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Zu “Ansichten in stillem Blau” von Barbara Weitzel & Kornelius Wilkens


cover-ansichten-im-stillen-blau Alles begann mit einer Kolumne von Barbara Weitzel in der Berliner Zeitung, in der u.a. ein „Mozzarella“ Firefox auftrat. Dieses kulinarische Browser-Tier ließ den Maler und Graphiker Kornelius Wilkens zu Stift und Pinsel greifen. Das Ergebnis gefiel Weitzel so gut, dass eine längere Kooperation entstand, in der weitere Bilder zu Texten und Texte zu Bildern entstanden (leider erfährt man bei den einzelnen Texten nicht, ob sie auf die eine oder die andere Weise entstanden). Das Ergebnis ist der schöne Bild- und Textband „Ansichten in stillem Blau“. Seinem Namen bekam der Band wohl durch die Verschmelzung aller einzelnen Kapiteltitel: „Ansichten“, „Vom Blau“, „Stille“ und „Andere Ansichten“.

Auf den Doppelseiten ist jeweils ein Bild einem kurzen poetischen Text gegenübergestellt. Nicht selten verhandeln die Texte eine Situation, die auf dem Bild dargestellt wird, manchmal sind sie wie ein Ausschnitt aus einer längeren Geschichte, wie das Fragment einer lange begleiteten Figur. Im ersten Kapitel „Ansichten“ begegnen wir vor allem kleinen Disharmonien, Einschnitten. Über die Nacht heißt es in einem Text:

„Großes – Kummer, Fragen, Reue – hat jetzt seinen Auftritt.

Ein Fluchtauto für solche Fälle gibt es nur in Filmen.“

Wunderbar auch die Ausführungen zu Geschichten:

„Geschichten, die auf einen Misston enden, sind schlechte Geschichten.
Da sind sie wie Musikstücke.

Alle warten

auf den wirklich letzten Ton.
[…]
Geschichten, die zu zart sind, um zu Ende erzählt zu werden, haben es nicht leicht.

Dabei sind sie in der Mehrzahl.“

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Im zweiten Kapitel, „Vom Blau“, dominiert auf den Bildern die Doppelassoziation aus Himmel und Wasser, und in den Texten brauen sich Fetzen von kritisierter Wirklichkeit zusammen, Sätze sind hier wie einzelne Blitze, Entladungen. Die Sprache mäandert mehr, ist nicht mehr so erläuternd und auf klare Konturen aus, wogt, fragt.

„Als man den Himmel noch durchschwimmen konnte ohne Keuchen.

Die Frage, schwerer als zig Hektoliter: Werden die Einzelnen reichen für alle.“

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Im dritten Kapitel „Stille“ weichen die Farben fast vollständig aus den Bildern, neben Grau und Schwarz und Weiß nur noch hier und da ein dunkleres Blau. Die Texte sind wieder näher an den Bildern, verhandeln wieder ihre Motive, machen aus ihnen größere Metaphern, allgemeinere Betrachtungen.“

„Der Raum braucht nicht viel Platz zum Sprechen,
doch er nimmt ihn sich wenn man ihn lässt.“

Im letzten Kapitel „Andere Ansichten“ wird dann in den Texten noch einmal ein besonderer Fokus auf die Figuren gelegt, die in den Bildern erscheinen, deren dezent bunter Stil an das erste Kapitel anknüpft.

„Ansichten in stillem Blau“ hat viele Qualitäten, die Texte sind poetisch, aber auch unbequem, dann wieder meditativ, nachdenklich und verträumt, dann wieder arbeiten sie auf ganz besondere Art und Weise sorgsam die Stimme eines Momentes heraus, den die Bilder liefern.

Gerade für Leute, die mit Poesie etwas fremdeln, ist der Band in seinem Zusammenspiel aus Bild und Text sicherlich ein gutes Geschenk. Man kann sich in ihn versenken, aber auch nur hier und da das ein oder andere Neben- und Miteinander von Wort und Graphik genießen. Fazit: ein Buch zum immer wieder anschauen und lesen und eine schöne Welterkundung mit vielerlei Ansätzen!

Zu Richard Brautigans “In Wassermelonen Zucker”


In Wassermelonzen Zucker

Ich glaube, Sie sind neugierig darauf, zu erfahren, wer ich bin, aber ich bin keiner von denen, die einen richtigen Namen haben. Mein Name hängt von Ihnen ab.
Vielleicht war es ein Spiel, das sie als Kind gespielt haben, oder etwas, das ihnen einfach so und ohne jeden Grund eingefallen ist, als Sie alt waren und in einem Sessel am Fenster saßen.
Das ist mein Name.
Vielleicht haben sie lange in einen Fluß geschaut. Neben ihnen war jemand, der Sie liebte. Er wollte Sie berühren. Sie spürten es, bevor es passierte. Dann passierte es.
Das ist mein Name.
Oder sie hörten jemand aus großer Entfernung rufen. Seine Stimme war fast ein Echo.
Das ist mein Name.
Vielleicht war es um Mitternacht, und das Feuer schlug wie eine Glocke im Ofen.
Das ist mein Name.

Richard Brautigans dritter Roman war noch eine Spur phantastischer als seine ersten beiden, leicht hippiesken und anarchischen Werke „Forellenfischen in Amerika“ und „Ein konföderierter General uns Big Sur“. Vor allem allegorischer.

Im Prinzip hat “In Wassermelonen Zucker” etwas Märchenhaftes. Eine sehr einfache, ins Poetische sich verzweigende Sprache, ein ganz schlichter und doch individueller Ton, Brautigans erquicklich-sanfte Poesie, trägt das Buch. Die Handlung ist in sehr kleine Kapitel aufgeteilt, meist nur eine oder zwei Seiten lang.

Passieren tut eigentlich nicht viel. Man begleitet den Hauptcharakter, der keinen Namen hat (siehe Zitat oben) durch die Welt von „iDEATH“ und „Wassermelonen Zucker“, einem scheinbar paradiesischen Ort voller kleiner Flüsschen, in dem eine kleine Gemeinschaft lebt und es ein paar angenehme Beschäftigungen gibt. Eine ganzheitliche Harmonie scheint den Ort auszumachen, zu umgeben und zu durchdringen und doch ist diese Harmonie auch auf das Wesentliche reduziert. Da sin aber auch die vergessenen Dinge, Margaret und die Tiger …

Eigenbrötlerisch, utopisch, zynisch: alles Elemente dieser heiteren Idylle. Nie wieder ist Brautigan ein so leichtes Stück Prosa geglückt, außer vielleicht in manchen Geschichten aus dem „Tokio-Montana-Express“.

Die langen Spaziergänge, die ich nachts mache. Manchmal stehe ich stundenlang an einer Stelle und rühre mich so gut wie gar nicht (ich habe es schon erlebt, dass sich der Wind in meiner Hand niederließ).

Was bleibt ist eine Erzählung mit der Essenz eines tiefschürfenden, aber zarten Gedichts, eine magische Geste ist dieses Buch und doch scheitert jede Beschreibung vor der Eleganz und Unwirklichkeit dieses kleinen Juwels. Da es vor allem durch seine Unwillkürlichkeit funktioniert, ist es sicher nicht für jeden geeignet. Wer eine klare Handlung, ein klares Narrativ braucht, für den ist dieses Buch nicht das richtige (und Brautigan nicht der richtige Autor). Denn es hält sich mit Details und Spielereien, Flüchtigkeiten und Ideen auf und wenn die Handlung dann doch vorangeht, geschieht dies meist ganz unspektakulär.

Wer sich für eine kurze Weile auf einen poetischen Ort zwischen zwei Buchdeckeln einlassen will, der greife ohne Bedenken zu.

Schöne Depressionslektüre – zu “Ein konföderierter General aus Big Sur”


Ein konföderierter General aus Big Sur Was kann man noch lesen, wenn gar nichts mehr geht? Zugegeben eine eher unangenehme, unschöne Frage. Aber sicher keine abwegige.

Der türkische Schriftsteller Orhan Pamuk schrieb über seine Thomas Bernhard-Lektüren, die ihm vor allem in depressiveren Zeiten geholfen hätten. Ein Freundin von mir spricht oft davon, dass man, wenn gar nichts mehr geht, nur noch Kafka lesen kann – dann könne man die Schwelle in Kafkas Schreiben und Denken erst richtig begreifen und sich mit seinem eigenen Abgrund auseinandersetzen, sich hineinstürzen ohne wirklich zu stürzen. Michel Houellebecq beschreibt ausführlich, dass ihm H.P. Lovecrafts Antiwelteinstellung immer eine perverse Art von Trost gegeben habe. Ein anderer Freund empfahl mir, bei Traurigkeit Cioran zu lesen, was vielleicht ein Witz war, vielleicht auch nicht.

Ich selbst habe immer nur vier Dinge lesen können, wenn gar nichts mehr ging: Douglas Adams Hitchhikers Guide, Mascha Kalékos Gedichte, Susan Sontags nachgelassene Texte aus „Zur gleichen Zeit“ und Richard Brautigans Gedichte und Romane. Im Prinzip sind auch dies (wie alle erwähnten Beispiel oben) Werke voller Hoffnungslosigkeit (und darin mitunter voller Hoffnung, denn die gehört, obgleich das Wort es zu verschleiern sucht, zur Hoffnungslosigkeit dazu).
Mascha Kalékos Melancholie und Bitterkeit, die Worte eingefärbt von ihrem traurigen Schicksal. Adams turbulent-phantastischer, brillanter Versuch eines heiteren Zynismus. Sontags entfaltetes, großartiges Denken, gefangen im Bild, in den Grenzen ihres Sterbens. Und Richard Brautigans Romane, Utopien ohne Halt, der Wirklichkeit entfremdet und ohne Chance, ihr zu entgehen, immer im Versuch etwas schöner, etwas besser zu sein als sie, ohne sie zu verlassen.

1964 erschien dieser erste seiner Romane, über zwei Freunde, die versuchen im Kalifornien der 60er Jahre über die Runden zu kommen. Beide sind sie so etwas wie Tunichtgute, Allerweltsverlierer, meist nur auf der Suche nach etwas zu essen, einer netten Frau, einem Drink. Im ganzen Roman geht es eigentlich nur darum, wie sie versuchen zu überleben und ein erträgliches Dasein zu haben, der Trostlosigkeit ein Schnippchen zu schlagen, mal hier, mal dort. Brautigan würzt diese Versuche mit einer Menge unprätentiöser, poetischer Komik und Szenen voller improvisiert wirkender und unschlagbarer Vergleiche und Beschreibungen wie diesen:

“Die Nacht kam herein und borgte sich das Licht. Sie hatte sich zuerst bloß für ein paar Cent Licht geborgt, aber jetzt borgte sie sich jede Sekunde Licht für Tausende von Dollars. Das Licht würde bald weg sein, die Bank geschlossen, die Kassierer arbeitslos und der Bankdirektor ein Selbstmörder.”

“Sie lachten beide. In Elizabeths Stimme war eine Tür. Wenn man die Tür aufmachte, fand man noch eine Tür, und wenn die Tür offen war, noch eine andere Tür. Die Türen waren alle hübsch und führten aus ihr hinaus.”

Diese Passagen schweben über dem Text, in ihnen entkommt man, mit einem erstaunlich freien Lachen und Staunen, für einen Moment der ganzen Schwere, die im Leben liegt (aber auch im Text, im Erzählen, im Denken, etc.) und der das Lebendige entgegenzuwirken versucht. Und es ist dies Lebendige, das in Brautigans Gedichten und Romanen immer wieder durchkommt, in seinen Erzählungen und Kurzprosastücken. Als wollte er eine neue Faszination der Welt begründen und doch von den ganz einfachen Dingen sprechen, drehen sich seine Romane um außergewöhnliche, aber eigentlich ganz unspektakuläre Momente, die sich aneinanderreihen, in immer neuen, meist kurzen Kapiteln aufziehen. Zwischen Märchen und bitterem Ernst, Gelassenheit und Abgrund.

Mit Brautigan kann man an der Welt zugrunde gehen und gleichzeitig ihre ganze, absurde Schönheit betrachten, ihr alles entgegenhalten und nichts. Deswegen kann man sie wohl noch lesen, wenn eigentlich gar nichts mehr geht. Weil die Welt darin still steht und doch in jeder Facette funkelt wie eine Discokugel. Sie zeigen das Leben wie es ist: absurd schön und trotzdem größtenteils ein Ort, an dem das, was man braucht (zu brauchen glaubt) und das, was man hat, nicht zusammenkommt, weswegen man ohne Ende dabei ist, dieses Zusammenkommen zu ermöglichen.

 

Zu Richard Brautigans “Forellenfischen in Amerika”


Im Sommer 1942.
Der alte Säufer hat mir vom Forellenfischen erzählt. Wenn er imstande war zu reden, dann beschrieb er Forellen so, als seien sie eine Art kluges, vernunftbegabtes Edelmetall.
Silbrig ist kein gutes Adjektiv, wenn ich beschreiben sollte, was ich in mir spürte, als er mir vom Forellenfischen erzählte.
Ich möchte es ganz genau ausdrücken.
Vielleicht Forellenstahl. Stahl, der aus Forellen gewonnen wird. Und der klare Fluß mit seinem Schmelzwasser dient als Gießerei und Schmelzofen.
Denken sie an Pittsburgh.”

Ich bin ein großer Fan des amerikanischen Autors Richard Brautigan; ich mag die Unbekümmertheit seiner kurzen Kapitel und der legeren Handlungsführung, gleichzeitig die feine Tragik, die er in allem ausstreut, was in das helle Licht seiner Prosa getaucht wird. Seine Narrative beinhalten sehr viel Glück und sehr viel Trauer, ohne hohe Töne anzuschlagen, sie sprudeln ganz still aus seinen Geschichten hervor. Das, was erzählt wird, schwirrt herum, sprunghaft, aber in all dieser Ungenauigkeiten werden ein paar Gewissheiten und Zweifel sorgsam, fast unmerklich bearbeitet. Und immer wieder sind die Texte auf wunderbare Weise komisch:

“Der Abwasch kann warten”, sagte er zu mir. Betrand Russell hätte es nicht besser sagen können.

und unerhört poetisch, mit ungewöhnlichen, geradezu funkensprühenden Bildern, Schilderungen, Vergleichen:

und wir fuhren wieder aus der Schafherde hinaus, so wie ein Flugzeugt aus den Wolken fliegt.

Forellenfischen in Amerika ist so etwas wie eine lose Chronik. In zahlreichen kurzen Kapiteln umkreist der Erzähler die Erinnerungen, die irgendwie mit Forellen oder Forellenfischen zu tun haben. Es gibt ein-zwei stärkere Stränge, die sich irgendwann herauskristallisieren und immer wieder Bezüge, aber keinen festgelegten Plot.

In den Erlebnissen und Figuren wird immer wieder das Streben nach paradiesischen Umständen thematisiert; der Versuch einfach die Schönheit und Glückseligkeit aufzugreifen, die in den Dingen liegt und in jedem Schicksal zu finden sein müsste. In Brautigans Büchern fühlt man sich dann und wann in eine profanen, liebenswerte Herrlichkeit versetzt, wird an die Großartigkeit des Daseins, wie es sich einfach vor uns auftut, erinnert – und doch: der Boden ist sehr dünn. Brautigan weiß um die Hässlichkeit und Monstrosität, die hinter den menschlichen Horizonten, den menschlichen Momenten liegt und sehr viel größer ist als alles, was wir einander reichen können. Einmal heißt es:

und er machte sich auf nach Amerika, das oft ein Ort ist, der nur im Kopf existiert.

Amerika als Imagination, als Fata Morgana der unbegrenzten Freiheit, ein weiteres Thema des Buches.

Es lohnt sich Brautigan zu lesen, allein schon wegen der Poesie, die in seinen Romanen liegt und dem Witz, dem Kult. “Forellenfischen in Amerika” ist ein guter Start, aber sehr empfehlen kann ich auch den “Tokio-Montana-Express” und die wunderbare, parabelhafte Erzählung “In Wassermelonen Zucker”.

Zu Harry Martinson und dem Band “Reisen ohne Ziel”


  Fernere Literaturen, wie etwa die skandinavische, haben ebenso viele schimmernde und schillernde Existenzen hervorgebracht wie die zentraleuropäischen, auch wenn diese Exemplare in den meisten Literaturgeschichten stiefmütterlich behandelt werden. Schriftsteller*innen wie Knut Hamsun gingen aufgrund ihrer problematischen politischen Einstellung in die Geschichte ein, einige wenige konnten sich als Klassiker und Autoren von Rang und Namen etablieren, wie etwa Lars Gustafsson oder Halldor Laxness. Aber im Prinzip bleibt die skandinavische Literatur eine eher unbekannte Größe und kann von Snorri Sturluson bis hin zu Henry Parland, Edith Södergran und eben Harry Martinson noch ohne größere Vorbelastungen entdeckt werden. Um diese Entdeckungsreise zu starten, kann man einen Blick in das Programm des Guggolz Verlag werfen, der es sich um die Wiederentdeckung skandinavischer Texte aus dem letzten Jahrhundert verdient gemacht hat. Oder man beginnt einfach mit diesem Buch.

„So flattert man mit einer Sehnsucht um die Erde, und die ungeschriebenen Reiseschilderungen stapeln sich in der Seele.“

Der so redet, dürfte eigentlich gar nicht so reden, denn während sich bei uns allen sicher viele Reiseschilderungen in der Seele, auf Kamerachips und in dem nicht immer willfährigen Gedächtnis stapeln, hat Henry Martinson aus seinen Erlebnissen Poesie gegossen, Dichtung gemacht, alles mit einem Strom der Worte nachvollzogen. Man kennt dieses Flattern der Sehnsucht, das beim Reisen und in den anschließenden Erinnerungen sich aufschwingt. Martinson will den Farbton dieses Gefühls auf alle seine Schilderungen streichen.

Diese Schilderungen sind von einer Urtümlichkeit, die man begnadet nennen kann, sakrosankt, die aber gleichzeitig die Lektüre hier und da auch etwas zersetzt. Die geradezu heilige Veranlagung, die er im Weltenbummel sieht (er nimmt mit seiner Beschwörung des Weltnomadentums geradezu die Flexibilität unserer heutigen, globalisierten Welt vorweg) treibt seine Sprache zu Höhenflügen, aber hier und da taucht diese Sprache dabei auch zwischen die Wolken, verliert ihren Fokus aus dem Blick und er flirrt nur noch im Augenwinkel.

Es kann jedoch kein Zweifel daran bestehen, dass ein Dichter dieses Buch geschrieben hat. Es ist Poesie, Ode, Euphorie und Metamorphose. Kaum hat man ein paar Seiten gewendet, fühlt man sich völlig umgeben von der jeweiligen Schilderung, so übersteigert Martinsons Ansatz auch sein mag. Er fesselt einen mit der Unbedingtheit seiner Beschreibungen. Dann und wann predigt er etwas zu viel und in diesen Passagen löst eine gewisse Alterserscheinung die Zeitlosigkeit seiner Erlebnisauswüchse ab.

Ich kann „Reisen ohne Ziel“ jedem empfehlen, der eine poetische und dramatische Erfahrung machen will. Freunde der üblichen Reiseliteratur werden sich wohl nicht ganz zurechtfinden (zumal Martinson schon zu Anfang erklärt, dass ihm nach einer solchen Literatur nicht der Sinn steht). Freunde des Außergewöhnlichen werden hier ein Buch finden, in das sie sich immer wieder vertiefen können – vertiefen und in gedankliche und emotionale Höhen stürzen!

Vladimir Nabokovs “Das wahre Leben des Sebastian Knight”


[…] und außerdem wusste er, dass im Grunde keine Idee wirklich existiert, wenn ihr nicht die Worte genau nach Maß angelegt werden.

Romane, die als Weltliteratur oder gehobene Literatur bezeichnet werden, haben nicht gerade den Ruf leicht lesbar zu sein. In kaum einem Genre herrscht aber auch eine so große Bandbreite an Formen und somit auch nahezu nirgends eine so große Bandbreite an Verständlichkeitsstufen: von Simmel und Konsalik (deren Büchern einige Gralshüter des Romans wie Kundera oder Vargas Llosa – möglicherweise zurecht – die Bezeichnung Roman absprechen würden) bis zu Arno Schmidt und Oswald Wiener ist es ein weiter Weg und doch steht auf den Büchern dieser grundverschiedenen Literaten das Wort Roman geschrieben. Irgendwo in der Mitte aber gibt es jene Romane, die bereits eine vielfältige, subtile Erfahrung bereithalten und dennoch nicht besonders schwer zugänglich sind, keine großen Mühen und Anstrengungen vom Leser erwarten. Manche Romane von Kundera und Vargas Llosa gehören dazu, Werke von Camus oder André Gide, Carson McCullers und Nicole Krauss und es wären noch einige Autor*innen zu nennen, bevor diese Liste fertig wäre.

Einer, der in dieser Liste auch nicht fehlen dürfte ist Vladimir Nabokov. Kaum ein Autor ist ein besserer, lebendigerer Inbegriff der hohen Narration, die beileibe nicht schwer zugänglich ist oder sich allzu sehr in Formspielen oder perspektiven Verzerrungen ergeht. Von seinen frühen russischen Romanen bis zu jenen späten Meisterwerken „Lolita“ und „Pnin“ hat er es bravourös und virtuos vermieden, etwas Verkopftes zu Papier zu bringen und ist dennoch kein unmoderner Autor (wenngleich einige Gralshüter der Avantgarde und neuer Roman- und Kunstbegriffe ihn vielleicht so bezeichnen würden).
Nabokov stammte aus Russland, in dem es zwei Romanciers gab, die ebenfalls zur Hochliteratur gezählt werden und dennoch fesselnd sind, ja geradezu Bestsellercharakter haben: Lew Tolstoi und Fjodor Dostojewski. Man könnte auch noch den großartigen Erzähler Anton Chechov hinzufügen. Es liegt mir fern ihn in eine Reihe mit diesen dreien zu stellen, aber Nabokov hat vielleicht auf kluge Art und Weise von ihnen gelernt, nicht was die Themen und was die Sprache anging, aber in Sachen Bodenhaftung und narrativer Eleganz ist er ihnen, behaupte ich, gar nicht so fern.

„Das wahre Leben des Sebastian Knight“ war der erste Roman, den Nabokov auf Englisch schrieb, mehr aus Notwendigkeit, denn aus einem Wunsch heraus. Er war auch zum Teil eine Art selbsterlegte Auftragsarbeit, mit der Nabokov sich bei einer Geldmöglichkeit bewerben wollte. Diese Entstehungsgeschichte flößt nicht gerade Vertrauen ein und man könnte zunächst glauben, man hielte eines jener Bücher in der Hand, die der Verlag herausgegeben hat, obwohl der Roman nicht die Höhe des sonstigen Werkes erreicht (Ähnliches ist ja schon geschehen, bei Witold Gombrowicz und „Die Besessenen“ zum Beispiel) und nur weil man die Rechte am Gesamtwerk besitzt.

Doch weit gefehlt: in seiner eigenen, schummrig-kristallinen Art ist dieser Roman ein Meisterwerk, eine Schönheit. Es gibt kaum ein Buch, das ich in den letzten Jahren mit so viel Genuss und mit so wenig Frust gelesen habe. Es ist leicht, trägt aber in jedem Satz eine tiefe Bedeutsamkeit in sich und die Sprache ist, selbst in der Übersetzung (die Dieter E. Zimmer augenscheinlich wundervoll angefertigt hat) eine echte Augenweide, auf der so manches grandiose sprachliche Bild wie ein Windstoß das Gras, die Bäume und den Körper des Lesers rauschen, wehen und zittern lässt.

Erzählt wird die Geschichte eines jungen Exilrussen, der sich auf die Spuren seines kürzlich verstorbenen Halbbruders, eben jenes Sebastian Knight, begibt. Sebastian war Schriftsteller und der Protagonist möchte nun ein Buch über ihn und sein Schaffen schreiben, eben jenes, das wir in Händen halten: „Das wahre Leben des Sebastian Knight“. Anlass ist zum einen der Tod des Bruders, der den Erzähler erkennen lässt, dass er sehr wenig über dessen Leben wusste (obgleich er sein Schaffen immer aufmerksam verfolgt hat) und zum anderen das stümperhaft-blasierte biographische Buch von Sebastians ehemaligem Sekretär, das, davon ist der Protagonist fest überzeugt, ein völlig falsches Bild von dessen geistigen Haltungen, Interessen und Antrieben zeichnet.

Also macht sich der Protagonist auf die Suche, beginnend bei der gemeinsamen Kindheit, mit Ausflügen in die Welten der Bücher, die Sebastian schrieb, immer der dünner werdenden Fährte seiner Lebenswege hinterher. Genau auf dem Grat der Gefälle entlang, von dem das Buch auf der einen Seite in die Schlucht des bloßen Berichtes, auf der anderen in den Abgrund seines eigenen Aufhängers fallen könnte, bewegt sich die Erzählung, mit einer kleinen Fülle von anekdotischen und illuminierenden Momenten beladen, in die Existenz der Figur Sebastian Knight herein, überhöht ihn nicht, verwirft ihn nicht, überfüttert den Leser nicht mit Details. Der meist weit entfernte und nun tote Bruder bekommt eine dem Sujet angemessen Aufladung angediehen, er wird aber vor allem menschlich sichtbar, nicht als Figur, als angelegte Idee. Und die Entfernung bleibt, von kurzen Momenten der Nähe durchzogen, von kurzen Erkenntnissen über ein anderes Dasein.

Es ist kein spannendes und kein gewaltiges Buch, kein großer Wurf, aber ein sehr starker, reicher Roman.

 

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Dichter mit der Virtuosität des Himmels – Einblick in Federico Garcia Lorcas Gedichte in drei Kapiteln


I – Dichtung vom Cante Jondo

“In dem gelben
Turm der Kirche
läutet eine Glocke.

Auf dem gelben
Winde öffnen
sich weit die Glockentöne.

In dem gelben
Turm der Kirche
höret auf die Glocke.

Der Wind macht aus dem Staube
verwehnde Silberbüge.”

Federico Garcia Lorca gehörte zu den bedeutendsten Schriftstellern des 20. Jahrhunderts. Überschattet werden seine beinah universellen Kompetenzen auf den Gebieten des Dramas und der Lyrik (man könnte ihn von ungefähr mit Bertolt Brecht vergleichen, suchte man ein deutsches Äquivalent) jedoch bis heute durch seinen dramatischen Tod (1936, ermordet durch die Guardia Zivil von Franco) und die Fixierung der Nachwelt auf einige wenige Werke – im Drama seine sehr späten sozial-kritischen Stücke, in der Lyrik seine surrealen Exzesse aus Dichter in New York.

Dabei gehört meiner Meinung nach Garcia Lorcas lyrisches Gesamtwerk, von den frühen Romanzen, bis zu den New York-Gedichten, zu den schönsten und innovativsten Poesie-Werken überhaupt. Es ist von magischer Vollkommenheit und verbindet Romantik, Avantgarde und Symbolismus auf ganz eigene, zwischen Melancholie und Erhebung, Glanz und Gloria zerrissene, Weise.

“Die Nacht verdichtet sich wie hundertjähriger Wein. Im Morgengrauen öffnet die große Schlange des Südens ihre Augen, und die Schläfer haben ein unendliches Verlangen…”

“Dichtung von Cante Jondo” gehört zu den frühen Gedichtwerken. Unmittelbarkeit, Minimalismus und manifestierende Metaphern (siehe oben: Hundertjähriger Wein) prägen das ruhige Bild dieser Verse; auch das dieser Rezension vorrangstellte Gedicht wurde von Lorca mit der Anmerkung “im tiefsten Gitarrenbass” versehen.

II – Dichter in New York

“Auf der Terrasse kämpft’ ich mit dem Monde.
Schwärme von Fenstern durchlöcherten einen Schenkel der Nacht.
Aus meinen Augen tranken des Himmels sanft Kühe.
Und an des Broadways Fensterscheiben, grau wie Asche, klopften
die Brisen mit sehr langen Schwingen.”

Viele Facetten hat das Werk „Dichter in New York“ und ich möchte nicht zu weit ausholen, auch wenn es viel zu diesem Werk zu sagen gäbe, da die Verstörung und Begeisterung, die es wie einen Schmetterling, der einen Orkan beschwört, erscheinen lässt, letztlich verraucht, schwer mittelbar ist.

Surreale und paradierende Gänge sind es, die Garcia Lorca, gleich einem rollenden Augenapfel in einem Ungeheuer von Stadt (dem Big apple) niederschreibt, ausufernd und doch immer so nah an einem festen Eindruck, dass surreal schon fast wieder zu einfach gegriffen ist. Es sind Poetisierungen, aber voller Winkel, in denen sich viel wirklicher Schmutz ansammelt und verschmiert.

Der wichtigste Punkt, zu dem Ich hier noch etwas mit einbringen will, ist der der Übersetzung. Wer also gerne inhaltlich beraten werden will, den verweise ich auf die gesetzten Textbeispiele.

“Ich.
Es gibt kein neues Zeitalter, kein neues Licht.
Nur ein azurnes Pferd und einen Morgenanbruch.”

Ich habe “Dichter in New York” in der alten Übertragung von Enrique Becks gelesen (so noch zu finden in der hervorragenden Werkausgabe in drei Bänden und der handlichen Insel-Ausgabe der Gedichte, außerdem natürlich in der Suhrkamp-Bibliothekfassung von Dichter in New York. Da ich des Spanischen nicht mächtig bin, mag meine Stimme wahrscheinlich (zu Recht) kaum Gewicht in dieser Debatte haben, doch möchte ich trotzdem hier einmal leise gegen die Kritik an Becks Übersetzung protestieren.
Schon immer sind Neuübersetzungen großer Werke mit abschätzigen Bemerkungen gegen die alten Übersetzungen einhergegangen. Bei Hemingway, bei Dostojewski, bei Rimbaud, Baudelaire undundnund… vielleicht nicht immer zu Unrecht. Doch man sollte mittlerweile vorsichtig sein, es pauschal zu tun.

“Das Heulen
ist eine lange violette Zunge, welche hinterlässt
Entsetzensameisen und Liliensaft.”

Im Mittelpunkt steht beim Übersetzen/Übertragen immer die gleiche Problematik: Wortgetreu und stil-nah übersetzen oder versuchen Intention und Aussage des Künstlers in die eigene Sprache zu transferieren – was nicht das Gleiche ist, wenn auch manchmal beides geht, ohne eines zu vernachlässigen!

Viele Übersetzer wählen den Mittelweg und fahren gut damit. Wenn der Übersetzer selber ein Dichter ist, wird er zwangsläufig versuchen, die poetische Nuance, das besondere Fluidum des Gedichts zu retten, ganz egal, ob das durch die erste oder zweite Variante geschieht.
Übersetzen ist auch eine eigene Kunstform und fast schon die Schaffung eines neuen Werkes. Deswegen ist es auch bei diesem Genre oft so wichtig zwischen Übertragung und Übersetzung zu unterscheiden. Was Enrique Beck gemacht hat, ist sicherlich eine Übertragung (so steht’s auch in meinem Band), die sich auch noch etwas an seiner Vorstellung von “poetisch” orientiert haben wird, die zugegeben etwas zu sehr an diesem Wort hängen mag und deren heute als zu erhaben angesehene Geste. Aber: zu behaupten die neue Übersetzung sei garantiert mehr im Sinne von Lorca gewesen, dass halte ich für sehr vermessen (die Toten zu rekrutieren ist an sich fragwürdig). Lorca hätte nie auf Deutsch geschrieben, von daher ist es wider dem Sinn, dass irgendeine deutsche Fassung von sich behaupten kann, die einzig getreue Übersetzung zu sein. Übersetzen ist interpretieren. Lyrik ist Spiegel. Zu behaupten in einen Spiegel müsse man so sehen, dass das richtige heraussieht …

Jedoch: Natürlich muss die Übersetzung mit der Zeit gehen und neue Übersetzungen will ich daher auch nicht hinter die alten stellen, ganz im Gegenteil. Solange aber Becks Dichtungen mir das Gefühl geben, die Schreie zu bemerken und die Klagen dieses Werkes zu verstehen, kann ich sie nicht als unzureichend oder ungemäß ansehen – und ob die nüchterne, neue Version jetzt so sehr der spanischen Sprachwirksamkeit entgegenkommt, wo die deutsche Sprache eine ganz andere hat, will ich auch noch mal still bezweifeln.

“Gleich sah man, dass der Mond
ein Pferdeschädel und die Luft
ein dunkler Apfel war.”

“Die Nacht hat’ einen Spalt
und ruhige Salamander, elfenbeinern.
Es trugen die amerikanischen Mädchen
Kinder im Bauch und Münzen…”

Soviel zu der Übersetzung. Hiernach kann ich nur noch mal sagen, dass, ganz egal in welcher Übersetzung, dieses Buch eine surreale, kantige, buntblutige Freude ist, die man sich nicht entgehen lassen sollte. Sie ist die Krönung eines großen dichterischen Werkes und als solche schon von unermesslichem Reichtum, aber durch ihre unnachahmliche Kraft und Schönheit, weiß sie das auch jedem einzugeben.

“Ich strauchle schwankend durch die harte, feste Ewigkeit
und Liebe endlich ohne Morgengrauen. Liebe. Sichtbare Liebe!”

“und wer den Tod da fürchtet, trägt ihn auf den Schultern”

III – Diwan des Tamarit

“Niemand hatte je den Duft erfahren
von deines Bauches dunkler Magnolie.
Niemand wusste, dass ein Liebeskolibri
du zwischen deinen Zähnen hast gemartert.”

Die letzten Dichtungen Federico Garcia Lorcas weisen ihn noch einmal als einen großen Sprachmagier und elementaren Dichter aus. Bedrückende Verse, doch voller Schönheit.

Diwan des Tamarit musste postum veröffentlicht werden, ebenso wie die über Jahre nicht vollendeten Sonette der dunklen Liebe, zu denen der Diwan quasi gehört.

“Tausend kleine Perserpferdchen schliefen
auf dem Mondesplatz deiner Stirne.
während ich vier Nächte deine Hüften,
Feindinnen des Schnees, umschlungen habe.”

Unerklärliche Trauer, Lust und nahe Dunkelheit – der Einband in Lila und Schwarz von Suhrkamp wirft es voraus – sind die zentralen Themen dieser Gesänge und Betrachtungen, die scheinbar von Lorca teilweise nach altindischer Form geplant waren; zumindest tragen einige der Werke Titel wie “Gasel von der unvermuteten Liebe” oder “Kasside von der Wehklage”, beides altindische Gedichtformen.

“Ich habe meinen Balkon geschlossen,
weil ich nicht hören will die Klage,
doch hinter dem grauen Gemäuer
hört man nichts anderes als die Klage.”

Lorca lyrisches Gesamtwerk ist beeindruckend, aber wie bei Brecht und seinen Buckower Elegien, ist dies letzte Werk auch bei Lorca, dieser letzte Federstrich, das Anrührenste unter allen, obwohl die Thematik manchmal eher abgründig und abweisend wirken kann. Sprachlich ist dies Werk jedoch so vollkommen, so mündend wie ein Fluss, dass vielleicht der Inhalt sogar letztlich zurückstehen muss, hinter so viel unbedachter Schönheit.

“Ich will, dass das Wasser bleibt ohne Flussbett.
Ich will, dass der Wind bleibt ohne Täler.”

Zum 22. Band von “DAS Gedicht” mit dem Swing vom Ding


“Schläft ein Lied in allen Dingen,
Die da träumen fort und fort
Und die Welt hebt an zu singen,
Triffst du nur das Zauberwort.”
Joseph Freiherr von Eichendorff

“Die Dinge sind die Antwort der Schönheit auf das Sein.” Francis Ponge

Auf Dinge zu kommen ist nicht schwer, denn wenn man von dem nicht geringen, aber doch sehr kleinen Wunder absieht, dass die Oberfläche dieses Planeten mit Leben bevölkert hat, so ist alles im Universum ein Ding, ein Gegenstand, eine Sache. Der Dichter Lars Gustafsson (der für diese Ausgabe von der GEDICHT-Redaktion kurz interviewt wurde und dessen Person und neuster Lyrikband dabei kurz vorgestellt werden) schrieb einmal (zu finden ist das Zitat in einem älteren Band, Jahrhunderte und Minuten, im Gedicht “Lebende und Tote”):

“All das, was Leben nachahmt, scheitert
und täuscht uns nicht.

Doch um diese Dinge, Kristalle,
Spielsachen und Trompeter

steht ein Ausdruck von Trauer, von Wehmut.
Und -der- ist nicht nachgeahmt.

Wir erkennen ihn sofort.
Und erinnern uns an uns selbst.”

Gegenstände, Dinge, sind Oberflächen, die, wenn sie zu unser Dasein ausmachen, Anteil daran nehmen, für uns etwas an sich haben, das über sie selbst hinausweist, ungeahnte Tiefen in sich selbst zu tragen beginnen, offenbaren, in die wir oft unsere Vorstellungen von Leben und Erinnerung, von Bleiben und Verstehen füllen. Sie sind uns im Grunde nicht fremd, weil wir doch Beziehungen mit ihnen eingehen, Symbiosen und Leidenschaften. Lebendiges, das ist Beschleunigung, jedes Ding dagegen ist ein Ruhepunkt, gibt Möglichkeit für eine ganz bestimmte Entfaltung; sie haben alle einen Umkreis mit ganz einzigartiger, vielfältiger Wirkung, in seiner Identität und Integrität so unangreifbar und doch können wir ihn ganz für uns einnehmen.

Bei der Begegnung mit Dingen gibt es viele Möglichkeiten: Anrufung und Betrachtung, Einschätzung und Verfremdung, Bestimmungen und Ungewissheiten, das alles ist hier zu finden, ein einziger Swing, Blues, Walzer und Punk, der die Seiten zum Orchester jedes Dinglieds macht.

Da gibt es Liebeserklärungen:

“Für dich du verkannter
missratene Verse fressender Freund
echter Dichter:

für dich mein geliebter
Aktenvernichter.”

und ebenso der Blick auf das Unscheinbare, das niemals abhanden gekommene, aber auch nie ganz entdeckte. Wie jener Poller am Hafen, ein Ding von jener Art, die uns allen immer wieder begegnet, schütterstahlgrauklatschnass, der “auf dem Kai/ der stille Star” ist, wie er all die schweren Ketten und Taue festhält.

Wenn Gedichte gelingen, erwecken sie etwas zum (ins) Leben und es ist ganz gleich, was es ist, es kann noch so abstrakt sein, Gefühl, Bewegung, Person oder eben ein Ding. Sehr oft gelingt dies hier, es genügt schon die sparsamste Erwähnung und schon befinden wir uns, allein durch die wortreich hervorgehobene Beschwörung der Dinge, in einer verlassenen Werkstatt:

“Sägen rosten unschlüssig dahin.
Der Stiel des Hammers liegt gebrochen am Boden.
Apathisch blinzeln Schrauben und Nägel
aus vermoderten Kisten […]

Hier findet man sie nicht, die Bewegung der Zeit.

Nur wenn ein Stück Putz von der Decke fällt,
setzt sie sich, mühsam ächzend,
für einen Augenblick in Bewegung.”

Dinge haben Atmosphäre und das ist ihre Magie, ihr Leben, mehr brauchen sie kaum, um uns für immer in ihren Bann zu ziehen, unsere Welt an ein paar Rändern, in ein paar Rädern, auszumachen. Ganz egal, ob sie die Idee eines Dings sind, das durch viele einzelne Dinge verkörpert wird (wie Zigaretten, Kaugummiautomaten) oder wirklich ein einzelner fester Gegenstand sind, der uns begleitet, mit unserer eigenen Sympathie immer wieder konfrontiert wird oder uns irgendwann entfällt und fehlt. Letzteres geschieht, gehört dazu, weil Dinge auch immer im Gebrauch sind, was manche mehr und manche weniger verändert. Was wir mit Dingen erleben, erleben wir auch mit uns, es kettet uns an sie, aber manches Ding harrt lange verlässlich aus und wird erst ganz am Ende wertgeschätzt.

Andere sind nicht nur Dinge, sondern Welten. Spielzeuge, die “die Male/ kindlicher Liebe tragen”, das ist fast schon eine Idee für die Ewigkeit. Solange es Kinder gibt und Dinge, die für Kinder zum Zweck des Spielens gemacht werden und mit denen Kinder dann auch spielen, kann man diese Male, dieses Spielzeug, überall, auf dem Dachboden jedes menschlichen Herzens finden, ewige Entdeckung und ewiges Erbe, wie das Schlaflied, das Lullabye, über das der amerikanische Rockmusiker Billy Joel einst sang: “Someday we’ll all be gone/ But lullabies go on and on./ They never die/ That’s how you and I/ will be.”

“Wieviel Dinge,
Feilen, Schwellen, Atlanten, Becher, Schlüssel,
die uns als stumme Sklaven dienen, die

blind sind und dazu sonderbar verschwiegen.
Wenn wir vergessen sind, werden sie dauern
und nie wissen, dass wir gegangen sind.”
(Aus einem Gedicht von Jorge Luis Borges)

Profan scheinen die Dinge, aber wie schmal der Grat zwischen profan und heilig ist, das kann man mit einem Blick in jedes menschliche Leben erfahren, denn in jedem einzelnen ist diese Grenze von Bedeutung. Was uns begleitet, das mögen wir teilweise für selbstverständlich nehmen, aber da ist oft etwas, zu dem wir eine besondere Beziehung pflegen, weil Dauer und Zeit uns vielerlei an Eindrücken, Gefühlsregungen und Gedanken entreißen, aber was wir über einige Zeit an Erlebnissen mit einigen Dingen anhäufen, es ist wie darin bewahrt; sie sind ein Behältnis für das sonst sehr leicht verstreute; ein Spiegel für das, was wir gerne an uns und von uns sehen oder was uns zumindest einen sehr wahren Blick auf uns erhaschen lässt. Und so ist es nicht verwunderlich, dass der Prokurist in einem der Gedichte auf die Frage, was er jetzt, mit der Pensionierung, in Zukunft vermissen werde, weder “Erfolge/ noch Ehrungen” angibt, “nicht Kollegen oder Kunden./ Er nannte einzig/ den Gullideckelschlitz.” Was sich hinter diesem Ding für eine Geschichte verbirgt, will ich nicht vorwegnehmen. Sie ist nicht spektakulär, aber schön und nicht ohne ein Ahnung von Gewicht, wie die meisten Dinge; über viele von ihnen kann man abschließend sagen:

„was wichtig ist:
das hier ist wahr
ein winziges Denkmal
gegen die große Demenz”