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Zu der Anthologie “Grand Tour”


Grand Tour

Grand Tour, das ist ein etwas altbackener Titel für eine doch sehr beachtliche Anthologie, die uns mitnimmt auf eine Reise (oder sieben Reisen, denn als solche werden die Kapitel bezeichnet) in 49 europäische Länder und eine Vielzahl Mentalitäten, Sprachen, Stimmen und Lebenswelten, ins Deutsche übertragen von einer Gruppe engagierter Übersetzer*innen (und das Original ist immer neben den Übersetzungen abgedruckt).

Laut dem Verlagstext knüpft die von Jan Wagner und Federico Italiano betreute Sammlung an Projekte wie das „Museum der modernen Poesie“ von Enzensberger und Joachim Sartorius „Atlas der neuen Poesie“ an – vom Museumsstaub über die Reiseplanung zur Grand Tour, sozusagen.

Dezidiert wird die Anthologie im Untertitel als Reise durch die „junge Lyrik Europas“ bezeichnet. Nun ist das Adjektiv „jung“, gerade im Literaturbetrieb, keine klare Zuschreibung und die Bandbreite der als Jungautor*innen bezeichneten Personen erstreckt sich, meiner Erfahrung nach, von Teenagern bis zu Leuten Anfang Vierzig.

Mit jung ist wohl auch eher nicht das Alter der Autor*innen gemeint (es gibt, glaube ich, kein Geburtsdatum nach 1986, die meisten Autor*innen sind in den 70er geboren), sondern der (jüngste erschlossene) Zeitraum (allerdings ist die abgedruckte Lyrik, ganz unabhängig vom Geburtsdatum der Autor*innen, nicht selten erst „jüngst“ entstanden).

Wir haben es also größtenteils mit einer Schau bereits etablierter Poet*innen zu tun, die allerdings wohl zu großen Teilen über ihre Sprach- und Ländergrenzen hinaus noch relativ unbekannt sind. Trotzdem: hier wird ein Zeitalter besichtigt und nicht nach den neusten Strömungen und jüngsten Publikationen und Talenten gesucht, was selbstverständlich kein Makel ist, den ich der Anthologie groß ankreiden will, aber potenzielle Leser*innen sollten sich dessen bewusst sein.

Kaum überraschen wird, dass es einen gewissen Gap zwischen der Anzahl der Gedichte, die pro Land abgedruckt sind, gibt. Manche Länder (bspw. Armenien, Zypern) sind nur mit ein oder zwei Dichter*innen vertreten, bei anderen (bspw. England, Spanien, Deutschland) wird eine ganze Riege von Autor*innen aufgefahren. Auch dies will ich nicht über die Maßen kritisieren, schließlich sollte man vor jedem Tadel die Leistung bedenken, und würde mir denn ein/e armenische/r Lyriker/in einfallen, die/der fehlt? Immerhin sind diese Länder (und auch Sprachen wie das Rätoromanische) enthalten.

Es wird eine ungeheure Arbeit gewesen sein, diese Dichter*innen zu versammeln und diese Leistung will ich, wie gesagt, nicht schmälern. Aber bei der Auswahl für Österreich habe ich doch einige Namen schmerzlich vermisst (gerade, wenn man bedenkt, dass es in Österreich eine vielseitige Lyrik-Szene gibt, mit vielen Literaturzeitschriften, Verlagen, etc. und erst jüngst ist im Limbus Verlag eine von Robert Prosser und Christoph Szalay betreute, gute Anthologie zur jungen österreichischen Gegenwartslyrik erschienen: „wo warn wir? ach ja“) und auch bei Deutschland fehlen, wie ich finde, wichtige Stimmen, obwohl hier natürlich die wichtigsten schon enthalten sind. Soweit die Länder, zu denen ich mich etwas zu sagen traue.

Natürlich kann man einwenden: Anthologien sind immer zugleich repräsentativ und nicht repräsentativ, denn sie sind immer begrenzt, irgendwer ist immer nicht drin, irgendwas wird übersehen oder passt nicht rein; eine Auswahl ist nun mal eine Auswahl. Da ist es schon schön und erfreulich, dass die Anthologie zumindest in Sachen Geschlechtergerechtigkeit punktet: der Anteil an Frauen und Männern dürfte etwa 50/50 sein, mit leichtem Männerüberhang in einigen Ländern, mit Frauenüberhang in anderen.

„Grand Tour“ wirft wie jede große Anthologie viele Fragen nach Auswahl, Bedeutung und Klassifizierung auf. Doch sie vermag es, in vielerlei Hinsicht, auch, zu begeistern. Denn ihr gelingt tatsächlich ein lebendiges Portrait der verschiedenen Wirklichkeiten, die nebeneinander in Europa existieren, nebst der poetischen Positionen und Sujets, die damit einhergehen. Während auf dem Balkan noch einige Texte um die Bürgerkriege, die Staatsgründungen und allgemein die postsowjetische Realitäten kreisen, sind in Skandinavien spielerische Ansätze auf dem Vormarsch, derweil in Spanien eine Art Raum zwischen Tradition und Innovation entsteht, usw. usf.

Wer sich poetisch mit den Mentalitäten Europas auseinandersetzen will, mit den gesellschaftlichen und politischen Themen, den aktuellen und den zeitlosen, dem kann man trotz aller Vorbehalte „Grand Tour“ empfehlen. Wer diesen Sommer nicht weit reisen konnte, der kann es mit diesem Buch noch weit bringen.

 

Zu dem bemerkenswerten Buch “Der Sinn des Lesens”, das Vermächtnis des Autors Pieter Steinz


(© des Bildes by Marina Büttner)

„Antiklimaxe, das Leben ist voll davon. Die Weltliteratur übrigens auch, und die schönsten sind im Werk von Franz Kafka zu finden. Große und faszinierende Romane wie Das Schloss blieben ohne Schluss […] doch auch viele seiner vollendeten Erzählungen enden mit einer Antiklimax. In manchen Fällen erhöhen diese den absurden Gehalt, in anderen die philosophische Wirkung – man gerät ins Nachdenken.“

Das Leben hat in der Tat viele Antiklimaxe, den größten hebt es sich bis zum Schluss auf, trägt ihn aber schon immer mit sich: den Tod, der dann auch folgerichtig am Ende von Kafkas einzigem mit einem Ende versehenen Roman steht, in dem das Leben ein Prozess ist, den der Mensch nicht gewinnen kann (ein Verfallsprozess). Die meisten Menschen können dieser finalen Antiklimax lange aus dem Weg gehen, weil der genaue Zeitpunkt unbekannt ist und man sich so mit jedem Akt des Lebendigen fernab der Aussichtslosigkeit bewegt – es gilt hier jene paradoxe Weisheit Senecas: man ist so lange unsterblich bis man stirbt.

Doch was ist, wenn man, noch am Leben, ein recht genaues Todesurteil in Händen hält? Es gehört nicht zu den zweiundfünfzig Büchern, die der niederländische Schriftsteller, Gelehrte und Direktor der niederländischen Literaturstiftung Pieter Steinz für seine Kolumnenserie (aus der dieses Buch hervorgegangen ist) ausgewählt hat, doch Victor Hugos Die letzten Tage eines Verurteilten wäre sicherlich im späteren Verlauf seiner Krankheit ebenfalls eine Lektüre gewesen, mit der er sich ein Dialog entsponnen hätte – oder vielleicht gerade nicht, denn Steinz geht es eigentlich nie um die seelische Vorbereitung auf den Tod, sondern um das Gewahr werden und Auskosten der Aspekte des Lebens, um den Trost, um die Bewältigung, die weiterhin das Wichtigste ist – nach Rilke: „Wer spricht von Siegen/ Überstehn ist alles.“

„Das Buch, das so entstanden ist, gibt vielleicht keine definitive Antwort auf die Frage, ob Literatur in schwierigen Situationen Trost bieten kann, für mich hat sich auf jeden Fall erwiesen, dass zumindest das Schreiben über Literatur sehr tröstlich ist.“

2013 wird bei Pieter Steinz ALS diagnostiziert, eine unheilbare, degenerative Erkrankung des zentralen Nervensystems; der einzige prominente Überlebende von ALS ist Stephen Hawking, der allerdings an einer speziellen Form der Erkrankung leidet. Nicht ein einziges Mal im ganzen Buch beklagt Steinz dieses Schicksal (auch wenn natürlich Bedauern, Nostalgie und Schwermut manchmal eine Rolle spielen) und schon im ersten Text des Buches, über Platons Phaidon und den Tod des Sokrates durch den selbstzugeführten Schierlingstrank, positioniert er sich gleichsam fatalistisch und lebensbejahend: Fatalistisch, weil er nicht versuchen will, das Unvermeidliche zu leugnen und es stattdessen hinnimmt, lebensbejahend, weil er es nicht als Ende einer erfüllten Existenz ansieht, auch wenn er von nun an seine Tage in großen Teilen eingeschränkt verbringen muss und immer mehr Freuden unmöglich werden. Da in den Niederlanden die aktive Sterbehilfe erlaubt ist, hat Steinz sich früh entschlossen, in dem Moment, in dem es gar keine Möglichkeit mehr gibt, am Leben aktiv teilzunehmen, diese in Anspruch zu nehmen.

„ALS ist eine Krankheit, die die Phantasie beflügelt. Negativ natürlich und in verschiedenerlei Hinsicht. Seitdem die meisten Krebsarten nicht mehr automatisch das Todesurteil bedeuten und AIDS sich gut mit Medikamentencocktails bekämpfen lässt, haben tödlich Nervenkrankheiten die Rolle des ultimativen Angstgegners übernommen. […] Vor allem, dass die eigenen Gliedmaßen eine nach der anderen gelähmt werden, bis man nur noch die Augen bewegen kann, grenzt an puren Horror.“

Wie gegen den „puren Horror“ angehen? Steinz will, neben Aktivitäten mit der Familie und der Fortführung seiner gewohnten Arbeit (so lange wie möglich), noch einmal viele seiner Lieblingswerke und Lebensbücher lesen. Auch wenn sich diese Lektüreliste an seinen Vorlieben orientiert, haben die Bücher öfters einen Bezug zu seinem momentanen Krankheitsverlauf, seinen neusten Erfahrungen mit der Behandlung, den Einschränkungen. So ist das Kapitel über Kafka, das die Erzählung Der Hungerkünstler zum Thema hat, verknüpft mit seinem erzwungenen Hungern (da die Schluckmuskeln ebenfalls abgebaut werden), eine Ausführung zu Rabelais großem Roman Gargantua und Pantagruel beschäftigt sich ebenfalls mit der Üppigkeit und den Ausschweifungen der Genüsse, die nicht mehr möglich sind, in einem anderen Text wirft er Dickens spaßeshalber vor, dass er viele Berufsklassen durch Figuren portraitiert (und persifliert) hat, aber keine Ärzte.

Meist ist eine Figur aus den Texten oder ihre generelle Botschaft, denen sich Steinz verbunden fühlt und die er ins Zentrum stellt. Als er eine Zeit im Krankenhaus verbringt, in dem er zwar nicht sterben wird, aber wo letztlich Eingriffe und Therapien durchgeführt werden, die sein Leben nur unwesentlich verlängern, muss er an Hans Castorp aus Thomas Manns Zauberberg denken. Er kam eigentlich nur ins Krankenhaus für einen kurzen Aufenthalt, um eine Magensonde legen zu lassen, musste dann aber wegen zahlreicher Komplikationen drei Wochen bleiben; Castorp will nur einen Freund besuchen und bleibt dann sieben Jahre in der Lungenheilanstalt – Jahre, die ihn prägen. Steinz betont vor allem die Unterschiede zwischen seiner Lage und der von Castorp, aber am Ende weiß er doch, warum er sich an Manns Bildungskind erinnert fühlt:

„Nein, das Krankenhaus ist kein Zauberberg. Dennoch sehe ich eine wesentliche Gemeinsamkeit zwischen meinem Werdegang und der Hauptperson Manns. Nachdem Hans Castorp nach sieben Jahren endlich perfekt gebildet vom Berg hinabsteigt, spaziert er geradewegs in die Schützengräben des ersten Weltkriegs. All die Jahre der Sorge und Bildung sind umsonst gewesen. Wenn ich nach all den sündhaft teuren Operationen, den hundert Arten von Medikamenten und den Wochen liebevoller Pflege und Betreuung die Intensivstation verlasse, habe ich noch immer ALS, und ein langes Leben wird mir nicht vergönnt sein. Es ist ein Stück Ironie, für das sich Thomas Mann nicht geschämt haben würde.“

Also doch die Aussichtslosigkeit? Eben das ist so beeindruckend (und doch tief authentisch) an dem Buch: jeder weitere Text versucht wiederum (was einige Wiederholungen bedingt) mit der Lage umzugehen, kann wiederum nicht leugnen, dass es sich bei den Schilderungen und Erzählungen eben um eine Chronik des Verfalls handelt, egal, was man diesem Verfall noch abtrotzen kann. Steinz bietet alles dagegen auf: Genüsse, Gedanken, Erkenntnisse und Erinnerungen. Und dass diesen Dingen nur ein zeitweiliger Sieg eingeräumt werden kann, ist stets klar.

Dieses Denken, Leben, Erfassen im Angesicht eines nahenden Todes ist ganz klar eine Ausnahmesituation und doch ein Sinnbild für die verwirrende Verquickung von „carpe diem“ und „c’est la vie“, die in jeder Existenz am Werk ist; voller Momente, die schön sind und in ihrer Schönheit schon wieder grausam, schon wieder aufgeladen, schon wieder unerreichbar.

„Eine der schönsten Erfahrungen des zurückliegenden Jahres, seit dem Moment, als bekannt wurde, dass ich an ALS leide, war der Strom an Briefen und E-Mails, die ich von Bekannten und Unbekannten bekam. Jeder versuchte, Trost zu spenden, und sehr oft bestand dieser Trost in einer Erinnerung an etwas Kleines, mit dem ich das Leben des anderen ein wenig verändert hätte: eine helfende Hand, die ich gereicht, ein Seminar, das ich gegeben, ein Praktikum, das ich ernsthaft betreut, einen Artikel, den ich in der Zeitung veröffentlicht, oder einen Scherz, den ich gemacht hatte.“

Gedichte und Romane, Klassiker von Dumas und Orwell, Sagen und Märchen, unbekanntere niederländische Klassiker, aus ihnen allen zieht Steinz Trost und kann in ihnen kleine Bastionen für seine Lebensfrohsinn aufbauen, mit denen er sich gegen seine täglichen Sorgen und Nöte rüstet. Sie begleiten ihn auf einem Weg, den er nicht gehen wollte, aber nun entschieden geht. In einem der besten Kapitel begegnet er einem Leidensverwandten, dem Philosophen Boethius, der, zum Tode verurteilt, sein Schicksal in seinem Werk Trost der Philosophie (geschrieben in der Haft vor der Vollstreckung) zu verstehen suchte. Steinz destilliert die Weisheit dieses Werkes auf seine Weise:

„Alle Menschen stecken in ihrem großen Rad, sind einmal oben und dann wieder unten. Das einzige, worauf Fortuna keinen Einfluss hat, ist der eigene Geist und die eigene Güte – sie müssen ausreichen, um einen durchs Leben zu bringen.“

Solche feinen Hoffnungen inmitten des groben Lebens, von Literatur gewoben, machen neben den Schilderungen des Krankheitsverlaufes – erschütternd und doch schlicht, manchmal fast unverfänglich dargelegt – den Inhalt dieses Werkes aus.
Dass Literatur nicht nur Bewältigung ist, sondern in ihr die tiefe Hoffnung schlummert, dass sich Menschen mit Geschichten und Gedanken auch über Generationen hinweg beistehen können, ist seine Botschaft, seine Idee. Und die Plätze auf der Liste der Dinge, die noch zu tun bleiben, wenn das Leben zu Ende geht, sind an so manches Buch nicht verschwendet.

„Sozusagen als Droste-Effekt sollte auf der Bucketlist eines jeden auf alle Fälle High Fidelty stehen, denn der zwanzig Jahre alte Roman von Nick Hornby ist zweifellos das schönste Buch über Listen, das jemals geschrieben worden ist. […] Listen anzulegen heißt leben – Nick Hornby wird mir aus ganzem Herzen zustimmen.“

Die Offenheit, mit der Steinz in diesem Werk von sich und seinen Leiden, aber eben auch von seinen Empfindungen und Eindrücken, bei der Lektüre und in anderen Moment, berichtet, hat mich tief bewegt. Es ist keine sich zur Schau stellende Offenheit und auch keine rein dokumentarische. Es ist eine Offenheit, die noch vieles vermitteln will und sich deswegen öffnet. Dankbares und Erfreuliches (das man sich als Leser*in, wenn man sich in die Krankheit und ihre Erscheinung hineinversetzt, kaum noch vorstellen kann) wird eben so wenig verschwiegen wie die zahllosen Rückschläge und Einschnitte; auch die seltsamen Heilsversprechen nicht, die Steinz erreichen, der teilweise problematische Umgang der Ärzte und anderer offizieller Stellen mit seiner Krankheit. Als sein Verfall keinen ganz so raschen Fortgang zeigt, wie prognostiziert, schreibt Steinz:

„Unbewusst schämt man sich ein bisschen, dass man nach einem halben Jahr, dann nach einem Jahr, und schließlich nach anderthalb Jahren noch immer nicht tot ist.“

und als er von anderen darauf angesprochen wird, dass es bewundernswert ist, dass er sich nicht beklagt, obwohl er sich der Hoffnungslosigkeit seiner Lage bewusst ist, setzt er sich wiederum durch die Literatur – genauer mit Edgar Allan Poe, der fürchtete lebendig begraben zu werden und oft in dieser Angst schwelgte wie in einer Hoffnungslosigkeit – mit diesen Aussagen auseinander und resümiert:

„Selbstmitleid ist ebenso wie die Todesangst kontraproduktiv und reine Zeitverschwendung – und damit eigentlich ein vorzeitiges Begräbnis.“

Nun habe ich viel über dieses Buch geschrieben und ich weiß, es ist eigentlich noch immer nicht genug. Dieses Buch ist etwas Besonderes, in all seiner Einfachheit, seinen Wiederholungen und seiner Schmerzlichkeit; und nicht nur, weil es das Vermächtnis eines belesenen Geistes ist, der viele Sympathien in einem weckt, durch die Art wie er mit der Welt umgeht.

Steinz starb 2016. Die Hoffnung, das Versprechen, die Kunst, die Stärke, die Macht, die Idee der Literatur werden durch sein Schreiben, seine Auseinandersetzung, an verschiedensten Stellen offengelegt. Zwar ist die Literatur nicht der Protagonist von Der Sinn des Lesens – diesen Platz nimmt die Krankheit ein. Aber die Literatur ist der Sidekick, ist die liebenswerteste Nebenfigur, die im richtigen Moment genau das Richtige sagt, die in all ihrer Bescheidenheit ihren Beitrag leistet. Wie jener Schwertmeister in Game of Thrones, der Aria Stark die Flucht vor der kaiserlichen Garde ermöglicht und sie jenen Spruch lehrt, den sie von da an beherzigen wird und den auch Steinz während seiner Krankheit zu schätzen lernt:

„Mein Bestreben ist es, meine Augen zufrieden zu schließen […] bis dahin hole ich aus dem Leben heraus, was herauszuholen ist, und behalte dabei den knappen Dialog im Hinterkopf, den ich kurz nach meiner Diagnose mit meinem siebenjährigen Neffen geführt habe.
-Du stirbst, nicht wahr?-, fragte er und sah von seinem iPad hoch, auf dem er ein Spiel spielte, in dem es um einen Affen ging, der mehrere Leben hat.
-Ja-, sagte ich.
-Aber nicht heute-, sagte er beschwörend, als hätte er Angst, dass ich auf der Stelle das eine Level gegen das andere eintauschen würde.
-Nein, heute nicht.-“

Zu den gesammelten Gedichten von Cees Nooteboom im ersten Band der Werkausgabe


Aus Schwarzem Gold fliegen Vögel auf
und entbinden ihre Flügel.
Das immer blinder gemalte Auge sieht es
und schreibt.”

Der holländische Schriftsteller Cees Nooteboom ist vor allem für seine Reiseberichte und Novellen bekannt; und er hat mit „Allerseelen“ und „Rituale“ auch zwei bedeutende Romane geschrieben. Dass in dem feinfühligen, versierten Erzähler auch ein Dichter steckt und dass dieser Dichter beweist der erste Band der Werkausgabe, in dem nahezu das ganze lyrische Schaffen von Nooteboom versammelt ist (ausgenommen der neuste Gedichtband „Licht überall“ und weitere Ausnahmen, siehe unten)

“Wir kennen die poetische Poesie, die gemeinen Gefahren
von Mondsucht und Singstimme. Bloß balsamierte Luft,
es sei denn, man macht daraus Steine, die glänzen und schmerzen.”

Nootebooms lyrisches Werk geht bis zu seinen Anfängen zurück. 1956, ein Jahr nach seinem Prosadebüt Philip und die anderen, entstand ein schmaler Gedichtband, der leider ebenso wie die Gedichte nach 2003 (welche im letzten Band der Werkausgabe “Poesie und Prosa 2005-2007” gepackt wurden) hier nicht enthalten ist; 1959 folgten dann die “Kalten Gedichte”, die, ebenso wie das vier Jahre darauf folgende “Schwarze Gedicht”, noch sehr expressionistisch sind; kantige und wie abgewaschene Regungen und Bilderwelten, die aber schon eine gewisse Stärke im Ausdruck haben.

“Der weg zerfällt am verweinten gebirge.
nun stirbt die goldene sonne in ihrem gefolge
das rot färbt alle Bäume.”

“doch der Wind reitet vorbei auf kopfscheuen pferden
der mond wählt einen ängstlichen Weg in die Wolken
nur ab und zu fallen silberne Splitter herunter”

Im weiteren Verlauf lässt sich eine Verbindung zum lyrischen Werk von Jorges Luis Borges ziehen, mit dem Nooteboom eine demütige, geradezu erlesen-feine Sprache teilt, die sich wie aufs Verwalten verlegt; besonders stark habe ich mich bei dem auch als Einzelband veröffentlichten Werk “Das Gesicht des Auges” an diese Art erinnert gefühlt.

Von Borges trennt ihn wiederum seine nicht intelligibeln, sondern existenziellen dichterischen Themen. Bei Nooteboom geht es nämlich oft auch um das Schreiben selbst, oder um das Lesen und dazwischen um die Möglichkeiten von Erkennen, Einfangen und Ausdrücken; das verknüpft er gerne mit einem anderen Thema von ihm: mit Relativität und Zeit, zwei Themen, die auch Borges oft beschäftigten.

“Ich lese deine Gedichte in Broome,
auf der anderen Seite der Welt.
Nicht Besonderes. Es gibt nur eine
und die ist rund.”

“Ich, der ich gelernt habe,
dass die Zukunft ein Motor ist,
der noch nie gelaufen ist,
dass alle Sprachen dasselbe verschweigen
und all meine einmaligen Träume
im Kino zu sehen sind.”

Doch bei all dem, was ich bereits gesagt habe und was man leicht an den Beispielen erkennen kann, ist Nooteboom zusätzlich noch ein Dichter mit zwei Gesichtern. Seine klareren und poetischen Werke waren für ihn kein Grund auch andere, kryptisch-hermetischere Lyriken zu schreiben; Gedichte in denen fast in jeder Zeile zwei Wörter aufeinander losgelassen werden, in denen Kontraste dominieren, in denen der Sinn ein Zauberwürfel in Form eines Prismas ist.

“Doch drüben, wo der Tod ist, an Land,
liest der Wind in der Zeitung der Zeit,
dort reden Tote in ihren weiten Schemen
von Ewigkeit und Einsamkeit.”

“Die besten Dichter haben uns einige gute Gedichte hinterlassen, haben ein paar Zeilen zum Beweis der Poesie vorzuweisen und sind niemals darauf verfallenen eine zweidimensionale Zeile zu verfassen.” Wenn dieser Satz von Ezra Pound stimmt, dann ist Nooteboom ein großer Dichter. Für mich auch deswegen, weil er poetisch ist, aber sich dennoch nie ganz in einer einzelnen Poesie niedergelassen hat; man liest stürmische Zeilen, bekommt aber vom Autor ein Schiff, mit dem man darauf fahren kann; man bekommt Weisheiten serviert, man wird aber auch leicht abgewandt in welche eingefädelt. In diesem Sinne ist eigentlich jede Etappe dieser gesammelten Gedichte lesenswert.

“So wie die Lilie einschläft
in ihrem Hotel, die Nacht vor Kriegsbeginn,
während unten der Portier
die Rechnungen schreibt.

So werden Jahre Zeit.”

“Dank sei den Dingen” von Rutger Kopland


“Die Dichtkunst ausüben heißt
mit der größtmöglichen Sorgfalt
konstatieren, dass beispielsweise
am frühen Morgen
die Vogelbeeren tausend Tränen tragen
gleich einer Zeichnung aus der Kindheit
so rot und so viel.”

Die wenigen holländischen Dichter, die ich bisher lesen durfte (Cees Nooteboom und Lucebert) sind, trotz ihrer Themenvielfalt und ihrer Unterschiede, allesamt bedächtige Dichter. Vielleicht liegt das an der Sprache, dem Niederländischen selbst, oder an den Übertragungen; vielleicht suche ich auch nur das Verbindende und streiche es dabei zu stark heraus.

Feststeht: Es geht oft um Ruhe, ums In-sich-gehen, um den Tod (von Freuden, aber auch den eigenen) und um das, was bleibt, wenn man reflektiert, fragt, wenn man innehält und näher an die Dinge herangeht. Höchstwahrscheinlich hat die Niederlande in Sachen Dichtung ein genauso breites Spektrum, von glatt bis innovativ, wie auch die Deutschen, aber nur diese Art der Dichtung, die tiefe, feine Art ist bisher zur Übertragung gelangt.

“Morgens am Fluss, morgens, wenn
er noch abzuwägen scheint,
wohin er an diesem Tag
wieder gehen soll,

ob er dieselben heftigen Bewegungen
machen soll wie immer
oder nicht mehr,

oder ist dieses ewige Zögern
die leere Gebärde von jemandem,
der schon nicht mehr existiert
[…]
Morgen am Fluss,
morgen, wenn er endlich
nichts weiter sein wird
als der Fluss.”

Rutger Kopland ist, wie gesagt, ein sehr gesetzter Dichter. Ein bisschen in der Tradition von William Carlos Williams, schreibt er einfache, persönliche, spät einsetzende Verse. Keine Abstraktionen, wenige, nicht anschneidende, sondern aufgehende Metaphern, eine große Freude an der Melancholie, keine Scheu der Schönheit einen einfachen handgemachten Holzstuhl anzubieten, keine Angst von den ersten und letzten Dingen zu sprechen.
Keine Furcht davor, das Gelingen eines Gedichts vom Verständnis zwischen Dichter und Leser und nicht von der Kunstfertigkeit oder Heftigkeit der Darstellung abhängig zu machen.

“Der Körper wird wohl als ein Nest betrachtet
die befristete Bleibe eines unsichtbaren
Vogels – eines Abgesandten der Ewigkeit.

Wer gerne Gedichte liest, die ihre Wärme aus dem Inneren gewinnen, aus den Gefühlen, die sie nahe legen, statt aus den Bildern, die sie provozieren, der wird mit diesen schönen, beinahe schlichten Dichtungen eine sehr erfreuliche Erfahrung machen. Auch diejenigen, die nachdenkliche Lyrik schätzten, werden diesen Band auch nach der ersten Lektüre noch öfters zur Hand nehmen, denn einige von ihnen sind gleichsam klar und doch wandelbar wie Spiegel – jede Lektüre kann eine neue Dimension haben, eine neue Ebene freilegen.

Selten habe ich Gedichte gelesen, die so vollkommen zu sein scheinen, derweil sie eigentlich so einfach und schön sind wie eine Gartenbank im Abendlicht oder die glatte Oberfläche eines Sees. Vielleicht trifft dies letztlich nur auf 5-6 der Gedichte wirklich zu, aber die erste Lektüre des ganzen Buches wird von diesem Gefühl eingenommen.

P.S.: In diesem Band sind nur die deutschen Übertragungen enthalten, keines der niederländischen Originale; die Auswahl wurde aus Werken von 1966-2006 getroffen. Das Nachwort stammt vom Nobelpreisträger J.M. Coetzee. Übersetzt wurden die Texte von Mirko Bonne und Hendrik Rost.

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