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Zu Bettina Wilperts “Nichts, was uns passiert”


Nichts was uns passiert „Sie wusste, was passiert war, rational. Aber war es wirklich eine Vergewaltigung? Die hatte sie sich anders vorgestellt: Ein Mann, der einen nachts auf dem Nachhauseweg überfällt, oder der Onkel, der die Nichte als Kleinkind missbraucht. Oder der Nachbar. Aber kein Doktorand, den man kennt, zu dem man Vertrauen aufgebaut hat. Ein Geliebter. Ein Freund.“

Vergewaltigung ist nicht nur deshalb ein brisantes Thema, weil viele von uns mit patriarchalen Denkmustern großgezogen werden, wir alle mehr oder weniger in patriarchalen Strukturen leben und sexuelle Gewalt und sexuelle Nötigung diesem System mit eingeschrieben sind, sondern auch, weil es fast unmöglich ist, sich dem Thema rein rational zu nähern.

Eine Freundin sagte einmal zu mir: „Ich hätte nichts dagegen, wenn man Sexualstraftäter einfach am nächsten Baum aufknüpfen würde. Es gibt solide Rechtfertigungen und mildernde Umstände für viele Arten von Verbrechen, sogar Mord, und deshalb sollten solche Verbrechen akribisch verhandelt werden, aber es gibt schlicht keine Rechtfertigungen und mildernden Umstände für Vergewaltigungen, von mir aus könnte man mit den Tätern kurzen Prozess machen.“ Ich habe damals nichts erwidern können und bis heute fällt mir nichts ein, was ich erwidern könnte – wenn man mal von der Leier über die Wichtigkeit des Rechtsstaats, die Wichtigkeit des menschlichen Umgangs mit dem Unmenschlichen absieht, die ich sonst gern und meist auch mit Überzeugung anstimme.

Aber die Wahrheit ist, dass auch mich diese Verbrechen ungeheuer wütend machen, auch ich kann sie nicht rational betrachten, möchte nicht rational argumentieren, wenn es um Vergewaltigungen und andere Formen von sexueller Nötigung geht. Und gerade weil dieses Thema dermaßen aufgeladen ist, ist es gut, dass es Bücher wie den Debütroman von Bettina Wilpert gibt.

In diesem Roman, der aus der Perspektive einer unbekannten Erzählerin (oder eines unbekanntes Erzählers, ich glaube, selbst das wird nicht spezifiziert) geschrieben ist, die (der) alle anderen Figuren zum zentralen Vorkommnis, der Vergewaltigung, und der Vorgeschichte und den Folgen „interviewt“, bekommt man als Leser*in die ganze Mischung aus Gefühlen, Fakten, Zweifeln, Überlegungen vorgesetzt, die sich für das Opfer und den Täter, sowie das soziale Umfeld, aus dem Tatbestand/Vorwurf der Vergewaltigung ergeben.

Anna und Jonas lernen sich in der Zeit der Fußball-WM 2014 kennen. Nach einem Abend mit viel Alkohol und Debatten über Literatur, den Ukraine-Konflikt und andere Themen, haben sie das erste Mal Sex. Aus diesem One-Night-Stand entwickelt sich nichts Größeres, schließlich begegnen sie sich auf einer Geburtstagsparty eines gemeinsamen Freundes wieder, reden und trinken den ganzen Abend. Am Ende ist Anna viel zu betrunken, um nach Hause zu gehen und der Freund und Jonas bringen sie in Jonas Zimmer. Später, so behauptet Anna, vergeht sich Jonas, obwohl sie mehrmals Nein sagt, an ihr. Am Morgen flüchtet sie aus dem Zimmer, ohne ihn zu konfrontieren.

Jonas fällt angeblich aus allen Wolken, als er, erst einige Wochen später, durch eine Anzeige mit den Vorwürfen konfrontiert wird. Schnell sind die Frontverläufe gezogen und viele Stimmen versuchen für die eine oder andere Seite Partei zu ergreifen, Beteiligte, Freund*innen und Familienangehörige schildern ihre Sicht auf die Dinge. Fakten werden gewendet, Widersprüche tun sich auf, klar und deutlich bleibt jedoch die Verletzung, die Anna erlitten hat, die Erschütterung, die man ihr ansieht.

Es ist beeindruckend, wie Wilpert in ihrem Roman die zentralen Problematiken des Themas anhand einer Geschichte zum Ausdruck bringt. Obgleich wohl viele Leser*innen dazu neigen werden, Annas Version zu glauben, kann man dank ihrer umsichtigen und genauen Darstellung auch Verständnis aufbringen für die Menschen, die nicht glauben wollen, dass Jonas etwas dergleichen getan hat, die für eine Unschuldsvermutung plädieren (Dennoch analysiert man natürlich permanent deren Motive).

Das Buch wirft einige Fragen zum derzeitigen Umgang mit Sexualstraftaten auf, ist aber vor allem die gelungene Darstellung eines Falls, wie er wohl tatsächlich vorkommt (leider vielleicht sogar öfter als vermutet), und all der emotionalen Verwicklungen, menschlichen Unsicherheiten, die damit verknüpft sind, und den Positionen, die sich daraus ergeben. Dass das Buch durchgehend bei der Darstellung bleibt, ohne Wertung von höherer Stelle, und dennoch die ganze ungeheuerliche Dimension des Themas enthüllt, das ist wirklich (again) beeindruckend. Und große Literatur.

„Jonas war kein böser Mensch. Er hatte etwas Schlimmes getan, das war ein Unterschied. Er war kein Teufel, und er müsste nicht wie einer behandelt werden. Nein, wahrscheinlich könnte sie ihm nie verzeihen, sagte Anna.“

Zu Margarete Stokowskis “Die letzten Tage des Patriachats”


Die letzten Tage des Patriachats Man muss schon den Hut ziehen vor Margarete Stokowski, wenn man diese gesammelten Kolumnen liest. Wie viele zentrale Themen unserer heutigen Gesellschaft und ihrer Verhältnismäßigkeiten darin aufgegriffen und angeschnitten, wie viele wichtige Anmerkungen zu Umgang, Perspektiven und Scheuklappen gemacht werden, wow. Und dann muss man noch einmal den Hut ziehen, wenn Stokowski hier und da durchblicken lässt, mit welcher Engstirnigkeit sie sich oft konfrontiert sieht, in Kommentaren, Zuschriften, etc., weil sie als Verfasserin dieser Kolumnen in Erscheinung tritt.

Der Band sammelt 75 von Stokowski ausgewählte Kolumnen aus den Jahren 2011-2018, die in zehn Themenkapiteln jeweils chronologisch angeordnet sind; viele von ihnen hat sie ergänzt durch Nachsätze, in denen sie Kommentare und Folgen zu den einzelnen Kolumnen schildert. Übergreifend kann man sagen, dass sie (bei Kolumnen nicht überraschend) oft einen Bezug zum Tagesgeschehen haben – aber Stokowski gelingt es fast immer, jenseits (oder eher diesseits) des Anlasses generelle Feststellungen anzubringen, Schlüsse zu ziehen, Symptome freizulegen und zu isolieren, Strukturen zu zeigen und eingespielte Problematiken zu benennen.

Ein zentrales Thema, das viele Kolumnen durchzieht, ist die Rolle von Frauen (und Minderheiten) in der Gesellschaft und ihre Stigmatisierung, die leider immer noch viele (sehr viele) Facetten und Gesichter hat.

Frauen haben immer noch weniger Geld als Männer, sie arbeiten seltener in Führungspositionen, sie erledigen die meiste Familienarbeit, und nicht wenige erleben sexualisierte Gewalt. Im Deutschen Bundestag sind im Jahr 2018 nicht mal ein Drittel der Abgeordneten Frauen. Frauen müssen in vielen Ländern für grundlegende Rechte kämpfen, und selbst dort, wo sie das nicht müssen, hören sie in den verrücktesten Situationen dämliche Kommentare über ihren Körper.

Es sollte jedoch niemand den Fehler machen, Stokowski deswegen für eine Agitatorin mit begrenzter Motivation und begrenzter Perspektive zu halten. Eins beweist sie in ihren Kolumnen mehr als einmal und ich bewundere sie enorm dafür: dass sie immer wieder gegen vereinfachte und festgesetzte, eingespielte und klischeegesteuerte Vorstellungen anschreibt und dass es ihr gelingt ihren Kolumnen (und hier setzt die Bewunderung ein) fast immer einen widerständigen, schlagfertigen Zug zu geben, eine Argumentation und Intonation aufzubauen, die sich auf knappem Raum wirkungsvoll und klug behaupten kann.
Stokowskis Texte zeigen: die Welt mag komplex sein, unübersichtlich vielleicht, aber es gibt doch sehr viel, das wir klar feststellen können, sowohl bei den Sachen, die im Argen liegen, als auch bei den Sachen, die gute Entwicklungen sind und jeden Unkenrufen trotzen können.

Bei Stokowski kann man außerdem lernen (nicht nur bei ihr, aber auch bei ihr), dass Feminismus eben nicht ein Versuch ist, Männer zu dämonisieren, unterzukriegen oder für ihr Mann-sein zu verdammen, sondern die generelle Emanzipation von Macht- und Diktionsstrukturen, sowie die längst fällige Aufhebung von zu enggezogenen Geschlechterbegriffen und Rollenbildern betreibt, zum letztendlichen Vorteil beider Geschlechter. Wie Stokowski in ihrem Buch „Untenrum frei“ schrieb:

Ungerechtigkeiten zwischen den Geschlechtern aufzuzeigen wirkt manchmal so, als wolle man die Gräben zwischen ihnen vertiefen, obwohl man sie auf Dauer abschaffen will: Ein nerviges Dilemma, aus dem man nicht rauskommt, solange man Probleme beheben will.
Wir müssen zeigen, nach welchen Kriterien sich Reichtum und Erfolg, Gesundheit und Lebensdauer, Gewalt und Leid verteilen, wenn wir wollen, dass alle dieselben Chancen auf ein glückliches Leben haben – auch wenn oder gerade weil diese Kriterien das sind, was wir auf Dauer abzuschaffen versuchen.

Ungleichheit und Stigmatisierung haben, wie gesagt, noch immer viele Facetten. Großteils sind es eingefahrene, überholte, falsche Vorstellungen, gegen die sich der Versuch der Veränderung von Verhältnissen und Umgangsformen behaupten muss. Das fängt an bei der von vielen Medien geschürten und überall halbgar servierten „Angst“ (in diesem Kontext wirklich das falsche Wort), dass die Anprangerung von sexuellen Übergriffen und Sexismus, am Arbeitsplatz und anderswo, einem Verbot von Flirten und Begehren gleichkommt. Stokowski bringt die Fadenscheinigkeit dieser (und anderer) Panikmacherei auf den Punkt und schreibt am Ende:

Es gibt eine feministische Flirtregel, die man sich im Übrigen sehr leicht merken kann und die lautet [#wheaton’slaw]: Sei kein Arschloch. Fertig. That’s it. Unisex übrigens.

und an anderer Stelle:

Es ist mir ein Rätsel, wie man denken kann, irgendwas würde der Menschheit fehlen, wenn Sexismus, Belästigung und Missbrauch wegfallen.

Aber Stokowski lässt es nicht bei diesen Themen bewenden, sondern äußert sich ebenso pointiert, gewandt, kritisch und klug zu angrenzenden und anders gearteten Themenbereichen. Großartig ist ihre Kolumne zu „Germany’s next Topmodel“, die mir aus der Seele spricht; am liebsten würde ich das folgende Zitat bei ProSieben einblenden, während die Show läuft:

Die Sendung ist eine perverse, niederträchtige, menschenverachtende Geldmaschine, die kapitalistische Krönung von Sexismus und Neoliberalismus in Form von Frauendressur mit Product Placement, und eine überraschungsarme Aneinanderreihung von Erniedrigungen, bei der junge Menschen dafür ausgezeichnet werden, dass sie geile Gene haben und sich den Regeln der Jury unterwerfen, weil man als Model halt einfach auch mal machen muss, was der Kunde will.

Und sie spricht mir ebenso aus der Seele, wenn sie über die Verbindung von Sexualität und Werbung schreibt – eine Erscheinung, welche, so glaube ich, das Verhältnis zum eigenen Körper in den letzten Generationen mitunter schwer belastet hat, vom Frauenbild ganz zu schweigen und vom Männerbild, das auf dieses Frauenbild ständig anspringen soll, erst recht.

Wenn wir aber die nackten Körper oder Körperteile von Frauen nicht mehr trennen können von Sex oder Erotik, dann haben wir ein Problem. Und zwar ein tief sitzendes. Wenn wir denken, dass wir nicht frei sind, weil nicht überall Brüste hängen oder Frauen halbnackt über Mietwagen robben, dann ist das ein schlechtes Zeichen für unser Frauenbild.

Auch auf die feinsprachliche Ebene geht Stokowski immer wieder – bspw. in einer Kolumne über die häufige Verwendung der Wörter „Krieg“, „Kamp“, „Frontlinie“ bei der Beschreibung von Diskussionen und Auseinandersetzungen zum Thema Gender und Feminismus. Die Kolumne trägt den rotzigen Titel „Hamse jedient im Genderkrieg?“ Stokowski klagt darin die fast schon brutale, zumindest zynische Gedankenlosigkeit bei der Verwendung dieser Worte an, die für eine gewaltsame und leidvolle, verheerende Erscheinung steht und schreibt u.a.:

Sagt mal: Frontlinie, Barrikaden, Krieg – haben die alle zu viel »Star Wars« geguckt. […] Es ist nur eine Metapher, sagt ihr. Nein, es ist unbedachtes Wörterkotzen. Metaphern haben einen Sinn, sie sollen etwas klarer oder schöner sagen. Wer aber von Krieg spricht, macht es weder klarer noch schöner, der sagt nur: Guck, wie sie sich prügeln. […] Hier meine These dazu: Das ist schlecht. Es klingt nach Eskalation, aber da eskaliert nichts. Da reden Leute. […] Krieg! Und dann bringt ein Mann eine Frau um, und was wird daraus? Ein »Beziehungsdrama«. […] So viel Feinfühligkeit darf man erwarten, nicht von Krieg zu sprechen, wo kein Krieg ist, und von Mord, wo Mord ist.

Und so geht es weiter – dreihundert Seiten Schlagfertigkeit, widerständiges und reflektiertes Denken, manchmal nonchalant serviert, manchmal um die Ohren pfeifend, mal von beißendem Spott, mal von klarer Anteilnahme begleitet. Ich erwische mich beim Lesen oft dabei, dass ich mir wünsche, dass Stokowskis Artikel die durchschlagende Wirkung erzielen, die sie für mich haben; dass Germany’s Next Topmodel dichtgemacht wird und Jens Spahns himmelschreiende Aussage zu Hartz IV als der politische Selbstmord gewertet wird, als der er hätte wahrgenommen werden müssen.

Wenn es wäre, wie Spahn sagt, und man hätte mit Hartz IV wirklich alles zum Leben, dann wären die Leute, denen das Geld nicht reicht, entweder unfähig oder gierig. […] Der Witz an Privilegien ist, dass man sie nicht die ganze Zeit fühlt, sondern dass sie Voreinstellungen der Macht sind, die einigen Menschen Dinge ermöglichen, die für andere wesentlich schwieriger oder unmöglich wären. Aber daraus ergibt sich Verantwortung.

Und für Verantwortung wirbt und kämpf Margarete Stokowski in diesen Texten. Für Verantwortung und Verständnis, fürs Hinterfragen und Empathisieren, sie wirbt darum und sie verlangt danach. Sie bricht Lanzen für Menschlichkeit und Zwischenmenschlichkeit, sie zerrt Hass und Rücksichtslosigkeit, Kurzsichtigkeit und Bequemlichkeit hervor und stellt sie bloß. Nach dreihundert Seiten kann ich nur noch sagen: Wir können froh sein, eine Stimme und eine Essayistin wie Margarete Stokowski zu haben. Sie hat zumindest mir dabei geholfen weiter zu denken als bisher, vielschichtiger mitzuempfinden, genauer hinzusehen. Wenn ein Buch das leistet, dann ist es ein verdammt gutes Buch.