Tag Archives: politisch

Zu Kurt Martis wunderbaren Gedichten in der Auswahl “Die Liebe geht zu Fuß”


Die Liebe geht zu Fuß besprochen beim Signaturen-Magazin

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Zu den politischen Gedichten von Heinz Rudolf Unger


DIe Freiheit des Vogels im Käfig zu singen besprochen beim Signaturen-Magazin

Zu der Anthologie “Was tun – Demokratie versteht sich nicht von selbst”, erschienen im Antje Kunstmann Verlag


Was tun besprochen auf Fixpoetry

Zu “Weimarer Verhältnisse?”, einer Anthologie aus dem Reclam Verlag


Weimarer Verhältnisse „Die Rückkehr des Nationalismus und die Erfolge des Rechtspopulismus haben eine neue Debatte über die Grundlagen und Gefährdung der Demokratie in Gang gesetzt. Auch die etablierten Demokratien des Westens machen die Erfahrung, dass der politische Grundkonsens, auf dem sie ruhen, nicht mehr so selbstverständlich ist, wie noch bis vor kurzem angenommen.“

In der Bundesrepublik Deutschland hat der im Vorwort beschriebene »Rechtsruck« zu Debatten geführt, in denen immer wieder von „Weimarer Verhältnissen“ die Rede ist. Im Gegensatz zum Geschwafel von „spätrömischer Dekadenz“ wirkt dieser Rückgriff auf das Beispiel der ersten bundesdeutschen Demokratie seriös: Das Schicksal der Weimarer Republik war ein wichtiger Fehlerkatalog für die Ausarbeitung von Verfassung und Grundgesetzes der Bonner Bundesrepublik und bleibt ein Menetekel deutscher Geschichte.

Dennoch droht einem Vergleich der gegenwärtigen politischen Lage mit Weimar dasselbe, wie einem Vergleich von derzeitigen politischen Akteuren mit der Person von Joseph Goebbels: diese Vergleiche drohen zu hinken. Was können wir also wirklich bis heute aus Weimar lernen und was an diesem Rückgriff muss, bei näherer Betrachtung, zum bloßen Schreckgespenst verkommen?

Sieben Autorinnen und Autoren (namentlich Ute Daniel, Jürgen W. Falter, Hélène Miard-Delacroix, Horst Möller, Herfried Münkler, Werner Plumpe, Andreas Wirsching) gehen dieser Frage anhand von verschiedenen Facetten nach, bei deren ein Vergleich zwischen Weimar und der derzeitigen politischen Lage ansetzen könnte.

Die verschiedenen Gesichtspunkte sind durchaus interessant, wobei die beiden stärksten Texte vom Mitherausgeber Andreas Wirsching stammen, der auch neben Jürgen W. Falter am meisten Position zur Gegenwart bezieht. So liefert er bspw. eine gelungene Definition von Populismus:

„Populisten lehnen die politisch-soziale und kulturelle Vielgestaltigkeit demokratischer Gesellschaften ab. Sie behaupten hinter dem verfassungsmäßig zustande gekommenen politischen Willen gebe es ein anderes, ein »wahres«, »eigentliches« und in sich einiges Volk, das sie zu repräsentieren vorgeben. […] Sie lehnen es ab, die komplexe Realität zum Ausgangspunkt der Politik zu machen. Stattdessen zwängen sie die Konflikte moderner Gesellschaften in die Kategorien eines pseudomoralischen Rigorismus ein, der, konsequent zu Ende gedacht, nur Schuldige und Opfer kennt.“

Nach Wirschings Eingangstext beschreibt Werner Plumpe die wirtschaftlichen und Horst Möller die systempolitischen Probleme der Weimarer Republik. Ihr Resümee, obgleich vorsichtig mahnend, ist im Prinzip das Resümee der gesamten Anthologie: Ja, Weimar hat uns noch etwas zu sagen, aber ein Vergleich zwischen den Weimarer Verhältnissen und unsere politischen Lage hinkt nicht nur, er greift schlichtweg an einigen Stellen ins Leere, so sehr er auch mancherorts zu haften scheint.

Schon eher vergleichen kann man AfD und NSDAP, was Jürgen W. Falter anhand von deren Wählerschaft und Ideologie tut. Wohlgemerkt: es geht ums Vergleichen, nicht ums Gleichsetzen. Das Ergebnis ist in Sachen Wählergruppen doch sehr ähnlich, in der Ideologie aber stellenweise abweichend; und die verschiedenen Zeiten, in denen diese Parteien existierten, sowie die Erinnerungskultur der BRD, tun ihr Übriges. Die AfD muss natürlich auch keine NSDAP werden, um potenziell gefährliche oder potenziell antidemokratische Ausmaße anzunehmen. (Antidemokratisch waren beispielsweise auch die KPD der Weimarer Republik und andere Splitterparteien.)

Ute Daniel beschreibt in ihrem Text die Weimarer Presselandschaft und deren Dynamik, Herfried Münkler beleuchtet die euro- und geopolitischen Bedingungen, die sich in der Zwischenkriegszeit um die erste deutsche Demokratie herum entwickelten. Hélène Miard-Delacroix überfliegt dann noch einmal die deutsche Mentalität.

Ist das Büchlein lesenswert? Ja, aber nur zum Teil aus aktuellem Anlass. Manches darin taugt eben nur als Geschichtsstunde (die nie schaden kann), als politische Bildung, aber nicht als tagesaktuelle, politische Bildung. Denn letztlich: Mit Globalisierung, Umweltkrise, Digitalisierung, etc. steht unsere Zeit vor Problemen, die mit denen der Weimarer Zeit nicht vergleichbar sind – und umgekehrt! (Allenfalls die Entwertung der Arbeit ist vielleicht ein Überschneidungspunkt)

Wozu Weimars Beispiel weiter anhalten sollte sind allgemeine Wachsamkeit und die Bereitschaft im Ernstfall gemeinsam gegen extreme Positionen einzutreten. Auch wenn in Deutschland ein »Rechtsruck« spürbar ist, sind die Auswüchse derzeit weniger destabilisierend für das politische Gefüge als in vielen anderen europäischen Nationen – eben auch weil Weimar und seine Folgen bekannt sind. Es muss nun darum gehen, die Konflikte zu lösen und die Themen anzugehen, mit denen die Populisten derzeit noch ihren Wählerfang betreiben. Die Bühne, auf der das geschieht, bietet sich heute besser dar, als einst in Weimar.

„Die Bundesrepublik Deutschland verfügt über eine langetablierte Tradition. Sie definiert sich nicht über machtstaatliche Ansprüche, weder nach innen noch nach außen, sondern ist geprägt von der verheerenden Erfahrung von Diktatur, Krieg und Verbrechen.“

Zu Friedrich Christian Delius neuem Buch “Die Zukunft der Schönheit”


Die Zukunft der Schönheit „Da wollte jemand gehört, verstanden, erlöst werden, da wollte jemand raus aus der Nummer und nicht rein in die Nummer, da stand jemand unter Beschuss des Schlagzeugs und schoss zurück, da steckte jemand wie von Geigensaiten eingeschnürt in der Falle und wehrte sich, da wollte jemand aus dem Feuer gerettet werden –“

Ich bin sehr froh, dass mir vor einigen Jahren das Buch „Warum ich schon immer Recht hatte – und andere Irrtümer“ in die Hände fiel, ein schmaler Sammelband mit Wortmeldungen, Vorwörtern, Kommentaren und anderen Kurztexten von Friedrich Christian Delius.

Nicht nur enthielt dieser Band einige sehr klare, auf den Punkt gebrachte gesellschaftspolitische Analysen, wie ich sie in dieser Schnörkellosigkeit eigentlich nur von George Orwell kannte, den Texten darin war allgemein eine Direktheit zu eigen, ein gleichsam kämpferischer, unbequemer, aber nicht versponnener oder zu weit gehender Ton, der mich richtiggehend begeisterte.

Mittlerweile habe ich viel von Delius gelesen, nicht alles mit derselben Begeisterung, aber immer wieder fasziniert von der Art, mit was für Themen er sich auseinandersetzt und wie er sie anpackt. Großartig sein sarkastischer, kirchenkritischer Monolog in „Die linke Hand des Papstes“, sehr aufschlussreich und spannend der biographische Band „Als die Bücher noch geholfen haben“, aber auch das frühe Buch über Siemens ist genial, etc. etc.

In „Warum ich schon immer Recht hatte“ findet sich auch ein kurzer, wunderbarer Nachruf auf den Schriftsteller Nicolas Born. Ich erwähne dies nicht nur, weil dieser knappe Text eine der schönsten literarischen Liebeserklärungen ist, die ich kenne, sondern auch weil darin eine Dimension von Delius Schreiben aufblitzt, die in seinem neuesten Buch „Die Zukunft der Schönheit“ eine wichtige Rolle spielt. Denn so kritisch, sarkastisch und unbequem Delius oft ist, in vielen seiner Texte zeigt er sich auch anders: als empfindsamer Beobachter, als feinsinniger Chronist.

Ausgehen tut das Buch von einem Erlebnis in New York, am 1. Mai 1966. Delius ist mit dabei, als die Gruppe 47 ihren legendären Amerikaaufenthalt zelebriert (diese Reise hat er sehr genau in „Als die Bücher noch geholfen haben“ geschrieben), in dessen Rahmen sich Handke zum neuen Kafka ausrufen lässt, politische Positionen ins literarische Geschäft Einzug halten und Delius Susan Sontag anhimmelt. Am 1. Mai nun, einem der letzten Tage in den USA, lässt Delius sich von zwei Jazzfans, Schriftstellerkollegen, in einen Jazzclub mitnehmen, um ein Konzert des Saxophon-Avantgardisten Albert Ayler und seiner Band anzuhören.

Das Konzert beginnt und Delius erscheint die Musik sofort fremd, schwer erträglich, mit ihrer Dissonanz, sehr verquer. Aber um nicht wie ein Snob oder undankbar zu wirken, versucht er sich darauf einzulassen. Schon bald regt ihn die Musik zu Überlegungen an – zunächst, weil er auf der Flucht vor ihr ist, dann aber, weil er in ihr die Fragen seiner Zeit, die Elemente seiner Sehnsucht, den Soundtrack zu seinem eigenen Lebensweg zu erahnen beginnt.

Formal ist das Buch ein gezähmter Stream of consciousness, in dem sich Text und Musik die Bühne teilen, ineinandergreifen, aber auch einander überfallen, herüberschwappen, sich durchdringen. Die Musik wird zur fortlaufenden Projektionsfläche für Delius Eindrücke und immer mehr zum Sound für alles, was gerade aktuell ist: Vietnam, sexuelle Befreiung, neue Musik, neue Welt, Atomkrieg, Aufbruch, Repression, Jugend, etc. Sie bringt Delius dazu, sich in Gedanken zu entblößen, seine eigenen Scheidewege zu sehen, seine eigene Entwicklung zu begreifen. In diesen Momenten, im Verlauf des Konzerts, entfaltet sich für ihn die Übersichtlichkeit der Gegenwart, des Lebens, durchzogenen von einigen eigenen Gewissheiten.

Was ist schon die Herkunft gegen die Zukunft? Wir können nicht ändern, woher wir kommen, aber wir können entscheiden, wohin wir gehen, oder? The soul is a streetcar named desire. Delius blickt in seine Vergangenheit und, darauf aufbauend, auf das, was noch kommt, hoffentlich noch kommt. Wir stehen alle täglich vor unserem Leben, einem fortlaufenden Spiel der Ereignisse, an dem wir nur in diesem Moment, der gerade ist, teilnehmen können. Delius fächert sein Leben auf, mit den Szenen, die einem im Gedächtnis bleiben, den prägenden Erlebnissen, die einen nicht loslassen. Da ist so viel, was klar ist und so viel, das unklar bleibt; weshalb geschrieben wird, gedacht, gemalt – und musiziert. Die Zukunft der Schönheit, man hat sie selbst in der Hand.
An der Musik schöpfen heißt oft in uns schöpfen, das dürfte jedem schon einmal aufgefallen sein. Delius zeichnet diese Erfahrung meisterhaft nach.

In Teilen hat mich „Die Zukunft der Schönheit“ an eine Erzählung von Julio Cortázar erinnert: „Der Verfolger“, ein Buch über des Saxophonisten Charlie Parker und die Unmöglichkeit der Perfektion, die Sehnsucht nach dem genau-getroffenen Ton und der Aufhebung der Zeit im Moment größter lautlicher Schönheit. In Delius neuem Buch wird die Zeit nicht durch den perfekten Ton, sondern durch das Gegenteil aufgehoben: eine Kakophonie, in der doch wieder der Wunsch nach Ausdruck mitschwingt, die Themen der Zeit sich artikulieren. Natürlich ist der Mensch unentwegt auf der Suche nach Perfektion – aber er selbst ist und bleibt ein Chaos. Ein Chaos, ohne das es wohl das Potenzial für Schönheit nicht gäbe; wobei genau dieses Chaos, das die Zukunft der Schönheit sichert, die Gegenwart der Schönheit schnell übersieht, sie verschleißt, verliert. Traurig, aber schön: gibt es eine bessere Definition für die Musik? Für unsere Existenz?

Delius ist ein eindringliches Portrait der seelischen Zusammensetzung eines Menschen gelungen. Mit seiner unruhigen Sprache, allgemein mit seiner Unruhe, ist es eine belebende Leseerfahrung. Eine Lektüre, die, neben allerlei Denkanstößen, kleine Rückstände von Ewigkeit im eigenen Empfinden zurücklässt.

Zu Hannah Arendts Vortrag über Revolution, Privilegien und die “Freiheit, frei zu sein”


Die Freiheit frei zu sein „Wie jeder andere Begriff unseres politischen Wortschatzes lässt sich auch der der Revolution in generischem Sinne verwenden, ohne dass man dabei die Herkunft des Wortes oder den zeitlichen Moment berücksichtigt, an dem der Terminus erstmals auf ein bestimmtes politisches Phänomen Anwendung fand.“

Die erste (als solche bezeichnete) Revolution (auch in Abgrenzung zu einer Revolte/einem Putsch (z.B.: des Militärs, des Heeres) oder eines Aufstand (regional und/oder zunftbezogen)) war tatsächlich eine konservative, eine Restauration sozusagen, und führte 1660 in England die Monarchie wieder ein. Aber dies nur als bedenklicher Fun-Fact am Rande.

In Hannah Arendts 1967 gehaltener Rede, die im Umfeld ihres Buches „On Revolution/Über die Revolution“ entstand, geht es nämlich um weitaus mehr, als um eine bloße Auseinandersetzung mit dem Begriff der Revolution – vielmehr um eine Auseinandersetzung mit den Begriffen, die das erklärte Ziel der meisten (wenn nicht aller) Revolutionen sind: das Ende von Unterdrückung, also Befreiung, und das Schaffen besserer, uneingeschränkterer Möglichkeiten der Lebensführung, also Freiheit.

„Kompliziert wird es dann, wenn es der Revolution um Befreiung und Freiheit geht, und da Befreiung ja tatsächlich eine Bedingung für Freiheit ist – wenngleich Freiheit keineswegs zwangsläufig das Ergebnis von Befreiung ist –, ist es schwer, zu entscheiden, wo der Wunsch nach Befreiung, also frei zu sein von Unterdrückung, endet und der Wunsch nach Freiheit, also ein politisches Leben zu führen, beginnt.“

Dass zwischen dem Wunsch nach Befreiung und der Forderung nach Freiheit kein Unterschied besteht, ist ein oft unterschätztes Missverständnis. Dass der Akt der Befreiung oft vorschnell mit einem Akt zur Schaffung der Freiheit gleichgesetzt wird, ist spätestens seit der russischen Revolution ein trauriges Faktum (und, was bereits aus der frz. Revolution zu lernen gewesen wäre, sich aber auch in der russischen Revolution wieder zeigte: das große Autoritäts- und Machtvakuum, welches Revolutionen hinterlassen, wird oft von neuen, nicht minder starken Autoritäts- und Machtstrukturen besetzt; das Dilemma: am Ende werden nur die Privilegien verschoben, vielleicht etwas breiter verteilt, aber selten aufgeweicht oder gar abgeschafft.)

Ein anderer wichtiger Punkt, den Arendt hervorhebt: Revolutionen gelingen nicht in Staaten und Systemen, in denen das Autoritätsgefüge noch intakt und stark ist (einer der Gründe, könnte man spekulieren, warum im Dritten Reich oder im sowjetischen Russland keine Revolution stattfand). Eine große Unzufriedenheit, nicht nur des „Volkes“, sondern auch der privilegierten Gesellschaftsschichten, ist notwendig; eine klar aufscheinende Differenz zwischen der eingenommenen Machtposition und der tatsächlichen Macht der Herrschenden.

„Revolutionen sind keine notwendige, sondern eine mögliche Antwort auf den Niedergang eines Regimes, sie sind nicht Ursache, sondern Folge des Verfalls politischer Autorität.“

Natürlich gibt es einige Revolution, die Arendt nicht erlebte – nicht nur den arabischen Frühling, auf den das Problem des Machtvakuums sicher zutrifft, sondern z.B. auch die friedliche iranische Revolution. Vielleich hätten diese ihren Blick auf einige Aspekte des Phänomens, die bis hierhin angesprochen wurden, geändert.

Wenig bis gar nicht verändert hätten diese Ereignisse wohl ihre Betrachtungen und Erkenntnisse, auf die sie im Folgenden zu sprechen kommt und die um die Problematik von der Vorstellung des Revolutionären kreisen, aber auch um die ganz konkrete Frage: was will eine Revolution denn eigentlich? Was kann sie erreichen, inwiefern ist sie wünschenswert? Und inwiefern kann mit ihr die Verbesserung der gesellschaftlichen Verhältnisse angestrebt werden? (Werden nur die Karten neu gemischt oder werden sie auch fairer verteilt?)

„Eine der wichtigsten Konsequenzen der Revolution in Frankreich war es, dass sie zum ersten Mal in der Geschichte le peuple [das Volk] auf die Straßen brachte und sichtbar machte. Als das geschah, stellte sich heraus, dass nicht nur die Freiheit, sondern auch die Freiheit, frei zu sein, stets nur das Privileg einiger weniger gewesen war.“

Albert Camus schrieb einmal in seinen Cahiers, dass die gesamte dokumentierte Menschheitsgeschichte, seit der Gründung der ersten Staaten mit größeren Gesellschaften, letztlich nichts anderes als eine Geschichte des Kampfes um Privilegien sei. Denn Privilegien sind letztlich alles: sie entscheiden über die Möglichkeiten, die uns offenstehen, über unseren Zugriff auf natürliche Ressourcen und fremde Dienstleistungen, über unseren Zugang zu Räumen, in denen wir uns entfalten können.

Da wir auf einer Welt mit begrenzten Ressourcen leben, sind zwei Möglichkeiten denkbar, diese Privilegien zu verteilen: 1. Es wird allen der gleiche Lebensstandard ermöglicht, der dem entspricht, was der Planet an Belastung verträgt und wir an Ressourcen zur Verfügung haben. Das ist eine theoretische, sehr utopische (und von vielen nur als scheinbar-gerecht bezeichnete) Idee, bei der viele Möglichkeiten ausgeklammert bleiben.
Die 2. Möglichkeit (die natürlich sehr unterschiedlich angelegt und ausgeführt werden kann) ist die vom Menschen praktizierte: Hierarchische Systeme, in denen die Anzahl der Privilegien theoretisch mit der Schwere der Pflichten, der Verantwortung, der Arbeit und der Bedeutung dieser Arbeit steigen, während dafür gesorgt wird, dass alle Menschen ein Mindestmaß an Sicherheit, die aber in den meisten Fällen noch nichts mit Freiheit zu tun hat, genießen (das letzte Wort ist durchaus euphemistisch zu verstehen).

Ganz abgesehen davon, dass sich Privilegien (und mit ihnen die Machtverhältnisse) in diesen Systemen schnell zementieren & in den seltensten Fällen flexibel gehandhabt werden und allgemein Korruption und andere Phänomene die Idee des Ganzen sabotieren, ist die genaue Ausformung dieser hierarchischen Modelle schon seit den Tagen der Athener Demokratie Gegenstand von kritischen Auseinandersetzungen. Revolutionen wurden spätestens im 18. Jahrhundert zu der Tat, die einem allzu deutlichen Missstand innerhalb der hierarchischen Verhältnissen folgen sollte/konnte (auch wenn die Akzeptanz des Modells an sich zwar oft infrage gestellt, aber nie wirklich verworfen wurde und wird).

„Ein Vergleich der ersten beiden Revolutionen [amerikanische und französische], deren Anfänge so ähnlich und deren Enden so ungeheuer unterschiedlich waren, zeigt, so glaube ich, in aller Deutlichkeit nicht nur, dass die Überwindung der Armut eine Voraussetzung für die Begründung der Freiheit ist, sondern auch, dass die Befreiung von der Armut etwas anderes ist als die Befreiung von politischer Unterdrückung.“

Solange jemand herrscht und sei es auch eine gewählte Regierung, wird es das Problem des Privilegs geben – warum wohl ist Fremdenfeindlichkeit ein so großes Problem, warum senken Staaten den Spitzensteuersatz, warum ist den Emanzipationsbewegungen von unterdrückten Bevölkerungsgruppen und gesellschaftlichen Minderheiten oft ein so steiniger Weg beschieden? Weil die Menschen, die viele Privilegien haben, sehr gut wissen, dass sie diese in einer freieren und gerechteren Welt teilweise abgeben müssten.

„Herrschaft bezog ihre größte Legitimation nicht aus Machtstreben, sondern aus dem menschlichen Wunsch, die Menschheit von den Lebensnotwendigkeiten zu emanzipieren; um das zu erreichen, bedurfte es der Gewalt, der Zwangsmittel, damit viele die Last der wenigen trugen, sodass zumindest einige frei sein konnten. Das – und nicht die Anhäufung von Reichtum – war der Kern der Sklaverei, zumindest in der Antike, und es ist lediglich dem Aufkommen moderner Technik und nicht irgendwelchen modernen politischen Vorstellungen, darunter auch revolutionären Ideen, geschuldet, dass sich diese Situation der Menschen zumindest in einigen Teilen der Welt geändert hat.“

Wollen wir und können wir diese Dynamik, diese Systematik ändern? Ist Revolution das Mittel gegen die Hierarchien? Hannah Arendt öffnet in dieser kurzen Rede, in der sie sehr viele kluge, erhellende – und vielleicht ein-zwei vorschnelle – Definitionen und Erklärungen anbringt, ein weites Feld. Und stößt uns, wie es ihre Art ist, gleichsam in unbequeme Wahrheiten und erstaunliche Betrachtungsweisen. Obgleich mittlerweile 50 Jahre alt, ist dieser Text nicht nur lesenswert, sondern fast schon so etwas wie das Musterbeispiel einer Einführung in das Nachdenken über das Phänomen der Revolution, des Revolutionären, jenseits des Westentaschenhistorischen und der Romantisierung – ohne, und das ist besonders bemerkenswert und schön, dass Arendt darin abschließend festlegt, was eine Revolution sein kann und wie, man von ihren Gedanken aus gesehen, weiter damit umgehen sollte.

Das sollte ein Anstoß für unsere Generation sein, darüber nachdenken, ob die Revolution nicht eine Idee ist, die es gerade in unseren Zeiten neu zu erfinden gilt. Die 68er Bewegungen waren teilweise ein erster Schritt in diese Richtung, ein teilweise ungelenker. Fest steht, dass die Mächtigen, die „Herren der Welt“ wie Noam Chomsky sie nennt, wenig Interesse daran haben, den Status Quo zu ändern und die derzeitige Verteilung der Privilegien weltweit, zu überdenken. Vielleicht könnte man sich darauf besinnen, dass sie in der Minderheit sind. Und das Revolution, friedlich und im Bewusstsein von Verantwortung und Gerechtigkeit, nach wie vor eine Option ist – solange man auch aus der Geschichte lernt, was mit diesem Text von Hannah Arendt um einiges leichter sein sollte.

Das letzte Wort erhält Konstantin Wecker:

„Ach pfeifen wir auf alles, was man uns verspricht,
auf den Gehorsam, auf die sogenannte Pflicht,
was wir woll´n ist kein Reförmchen und kein höh´rer Lohn,
was wir woll´n ist eine
REVOLUTION!“