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Mein Gedichtband ist erschienen


Liebe Leser*innen dieses Blogs,

heute schreibe ich hier einen Beitrag, der eine persönliche Herzensangelegenheit meinerseits betrifft. Vor kurzem ist mein Debüt, der Gedichtband “Enterhilfe fürs Universum”, in der edition offenes feld erschienen. Mir ist klar, dass Gedichtbände nicht unbedingt die populärste und beliebste Lektüre sind und ich will hier auch nicht offensiv um Leser*innen werben – freue mich aber natürlich über alle, die sich das Buch einmal anschauen wollen! Ich freue mich auch über Kritik, Nachrichten, Fragen, etc. und natürlich über Weiterempfehlungen!

enterhilfe-furs-universum

ISBN: 978-3743192287

Auf Amazon kann man reinlesen.
Da gibt es auch das E-Book.

Walt Whitmans großartige Grashalme


“Bleibe nur diesen Tag und diese Nacht bei mir, und du
sollst den Ursprung aller Gedichte erfassen!
Du sollst das Gut der Erde und der Sonne haben (Millionen
von Sonnen sind noch übrig),
du sollst die Dinge nicht mehr aus zweiter oder dritter
Hand nehmen, auch nicht durch die Augen der
Toten sehen und dich nicht nähren von den
Gespenstern in Büchern;
Du sollst auch nicht mit meinen Augen sehen, noch die
Dinge von mir empfangen,
Du sollst Horchen nach allen Seiten und sie alle durch dich selbst filtrieren!”

Ein Freund von mir (danke Holger!) brachte mich dazu noch einmal nach langer Zeit zu diesem Werk zu greifen.

Borges meinte einmal, dass jeder große Schriftsteller ein Symbol geprägt habe und auch prägen müsse, weil es ansonsten ganz unerheblich sei, ob er gut schriebe oder nicht, er würde dann die Zeit nicht überdauern: Kafkas Labyrinthe; Cervantes Gestalt Don Quijote, mitsamt Gefährte Sancho Pansa und den Windmühlen; Melvilles weißer Wal Moby Dick. Doch Borges nennt stets auch ein Ausnahme: Wald Whitman, der kein Symbol geprägt habe (außer vielleicht das Bild der Grashalme), sondern selbst zu einem geworden sei.

“Ochsen, die ihr mit dem Joch und der Kette rasselt oder
unter schattigem Blätterdach haltet, was ist es, das
ihr in euren Augen ausdrückt?
Es scheint mir weit mehr als alles Gedruckte, das ich in
meinem Leben gelesen.”

Whitman ist ein Rufer des Lebens. Dies, was uns durchpulst, unser Maß, doch aus der Aufmerksamkeit geputzt, oft verbannt aus unserer Mitte, benutzt, analysiert, systematisiert und verbogen, will er uns wieder nahebringen. “Das Alles” ruft er uns aus seinen Zeilen zu, ist das Leben, alles was an Wunderbarem zu greifen ist, in unser Nähe geschieht, jedes noch so kleine Wunder, das uns kurz umgibt, jede noch so einfache oder schwierige Tätigkeit, jeder Name, jede Periode unseres Lebens und der Ewigkeit. Whitman steht außerhalb jeder literarischen Tradition, weil er in der Tradition des Lebens wandelt.

“Alle Wahrheiten harren in allen Dingen,
sie haben’s nicht eilig mit ihrer Befreiung, noch
widerstehen sie ihr,
Sie bedürfen nicht der Zange des Geburtenhelfers.
Das Unbedeutende ist mir so wichtig wie irgendetwas.
(Was ist weniger oder was ist mehr als eine Berührung?)”

Die Grashalme sind Musik, sind Hymne, aber auch philosophischer Sturm, in dessen Wind das Flüstern der kleinen Wahrheiten und die große Potenz der Wirklichkeit an unser Ohr schwebt: “Die Uhr zeigt die Minute – aber was zeigt die Ewigkeit?”
Pathos ist bei solchen Gesängen ja eigentlich schwer zu umgehen; aber, o Wunder, gerade das würde man nie über die Grashalme sagen, dass sie pathetisch seien, zu sehr erkennt man sich selbst in der einen oder anderen Liebe, in dem ein oder anderen Halm. Es bleibt das Gefühl einer natürlichen, nie zu schnellen, nie zu langsamen Bewegung, die immer in die eigene Erweckung schreitet, hierhin zeigt, dies aufdeckt, jenes nacherzählt.

“Meinst du, ich möchte Erstaunen erregen?
Erregt denn das Tageslicht Erstaunen? Oder der
frühmuntere Rotschwanz, der durch die Wälder
zwitschert?
Errege ich mehr Erstaunen als diese?”

Die von mir zuletzt gelesene Ausgabe beim Anaconda Verlag umfasst einige Gedichte aus den “Trommelschlägen” (dies Impressionen aus den Jahren des Bürgerkriegs, z.B. ein in Worten gemaltes Bild von Kavallerie, die ein Furt durchquert); dann, über 60 Seiten, also ein Drittel des Buches, einen Ausschnitt aus dem gewaltigen “Gesang von mir”, einem Text, halb Gesang, halb Erzählung, voller Ansichten und Verherrlichungen, voller Schönheit und immer wieder sinnlich-geistreich; des Weiteren noch viele andere, auch kleine Gedichte, meist ein-zwei Seiten lang, aus dem Spätwerk, die meist neben dem “Gesang von mir” entstanden.

“Hier oder fortan, mir ist es gleich, ich vertraue der Zeit unbedingt.
Sie allein ist ohne Unterbrechung, sie allein rundet und
vollendet alles,
Dies Mystisch verwirrende Wunder allein vollendet alles.”

Vielleicht ist dies die letzte Botschaft Whitmans: Alles vollendet sich von selbst, es hat keinen Sinn Krieg zu führen, zu hetzten, sich von irgendetwas auffressen zu lassen. Letztendlich geht das Leben seine Wege und man sollte ihnen folgen, man sollte sein Glück machen, die Augenblicke haben – seine Stimme flüstert: Das Leben ist dies alles, was versuchte außerhalb zu sein, sich davor zu retten, sich darin zu verstecken, es gibt nur dies und das ist das Großartige! Es gibt die Welt, die Welt als das Ding, dass sie ist, Geheimnis ist sie und doch so wach, so wach ist das Geheimnis, das sollten wir erkennen: und wir gehören dazu.

“Seht ihr, o meine Brüder und Schwestern?
Es ist nicht Chaos oder Tod, es ist Form, Einheit,
Bestimmung, ist ewiges Leben – ist Glückseligkeit.”

Cendrars, der reisende Magier und seine gesammelten Gedichte


“Der Himmel gleicht dem zerrissenen Zelt eines Wanderzirkus in einem kleinen Fischerdorf
In Flandern
Die Sonne ist eine rauchige Funzel
Und hoch oben am Trapez macht eine Frau den Mond.”

Er war überall und nirgends; er verlor seinen einen Arm im ersten Weltkrieg und schrieb mit seinem gesunden noch über ein Dutzend Bücher und Publikationen, er war ein Reisender und doch ein Innehaltender, ein Poet und doch ein Phantast, der allein die Welt dort für real hielt, wo sie etwas Einzigartiges offenbarte, an Farben, Fauna oder Lebensart. Er schrieb Romane und war doch eigentlich ein Dichter, er erweiterte und stutzte das Gedicht gleichermaßen und gehört wohl zu den formbewusstesten und formlosesten Lyrikern aller Zeiten. Sein Name: Frédéric Sauser, alias Blaise Cendrars.

“Die Fenster meiner Poesie sind weit geöffnet zur Straße und in ihren Scheiben
Leuchten
Die Juwelen des Lichts
Hörst du die Geigenkonzerte der Limousinen und die Xylophone der Druckmaschinen
Der Maler macht sich sauber im Handtuch des Himmels
Farbflecken überall
Und die Hüte der Frauen, die vorbeigehen, sind Kometen im Feuerschein des Abends”

Dank sei dem Lenos Verlag, dass sie eine so umfangreiche und umfassend kommentierte deutschsprachige Ausgabe der Gedichte herausgebracht haben. Mit beinahe hundert Seiten Anhang inkl. Kommentaren und Anmerkungen, sowie Einführungen zu allen einzelnen Gedichtbänden und einem großzügigen Lebenslauf könnte dieser Band schon fast als Standard für alle ehrgeizigen Werkzusammenfassungen weltweit herhalten. Dieser ungewöhnliche Geselle hat dies alles aber auch verdient.

“Ich will, dass die Wirklichkeit mir wie ein Traum vorkommt, will leben in einer Welt von Traumbildern.”
[…]
“Unter den Fingernägeln habe ich Musik”
[…]
“Im Zimmer nebenan, hinter der Türe wartet
Ein trauriges und stummes Wesen, wartet, dass ich’s rufe!
Du bist es, es ist Gott, ich selber bin’s – das Ewige.”

Aufmerksam geworden bin auf Cendrars durch eines meiner Lieblingsbücher, Philippe Djians In der Kreide, indem dieser Cendrars als einen seiner zehn großen Einflüsse beschreibt. Entsprechend ist Cendrars auch, wie viele andere Autoren in Djians Buch, ein Schriftsteller, der auf vielen Ebenen, stilistisch und formal, ungestüm ist, Grenzen sprengen will und seine eigene Vorstellung von der Beschaffenheit der Literatur erschaffen hat.

“Nach Japan können wir nicht
Komm mit nach Mexiko!
Auf den Hochebenen blüht der Tulpenbaum
Und die Schlingpflanzen sind das Haar der Sonne
Der Palette und dem Pinsel eines Malers scheint alles entsprungen
Farben, ohrenbetäubend wie Gongs”

Cendrars hielt es selten an einem Ort und so bereiste er schon früh die Welt. Er riss von zu Hause aus, war in Russland, gelangte in Paris vor dem 1. Weltkrieg in Literatenzirkel, war neben Apollinaire (mit dem er befreundet war, so wie mit vielen anderen z.B. Cocteau) einer der wichtigsten Dichter dieser kurzen Epoche, sagte sich dann vom Surrealismus und Symbolismus los, dem er nie wirklich angehört hatte und reiste nach dem Krieg, in dem er seinen rechten Arm verlor, nach Brasilien und Amerika und hielt seine Reiseeindrücke und -Phantasien in seinen knappen “Reiseblättern” fest.

“Der Frühling in Kanada hat eine Frische und Kraft wie sonst in keinem Land der Welt
Aus der dicken Schneedecke, aus dem Eis
Spiresst plötzlich
Fruchtbare Natur
Ganze Büschel von violetten, weißen, blauen, rosaroten Veilchen
Orchideen, Sonnenblumen, Tigerlilien
In den ehrwürdigen Avenuen mit ihren Ahornbäumen, dunklen Eschen und Birken
Fliegen und Singen die Vögel
Im Unterholz voller Knospen und zarter Triebe
Lakritzenfarbiges Sonnenlicht”

Man kann es sehen das Licht, man geht unter den Ahornbäumen längs – Cendrars hat wie kein anderer Wirklichkeit mit Phantasiefarben zusammengebracht und daraus das Erleben des Reisens, durch Natur und der Atmosphäre, nachgebildet. Fast alle seine Gedichte aus Brasilien oder von sonst woher, auf See, aus Afrika, haben diese innehaltende und gleichzeitig flüchtige Impression, diese unhaltbare, aber bewahrte Glück eines Fast-Eingehens in die Umgebung, eines Lebensmoments. Mit seiner Sprache blieb er sparsam und doch war ein Magier, mehr im Leben wohl, doch dann und wann packte ihn auch im Gedicht ein Hang zur ungewöhnlichsten Kreation. Zeilen, verquer und gleichsam genial – denen Cendrars eigene Wahrheit innewohnt.

“Ich kenne über 120000 Briefmarken, die mehr Spaß machen als die Schinken im Louvre”

Wenn man Dichter empfiehlt ist man immer ein bisschen in der Verlegenheit, weil man eigentlich ihre besten Zeilen zitieren müsste, um alle völlig mitzureißen und dennoch muss man den Leuten ja einen Eindruck vom Gesamtkonzept der Dichtung geben.
Viele der Zeilen die ich hier zitiere, machen sich natürlich besser, wenn sie einen mitten im Gedicht treffen, aber ich hoffe sie vermitteln etwas von der Leichtigkeit und Unberechenbarkeit von Cendrars Sprache und ihrem eigenwilligen Charme, ohne dabei zu verhehlen dass es die Lichtblitze in einer ansonsten sehr gelassenen und vor allem Eindrücke vermittelnden Dichtung sind, die sich auch wegen der vielen Arten von Ausdruck, in denen Cendrars sich versuchte, nicht wirklich auf ein Merkmal fokussieren lässt, auch wenn seine Reisebeschreibungen den größeren Teil seiner Schriften ausmachen und viele andere Werke mehr wie eine Laune, eine Phase wirken.

“Sie strahlt Lebhaftigkeit aus, Offenheit in ihren Gesten und Bewegungen
Der junge Blick eines bezaubernden Tiers
Ihre Wissenschaft: Die Grammatik des Gehens
Sie schwimmt wie man einen Roman von 400 Seiten schreibt
Unermüdlich
Stolz
Ungezwungen”

Nie oder ganz selten habe ich jemanden so klar und rein über Frauen schreiben sehen, ohne einen dunklen Hauch von Frivolität, höchstens einen hellen. Ganz ein Staunender, dem schon das blaue Meer in der Wärme der Sonne als Wunder und Offenbarung erscheint, nähert sich Cendrars beinahe jedem Thema, sofern er nicht seine leicht lakonisch-satirischen Einsprengsel von der Leine lässt oder den Überschwang in die Realität seiner Empfindungen einlädt.

“Eine Seerose auf der Seine, es ist in der Strömung der Mond.
Die Milchstraße spielt am Himmel verrückt vor Freude
und schließt Paris
nackt und wahnwitzig in die Arme, kopfüber saugt sich ihr Mund an Notre Dame fest.”

Er ist einzigartig dieser Dichter, er, der nie zur Ruhe kam, und dessen Gedichte doch eine gewisse Ruhe waren, ein Magier, der seine Ausführungen über eine tropische, leise Nacht in einem einfachen Satz ausklingen lässt, der, noch mal, alles heißt:

“Die Sterne schmelzen wie Zucker”

Zu “Apfel und Amsel” von Jürgen Nendza – So werden wir von Stille als Natur durchleuchtet…


“Wir betreten Regen,
öffnen sein Hemd, die Luft dahinter liegt
wie nackte Haut auf den Zweigen.”

“Moderne Gedichte sind”, klagte einst ein nicht unbedeutender Kritiker, “wie ein Segel ohne Schiff.” Man könnte diese Metapher weiterspinnen: Ist es überhaupt möglich ein solches Segel zu setzten? Und wenn das Gedicht es dennoch schafft – wäre das nicht gleichsam ein Wunder, das die inhärente Magie manches Gedichts sehr gut illustrieren würde? Diese schiere Unmöglichkeit einer Darstellung, die sprachlich dennoch gelingt, ein Umweg als die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten

“Eine verirrte Stille, die ist
wie ein Mensch und kreist um die Liebe.”

Ich möchte mich nicht als Experte in Sachen Poesie aufschwingen, auch weil Ich glaube, dass es auf diesem Gebiet keine Experten geben kann. Das ist auch der Grund, warum ich glaube, dass beinahe jede Lyrik (wohlgemerkt jede, die zur Veröffentlichung gelangt oder bei der dies geschehen sollte) wertvoll ist und dass sie zu einem viel häufiger zur Hand genommenen Beispiel einer bewusstseinserweiternden Substanz werden sollte. Wie Joseph Brodsky sagte: “Das Lesen von Lyrik ist ein höchst ökonomische Form geistiger Beschleunigung.” Und ein hoher Anteil der Lyrik auf dem Markt ist nicht einmal wirklich kompliziert, sondern legt die Gewichtung nur viel stärker in die Worte selbst; wie der Raum, der die Zeit krümmt, soll Sprache hier die Vorstellung krümmen – und solange sie dabei nicht völlig egozentrischen Diktionen folgt, ist sie nicht nur lesbar, sondern auch erfahrbar. Man nehme z.B. die Gedichte von Jürgen Nendza.

“Das Licht
bedeutet wir sind wach. Wir stehen auf: Die Zeit ist

unerreichbar zwischen Atemzügen. Und dieses Tasten
nach der Hand, wenn die Sätze sich verlaufen.”

Das Licht, das gleichsam den Morgen, den Anbruch der Wärme ankündigt und doch auch auf alles kalte, leblose, allgemein auf alle Pfeiler der sinnlichen und physischen Welt fällt, ist der Katalysator und Erzähler in fast allen Gedichten von “Apfel und Amsel”. Es schleichen die Sommertage und das unverfänglich Freie von Momenten in lebensfreundlicher Natur darin herum, während im Vordergrund vor allem der ständig wechselnd Eindruck des lyrischen Ichs dominiert, das seine unbewegten Schatten auch auf Erinnertes und Assoziiertes zurückwirft (und trotzdem nie zu einer wirklich persönlichen Lyrik wird, sondern eher eine sehr grundideenhafte Komponente behält). Natürlich geschieht das nicht so profan, wie ich es hier schildere. Wenn man eins sagen kann, dann dass Jürgen Nendza für die oben beschriebene Spielweise genau den richtigen Wortschatz ausgetüftelt hat, der teilweise von der geradezu tautologischen Verwendung einiger weniger Stichworte wie “Stille” (und ihren sprachlichen Verwerfungen und ihrer Kombinatorik), “Licht”, “Luft”, “Reh” u.a. und teilweise von sehr filigranen, fast märchenhaften Bildern lebt, wie z.B.:

“Du kommst herein,
die Hände voller Seen, auf denen Blätter treiben.”

“Dein Lächeln, eine handvoll Reis.”

aber auch Bildentsprechungen, die wir alle kennen, von Waldspaziergängen und Momenten der plötzlichen Gewissheit einer Übereinstimmung mit den stillsten und gleichsam aus sich selbst seienden Teilen der Natur:

“ein Moorloch, in dem
das Sterben glänzt bei schönem Wetter.”

Diese Textauszüge sind hier natürlich dergestalt aus dem Zusammenhang gerissen, das Nendza sie oft als Gegengewicht, als ein quasi dem Gedicht innewohnendes Lächeln oder Zwinkern, Blinzeln etc. verwendet, das seine ansonsten sehr vagen und zirkulierenden, beinahe durchsichtigen Beobachtungen um eine physischere Note ergänzt. Poetisch ist aus diesem Zusammenspiel auf jeden Fall eine große Vielfalt assoziativen Potentials erwachsen, das Nendza fast schon zu oft bestätigt; eine unkognitive, aber sehr zärtliche Ungewissheit, die das Leben wie ein Xylophon mit kindlich geschulter Hand bespielt. Das Summa sumarum dieses Spiels, die lichtintensive Erfahrung einer Ich-Natur, die gleichsam dem Ich und der Natur (also das, was dem durch das Ich gefilterter Beobachtung entspricht, aber eben nicht nur das ist) angehört, ist sehr beeindruckend, wenn auch nicht sehr kontemplativ, sondern illuminativ und begrenzt.

“Wir sind Passanten
im Wort und du beklagst, dass Zeit
in deine Seele eindringt.”

Wenn man von Schönheit in der Poesie redet, dann scheint es meist unumgänglich, dass man beinahe jeder Zärtlichkeit in einem lyrischen Text eine gewisse Schönheit zugesteht. Doch Lyrik gewinnt ihre Schönheit auch elementar aus ihrer eigenen, nicht von 0 auf 100 zu erreichenden Art und Weise, mit Sprache Schritt für Schritt etwas zu erzeugen, wozu die Prosa auch auf tausenden von Seiten nicht in der Lage wäre. Robert Frosts Satz: “Happines makes up in height for what it lacks in length”, kann ebenso gut auf Poesie übertragen werden.

In diesem Sinne sind Jürgen Nendzas Gedichte fabelhafte Lyrik. Seine Gedichte beweisen Schönheit in subtilen Fresken und Augenblicken; sie festzuhalten, gleicht dem Versuch, das Licht reisen zu sehen, nachdem man es angestellt hat oder es versiegen zu sehen, wenn man es ausschaltet – wobei trotzdem noch ein paar der oben genannten Zitate bleiben. Schließlich müssen sich die Augen nach der Lektüre solcher Gedichte erstmal wieder an die Wirklichkeit gewöhnen; aber man bleibt ein wenig erleuchtet.

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