrer caritativen Projekte und ihre besondere Rolle in der weiblichen Emanzipationsgeschichte innerhalb des Rock’n’Roll und des Musikbusiness eingegangen wird.

“You’re on my mind always my one desire
And let’s get together and build us a fire
Make me tremble and make me shake
Pleasin’ each other rockin’ till daybreak”

Die ersten drei Lieder auf der (wie ich finde besten) Greatest Hits Zusammenstellung (2010 erschienen) sind Neuauflagen von Songs, die Jett noch für die Runaways schrieb. Gerade die ersten beiden – das Kult-Lied „Cherry Bomb“ und „You drive me wild“ (der erste Song, den Joan Jett je schrieb) – sind scharfkantige, sexuelle Emanzipationsexplosionen, mit viel Freude an der Provokation. Diese Lust an der Provokation ist für Joan Jetts Werk essentiell und nach eigener Aussage war sie zeitlebens ein wichtiger Antrieb für das Schreiben neuer Songs. Ein wichtiger Aspekt ist dabei die sexuelle Selbstbestimmung, ganz gleich, ob sie als Freude an der Dominanz oder als Genuss durch Unterwerfung auftritt (oder als ein Mix aus beidem).

Diese ersten drei Songs sind der Tritt auf das Gaspedal, die jubelnde Beschleunigung, mit der der Rest des Albums durch die Gegend cruised. Die Runaways waren eine Anarchogruppe, fast schon eine Punkband, Jett zog es jedoch (wie ihre Bandkollegin Lita Ford, ebenfalls eine empfehlenswerte Musikern – wenn man kein Problem mit ein bisschen Glam- vor dem Rock hat) mehr zum Hardrock; zu langsameren, volldröhnenden Gitarrenriffs, nicht zu den schnellen, vorantreibenden Akkorden, die in den meisten Songs der Runaways dominieren.

Doch sie strich den Punk nie ganz, er taucht immer wieder auf, witziger Weise in den meisten ihrer größeren Hits (folgerichtig wurde sie bereits als „Godmother of punk“ UND „Queen of Rock’n’Roll“ bezeichnet)

“I don’t give a damn
‘Bout my reputation
I’ve never been afraid of any deviation
An’ I don’t really care
If ya think I’m strange
I ain’t gonna change
An’ I’m never gonna care
‘Bout my bad reputation
Oh no, not me
Oh no, not me”

Ein Beispiel für die Verbindung zwischen Hardrock und Punk stellt auf jeden Fall „Bad Reputation“ da, ein Song mit kurzen, rotzigen Punkversen, in dem die Gitarre sowohl schnell als auch hart klingt. Ein Song, zu dem man auf Tischen tanzen kann, den man mit 14 Jahren laut aufdreht, um gegen jeder Form von Autorität zu pöbeln, dessen Revolutionsenergie aber auch darüber hinaus greifbar und hörbar bleibt. Eine Hymne des Individuums, das sich zu seinen Mitmenschen nicht mehr als nötig positionieren will (und doch oft muss). „I am my space not everyone else’s“, so hat Jett es einmal treffend formuliert, und diese Aussage fast das Lied ganz gut zusammen.

Der vierte Track, den ich aus Anknüpfungsgründen zunächst unterschlagen habe, ist „Love ist pain“. Er ist, trotz des Titels, nicht ganz so saturnalisch wie Jetts andere Mitsinglieder, aber ein schönes Bekenntnis: Ja, Liebe tut weh, aber davor haben wir keine Angst und wir werden es wieder tun. Und wieder. Denn die Angst vor dem Schmerz und der Ungewissheit sollte uns nicht daran hindern, das Verbindende zu wagen.

Manchen mag das wie eine ziemlich beliebige Botschaft erscheinen oder zumindest keine besonders innovative. Aber ich bin froh, dass es solche Lieder gibt und nicht nur die „es schmerzt so sehr“ und „vermiss dich“ und „komm zurück“-Songs oder die „ich hasse dich“, „du wirst schon noch sehen“-Songs. „I love pain“ konzentriert sich auf das Eigene, nicht auf die Gefühlsbestätigung durch andere. Hier zeigt sich, was Jetts Musik IMMER ist: widerständig, Widerstand. Daraus bezieht sie ihre lebendige, unverwüstliche Art.

“He smiled so I got up and’ asked for his name
That don’t matter, he said
‘Cause it’s all the same
Said can I take you home where we can be alone
An’ next we were movin’ on
He was with me, yeah me
Next we were movin’ on
He was with me, yeah me singin’
I love rock n’ roll
So put another dime in the jukebox, baby
I love rock n’ roll
So come an’ take your time an’ dance with me”

Die nächsten beiden Tracks sind „You don’t know that you’ve got“ und „I want you“. Ersterer stammt noch von Jetts Debutalbum und ist etwas glattgebügelt, hat eigentlich zu wenige Kanten, geht aber dadurch schnell ins Ohr; „I want you“ gehört dagegen zu jenen kleinen-feinen, kopflos erscheinenden Exzessen (wie bspw. „I want to be your dog“ oder „Just Lust“), die eine Spezialität von Jett sind und die ich persönlich sehr cool finde, bei denen ich aber verstehen kann, wenn sie nicht jedermanns Sache sind.

Joan Jetts Hits sind häufig Covers und auch ihr größter ist eine solche Neuinterpretation; sie hat ein Händchen fürs Neuinterpretieren und mein liebstes Standalone-Album von ihr (über das ich vielleicht auch noch schreiben werde) heißt „Hitlist“ und besteht nur aus Cover-Songs; allesamt Würdigungen ihrer Vorbilder und Inspirationsquellen.

„I love Rock’n’Roll“ überflügelte als Cover die ursprüngliche Version von den Arrows und war ein Welthit. Joan Jett ist nicht wegen dieses Songs eine Ikone geworden, aber wer nur flüchtig hinguckt, für den wird es so aussehen. Dabei ist diese Hymne, bei aller Coolness und Eingängigkeit, nicht unbedingt einer ihrer besten Songs. Gutes Live- oder Partymaterial – in diesem Sinne vergleichbar mit den Stadionhymnen von Queen – aber für sonstigen Genuss etwas zu einförmig.

“I can’t take it
This is gettin’ silly
Can’t find me no tranquility
Anymore, I just can’t get through to you

We’re fakin’ it, it’s time to admit it
You make me feel like an idiot
All the time, there’s nothin’ left for me to do
No, so

I’m gonna run away
I’m never comin’ back to you
Yeah yeah, I’m gonna run away
I’m never comin’ back to you”

Zwei entschieden bessere Songs von dem zweiten Album „I love Rock’n’Roll“ sind mit „I’m gonna runaway“ und „Crimson and Clover“ vertreten. Ersteres ein wunderbares Schlussmachlied und ein Musterbeispiel für schnörkellosen Rock’n’Roll, ohne viel Pomp, ohne Schnickschnack. Die Gitarren umzüngeln die Stimme wie ein gutgehendes, funkensprühendes Lagerfeuer, verschlingen sie aber nicht. Und am Ende bricht der Song noch mal aus, fällt schwungvoll in sich zusammen.

„Cimson and Clover“ ist dagegen ein Lied, das eine ganz eigene Stimmung hat, eine eigenwillige Präsenz – chorisch ist, dann wieder dynamisch –, mit einem banalen Text, der aber großartig inszeniert wird. Es ist ein Cover, mal wieder, von einer Band aus den 60ern (denen Jett immer wieder ihren Respekt und ihre Reverenz zollte) namens Tommy James & The Shondells. Etwas eigentümlich Schönes liegt in seinem Wechselspiel von Behutsamkeit und Chaos, etwas Einnehmendes, als würde das Lied seine Quelle aus einer unbekannten Faszination, einem unbekannten Widerspruch beziehen; es gehört zu meinen absoluten Jett-Favoriten.

“We’ve been here too long tryin’ to get along
Pretending that you’re oh so shy
I’m a natural man doin’ all I can
My temp’rature is runnin’ high
Friday night no one in sight and we got so much to share
Talkin’s fine if you got the time, I ain’t got the time to spare

Do you wanna touch? Yeah! Do you wanna touch? Yeah!
Do you wanna touch me there? Yeah!“

Die zweite CD der Greatest Hits startet mit dem Gary Glitter-Cover „Do you wanna touch me“, wiederum ein Mitsing- und Mitklatschlied, das wie „I love Rock’n’Roll“ etwas einförmig erscheint und vor allem als Live- oder Partymaterial taugt. Oder als Dröhnung, die auch noch einen sexy Touch hat. Man kann das Lied als subtilen Soundtrack einsetzen: Wenn man mit jemandem auf der Couch zuhause sitzt und er oder sie kommt nicht richtig in die Gänge, dann kann man auch einfach diesen Song anmachen – besser und weniger übergriffig als das gähnende Arm um die Schulter-Legen.

“Don’t you be nervous baby
I didn’t come to bring you down
This is so natural baby
Just let my love turn you around

This twisted love affair
Could really take us somewhere

J’aime faire I’amour sur tout a trois
J’aime faire I’amour sur tout a trois

Don’t you feel guilty baby
I won’t take long to understand
Don’t waste time arguing
We’ll make the most with what’s at hand
I have to laugh out loud
When you say three’s a crowd

I know what I am, I am what I am
I know what I am
I know…”

Es folgt “The French Song”, einer meiner Favoriten, mit dem wir uns zum ersten Mal aus Jetts erfolgreichster Zeit herausbewegen, denn der Track stammt, wie die zwei folgenden, vom „Album“ von 1983.

„The French Song“ zu hören fühlt sich in etwa so an, als hätte man ein Fell und eine Hand würde stark und gleichsam zärtlich hindurchfahren. Ich habe nie ganz verstanden, worum es in dem Text geht. Wohl um eine Nacht zu dritt, die irgendjemanden verunsichert, das lyrische Ich aber eindeutig nicht. Geht es um einen Mann, der plötzlich mit seinem erotischen Interesse für einen anderen Mann konfrontiert wird (wie ich insgeheim hoffe)? Nun, dieses Geheimnis, diese Unklarheit muss ich dem Song wohl lassen – oder ich frage irgendwann mal jemanden, der Französisch kann, was er davon hält …

“Sometimes I’m right and I can be wrong
My own beliefs are in my song
The butcher, the banker, the drummer and then
Makes no difference what group I’m in

I am everyday people, yeah yeah

There is a blue one who can’t accept the green one
For living with a fat one trying to be a skinny one
And different strokes for different folks
And so on and so on and scooby dooby doo”

Nächster Track: “Everyday people”, Jetts smoothstes Cover (das lässige Original stammt von Sly & The Family Stone). Jett machte daraus einen, simple unterlegten, Mitsinghit, mit genau der richtigen Dosis Süffisanz. Ein Song, zu dem man wunderbar beschwingt durch die Stadt schlendern kann. Ein Song, der sagt: man muss nicht Jemand sein, man kann einfach man selbst sein – eine schnörkellose Joan Jett-Weisheit.

“When you were down, they were never there
When you’re all alone, you really get to learn
If you get back up, they gonna come around
All the sycophants, they love to make romance
To the ugly sound of ’em tellin you
What you wanna hear and you pretend

‘Cause they all agree you’re supposed to have a better life
But you’re feelin worse, and they build you up
‘Til you fool yourself that you’re something else
And it’s like a curse
[…]
You got nothin’ to lose
You don’t lose when you lose fake friends”

Ähnlich weise, befreiend und gallig schön ist auch “Fake Friends”, eines dieser Lieder, von denen man wünschte, man hätte sie schon in der Schulzeit gehört und verstanden – und beherzigt. Ein cooles Lied, mit der Power, die es für solche Themen braucht (damit es nicht bloß gefühlsduselig zugeht).

“I hate myself for loving you
Can’t break free from the the things that you do
I want to walk but I run back to you, that’s why
I hate myself for loving you”

“Light of Day”, der nächste Track, wurde von niemand geringerem als Bruce Springsteen geschrieben, für einen Film, in dem Joan Jett an der Seite von Michael J. Fox spielte (der Film hat denselben Titel wie das Lied). Jett performte den Song im Film und er ist dem Soundtrack entnommen. Es ist nicht einer ihrer besten Songs, hat aber Drive und man kann die kleinen Anleihen bei Springsteen durchhören.

„I hate myself for loving you“ war Jetts letzter großer Hit und einer jener Songs, die ihr Kultstatus bescherten. Er stammt von dem Album „Up your alley“, von dem leider keine weiteren Tracks übernommen wurden, obwohl es eines ihrer stärksten ist (mit Liedern wie „You want in, I want out“, „Desire“ und das schon erwähnte Stooges-Cover „I want to be your dog“).

„I hate myself for loving you“ ist ein Song über eine unglückliche Beziehung – ja geradezu den Archetyp der unglücklichen Beziehung, in dem man nicht von jemandem loskommt, der einem nicht guttut, der einen schlecht behandelt und den man doch zu brauchen, zu lieben glaubt. Bei Jett wird aus der Klage darüber, trotz des eindeutigen Textes, ein lustvolles und gleichsam widerständiges Hadern, bei dem nicht klar ist, ob sich da jemand eines Banns entledigt oder ihm noch unterliegt.

“Your time ain’t long you don’t belong
Maybe so but you hope that they’re wrong
Thin skin gets thick it happens quick
Like a baby turn her very first trick
Hold tight (hold tight) hold tight for the ride of your life
And the lovers go by so fast
Here it comes, here it comes feel it comin’
Backlash, backlash, backlash”

Es folgen zwei Songs von den Alben der 90er Jahre “Notorious“ bzw. „Pure and Simple“. Als erstes „Backlash“, wiederum einer meiner persönlichen Favoriten, irgendwo zwischen Siebzigerrock und 80‘s-Sound. Auch der Text ist schön, verhandelt die eigene Ungläubigkeit oder Ignoranz, jenes Nichtsehenwollen, welche sich plötzlich gegen einen kehren können – mit einem Mal ist man allein, ohne jenen Halt, auf den man sich bisher verlassen hat und von dem man nicht glaubte, dass er einen verlassen könnte. Aber man hat ihn nicht genug wertgeschätzt.

Der Song von „Pure und Simple“ heißt „Activity Grrrl“ und setzt genauso ein, wie der Titel sich anhört, mit fast schon unangenehmen Gitarrenkrakeleien und Joan, die schreit: „Yay ah yai“. Es ist ein kraftvoller, kompromisslos wirkender Song – gleichsam ein Selbstporträt und eine feministische Vision. Dem Schnörkellosen, Drängenden dieses Songs kann man sich schwer entziehen.

“Here comes Dick
He’s wearing a skirt
Here comes Jane
You know she’s sporting a chain
Same hair revolution
Same build evolution
Tomorrow who’s going to fuss
And they love each other so
Androgynous
Closer than you know
Love each other so
Androgynous
[…]
Now something meets boy
And something meets girl
They both are the same
They’re overjoyed in this world
Same hair revolution, unisex, evolution
Tomorrow who’s gonna fuss”

“She got girls
Girls all over the world
She got men
Every now and then
But she can’t make up her mind
On just how to fill her time
An’ the only way she can wind

A.C.D.C.
She got some other lover as well as me
A.C.D.C.
She got some other fella as well as me
She got some other lover as well as me “

Wir nähern uns dem Ende – diese Greatest Hits-Disc Nummer Zwei geht, nach meinem Empfinden, immer viel zu schnell vorbei.

„Love is all around“ ist ein Sonny Curtis-Cover, eine ein-minütige, geballte Ladung Rock’n’Roll-Hoffnung, ohne Kitsch, aber doch: Frontalknutschen mit Gitarren.

Das The Replacements-Cover „Androgynous“ liebe ich sehr. Nicht nur wegen des Inhalts, wegen des emanzipatorischen Kontextes, sondern auch wegen der Lässigkeit, leicht liebevoll angehaucht, mit der es von Joan Jett inszeniert wird. Hier beweist sie noch einmal, dass sie nicht einfach die Bombastrocklady ist, die I love Rock’n’Roll geschrieben hat – sie ist eine Künstlerin mit einem guten Gespür. Oft gibt sie der klaren Auseinandersetzung den Vorzug, einer Dosis Dröhnung, aber ihre Musik kann auch auf andere Weise kommunizieren, eindrücklich sein.

Last but not least: „A.C.D.C.“. Nicht etwa eine Anspielung auf die Hardrockband aus Australien, sondern ein Cover der Band Sweet (einige Leute kennen vielleicht ihr „Fox on the run“). Energiegeladen, kritisch, mitreißend, formal auf unprätentiöse Weise ein bisschen verspielt, ist es ein schöner Schlussakkord zu diesem Greatest Hits-Album.

Ein paar Mal scheint es so, als würde das Lied aufhören, fade out, dann geht es doch noch einmal weiter. Ein herausgezögertes Finale, Symbol für den Genuss, Symbol für die Freude. Hört Joan Jett, Leute! Lasst euch mitreißen. Sie liefert nach wie vor einen sauberen, starken, coolen Sound.

Auch live: https://www.youtube.com/watch?v=9kBnRQwVzdM

Alben, die ich sehr schätze – Erster Eintrag: “Blood on the tracks”


Bob Dylan - Blood on the tracks

Ich habe in meiner Schulzeit zu den Leuten gehört, die viele CDs hatten (und LPs, allerdings nur ein paar wenige) und in dieser Zeit habe ich sie rauf und runter gehört. Es gibt nicht viele Alben, die man mehr als einmal vom Anfang bis zum Ende hören kann. Alben, die (für das eigene Ohr) fast ohne Schwächen sind, die genügend Abwechslung haben oder eine gelungene Sturktur.1 Alben, bei denen es reizvoll ist, sie immer wieder anzuhören; sie sind wie ein Gedicht oder ein Buch, das man immer wieder liest. Eine Galerie von Klängen, die man immer wieder betreten mag.

Beim letzten Durchsehen meiner Sammlung wurde ich mit der Tatsache konfrontiert, dass ich viele CDs eigentlich weggeben könnte, weil die entscheidenden Lieder längst digital gesichert sind und ich die CDs – sei es zum Hören oder einfach als eine Art Schatz, als Münze oder Juwel in meinem Drachenhort – nicht wirklich haben will; dafür sagen sie zu weniger über das aus, was ich bin(/sein will) und mag(/mögen will?).

Also sortierte ich aus, schmiss weg, verschenkte. Einige Alben überlebten diesen Prozess natürlich und irgendwie habe ich das Bedürfnis, diese Alben zu teilen. Wie meine Lieblingsbücher haben sie mich schon eine Weile begleitet und werden mich weiterbegleiten.

Den Anfang macht direkt ein Album, das ich tatsächlich für perfekt halte. Ich habe irgendwo mal gelesen, dass es unter Bob Dylan-Fans einen Streit gibt, welches Album das beste sei und sich ungefähr gleichviele Fürsprecher*innen für „Blonde on Blonde“, „Highway 61 revisited“ und „Blood on the tracks“ finden lassen (während andere sich noch darüber streiten, ob er singen kann). Trotz großer Sympathie für „Blonde on Blonde“ – „Blood on the tracks“ hätte immer meine Stimme.

Bob Dylan hat in Interviews oft gesagt, dass dieses Album ihm aus einer Schaffenskrise geholfen habe – oder besser gesagt: das Resultat einer beendeten Schaffenskrise ist. Ich muss zugeben, dass mich herzlich wenig interessiert, welche Bedeutung dieses Album in seinem Schaffen einnimmt – die besten Kunstwerke überwinden ihre Kontexte vollends oder gehen ganz und gar in ihnen auf und bei „Blood on the tracks“ trifft ersteres zu. Reporter*innen haben sich den Mund fusselig gefragt, ob er in diesem Album die Trennung von seiner Frau verarbeitet habe und noch jede Menge anderes Zeug.

Aber kein Label – egal ob „Trennungsalbum“ oder „Symbol neuer Schaffenskraft“ – vermögen in meinen Augen dieses Album zu definieren, zu vereinnahmen. Es ist unbeugsam, wüst, es ist fabulierend, es ist zärtlich, rotzig, euphorisch, bitter, aberwitzig, blitzgescheit und noch einiges mehr; vor allem aber kann es für sich selbst stehen.

And everyone of them words rang true
And glowed like burnin’ coal
Pourin’ off of every page
Like it was written in my soul
From me to you
Tangled up in blue

Schon beim ersten Lied „Tangled up in blue“, diesem Gedicht auf das Leben – das Abenteuer, in dem jeder von uns ein/e Protagonist*innen ist – ist alles da: die Heftigkeit und Zartheit, die in Begegnungen liegen. Die herantretende Unvermeidlichkeit und wie es nach ihr doch weiter geht, mit einer neuen Kerbe am Bootsrumpf, die sich wie ein Leck anfühlt.

„Tangled up in blue“ ist ein wunderbarer Startschuss. Der Song fächert auf, worum es in dem Album noch gehen wird, nimmt aber nicht zu viel vorweg; springt von einer Strophe in die nächste, während einem beim Zuhören das Gefühl beschleicht, es gehe Großes, Wichtigeres vor sich, das einem das Lied gleichsam offeriert und entzieht.

Am Ende steht man bei diesem Auftakt wieder vor dem nichts, obwohl so viel aufgefächert wurde. Wie ein Teaser, der die besten Momente des Films einfängt, ist „Tangled up in blue“ ein Portrait des ganzen Albums – und sein Spiegel.

People tell me it’s a sin
To know and feel too much within
I still believe she was my twin
But I lost the ring
She was born in spring
But I was born too late
Blame it on a simple twist of fate

Musik kann auf viele Arten mitreißend sein: Weil sie einen zum Tanzen animiert. Zum Mitsingen. Weil sie eine Lebensweise ausdrückt, eine Haltung, eine Meinung. Weil sie ausgeklügelt ist, ein Ohrenschmaus für Kenner. Oder weil die Melodien mit den Worten zusammen ein Netz weben, in dem, gezogen durch einen riesigen Ozean, sich plötzlich dein Herz befindet, schlagend, zappelnd.

Der zweite Track „Simple twist of fate“ ist so ein Netz für mich. Eine Art Soft-Blues, nicht zu eingängig, nicht zu beschwingt, mit viel Lakonie gewürzt – wenn er ein Gericht wäre, wäre er angenehm scharf. Keine Bitterkeit weit und breit und diese Abwesenheit von Bitterkeit ist beeindruckend, weil doch in diesem Lied alles nur auseinanderbricht. Doch kein Widerstand, nur Abfinden.

Dabei spricht so viel Kleines darin für sich, der Song liest es auf, wie von den Bäumen gefallene Blätter, die sagen: es war Zeit. Das muss akzeptiert werden, dass es Zeit war (oder nicht die Zeit war). Aber über Jahre hinweg bleibt dieser Stich: war es ein simple twist of fate, war es NUR ein simple twist of fate? Solche Gedanken fängt das Lied ein, webt sie in das dünne Leinen, unter dem es sich hin- und herzwälzt. Sanft, bedächtig, geradezu beschaulich, erzählt Dylan die allertraurigste Geschichte: Über das „es hat nicht sollen sein“, in dem sich spiegelt „ich wüsste zu gern, ich hätte gern, ich hab dich gern.“

Time is a jet plane, it moves too fast
Oh, but what a shame if all we’ve shared can’t last
I can change, I swear, oh
See what you can do
I can make it through
You can make it too

“You’re a big girl know” ist eine Zwischenstufe, bedächtig auch, noch nicht wirklich bitter, aber zuckend hier und da, sich zusammenreißend, ins Langen und ins Appellieren driftend, gefangen zwischen Klimpern und vielem, das in der Stimme anschwillt, aus den Worten tropft. Ein Lied, das nicht loslassen will (und für einen Dylan-Song auch ungewöhnlich lange nach dem Ende des Textes noch weiterläuft.)

Gäbe es ein Lied, das man einer Person, mit der man Ähnliches wie in „Simple twist of fate“ erlebt hat, hinterher- oder zuschicken würde, so wäre es wohl dieses. Es ist ein Epilog zum vorangegangenen Track und im Prinzip ein Prolog zu „Idiot wind“. Die Reihenfolge folgt dem Muster jeder unerwünschten Trennung: Zuerst will man nicht weg, dann will man zurück, und wenn man merkt, dass man nicht zurück kann, will man nur noch weiter, will der Vergangenheit, die einen nicht mehr aufnimmt, möglichst demonstrativ den Rücken kehren.

„You’re a big girl now“ ist das Mauerblümchen des Albums und trotzdem ein großartiges Lied, in all seiner Schlichtheit. Es ist ein gutes Beispiel dafür, wie es Dylan in diesem Album gelingt, für jeden seiner Songs den richtigen Umfang, die richtige Art des Kreisens um ein Thema zu finden. Fast scheint es, als würde dieser Song, der weniger ambitioniert und konzipiert daherkommt als „Simple twist of fate“ und „Idiot wind“, weniger geschlossen, ins Banale ragen, zu sehr verankert sein in einer bestimmten Emotion. Aber gerade diese verwaschene Schmalheit macht dieses Lied schön. Es nimmt sich die Freiheit, zwischen den Stühlen zu singen.

I ran into the fortune-teller
Who said beware of lightning that might strike
I haven’t known peace and quiet
For so long I can’t remember what it’s like
There’s a lone soldier on the cross
Smoke pourin’ out of a boxcar door
You didn’t know it, you didn’t think it could be done
In the final end he won the wars
After losin’ every battle

I woke up on the roadside
Daydreamin’ ’bout the way things sometimes are
Visions of your chestnut mare
Shoot through my head and are makin’ me see stars
You hurt the ones that I love best
And cover up the truth with lies
One day you’ll be in the ditch
Flies buzzin’ around your eyes
Blood on your saddle

Es gibt viele bittere Lieder, viele von ihnen sind gleichzeitig auch melancholisch, andere schrill. „Idiot Wind“ ist nicht melancholisch und nicht wirklich schrill. Es ist eine Ballade reiner Bitterkeit, musikalisch großartig arrangiert und von einer Stimme getragen, die sich die Seele aus dem Leib zu singen scheint, weil sie sonst anfangen müsste zu brüllen. Das Lied lädt seine Bitterkeit aber nicht einfach ab, sondern schneidet mit ihr, zerreißt, schmeißt sie. Es ist Befreiung und Verurteilung, torture und cure in einem.

Schlicht eine Wucht. Ein Song, bei dem das Wort „großartig“ auf jeder Ebene zutrifft. Mitreißend. Und am Ende, in genau dem richtigen Moment, einsichtig, wenn man es gar nicht mehr erwartet.

Was kann auf so eine bittere, tosende Stafette folgen?

I’ve seen love go by my door
It’s never been this close before
Never been so easy or so slow.
Been shooting in the dark too long
When somethin’s not right it’s wrong
Yer gonna make me lonesome when you go.
[…]
Situations have ended sad,
Relationships have all been bad.
Mine’ve been like Verlaine’s and Rimbaud.
But there’s no way I can compare
All those scenes to this affair,
Yer gonna make me lonesome when you go.

Mundharmonika und sanfte Fröhlichkeit. Der Wind hat sich gedreht, Ring frei für eines der schönsten Liebeslieder überhaupt. Ein Text voller einfachster, funkelnder Sätze und ein Refrain, der ein schlichtes Bekenntnis ist, leichter als Luft, und doch so schwer, wie einem das Herz werden kann: „You’re gonna make me lonesome when you go“.

Ein Satz, der ein Ruf ist, eine Narbe, ein Nagel, ein Winken, eine Inschrift, ein Fluch. Was da alles drinsteckt, wie viele Emotionen dieser einzelne Satz (und erst das ganze Lied) transportiert: Einsamkeit, Zuneigung, Angst, Hoffnung, Melancholie, Dankbarkeit, etc.

Und das alles haut uns Dylan mit einem beschwingten Lied von unter drei Minuten um die Ohren, tänzelnd auf einem dünnen Seil, auf sechs dünnen Saiten, süßlich, ohne ein Spur von Klebrigkeit. Kurzweilig, wie etwas Unverhofftes, begegnet uns dieses Lied. Auf gewisse Weise ist es das Schönste des ganzen Albums.

Look at the sun
Sinkin’ like a ship
Look at the sun
Sinkin’ like a ship
Ain’t that just like my heart, babe
When you kissed my lips?

Wenn das Album ein Schulhof wäre, dann wäre “Meet me in the morning” der Typ, der auf cool macht, cool rüberkommt, aber eigentlich gar nicht so cool ist. Ich mag die Lässigkeit dieses Stücks und auch die Seltsamkeit des Textes, den leichten Aberwitz. Trotzdem ist diese dubiose Hymne sicher der schwächste Song. Er zwinkert einem zu, sieht gut aus, aber man hat nicht das Gefühl, dass da wirklich „blood on the track“ ist.

Trotzdem – wenn „Meet me in the morning“ nicht da wäre, würde es fehlen. Es ist die staubige Straßenkreuzung, der Moment im Nirgendwo, den das Album braucht. Etwas Übliches, unverfängliches. „Meet me in the morning“ verschafft den Zuhörer*innen eine kurze Pause und liefert außerdem ein ordentliches Pausenprogramm. Man kann sich anschauen, was war und sich auf das freuen, was noch kommt, während man nebenbei der Lässigkeit des Stückes lauscht.

Backstage the girls were playin’ five-card stud by the stairs
Lily had two queens, she was hopin’ for a third to match her pair
Outside the streets were fillin’ up, the window was open wide
A gentle breeze was blowin’, you could feel it from inside
Lily called another bet and drew up the Jack of Hearts

Das längste Stück, platziert an siebter Stelle: “Lily, Rosemary and the jack of hearts”. Eine rasante Ballade, ein Narren- und Schurkenstück, eine Wild-West-Erzählung mit viel Couleur. Fast beiläufig beginnt es, steigert sich mit jeder Strophe, unbarmherzig und fabulierend, in der Intensität, in welcher viele kleine Pointen und Wendungen funkeln.

Der „jack of hearts“ ist einerseits der Herzbube im herkömmlichen Kartenspiel, andererseits auch der gutaussehende Verführer, der gerissene, sympathische, aber skrupellose Jüngling (und, btw: eine Marvelfigur).

Obwohl es nicht mein liebstes Stück ist, habe ich es öfter gehört als alle anderen (außer vielleicht „Tangled up in blue“). Es lässt einem kaum Zeit zum Luftholen und am Anfang hörte ich es vor allem deshalb mal um mal, um den Text Stück für Stück nachzuvollziehen, herauszuhören. Auch heute entdecke ich noch neue Kleinigkeiten oder erfreue mich an alten Lieblingsstellen.

We had a falling-out
Like lovers often will
And to think of how she left that night
It still brings me a chill
And though our separation
It pierced me to the heart
She still lives inside of me
We’ve never been apart
[…]
If she’s passin’ back this way
I’m not that hard to find
Tell her she can look me up
If she’s got the time

Manchmal werden Menschen unerreichbar für uns. Gäbe es nur jemanden, der ihnen Hallo von uns sagen könnte oder: Wie geht es dir? fragen könnte. Vielleicht sogar ein „Vermisst du mich?“ überbringen könnte, ganz unproblematisch. „If you see her, say hello“ ist ein Lied des Haderns, schafft es aber, dieses Hadern von seiner liebevollsten Seite zu präsentieren, auch wenn der ganze Umfang seiner Problematik durchscheint. Es steht an der Schwelle zum Verzagen, blickt aber fast die ganze Zeit über die Schulter.

Die Stimme versucht stark zu sein, fliegt sich aber selbst davon. Es ist das haltloseste Stück des Albums. Mit Gitarrenklängen, die klingen, als würde jemand mit baren Händen etwas ausgraben, während die Stimme versucht ruhig zu bleiben, unverfänglich, sich nicht zu verhaken in den Nachfragen, der verlassenen Hoffnung, in der sie immer noch steht, ohne zu warten, ohne zu wissen warum, aber noch nicht bereit, wegzugehen.

I’ve heard newborn babies wailin’ like a mournin’ dove
And old men with broken teeth stranded without love
Do I understand your question, man, is it hopeless and forlorn
Come in, she said
I’ll give ya shelter from the storm

Popsongs are cheesy or corny. Eine solche Bemerkung fegt “Shelter from the storm” einfach vom Tisch. Ich bin verliebt in dieses Lied (in die Studio-Version und die Live-Version vom Album „Hard Rain“ gleichermaßen), seinen zärtlich-lapidaren Stil, seine Fülle, seine Offenheit. Wäre der Song eine Person, ich würde sie wunderschön finden – nicht im begehrlichen Sinne, sondern unverfänglich – ihre Art, ihre Ausstrahlung. Gut, diese Liebeserklärung ist jetzt schon etwas corny.

Um es noch schlimmer, aber auch eindeutiger zu machen: In einem Gedicht von W. H. Auden heißt es: „life remains a blessing/although you cannot bless“. Ich kann und will sagen: This song blessed me and blesses me.

Mehr kann ich auch gar nicht sagen. Hört ihn euch an. Lasst euch einspinnen. Lasst euch wiegen von diesem Lied, in dem Grausamkeit und Seligkeit, Heimatlosigkeit und tiefe Zuneigung vorbeiziehen wie Autos auf einer Straße vor der Tür, unterlegt vom Klang einer Gitarre, die sagt: „Es wird nicht alles gut, aber es wird alles und geht wieder vorbei.“ Und: “Lass zu, was dich liebt.”

Buckets of rain
Buckets of tears
Got all them buckets comin’ out of my ears
Buckets of moonbeams in my hand
You got all the love
Honey baby, I can stand

I’ve been meek
And hard like an oak
I’ve seen pretty people disappear like smoke
Friends will arrive, friends will disappear
If you want me
Honey baby, I’ll be here

Nachdem am Ende von “Shelter from the storm”, in den letzten Tönen, die Hand von der Gitarre abzurutschen scheint, könnte das Album eigentlich zu Ende sein. Es ist doch alles gesagt, geschrien, geflüstert, gebeichtet. Aber nein.

Die Gitarre setzt noch mal ein. Sehr bestimmt, mit einem Hauch Verspieltem. Und direkt das erste Bild wirft seinen Schatten über das ganze Lied: Eimer voller Regen, die eigentlich Eimer voller Tränen sind. Tränen, die einem „zu den Ohren wieder rauskommen“.

„Buckets of rain“ summiert noch einmal die vielen Emotionen des Albums in wenigen, fastschon kargen Strophen. Bitterkeit, Verlassenheit, Zuneigung und Hoffnung dämmern in den Versen, die wie Wassertropfen von den Saiten der Gitarre perlen. Unfertig wirkt der Song, verstreut alle Erkenntnisse des Albums, anstatt sie zu bündeln.

Ich denke, dass das meine ganz persönliche, nicht im Text oder in der Musik zu verortende Phantasie ist – aber sobald das Lied beginnt, sehe ich eine Person, die Eimer eine Treppe hinauf oder eine Straße entlang trägt. Über den Rand schwappen die Tränen, laufen herunter. Er trägt diese Eimer überall mit sich herum, alle anderen tragen auch welche mit sich herum, aber niemand kann die Eimer der anderen sehen. Nur wenn sie übervoll sind oder etwas über den Rand schwappt, sieht man die Tropfen, die über die Wangen gleiten.

Schön, traurig, meditativ. Der letzte Track bleibt hinter den meisten anderen zurück, macht nicht viel her. Aber mit seiner rustikalen Art bleibt er einem fast am längsten in Erinnerung. Sein Klang erstreckt sich auf die nächsten Stunden, wie ein Zauber. Eine Tür die ins Schloss fällt. Ein würdiger Schluss.

Zu “Mit fremden Federn” von Anett Kollmann


Mit fremden Federn Viele Fälle von Hochstapelei sind bekannt und nur manche haben etwas mit Übertreibung zu tun. Wobei man schon sagen könnte: ein/e gute/r Betrüger*in muss ein bisschen over the top gehen, um Glaubwürdigkeit nicht nur simulieren, sondern wirklich zu transportieren, zu suggerieren. Was an tatsächlichen Gaben und Geschicken fehlt, muss mit Gebaren ausgeglichen werden.

Anett Kollmann hat ein vergnügliches und wunderbares Buch über die Kunst geschrieben, sich mit fremden Federn zu schmücken und gleichsam hier und dort eine schöne Geschichte damit zu schreiben, ein fiktives Porträt zu zeichnen, dem eine eigentlich nicht vorhandene Glorie innewohnt. Sehr gut zeigt sie dabei auch die instinktiven Qualitäten der Hochstapler*innen auf, die eben nicht nur Meister der Täuschung, sondern auch Meister der Gelegenheit sind, im wahrsten Sinne des Wortes: manche von ihnen haben das Erkennen der Gelegenheit “gemeistert” und die Zeichen der Zeit fabulös (um)gedeutet.

Andere hatten einfach nur (wiederum wortwörtlich) unverschämtes Glück, das ihnen zur Hilfe kam und ihr unvermeidliches Scheitern eine Weile hinauszögerte. Letztlich sind alle Leute, die sich Geschichten ausdenken, Hochstapler*innen, nur das diejenigen, die sie auch zu leben versuchen, als solche bezeichnet werden. Wie heißt es im Vorspann der Serie “Castle”: “Es gibt zwei Menschen, die überlegen, wie man am besten Leute umbringt: Psychopathen und Krimi-Autoren. Ich gehöre zur besser verdienenden Sorte”. Und auch zur akzeptierten, gesellschaftlich geduldeten, könnte man ergänzen.

Natürlich kann man Mörder*innen nicht dudeln und auch Hochstapler*innen nicht. Aber genauso wie Mörder*innen stets eine abschreckende Faszination auf die Leser*innen von Kriminalliteratur oder Zeitungsartikeln ausgeübt haben, ist da etwas in den Geschichten über Hochstapler*innen, das uns auf seltsame Weise an uns selbst erinnert. Insofern, dass wir alle schon mal den leichten Weg gehen wollten, alle mal davon geträumt haben im Lotto zu gewinnen und schon mal darüber fantasiert haben, wie man dem eigenen Glück nachhelfen könnte. Hochstapler*innen tun nichts anderes: Sie helfen ihrem Glück etwas nach.

Sie sind gesellschaftlich untragbar und doch menschlichste Individualisten, sie sind besondere Exemplare und doch ein/e Jedermann/frau, der/die die geheimen Regungen von Tausenden mit leichter Hand auf die Leinwand der Geschichte schmiert.

Wer sich ein paar der daraus entstandenen Gemälde näher ansehen will, mit Kunstverstand und Witz kommentiert und mit Hintergrundwissen ausgestattet, der sollte zu diesem Buch greifen.

 

Zu Friedrich Christian Delius neuem Buch “Die Zukunft der Schönheit”


Die Zukunft der Schönheit „Da wollte jemand gehört, verstanden, erlöst werden, da wollte jemand raus aus der Nummer und nicht rein in die Nummer, da stand jemand unter Beschuss des Schlagzeugs und schoss zurück, da steckte jemand wie von Geigensaiten eingeschnürt in der Falle und wehrte sich, da wollte jemand aus dem Feuer gerettet werden –“

Ich bin sehr froh, dass mir vor einigen Jahren das Buch „Warum ich schon immer Recht hatte – und andere Irrtümer“ in die Hände fiel, ein schmaler Sammelband mit Wortmeldungen, Vorwörtern, Kommentaren und anderen Kurztexten von Friedrich Christian Delius.

Nicht nur enthielt dieser Band einige sehr klare, auf den Punkt gebrachte gesellschaftspolitische Analysen, wie ich sie in dieser Schnörkellosigkeit eigentlich nur von George Orwell kannte, den Texten darin war allgemein eine Direktheit zu eigen, ein gleichsam kämpferischer, unbequemer, aber nicht versponnener oder zu weit gehender Ton, der mich richtiggehend begeisterte.

Mittlerweile habe ich viel von Delius gelesen, nicht alles mit derselben Begeisterung, aber immer wieder fasziniert von der Art, mit was für Themen er sich auseinandersetzt und wie er sie anpackt. Großartig sein sarkastischer, kirchenkritischer Monolog in „Die linke Hand des Papstes“, sehr aufschlussreich und spannend der biographische Band „Als die Bücher noch geholfen haben“, aber auch das frühe Buch über Siemens ist genial, etc. etc.

In „Warum ich schon immer Recht hatte“ findet sich auch ein kurzer, wunderbarer Nachruf auf den Schriftsteller Nicolas Born. Ich erwähne dies nicht nur, weil dieser knappe Text eine der schönsten literarischen Liebeserklärungen ist, die ich kenne, sondern auch weil darin eine Dimension von Delius Schreiben aufblitzt, die in seinem neuesten Buch „Die Zukunft der Schönheit“ eine wichtige Rolle spielt. Denn so kritisch, sarkastisch und unbequem Delius oft ist, in vielen seiner Texte zeigt er sich auch anders: als empfindsamer Beobachter, als feinsinniger Chronist.

Ausgehen tut das Buch von einem Erlebnis in New York, am 1. Mai 1966. Delius ist mit dabei, als die Gruppe 47 ihren legendären Amerikaaufenthalt zelebriert (diese Reise hat er sehr genau in „Als die Bücher noch geholfen haben“ geschrieben), in dessen Rahmen sich Handke zum neuen Kafka ausrufen lässt, politische Positionen ins literarische Geschäft Einzug halten und Delius Susan Sontag anhimmelt. Am 1. Mai nun, einem der letzten Tage in den USA, lässt Delius sich von zwei Jazzfans, Schriftstellerkollegen, in einen Jazzclub mitnehmen, um ein Konzert des Saxophon-Avantgardisten Albert Ayler und seiner Band anzuhören.

Das Konzert beginnt und Delius erscheint die Musik sofort fremd, schwer erträglich, mit ihrer Dissonanz, sehr verquer. Aber um nicht wie ein Snob oder undankbar zu wirken, versucht er sich darauf einzulassen. Schon bald regt ihn die Musik zu Überlegungen an – zunächst, weil er auf der Flucht vor ihr ist, dann aber, weil er in ihr die Fragen seiner Zeit, die Elemente seiner Sehnsucht, den Soundtrack zu seinem eigenen Lebensweg zu erahnen beginnt.

Formal ist das Buch ein gezähmter Stream of consciousness, in dem sich Text und Musik die Bühne teilen, ineinandergreifen, aber auch einander überfallen, herüberschwappen, sich durchdringen. Die Musik wird zur fortlaufenden Projektionsfläche für Delius Eindrücke und immer mehr zum Sound für alles, was gerade aktuell ist: Vietnam, sexuelle Befreiung, neue Musik, neue Welt, Atomkrieg, Aufbruch, Repression, Jugend, etc. Sie bringt Delius dazu, sich in Gedanken zu entblößen, seine eigenen Scheidewege zu sehen, seine eigene Entwicklung zu begreifen. In diesen Momenten, im Verlauf des Konzerts, entfaltet sich für ihn die Übersichtlichkeit der Gegenwart, des Lebens, durchzogenen von einigen eigenen Gewissheiten.

Was ist schon die Herkunft gegen die Zukunft? Wir können nicht ändern, woher wir kommen, aber wir können entscheiden, wohin wir gehen, oder? The soul is a streetcar named desire. Delius blickt in seine Vergangenheit und, darauf aufbauend, auf das, was noch kommt, hoffentlich noch kommt. Wir stehen alle täglich vor unserem Leben, einem fortlaufenden Spiel der Ereignisse, an dem wir nur in diesem Moment, der gerade ist, teilnehmen können. Delius fächert sein Leben auf, mit den Szenen, die einem im Gedächtnis bleiben, den prägenden Erlebnissen, die einen nicht loslassen. Da ist so viel, was klar ist und so viel, das unklar bleibt; weshalb geschrieben wird, gedacht, gemalt – und musiziert. Die Zukunft der Schönheit, man hat sie selbst in der Hand.
An der Musik schöpfen heißt oft in uns schöpfen, das dürfte jedem schon einmal aufgefallen sein. Delius zeichnet diese Erfahrung meisterhaft nach.

In Teilen hat mich „Die Zukunft der Schönheit“ an eine Erzählung von Julio Cortázar erinnert: „Der Verfolger“, ein Buch über des Saxophonisten Charlie Parker und die Unmöglichkeit der Perfektion, die Sehnsucht nach dem genau-getroffenen Ton und der Aufhebung der Zeit im Moment größter lautlicher Schönheit. In Delius neuem Buch wird die Zeit nicht durch den perfekten Ton, sondern durch das Gegenteil aufgehoben: eine Kakophonie, in der doch wieder der Wunsch nach Ausdruck mitschwingt, die Themen der Zeit sich artikulieren. Natürlich ist der Mensch unentwegt auf der Suche nach Perfektion – aber er selbst ist und bleibt ein Chaos. Ein Chaos, ohne das es wohl das Potenzial für Schönheit nicht gäbe; wobei genau dieses Chaos, das die Zukunft der Schönheit sichert, die Gegenwart der Schönheit schnell übersieht, sie verschleißt, verliert. Traurig, aber schön: gibt es eine bessere Definition für die Musik? Für unsere Existenz?

Delius ist ein eindringliches Portrait der seelischen Zusammensetzung eines Menschen gelungen. Mit seiner unruhigen Sprache, allgemein mit seiner Unruhe, ist es eine belebende Leseerfahrung. Eine Lektüre, die, neben allerlei Denkanstößen, kleine Rückstände von Ewigkeit im eigenen Empfinden zurücklässt.

Zu Axel Ranischs Coming-of-Age und Coming-Out Roman “Nackt über Berlin”


Nackt über Berlin Jannik liebt Musik, vor allem klassische. Und seinen Freund Tai, aber das darf keiner wissen, nicht seine Mutter und vor allem nicht Tai. Er ist sich ja auch gar nicht so sicher, ob er ihn liebt (als ob es ein deutlicheres Anzeichen gäbe, als das ständige Nachdenken mit klopfendem Herzen, ob man wohl in jemanden verliebt ist). Er ist ein bisschen übergewichtig, ein bisschen verzweifelt, ein bisschen schreckhaft.

Soweit die, noch relativ gewöhnlichen, geradezu klassischen Nöte eines 17jährigen Teenagers, der sich vor allem mit seinen Platten und seinen Gedanken beschäftigt; aus Janniks Warte besteht die Welt aus der Tyrannei der Schule, den Determinationen der Gesellschaft und dem kleinen Freiraum, den er sich mit seiner Musik und seiner Freundschaft zu Tai erkämpft hat.

Die Handlung setzt ein, als Tai sich eines Nachts meldet, mit einer kleinen Sensation: er filmt gerade den Rektor der Schule, der sich sturzbetrunken draußen auf der Straße auf den Hosenboden gesetzt hat. Tai ruft Jannik dazu. Ein leiser Auftakt, ein kurzer Trommelwirbel, der zu einer wirbelnden, rasanten Geschichte um Glück und Angst, Leben und Tod, Spaß und Ernst wird und in der hinter jeder Ecke eine neue Wendung wartet …

Es gibt schon allerhand Rezensionen, deswegen will ich vor allem das Wesentliche noch mal betonen: Dieses Buch hat Witz. Es ist, auf seine schräge Art, furchtbar liebenswert und das jenseits der Klischeegebiete. Die Figuren sind nicht nach dem üblichen Coming-of-Age-Etappenschema aufgebaut (am Anfang so, in der Mitte dann Wandlung, am Ende alles neu), sondern stets ambivalent gezeichnet und durchlaufen dennoch eine sehr gut inszenierte Entwicklung, mit vielen Ausläufern und Zwischentönen.

Und neben Witz und Charme hat das Buch auch einen großartigen erzählerischen Drive, eine geradezu bahnbrechende Erzähllust und -kraft. Kurzum: das Buch ist ein Volltreffer, ein Buch der Saison. Axel Ranischs Buch “Nackt über Berlin” wird hoffentlich dieses Jahr auf vielen Nacht- und Wohnzimmertischen liegen und für Unterhaltung sorgen – aber auch für tiefere Gedanken und Erfahrungen, über Wut, Frust, Liebe, Sein und Schein, Macht, Musik, Bedeutung, Hoffnung und Toleranz.

Schlicht ein Meisterwerk: Robert Hilburns Johnny Cash Biographie beim Berlin Verlag


Johnny Cash Manche biographischen Werke sind Verklärungen und manche sind entzaubernd, was beides immer ernüchternd ist. Auch eine gute, erschöpfende Recherche macht noch keine fesselnde Biographie. Es braucht noch eine Prise Magie, eine gute Dynamik, selbst wenn man eigentlich versucht, den Menschen in all seinen wirklichen Facetten, mit allen Tatsachen, abzubilden, nachzuzeichnen.

Robert Hilburn ist das Kunststück geglückt, eine erschöpfende und menschliche Studie des Menschen und Künstlers Johnny Cash vorzulegen, ohne den Mythos, der mit dieser Figur verbunden ist, zu demontieren. Es wird zwar über vieles aufgeklärt, aber Bewunderung und Momente der Schönheit werden nicht unterbunden. Entstanden ist so nicht nur eine redliche, sondern eine beeindruckende Arbeit, ein schlichtes Meisterwerk. Und eine Lektüre, die einem teilweise unter die Haut geht.

Auf besondere Weise unter die Haut geht, wohlgemerkt. Denn das wirklich Großartige an diesem Buch ist, dass sich in Hilburns Darstellung von Cashs (Innen-)Leben eine so tiefe Dimension auftut, die geradezu sinnbildlich für das Hadern, Scheitern und die Zerrissenheit jeder menschlichen Existenz stehen könnte.

Ohne auf Tränendrüsen zu drücken oder hochtrabende Apelle zu starten, führt uns Hilburn detailliert die Szenen, Erlebnisse und Geschichten dieses ganzen Lebens vor Augen – und stetig, über die Lektüre der 800 Seiten, setzt sich aus der Fülle dieser Details, der Kommentare und Ausführungen, eine Vorstellung zusammen, ein Kosmos, der den Kern eben jenes widrigen Umstandes umreißt, den man schlicht Dasein nennt.

Cash-Biographien gibt es einige, er selbst hat sogar zwei geschrieben. Diese hier ist trotzdem eine der besten, vielleicht die beste: Eine berührende, reiche, in alle Richtungen laufende und doch sehr gut komponierte Lektüre. Times a wastin. Aber nicht mit diesen 800 Seiten!