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Die “Moabiter Sonette”, gelesen in der neuen Ausgabe von C.H. Beck


“So wenig in den stoffgebundnen Reichen,
Seit Schöpfertum im Sonnenkreis begann,
Ein Körnchen Staub verlorengehen kann,

So wenig darf ein Seelenhauch entweichen.
Wohin er weht, wenn er dem Leib entflieht –
Die Frage scheut, wer keine Grenze zieht.”

Sonette sind eine Symbiose von Aufgang und Abklang, die dezente Verbindung von 14 Zeilen, denen es in genau dieser Länge gelingt ihre Idee oder ihr Bild zu vollenden. Es ist die vielleicht traditionellste lyrische Form Europas, wie es sich in seinen Traditionen lange Jahre entwickeln konnte bis zwei Weltkriege es in einen (auch kulturellen) Abgrund rissen. Einen Abgrund, der auch heute noch seine Scherben offenbart, die vielfach aufgelesen, aber auch vielfach vergessen werden. Letzte Botschaften dieses alten Europas sind Stefan Zweigs Erinnerungen (Die Welt von Gestern), einige Roman Joseph Roths und Alexander Lernet-Holenias und einige Gedichte von Hermann Hesse, Benn oder Anna Achmatowas.

Albrecht Haushofer, mir vor diesem Buch nur wegen seiner Bekanntschaft mit Annemarie Schwarzenbach ein Begriff, lebte in der Zeit großer Umbrüche, von 1903 bis zu dem Tag, an dem er 1945 von SS-Schergen im zerstörten Berlin hingerichtet wurde. In der Haft in Moabit, wo er seit Herbst 1944 wegen des Verdachts der Mitwisserschaft beim Attentat auf Hitler vom 22. Juli 1944 einsaß, schrieb er den Zyklus aus 80 Sonetten, der als die „Moabiter Sonette“ bekannt wurde.

Eher konservativ eingestellt, weitgereist und in vielen Bereichen begabt und gebildet, hält dieser späte Widerständler darin Eindrücke und Momente seiner Haft fest, aber auch seine Gedanken, die sich sowohl in Selbstzeugnissen und philosophischen Einfassungen niederschlagen, aber auch in Aufbereitungen seiner Erinnerungen und den Themen, Geschichten und Erkenntnissen seines Lebens. So beschäftigen sich ein paar besonders gelungene Sonette mit Personen wie Thomas Morus oder Omar Khajjam.

Gerade in jenen zeigt sich die Stärke des Sonetts, wie es Ebenen von Gedanken, Wissen und Begebenheiten, von lyrischem Timbre und strenger formaler Eleganz, zu etwas verbinden kann, was sich sehr leicht von jedem menschlichen Geist aufnehmen lässt. Allgemein hat der Reim ja eine unterschwellige Übertragungsmöglichkeit, die die Prosa oder der freie Vers, die meist aus offeneren Zusammenhängen bestehen, nicht immer erreichen können. Im Sonett wird diese Art der Erfahrung noch stärker zu einer Einheit verschmolzen – geometrisch gesehen sind Sonette Kreise, bei denen ja theoretisch jeder Punkt auf der Oberfläche gleichweit vom Zentrum entfernt ist. Haushofer macht sich diese “Intensität” zunutze, um jedes seiner Sonette mit eindrücklichen Stimmen zu füllen.

“Von denen, die sich die Wache teilen,
Spielt einer Geige. Manchmal klingt‘s herauf,
Ein harter Griff, ein holpriger Lauf,
Und dennoch lässt es mich im Geist verweilen.
[…]
Musik im Schatten der Gefängniswände.
Von Mozart war die letzte Melodie –
Und Mozart – Nein: Gescholten hätt er nie!”

Weisheit ist schwerer, als sie augenscheinlich anmutet; sie enthält fast nur Botschaften der leichtesten Art und ist gerade deswegen schwer zu erlangen und noch schwerer in eine so strenge Form wie das Sonett zu integrieren, bei dem jede Botschaft an das Konzept der abba Reime gebunden ist und wo traditionell nur die letzten zwei Zeilen für eine klare Perspektive auf alle Elemente des Textes sorgen.

Auch deswegen ist dieser Sonettzyklus Haushofers ein beeindruckendes Werk. Man würde (rein von Form und Vollendung, vom Inhalt abgesehen) meinen diese 80 Texte seien in langen Jahren der asketischen Zurückgezogenheit in einem Landhaus entstanden, unter der ruhigen Hand der Freiheit, vielleicht im Garten über viele Stunden ausgefeilt worden, fast schon glanzvoll in ihrem natürlichen Gefüge.

Szenen wie aus dem Gedicht “Spatzen”, welches die einfache Beobachtung eines Spatzenpaars, das sich vor dem Gitterfenster der Zelle zankt und herumflattert, auf ganz und gar “runde” Weise einfängt und ihm doch, noch im Gedicht, freie Fahr lässt, bleiben einem nachhaltig in Erinnerung, trotzdessen es dem einfachsten Bild entsprungen ist. Einem Bild für das Haushofer ein unnachahmliches metrisches Äquivalent fand, glatt und doch tief, eindrücklich und schlicht.

“Die Wächter die man unsrer Haft gestellt,
sind brave Burschen. Bäuerliches Blut,
herausgerissen aus der Dörfer Hut
in eine fremde, nicht verstandne Welt.”

Auch, last but not least, die Vielschichtigkeit (wie bereits oben erwähnt) hebt diese Sonette über den Rang einer bloßen Haftniederschrift hinaus. Ein tibetisches Geheimnis, eine persische Legende, Parabeln, Geschichten, finden sich hier ebenso wie einige fast schon analytische Gedichte über den Krieg und die Verwerfung, dem großen Niedergang, der an der Kante dieses Zeitalters bereitsteht. Darunter ein grandioses Gedicht über die Gerechtigkeit im Tod am Beispiel Roland Freisslers, zusammen mit Eindrücken von Bombennächten, Flakfeuer und besinnenden Selbstbekenntnissen. Die Haftzeit, die Gedankenkreise eines Häftlings: wie die Summe eines Lebens, welches aus seiner Zelle heraus noch einmal alle Partituren seines Wesens spielt.

“Doch schuldig bin ich. Anders als ihr denkt!
Ich musste früher meine Pflicht erkennen,
Ich musste schärfer Unheil Unheil nennen,
Mein Urteil hab ich viel zu lange gelenkt…”

Am Ende sind diese Sonette vor allem eine großartige Lektüre. Im Bezug zu ihrer Entstehung bergen sie hier und da auch eine (immer zart bleibende) Rührung, aber vor allem sind sie ein Zeugnis für das Überleben von allem, was uns mit der Welt im Guten verbinden kann (Faszination, Heimat, Trost, Erkenntnis), selbst wenn wir in schlechten Zeiten gefangen sind. Zeiten, über die Haushofer, fast schon lakonisch, schrieb:

“Es gibt wohl Zeiten, die der Irrsinn lenkt.
Dann sind’s die besten Köpfe, die man henkt.”

Die Editierung der neuen Ausgabe bei C.H. Beck ist sehr gelungen. Auch das Nachwort, das als eine kleine Biografie Haushofers gelten kann, ist sehr hilfreich und informativ. Namen und Anspielungen werden ebenfalls in einer kleinen Sammlung von Anmerkungen erläutert.

Link zum Buch

Kleine Prosa-Ode auf Zweigs “Schachnovelle”


Jedes Buch kann eine neue Liebe sein, meist eine, die begeistert, aber bald an Intensität verliert und vergessen wird. Doch manche werden zu alten Lieben – es sind die ganz besonderen Bücher, die Schätze, die vielleicht nicht mal einen Ehrenplatz im Regal haben, aber die wir immer wiederfinden, die wir nicht weggeben, bei denen wir immer genau wissen, wo sie stehen. Für mich ist die Schachnovelle so eine seltene alte Liebe. Und obwohl mir das Schachspiel mehr Bewunderung und Faszination als spieltiefentechnisches Begreifen abgewinnt, oder vielleicht gerade deswegen, würde dieses Buch in der Liste meiner liebsten Werke jederzeit auftauchen. Es ist bemerkenswert, schön geschrieben und gleichsam fesselnd, so gekonnt und doch so malerisch einfach. Ein Buch, das man immer wieder lesen kann, wie sonst nur ein heißgeliebtes Gedicht.

Es können oft die letzten Erzählungen eines Schriftstellers sein, die die einfachste und doch wunderbarste Seite seiner Erzählkunst enthüllen. So bei Hemingway (Der alte Mann und das Meer), Kipling (Genau-so Geschichten) und auch in gewissem Sinne bei Kafka (Der Bau) oder Albert Camus (Das Exil und das Reich). So auch bei Stefan Zweig, der viele großartige Erzählungen geschrieben hat (und auch einige schöne Gedichte: siehe Silberne Saiten) die dennoch alle nicht die Schachnovelle erreichen, in ihrer Schlichtheit und Eleganz, ihrer Konsequenz und ihrer symbolischen Geschichte.

Ungern möchte ich hier zu viel von der Handlung dieses Buches vorwegnehmen. Denn ihre Einzigartigkeit liegt auch in der Beschaffenheit des Erlebnisses, das man hat, wenn man die Geschichte zum ersten Mal lesen darf. Es sei aber gesagt, dass Zweig auf höchste eigene, fast schon innovative Weise die Nazidiktatur in sein Buch mit einbindet; jedoch spielt sie nur am Rande spielt eine Gastrolle. Denn eigentlich geht es um Schach und um die Faszination und die ambivalente Anschauung zu diesem Spiel – ist es System, ist es Schulung, Instinkt oder Mathematik? Doch werden darüber keine Reden geschwungen und psychologischen Vorträge geschwungen – Zweig geht direkt auf das Thema zu und lehnt seine meisterhafte Studie zweier Charaktere und ihrer Lebensgeschichten, die am Ende beide Schach als wichtige Komponente innehatten, daran an. Ein kluges Setting ermöglicht es ihm dabei, diese zwei völlig verschiedenen Menschen einander gegenüberzustellen – eingebunden in eine Geschichte, die wahrlich unvergesslich und in sich selbst, in ihrer Idee schon klassisch ist.

Stefan Zweig hat einige Erzählungen verfasst, die in ihrer Psychologie und ihrer beinahe nachzuempfindenden Schilderung und Erzählweise, oft großen Eindruck beim Leser hinterlassen. So die Novelle mit dem bezeichnenden Titel Angst oder natürlich eine der besten Geschichten über die Schwelle zwischen Kindheit und Jugend, zwischen Unschuld und Unwissen, Brennendes Geheimnis. Doch obwohl diese Texte Erkenntnis- und Verständnisblitze durch die Adern des Lesers jagen, sind sie doch nichts im Vergleich zu den beiden unsterblichen Geschichten, die Zweig uns mit Brief einer Unbekannten und diesem Buch geschenkt hat. Klar, wir wollen erfahren werden, lernen und reflektieren, aber eins wollen wir noch mehr: Geschichten lesen. Und so eine ist dieses Buch. Einfach eine runde, vollendete Erzählung – eine Geschichte, wie sie nur im Buche steht. Wie sie erfunden wurde, um gelesen zu werden.

Link zum Buch

*Diese Rezension ist in Teilen bereits auf Amazon.de erschienen

“Das Brandopfer” von Albrecht Goes


“Niemand trägt sein Laster im Gesicht, immer nur das, was man ihm angetan.”                 Franz Werfel

“Geschehenes beschwören: aber zu welchem Ende? Nicht, damit der Hass dauere. Nur ein Zeichen gilt es aufzurichten im Gehorsam gegen das Zeichen der Ewigen, das lautet: -Bis hierher und nicht weiter.-”
Anfang des Erzähltextes

                                                             –

Es hat in Deutschland viele eindrucksvolle Erzähler gegeben, die ihre Prosa weder den aktuellen Hypes der Sprache angepasst, noch sonderliche Modifizierungen an ihr vorgenommen haben und auch mit ihrem Stil nicht unter ihresgleichen zu dominieren versuchten – Erzähler, Romanciers und Novellisten, deren Texte in jeder Zeile schlicht sprechen und die doch im Ganzen eine Art von Vollkommenheit erreichen. Die große Stärke ihrer Werke, liegt oft in ihrer natürlichen, nachvollziehbaren Tiefe.

Albrecht Goes, geboren 1908, gestorben im Jahr 2000, gehörte zu den unscheinbarsten Vertretern dieser Tradition. Er war protestantischer Theologe und ansonsten schriftstellerisch vor allem durch seine Gedichte und die Erzählung “Unruhige Nacht” bekannt.

Ebenso wie jene ist auch “Das Brandopfer” eine Erzählung aus der Zeit des 2. Weltkriegs; diesmal allerdings spielt sie in Deutschland. (Unruhige Nacht spielt unter Soldaten in der Ukraine, und es geht um die Nacht vor einer Hinrichtung.)
Beim Lesen und Folgen der Geschichte bemerkt man, wenn man es nicht weiß, gar nicht, dass ein Theologe sie geschrieben hat – erst im Rückblick mag es einem sehr klar erscheinen, wenn man hört, dass sie auch unter den Gesichtspunkten der religiösen Verständigung und Versöhnung verfasst wurde.

Der Text ist in einfacher, unverfänglicher Sprache geschrieben. Es ist eine Fiktion; aber genauso wie bei Stefan Zweigs sensationeller “Schachnovelle” ist auch hier die Darstellung des nationalsozialistischen Deutschlands, aufgrund des ganz eigenen Blickwinkels, weder unauthentisch, noch spielt es eine wirkliche Rolle wieviel an den Geschehnissen wahr und wieviel sehr gut erfunden ist, weil sie einfach versucht ein glaubwürdiges, menschliches Beispiel mit einem wichtigen, nicht wegzuredenden historischen Kontext zu verbinden.

                                                                      –

Gleichwohl wird die Handlung der Erzählung wie eine Erinnerung/ ein realistisches Bekenntnis aufgezogen. Frau Walker, die Frau eines Fleischers und Vermieterin des Erzählers, eines Professors, ist eine nette und etwas undurchschaubare Person von einem gewissen Zauber. Die Brandnarben in ihrem Gesicht und ihr wacher, leicht fragiler Verstand erregen die Neugier des Mieters, denn er vermutet, vor allem hinter den Narben, eine wichtige Geschichte. Die alte Frau ist bereit zu berichten, nur dann und wann legt sich Pausen ein oder zögert.

“Solange sie schwieg, hörte man die Uhr, die verrinnende Zeit. Zeit: Gnade und Gericht. Schon Gericht. Noch Gnade.”

Frau Walker und ihr Mann betrieben in den ersten Jahren der Hitlerzeit und dann auch im Krieg eine Metzgerei. Die Regierung ordnet 1938 an, dass ihr Laden zwischen 5 und 7 am Freitag den jüdischen Teil der Bevölkerung bedienen soll. So wird die walkerische Metzgerei zum Brennpunkt der neuen Ordnung. Da die Juden sich ansonsten nicht mehr versammeln dürfen, werden dieser Ort und diese Gelegenheit, welche wegen der Sabbatregeln absichtlich auf diese Zeit gelegt wurde, zum Fixpunkt für den Rest der jüdischen Gemeinde. Frau Walker beobachtet, passiv, doch langsam knüpft sie ein zartes Vertrauensband zu ihren besonderen Kunden. Oft kommen SS-Trupps herein und schikanieren diese. Doch mit der Zeit geschieht auch noch Schlimmeres… und dann…

“Wenn das mit dem Kinderwagen nicht dazugekommen wäre, hätte ich’s wohl nicht getan…”

Der Rest der Geschichte sei hier ausgespart. Nur soviel: Es gibt noch eine Verknüpfung zu einer anderen Lebens- und Kriegsgeschichte und natürlich noch ein paar kleinere Stücke innerhalb der Rahmenhandlung. Die ganze Konstruktion der Erzählung ist sehr darauf bedacht, nicht einseitig oder komprimiert zu wirken oder auf etwas Bestimmtes hinauszuwollen und dies gelingt ihr auch vorzüglich. Daher besitzt sie eine ganz eigene innere Schlüssigkeit und Stimmigkeit, eine konsequente Wahrheit in ihrem Verlauf und ihrer Diktion, ihrer Art und ihrer Atmosphäre.

Mich hat sie, nicht allein deswegen, tief berührt. Es gibt einige Stellen in ihr, die fast zum Weinen sind. Und es gibt welche, die spannend sind. Und es gibt welche, die beeindruckend sind.

Auch ohne viel sprachliche Virtuosität kann man hier doch von einer sprachlich wahrhaft gekonnten und schönen Erzählung sprechen; sie weist mehrere Formulierungen auf, die mir so klar und mündig noch nicht begegnet sind und deren Brillanz sich ihrer kleinen, bodenständigen Art nicht zu schämen braucht. Denn so zerbrechen sie nicht die Gesamtheit der Erzählung, sondern sind darin aufzufinden wie etwas aus dem Leben resultierendes.

“Lieber Herr Doktor, Sie sagen nicht: die Frau Walker phantasiert. Ich phantasiere nicht, ich sehe nur. Ich sehe sie vor meiner Auslage stehen, ihrer acht und zehn und zwölf. Frauen und Kinder und Greise, dir jüngeren Männer sind ganz selten geworden, ich lerne ihre Namen, und aus ihren Gesichtern lese ich; ob ich das richtige lese, weiß ich nicht, aber wer lange liest, lernt ja wohl lesen.”

Mitten drin spricht Goes einmal von dem “namenlosen Ernst, mit dem fremdes Leben an eigenes Leben sich lehnt”. Dieser Ernst, er liegt in dieser Geschichte, über allem, und die Geschichte selbst liegt ein wenig (ganz, ganz wenig) in allem, was im Dritten Reich an Verbrechen gegenüber der Menschlichkeit geschehen ist. Sehr ambivalent, präsent und doch vage, dringt das Grauen in die Welt der Metzgerei ein und gerade deshalb bekommt man einen Eindruck von der fatalen Hilflosigkeit, in der sich manch einfacher Mensch damals und noch heute dem Grauen gegenüber wiederfand.

Erich Fried schrieb: “Wenn handeln nicht hilft/ was soll man dann denken?/ Was soll man sprechen?/ Was soll man lassen? Nur eines nicht:/ sollst nicht vergessen.”
Ich halte diese Novelle für eines der wichtigsten Dokumente, dass uns beides lehrt, was im Umgang mit der Vergangenheit wichtig ist: Sie nicht zu vergessen – und stattdessen Menschlichkeit aus ihr zu lernen.

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*diese Rezension ist in Teilen schon auf Amazon.de erschienen