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Zu Eliot Weinbergers “Vogelgeister”


Vogelgeister Blau ist ein Klang.

Amy Beach sagte, ein as sei blau. Rimsky-Korsakov sagte, ein eis ist blau. Franz Liszt, der 1842 in Weimar probte, flehte das Orchester an, ein wenig mehr Blau zu spielen.

Scriabin sagte, sowohl Ges-Dur als auch ein fis seien strahlend blau, das h normal blau und e himmelblau.

Bis ich dieses Buch in Händen hielt, kannte ich Eliot Weinberger nicht. Ein Freund sah mich damit und sagte: Das ist wirklich was für dich, der ist ein bisschen wie Borges. Pustekuchen, dachte ich. Und: Niemand ist wie Borges. Oh, ich irrte.

Schon das erste, was Eliot Weinberger und Jorges Luis Borges gemeinsam haben, ist die breite Auffassung in Bezug auf Genres. Essays nennt Weinberger die Stücke in “Vogelgeister” (und dem Vorgängerband “Das Wesentliche”), doch sie haben keinen argumentativen, Schlüsse anstrebenden Verlauf, sondern setzen sich zu großen Teilen aus lyrischem, nacherzählendem, aphoristischem und fragmentarischem Text zusammen. Schnell hat mich das Buch tatsächlich an Borges Band “El hacedor” erinnert, ein Buch mit Kurz- und Kürzestprosa und Gedichten voller essayistischer und gedanklicher Sprengsel.

Ähnlich wie Borges hat Weinberger anscheinend ein enzyklopädisches Wissen, fußend auf einer vielfältigen und obsessiven Lektüre. Indien und Asien, der Reiz der fernen und verschollenen Mythologie, der Zauber von Abgeschiedenheit und Sagenumwobenen, sind wiederkehrende Orte und Themen in seinem Werk, wie auch bei Borges. Manche Texte sind Aufzählungen von Gegebenheiten und Aufzeichnungen aus den Chroniken bspw. von China – eine z.B. über einen Mann, der immer Gedichte mit seinem Cousin schrieb, der aber eines Tages nicht kommen konnte und kurz darauf träumt der Mann ein Gedicht:

Frühlingsgras wächst am Ufer des Teichs,
der Garten ist voller singender Vögel.

Hsieh Ling-yün war überzeugt, er habe diese Zeilen mit göttlicher Hilfe geschrieben.

Natürlich unterscheidet Weinberger sich auch in einigen Punkten klar von Borges. Bei ihm verschmelzen Sinnlichkeit und Sinn, Geist und Körperhaftes, Empfinden und Denken noch mehr ineinander, untrennbar verwoben geradezu. Es hat etwas Meditatives seine Auslotungen zu lesen, die von einer großen, übervollen Welt wundersamste Tropfen abschöpfen und sie einzeln in das Gefäß der Aufmerksamkeit fallen lassen. Manche Texte fließen wie die Flussfahrten von denen sie handeln.

Im 10. Jahrhundert wurde in der T’ai-p’ing-Sammlung festgehalten, Chang Cho, ein Student, habe geträumt, dass sein Körper mit Wolken bedeckt war. Es wurde erwähnt, dass er in den Prüfungen den ersten Platz belegte.

Alte albanische Gesetze, eine Aufarbeitung der verschiedenen Mythologien von Adam und Eva, kleine, ungeheuerliche Geschichten, Gesänge und Gedichte: es ist eine regelrechte Pracht, eine geheimnisvolle, die sich hier offenbart. Zeitweise ist es mir fast zu zart, was Weinberger offeriert; so unbekümmert und doch bestimmt wird einem hier das Phantastische und das Weltliche gereicht.

Ein kleiner Schatz, den man lesen sollte, wenn man auf jeder Seite erstaunt werden will, verblüfft bisweilen, unter den Flügelschlägen von Poesie und Mythos. Ein Buch voller Wunder, voller sanfter Archaik, dessen Worte wie Wurzeln sind, die ungeheuer tief hinunterreichen.

Im Nil ist ein Stein, der einer Bohne gleicht. Wenn Hunde ihn sehen, hören sie auf zu bellen.

Tolkiens ganze Meisterschaft – von Tom Shippey in seinem Buch “Tolkien – Autor des Jahrunderts” wunderbar präsentiert


Tolkien als großer Autor des 20. Jahrhunderts? Da gibt es wohl nicht wenige, die Protest einlegen würden. Wie könnte jener Autor, der das Fantasy Genre (mit-)begründete (eine als trivial und unterhaltungsversessen abgestempelte Richtung der Literatur), denn ein großer Autor, ja, ein wahrer Meister seines Faches, der Sprache, der Literatur sein?

Barock und mythenverklärt, infantil und pathetisch, eindimensional, weltfremd und heroisch – es gibt genug Vorwürfe gegen Tolkien und seine Werke. Dass die meisten dieser Vorwürfe einer Unkenntnis des Werkes entspringen, sich lediglich auf Vorurteile oder Medien zweiter Hand (Filme, Nacherzählungen, Zusammenfassungen) stützen, ist das eine; dass aber trotz der Verehrung und Popularität, die Tolkien und seine Werke genießen, für einen Großteil der Leser noch immer nicht ersichtlich und klar ist, dass Tolkien einer der vielschichtigsten, fortgeschrittensten und wegweisensten Autoren seiner und unserer Zeit ist, nicht nur thematisch, sondern erzähltechnisch, allegorisch, metaphysisch, Ambivalenz und sprachliche Schönheit mit Wissen, Transzendenz und Können vereinend, kann man fast nur als unverständlich und muss es als rückständig ansehen.

Dieses Buch kann bei diesem Missstand etwas Abhilfe schaffen. Es zieht einen wirklich in die Materie von Tolkiens künstlerischem Hintergrund, gespeist von seinem Leben und seiner Arbeit mit dem Altenglischen, den Sagen der britischen Inseln, dem Beowulf-Epos, sowie einigen zentralen philosophischen Problematiken, um die seine Werke kreisen: der Ursprung von Gut und Böse, die Willensfreiheit des Individuums im Kontext übergreifender Ereignisse, Fragen der Hoffnung und der Tod und die Ewigkeit. Einem werden die Augen geöffnet inwieweit Der Herr der Ringe und Tolkiens andere Werke nicht nur Geschichten, sondern metaphysische, psychologische und mythische Kosmen sind, die durch ein Gespann von Handlung gezogen und ausgebreitet werden, aber im Kern immer ein metaphorisches und transzendentes Wesen, Bezüge und Konzepte haben.

Es macht außerdem einfach Spaß dieses Buch zu lesen. Über die Einleitung, die sich auch ein bisschen mit Tolkiens Rolle in der Literaturlandschaft des 20. Jahrhunderts beschäftigt, über eine genauere Betrachtung der einzelnen Werke, bis hin zur Analyse einiger grundlegender Motive in seinem Werk wird man bestens unterhalten und belehrt, ganz ohne elitäre Strapazen. Gerade für Leute, die Interesse an Sprache haben, ist dieses Buch eine Goldgrube. Da der Autor selbst Philologe ist gelingt es ihm zu zeigen wie Tolkien einst durch sein Suchen nach den Ursprüngen der Worte zu Namen, Orten und Einfällen (und eigenen Sprachen) für seine Werke kam und führt uns ganz nah heran an die Quellen seiner phantastisch anmutenden Werke, die dadurch nicht weniger phantastisch werden, aber viel ansichtiger, heller, mit einer Balance zwischen Fiktion und Idee. Das macht nicht nur die Werke zugänglicher, sondern bringt auch ihren Autor klarer und menschlicher, als Kontur dahinter, hervor und zu Bewusstsein; wir lernen Tolkien kennen, als Schaffenden und Suchenden, lernen die besondere Beschaffenheit seines Denkens zu verstehen.

Gleichzeitig ermöglicht uns Shippey Einblick in die große Dimension von Tolkiens Leistung. Man ist fast dazu verleitet, sofort sämtliche Werke Tolkiens aufzutreiben und zu studieren, zu lesen – diesem großen Reichtum hinter dem Text nachzugehen, die Shippey uns mit seinen Betrachtungen öffnet und der einen vermuten lässt, dass jede Sprechweise der Charaktere, jede Szene, ein tieferes Postulat, eine größere Gedankenwelt bereit hält.

Nachdem ich das Buch zweimal gelesen habe und es schon wieder lesen will, fasziniert von Sachen, die ich gelesen und schon wieder vergessen habe, die aber Anstoß für weitreichende Überlegungen waren, kann ich nur sagen: dieses Buch ist lesenswert, es ist inspirierend und vor allem sollte es gelesen werden, damit klar wird, was für ein großer Geist hinter den Werken des J. R. R. Tolkien steht.

Zu Tzveta Sofronievas Band in der Edition Hanser: “Landschaften, Ufer”


“Im Meer bei Ithaka, in der Kühle der Wellen,
wo das durchsichtige Wasser jedes Geheimnis offenbart,
wie Blätterteig gefaltete, krustige Felsen,
eine Bibliothek von Epen,
ich esse sie mit den Augen.”

Gedichte (mit Ausnahme von Prosagedichten) sind erst einmal schlicht Texte, die mit abgestimmten und nicht von der Seite vorgegebenen Umbrüchen versehen sind – der Gegensatz zum Fließtext – um eine besondere Dynamik der Betonung und Erfahrung im Lesererlebnis zu ermöglichen. Jede Zeile trägt so genau das Gewicht, welches ihr zugedacht wurde; die Wirkung des ganzen Gedichts bezieht sich zum Teil aus der Art, wie man diese einzelnen Teile aufeinander abstimmt, wie sehr man die Botschaft aufsplittert und wie sehr sie dennoch mit jedem neuen Schritt zusammenwächst. Daraus resultierend ergibt sich erst die Magie und Schönheit von Lyrik; eine Art von unerschöpflicher Mitteilungskraft, mit Epiphanien der Sprache und Annäherungen an die bloßgelegten Stellen unserer Empfindungen.

Gedichte dagegen zu einem Spiel zu machen, einem Spiel aus Sinn und Eigenvorstellungen, Mythos und Systemen, ist eine heikle Sache. Nicht, weil sie künstlerisch nicht wertvoll ist. Sondern weil es die Lyrik in ihrem Erfahrungsraum einschränkt. Sie wird auf eine eher definierte Sprache und auf die Vorstellung ihrer/s Autors/in zurückgeworfen. Sie ist Ausdruck einer einzelnen Ansicht und nicht ein Hinüberlangen zum anderen, keine Suche nach der Gemeinsamkeit, sondern eine Enklave der persönlichen Ideen.

“Der Schnee läuft mir entgegen, stellt Fragen,
begegnet meinem Schweigen.
Der Atem des Schnees ist flüssiger Ich-Stoff
im Labor des Winters.
Die Kälte erwartet mich: Stich-Stoff
durchdringt Haut und Augen.”

Natürlich sollte man diesen Gedichtband nicht über diesen einen Kamm scheren. Schon das Zitat über diesem Abschnitt zeigt, dass Tzveta Sofronieva, geboren in Sofia in Bulgarien, wohnhaft in Berlin (sie schrieb diese Gedichte alle auf Deutsch oder hat sie zumindest selbst übertragen), eine allgemeine Idee sprachlich erschließen kann uns sie auch bildhaft-sinnlich zu verdichten weiß. Die Gefühle sind noch erkenntlich: das Wandern durch den starken, geradezu endlosen Schneefall; die Kälte, das Ich, zusammen, fest untern den Klamotten, mit festem Kern – und doch werden darin auch neue Ideen des Erlebnisses geschildert – oder besser: angewandt; das Gefühl hat sich in der Sprache gehalten und erweitert sich nun von diesem Punkt aus.

Es wäre also falsch zu behaupten, es gäbe diese Momente nicht. Ebenso wie ein paar persönliche Gedichte, welche mit einer einfach geführten Beschwingtheit – fast möchte man sagen Heiterkeit, wäre nicht alles leicht aus dem Licht gewandt und etwas undurchsichtig – daherkommen und ein paar individuell gelungene Momentaufnahmen, Ideen und Bilder enthalten, die letztlich den Band stellenweise zu einer gelungenen und erstaunlichen Erfahrung machen.

“Keiner weiß heute genau, wer wer ist
und ob SMS oder SOS notwendig sind.”

Auf der anderen Seite sind da auch noch die anderen Dichtungen: fast episch, mythologisch, tautologisch und gespickt mit vereinzelten Zitaten, die von altgriesch. Originalstellen bis zu Zeilen von Billy Joel (das es dabei kein Zitatverzeichnis gibt, hat mich sehr geärgert) eine große Bandbreite enthalten.

Diese Gedichte erscheinen wie riesige Parabeln – oft sind sie in Zyklen angeordnet und spielen mit Motiven aus der griech. Mythologie, aber auch mit Thematiken von Hemingway, Joseph Brodsky und Rilke. Wiederum sind diese Texte auch nicht direkt hermetisch oder Nonsens – sie entziehen sich lediglich meinem (vielleicht zu geringen) Verständnishorizont und wirken wie eine Neuerschaffung sprachlicher Perspektiven.

Es ist natürlich eine interessante Frage: Muss man Gedichte verstehen? Gedichte, diese ichstärkste Form der Literatur – hat sie auf diesem Gebiet Narrenfreiheit? Muss es vielleicht sogar eine Literaturgattung geben, in welcher das Eigene schlicht den Vorzug vor der passabelsten Wirkung hat, vor allen Zipfeln und Bannern an Verständnis?
Oder müssen Dichter auch komplex und abgewandt dichten, um gedruckt zu werden, um als neu zu gelten und fleißig interpretiert zu werden? Ist es letztlich nur eine Blende, in der Angst vor zu großer Konkurrenz bei zu leicht sichtbarer Intention? Ja… was ist überhaupt mit der Intention in solchen Dichtungen?
Diese Fragen habe ich mir wieder mal gestellt. Ich will nicht so vermessen sein, sie beantworten zu wollen, noch diesen Gedichtband hier zum Thema eines Widerstreits zu machen – ich räume auch ein, dass ich mich nicht mehr als ein paar Stunden mit ihm beschäftigt habe.
Aber ich frage mich doch, inwieweit persönliche Mythologie und weltliche Erschließung zusammenarbeiten können: bei Dichtern wie Nico Bleutge und Silke Scheuermann gelingt es ja schon irgendwie.

Man hat am Ende das Gefühl: die Autorin hat einmal alles durchprobiert. Ist ja auch gut so: “Wer nur das tut, was er kann, wird ewig nur das eine können”, hat Denis Diderot einst gesagt. Und Dichtung lebt von Vielfalt, von neuen Ideen und Herangehensweisen, von allem, was man selbst am Gedicht, und vor allem an der Form, leisten kann. Das Gefährliche bei einer solchen Breite ist lediglich, dass das Ganze nur als Abglanz auftritt – das überhaupt wenig zurück bleibt.

Höchstwahrscheinlich ist dies ein Band, in den man sich lange vertiefen muss. Eine zentrale Kombinatorik ist manchen Gedichten eigen, nur wenige sind wirklich missglückt. Wer sich gerne einfach ein paar Gedichte durchlesen will, dem würde ich abraten, aber wert tut das heute schon noch. Wer sich mit Dichtung beschäftigen will, wem sie Erfahrung und intellektuelle Herausforderung sind und wer darin auch neue Form der Vermittlung finden will, dem kann man jedoch kaum ein besseres Werk als dieses an Herz legen. Wie immer ist dies meine Sicht, die sich auch aufgrund meiner bisherigen Lektüre-Erfahrungen, auf eine spezielle Art verlagert haben könnte. Also möchte ich schließen mit ein paar Versen, die wirklich universell wunderbar sind und mein Urteil wieder ganz nichtig machen könnten:

“Im Fenster vorn rechts in meinem Abteil
spiegelt sich das linke hintere Bild.
Ich sehe im Kommenden das Entrinnende
völlig überlagert, und es ist als ob das Licht
dieses Spiel mag, unabhängig davon, wo
die Sonne steht und wohin der Zug reist.”