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Zu dem Buch “Unsere Grundrechte” von Georg M. Oswald


Grundrechte.jpg „Die Grundrechte sind einfach, jeder kennt sie.
Sie heißen, kurz gefasst: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit.“

Das ist natürlich eine grobe, einfache Zusammenfassung. Aber auch wenn sich die Ideen hinter diesen Worten seit der französischen Revolution ausdifferenziert haben (klarerweise würde man, um eine der offensichtlichsten Wandlungen zu nennen, heute nicht mehr von Brüderlichkeit sprechen, weil diese geschlechtsspezifisch Wendung eine Hälfte der Menschheit ausklammert), es sind noch immer diese drei Bausteine, die das Grundgerüst jeder liberalen Gesellschaftsauffassung bilden.

Liberalität, Gleichberechtigung, Sozialität – die aktuelle Verbreitung dieser drei Grundsätze sind das Erbe und die gesellschaftliche Errungenschaft eines ganzen Zeitalters, ganz gleich wie problematisch und janusköpfig sie sich in einigen Fälle erwiesen haben und noch erweisen werden. Für viele, die an der Schwelle zum 21. Jahrhundert (oder sogar erst in diesem Jahrhundert) in einem westlichen Industriestaat wie Deutschland geboren wurden, sind diese Werte nahezu selbstverständlich; ihre Würdigung gilt leider fast schon als obsolet.

Doch wir leben nicht nur in bewegten Zeiten, sondern müssen uns auch eingestehen, dass diese Grundsätze eigentlich nur auf dem Papier existieren. Sie müssen ausgeübt werden, um über die Verschriftlichung hinaus zu existieren – oder alles, was auf ihnen gründet, verliert irgendwann den Boden unter den Füßen.

„An dieser Stelle ist mir nur wichtig, Folgendes festzuhalten: Wenn wir wollen, dass die Grundrechte in unserem Leben Bedeutung haben, müssen wir sie vom Kopf auf die Füße stellen. E geht nicht darum, Listen auswendig zu lernen und Rechte aufzuzählen, deren Inhalt uns nicht klar ist. Wir sollten wissen, was unsere Rechte sind. Und, wie gesagt, eigentlich wissen wir das bereits […] mir geht es in diesem Buch jedoch darum, zu zeigen, wie sehr die Grundrechte in unseren aktuellen politischen und gesellschaftlichen Diskursen wirken, wo sie infrage gestellt, eingeschränkt, übergangen werden und wo wir aufgefordert sind, für sie zu kämpfen. Sie sind das Regelwerk für eine andauernde gesamtgesellschaftliche Diskussion.“

Georg M. Oswald, Autor und Jurist, macht sich in seinem Buch genau daran: die Grundrechte vom Kopf auf die Füße zu stellen. In seinem kurzen, schlichten, aber doch bemerkenswerten und vor allem anschaulichen Buch, zeigt er anhand der ersten neunzehn Artikel des Grundgesetzes (die im Prinzip die Grundrechte jedes Bürgers, jeder Bürgerin darstellen und stark an den allgemeinen Menschenrechten orientiert sind), wie wichtig, knifflig und erhellend die Auseinandersetzung mit den Grundrechten ist.

Denn sie sind nicht nur ein Katalog der wichtigsten staatlichen Grundsätze, sie stiften zu vielerlei Überlegungen an, sowohl metaphysischer als auch praktischer Natur. Oswald führt einige dieser Überlegungen vor und wahrt dabei eine nahezu perfekte Balance: ihm gelingt ein erfreulich zugänglicher Mix aus rechtlicher und philosophischer Betrachtung und Analyse. Dabei bringt er die Grundrechte konsequent in Verbindung mit aktuellen gesellschaftlichen Debatten, mit Überlegungen der letzten Jahre, mit juristischen Fällen, Literatur, etc. Er stilisiert sich nicht einfach als Verfechter eherner Prinzipien, sondern bewegt sich, ambivalent, sorgsam und geduldig, durch die Materie, mit einem Auge für beides: Chancen und Probleme.

„Der große Nachteil der repräsentativen Demokratie besteht in der Herausbildung einer »politischen Klasse«. Im schlechtesten Fall ist sie geprägt durch Opportunismus, Fraktionszwang, Karrierismus und Lobbyismus.“

Er weist also sowohl auf die Dilemmata hin, die sich aus den Grundrechten (und den Apparaten und Strukturen, die diese gewährleisten sollen) ergeben, aber auch auf ihre Funktion als unabkömmliche Leitmotive. Seine Stellungnahmen sind differenziert und er hat den Mut, einige Punkte offen zu lassen; bei anderen wiederum die Weitsicht, doch einen klaren Punkt zu markieren. Er weist keine direkten Wege, führt aber die Leser*innen an vielerlei Themen heran, gibt ihnen einen Einblick in die grundsätzliche juristische Perspektive auf die Dinge und sagt auch, warum eine juristische Perspektive allein oft nicht reicht.

Kurzum: Dies ist eines dieser wunderbaren, besonnenen Bücher mit Aktualitätsbezug, denen ich viel mehr Leser*innen wünschen würde als dem ganzen polemischen Mist, der ständig im Gespräch ist. Ich fürchte ja, dass das Buch, weil es einfach „nur“ klug und anregend ist, wenig Aufmerksamkeit bekommen wird. Ich hoffe natürlich, dass ich mich irre. In jedem Fall: ich war dankbar, es lesen zu dürfen.

Zu der Ausgabe “Gesammelte Werke” von Jack London beim Anaconda Verlag


Die gesammelten Werkausgaben von Anaconda sind ja manchmal kleine Mogelpackungen – wo es bei Schriftstellern wie Edgar Allan Poe, William Shakespeare, Franz Kafka und Heinrich Heine durchaus möglich ist, alle Hauptwerke in einem Band zu versammeln, wird man bei Friedrich Nietzsche, E.T.A. Hoffman, Mark Twain oder Stefan Zweig eher stutzig werden, wenn ein Band ihr Hauptoeuvre fassen soll (auch wenn speziell die Ausgaben von Hoffman und Zweig dennoch sehr zu empfehlen sind). Ähnlich verhält es sich mit Jack London, der eine große Anzahl von Romanen und Kurzgeschichten geschrieben hat, die ebenfalls in einem Band schwerlich Platz finden können. Vielleicht wäre es bei solchen Autoren besser von “Ausgewählten Werken” zu sprechen.

Gerade bei Jack London wäre diese Titelwahl noch aus einem zweiten Grund angebracht. Denn dieser Schriftsteller ist nach wie vor hauptsächlich als Verfasser von Abenteuergeschichten, zu Lande und zur See, bekannt; bei seinen Figuren hat man meist Glücksritter und verwilderte Sonderlinge, Wölfe und Halunken vor Augen. An diesem Bild halten auch viele Werkzusammenstellungen fest (zum Beispiel die (dennoch empfehlenswerten) Meistererzählungen bei Diogenes oder eben diese Werkzusammenstellung bei Anacaonda), die ihre „Auswahl“ entsprechend treffen.

Dabei war Jack London ein äußerst vielschichtiger Autor. Erzählbände wie Die Geschichte vom Leopardenmann knüpfen an die phantastischen Erzählungen von Edgar Allan Poe an (und es lassen sich erste Anklänge von Science-Fiction darin finden), mit König Alkohol hat London eines der erschütterndsten Portraits eines süchtigen Menschen verfasst, sein Roman Martin Eden ist meiner Meinung nach einer der besten Entwicklungsromane überhaupt, spätere Bücher wie Die Zwangsjacke beleuchteten komplexe existenzielle Situationen (sein letzter Roman Das Mordbüro kombiniert dies wiederum mit phantastischen Elementen) und seine politischen Essays setzten sich mit den damals aktuellen Problemen der Arbeiterschaft und dem Sozialismus auseinander.

Viele dieser Aspekte werden in Werkzusammenstellungen unterschlagen und das sollte zumindest bekannt sein. Warum ich diese Werkzusammenstellung trotzdem empfehle? Zum einen, weil sie für eine Einband-Werkausgabe wirklich sehr leser*innenfreundlich ist: kein zu dünnes Papier, trotzdem nicht zu schwer und die Texte sind nicht auf die Seiten gequetscht, sondern werden in einer guten Schriftgröße und mit gutem Zeilenabstand präsentiert; auch das Wort- und Sacherklärungsregister am Ende ist hilfreich. Und zum anderen, weil sie für all denjenigen, die Jack London als Abenteuerschriftsteller schätzen, tatsächlich die besten Stücke versammelt.

Der Inhalt deckt sich dabei fast komplett mit der ebenfalls bei Anaconda erschienenen vierbändigen Schuberausgabe Jack London – Romane und Erzählungen. Enthalten sind die beiden Romane Wolfsblut und Ruf der Wildnis, in denen ein Wolf bzw. ein Wolfshund der Protagonist ist, sowie der großartige Roman Der Seewolf über den rauen, egomanischen Haudgegen Wolf Larsen (quasi ein reflektierter Captain Ahab). Dieses Buch, eine Auseinandersetzung mit der Figur des übermenschlichen, unantastbaren, nihilistischen Charakters, wird nach wie vor von vielen unterschätzt, die es nicht gelesen haben; es besitzt eine große philosophische Dimension. Zuletzt dann noch eine Auswahl von vierzehn Nordland-Storys, in denen die pure Lebensnähe, die Londons Abenteuer-Erzählungen nach wie vor lesenswert macht, an jeder Ecke spürbar wird.

Jack London war ein intelligenter Autor mit hohen ästhetischen Ansprüchen, nur verabscheute er die reine Schöngeistigkeit. Das Leben, um das Leben musste es gehen; und nicht um das Leben der Hochgeborenen oder Wohlbetuchten. Sondern um das Leben, das sich mit der Natur und mit dem Tod jederzeit auseinandersetzt. „Der Mensch ist gemacht, damit er lebt; nicht damit er existiert. Ich werde meine Tage nicht damit vergeuden, daß ich sie zu verlängern suche. Ich werde meine Zeit gebrauchen“, schrieb London. Seine Werke sind ein Versuch, das Leben in die Literatur zu bringen, vom Unbarmherzigen und Menschlichen zu erzählen. Das gelang ihm des öfteren und es gelingt ihm auch in den Werken dieser Ausgabe. Und auch die Unterhaltung wird dabei nicht zu kurz kommen.

Eine letzte Empfehlung noch zu Jack London: wer sich mit dem Autor etwas auseinandersetzen will, der sollte sich Wilde Dichter: Die größten Abenteurer der Weltliteratur zulegen.

Über Auden und die essayistischen Texte im Band “Ein Bewusstsein der Wirklichkeit”


  Gerade bei den Literat*innen, die einem am nächsten sind, deren Werke man liebt und an deren Fähigkeit zur Vision, zur Berührung, zur Größe man glaubt, ist man meist auch ein bisschen vorsichtig, was Erwartungen angeht, und man fürchtet oft enttäuscht zu werden, wenn man ein neues Werk von ihnen aufschlägt.

Ich liebe und schätze Wystan H. Auden, sehr. Es geht nicht einmal darum, dass ich seine Poesie als die vollkommenste bezeichnen würde, die schönste (vielleicht) oder die epischste (ganz gewiss nicht). Aber sie ist die menschlichste und darin zugleich weitreichendste Dichtung, die ich kenne. Es gibt in ihr einen Verschmelzung von Überschwang und Besonnenheit, Zuneigung und Schmerz, Freiheit und Gewissen, die ich als eine Verkörperung der Dimension des Lebens selbst bezeichnen würde – so nah dran ist sie an dem Spiegel, der uns zeigen könnte, was das Leben ist.
Auden wusste, Sehnsucht, das heißt: mit den Ketten, in denen wir liegen, zu rasseln. Auden wusste: We must love each other or die; ein Satz, den er im hohen Alter umänderte in den Satz: We must love each other and die und in dieser Änderung fühle ich mich wieder ertappt in meinem Wesen, in dieser Änderung bin ich enthalten, schwingend zwischen sadness und euphoria.

Auden bekannte: If equal affection cannot be/ let the more loving one be me. Und in seinem Gedicht „As I walked out one evening“ gelingt es ihm, den Wahnsinn und die Macht der Zeit abzubilden, am Beispiel der Liebe. Und er wusste noch vieles mehr, ebenso, wie er vieles nicht wusste. In seinen Essays, deren Auswahl in diesem Band ausnahmslos auf Rezensionen, Aufsätze und Vorwörter hinausläuft, haben dieses Bild, das ich von ihm hatte, noch ergänzt: Jetzt bin überzeugt davon, dass W. H. Auden einer der bescheidensten, einfühlsamsten und gleichsam intelligentesten Menschen war, von denen ich gelesen habe.

Wie bereits erwähnt, fasst der Band Texte, die als Vorwörter zu Büchern geschrieben wurden oder als Rezensionen über neue Publikationen. Dass sich gerade in diesen eher einfachen Formen die ganze Vielfalt von Audens Gaben in Bezug auf Beobachtung, Einschätzung, Differenzierung und Definierung zeigt, verblüfft zunächst und diese Verblüffung verliert auch nie ganz ihren Zauber. Denn egal ob Auden über Oscar Wilde, Virginia Woolf, die griechische Literatur oder über Goethe und die italienische Reise (u.v.a.) schreibt: Keine seiner Betrachtungen gerät zur intellektuellen Ausschöpfung oder Profilierung, sondern mündet jedes Mal nach gewissenhafter Facettenschau in die menschliche Dimension, die Auden der Person des Autors, dem Thema oder dem Buch angedeihen lässt, zuspricht.

Keiner der Texte in diesem Buch ist überragend, alle haben streckenweise ein gewisses Mittelmaß – dass sie dann wieder elegant und unverhofft hinter sich lassen, um in allgemeineren Ausführungen kurz und brillant die metaphysische Seite eines Aspektes zu beleuchten und zu verorten, nur um sich dann wieder ganz dem Beschriebenen unterzuordnen, einen Eindruck von dessen Möglichkeiten und Ideen zu vermitteln.

Auden war ein Schriftsteller durch und durch und doch könnte man fast meinen, dass es ihm fast vollständig an Eitelkeit gemangelt hätte. Natürlich stimmt das nicht. Aber woran es ihm nie fehlte, ist das Bewusstsein für die eigene, die fremde, die Eitelkeit an sich. In der Bescheidenheit und Arriviertheit seines Schreibens und Dichtens schwingt immer dieses Bewusstsein mit, das jeden Gegenstand erschließt, aber ihn nicht ergreift und für sich beansprucht, sondern sorgsam innerhalb Perspektive, hinter der die fernen, großen Entitäten stehen, einordnet. Dieses Bewusstsein, sanft und doch bestimmt, erhellend und ohne Zwang zur Größe, ist eine Erfahrung, in deren Bann ich gern ganz lange verweilen und der ich Seltenheitswert zusprechen würde

Würde man nach der Lektüre dieses Bandes fragen: War Auden ein Kommunist? Ein Feminist? Ein religiöser Mensch? Ein Opportunist? Ein Unruhestifter? Ein Konservativer? Ein Intellektueller? – Auf all diese Fragen würde man keine Antwort erhalten, denn obwohl manche Themen und Bücher und Ausführungen Ansätze in die eine oder andere Richtung erkennen lassen: in Audens Texten findet sich keine Agenda, sondern nur der Wunsch, den Dingen gerecht zu werden – und gerade in den Endprodukten dieses Wunsches spiegelt sich wiederum ein umfassendes Bewusstsein von gefährlichen Ideen, fatalen Entwicklungen und gesellschaftlichen Missständen, sowie von Ignoranz, die diese Texte weder ignorieren, noch provozieren. Sie stellen sich in ihren Raum und dieser Raum füllt sich mit Verständnis und Bedeutung; einer Bedeutung, die von innen kommt, nicht von außen gegeben wird.

Man lese Auden. Man lese Auden. Was soll ich sonst noch sagen.

Don Paterson und sein Band “Weiß wie der Mond”


“Gedichte übersetzen das Schweigen und finden Worte, wofür es keine Worte gibt. Sie füllen Lücken mit… Liedern, die wir eigentlich nicht hören dürfen.”
Don Paterson

“Remember, brother soul, that day spent cleaving,
nothing from nothing, like a thrown knife?
Then there was no arriving and no leaving,
just a dream of a disintricated life –
crucified and free, the still man moving,
the balancing his work, the wind his wife.”
(Aus: Schlittschuhlaufen auf Loch Ogil)

Ausgerechnet der vielleicht größte amerikanische Dichter unserer Zeit, Charles Simic, sagte über dieses Buch: “Wenn sie mich fragen, ob große Gedichte überhaupt noch geschrieben werden, dann müssen sie nur die Gedichte von Don Paterson lesen.”
Denn eine so vielgestaltige und vielschichtige, in gleichen Teilen klassische, antagonistische und moderne Dichtung, die sich wegen ihrer Bandbreite allein schon dem Begriff der Größe nähert, gibt es in diesen Zeiten selten – eine Dichtung, die Wahrheit nicht zwanghaft mit Schönheit verbindet (aber sie doch oft zusammenbringt und wieder auseinandersprengt), nicht Reim mit Gesang, sondern ganz eigen und auf virtuose Weise radikal, stets ihren eigenen Diktionen folgt.

“Die Gegenwart ist eine Scheibe,
an die ihr die Stirn lehnt, wobei ihr heimlich
das Wörtchen >jetzt< schreit. Vielleicht
ist die Gegenwart eine Zimmerwand,
durch die ihr die Geister stoßt, die ihr sofort
wieder zu euch zurückholt. Die Gegenwart
ist eine Wand, vor der ihr zwischen Nichts
und Etwas patrouilliert. Sie hält nicht dicht.
Die Gegenwart ist eine Wand, die sich
vor euch aufbaut, während ihr euch bemüht,
sie zu erklimmen, bis ihr abrutscht und stürzt.
[…]
There is no wall. Pick your bed. Walk through it.
Last chance friend. So do it or don’t do it.”

Verse der Analyse, des Bohrenden und Offenbarenden, in endlosen Gedichtverquerungen, wird man hier finden, genauso wie kleine, sich in Reimen die Hände reichende Lyrik. Paterson wendet die Metapher und sogar die Metaphorik als ganzes Gedicht an, aber weiß auch in ganz einfachen Worten das Orchester der Welt einen Bogenstrich lang auf einen einzelnen Ton zu minimieren.

“Stehe ich zwischen der Sonne selbst,
gesegnete Mutter, und dem, was sie erhellt,
dann verwandele mich in Glas.”

Ein solches, immer wieder seine Ausrichtungen änderndes Werk, ist natürlich kein homogenes Lesevergnügen. Es sind z.B. auch zwei Rilke-Übersetzungen enthalten, die ich ziemlich schlecht finde und auch das sehr lange, in seinen scheinbar erderschütternden Parabeln des Worte-auf-den-Kopfstellens und -ausschüttens gefangene Gedicht-Black-Box, welches sicherlich Hochphilosophisches enthält, mir war es eher ein Gräuel. Aber was man eben anerkennen muss ist, dass Paterson einfach dichten/schreiben kann und das dabei immer auch etwas Tiefes zustande kommt, etwas Magisches.

Don Paterson ist ein starker Dichter, der sowohl Moll als auch Dur, sowohl Angriff als auch Beobachtung beherrscht. Dieses kleine Büchlein wird, denke ich, für jeden eine andere Erfahrung sein; es ist ein Kaleidoskop von “Weiß wie der Mond” bis zu “black box”, darin viele Stufen von hell und dunkel, Kontraste einer Welterfahrung, fein definiert. Aber jeder wird von seiner Position aus ein paar für ihn vortreffliche Verse entdecken, denn hier wurde nichts ausgespart, vom Prosagedicht bis zur lyrischen Einfassung.

“Was ich euch nun überbringe,
ist das Geheimnis der Bruderschaft der Dinge,
und nur der Dinge, die es lang schon bewahren.”

“Kein Sänger von Nacht- und Tageszeit
ist glücklicher als ich,
denn mein Schallraum ist die Dunkelheit,
mein Vortragssaal das Licht.”

Zu Borges und den Essays in seinem Sammelband “Inquisitionen”


“Wenn ein Mensch im Traum das Paradies durchwanderte, und man gäbe ihm eine Blume als Beweis, dass er dort war, und er fände beim Aufwachen diese Blume in seiner Hand – was dann?”
Samuel Taylor Coleridge

“Zwei Tendenzen”, schrieb Borges im Epilog, “habe ich beim Korrigieren der Druckfahnen in den vermischten Arbeiten dieses Bandes entdeckt.
Zum einen die Tendenz, religiöse und philosophische Ideen wegen ihres ästhetischen Wertes und dessentwegen zu schätzen, was in ihnen an Einzigartigem und Wunderbarem enthalten ist. Zum anderen die Tendenz, anzunehmen (und mich dessen zu vergewissern), dass die Zahl der Fabeln oder der Metaphern, die zu erfinden die Vorstellungskraft der Menschen fähig ist, begrenzt sei, dass aber die zählbaren Erfindungen jedem alles bedeuten können, wie der Apostel Paulus.”

Jorge Luis Borges gehörte zu den seltenen Literaten, die ihr Leben nicht nur dem Schreiben, sondern vor allem dem Lesen gewidmet haben – Faszination war ihm alles und Bescheidenscheit sein höchstes Prinzip in Bezug auf seine eigenen Leistungen – welche allerdings ein paar der wichtigsten Impulse für die Moderne und Postmoderne lieferten, gar nicht zu reden von der Synthese aus Wissen, Philosophie und Phantasie, die seine Texte zu einer zeitlosen, inspirierenden Erfahrung machen. Kaum einer, der seine Erzählungen (Das Aleph, Fiktionen), seine Gedichte (Mond gegenüber; Schatten und Tiger) oder eben seine Essays liest, wird darin nicht einer der schönsten Ausformungen von gesetzter und doch dabei von wundersamen Eingebungen und Ideen angefühlter Erzählkunst und Gelehrtheit begegnen.

Seine zahllosen Lektüren und Interessen erstreckten sich auf nahezu alle Gebiete, von Religion über klassische Literatur, Krimis und phantastischen Erzählungen, nahöstliche, antike und moderne Philosophien, bis hin zu politischen Werken und historischen Momenten, altenglischer Literatur und Sprache und modernen Innovationen wie die von Joyce, Pound oder Valery. Für Borges war der Wert einer Idee wichtig und nicht ob sie sich in irgendeiner Weise instrumentalisieren ließ; Ideen als Spiegel, in denen sich eine bestimmte Ungewissheit oder Gewissheit unseres Lebens mannigfaltig widerspiegelt.

“Die Musik, die Zustände des Glücks, die Mythologie, die von der Zeit gewirkten Gesichter, gewisse Dämmerungen und gewisse Orte wollen uns etwas sagen oder haben uns etwas gesagt, was wir nicht hätten verlieren dürfen, oder schicken sich an, uns etwas zu sagen; dieses Bevorstehen einer Offenbarung, zu der es nicht kommt, ist vielleicht der ästhetische Vorgang.”

In diesem Buch teilen sich die Literatur, die Philosophie und die Geschichte das Feld. Von einer Notiz zum 23. August 1944 (Befreiung von Paris) und einer daraus folgenden These über das Böse, über Literaten wie Kafka, Coleridge, Wilde, Valéry, Nathaniel Hawthrone (diesen Autor kann ich, dank Borges, nur jedem empfehlen!), bis zum etwas längeren Essays “Widerlegungen der Zeit”, in dem Borges eine persönliche Theorie der Einheitlichkeit der Zeit vorstellt, wird der Leser auf einem Fluß der reinen Faszination mitgetragen. Ich denke man kann beim ersten Mal noch nicht alles fassen, was Borges hier in meist nur 3-5 Seiten langen Texte anschneidet, sicher aber bin, dass jede Leser das Buch mit einer neuen Anregung verlässt und es bestimmt wieder zur Hand nimmt. Denn Borges kann man immer wieder lesen: um sich Dinge ins Gedächtnis zu rufen, um Zusammenhängen und Verbindungen auf die Spur zu kommen, um sich von einer bestimmten Idee zu eigenen Gedanken verführen zu lassen. Jeder, der sich gerne in Gedanken an alles Mögliche, Faszinierende, Metaphysische, Inspirierende verliert, findet in Borges Büchern eine Welt, die wir für ihn geschaffen scheint – eine Welt voller erstaunlicher Bewandtnisse, mit großen Vorkommen einzigartiger Geschichten und Reliquien.

Borges Schriften sind nicht nur eines der großen Geschenke der lateinamerikanischen Literatur, magischrealistisch, allerdings auf andere Weise, sondern auch ein Anstoß selbst zu denken, Gedanken nicht nur zu setzen, sondern sie auszuformen, ihren Inhalt nicht vorauszusetzen, auch mal wider dem bereits Gedachten und Angenommenen zu denken; es steckt viel europäische Gelehrsamkeit in Borges Büchern, aber auch ebenso viel argentinische Selbstbehauptung, eine Art die Dinge in ihrem Status als Wunder anzusehen, in Opposition gegen das allzu Gesicherte, Alltägliche. (Er selbst schrieb lakonisch über die Argentinier: “Der Europäer und der Nordamerikaner sind der Ansicht, dass ein Buch, das irgendeinen Preis erhält, gut sein muss; der Argentinier gibt die Möglichkeit zu, dass es vielleicht nicht schlecht ist, trotz des Preises.”)

“Im Laufe eines Lebens, das weniger dem Leben als dem Lesen gewidmet war, habe ich oft festgestellt, das literarische Absichten und Theorien nichts anderes sind als Reizmittel, und dass das abgeschlossene Werk sie meistens ignoriert und sogar widerlegt. Wenn in einem Autor etwas steckt, kann keine Absicht, mag sich noch so albern oder irrig, dem Werk einen Schaden unheilbarer Art zufügen.”

Borges lesen, dass ist Träumen, Denken und Lesen zugleich. (“Schopenhauer schrieb bereits, dass unser Leben und unser Träumen Blätter desselben Buches seien und dass sie in der richtigen Reihenfolge zu lesen, Leben bedeutet, in ihnen wahllos zu blättern aber Träumen sei.”)

Kleine, kurze Sentenz zu Camus “Der glückliche Tod”


Über Camus zweiten Romanversuch wird in seiner Monographie gesagt, er habe ihn “wohlweislich nicht publiziert”.

Gewiss ist die eigentliche Überlegung in diesem Buch von Camus bereits überholt worden – sie enthält also keine von Camus bewusst getragene Philosophie mehr. Doch es bleibt eine wunderbare und von Symbolen und Schönheit schon fast überladene Geschichte.
Dem Anspruch, der Verbindung von Philosophie und Romanform (Wie Camus selbst sagte: “Man denkt in Bildern. Wenn du ein Philosoph sein willst, schreibe Romane“.) war Camus in diesem Buch für sein eigenes Verständnis noch nicht nahe genug gekommen – doch sein lebendiger Stil und sein Hang zur Natur- und Daseinsfreude ist auch auf diesen Seiten schon sehr ausgebildet.

Der Inhalt ist eine Art Odyssee menschlicher Glückssuche, wie sie wohl speziell in Camus damaligem Alter (zumindest innerlich) vorkommt. Sie macht den Anschein eines nicht von vorn bis hinten geplanten Projekts, sondern hat mehr etwas von einem, nach Art einer Reise niedergeschriebenen, inneren Nachbildung eines Bildes von Camus selbst. Das revoltieren und lieben, die negativen Gedanken und die Probleme der Moral, die Schönheit von Algeriens Landschaft, der Stumpfsinn des Vorkriegseuropas und die erste von mehreren schweren Tuberkuloseerkrankungen und mit ihr die Angst vorm Tod, dem zu schnellen Leben und der Zukunft – das alles ist zu einer Geschichte zusammengebaut in den Text mit eingeflossen, auch wenn es zu vielen Stücken der Handlung, die oftmals das einzig Fiktionale des Buches ist, sicherlich kein reale Entsprechung gibt.

Später nutzte Camus dieses erste Projekt als “Steinbruch” für seinen Roman “Der Fremde” (Er übernahm einige kleinere Ideen und ein-zwei Orte, aber auch kurze Abschnitte des Textes – trotzdem ist “Der glückliche Tod” vollkommen eigenständig in der Handlung und nicht als der “Rohbau” von “Der Fremde” zu verstehen)

“Der glückliche Tod” ist ein Frühwerk, eine geschrieben Meditation über die eigenen in sich vorherrschenden Themen und die Möglichkeit, sie auf dem Papier zu verflechten und sogar auszuleben.
Es sind die Buchstaben und Sätze, die noch auf der Waage zwischen “Mittel zum Zweck” und “reinem Ausdrucks” stehen.

Link zum Buch

*diese Rezension ist in Teilen schon auf Amazon.de erschienen

“Watchmen” – Eines der großen Werke der Moderne


WatchmenQuis custodiet ipsos custodes? ” (Wer wacht über die Wächter?)
Juvenal

Einen Kanon, eine Liste der “lesenswerten” oder “wichtigen” Büchern feszutlegen, mag vermessen sein und auch unter vielen Gesichtspunkten stets misslingen, erst recht in Größenkategorien von 100 oder 50, dennoch scheinen einen besimmte Werke förmlich dazu aufzufordern, sie auf solche Listen zu setzen – sei es wegen der Ausprägungen der Figuren oder der gelungenen Umsetzung der führenden Motive, die weit über sich hinausweisen.

Die Kette solcher Bücher, Comics, Filme zieht sich wohl durch das gesamte Leben; eine Liste von bewegenden, aufwühlenden, prägenden Erlebnissen, die in endlosen Diskussionen mit Freunden und Bekannten immer wieder zelebriert werden.

Einige sind darunter, die einer Art Erweckung gleichen, aus der eine ganze Welt oder Vorstellung erwächst. So wird für manche z.B. der Disneyfilm die erste Berührung mit der romantischen Liebe gewesen sein, andere werden die Rede eines bestimmten Bürgerrechtlers oder Humanisten als erste Form integerer Kraft erlebt haben und für viele sind die Qualitäten der Literatur und ihre Möglichkeiten mit ganz bestimmten Büchern verbunden. “Watchmen” von Alan Moore gehört für mich zu diesen Werken, ist einer der Fixsterne in meinem Universum fiktionaler Faszination.

In jedem Fall ist dieses über 400 Seiten schwere Werk eine frühe Sternstunde der Graphic Novel. Nicht (allein), weil Optik und Spannung hier besonders ausgeprägt sind, sondern vielmehr, weil genial konzipiert ist, auf allen Ebenen und bis ins letzte Detail. Man kann “Watchmen” immer wieder lesen und jedes Mal sticht ein anderer Aspekt  hervor, jedes Mal wird ein andere Handlungsebene besonders faszinierend erscheinen; das Buch bietet die vielschichtige, facettenreiche Erfahrung, die normalerweise ein sehr gelungener Roman bietet.

Es ist, nicht zuletzt, ein unwiderstehlicher Mix aus mythologischem Hauch, apokalyptischem Wind, mit dem Fleisch zwischenmenschlicher Beziehung und einem klaren philosophischen Timbre, dem Rotz und der Gewalt des Antiheldentums und das Zwielicht einer Film-Noire-Geschichte, garniert mit historisch-sarkastisch-zynischen Seitenhieben und strukturiert durch narrative Abwechslung. Die Charaktere sind einzigartig, auf ihre Weise zwar besonders, aber dennoch tief verwurzelt in dieser schwer zu wiegenden menschlichen Existenz, die stets sich selbst bedroht.

Was sicherlich aus all dem hervorgehen dürfte: “Watchmen” ist ein großartiges Werks, das sich den meisten Kategorien erfolgreich entzieht, ohne die wichtigen Zutaten für jedes Comicerlebnis zu schmähen. Sicher, “Wachtmen” hat auch etwas Monströses an sich, oft muss man sich dem Tempo des Werkes anpassen, den Wechseln in der Dynamik. Aber es lohnt sich. Moore versteht es das Medium Comic und die Errungenschaften der literarischen Narration gleichsam für sich zu nutzen, von wieder auftretenden Motiven bis zu Geschehnissen, die der Interpretation der Leser*innen überlassen werden. Er hinterfragt zusammen mit dem Zeichner Dave Gibbons die Perspektive, die einzelne Panels in Comics liefern, er revolutionierte sein eigenes Genre, ohne es zu sprengen oder zu übersteigern.

Die Handlung von “Watchmen” zu erläutern, zusammenzufassen, übergeht in meinen Augen zu viele Feinheiten, weshalb ich vor einer Inhaltsangabe zurückschrecke. Natürlich dreht sich viel darin letztlich um Begriffe wie “Gerechtigkeit”, “Frieden”, “Freiheit”, aber Moores Ansatz ist eben nicht der konventionelle SuperHero-Ansatz und dementsprechend ist sein Werk um einiges pathosärmer und hintergründiger als viele andere Werke, selbst wenn diese die Modalitäten ihres Genres mitreflektieren. Moores Welt ist eine Welt der Zerrütung, eine Welt des Kalten Krieges, des Exodus. Am wichtigsten ist vielleicht, dass Moore seine Figuren nicht vor die Karren der oben erläuterten “großen” Ideen spannt. Sie sind eben keine Wächter, keine Beschützer im eigentlichen Sinne. Sie leben in der Postmoderne des Superheldentums, alles ist Karikatur oder Ironie, kein hehres Ideal kann mehr verdecken, dass Gewalt Gewalt erzeugt, dass Helden oft nur Spielfiguren auf den Brettern von den Mächtigen sind oder selbst zu machtgierigen Personen werden – in jedem Fall werden sie zu Karikaturen ihrer selbst oder werden wahnsinnig, zu Außenseitern. Gut & Böse, die Vorstellung eine solche Einteilung sei möglich, wird in “Watchmen” mehr als einmal auf die Probe gestellt, entkernt.

“Watchmen” bündelt und zerschlägt Ideen. Es ist wirklich eines dieser Werke für die Insel. Eines dieser Meister*innenwerke.

Nachtrag zur deutschen Version: Einige Übersetzungen aus dem Englischen sind auf Deutsch in der Tat, wie schon oft von Fans angemerkt, etwas schwerfällig und in vielen Szenen ist die englische Ausdrucksdichte einfach die bessere Wahl; auch sprachliche Kniffe und Doppeldeutigkeiten verlieren im Deutschen oft ihren Sinn, so spielt bspw. eine große Uhr eine wichtige Rolle (“watch” kann im Englischen ja sowohl ein Verb als auch ein Nomen sein) und auch einige Anspielungen bzgl. der Namen der Charaktere (etwa: Comedian), kommen viel besser rüber; der Schliff und die ambivalente Seite der Charaktere allgemein. Im Anhang der neuen deutsche Ausgabe wird immerhin auf einige dieser Probleme hingewiesen und sie werden gut erläutert.

Fazit:

Wichtig zu kennen:
🌟 🌟 🌟 🌟 🌟
Grafik:
🌟 🌟 🌟 🌟 🌟
Story:
🌟 🌟 🌟 🌟 🌟
Aufmachung (deutsche Übersetzung ist teilweise nicht top; englische Ausgabe bekommt 5 Sterne, obwohl diese Graphic Novel mit ihren 400 Seiten sehr wuchtig ist):
🌟 🌟 🌟 🌟

“Träume von Räumen”… Georges Perecs Studie über den Raum…


Es ist immer etwas heikel und schwierig Bezeichnungen wie “Genie” zu benutzten. Was genau ist ein Genie; wer ist eines?

Im “Raum” Frankreich, ist es da ein Georges Simenon, der sich einfach morgens an den Schreibtisch setzen und einen Roman runterschreiben konnte? …oder ein Jean-Paul Sartre, der einfach so die Stränge jahrelanger Existenzphilosophie zusammenführte? … oder ein Alexandre Dumas, der, als ihn der Verleger nach Silben bezahlen wollte, einen Stotterer in seinen Roman einführte?

Man könnte den Gesamtraum beliebig auf andere Räume (sprich Nationen, Sprachen, Gegenden, Künste etc.) ausdehnen und doch würde die Frage eine äußerst komplizierte bleiben.
Unzweifelhaft ist es trotzdem aus meiner Sicht, dass Georges Perec, ein bis heute viel zu unbekannter Schriftsteller und Mitbegründer der Oulipo-Gruppe, die Ehrung Genie mehr als verdient hat. Das beweist neben seinem Opus Mangnum Das Leben Gebrauchsanweisung und seinem einzigartigen Buch Anton Voyls Fortgang, einem Roman ohne den Buchstaben “e”, auch das kleine Buch “Träume von Räumen”.

“Der Raum scheint entweder gezähmter oder harmloser zu sein als die Zeit: man begegnet überall Leuten, die Uhren haben, und sehr selten Leuten, die Kompasse haben. Man muss immer die Zeit wissen (und wer kann sie noch nach dem Stand der Sonne errechnen?), doch man fragt sich nie, wo man ist. Man glaubt es zu wissen: […]”

Genauso wie Perec mit seinem Buch ohne das “e” die Konforme und Grenzen der Sprache ausgelotet und überquert hat (in Räume getreten ist, die unerreichbar, ja nicht mal existent schienen), so hat er hier ein Buch geschrieben, was die Frage(n) nach dem Raum aufwirft: Was sind Räume? Wie sehen wir Räume? Wie leben wir mit den Räumen? Und, again: was sind Räume?
Dabei fängt er mit dem kleinsten an: ein Stück Papier ist ein Raum, ein Bett ist ein Raum, ein Zimmer ist ein Raum. Man kann sie alle in ihrer Funktion besehen, sie ausmessen, ihre Tiefen und ihre Wichtigkeit für die Kontingenz betrachten. Dann sind da Räume wie Städte, Länder – Bezugspunkte und Einteilungen, meist ohne den Gedanken an einen “Raum”. Doch wird dem Leser so der Begriff Raum in verschiedenen Größen näher gebracht. Bei all dem geht es Perec nicht um Physik oder schlichte Philosophie. Es geht um Wahrnehmung und Idee, um das, was literarisch und bewusst in uns Bleiben kann von den Gedanken an Raum, vom Wort “Raum“.

Für wen sich diese eher philosophisch/kosmischen Überlegungen nun langweilig oder fachlich anhören, der sei unbesorgt – Perec hat kein Fach- oder Sachbuch geschrieben; ich würde es noch nicht mal eine Studie nennen. Es ist eine (An-)Sammlung von Gedanken, Zitaten (auch vielen aus der Weltliteratur), Beobachtungen und Analysen, Witzen und Anekdoten – das alles fasst sich zusammen zu einer Art Lesebuch über den Raum, das sich auch nicht nur am Abstrakten, sondern auch am Wesentlichen misst und welches vor allem dazu dient uns mit seiner Leichtigkeit und seinem spielerischen Antasten zu unterhalten und unseren Gedanken neue große Räume zu eröffnen ( – oder besser gesagt uns selbst dazu zu ermuntern, die eingefahrenen Vorstellung vom Raum wieder auf das Universelle,  Vielschichtige, Kreative zu erweitern).

Kurios, Fintenreich, Perecs Sprach geizt nicht mit Qualität und Esprit und in seinen Büchern fühlt man sich von Faszination erfasst – für mich war er allein schon wegen dieser Art Form, die jedes seiner Bücher anzunehmen weiß, ein Genie.

Link zum Buch: http://www.amazon.de/Tr%C3%A4ume-von-R%C3%A4umen-Georges-Perec/dp/3596111382/ref=cm_rdp_product

*diese Rezension ist in Teilen schon auf Amazon.de erschienen