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Zu der Ausgabe der Gesammelten Erzählungen von Eduard von Keyserling


landpartie Eduard von Keyserling, der vor fast genau 100 Jahren starb, gilt als einer der wenigen bedeutenden spätnaturalistischen (oder impressionistischen) Schriftsteller. Seine bedeutendsten erzählerischen Werke diktierte er in den Jahren 1903-1918, erblindet und an verschiedenen Gebrechen leidend, seinen Schwestern in der Abgeschiedenheit seines Hauses. Wer mehr über sein Leben vor dieser Zeit wissen oder zumindest einen Eindruck bekommen will, dem empfehle ich die fiktive Biographie von Klaus Modick („Keyserlings Geheimnis“).

Ich mochte Keyserling schon immer, weil er eine sehr angenehme, aber durchaus hintergründige Art zu Erzählen hatte – ein bisschen erinnert er dann und wann an Tschechow. Eine weitere Gemeinsamkeit: Auch Keyserlings Werk besteht vor allem aus längeren Erzählungen und Novellen. Diese neue Ausgabe kann sich rühmen, wirklich alle bedeutenden Erzählungen zu versammeln – sie kann allerdings nicht vollends konkurrieren mit einer Ausgabe, die 1998 bei Heyne erschien („Harmonie. Romane und Erzählungen“) und die neben vielen wichtigen Erzählungen auch die längere Novelle „Wellen“ enthält, sowie die Romane „Dumala“ und „Feiertagskinder“.

Trotzdem lohnt es sich, diese neuere Ausgabe anzuschaffen, vor allem, weil sie nicht ganz so wuchtig ist wie Ausgabe von Heyne. Wer auf der Suche nach einer malerischen und dennoch feinsinnigen Lektüre ist, der kann mit Keyserling nichts verkehrt machen. Seine Geschichten über den alten Adel, die Leichtigkeit und Schwere der kleinen Missverständnisse und großen Gefühle, die er mit vollendeter Schlichtheit skizziert, sind von bleibender Eleganz und auch heute noch, als Seelenerkundungen, sehr stimmig.

Liste der enthaltenen Texte:

Nur zwei Tränen
Mit vierzehn Tagen Kündigung
Das Sterben. Ein Sommerbild
Grüß Gott, Sonne!
Grüne Chartreuse
Die Soldaten-Kersta
Der Beruf
Schwüle Tage
Harmonie
Sentimentale Wandlungen
Im Rahmen. Skizze
Seine Liebeserfahrung
Gebärden
Die sentimentale Forderung
Osterwetter
Die Verlobung
Geschlossene Weihnachtstüren
Frühlingsnacht
Landpartie
Bunte Herzen
Föhn
Winterwege
Prinzessin Gundas Erfahrungen
Am Südhang
Nachbarn
Die Kluft. Zwei Dialoge
Das Landhaus
Vollmond
Schützengrabenträume
Nicky
Verwundet
Der Erbwein
Pfingstrausch im Krieg
Das Kindermädchen
Das Vergessen
Die Feuertaufe
Im stillen Winkel

Zu Felix Fénéons makabren Kürzestnews in “In drei Zeilen”


In drei Zeilen „Ein Tellerwäscher aus Nancy namens Vital Frérotte, der auf immer von einer Tuberkulose geheilt aus Lourdes zurückkam, ist am Sonntag irrtümlich verstorben.“

Vermischte Nachrichten, ein bisschen Klatsch, ein bisschen Anthropologie, viel scharrender Witz und eine nicht ganz einzuordnende Direktheit – sie sind schwer einzuordnen, diese Dreizeilennovellen, diese Alltagscapriccios. Was natürlich eher für sich spricht, ihren Reiz ausmacht.

Felix Fénéon – seines Zeichens Poet, Anarchist und Publizist in der allzu heilen Zeit der Belle Epoque – schrieb diese kurzen Neuigkeiten und Begebenheitsnuancen anonym für die Pariser Zeitung Le Matin. Er war schon vorher vielfach journalistisch-literarisch tätig (das gelungene Nachwort von Jürgen Ritte gibt darüber Aufschluss) und diese Kleinstgeschichten bilden quasi den Höhepunkt und gleichsam das Ende seiner journalistischen Tätigkeit.

„Catherine Rosello aus Toulon, Mutter von vier Kindern, wollte einem Güterzug ausweichen. Sie wurde erfasst von einem Personenzug.“

Grotesk, tragisch, komisch, oder, wie es auf dem Klappendeckel heißt: eine Enzyklopädie menschlicher Zu- und Unfälle. Dem möchte man noch hinzufügen: und menschlicher Schicksale. Mindestens die Hälfte der Nachrichten setzt sich mit Todesfällen auseinander, viele davon Morde, Selbstmorde und Unfalltode.

„Selbst für Trinker gibt es keinen lieben Gott mehr: Kersilie aus Saint-Germain, der die Tür mit dem Fenster verwechselt hat, ist tot.“

Nun ist es nicht so, dass diese Kleinode grundsätzlich eine ironische, sarkastische, zynische oder makabre Ausrichtung hätten, wobei schwer zu leugnen ist, dass sie nicht selten mit der humoristischen Dimension ihrer Information spielen. Sie zeigen sich dem Leser, kurz und auf den Punkt, wie jede Zeitungsmeldung, verdeutlichen aber noch mehr als andere Nachrichten ihren Mitteilungs- und Informationscharakter – und brechen dadurch die Trennwand auf, die Nachrichten zwischen uns und der Welt hochziehen.

Ihre aggressive Passivität weist nicht nur über die übliche Formel einer Meldung hinaus, sondern schafft einen Abgrund in den konformen Oberflächen. Diese kurzen Abrisse bauen Fenster, durch die wir in die Welt schauen können, die Gesellschaft und ihren grotesken Verschleiß, die Menschenseele und ihre unbekümmerte oder bekümmerte Tragik.

„Orangen (260.000 Kilo) warten auf dem Bahnhofskai von Cerbère darauf, dass Händler und Rücken sich einig werden.“

„Angezündet von ihrem fünfjährigen Sohn ist eine Leuchtrakete in den Röcken von Madame Roger in Clichy explodiert: die dort entstandenen Verwüstungen sind beträchtlich.“

Der hochintelligente Fénéon nahm eine alltägliche Maske und kratze solange daran herum, bis sie als Maske erkennbar wurde – und stellte dann menschliche Schicksal dar, in dem er sich alltäglichen Leuten aufsetzte und ihre Handlungen zu makabren Auftritten formte.

Die 127 Dramolette dieses Bandes bilden ungefähr nur ein Zehntel der in der Zeitung veröffentlichten Texte, die Fénéon täglich schrieb und nie aufbewahrte und die nur dank seiner Geliebten, Camille Plateel, überlebten, die sie täglich aus der Zeitung ausschnitt.

Lesen lassen sie sich bis heute mit nachdenklichem Ansatz, aber auch zum Vergnügen.

„Harold Bauer und Casales geben heute, in San Sebastian, ein Konzert. Außerdem werden sie sich vielleicht auch noch duellieren.“