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Umfassende Gelehrsamkeit in Erich Auerbachs Essays


Die Narbe des Odysseus Erich Auerbach – nach der Lektüre des Bandes bereue ich, diesen Namen nicht schon vorher gehört und nicht früher mit seinen Schriften Berührung gekommen zu sein. Das gemächliche und dabei umfassende Verständnis, das seine Prosa verströmt, die gediegene und doch sehr einfache Heranführung an bedeutende Sachverhalte und literarische Momente, der federleichte Witz, der eigentlich kein Witz ist, sondern eher so etwas wie Nachsicht, eine gewisse Behutsamkeit im Angesicht des Schönen, Besonderen – dies alles zeichnet Auerbachs Essays in diesem Band aus.

Auch einige Briefe sind abgedruckt, jeweils eingeleitet durch eine Darstellung der Beziehung zur angeschriebenen Person und die Umstände des Briefes. Enthalten sind Briefe an Thomas Mann, Walter Benjamin, Victor Klemperer und andere Weggefährten und Freunde.

Kernstück des Bandes ist in jedem Fall der Essay „Die Narbe des Odysseus“, nicht nur wegen dessen Länge, sondern auch weil er eine der gelungensten Analysen von literarischerer Strukturanalyse und dramaturgischem Aufbau darstellt, die ich bisher gelesen habe – ohne dabei entkernend oder erschöpfend zu wirken. Neben diesem Meisterstück gibt es Texte zu Montaigne und Proust, Giambattista Vico, sowie Dante & Vergil, wobei letzterer ebenfalls dazu geeignet ist, Faszination für einen alten Klassiker der Literatur zu wecken.

Wie viele andere Gelehrte musste Auerbach Mitte der 30er Jahre aus Deutschland emigrieren, nachdem er wegen seiner jüdischen Abstammung seinen Lehrposten aberkannt bekam. Er ging nach Istanbul, wo er den Krieg über blieb und sein Hauptwerk „Mimesis“ schrieb, und danach in die Vereinigten Staaten.
Die Einleitung von Matthias Bormuth stellt diesen Lebensweg umfassend dar und gibt auch eine Einführung in Auerbachs Werk und Denken.

Wieder einmal legt der Berenberg Verlag mit diesem Buch ein Schmuckstück, einen kleinen kulturellen Schatz vor; es ist eine Freude, diese Bücher zu lesen und sie in der Hand zu halten. Im Fall von Erich Auerbach ist es eine philologisch-intelligible, fein-humanistische Freude.

Zu Tolkiens drei Aufsätzen/Vorträgen in “Gute Drachen sind rar”


Man kommt J.R.R. Tolkien nicht leicht bei. 60 Jahre nach der Veröffentlichung von “Der Herr der Ringe” ist der englische Schriftsteller weiterhin fast ausschließlich als “Begründer der Fantasy” bekannt; nur manchmal taucht dahinter noch diffus eine Ahnung jenes größeren Werkes auf, an dem Tolkien sein Leben lang arbeitete und von dem die Ring-Trilogie und “Der Hobbit” nur einen kleinen Teil ausmachen: Das Silmarillion und die Geschichte von Mittelerde, die mit einer Entstehungs- und, Vorgeschichte, Religionen und Mythen, Sagen und historischen Figuren, Geschichten und Familienfehden (und vielem mehr) aufwarten kann.

Neben diesem Mammutwerk steht klein und unscheinbar Tolkiens essayistisches Werk. Es behandelt fast ausschließlich Themen, die für Tolkien selbst und auch für die Entstehung seiner Werke von immenser Bedeutung waren; es sind quasi die Puzzleteile, aus denen sich seine Inspiration zusammensetzen ließe. Trotzdem wird den Vorträgen und Aufsätzen auffällig wenig Beachtung geschenkt – was auch damit zusammenhängen mag, dass sie meist die Essenz einer sehr breiten Auseinandersetzung sind und keine einnehmende Art an den Tag legen.

Was nicht heißt, dass sie nicht interessant und lehrreich wären. Aber schon diese beiden Adjektive erschöpfen in den meisten Fällen die Reize, welche die Texte bedienen können. Sie sind weder besonders eloquent, noch amüsant oder gar unterhaltsam – mit Ausnahme des Beowulftextes, auf den ich weiter unten zurückkomme. Sie weisen eine große Umsichtigkeit auf, aber letztlich bleiben sie auf die Faszination beschränkt, die Tolkien von seiner Seite heranträgt und entfachen ein bisschen zu wenig davon im Leser, machen ihm die Dinge klar, aber gewinnen ihn wahrscheinlich nicht ganz dafür.

Dies wird vor allem beim ersten Text in diesem Band “Ein heimliches Laster” deutlich. Darin geht es um das Erfinden von Sprachen. Nachdem Tolkien schildert, wie er mit dem Thema in Berührung kam, erschöpft sich der Vortrag im Weiteren bereist in ein paar Beispielen aus seinen eigenen Kreationen. Nicht, dass dabei nicht interessante Ansätze vorkommen würden und was Tolkien zur Entstehung von Sprachen zu sagen weiß und wie sie funktionieren, ist wiederum interessant, aber selten kommt es der eigenen Erfahrung wirklich nahe.

Der zweite und längste Text “Über Märchen” ist wohl nur für die Leser geeignet, die sich erschöpfend mit diesem Genre auseinandersetzen wollen – oder für die, die einen umfassenden Einblick in dessen Etymologie erhalten wollen. Mit einer manchmal etwas umständlichen Sorgfalt nähert Tolkien sich zunächst der Definition des Märchens und grenzt es von anderen Gattungen ab; dann geht er Stück für Stück den einzelnen Elementen, die es ausmachen und seine Qualitäten sind, auf den Grund.

Das Meisterstück und schon allein ein Grund sich diese Ausgabe zuzulegen, ist der Aufsatz “Die Ungeheuer und ihre Kritiker”, eine Betrachtung und Verteidigung des Beowulf-Epos. Der Text ist zum einen ein Meilenstein in der Forschungsgeschichte des Gedichtes, den Tolkien wendet sich gegen die herkömmliche Einschätzung, dass das Gedicht nicht unter ästhetischen, sondern nur unter historisch-archäologischen oder philologischen Gesichtspunkten eine Betrachtung wert sei.
Tolkien war selbst Philologe und wusste um den großen Wert des Textes als Bruchstelle zwischen den frühen prä-angelsächsischen Sprachen und den Anfängen eines modernen Englisch. Aber er war dennoch entschlossen, die ganz eigene Schönheit des Gedichtes zu betonen und diesen Aspekt noch über den wissenschaftlichen Nutzen zu stellen und schenkte uns eine der schönsten literarischen Liebeserklärungen; von einer Auffassung durchdrungen, die es schafft, uns das Originelle und die Wirkungsart des altenglischen Textes wirklich zu zeigen und nahe zu bringen.

Tolkien war sicher nicht der geschickteste Essayist, seine Vorlieben spannen ihn manchmal allzu sehr ein und wirken sich auf den Grad der Aufschlussreichheit aus. Er verfügte über ein umfassendes Wissen und eine arrivierte Begeisterung, hat eine lebendige Beziehung zu seinen Forschungsgebieten. Das macht die Texte dieses Bandes letztlich dann doch sehr lesenswert.

Tolkiens ganze Meisterschaft – von Tom Shippey in seinem Buch “Tolkien – Autor des Jahrunderts” wunderbar präsentiert


Tolkien als großer Autor des 20. Jahrhunderts? Da gibt es wohl nicht wenige, die Protest einlegen würden. Wie könnte jener Autor, der das Fantasy Genre (mit-)begründete (eine als trivial und unterhaltungsversessen abgestempelte Richtung der Literatur), denn ein großer Autor, ja, ein wahrer Meister seines Faches, der Sprache, der Literatur sein?

Barock und mythenverklärt, infantil und pathetisch, eindimensional, weltfremd und heroisch – es gibt genug Vorwürfe gegen Tolkien und seine Werke. Dass die meisten dieser Vorwürfe einer Unkenntnis des Werkes entspringen, sich lediglich auf Vorurteile oder Medien zweiter Hand (Filme, Nacherzählungen, Zusammenfassungen) stützen, ist das eine; dass aber trotz der Verehrung und Popularität, die Tolkien und seine Werke genießen, für einen Großteil der Leser noch immer nicht ersichtlich und klar ist, dass Tolkien einer der vielschichtigsten, fortgeschrittensten und wegweisensten Autoren seiner und unserer Zeit ist, nicht nur thematisch, sondern erzähltechnisch, allegorisch, metaphysisch, Ambivalenz und sprachliche Schönheit mit Wissen, Transzendenz und Können vereinend, kann man fast nur als unverständlich und muss es als rückständig ansehen.

Dieses Buch kann bei diesem Missstand etwas Abhilfe schaffen. Es zieht einen wirklich in die Materie von Tolkiens künstlerischem Hintergrund, gespeist von seinem Leben und seiner Arbeit mit dem Altenglischen, den Sagen der britischen Inseln, dem Beowulf-Epos, sowie einigen zentralen philosophischen Problematiken, um die seine Werke kreisen: der Ursprung von Gut und Böse, die Willensfreiheit des Individuums im Kontext übergreifender Ereignisse, Fragen der Hoffnung und der Tod und die Ewigkeit. Einem werden die Augen geöffnet inwieweit Der Herr der Ringe und Tolkiens andere Werke nicht nur Geschichten, sondern metaphysische, psychologische und mythische Kosmen sind, die durch ein Gespann von Handlung gezogen und ausgebreitet werden, aber im Kern immer ein metaphorisches und transzendentes Wesen, Bezüge und Konzepte haben.

Es macht außerdem einfach Spaß dieses Buch zu lesen. Über die Einleitung, die sich auch ein bisschen mit Tolkiens Rolle in der Literaturlandschaft des 20. Jahrhunderts beschäftigt, über eine genauere Betrachtung der einzelnen Werke, bis hin zur Analyse einiger grundlegender Motive in seinem Werk wird man bestens unterhalten und belehrt, ganz ohne elitäre Strapazen. Gerade für Leute, die Interesse an Sprache haben, ist dieses Buch eine Goldgrube. Da der Autor selbst Philologe ist gelingt es ihm zu zeigen wie Tolkien einst durch sein Suchen nach den Ursprüngen der Worte zu Namen, Orten und Einfällen (und eigenen Sprachen) für seine Werke kam und führt uns ganz nah heran an die Quellen seiner phantastisch anmutenden Werke, die dadurch nicht weniger phantastisch werden, aber viel ansichtiger, heller, mit einer Balance zwischen Fiktion und Idee. Das macht nicht nur die Werke zugänglicher, sondern bringt auch ihren Autor klarer und menschlicher, als Kontur dahinter, hervor und zu Bewusstsein; wir lernen Tolkien kennen, als Schaffenden und Suchenden, lernen die besondere Beschaffenheit seines Denkens zu verstehen.

Gleichzeitig ermöglicht uns Shippey Einblick in die große Dimension von Tolkiens Leistung. Man ist fast dazu verleitet, sofort sämtliche Werke Tolkiens aufzutreiben und zu studieren, zu lesen – diesem großen Reichtum hinter dem Text nachzugehen, die Shippey uns mit seinen Betrachtungen öffnet und der einen vermuten lässt, dass jede Sprechweise der Charaktere, jede Szene, ein tieferes Postulat, eine größere Gedankenwelt bereit hält.

Nachdem ich das Buch zweimal gelesen habe und es schon wieder lesen will, fasziniert von Sachen, die ich gelesen und schon wieder vergessen habe, die aber Anstoß für weitreichende Überlegungen waren, kann ich nur sagen: dieses Buch ist lesenswert, es ist inspirierend und vor allem sollte es gelesen werden, damit klar wird, was für ein großer Geist hinter den Werken des J. R. R. Tolkien steht.