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Zu Maxim Biller und den Texten aus “Die Tempojahre”


und da man einen Anfall des Hasses schlecht mit einem pathetischen Kampfaufruf beenden kann, erkläre ich ganz profan: Dann leckt mich doch eben alle am Arsch, Ihr Jungkollegen. Führt eure unbedeutenden, ästhetisierenden, ereignislosen Biedermeierexistenzen ruhig so weiter. Ich mach die Sache gegen die alten Idioten notfalls allein.

So spricht einer, dem die Peitsche immer lieber war als das Tranchiermesser, auch wenn er mit jenem ebenfalls vorzüglich umgehen kann: Maxim Biller, die Schreckschraube und der Querschläger des deutschen Feuilletons. Eine gleichsam feinsinnige und doch rabiate Seele –welch Ambivalenz, welch Glamour und: welch Show.

Aber nicht alles (wenn auch einiges) an Maxim Biller ist Show, das beweisen u.a. seine Kolumnen, Berichte, Essays und Interviews aus dem Sammelband “Die Tempojahre”. Egal, ob es darin um einen Film mit Micky Rourke, entlarvte Prag- und München-Sentimentalität und jegliche Art von Pathoskitschscheiß geht, oder darum, wo Marcel Reich-Ranicki seine Socken und Hemden kauft – immer ist Billers Sprache der Finger, der den Splint aus der Granate des Themas zieht und dann geht es meist darum, das Ding möglichst schnell gegen alles und jeden zu schleudern, präzise und mit dem richtigen Maß an Verachtung; oder es zumindest parat zu haben, bewaffnet zu sein. Die Welt ist immer etwas diffuser, zwiespältiger und dafür muss man zu Felde ziehn.

Denn Biller ist jemand, der gerne erstarrte Meinungen in die Luft jagt, der gerne entlarvt, der gern die Dinge richtigstellt und die Leute aus der Reserve lockt. Ein Provokateur, dem es um das Wesentliche, das noch nicht Gesagte, stets Verschwiegene geht und um das Einreißen der Fassaden; manchmal reißt er vielleicht mehr ein, als nötig gewesen wäre. Aber lieber zu viel als zu wenig, so das Motto.

Diese Einstellung mündet manchmal in eine ganz eigene Art von Selbstpathos und Inszenierung, oft aber in erstaunlich luzide und vielschichtige Auseinandersetzungen mit dem Gegenstand – vor allem wenn es um Reisen und Städte/Orte oder Bücher und Filme geht. Mit Billers Meinungen zu Menschen habe ich mich von Anfang an schwer getan – obgleich sein Stil gerade hier große Erfolge zeitigt: er schafft es meist, an den profanen Kern der Leute vorzustoßen und entreißt sie ihren eigenen Vorstellungen.

In jedem Fall ist “Die Tempojahre” ein starkes Buch mit starken Texten, geschrieben von jemandem, der die Sprache in allen Farbtönen, von heftig bis fein, zu verwenden weiß. Manchen Leser*innen wird das Ganze wie großspuriges Blendwerk vorkommen und sie lägen mit dieser Einschätzung nicht so weit entfernt von der Wahrheit; aber sie würden unter den Tisch kehren, das Biller beim Rumreiten auf den Themen durchaus manche Hürde nimmt, in der Dressur brilliert, auch wenn er nicht gerade gut mit seinem Pferd umgeht.

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