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Gespräch mit José Oliver


Interview mit José Oliver auf dasgedichtblog.de

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Friedrich Christian Delius, “Die Flatterzunge” und der lange Schatten von AH


Ein Mann, der im Orchester die Posaune spielt, ein Polsterzungeninstrument, riskiert eine dicke Lippe: in Israel unterschreibt er die Getränkequittung im Hotel mit dem schändlichsten aller deutschen Namen. Es folgt ein flotter Rauswurf und die gesellschaftliche Ächtung.
Wie noch irgendwie ankommen gegen das Todschlagargument seiner Tat? Kann es da noch Erklärungen und Entschuldigungen geben? Und wieso wird er so scharf verurteilt, wo er doch nur eine simple Dummheit begangen hat, statt Panzer an den Iran oder Saudi-Arabien zu liefern?

Sich mit der Relevanz von gesellschaftlichen und politischen Erscheinungen, mit Positionen und Debatten auseinanderzusetzen und die Instanzen der modernen Realität, vor allem der deutschen, zu hinterfragen, ist das große Thema im Werk des deutschen Schriftstellers Friedrich Christian Delius, ein Thema, um dass er sich bereits sehr verdient gemacht hat. Mit dem Blick auf das Aktuelle wie auch das Historische – zwei Elemente, die in seinen Büchern meist gekonnt zusammenfallen – verzeichnet er die Grundlinien in der Architektur des deutschen Selbstverständnisses, leuchtet aber auch die Ecken aus, in die dieses Selbstverständnis gerade nicht dringt.

In “Die Flatterzunge” stellt uns Delius einen durch die Verhältnisse veruteilten vor, einen Buhmann. Eine interessante Entscheidung ist es, dass er das Hauptaugenmerk der Handlung dabei nicht so sehr auf die mediale Ausschlachtung des Fehltrittes legt, sondern stattdessen in tagebuchartigen Skizzen des Protagonisten die persönliche Seite der Geschichte erzählt. Hannes, der Durchschnittsmensch und Musikversessene, wirkt dabei weder besonders souverän, noch besonders engstirnig; Delius gelingt eine sehr authentische Gestalt, die weder zu einer Zerrbild noch zu einem Symbol für das selbstbestimmte Individuum verkommt, sondern ebenso reflektiert wie uneinsichtig mit seinem Schicksal hauszuhalten versucht und sowohl in die Gründe seiner eigenen Geschichte und Seele hinabsteigt als auch an der Oberfläche der heuchlerisch-gesellschaftlichen Kehrseite kratzt.

Wo muss man ein Bewusstsein für Geschichte und Bedeutungen haben und wo nicht? Wofür darf man Menschen verdammen und was ist erlaubt, was ist zu Unrecht eine Tabu und was zu Recht? Fragen, die aus den Kreuzungen der Gedanken entstehen, die der Protagonist wie kopflos und doch sehr klar in seinen Stimmungsbildern und Rechtfertigungsansätzen niederschreibt. “Die Flatterzunge” ist letztlich nur eine sehr schmale Auseinandersetzung mit der Schwierigkeit des Dritte-Reich-Erbes. Aber die direkte, unsouveräne Gangart des Buches macht es wieder zu einer Erfahrung, die die Wichtigkeit des Themas unterstreicht.

Die Gedichte von Erich Kästner


I – Herz auf Taille

“Wir haben der Welt in die Schnauze geguckt,
anstatt mit Puppen zu spielen.
Wir haben der Welt auf die Weste gespuckt,
soweit wir vor Ypern nicht fielen.”

Wir schreiben das Jahr 1928. Die Weimarer Republik hat ihre beste Zeit; die anfänglichen Probleme scheinen überwunden und noch sind der schwarze Freitag und die darauffolgende Wirtschaftskrise nicht in Sicht, um der ersten deutschen Demokratie den Todesstoß zu versetzen. In Berlin, das große Zentrum des Kulturlebens der Republik, blüht die Kaffeehausliteratur; Kurt Tucholsky, Mascha Kaléko, Else Lasker-Schüler, Joachim Ringelnatz, Hermann Kesten und viele andere Geistesgrößen der Zeit schreiben und diskutieren in den beliebtesten Etablissement über Politik, Kunst, Theater und Moral.
Einer, der, gerade angekommen, in diesen Kreisen überraschend schnell Anschluss findet, ist ein junger Mann von gerade 29 Jahren. Soeben hat er seinen ersten Gedichtband veröffentlicht, mit Gedichten die mehrfach noch in der Zeit des Studiums in Leipzig entstanden sind. Die anschließenden 5 kurzen Jahre, die ihm noch zum produktiven Publizieren bleiben, wird er hauptsächlich in den Cafés verbringen, in denen auch weitere kritisch-bissig-geradeherausgesagte Gedichte entstehen werden. Die Rede ist von Erich Kästners, vielfach bekannt für seine wunderbaren Kinderbücher, doch nichtsdestotrotz auch einer der wichtigsten und unterhaltsamsten Dichter in deutscher Sprache.

“Du darfst dich nicht zu oft bewegen lassen,
den anderen Menschen ins Gesicht zu spein.
Meist lohnt es nicht, sich damit zu befassen.
Sie sind nicht böse. Sie sind nur gemein.”

Herz auf Taille besitzt den Schwung und manchmal auch den Unschliff erster Dichtungen, ohne deswegen je ganz zu misslingen. Ein Lyrik-Debüt, das nicht im Alter von über 35 Jahren publiziert wird, ist in der Regel immer auf die ein oder andere Art extrem und/oder in seiner Schlagrichtung überspitzt, allerdings im besten Fall auch hier und da mit einem Hang zu einer übermütigen Brillanz gesegnet. So finden sich auch in diesem Werk einige eher saloppe Gedichte, in denen die Intention hinter den manchmal bemühten Reimen etwas zurückbleibt, jedoch – es sind auffällig wenige, für ein Debüt. Dagegen findet sich so mancher Vers, der sprichwörtlich ist oder zumindest mit einer wunderbar gereimten Pointe oder Wendung daherkommt.

“Macht einen Buckel, denn die Welt ist rund.
Wir wollen leise miteinander sprechen:
Das Beste ist totaler Knochenschwund.
Das Rückgrat gilt moralisch als Verbrechen.”

Wie bereits erwähnt ist der Anteil an Dichtungen aus der Leipziger Zeit noch sehr hoch, was aber nicht besonders auffällt. Beinahe alle Gedichte haben einen kritischen, bezeichnenden Hintergrund, sind aber oft auch so etwas wie erzählte Gesellschaftsmomente. Die Mutter, die ihrem Sohn einen Brief schreibt, das Gespräch des Mannes mit der Geliebten an der Tür, das junge Liebespaar, das sich im Regen für immer verabschiedet, die Bardame, die ihre Sorgen wechselnden Zuhörern mitteilt.
Im anderen Teil der Texte wendet sich Kästner, meist nicht mehr so leichthändig, sondern mit großem Biss, direkt an den Leser (siehe Zeile über diesem Abschnitt), meist in Liedern und chansonsähnlichen Texten.

Die großen Themen der Weimarer Gesellschaft hat Kästner schon früh und vielfältig erkannt. Er, Bertolt Brecht und Kurt Tucholsky dürfen bis heute als die einzigen deutschen Dichter gelten, die die Instabilität der neuen Demokratie und die Gefahr, der sie sich durch äußeren Einfluss und (mehrfach) durch inneren Zerfall aussetzte, frühzeitig und umfassend erkannt und, auf ihre eigene Art, davor gewarnt zu haben. Kästner war nicht wie Brecht, der den Menschen die Wahrheit/Angst anklagend oder drohend und nach Art von Propaganda um die Ohren hauen wollte; auch Tucholskys Methode, der giftenden, meist satirischen Publizistik war nicht die seine, auch wenn er manchmal am Rande zu ihr tendierte. Nein, Kästner vertraute, auch wenn er anderes schrieb, noch so weit auf den Menschen, dass er hoffte, ihm mit Geschichten und Fingerzeigen einen Spiegel vorhalten zu können; zwar hielt er sich, was die Spiegelungen anging, mit der Wahrheit kein bisschen zurück, doch oft genug merkt man, wie er in manchen eher ruhigen und unscheinbaren Gedichtmomenten versucht, subtil ein Gefühl oder eine Beobachtung in seine Reime einzubinden, die man auch wieder herauslesen kann, um somit ein besserer, gescheiterer Mensch (oder zumindest Bürger) zu werden.

“Ich möcht es einmal nicht eilig haben.
Und morgen nicht zur Bö… zur Börse gehn.
Ich möchte wie ganz … wie ganz kleine Knaben
ganz ohne Geld vor einem Laden stehn.”

„Trefflich“ bezeichnet viele seiner Reime am besten, meisterhaft sind sie bis heute in ihrer saloppen und unterhaltsamen Lesbarkeit, die nichts Abstraktes und Geschnürtes hat.
Und: Wenn es um die (tiefgehende) Aktualität von Kästnergedichten angeht – wer daran noch zweifelt, der bekommt zuletzt noch ein vollständiges kleines Gedicht:

-Die Zeit fährt Auto-

“Die Städte wachsen. Und die Kurse steigen.
Wenn jemand Geld hat, hat er auch Kredit.
Die Konten reden. Die Bilanzen schweigen.
Die Menschen sperren aus. Die Menschen streiken.
Der Globus dreht sich. Und wir drehen uns mit.

Die Zeit fährt Auto. Doch kein Mensch kann lenken.
Das Leben fliegt wie ein Gehöft vorbei.
Minister sprechen oft vom Steuersenken.
Wer weiß, ob sie im Ernste daran denken ?
Der Globus dreht sich und geht nicht entzwei.

Die Käufer kaufen. Und die Händler werben.
Das Geld kursiert, als sei das seine Pflicht.
Fabriken wachsen. Und Fabriken sterben.
Was gestern war, geht heute schon in Scherben.
Der Globus dreht sich. Doch man sieht es nicht.”

II – Lärm im Spiegel

“War dein Plan nicht: irgendwie
alle Menschen gut zu machen?
Morgen wirst Du drüber lachen.
Aber, bessern kann man sie.”

Unter diesem Motto hat Kästner sich lyrisch betätigt und das in einer Zeit, in der es bitter nötig war. Als Lärm im Spiegel 1929 herauskommt, kritteln bereits Wirtschaft und die gesellschaftliche Basis der Weimarer Republik und auch die politische Stabilität ist in Gefahr, extreme Gruppierungen haben großen Zulauf. Vielleicht deswegen kommt Kästners zweiter Lyrikband manchmal ein wenig überzynisch daher. Ein Jahr nach der erfolgreichen Publikation von Herz auf Taille, in dem Kästner noch klare, hellere Töne anschlug, ist er in seiner Lyrik etwas melancholischer geworden, viele seiner Figuren wirken sehr verloren, viele seiner Themen bleiben auf der ernsten Seite, jonglieren nur mit Spott. Auch sein Bild von der Rolle des Dichters hat sich nach einem Jahr im Caféhausleben von Berlin gewandelt.

“Wir spielen Harfe auf den eigenen Nerven.
Und wenn wir stöhnen, reimt sich das auch schon.
Wir lassen gern mit Steinen nach uns werfen.
Das klingt so schön. Denn Dichter sind aus Ton.”

Das Verlorensein, das Kästner zelebriert – trotz aller zynischen Heiterkeit und aller melancholischen Bedenklichkeit, wird es einem lyrisch einwandfrei serviert. Man wird von den Reimen eingefangen und gehoben und geworfen und gefangen, sie sind einfach, sachlich, aber doch immer wieder, meistens in der Endzeile, mit vielen kleinen Funken an Genialität geladen.

“Vom Fenster aus konnte man Schiffe winken.
Er sagte, es wäre schon Viertel nach Vier
und Zeit, irgendwo Kaffee zu trinken.
Nebenan übte ein Mensch Klavier.”

Es gibt die Dichter, für die ist Sprache ein Werkzeug der universellen Kreativität und bloßer Ausgangspunkt ihrer Dichtungen, nur Spielball ihrer Kräfte. Und es gibt Dichter, die sich in ihrer Sprache hervortun, weil sie einen bestimmten Aspekt dieser Sprache auf das Schönste, Genauste, Vortrefflichste für ihre Dichtung eingenommen haben; sie haben sozusagen die natürlichen Anlagen der Sprache vollendet (Schließlich ist ja auch jede Sprache eine Art Kunstwerk). Im deutschen sind Hölderlin oder Heine gute Beispiel für solche Dichter, oder auch der späte Gottfried Benn. Die Schönheit und Einzigartigkeit ihrer Dichtungen liegt in der Tiefe und/oder der Art der Möglichkeiten der deutschen Sprache selbst; sie wird bei ihnen nicht instrumentalisiert, sie wird in ihren ureigenen Möglichkeiten ausgelotet.

Auch Erich Kästner gehört zu den Dichtern, die der deutschen Sprache eine ihrer klarsten Formen und Ausprägungen geschenkt haben. Die Sachlichkeit, dem Deutschen genauso eigen wie die leichte oder schwere Musikalität, hat in der Lyrik nie eine so hohe und vollendete Spielart erreicht wie in Kästners Versen. Und natürlich ist auch die vollendete Sachlichkeit, wie alles Vollendete, nur Form, um viele verschieden Dinge zu kleiden: Wut, Trauer, Kritik, aber auch Liebe, Hoffnung und Humanität.
Zum Schluss: Auch die Poesie kommt in diesem Band nicht zu kurz und eine der Schlusszeilen die mich doch sehr angerührt hat, soll hier am Ende stehen.

“Ich hab von ihm noch ein paar Kinderschuhe.
Nun ist er groß und lässt mich so allein.
Ich sitze still und habe keine Ruhe.
Am besten wär’s, die Kinder blieben klein.”

III – Ein Mann gibt Auskunft

“Und immer wieder schickt ihr mir Briefe,
in denen ihr, dick unterstrichen, schreibt:
Herr Kästner, wo bleibt das Positive?
Ja, weiß der Teufel, wo das bleibt.”

Misanthrop, Menschenfreund, Aufrüttler, Resignierter, Melancholiker, kritischer Zeitgenosse und guter Beobachter – all diese Titel und vielleicht noch einige mehr könnte man Erich Kästner nach der Lektüre von “Ein Mann gibt Auskunft” umhängen; doch so klar und trefflich wie hier ist er in kaum einem seiner anderen frühen Gedichtbände aufgetreten und ich halte diesen Band für seinen Besten (gleichauf mit den genialen Epigrammen aus „Kurz und bündig“). Und das nicht nur weil viele der bekanntesten Gedichten hier versammelt sind, sondern auch weil keins unter den Durchschnitt fällt und jedes auf seine Weise ein lesenswertes, eingängiges Werk ist.

“Ich setzte mich sehr gerne zwischen Stühle.
Ich säge an dem Ast, auf dem wir sitzen.
Ich gehe durch die Gärten der Gefühle,
die tot sind, und bepflanze sie mit Witzen.”

Natürlich ist Kästners sog. Gebrauchslyrik keine Luftdarbietung, aber akrobatisch kann man sie schon nennen, es sind nicht einfach nur geklopfte Reime, aus Engagement, Kritik und Skepsis gegossen. Sie haben schon ihre eigene – eine sehr unverwüstliche – Klasse und auch in manchen Versen gekonnte Genialität. Und bei aller Kritik hat Kästner doch eigentlich Worte für Vieles:

“Das Allerschönste, was sich Kinder wünschen,
das wagt sich kaum aus ihrem Mund hervor.
Das Allerschönste, was sich Kinder wünschem
das flüstern sie der Mutter bloß ins Ohr…”

Ich empfehle diesen Gedichtband allein schon deswegen, weil es ein wunderbarer Spaß ist ihn zu lesen, weil er erheitert, unterhält und es immer wieder schön ist, interessante Themen in Reimform präsentiert zu bekommen – das hat einfach einen ganz speziellen ästethischen Genußfaktor, den man nicht auf andere Weise beschwören kann. Egal ob es dabei jetzt um die Reize der Frauen, die Dummheit der Reichen, die Spiele der Kinder, die Fragen der Gesellschaft geht. Nicht zuletzt stimmt Kästner uns natürlich auch nachdenklich, oder zumindest haut er uns das noch positiv zu machende nicht leichtfertig um die Ohren.

Man sollte Kästners Lyrik wieder lesen, allein weil seine schön gereimten Kolportagen eine wahre Freude für alle sind, die den Ton des Gereimten lieben, wenn dazu noch Pointe, Wortspiel und Trefflichkeit kommen. Auch die wunderbare Einfachheit von Kästners Ansichten und Aussichten zur Weimarer Gesellschaft und dem Leben im Allgemeinen, tut der Qualität und sich aufschwingenden Ironie dabei keinen Abbruch. Und ist das nicht eine Art von vollendeter Kunst: Die einfachste und doch virtuoseste Dichtung zu schreiben, die einem Erfreuliches, Skepsis und Herzblut serviert?

“Ihr sollt ja gar nicht aus Güte handeln.
Ihr seid nicht gut. Auch sie sind’s nicht.
Nicht euch, aber die Welt zu verwandeln,
ist eure Pflicht!”

IV – Gesang zwischen den Stühlen

“Die kunstvolle Machart dieser melodischen Verse ist nie recht anerkannt worden.“
Marcel Reich-Ranicki

Das Buch Gesang zwischen den Stühlen war Kästners größter finanzieller Erfolg in der Weimarer Republik und zugleich sein letzter. Kästner selbst scherzte bitter, das Buch sei gerade Recht zur Bücherverbrennung erschienen, die sechs Monate später, im Frühling 1933 stattfand; und auch Kästners sämtliche Werke wurden verbrannt. Doch vorher gingen noch ca. 12.000 Stück des Bandes über den Tisch. Viel für einen Gedichtband und doch kein Wunder, hatte Kästner doch schon mit den drei vorherigen Gedichtwerken ins Herz der Weimarer Republik gezielt und den Nerv der Zeit getroffen.

Dem letzten “sachlichen” Gedichtband Kästners merkt man schon stark die Resignation an, die von den dunklen Wolken herrühren mag, die bereits in den Jahren 1931 und -32 in Form von Naziaufmärschen und Bankenkrisen aufzuziehen begannen. Vielleicht deshalb ist es der gleichsam kopfloseste Band der vier, was ihn nicht schlechter, aber etwas ungenießbarer macht. Hier und da wird der Fingerzeig des Zynismus auch schon mal faustgroß.

“Der eine nickt und sagt: So ist das Leben.
Der andere schüttelt seinen Kopf und weint.
Wer traurig ist, sei’s ohne Widerstreben!
Soll das ein Trost sein? So war’s nicht gemeint.”

Nichtsdestotrotz sind einige der bekanntesten Gedichte Kästners, so das Eisenbahngleichnis oder auch das Gedicht “Eine Animierdame stößt Bescheid” in diesem Band enthalten. Man sollte vielleicht nicht mit ihm beginnen, wenn man Kästner als Lyriker kennenlernen will, da sollte man eher mit „Herz auf Taille“ beginnen.
Ansonsten empfehle ich Kästner uneingeschränkt!

“Auf den Schlachtfeldern von Verdun
wachsen Leichen als Vermächtnis.
Täglich sagt der Chor der Toten:
Habt ein besseres Gedächtnis!”

V – Kurz und bündig

Wenige Bücher haben mich so durchs Leben begleitet wie dieser Band mit Aphorismen und immer wieder, seit Jahren, liegt mir dieser Spruch, fast tagtäglich, auf den Lippen:

„Wird’s besser? Wird’s schlimmer?
fragt man alljährlich.
Seien wir ehrlich
Leben ist immer
lebensgefährlich.“

Bis heute kann ich einen Großteil der 100 Epigramme aus diesem Band in-! und auswendig. Ihre Weisheit hat etwas Universelles und doch Spezielles und vor allem sehr Reales, nicht bloß Geistiges.

Seit der Lektüre halte ich Kästner für einen unterschätzten Dichter – was er hier lieferte, war ein wunderbarer, damals hochaktueller, scharfzüngiger, philosophischer und erheiternder Gedichtband.
Immer mit einer Endzeile, die quer im Hirn stecken blieb und interessante Gedanken miteinander verdrahtete, allegorisch und gleichsam reflektiert, genial gereimt, mit viel Moral, viel Humanität.

„Der Hinz und der Kunz
sind rechte Toren
lauschen offenen Munds
statt mit offenen Ohren.“

Diese beiden zitierten und 98 weiter Epigramme sind hier versammelt. Ein Band, denn man immer wieder gerne aus dem Regal zieht.

P.S.: Und nicht vergessen!

„Was auch geschieht
nie dürft ihr so tief sinken
von dem Kakao, durch den man euch zieht
auch noch zu trinken!“

VI – Die dreizehn Monate

“Die hier gesammelten Gedichte schrieb ein Großstädter für Großstädter. Er versuchte sich zu besinnen. Denn man kann die Besinnung verlieren, aber man muss sie wieder finden. Man müsste wieder spüren: Die Zeit vergeht, und sie dauert, und beides geschieht im gleichen Atemzug. Der Flieder verwelkt um zu blühen. Und er blüht, weil er welken wird. Der Sinn der Jahreszeiten übertrifft den Sinn der Jahrhunderte.”

Erich Kästners letzter Gedichtband ist ein kurzes, aber nichtsdestotrotz wunderschönes Zeugnis seines dichterischen Könnens; eine der schönsten Poesien, die ich kenne. Und vor allem ist es ein Buch, das man immer wieder lesen kann, entweder den Text passend zur Jahreszeit, oder das ganze Büchlein, auch wenn man sich mal unglücklich oder fern jeder Magie und Lebendigkeit fühlt. Es gibt nur wenige Bücher, die einem in solch einer Situation neue Flügelschläge verleihen, neue Aufwärtswinde – “Die dreizehn Monate” sind eines dieser seltenen, ausgewogenen, Lebenskraft spendenden Werke.

“Aus Gras wird Heu. Aus Obst Kompott.
Aus Herrlichkeit wird Nahrung.
Aus manchem, was das Herz erfuhr,
wird, bestenfalls, Erfahrung.

Es wird, es war. Es war, es wird.
Aus Kälbern werden Rinder
und, weil’s zur Jahreszeit gehört,
aus Küssen kleine Kinder.”
-Aus dem Gedicht ‘Der Juni’-

Man mag es bedauern und ich bedaure es sehr, dass Kästner nach 1945 nur noch zwei Gedichtbände veröffentlicht hat. Aber bedauern sollte man es ja gerade nicht, denn gerade diese zwei sind mir unersetzlich geworden, die Epigramme und die dreizehn Monate, jedes einzelne Gedicht in diesen beiden Bänden.

Ich kann also jedem nur empfehlen Kästner als Dichter zu entdecken, sowohl in diesen beiden Spätwerken, als auch in den kritischen Weimarer Republik-Bänden. Nicht nur besitzt seine Lyrik eine ganz eigene Art der Genialität, sie ist auch geradeheraus, munter und trotzdem filigran. Ein lyrischer Genuss!

“Nun hebt das Jahr die Sense hoch
und mäht die Sommertage wie ein Bauer.
Wer sät, muss mähen
und wer mäht, muss säen.
Nichts bleibt, mein Herz. Und alles ist von Dauer.

Doch was, nun gar,
könnten ein paar
Verse vermögen, zu sehn?
Es hatte, wieder mal und wie so oft,
das letzte Wort – ganz unverhofft
jenes kleine Wort: Trotzdem.”

George Orwells Bericht “Mein Katalonien”


“Ich war nach Spanien gekommen, um Zeitungsartikel zu schreiben. Aber ich war fast sofort in die Miliz eingetreten, denn bei der damaligen Lage schien es das einzig Denkbare zu sein, was man tun konnte. […] Man hatte den Japanern erlaubt, in der Mandschurei zu tun, was sie wollten. Hitler war zur Macht gekommen und fuhr fort, die politischen Gegner aller Schattierungen zu massakrieren. Mussolini hatte die Abessinier bombardiert, während dreiundfünfzig Nationen abseits standen und fromme Sprüche von sich gaben. Aber als Franco versuchte, eine gemäßigt links orientierte Regierung zu stürzen, lehnten sich entgegen allen Erwartungen die spanischen Menschen gegen ihn auf. Es schien die Wende der Flut.”

Fast vier Monate lang blieb George Orwell in der katalonischen Miliz, bei einer Abteilung der anarchistisch-sozialistischen Arbeiterbewegung, erlebte die Front, das Lazarett und zuletzt die Straßenkämpfe, politischen Verwicklungen und Propagandaschlachten in Barcelona. Seine Schilderungen und Analysen zu letzterem bilden das wirkliche Kernstück dieses Buches und sind sein großer Verdienst, bis heute.

“Es war nämlich vor allen Dingen ein politischer Krieg. Kein Ereignis, besonders aus den ersten Jahren, ist verständlich, ohne eine Gewisse Kenntnis von dem Kampf zwischen den Parteien, der sich hinter der Frontlinie der Regierungsseite abspielte.”

Der spanische Bürgerkrieg wird in der historischen Betrachtung meist leichtfertig zusammengefasst als Kampf von Demokratie gegen Faschismus, als ein Aufbegehren von liberalen, kommunistischen, sozialistischen, demokratischen Elementen gegen die Flut des Totalitarismus. Aber gerade der ideologische Kampf auf Seiten der republikanischen Seite, der (zumindest in Katalonien) einen Bürgerkrieg in sich darstellt, wird dabei gerne verschwiegen; es wird gerne ausgespart, dass im republikanischen Spanien der Jahre 1937-38 eine der größten kommunistischen Säuberungsaktionen des 20. Jahrhunderts stattfand und einige anarchistische Arbeiterschaft-Verbände mit Terror und Willkür unterdrückt wurden.

Orwell kam im Dezember 1936 nach Barcelona, das Buch erschien 1938, noch bevor der Krieg beendet war. Es ist daher kein umfangreicher Bericht über den Bürgerkrieg selbst und auch keine Analyse des Kriegsverlaufes. Es ist ein persönlicher Erlebnisbericht aus dem Räderwerk des Bürgerkriegs, nicht nur des Fronteinsatzes, sondern vor allen Dingen der politischen Prozesse, die währenddessen abliefen.

Als Orwell nach Barcelona kommt, hat die Arbeiterschaft dort eine fast perfekte sozialistische Utopie umgesetzt. Es gibt keine Unterschiede in Sold und Gehalt mehr, alles liegt in den Händen der Arbeiter. Er tritt der anarchistischen Arbeitermiliz P.O.U.M. bei und geht an die Front. Als er ein paar Monate später zurückkehrt, haben sich sowohl die realpolitischen Verhältnisse geändert, wie auch die gesellschaftlichen. Alles war wieder zum bourgeoisen Standard zurückgekehrt. Orwell zog die richtigen Schlüsse und erkannte früh, was ein Problem des 20. Jahrhunderts war und ein Erbe geworden ist, das das 21. Jahrhundert weiterhin mitträgt:

“Im Namen der Demokratie gegen den Faschismus zu kämpfen, heißt, im Namen einer Form des Kapitalismus gegen eine andere zu kämpfen, die sich zu jeder Zeit in die erste verwandeln kann. Die einzig wirkliche Alternative zum Faschismus ist die Kontrolle durch die Arbeiter. Wer sich irgendein kleineres Ziel als dieses setzt, wird entweder Franco den Sieg aushändigen oder im besten Falle den Faschismus durch die Hintertür hereinlassen.”

Der Kapitalismus und die staatliche Gewalt sind, wie Orwell aufzeigt, die wesentlichen Probleme und die wesentliche Unterdrückung der menschlichen Gesellschaft. Später wurden die Arbeiterverbände nicht nur aus der Regierung gedrängt, sondern vollständig aufgerieben, verhaftet, in Kerkern zum dahinvegetieren verdammt oder insgeheim erschossen. Die linke Presse in aller Welt druckte damals munter die kommunistische Propagandalüge, dass alle Mitglieder der Anarchisten geheime Handlanger Francos sein – eine Behauptung die nicht falscher sein konnte, lagen doch zum größten Teil Mitglieder der anarchistischen Miliz zu der Zeit an der Front und hielten sie.

“Als eine der traurigsten Wirkungen dieses Krieges erkannte ich, dass die Presse der Linken bis ins kleinste genauso falsch und unehrlich ist wie die der Rechten. […] Das ist in allen Kriegen immer dasselbe. Die Soldaten kämpfen, die Journalisten schreiben. […] In Wirklichkeit unterliegt jeder Krieg mit jedem Monat, den er länger dauert, einer gewissen sich steigernden Entartung. Begriffe wie individuelle Freiheit und wahrhaftige Presse können einfach nicht mit dem militärischen Nutzeffekt konkurrieren.”

Orwells Buch ist ein verdammt wichtiges Dokument und eine Lektion in Antipropaganda und wider der historischen Geschichtsschreibung, die sich der Wirkungen verpflichtet sieht und nicht der Ursprünge und der Schicksale, Tatsachen und Ideen, die auf der Strecke bleiben. Es ist kein besonders spannendes Werk, teilweise auch nicht gerade großartig geschrieben, aber in seiner unaufgeregten und völlig unheischenden Dimension gewinnt es einen Grad an Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit für sich, der mich sehr beeindruckt hat. Orwell schreibt am Ende, dass man seine Ausführungen kritisch hinterfragen soll und er meint es völlig Ernst. Und doch öffnet er einem mit dem Buch eine Sicht auf ein völlig verstelltes Kapitel des spanischen Bürgerkriegs und des zivilen und gesellschaftlichen Kampfes im 20. Jahrhundert. Und legt den Finger auf eine Frage, dessen Antwort weiterhin auf sich warten lässt: Wie kann man gewährleisten, dass die Interessen von allen in einem staatlichen Konzept gehört und bedacht werden?

Schnittmenge Enzensberger – Seine Lyrik von 1957-1995


Dieser Betrachtung beschäftigt sich mit dem dichterischen Werk von Hans Magnus Enzensberger zwischen den Jahren 1957-1995, unterteilt in sechs Teile, was den publizierten Gedichtbänden in diesem Zeitraum entspricht. Dabei nicht berücksichtig wurden “Mausoleum. 37 Balladen aus der Geschichte des Fortschritts” und das Versepos “Der Untergang der Titanic”.

I – Die Verteidigung der Wölfe (1957)

“Lies keine Oden, mein Sohn, lies die Fahrpläne:
sie sind genauer.”

Hans Magnus Enzensberger, heute eine Institution, ein literarisch stilisierter Halbgott, mit scharfer Zunge, eine lebende, wandelnde, später gemäßigte Kontroverse, ein brillanter Geist, ein fröhlicher Anarchist, eine Randerscheinung, die sich in abseitige Mittelpunkte spielt. Das und noch viel mehr könnte man (zu recht oder zu unrecht) über diese geradezu ultimative Figur deutscher Intelligenz sagen; alles stimmt irgendwann und irgendwo, trifft aber doch selten den Kern oder auch nur auf ein einzelnes Werk oder dessen Idee zu. Enzensberger ist nämlich weder wahrhaft radikal noch elitär. Er ist einfach Enzensberger, eine Figur, deren Substanz irgendwo zwischen echtem Genie und bloßer Auflehnung liegt.

“Alkibiades mein Spießgeselle
du bist lange fort
Ich muss dich, Lieber, wohl zu End vergessen.
Zuweilen schlaflos fällt noch ein vertropftes Wort
ein Streich ein Schlips ein Heisersein ein Essen
ein Angstruf mit von weißen Vögeln ein
Sonst bin ich alt und lächelnd wie ein Kieselstein
und warte gern auf die uns forttut
auf die sanfte Welle
Alkibiades
Alkibiades mein Spießgeselle”

Mittlerweile sind elf Gedichtbände von Enzensberger erschienen und neben dem Literatur- und Gesellschaftsfeuilleton/essay (Wunderbar übrigens zu diesem Thema der erst kürzlich erschiene Quartoband: “Scharmützel und Scholien” mit den gesammelten Schriften zur Literatur) ist die lyrische Gattung der zweitwichtigste Bestandteil seines facettenreichen Werkes und auch der, mit dem er zuerst hervorgetreten ist: im Band “Die Verteidigung der Wölfe”, den man auch den “Schreckschuss auf die Wölfe” hätte nennen können.

Es ist erstaunlich wie wenig dieser Band sprachlich gealtert ist;  man ihn in dieser Hinsicht fast als filigran und modern bezeichnen. Wohlgemerkt: Sprachlich. Thematisch ist es etwas komplizierter.

Der Band ist in drei Teile unterteilt: Freundliche Gedichte, Traurige Gedichte und Böse Gedichte.
Das Gro der freundlichen Gedichte besticht vor allem durch eine bildhafte Schönheit und Weichheit, die Stich auf Stich gesetzt ist, teils mit schauderhafter Klarheit:

“lass mich heute Nacht in der Gitarre schlafen
in der verwunderten Gitarre der Nacht
lass mich ruhn
im zerbrochenen Holz
lass meine Hände schlafen
auf ihren Saiten
meine verwunderten Hände”

“Wie ein unbewohnter Stern
riecht die Erde. Von den Bergen
strömt ein dickes, trübes Wasser
Kies und Distel blitzbeschienen
weißer Himmel.”

Enzensberger bemüht sich in diesen Gedichten wenig um Sprachakrobatik oder Metaphernrotation, was sehr nachvollziehbare und vertiefe Stimmungen entstehen lässt. Dieser Teil des Bandes enthält tiefste Poesie, und damit schon so etwas wie eine andere Seite von Enzensbergers Lyrik. Die meisten der Texte verhalten sich homogen zueinander in Form und Inhalt.
Ganz anders bei den traurigen und bösen Gedichten – hier hat Enzensberger eine Vielfalt von Nuancen, Anklange, Akzenten und Kalibern verwendet (auch wenn der sprachliche Ansatz nicht groß variiert). Nicht immer mit Erfolg. Es fallen so neben der starken Sprache und den brillanten Eigenheiten, auch allzu oft die lose Symbolik und Metaphorik auf, so wie eine hermetische Verspielung der Tatsachen zugunsten eines lyristischen Ausgrabungseifers und den wüterichen Schneeverwehungen, die er aufwirft und als Übel etikettiert.

“Abschußrampen, Armeebischöfe, Security risks,
leider: Vokabeln ohne Aroma, keineswegs holzfrei,
kaum zum Goldschaum der Kantilene zu schlagen,
kaum für Trobadore geeignet.”

Gewiss, Enzensberger war schon immer und ist auch hier schon ein intelligibler Agiator seiner eigenen Sache; aber das Subtile schließt ja nicht das subtil Einfache oder subtil Bewanderte aus; diese gesetzte Subtilität fehlt dann doch an manch Ecken und Enden. Ich hätte mir mehr Stellen wie diese gewünscht:

“Freilich
versprechen dir viele, abschzuschaffen
den Mord. Gegen ihn zu Feld zu ziehn
fordern dich auf die Mörder.
Nicht die Untat wird die Partie
verlieren: du: sie wechselt nur
die Farben im Schminktopf:
das Blut der Opfer bleibt schwarz.”

oder diese:

“Die Weisheit, im Windschatten
sich eine Hütte errichtend, hinter
den Schultern der Täter verborgen,
ist wie diese mörderisch.”

Sprachlich hat dieser Band, wie bereits gesagt, immer noch viel zu bieten. Es reichen manchmal schon einzelne Zeilen, wie z.B. “Ein dunkles Riff wird in unseren Lungen gezüchtet”, um zu erkennen wie vortrefflich Enzensbergers Ausdrucksformen sein können, (ohne bereits eine lyrisch-leere Formalie zu werden). Vielleicht ist das große Spektrum, die auf viele Flächen verteilte Dynamik, das Problem – vielleicht ist gerade die Vielfalt der Fluch.
Doch trotz all dem: Auch heute noch kann man diesen ersten Gedichtband als vielschichtiges Präparat lesen und genießen, als Dokumentation von Geistesblitzen und Ansichten. Also lest nicht die Oden, liebe Leser, lest Enzensberger – er ist unfreundlicher; was nicht selten ein Prädikat zu “interessant” ist.

II – Landessprache (1960)

“Was habe ich hier verloren
in diesem Land,
dahin mich gebracht haben meine Älteren
durch Arglosigkeit?”

So fragt Hans Magnus Enzensberger am Anfang seines Gedichts “Landessprache” auf der ersten Seite des gleichnamigen Gedichtbandes. Es ist sein zweiter und nach dem virtuosen, vielschichtigen Start mit “Verteidigung der Wölfe” auch ein ungleich politischeres und auf gesellschaftliche Kritik fixiertes Werk, insbesondere im zweiten Teil “Gedichte für die, die Gedichte nicht lesen” und eben in diesem ersten Gedicht “Landessprache” in dem Enzensberger fortfährt:

“Was habe ich hier? Was habe ich hier zu suchen,
in dieser Schlachtschüssel, diesem Schlaraffenland,
wo es aufwärts geht, aber nicht vorwärts,
wo der Überdruss ins bestickte Hungertuch beißt,
wo in den Delikatessengeschäften die Armut, kreidebleich,
mit erstickter Stimme aus dem Schlagrahm röchelt und ruft:
es geht aufwärts!”

Heute, nach über 50 Jahren, ist ein Gedichtband, der so einsetzt und dessen Autor sich seither mehrmals, was seine politischen und künstlerischen Einstellungen betrifft, (letztere nur unwesentlich) neu orientiert hat, mit Vorsicht zu genießen. Enzensbergers Sprache steht noch immer modern und aktuell da, ihre Eigensinnigkeit und Direktheit konservieren ihre Falten und beugten Abnutzungen vor. Aber wie ist es mit den Themen?

Enzensberger war stets ein scharfäugiger Dichter – und, noch wichtiger, er wusste diesen Scharfblick auf seine Gedichte zu übertragen. So nehmen sich seine die Gesellschaft betreffenden Verse im Allgemeinen noch als nachdrücklich warnend und darstellerisch trefflich aus (was eben für Enzensberger spricht – oder gegen eine signifikante Veränderung des gesellschaftlichen Wesens). Die Aktualität gewährleistende Komponente des guten Durchblicks, die in Sachen dynamischer Ausarbeitung heute sicherlich etwas anders aussehen würde, aber im Kern noch sehr gut nachvollziehbar ist, bemerkt man schon am Anfang des Gedichts “Die Scheintoten”:

“Die Scheintoten warten vor den Kartellämtern,
sie warten, ohnmächtig, aus beiden Lungen rauchen,
vor den Eichämtern und vor den Arbeitsämtern.
Ihr bleicher, farbloser Jubel weht
wie eine riesige Zeitung im Wind
gegen die vielen vergitterten Schalter.”

Gewiss, heute könnten solche Gedichte wahrscheinlich nicht mehr geschrieben werden (vor allem wegen der heutigen Ästhetik der (politischen) Poesie), aber sind sie deshalb heute weniger zutreffend? Und ist nicht gerade dies Gedicht, sein Anfang, sogar mit den Jahren gewachsen, noch wahrer geworden mit dem Abstand, der keinen Wesensabstand erzeugte? 7 Regierungen sind über dieses Gedicht gegangen, politische Kurswechsel und 50 Jahre gesellschaftlicher Geschichte – und dennoch hat dies alles die innewohnenden Symbolik und Botschaft dieses Gedichts nicht eliminieren können.

In der Mitte des Bandes steht das längere, überbordende Gedicht “Schaum”. Es bildet die Brücke zwischen dem ersten engagierten und dem zweiten, nicht weniger kritischen, aber oft ungleich abstrakteren Teil “Oden an Niemand”. “Schaum” selbst ist eine Art intelligible Tirade; Namedropping und Analyse wechseln sich ab, Momente der stillen Offenheit, gehen über in Rundumschläge. Es ist ein bizarres Gedicht, bei dem man trotzdem das ungute Gefühl nicht losführt, es enthülle langsam aber sicher eine lange verstopfte Wahrheit, unter all dem Schaum.

“alle wunden Wäscher
in den kranken Kassen
ruhn mit blinden Hunden
in den toten Hemden.”

Bei manchen Dichtern hat man das Gefühl, dass sie mit uneinnehmbarem Ernst dichten, andere dichten allein mit ihrer Freude. Bei Enzensberger kann man die Stimmung, den Aggregatzustand seiner Ausrichtung nur aus den einzelnen Zeilen herauslesen und nicht aus dem Gedicht insgesamt. Sicherlich war er stets mit seinen Gedichten um Engagement und auch eine nebenbei ergatterte Schönheit bemüht, wie die wenigen, fast zärtlichen, bildhaften Gedichte beweisen, in denen er Szenen der Einsamkeit oder des Zusammenseins einfasst. Doch bei vielen anderen, eher abstrakten Gedichten, meint man doch den verspielten Narr im Ernst der Verse zu erblicken; doch das Schellen der Narrenkappe könnte eben auch das Quietschen eines Zugrades sein, das Waffen in eine Krisenregion transportiert.

Gealtert ist dieser Gedichtband, aber gut gealtert. Natürlich gibt es in der ganzen Breite des Bandes noch mehr zu entdecken, als ich hier offen gelegt habe. Enzensbergers Poesie lebt auch von einer gewissen Unberechenbarkeit, die gerade bei Dichtern deutscher Sprache immer noch eine gewisse Seltenheit hat und die jedes Gedicht im Übermaß zu einer eigenen Erscheinung macht. Das kann man auf die schlechte oder die gute Seite der Waage legen, wie es einem beliebt.

“Hier bin ich, ein Schiff aus Rauch,
hinter dem Mond zu Haus, ein Mann
unter den Wurzeln des Meeres, bewohnt
wie ein Totenacker, ein Totenstrauch

von Nattern und Tauben, zuhaus
im blühenden Sternsarg, allein
im Feuer der Windrosen wohnend
bei meinen Lidern, den Tauben im Wind.”

III – Blindenschrift (1964)

“Ich sage: Fast alles was ich sehe,
könnte anders sein. Aber um welchen Preis?
Die Spuren des Fortschritts sind blutig.
Sind es die Spuren des Fortschritts?
Meine Wünsche sind einfach.
Einfach unerfüllbar?”

Hans Magnus Enzensbergers Poesie tendierte von jeher zu einem Kurs zwischen subtilem Gedankengut und havarierenden sprachlichen Ausdrucksmechanismen, schwankend zwischen Abstraktion und Klarheit.
Nach dem kritisch verdüsterten Gemisch “Landessprache” ist Blindenschrift fast schon so etwas wie eine erstaunliche Kehrtwende, wirkend wie ein stiller Neuanfang. 1964, also vier Jahre nach “Landessprache” entstanden, hat dieses Werk die klecksende und gewaltige, Ehrfurcht gebietende Stimme jener Gedichte abgelegt und sich einer, manchmal schon fast resignierten, leicht labyrinthischen, Klarheit und Schlichtheit zugewandt, von lauter Oper auf stillere Sonaten umgeschaltet; dieser Wechsel führt seine Verse jedoch niemals auf rein sachliche oder nüchterne Gebiet; eher wirkt sie schneidend, lauernd – die enorm komprimierte Version eines entlarvenden Fotos, im Schatten vieler Fragen und Gedanken abgelegt.

Was thematisch am meisten auffällt sind die Symbole und Antagonismen der Vergänglichkeit. Im Ganzen ist der Band ein bisschen wie ein langes Selbstgespräch von Enzensberger mit sich selbst, von logistischen bis zu zentralen Betrachtungen – mit vielen Fragen, Fragen, Fragen.

“Was soll da auftauchen aus der Flut,
wenn wir darin untergehen?

Noch ein paar Fortschritte
und wir werden weitersehen.”

Bestechend ist mal wieder die bleibende Aktualität seiner Dichtung. Nach dem dritten Gedichtband kann man schon absehen, dass die besten seiner engagierten oder kritischen Gedichte und Zeilen noch eine Weile lesenswert bleiben werden. Dies gilt für den Band “Blindenschrift” im besonderen Maße.
Gedichte sind belebend für das Verständnis von Schönheit und Wahrheit und ebenfalls für die Selbstreflexion. Beides können sie stärken und beides können sie auch in sich tragen.

Enzensbergers Gedichte sind keine klar gestaffelten Bekenntnisse oder schlichte Ansagen; ebenso wenig sind sie unzugänglich oder kryptisch. Jedes von ihnen hat so etwas wie einen inneren Schlüssel, eine eigene innere Logik, die man sich seinerseits mit einer Betrachtung erschließen kann. Trotzdem, wiederum: die Gedichte in diesem Band weisen eine besondere Zugänglichkeit auf, vielleicht weil sie ein bisschen persönlicher sind, einen Zustand, den wir ja alle kennen.

“Als wäre nichts geschehen
erscheint täglich neu
unser rührender schmutziger
knallharter frommer Roman.
Fortsetzung folgt, und kein Ende.”

Blindenschrift ist sicherlich kein besonders schöner und auch kein frappierend-beeindruckender Gedichtband. Aber er hat eine besondere Essenz, deren Botschaft man sich anhören sollte, auch weil sie sich nicht einfach so von einem Rezensenten wie mir festmachen lässt auf schöne oder präzise Worte. Ich persönlich finde, dass dieser Band auf seine Art sehr stimmungsvoll und weise ist und das mancher Text sehr zum Nachdenken anregt: Über das Können, das Wollen, das Denken – wie schrieb Enzensberger: “Nimm die Binde ab/ König Mensch und lies/ unter der Blindenschrift/ deinen eigenen Namen.” Ich kann bezeugen, dass das in manchem Text gut funktioniert.

Zuletzt noch ein paar Zeilen über die Apokalypse.

“Denkbar immerhin,
wenn auch nicht glaublich:
Die Katastrophe wäre da,
wenn über uns käme die Nachricht:
dass sie ausbleiben wird
für immer

Verloren wären wir:
Wir stünden am Anfang”

 IV – Die Furie des Verschwindens (1980)

“Meine Wörter bücken sich nicht. Sie sind
nicht dazu da, etwas aufzuheben. Sie sind da,
eine Weile lang. Es kann sie ein jeder sagen.”

16 Jahre liegen zwischen “Blindenschrift” und der Furie des Verschwindens, also die halben sechziger und die ganzen siebziger Jahre (an letzteres Jahrzehnt schrieb Enzensberger ein Gedicht, dass das erste des Bandes ist; es beginnt: “Also was die siebziger Jahre betrifft,/ kann ich mich kurz fassen./ Die Auskunft war immer besetzt.”).

Es ist eine lange Zeit, um an einem Gedichtband zu arbeiten (oder keine Gedichte zu schreiben). War “Blindenschrift” ein dichterischer Neubeginn, das mögliche Startsignal zu einer gesetzteren, ruhigeren Lyrik, so setzt “Die Furie des Verschwindens” eher wieder bei den ersten beiden Gedichtbänden an, obwohl auch noch ein Stück Erfahrung von “Blindenschrift” geblieben ist.

Dies offenbart sich vor allem in dem letzten Abschnitt des dreigeteilten Werks, dem Teil der wie der Gedichtband selbst -Die Furie des Verschwindens- heißt. Hier finden sich überwiegend geradlinige, nachdenkliche, manchmal sinnende Gedichte, vielfach um Vergänglichkeit, Vergangenheit, Sinn und Substanz kreisend.

Dem Gegenüber steht der erste Teil “Tränen der Dankbarkeit”. Er ist nicht grundverschieden, zeichnet sich aber durch ein Schwanken zwischen Präzision und freilaufender poetischer Schlagkraft aus. Hier zwei Textproben, um zu erklären, was ich in etwa damit meine:

“Tiraden, angeschnallt und erbittert, über Ledersitze,
Alumotoren, Flüche beim Überholen, Erkenntnisse
über Prämien, Ersatzteilprobleme, endlich
der nächtliche Stau, das Blaulicht, die Bahre.”

“Ding dang dong. Mischmasch. Durchsagen auf Japanisch.
Im Kerosinduft zerfließen die dumpfen Panzer
hinter dem Glas, auf dem heißen Vorfeld. Schlieren
im Auge, Münzen in der schweißnassen Faust.
Immer besetzt. Dann wieder lässt du es läuten
und läuten. Überall Koffer. Erbittert wähle ich”

Gleichsam: Es ist auch der kürzeste Gedichtband den Enzensberger je herausgegeben hat; ein Drittel füllt auch noch das etwas versumpfende Langgedichte, dessen Titel sehr viel mehr verspricht als er dann hält: “Die Frösche von Bikini” (Das Bikini-Atoll war eines der “beliebtesten” Atombombentestgelände der US-Amerikaner; quasi als “Wiedergutmachung”, wurde dann ein Badeanzug nach der heute noch verseuchten Inselgruppe benannt.)

Auch in diesem Gedichtband gibt es sehr starke Gedichte. Am Anfang, im ersten Teil, zum Beispiel, gibt es 3-4 Gedichte in denen Enzensberger minutiös in ein paar Gesellschaftsszenerien die Wesenhaftigkeit einiger Menschen nachzeichnet; “Die Dreißigjährige” oder “Die Scheidung” heißen dieses Gedichte und sie gehören zu dem besten, was Enzensberger im Poetischen verfasst hat. Es gelingt ihm die kleinen und doch letztlich großen Versprechen, die in diesen kurzen Titeln stecken, mit einem eleganten, in jedem Ausdruck klug gewählten Wortgemälde zu erfüllen, ja: zu verwirklichen. Große Kunst, konnte ich bei diesen Gedichten nur denken, weil alles so deutlich zueinander passte und exakt abbildete, was im Innersten der Vorgänge ans Sprache präsent sein kann. Gewiss, dass ist nicht die alleinige Aufgabe eines Gedichts, aber es ist eindeutig ein Vorzug entgegen aller Wortklauberei.

“siehe, das Leben liegt vor euch wie ein Dauerauftrag
und ihr könnt durchwählen
sogar nach Brisbane und Osnabrück.”

Vielleicht ist dieser Gedichtband ideal, um Enzensberger kennen zu lernen und zu entscheiden, ob man ihn mag oder nicht. Von hieraus kann man sowohl in die eine Richtung, zu den gesetzten, stimmigen Gedichten aus “Blindenschrift”, als auch in die andere, zu den rabiat-kritisch-totaleren frühen Gedichten gehen, in beidem liegt hier ein gewisser Konsens. Was wieder nicht heißen soll, dass Enzensberger sich nicht entwickelt hat oder dieser Gedichtband nicht wieder auf gewisse Weise sehr neu wäre. Aber ein Dichter kann schwerlich seine Wurzeln verleugnen, ebenso wenig wie der Leser Empathie oder Verwirrung leugnen kann.

“Wenn man den eigenen Worten
eine zeitlang zuhört,
wie sie dröhnen im eigenen Kopf –
man möchte die Augen zudrücken,
wie ein kleines Kind,
sich die Ohren zuhalten
und am liebsten gar nichts mehr sagen.
Aber das wäre falsch.”

Vielleicht, zuletzt, findet sich in diesen paar Zeilen ein kleines Credo, von dem, was Enzensberger wieder nach 16 Jahren zum Dichten führte.

V – Zukunftsmusik (1991)

“Ich sehe was, was du nichts siehst.
Alles außer dir haben recht,
aber das siehst du nicht ein.”

Und so kommen wir zum schwächsten Gedichtband von Enzensberger; was er hier abgeliefert hat, ist auf weite Strecken platt, platter als platt, und definitiv weder Poesie noch sonst irgendwas Konstruktives. Ich meine, es gibt ja Dichtungen, die sind komplex, andere sind kryptisch, manche kann man sogar noch mit dem Wort “hermetisch” ins Feld der großen Poesie schieben. Aber nicht eine Entschuldigung greift bei den Gedichten aus “Zukunftsmusik”. Sie sind einfach schlichterdings und schlechterdings misstönig, teilweise grobfahrlässig, ohne Sensibilität ausgetüftelt und ja, auch dann und wann dadurch ein wenig lächerlich, in ihrer Leierkastenversuchserhöhung.

“Es geht weiter, es kommt, kommt mir,
es raucht, es sind Farben da, Falten,
Narben, es wiederholt sich, selbst,
immer wieder, da hinten, tot
ist es nicht, ach, es sagt, ach,
röchelt, wunderbar, ach, ich habe,
ich habe etwas davon, habe es,
habe es nicht gewollt, Habenichts, ich,
es ist so gekommen, es macht nichts.”

Ich wünschte, es gäbe auch noch einiges Positives zu sagen. Gewiss, es gibt noch ein paar halbwegs attraktive Gedichte, sogar ein-zwei bestechende. Ich glaube, was mich wirklich stört ist die scheinbare Belanglosigkeit, mit der die Schlechten aufs Papier geworfen sind. Sie scheinen wie nebenbei erdichtete Farcen und Fresken, ohne eigentliche Bezüge. Und ich habe wirklich versucht, durch mehrfaches Lesen, dem Verharren bei Symbolsystemen, Anschluss zu finden, aber vergeblich – und das lässt den Gesamteindruck schief hängen, unverrückbar, nicht erschließbar.

Wer aber eine verquere Herausforderung will, nun ja, kann es ja mal versuchen.

“Reine Kunst, die keinen Künstler brauch,
unaufhaltsam beweglich bewegt,
neu und unfruchtbar,
reine Zeichnung, die niemand sieht,
die sich einzeichnet
in sich selber, schön,
öde, Unterhaltung für Götter.”

Auch diese Zeilen stammen aus diesem Band, von Enzensberger selbst verfasst und vielleicht ein kleines Eingeständnisses, eine poetologische Rechtfertigung.

Im Ganzen ist der Band eine ziemliche Enttäuschung. Er mag einige gute Zeilen haben (“z.B.: Kleider machen blind, Gelegenheit macht Liebe”), aber ansonsten ist er voller abgegeigter Allgemeinplätze, sprachlich verwirrender Phrasenerfindungen, in denen nur noch die Sprache selbst, ohne Stimme, zu reden scheint und voller floskeliger Themen. Er ist einfach nicht gut. So muss man es sagen.

VI – Kiosk (1995)

“Enzensberger: Der Meister der eigenwilligen Pointe,
des virtuossichtigen Seilakts, der kreativen Blende
und der verlässlichen Dissonanz.”

Würde man diesen Band mit all seinen 5 Vorgängern vergleichen, fällt die sublime, schlichte Stärke der Gedichte auf, die “Kiosk” mit keinem anderen Werk aus Enzensbergers bis dato geschriebenem Fundus gemein hat (die er aber in “Moralische Gedichte” fortsetzte). Der Band ist ungleich umfangreicher, politischer und auch in seinen (gesellschaftlichen) Subtext hier und da geradezu aggressiv. So gibt es ein Gedicht, dass beginnt mit den Zeilen:

“Es ist verboten Personen in Brand zu stecken”

endet jedoch:

“Es darf niemandem zum Vorwurf gemacht werden, wenn
er es unterlässt Personen in Brand zu stecken.
Jedermann genießt ein Grundrecht auf Verweigerung.”

Der geschickte Drahtseilakt, mit dem Enzensberger hier aus Tätern Opfer macht, die abwesende Scheu vor dem konkreten Austausch zwischen gesellschaftlicher Realität und Gedicht, ist nicht gerade poetisch, aber brillant in der Ausformulierung. Insgesamt ist dieser Band, noch mehr als alle anderen Gedichtbände Enzensbergers, eine intellektuelle Freude, eine verdichtete Form von Essay, nebst poetischer Insignien.

Das Fehlen einer eindeutigen Wendung zum Poetischen stört wenig, ist doch jedes Gedicht eine Analyse, eine geistreiche Betrachtung für sich und sprachlich immer sehr gekonnt. Ich möchte Enzensberger keineswegs poetische Ästhetik absprechen – nur liegt sich bei ihm in Form, Spiel und Dynamik, nicht in der Poesie innovativer oder einnehmender Bilder. Seinen Zeilen muss man wie einem Gedankengang folgen; seine Metaphorik ist Symbolik und besteht aus gegensätzlichem oder seltsamen Vergleichen, Fundsachen und scharf gestellten Betrachtungen; die Gedichte sind Okular und Objekt gleichermaßen.

Kiosk ist vielleicht der beste Band von Enzensberger – mit Sicherheit aber ein sehr vielfältig-skizzierendes Erlebnis, noch immer nicht unaktuell. Viele ausgesprochen gelungene Gedichte finden sich hier, auch ein paar überragende. Besonders beeindruckt hat mich mal wieder die Fähigkeit Enzensbergers, die Perspektive nach Belieben zu verändern und ihre Bedeutung stets zu unterstreichen – ein roter Faden, der sich durch sein ganzes lyrisches Werk zieht und ihm eine eigene, beständige Botschaft gibt. Das ist vielleicht kein Muss für einen Dichter, aber sicher ein großes Plus.