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Zu den Essays und Kritiken zur frz. Literatur in Hanns Grössels “Im Labyrinth der Welt”.


Im Labyrinth der Welt Die meisten werden Hanns Grössel als Übersetzer kennen, vor allem als Übersetzer der Werke des schwedischen Nobelpreisträgers Tomas Tranströmer; sehr verdient machte er sich, auf dem Gebiet der Übersetzungen, auch noch um Inger Christensen und Raymond Roussel. Neben dieser Übersetzungs-Tätigkeit hat er auch in zahlreichen Artikeln und Essays die Klassiker und Neuerscheinungen der französischen und skandinavischen Literatur besprochen. Er verstarb 2012. „Im Labyrinth der Welt“ versammelt die Texte zur frz. Literatur, ein Band mit Texten zur skandinavischen Literatur folgt im September 2018, ebenfalls beim Lilienfeld Verlag.

Für mich war schon dieser Band eine hellleuchtende Freude. Nicht nur, weil hier einige Autor*innen besprochen werden, zu denen man sonst wenige Besprechungen und essayistische Texte in die Finger bekommt (wie etwa Georges Perec, Michel Leiris, Marguerite Yourcenar oder Raymond Queneau), sondern auch weil mir Grössels Art zu Rezensieren sofort sympathisch war. Er liefert genau jenen Mix aus Hintergrundinformation und Aspektaufgreifen, der einen Sekundärtext anregend macht und ansatzweise eine Vorstellung des Leseerlebnisses transportiert, eine Idee von dem Kosmos vermittelt, in dem sich diese Literatur bewegt.

Viele der Texte sind Rezensionen und meist nicht länger als 3-5 Seiten. Es gibt aber auch einige umfangreichere Texte, von denen der stärkste wohl ein längerer Essay zu der Person und dem Werk von Louis-Ferdinand Céline ist, einem bis heute ja sehr umstrittenen Autor, auf den man gut Marcel Reich-Ranickis Satz über Ernst Jünger („Dass der Mann schreiben kann, macht die Sache nicht einfacher“) anwenden könnte – vielleicht trifft er auf Céline sogar mehr zu, denn auf Jünger. Grössel gelingt es in seinem Text, die Problematiken von Célines Person aufzugreifen und in allen Facetten abzubilden – und trotzdem eine Faszination für das Werk und den Autor zu wecken.

Neben Iris Radischs jüngst erschienenem Buch („Warum die Franzosen so gute Bücher schreiben“) über die Bücher und Autor*innen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhundert, ist dies hier sicherlich die beste Sammlung mit Texten zur französischen Literatur. Die beiden Bücher ergänzen sich sogar fabelhaft, denn wo Grössel ein Auge für die Außenseiter*innen hat, die Spezialist*innen (und außerdem bereist das 19. Jahrhundert mitabdeckt), hat Radisch eher die akkreditierten Literat*innen porträtiert.

Ich kann diese Sammlung zur jedem ans Herz legen, der sich mit den vielen Gesichtern der frz. Avantgarde und den Entwicklungen der französischen Literatur auseinandersetzen will. Es sind natürlich Streiflichter, die hier geboten werden, keine formvollendete Literaturgeschichte. Aber das Labyrinth der Welt lässt sich wohl auch schwerlich als Ganzes abbilden.

 

Zu Perecs Traumnotaten in “Die dunkle Kammer”


“Aus Deutschland erhalte ich einen Brief, der mir mitteilt, dass Eugen Helmlé gestorben ist. Ich hatte ihm noch am Vortag geschrieben.

Nach und nach wird mir klar, dass ich träume und das Eugen Helmlé nicht tot ist.”

Gott sei Dank war es nur ein Traum – denn was für Übersetzungen und Werkzugänge wären uns entgangen, wenn Eugen Helmlé gestorben wäre. Es wäre uns wahrscheinlich nie möglich gewesen Anton Voyls Fortgang zu lesen, Helmlé geniale Übersetzung von “La Disparation”, dem Roman ohne den Buchstaben “e”. Oder Perecs Opus Magnum Das Leben: Gebrauchsanweisung, das man laut Harry Rowohlt einmal im Jahr lesen sollte. Und ich hätte vielleicht nie das Glück gehabt, dem für mich nach wie vor ungeschlagene Kleinod Träume von Räumen zu begegnen, einer vielschichtigen, epiphanischen Meditation über die Vorstellungen des Raums.

Träume, Schlaf. Die Belassenheit der Dinge, die aber gleichsam im Inneren ungeheure Kapazitäten bereithält. Themen, die in Perecs Werk immer wieder auftauchen. Das Sprachspiel, die Schule von Oulipo, war das Eine; das lieferte die Formen, die Freude, den Spaß, die Herausforderung. Auf der anderen Seite sind da die eigenen Untiefen, aus denen jeder Schreibende schöpft. Gerade bei Perec prallen an der Schnittstelle durchaus einige Gegensätze aufeinander. Denn so genial viele seiner Werke sind, es geht darin oft um Verlassenheit, um Zwingendes und Furchteinflößendes, um das Negierende. In seinem Nachwort schreibt der Übersetzer und Herausgeber Jürgen Ritte:

“Unter den vielen literarischen Wunderwerken, mit denen Georges Perec im Laufe seines viel zu kurzen Lebens die Welt beschenkte, ist die Dunkle Kammer […] gewiss das verstörendste.”

Das ist meiner Meinung nach etwas zu hoch gegriffen, ich halte W oder die Kindheitserinnerung definitiv für das verstörendste Werk Perec; es trifft einen wie einen Wucht, gerade wenn man vorher die eher spielerischen oder meditativ-philosophischen Texte von Perec kannte. Aber beiden Büchern ist die Eigenschaft gemein, gleichsam autobiographisch und doch in gewissem Sinne undurchsichtig, undurchdringlich zu sein.

Im Titel “Die dunkle Kammer” ist natürlich die Idee der Dunkelkammer enthalten, der Ort, wo man aus Negativen Fotos entwickelt. Und tatsächlich ist die Niederschrift von Träumen ein ähnlicher Vorgang. Man erlebt etwas und mit der Linse hält man es fest, wie den Traum mit dem Stift, und es kommen dabei Objekte heraus die eine Version des Traums/des Erlebnisses sind und doch wieder nicht. Es sind Rahmungen, es sind Festsetzungen von etwas, das nicht festgesetzt werden kann.

Trotzdem gelingt Perec in den 124 Traumnotaten Erstaunliches. Sehr oft fängt seine nüchterne Nacherzählung der Träume gut die additive und zugleich kontemplative Bewegung der Träume ein, den Verlauf. Vor allem das Bewusstwerden, das im Traum – noch einmal mehr als in der Wirklichkeit – meist eine geradezu erschütternde, direkt Dimension bekommt. Das ermöglicht es den Lesenden einzutauchen in die andere Seite der Nacht, in die seltsame Kreativität unserer Unterströmung, die alles Mögliche anschwemmt, das einmal in den Strudel unserer Wahrnehmung, unserer Erinnerungen, unserer Bedeutungsaneigung geriet.

“Ich bin A. in meinem Zimmer – und mit einem Zufallsbekannten, dem ich das Go-Spiel beizubringen versuche. Er scheint das Spiel zu begreifen, bis zu dem Augenblick, da mir bewusst wird, dass er glaubt, gerade die Bridge-Regeln zu lernen.”

Die Berichte der Träumen sind von unterschiedlicher Ausführlichkeit und von unterschiedlicher Schwere, je nachdem ob es um ein eher obskures, wie eine Phantasie anmutende Traum-Szenario geht, z.B.:

“Ich gehöre zu einer Gruppe Hippies. Auf einer Landstraße stoppen wir den Verkehr. Wir umzingeln eine Luxuskarosse und rücken ihr bedrohlich näher.”

oder ob Lebensthemen im Zentrum der Träume eine gewisse Gravität einbringen. Einmal träumt Perec, er und ein Freund hätten in “Anton Voyls Fortgang” lauter e’s gefunden; plötzlich tauchen sie auf, stechen hervor, dann sind sie wieder weg. Die Holocaust-Vergangenheit von Perecs Familie und seine privaten Beziehungen sind andere Themen, die oft einfließen; das Bergwerk, zu dem der Traum immer wieder zurückkehrt, um zu schürfen. Und dann sind es wieder von jeglichem Betrachter losgelöste Träume, entkörperte Filme hinterm Auge des Schlafs.

“Nach einer langen Abwesenheit kehrt der Rächer aus Mexiko zurück. Ein Verräter schickt sich an ihn von hinten zu erschießen, als eine hell behandschuhte Hand auftaucht und ihn daran hindert.”

Die dunkle Kammer ist ein reiches Buch, ein Buch mit dem man sich sehr lange beschäftigen kann und dafür muss man nicht einmal an Perec oder seinem Werk im Besonderen interessiert sein. Wobei auch der- oder diejenige auf seine/ihre Kosten kommt, zumal das Nachwort sich sehr gelungen zu Perecs Werk auslässt (und dabei vielleicht ein bisschen zu wenig zu “Die dunkle Kammer”).

Für alle, die sich für den Traum interessieren, für das Wartende, Schlummernde, das erwacht, wenn wir einschlafen, eingefasst und durchdrungen von den Symbolen unseres ganzen Lebens und doch nur in unordentliche Zustände gekleidet, denen wird dieses Buch ein Schatz sein. Jorge Luis Borges zitierte einmal Arthur Schopenhauer mit dem Satz: “Wach sein heißt, das Buch des Lebens lesen, Träumen heißt, darin zu blättern.”

Zu Georges Perecs “Ein Mann der schläft”


Georges Perec gehört bis heute zu den unangefochtenen Königen innovativer Literatur. Davon zeugen nicht nur seine große Würfe, der 1000 Seiten Roman Das Leben – Gebrauchsanweisung und sein Roman, welcher ohne den Buchstaben “e” auskommt: Anton Voyls Fortgang, sondern auch seine kleineren, sprachexperimentellen Werke, von denen einige vor kurzem erst bei diaphanes broschur neu aufgelegt wurden.

Perecs Bücher sind Ausnahmeerscheinungen und deswegen nicht für jede Leseerwartung zu empfehlen, die man bei dem Titel “Roman” hegen könnte. Das Buch ist eindeutig ein Roman, aber der Inhalt ist, wenn man ihn schlicht als Handlung eines Romans betrachtet, wahrscheinlich eher als dürftig zu bewerten. Es gibt zwar einen Spannungsbogen und eine klare Stimmungskontur, doch davon abgesehen hat der Roman scheinbar keine prägnanten Themen oder Geschichten zu bieten. Die Frage ist: Was bewertet man – das was da ist, oder das was fehlt?

“Ein Mann der schläft” beginnt mit einer Expertise über den Schlaf; über das seltsame Gefühl, kurz bevor du einschläfst, die verlorenen Sekunden zwischen Stille und Erwachen, die Formen und Farben die auftauchen, wenn du die Augen schließt, jedoch trotzdem noch schaust. Mit wunderbarer Detail- und Sprachsensibilität schafft Perec es, dass man erstmal in sich selbst schaut, tief nachempfindet, was er beschreibt, weil man es kennt, weil man es so schon erlebt hat – weil man sofort die Augen schließen und miterleben kann, was man gerade gelesen hat.

Nach dieser, für uns sehr nahen Erfahrung, folgt die “Geschichte”, in der ein 25jähriger Student eines Tages nicht aufsteht, obwohl er an diesem Tag Examen machen soll.
Wir alle wollten schon mal nicht aufstehen, wollten unser Leben, das wir gerade leben, verwerfen wie einen Entwurf, den wir gemacht haben, und zurückkehren in die Welt der Zeitlosigkeit, dahin wo die Schliche der Zeit und des Raums sich zersetzen – und nun haben wir hier die Geschichte eines Mannes, der diesen Weg wählt; er kappt die Verbindung zur Welt, er nimmt quasi das Gefühl des Traumes für die Wirklichkeit in Anspruch.

Und wir sind immer noch ganz nah dran an dieser Geschichte. Zumindest ich konnte diese Nähe auch nicht mehr völlig ablegen – durch die geschickt an den Anfang gestellte Einstimmung, die mir so vertraut war und die in derselben feinen Sprache verfasst war, wie die darauf folgende Geschichte, war ich mit dem Folgenden ebenfalls verbunden.

“Du hast kaum gelebt und doch ist alles schon gesagt, schon vorbei.”
“Du gehst wie ein Mensch, der unsichtbare Koffer trägt, du gehst wie ein Mensch, der seinem Schatten folgt.”

Was passiert, wenn man sich auflösen will in Raum und Zeit? Wenn man die Zügel der Welt ablegt? Wenn man noch in ihr lebt, aber seinen Beitrag zu ihr einspart?
Perecs Student zieht sich in sich selbst zurück. Er will ein Baum sein, er will in Ruhe gelassen werden, er will allein sein. Will er allein sein? Nein, eigentlich will er vor allem eins: er möchte ein Teil der Welt sein und nicht ein Mensch, der nie ein Teil der Welt ist, weil er sie verstehen will, weil er wie außerhalb von ihr steht, von wo er sie immer unterschiedlich sieht, weil er sie nie gleich sehen kann, ja, weil er eine eigene Welt ist, die ständig mit einer großen, ganzen Welt konkurriert, die soviel größer ist als die seine, so groß, dass er sie nur wahlweise mit seiner Welt messen kann. Aber wonach soll man wählen? Ist die Wahl nicht armselig, im Gegensatz zum Frieden, den alles andere hat?

“Ein Mann der schläft” ist kein Roman, der eine Geschichte erzählt, auch wenn er es vordergründig vorgibt zu sein. Nein, es ist ein Buch, dass ein Gefühl einfasst,  ein Gefühl, dass sich über 140 Seiten ausspricht, das klagt, nach Lösungen sucht, das zusieht, wie alles entflieht, das sich selbst auf den Grund geht. Das Gefühl zu nennen ist nicht möglich, denn es braucht diese 140 Seiten oder einen ganz bestimmten Abschnitt, der Teil dieser 140 Seiten ist (sein muss), um dies zu tun.

Wer also gerne ein Leseabenteuer erleben, wer eine persönliche Erfahrung in Form eines Buches machen will, der lese “Ein Mann der schläft”. Kurz und knapp zusammengefasst ist über dieses Buch zu sagen: Ein wirklich interessantes Werk und tiefenwirksam.

“Vogelschwärme ziehen sehr hoch am Himmel dahin. Auf dem Yonne-Kanal gleitet ein langer Kohleschlepper mit metallblauem Rumpf, von zwei großen grauen Pferden gezogen, vorüber. Nachts kommst du über die Route Nationale zurück, aufheulende Autos kommen dir entgegen oder überholen dich, du wirst von Scheinwerfern geblendet, die, wie es einen Augenblick lang scheint, den Himmeln anleuchten wollen, bevor sie sich auf dich stürzen.”

Link zum Buch

*diese Rezension ist bereits in Teilen auf Amazon.de erschienen