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STILL #5, Literaturzeitschrift in Berlin/New York, besprochen


auf fixpoetry.com

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Zu Sylvia Plaths: Die Glasglocke


  „Ich schloß die Augen.
Es trat eine kurze Stille ein, wie ein Atemanhalten.
Dann kam etwas über mich, packe und schüttelte mich, als ginge die Welt unter. Wii-ii-ii-ii-ii schrillte es durch blau flackerndes Licht, und bei jedem Blitz durchfuhr mich ein gewaltiger Ruck, bis ich glaubte, mir würden die Knochen brechen und das Mark würde mir herausgequetscht wie aus einer zerfaserten Pflanze.
Ich fragte mich, was ich Schreckliches getan hatte.“

So erlebt Sylvia Plaths Protagonistin Esther Greenwood ihre erste Elektroschocktherapie in einer besseren Irrenanstalt. Sie ist vom Leben abgeschnitten und war es schon vorher, als sie noch im Getümmel von New York als Stipendiatin lebte. Schon dort fühlt sie sich wie unter einer Glasglocke gefangen, die in einem eintönigen Leben vor sich hin schaukelt, ohne einen echten, tiefen Ton hervorzubringen. Ehe oder Karriere als Dichterin? Esther ist begabt, sie ist klug und eigentlich auch rebellisch. Aber sie leidet unter den Verunsicherungen, die die moderne Welt für uns alle bereithält, sie leidet an den Fragen und Meinungen, zwischen denen sie aufgerieben wird; sie ist wie der Esel, der zwischen zwei Heuhaufen verhungert, weil er vor dem Fressen herausfinden will, unter welchem Haufen jenes Ding namens Glück liegt.

Sylvia Plaths einziger Roman ist die Geschichte einer fortschreitenden Entfremdung, eines Gefangenseins und des Kampfes dagegen. Die Protagonistin ahnt, dass sie in der Welt und den gesellschaftlichen Konventionen gefangen ist, aber sie ist sich nicht ganz sicher, ob sie nicht doch in ihrer Persönlichkeit, ihrem Körper gefangen ist. Befreiung? Kommt die mit der Liebe, dem Sex, der Selbstverantwortung, dem Zerschlagen der Illusionen, der zynischen Weltsicht, dem Verweigern, dem erhaben sein über die Dinge und Menschen? Esther probiert alles aus, halbherzig meist. Die Rückschläge verstärken die Entfremdung. Es ist, als wäre die Welt nicht für sie gebaut. Oder sie nicht für die Welt. Wo liegt die Dysfunktion: im Apparat oder in dem, der ihn bedient?

„Ich wusste genau, dass die Autos Geräusche machten, auch die Menschen in ihnen und hinter den erleuchteten Fenstern in den Häusern machten Geräusche, und der Fluß machte Geräusche, aber ich konnte nichts hören. Flach wie ein Plakat hing die Welt in meinem Fenster, glitzernd und funkelnd, aber was ihren Nutzen für mich anging, so hätte sie nicht da zu sein brauchen.“

Plaths Roman ist eine schwer zu verdauende Wucht; sprachlich kann er immer wieder mit sehr gelungenen Bildern aufwarten, die oft einen bestimmten Moment (und die Schatten, Gedanken, die er aufwirft) perfekt einfangen. Als Lesende/r ist man wie gefangen in Esthers Gedanken und Versuchen, man wird Teil der um sich kreisenden Psyche.

Und doch: streng genommen fehlt dem Roman etwas: eine Story. Schnell merkt man beim Lesen, dass es der Autorin um die Auslotung und Vervollständigung von Esthers Unsicherheit, ihres Lebensleides, ihres euphorischen Überdrusses ging und nicht darum, eine Geschichte über sie zu erzählen. Das macht das Buch sprachlich nicht weniger eindrucksvoll und die Erfahrungen darin nicht weniger zwingend und in ihren Zuspitzungen epiphanisch und erschreckend. Esther kreist um sich selbst, sie kann gar nichts anderes sein als eine Protagonistin ihres eigenen Kummers, ihrer eigenen Weltgeworfenheit. Denn diese Weltgeworfenheit ist das Thema des Buches und sie ist kaum irgendwo so deutlich geschildert und verdichtet worden.

Obwohl ich selten ein Buch so bewerben würde, es ist tatsächlich die beste Art, seine Bedeutung hervorzuheben: es ist ein Buch, das man gelesen haben sollte. Um Gefühlswelten besser zu verstehen. Um zu begreifen, dass Enge vorherrscht, wo man sie nicht vermutet. Dass Wahnsinn nicht unbedingt im Geist des einen, sondern im Leben der vielen liegen kann. Und Angst zwar etwas Irrationales ist, aber wie einen Unterschied machen, wenn auch die Welt – und was sie für einen bereithält – einem irrational erscheint?

„Mir fiel auch ein, wie Buddy Willard einmal in düster wissendem Ton gesagt hatte, wenn ich erst Kinder hätte, würde ich anders denken, dann würde ich keine Gedichte mehr schreiben wollen. Deshalb überlegte ich mir, dass es vielleicht wahr sei, dass Heiraten und Kinderkriegen wie eine Gehirnwäsche war und dass man nachher nur noch benebelt herumlief, wie ein Sklave in einem totalitären Privatstaat.“

Dichter mit der Virtuosität des Himmels – Einblick in Federico Garcia Lorcas Gedichte in drei Kapiteln


I – Dichtung vom Cante Jondo

“In dem gelben
Turm der Kirche
läutet eine Glocke.

Auf dem gelben
Winde öffnen
sich weit die Glockentöne.

In dem gelben
Turm der Kirche
höret auf die Glocke.

Der Wind macht aus dem Staube
verwehnde Silberbüge.”

Federico Garcia Lorca gehörte zu den bedeutendsten Schriftstellern des 20. Jahrhunderts. Überschattet werden seine beinah universellen Kompetenzen auf den Gebieten des Dramas und der Lyrik (man könnte ihn von ungefähr mit Bertolt Brecht vergleichen, suchte man ein deutsches Äquivalent) jedoch bis heute durch seinen dramatischen Tod (1936, ermordet durch die Guardia Zivil von Franco) und die Fixierung der Nachwelt auf einige wenige Werke – im Drama seine sehr späten sozial-kritischen Stücke, in der Lyrik seine surrealen Exzesse aus Dichter in New York.

Dabei gehört meiner Meinung nach Garcia Lorcas lyrisches Gesamtwerk, von den frühen Romanzen, bis zu den New York-Gedichten, zu den schönsten und innovativsten Poesie-Werken überhaupt. Es ist von magischer Vollkommenheit und verbindet Romantik, Avantgarde und Symbolismus auf ganz eigene, zwischen Melancholie und Erhebung, Glanz und Gloria zerrissene, Weise.

“Die Nacht verdichtet sich wie hundertjähriger Wein. Im Morgengrauen öffnet die große Schlange des Südens ihre Augen, und die Schläfer haben ein unendliches Verlangen…”

“Dichtung von Cante Jondo” gehört zu den frühen Gedichtwerken. Unmittelbarkeit, Minimalismus und manifestierende Metaphern (siehe oben: Hundertjähriger Wein) prägen das ruhige Bild dieser Verse; auch das dieser Rezension vorrangstellte Gedicht wurde von Lorca mit der Anmerkung “im tiefsten Gitarrenbass” versehen.

II – Dichter in New York

“Auf der Terrasse kämpft’ ich mit dem Monde.
Schwärme von Fenstern durchlöcherten einen Schenkel der Nacht.
Aus meinen Augen tranken des Himmels sanft Kühe.
Und an des Broadways Fensterscheiben, grau wie Asche, klopften
die Brisen mit sehr langen Schwingen.”

Viele Facetten hat das Werk „Dichter in New York“ und ich möchte nicht zu weit ausholen, auch wenn es viel zu diesem Werk zu sagen gäbe, da die Verstörung und Begeisterung, die es wie einen Schmetterling, der einen Orkan beschwört, erscheinen lässt, letztlich verraucht, schwer mittelbar ist.

Surreale und paradierende Gänge sind es, die Garcia Lorca, gleich einem rollenden Augenapfel in einem Ungeheuer von Stadt (dem Big apple) niederschreibt, ausufernd und doch immer so nah an einem festen Eindruck, dass surreal schon fast wieder zu einfach gegriffen ist. Es sind Poetisierungen, aber voller Winkel, in denen sich viel wirklicher Schmutz ansammelt und verschmiert.

Der wichtigste Punkt, zu dem Ich hier noch etwas mit einbringen will, ist der der Übersetzung. Wer also gerne inhaltlich beraten werden will, den verweise ich auf die gesetzten Textbeispiele.

“Ich.
Es gibt kein neues Zeitalter, kein neues Licht.
Nur ein azurnes Pferd und einen Morgenanbruch.”

Ich habe “Dichter in New York” in der alten Übertragung von Enrique Becks gelesen (so noch zu finden in der hervorragenden Werkausgabe in drei Bänden und der handlichen Insel-Ausgabe der Gedichte, außerdem natürlich in der Suhrkamp-Bibliothekfassung von Dichter in New York. Da ich des Spanischen nicht mächtig bin, mag meine Stimme wahrscheinlich (zu Recht) kaum Gewicht in dieser Debatte haben, doch möchte ich trotzdem hier einmal leise gegen die Kritik an Becks Übersetzung protestieren.
Schon immer sind Neuübersetzungen großer Werke mit abschätzigen Bemerkungen gegen die alten Übersetzungen einhergegangen. Bei Hemingway, bei Dostojewski, bei Rimbaud, Baudelaire undundnund… vielleicht nicht immer zu Unrecht. Doch man sollte mittlerweile vorsichtig sein, es pauschal zu tun.

“Das Heulen
ist eine lange violette Zunge, welche hinterlässt
Entsetzensameisen und Liliensaft.”

Im Mittelpunkt steht beim Übersetzen/Übertragen immer die gleiche Problematik: Wortgetreu und stil-nah übersetzen oder versuchen Intention und Aussage des Künstlers in die eigene Sprache zu transferieren – was nicht das Gleiche ist, wenn auch manchmal beides geht, ohne eines zu vernachlässigen!

Viele Übersetzer wählen den Mittelweg und fahren gut damit. Wenn der Übersetzer selber ein Dichter ist, wird er zwangsläufig versuchen, die poetische Nuance, das besondere Fluidum des Gedichts zu retten, ganz egal, ob das durch die erste oder zweite Variante geschieht.
Übersetzen ist auch eine eigene Kunstform und fast schon die Schaffung eines neuen Werkes. Deswegen ist es auch bei diesem Genre oft so wichtig zwischen Übertragung und Übersetzung zu unterscheiden. Was Enrique Beck gemacht hat, ist sicherlich eine Übertragung (so steht’s auch in meinem Band), die sich auch noch etwas an seiner Vorstellung von “poetisch” orientiert haben wird, die zugegeben etwas zu sehr an diesem Wort hängen mag und deren heute als zu erhaben angesehene Geste. Aber: zu behaupten die neue Übersetzung sei garantiert mehr im Sinne von Lorca gewesen, dass halte ich für sehr vermessen (die Toten zu rekrutieren ist an sich fragwürdig). Lorca hätte nie auf Deutsch geschrieben, von daher ist es wider dem Sinn, dass irgendeine deutsche Fassung von sich behaupten kann, die einzig getreue Übersetzung zu sein. Übersetzen ist interpretieren. Lyrik ist Spiegel. Zu behaupten in einen Spiegel müsse man so sehen, dass das richtige heraussieht …

Jedoch: Natürlich muss die Übersetzung mit der Zeit gehen und neue Übersetzungen will ich daher auch nicht hinter die alten stellen, ganz im Gegenteil. Solange aber Becks Dichtungen mir das Gefühl geben, die Schreie zu bemerken und die Klagen dieses Werkes zu verstehen, kann ich sie nicht als unzureichend oder ungemäß ansehen – und ob die nüchterne, neue Version jetzt so sehr der spanischen Sprachwirksamkeit entgegenkommt, wo die deutsche Sprache eine ganz andere hat, will ich auch noch mal still bezweifeln.

“Gleich sah man, dass der Mond
ein Pferdeschädel und die Luft
ein dunkler Apfel war.”

“Die Nacht hat’ einen Spalt
und ruhige Salamander, elfenbeinern.
Es trugen die amerikanischen Mädchen
Kinder im Bauch und Münzen…”

Soviel zu der Übersetzung. Hiernach kann ich nur noch mal sagen, dass, ganz egal in welcher Übersetzung, dieses Buch eine surreale, kantige, buntblutige Freude ist, die man sich nicht entgehen lassen sollte. Sie ist die Krönung eines großen dichterischen Werkes und als solche schon von unermesslichem Reichtum, aber durch ihre unnachahmliche Kraft und Schönheit, weiß sie das auch jedem einzugeben.

“Ich strauchle schwankend durch die harte, feste Ewigkeit
und Liebe endlich ohne Morgengrauen. Liebe. Sichtbare Liebe!”

“und wer den Tod da fürchtet, trägt ihn auf den Schultern”

III – Diwan des Tamarit

“Niemand hatte je den Duft erfahren
von deines Bauches dunkler Magnolie.
Niemand wusste, dass ein Liebeskolibri
du zwischen deinen Zähnen hast gemartert.”

Die letzten Dichtungen Federico Garcia Lorcas weisen ihn noch einmal als einen großen Sprachmagier und elementaren Dichter aus. Bedrückende Verse, doch voller Schönheit.

Diwan des Tamarit musste postum veröffentlicht werden, ebenso wie die über Jahre nicht vollendeten Sonette der dunklen Liebe, zu denen der Diwan quasi gehört.

“Tausend kleine Perserpferdchen schliefen
auf dem Mondesplatz deiner Stirne.
während ich vier Nächte deine Hüften,
Feindinnen des Schnees, umschlungen habe.”

Unerklärliche Trauer, Lust und nahe Dunkelheit – der Einband in Lila und Schwarz von Suhrkamp wirft es voraus – sind die zentralen Themen dieser Gesänge und Betrachtungen, die scheinbar von Lorca teilweise nach altindischer Form geplant waren; zumindest tragen einige der Werke Titel wie “Gasel von der unvermuteten Liebe” oder “Kasside von der Wehklage”, beides altindische Gedichtformen.

“Ich habe meinen Balkon geschlossen,
weil ich nicht hören will die Klage,
doch hinter dem grauen Gemäuer
hört man nichts anderes als die Klage.”

Lorca lyrisches Gesamtwerk ist beeindruckend, aber wie bei Brecht und seinen Buckower Elegien, ist dies letzte Werk auch bei Lorca, dieser letzte Federstrich, das Anrührenste unter allen, obwohl die Thematik manchmal eher abgründig und abweisend wirken kann. Sprachlich ist dies Werk jedoch so vollkommen, so mündend wie ein Fluss, dass vielleicht der Inhalt sogar letztlich zurückstehen muss, hinter so viel unbedachter Schönheit.

“Ich will, dass das Wasser bleibt ohne Flussbett.
Ich will, dass der Wind bleibt ohne Täler.”

“Nick & Norah” – eine Reise durch Nacht und Musik


“We all start as strangers.”

Musik und Liebe haben etwas gemeinsam: man kann nur sehr schwer Worte finden, um sie lang und ausführlich zu beschreiben. Oft steckt die Wahrhaftigkeit dieser beiden Phänomene in einem kurzen Satz, einem Wort und noch häufiger einfach in ihnen selbst, als eine Wahrheit, die sie mittragen, ohne sie dir auszuhändigen; sie verbleibt dort, unauslotbar, eine Erscheinung der Wirklichkeit, die zwar wirkt, aber nicht bleibt – dem Kopf nicht zu vermitteln.

Jeder neue Liebesroman ist auch ein neuer Versuch, jene ganz spezielle Wahrheit einer Liebegeschichte zu beschreiben; jede Zeile, die man über Musik jeglicher Art schreibt, ist ein neuer Tanz auf dünnem Eis, fast genauso, als würde man versuchen, Musik zu genießen, in dem man sie kognitiv während des Hörens aufbricht, zu erschließen und in die richtigen Kanäle zu leiten versucht.

Aber nur fast… denn in der Sprache kann es noch gelingen, das man mit einem Mal, für einen Lese-Schritt, für eine Zeile, wirklich weiß, was der Autor meint – diese eine Zeile reißt einen dann mit, über weitere 10, 20, 30 weitere Sätze. Und man liest sich selbst die eignen Sehnsüchte, Gedanken und Erinnerungen von der Seele – und erschließt sich dabei ein Stück von den Weisheiten des Lebens. Auf denen mag stehen: Vorsicht – flüchtig. Aber selbst das was flüchtig ist, kann einem der Moment, in dem man liest und liest und erkennt, nicht nehmen.

“Die Seele hat ihr eigenes Ohr und manchmal ist die Erinnerung der gnadenloseste DJ aller Zeiten”

Alle meine Rezensionen zu Büchern sind nicht nur Empfehlungen und Besprechungen, sondern auch Meditationen zu den Themen, dem Tempo, der Sprache, der Botschaft eines Werkes. Als solche können die oberen beiden Abschnitte gelesen werden. Nun eine etwas sachlichere Ergänzung.

Wegen seiner unkonventionelle Erzählungen einer Liebesgeschichte in Das Wörterbuch der Liebenden, die mir sehr gut gefallen hat, war mir David Levithan schon ein Begriff – zusätzlich noch, weil er ja auch ein Buch zusammen mit John Green geschrieben hat, dessen Werke ich ebenfalls sehr schätze. Ich lese immer mal wieder gerne Jugendbücher – warum, diese Frage habe ich in meiner Rezension zu Die erste Liebe nach 19 vergeblichen Versuchen auf Amazon.de beantwortet; trotzdem sei hier erneut gesagt, dass ich glaube, dass Jugendbücher Erfahrungen bereithalten, die wir über unser ganzes Leben nicht vergessen sollten.

“und da hab ich mich nur noch wie eine Feuerwerksrakete gefühlt.”

In zwanzig Kapiteln (die ungeraden gehören Nick, in den geraden erzählt Norah, immer abwechselnd) begleiten wir die zwei durch die Nacht und die Clubs von New York City. Worum es geht, ist von Anfang an klar: es geht um die Liebe und um die Musik – und darum, dass man sich in beiden verlieren, aber auch finden kann. Beides leichter gesagt als getan, unentwegt passiert das eine wie das andere, scheinbar ohne, dass wir etwas daran tun können; schließlich sind wir, wer wir sind, die Musik ist, was sie ist. Das Leben ist, was es ist.

Manches kann man teilen, das andere nicht. Manches ist kompliziert, manches einfach – und manches, manches ist schöner als man glauben kann und manches gelingt nie, obwohl es anderen gelingt.

Und darum geht es doch, in der Musik und in der Liebe: um das, was den Glauben übersteigt. Es geht nicht darum “Wissen” zu werden oder “Gewissheit”. Eher darum etwas zu befühlen und zu erfahren, wie es sich anfühlt.

Auf dem Weg zu ein paar kleinen Erkenntnissen, reisen Norah und Nick durch die Nacht. Sie kommen sich näher, entfremden sich, lachen und reden, hören Musik, erleben und spüren, denken und erzählen. Der Rest: den muss man Lesen. Denn soviel sei gesagt: Auch sprachlich hat dieser kleine Roman den einen oder anderen genialen Riff drauf.

“Ich schaue nach oben, versuche, hinter dem Wolkenkratzer ein Stück vom Nachthimmel und am Nachthimmel einen schimmernden Stern zu entdecken, und als mir das nicht gelingt, schließe ich die Augen und versuche, mir auf meine Augenlider selbst einen Stern zu zaubern, und ich bin froh, dass Norah in diesem Moment Augenblick nicht meine Gedanken lesen kann, denn ich bin mir nicht sicher, ob ich will, dass irgendjemand von mir solche Sachen weiß.”

Warum wir lesen? Ich glaube, ich werde diese Frage nie beantworten können, während ich vor diesem Bildschirm sitze, oder während ich mit anderen irgendwo zusammensitze – und wenn, dann nur unzureichend. Ich könnte es immer nur sagen, wenn ich gerade vor einem richtig tollen Buch sitze. Doch dort bin ich mit mir allein und das ist gut so. Denn im Lesen geschieht mehr, als die Sprache wieder herausklauben könnte. Andeuten, ja das kann man und ich hoffe, dass die Andeutung ankommt, wenn ich abschließend sage, dass ich Nick & Norah für einen lesenswerten Jugendroman halte – kein Meisterwerk, aber eine kurzweilige Fuge in meinen Leseerfahrungen, die ich nicht missen möchte. “Atemlos”, nannte ein anderer Rezensent das Buch. Dem kann man zustimmen, auch wenn nicht das ganze Buch dieser Idee folgt. Es gibt auch sehr ruhige Stellen und ein paar die wiederum zum Schießen sind. Es gibt Stellen, wo alles Musik ist und dann wieder welche, wo alles fast süßlich ist, dann wieder kommt die Melancholie, dann die Zurückgezogenheit, dann der Überschwang, dann gehen die beiden Protagonisten wieder in einen filmreifen Schlagabtausch. Und das ist letztlich die Besonderheit des Buches, dass es einen die Intensität von Gefühlen in der Nacht nachempfinden lässt, auch von Enttäuschung oder Liebeswunsch oder simpler Freude am Gespräch – dass es seinen Ton, seine Windungen, sein Tempo sehr gut nach der Erzählung richtet, nach der Stimmung, die die Geschichte gerade betritt – einen wirklich durch diese Nacht, mit allen Höhen und Tiefen trägt. Diese eine Nacht. Was will man mehr?

Zum Schluss drehen wir die sprachliche Musik dieses Buches noch mal voll auf und lassen sie für sich selbst sprechen:

“Mein Herz schlägt schneller. Ich bin. Hier und jetzt. Ich bin. In der Zukunft. Ich umarme sie. Wir sind. Und wollen, fühlen, begehren, wissen, hoffen, alles wird eins. Wir sind die, die das Ding, das alle Musik nennen, mit dem Ding, das alle Zeit nennen, zusammenbringen. Wir sind das Ticken, wir sind das Pulsieren, wir sind die, die in diesem Augenblick alles vorantreiben. Es gibt nur uns in diesem Augenblick. Für eine Ewigkeit. Kein Publikum. Keine Instrumente. Nur unsere Körper, unsere Gedanken, unser Flüstern, unsere Blicke. Das ist die Musik, die größer ist als alles.”

Link zum Buch

*diese Rezension ist bereits auf Amazon.de erschienen

Ein Film ohne wirkliche Grenzen – ein Kultwerk, ein Meisterstück: Jim Jarmuschs “Night on Earth”…


Manche Filme sind einfach besonders, man kann es Ihnen nicht absprechen, nur auslegen kann man es, sowohl für, als auch gegen sie. In Jim Jarmuschs Ceuvre gibt es einige Filme, auf die diese Art des Anspruchs zutrifft, aber keiner ist so einzigartig anders und doch so wunderbar klassisch genial wie “Night on Earth”, der Film über fünf skurrile Taxifahrten in einer Nacht, rund um die Welt.

Blinde, Verrückte, Narren und Glücksuchende verstecken sich in diesem Film auf engstem Raum, auf der Vorder- und Rückbank eines Wagens. 5mal wird die Uhr rund um die Welt zurückgestellt und es geht in einer weiteren Stadt, von Abends in Los Angeles bis Frühmorgens in Helsinki. Das Taxi als Ort der zwei Meinungen, die aufeinanderprallen, der Begegnungen, der Beichte, der Geschichten – und das mitten in der Nacht, diese andere Seite der Welt, in der jeder noch mehr auf sich selbst zurückgeworfen ist. Mit diesen Werkzeugen erzeugt Jarmusch Stimmungen, Humor und Gefühl, schafft Innerstes, Berührendes und Amüsantes. Von all dem hat der Film viel zu bieten und doch bleibt er seiner Außenseiterrolle treu, so bestimmend und klar, als wäre der ganze Reigen der vorgeführt wird, eben nur eine Nacht auf der Erde – nichts weiter.

Allgemein ein Fan von bestimmten Schauspielern zu sein ist die eine Sache, aber manchmal wünscht man sich auch, dass ein ganz bestimmter Darsteller doch nur noch eine Szene lang, ein paar Minuten länger, diese eine Rolle verkörpern möge; am liebsten noch etliche Stunden lang, wenn es möglich wäre. Jarmusch hatte für die Rollen in seinen Filmen schon immer einen sehr guten Blick für Darsteller (man denke nur an Forest Whitacker in “Ghost Dog” oder Bill Murray in “Broken Flowers” undundund) und ich würde viel dafür geben noch eine Taxifahrt lang Winona Ryders ständig Zigaretten anzündendes Streetgirl zu erleben und ebenso viel für noch mehr Sünden aus dem Munde von Roberto Benigni.
Und es gibt auch Momente in diesem Film, wegen denen ich sehr froh bin, dass er nicht endlos weitergeht, weil man sich dann diese Stellen immer wieder ansehen kann – sei es der Moment in dem Winona Ryder davon spricht, dass sie auf jeden Fall eine Familie will, mit einer Klarheit, die die Naivität um eine Haaresbreite überflügelt (das wirkt so authentisch wie selten etwas) oder der erste Moment, wenn Armin Mueller Stahls Taxi huckelnd und zuckelnd herankommt; oder auch die herrliche, ungeschliffene Melancholie am Ende derselben Episode.

Man kann nicht sagen, dass Night on Earth etwas für jeden ist. Aber irgendwie hat dieser Film doch etwas omipräsentes, wahrhaftiges, in seiner ganzen unverstellten Schlichtheit und Größe. Jeder, der sich etwas aus Filmen macht, sollte ihn daher einmal gesehen haben. Er wird ihn vermutlich nicht mehr aus dem Kopf bekommen. Und irgendwann, wenn es mal wieder lange her ist, kann er ihn einlegen, mitten in der Nacht und es ist einer dieser Augenblicke, wo man für alles dankbar ist, was einmal so schön und gut komponiert wurde…

Link zum Film: http://www.amazon.de/Night-Earth-Jim-Jarmusch/dp/3866150296/ref=cm_cr_pr_pb_t

*Diese Rezension ist bereits teilweise auf Amazon.de erschienen

Beziehungen und Chancen am Rande von Leben und Existenz… Ein paar Zeilen zu dem Film “Kids – In den Straßen von New York”


Die bestimmenden, lenkenden Kreise der Menschheit reden sich gerne ein, dass Errungenschaften & große Leistungen das einzig Bedeutsame im Leben sind und, allgemein, auch das Wesen der Menschheit (mit ihrer Fähigkeit zu Sprache, Liebe, Kunst und Intellekt) am meisten ausmachen und am besten darstellen; der Rest ist reine Existenz und verdient vielleicht gerade noch die Bezeichnung eines Lebens. Das Kino und auch die Literatur haben diese Ansicht immer wieder kontrastiert, in dem sie sich mit den Bedingungen für Errungenschaft & Leistung auseinandersetzten und schließlich immer zum Begriff der “Chance” kamen. Wieder und wieder hat sich die Kunst mit den Menschen beschäftigt, die wegen eines schlechten sozialen Umfeldes, brüchigen oder gefährlichen Strukturen und mangelnden moralischen Vorbildern etc. keine Möglichkeit hatten, ein auf wirkliche Ziele ausgerichtetes oder durch Leidenschaften forciertes Leben zu führen, das sich nicht in Gewalt, Einsamkeit oder bloßem Überleben verliert.

Ich persönlich erachte diese hartnäckige Bearbeitung des Themas als eine der bedeutendsten Errungenschaften von Kunst überhaupt, kann aber verstehen, wenn jemand diesem Thema allgemein nicht viel abgewinnen kann. Zwangsläufig werden Filme dieses Maßstabs eher cineastische, denn bombastische Qualitäten haben, sie werden mehr ein Brüten als ein Explodieren der Bilder sein – mehr Eindruck den Ausdruck.

Doch wir brauchen die eindrückliche Kunst, sie ist enorm wichtig! Und auch wenn ich hier nicht für etwas werben will, rate ich doch dazu, sich eindrücklichen Filmen wie diesem zu öffnen. Wo ein Popcorn-Kinofilm die Gefühlslagen nicht ermittelt, sondern darstellt, ist ein Film wie dieser eine Art inneres Stimmgerät, das die eignen Gefühlsseiten sensibilisiert. Nicht immer auf angenehme Weise, denn ein wesentlicher Zug eines so konzipierten Films ist Tragödie, Konflikt und nahezu unüberbrückbare Entfremdung, Entfernung. Entfernung als Bild für das wahre Ausmaß der Gefühle; Tragödie als Abbildung einer Form von Realität.

Einst ist Dito aus den New Yorker Slums entkommen und hat sich eine Existenz als Autor und Musiker aufgebaut. Zu seinen Eltern hat er keinen Kontakt mehr. Dann erfährt er, dass es seinem Vater wohl sehr schlecht geht und fliegt, unschlüssig, was wirklich dort passieren wird, nach New York. Allein die Reise weckt schon Erinnerung an die Zeit, die er als Jugendlicher in den Straßen zubrachte. Und wie sich plötzlich ein Ausweg bot aus den problematischen Familienverhältnissen, dem ewiggleichen Herumziehen auf der Straße, den alten, kaputten Jugendfreunden… doch obwohl es letztlich eine Katastrophe war, die ihn aus den Slums weggeführt hat, treten beim Nachspüren auch andere DInge zutage: Unvergessliche Momente… das Gefühl der Freiheit… eine niedere Unschuld… die erste Liebe… der sichere Zusammenhalt… was war diese Zeit wirklich: Segen oder Fluch?

“Kids – in den Straßen von New York” ist, inhaltlich, ein sehr oberflächlicher Film. Die meisten Szenen spielen sich sehr unabhängig von einander ab, auch wenn sie natürlich in einem Kontext stehen, der aber immer wieder durch Sprünge zwischen den beiden Zeitebenen unterbrochen wird. Es geht auch wenig um Leidenschaft, wie es manchmal in Slum & Ghettogeschichten der Fall ist – es geht um Existenz und um die sehr schlichten Problematiken, wenn man in verlorenen Gegenden aufwächst. Aber eigentlich geht es zentral nur um eins: menschliche Beziehungen und zwar auf den denkbar einfachsten und doch schwierigsten Ebenen. Vater und Sohn / Jugendfreunde, die sich emotional anders entwickelt haben, aber immer noch aneinander festhalten / Bruder und Bruder / Erste Liebe, zwischen der die Kumpelfreundschaft steht. Auch wenn es sicherlich noch um sehr viel mehr geht: Auf diesen Beziehungen liegt letztlich das schmerzliche Hauptaugenmerk… und dieses Hauptaugenmerk scheut auch nicht, das verwirrende und unverharmonische Gespinst der Beziehungen sehr direkt aufzuzeigen, indem es die Figuren ihre Standardsätze wiederholen, sie durcheinander reden lässt und ihre Scheuklappen ganz offen zu Tage treten lässt, ohne eine Besserung. Selten habe ich einen so authentischen Film gesehen, wenn es um die Umgangsweise der Menschen miteinander geht.

Sehenswert ist der Film allemal, schwerverdaulich ist er nicht unbedingt, allerdings auch nicht leicht zu erschließen. Man muss ihn so seien lassen wie er ist – sobald man ihn gern anders hätte, hat man schon verloren, fürchte ich. Das kann die Eigenschaft eines sehr schlechten Films sein, hier ist es das Merkmal eines sehr ehrlichen und subtil in Szene gesetzten. Einen Film, der nachprüft, worin die Möglichkeiten wirklich liegen.

Am Ende muss man auch daran denken, ob vielleicht alles nicht einfach eine Frage der Zeit ist, ob Schicksal (als Konzept) nicht allein dadurch glaubwürdig ist, weil es so oft als Bezeichnung eingesetzt werden kann. Es kann einem aber auch der Gedanke kommen, dass mehr von unseren eigenen Entscheidungen abhängt, als wir uns eingestehen wollen – und das allein das Eingeständnis uns schon weiterbringen kann, als es zunächst möglich schien…

Link zum Film: http://www.amazon.de/Kids-den-Stra%C3%9Fen-New-Yorks/dp/B0012R2S1Y/ref=pd_sim_d_3

*Diese Rezension ist bereits teilweise auf Amazon.de erschienen.