Tag Archives: Mystik

Zu Joan Didions “Süden und Westen”


Süden und Westen „Alles entlang des Golfes scheint zu vergammeln: Wände werden fleckig, Fenster rosten. Gardinen schimmeln. Holz verzieht sich. Die Klimaanlagen funktionieren nicht mehr.“

Golfküstenregion: Wildnis, Abgeschiedenheit, Riten, Rauheit, Zivilisationsabhang. Die drei Staaten zwischen dem weitläufig-erzkonservativen, cowboygeprägten Texas und dem sonnig-paradiesischen Florida, namentlich Louisiana, Mississippi und Alabama, gelten in vielerlei Hinsicht als spezielle US-amerikanische Bundestaaten.

Große Teile der Bevölkerung von dort müssen regelmäßig (wie der Süden von Amerika im Allgemeinen) als Blaupause für jenes Klischees vom hinterwäldlerischen, immer leicht soziopathischen Amerikaner herhalten, stur und allem Fremden gegenüber skeptisch, dabei oft brutal und abgestumpft.

Die Atmosphären in diesen Gegenden, mit denen Schriftsteller und Filmemacher immer wieder gearbeitet habe (zuletzt zum Beispiel in der Staffel 1 der Serie „True Detective“), sind geprägt von einer Mischung aus verquerem Lokalstolz, einfachen Traditionen, Mystik und einem tiefsitzenden Fatalismus (nicht umsonst ist diese Region die Quelle des Blues), der sich aus den zermürbenden klimatischen Bedingungen und der Abgeschiedenheit der Region ergeben.

„Das war ein Fatalismus, der, wie ich feststellte, zu diesem bestimmten Sound des Lebens von New Orleans gehörte. Bananen verfaulten und beherbergten Vogelspinnen. Das Wetter kam über das Radar herein und war schlecht. Kinder bekamen Fieber und starben, häusliche Streits endeten in Messerstechereien […]
der Fatalismus ist der einer Kultur, die von der Wildnis bestimmt wird.“

Joan Didion ist 1970 in diesen Staaten unterwegs gewesen. Zusammen mit ihrem Mann, der aber in den Notizen kaum auftaucht – in den wesentlichen Szenen ihrer Notizen wirkt es so, als wäre Didion allein in den Gespräche, bei den Begegnungen, mit ihren Überlegungen. Eine Frau aus Kalifornien im Kontakt mit Menschen vor Ort.

Die Notizen, die einmal zu einem Artikel über diese Staaten des Südens werden sollten (aber nie wurden), sind in Kapitel eingeteilt, die jeweils Abschnitte der Reise markieren, sodass man allein anhand der Kapitelüberschriften Didions Route auf der Karte verfolgen kann.

Während ihrer Reise kommt sie ins Gespräch mit Menschen, beschreibt die örtlichen Gegebenheiten, ihr eigenes Herausstechen (als einzige Frau, die Bikini trägt, die selber Auto fährt, die so weit weg von ihrer Heimat angetroffen wird), ihren Versuch die Lebenswelt der Menschen zu begreifen.

„Die Abgeschnittenheit dieser Menschen von den Strömungen des amerikanischen Lebens der siebziger Jahre war erschreckend und verblüffend anzusehen. Alle ihre Informationen kamen aus fünfter Hand und waren im Weitergeben mythisiert worden. Spielt es überhaupt eine Rolle, wo XY liegt, wenn XY nicht in Mississippi liegt?“

Trotz der Chronologie wirkt „Süden und Westen“ eher unsortiert, weil die Themen und die Art der Darstellung stark variieren und Zusammenhänge nicht immer erkennbar sind und auch nicht immer geliefert werden. Didion gibt schon am Anfang zu, dass das Buch ein Skizzenbuch ist und des Weiteren vor allem fasst, was ihr unverhofft passierte – sie recherchierte selten bewusst.

„Ich versäumte es, die Menschen anzurufen, deren Namen ich hatte, und hielt mich stattdessen in Drogerien auf. In einem wörtlichen Sinne war ich unter Wasser, diesen ganzen Monat.“

Gerade weil es nur eine Art Notizbuch ist, verblüffen allerdings die Klarheit und der Stil der meisten Schilderungen. Zwar variiert die Darstellung, aber der Fokus in der jeweiligen Darstellung ist immer gestochen scharf und die jeweiligen Überlegungen wirken zwar manchmal willkürlich, sind aber in sich geschlossen.

„Süden und Westen“ ist ein Reisebuch und gut, geradezu angenehm zu lesen. Es streift einen konsequent, aber oft auf eindringliche Art. Manche Abschnitte, wie etwa die Suche nach dem Grab William Faulkners, des Schriftstellers, der diese Regionen so gut beschrieb und doch (oder: deswegen) von den meisten Südstaatlern gehasst wird, bleiben im Gedächtnis.

Alles in allem ist das Buch natürlich auch eine minimale Sozialstudie – inwiefern noch immer gültig, lässt sich schwer sagen. Aber wenn man „True Detective“ sieht oder Bücher wie „Fremd in ihrem eigenen Land“ liest, bekommt man den Eindruck, Didion würde heute, 45 Jahre später, nicht wirklich eine andere Region bereisen.

Nachtrag: Es gibt auch noch ein kleines Kapitel über Kalifornien, in dem es u.a. um den Patty Hearst-Fall geht. Es ist allerdings mehr ein beigegebener Schnipsel und als eigenständiger Text eher nicht ernstzunehmen.

Tolkiens ganze Meisterschaft – von Tom Shippey in seinem Buch “Tolkien – Autor des Jahrunderts” wunderbar präsentiert


Tolkien als großer Autor des 20. Jahrhunderts? Da gibt es wohl nicht wenige, die Protest einlegen würden. Wie könnte jener Autor, der das Fantasy Genre (mit-)begründete (eine als trivial und unterhaltungsversessen abgestempelte Richtung der Literatur), denn ein großer Autor, ja, ein wahrer Meister seines Faches, der Sprache, der Literatur sein?

Barock und mythenverklärt, infantil und pathetisch, eindimensional, weltfremd und heroisch – es gibt genug Vorwürfe gegen Tolkien und seine Werke. Dass die meisten dieser Vorwürfe einer Unkenntnis des Werkes entspringen, sich lediglich auf Vorurteile oder Medien zweiter Hand (Filme, Nacherzählungen, Zusammenfassungen) stützen, ist das eine; dass aber trotz der Verehrung und Popularität, die Tolkien und seine Werke genießen, für einen Großteil der Leser noch immer nicht ersichtlich und klar ist, dass Tolkien einer der vielschichtigsten, fortgeschrittensten und wegweisensten Autoren seiner und unserer Zeit ist, nicht nur thematisch, sondern erzähltechnisch, allegorisch, metaphysisch, Ambivalenz und sprachliche Schönheit mit Wissen, Transzendenz und Können vereinend, kann man fast nur als unverständlich und muss es als rückständig ansehen.

Dieses Buch kann bei diesem Missstand etwas Abhilfe schaffen. Es zieht einen wirklich in die Materie von Tolkiens künstlerischem Hintergrund, gespeist von seinem Leben und seiner Arbeit mit dem Altenglischen, den Sagen der britischen Inseln, dem Beowulf-Epos, sowie einigen zentralen philosophischen Problematiken, um die seine Werke kreisen: der Ursprung von Gut und Böse, die Willensfreiheit des Individuums im Kontext übergreifender Ereignisse, Fragen der Hoffnung und der Tod und die Ewigkeit. Einem werden die Augen geöffnet inwieweit Der Herr der Ringe und Tolkiens andere Werke nicht nur Geschichten, sondern metaphysische, psychologische und mythische Kosmen sind, die durch ein Gespann von Handlung gezogen und ausgebreitet werden, aber im Kern immer ein metaphorisches und transzendentes Wesen, Bezüge und Konzepte haben.

Es macht außerdem einfach Spaß dieses Buch zu lesen. Über die Einleitung, die sich auch ein bisschen mit Tolkiens Rolle in der Literaturlandschaft des 20. Jahrhunderts beschäftigt, über eine genauere Betrachtung der einzelnen Werke, bis hin zur Analyse einiger grundlegender Motive in seinem Werk wird man bestens unterhalten und belehrt, ganz ohne elitäre Strapazen. Gerade für Leute, die Interesse an Sprache haben, ist dieses Buch eine Goldgrube. Da der Autor selbst Philologe ist gelingt es ihm zu zeigen wie Tolkien einst durch sein Suchen nach den Ursprüngen der Worte zu Namen, Orten und Einfällen (und eigenen Sprachen) für seine Werke kam und führt uns ganz nah heran an die Quellen seiner phantastisch anmutenden Werke, die dadurch nicht weniger phantastisch werden, aber viel ansichtiger, heller, mit einer Balance zwischen Fiktion und Idee. Das macht nicht nur die Werke zugänglicher, sondern bringt auch ihren Autor klarer und menschlicher, als Kontur dahinter, hervor und zu Bewusstsein; wir lernen Tolkien kennen, als Schaffenden und Suchenden, lernen die besondere Beschaffenheit seines Denkens zu verstehen.

Gleichzeitig ermöglicht uns Shippey Einblick in die große Dimension von Tolkiens Leistung. Man ist fast dazu verleitet, sofort sämtliche Werke Tolkiens aufzutreiben und zu studieren, zu lesen – diesem großen Reichtum hinter dem Text nachzugehen, die Shippey uns mit seinen Betrachtungen öffnet und der einen vermuten lässt, dass jede Sprechweise der Charaktere, jede Szene, ein tieferes Postulat, eine größere Gedankenwelt bereit hält.

Nachdem ich das Buch zweimal gelesen habe und es schon wieder lesen will, fasziniert von Sachen, die ich gelesen und schon wieder vergessen habe, die aber Anstoß für weitreichende Überlegungen waren, kann ich nur sagen: dieses Buch ist lesenswert, es ist inspirierend und vor allem sollte es gelesen werden, damit klar wird, was für ein großer Geist hinter den Werken des J. R. R. Tolkien steht.

“Die Versuchung des heiligen Antonius” in Szene gesetzt von Gustave Flaubert


Der heilige Antonius (besser bekannt als Antonius der Große) soll von ca. 251 bis 356 n.Chr. gelebt haben. Er war ein bekannter und sehr strenger Büßer und Eremit, der sich über lange Zeit (manche behaupten gar sein ganzes Leben) nicht aus seiner Wüste bewegt hat. Hier war er ganz auf die Abtötung seiner Bedürfnisse fixiert.

Was aber gab dem berühmten Literaten Flaubert, der mit seinem bekanntesten Werk Madame Bovary, einen großen, aber nichts desto trotz eher konventionell-realistischen Roman geschrieben hat, den Anlass, sich in eine religiöse Welt der Glaubensprüfung zu begeben? Hat es etwas mit dem Gedanken einer “Glaubensprüfung” an sich zu tun? Faszinierte Flaubert die Vorstellung eines solchen Aktes?

Diese Fragen müssen unbeantwortet bleiben, wenngleich Flaubert durchaus einige Affinitäten zum Mythischen und Heiligen wie auch Archaischen hatte, wie einige andere Texte, Salambo oder auch das schwirrend, schwüle November, nahelegen. Gewiss, auch in -Madame Bovary- erleben wir einige Diskussionen und Anmerkungen über Kirche und Philosophie, ihre Konflikte und Inhalte – doch ist dieser “Roman in Szenen”, der wie ein Theaterstück aufgebaut ist, in so tiefstem Maße, theologisch, bunt und mythenschwer, dass man ihn nicht mehr als bloße Parabel auf einen Gedankengang abtun kann. Es ist eine breitangelegte Metaphysik der Versuchung.

Drei Mal schrieb Flaubert den Text um; über 25 Jahre arbeitet er immer wieder an dem Manuskript und konnte kurz vor seinem Tod noch die endgültige Version vorlegen; sein ganzes Leben hat ihn dieses Projekt begleitet.

Antonius steht in der Wüste vor seiner Hütte; es ist Nacht und er fühlt sich ausgeleert und zweifelt leis’ an seinem entrückten Dasein; wehmütig spielt er mögliche andere Existenzen durch. Doch bald schon plagen ihn Heimsuchungen (oder Visionen?) in denen der Teufel im Reichtum anbietet und ihn mit Gewissheiten und Widersprüchen konfrontiert.

Der eigentliche Romantext ist in 7 Kapitel aufgeteilt. Kapitel Eins ist eine Art Einführung, worauf in den folgenden Kapiteln allerhand mythische Motive aufgegriffen werden und sich verschiedene Themen herauskristallisieren.
In Kapitel II ist es die Versuchung des Überflusses, in Kapitel 6 schwingt der Teufel Antonius in die Lüfte und zeigt ihm die Lächerlichkeit seines Gottglaubens auf; in Kapitel 4 und 5 dagegen, sieht sich Antonius mit den unterschiedlichsten Auslegungen seiner Religion konfrontiert, mit Kulten und auch mit vielen fremden Göttern – stets ist Antonius entsetzt:

“ANTONIUS: Ich denke an all die Seelen, die durch die falschen Götter verloren sind.

HILARION: Findest du nicht, dass sie … manchmal… dem wahren gleichen?

ANTONIUS: Das ist eine List des Teufels, um die Gläubigen leichter zu verführen! Die Starken versucht er mit den Mitteln des Geistes, die Schwachen mit denen des Fleisches.

HILARION: Aber im Rasen der Wollust ist etwas von der Selbstaufopferung der Buße. Die wahnsinnige Liebe des Körpers treibt seine Zerstörung voran – und offenbart in ihrer Schwachheit die Größe des Unmöglichen.”
(Textausschnitt)

Ist alles nur eine Versuchung des Teufels? Es scheint so. Dabei will Antonius doch nur, was viele, vielleicht alle Gläubigen wollen: Ein Zeichen, dass ihnen den Zweifel nimmt. Am Ende wird es gerade die große Versuchung sein, die Antonius in seinem Glaubens bestärkt – wo soll man auch glauben, wo man nicht zweifelt? …

Der Reichtum, die Fülle, von Flauberts Werk ist Vorteil wie Nachteil zugleich. Selbst der erfahrenste Leser könnte sich in diesem mystisch-mythischen Spiel, das Bilder entwirft wie atemlose Monologe und Monologe wie atemlose Bilder – und in Teilen an die plastische Seligkeit der Märchentexte von Oscar Wilde, in anderen Momenten an barocke und antike Bombastik erinnert – verloren fühlen. Namen, Figuren, Personen tauchen zu Hauf auf und verschwinden schnell wieder, oft nur kurz erwähnt, und mir persönlich war nicht einmal die Hälfte von ihnen geläufig.

Die Schönheit der Darstellung und die kleinen wahren Zeilen im Sturm der Dramatik, erfüllen allerdings (und ist es im Theater anders? – 98% Show, 2% genau auf den stillen Punkt gebrachte Wahrheit) den Bedarf an Lesegenuss und Erkenntnis; man muss sich nur in einem Bilderrausch sanft an die Ufer jener wenigen Erkenntnisse tragen lassen … Eine Erkundung dieser alten und doch so neuen Welt, lohnt sich daher allemal.

Übrigens: Das zwar eher fachliche, trotzdessen interessante Nachwort lieferte Michael Foucault!

Die Worte der Stimme des Schweigens … Ein klein wenig zu den Gedichten von Nelly Sachs


“Welt, frage nicht die Todentrissenen
wohin sie gehen,
sie gehen immer ihrem Grabe zu.”

“Nach Auschwitz”, schrieb Adorno, “darf man kein Gedicht mehr schreiben.” Eine polemische, polarisierende Aussage, die der Philosoph später zwar revidierte, die aber wie ein Damoklesschwert ohne Faden über den deutschen Dichtern der Nachkriegszeit hing und vielleicht noch immer, wie ein drohender Rauchschwall aus dem Schlot der Vergangenheit, unsere Himmelsdeutungen bestimmt.

Nelly Sachs, Erich Fried und Paul Celan taten es trotzdem: sie schrieben Gedichte. Während viele Deutsche Autoren die Vergangenheit zu umgehen suchten, machten sich ein in Rumänien geborener Deutscher, ein nach England emigrierter Österreicher und eine Deutsch-Schwedin daran, die Trümmer der Zivilisation und die Trümmer ihres jüdischen Volkes aufzusammeln und den Staub zu durchleuchten – auf der Suche nach einer Heimat für Worte in Taten, die unaussprechlich anmuteten …

“Wer von uns darf trösten?
Gärtner sind wir, blumenlos gewordene
Und stehen auf einem Stern, der strahlt
Und weinen.”

Nelly Sachs kam noch zweimal nach ihrer Emigration nach Deutschland. Beim ersten Mal wurde sie psychisch krank, beim zweiten Mal konnte sie immerhin bleiben. In dieser Person, dem Schicksal und der Wirkung dieser Frau mag man, wie in einer schwachen Ahnung des eigenen Bewusstseins, sehen, was Auschwitz für die Welt bedeutete, was es für Überlebende bedeutete; Leute, wie Nelly Sachs, die zu begreifen versuchten, indem sie es nicht konnten:

“Und Sonne und Mond sind weiter spazierengegangen –
zwei schieläugige Zeugen, die nichts gesehen haben.”

Dieser Aspekt macht dann schließlich auch zu großen Teilen ihre Lyrik aus: das Unbegreifen, ausgedrückt in Himmelskörpern, einfachen Wörtern, sehr großen und dadurch sehr wenigen und gleichsam anspruchsvollen und anspruchslosen Metaphern. In ihrer zerrissenen, geebneten Dynamik erschafft diese Sprache eine ruhelose Atmosphäre der Stille, des Gedenkens und des Verlassenseins, des Stillstands und der Drehung aller Welten, die das Phänomen des Todes in so großer Vielzahl zusammenballte und nur Staub zurückließ.

“O ihr Finger,
Die ihr den Sand aus Totenschuhen leertet
Morgen schon werdet ihr Staub sein
in den Schuhen Kommender!”

Nelly Sachs Lyrik ist eine ungebundene. Wie eine Flagge im Wind, mit nur einigen, sich wiederholenden Angelpunkten, wie Wind und Staub und Sturm untertan. Mit einem leicht-schweren Tanz zwischen Metaphorik und Ausdruck, hat sie eigentlich nur an vier oder fünf großen, endlosen Gedichten geschrieben; kaum einer ihrer Texte trägt einen Titel und man kann die einzelnen Stücke jeweils als ein Ausschnitt, ein neues Ansetzen, eine fragmentarische Idee ihres Gesamtstrebens sehen. So besteht die Stärke und Kraft ihrer Lyrik auch weniger aus Gedichten, als aus Zeilen, Ausschnitten, unvergesslichen Bildern und Akzenten.

“denn das Schicksal
hat das Rad der Zeit
vermummt –
hebt sich
an seinen Atemzügen.
[‘]
schwarz flaggen die Schornsteine
das Grab der Luft.”

“Wie leicht
wird Erde sein
nur eine Wolke Abendliebe
wenn schwarzgeheizt Rache
vom Todesengel magnetisch
anzgezogen
an seinem Schneerock
kalt und still verendet.”

Vielleicht stammt die beste Definition des Eindrucks und der Wirkung ihrer Dichtung unbeabsichtigt von ihr selbst:

“Minute,
darin das Weltall
seine unlesbaren Wurzeln schlägt”

Nelly Sachs ist weder eine kryptische, intellegible, noch eine Dichtern des vollendeten Bildes. Sie ist eine Dichterin der Schemen, eine Sammlerin der Metaphern, der Mythologie ihres Alptraums. Es kann manchmal harter Tobak sein sie zu lesen, und manchmal kann es mythisch-erhebend, unergründlich und wie ein Weltall weit und unbegehbar sein. Doch auf jeden Fall ist die Lektüre in manchen Momenten eine Stille, die das Wort Demut in eine verhaltene Form von Wahrheit legt, die einfachste und doch größte, die man aus Staub und Wind bauen kann.

“Frieden
du großes Augenlid
das alle Unruhe verschließt
mit deinem himmlichen Wimpernkranz

Du leiseste aller Geburten.”