Tag Archives: Reise

Zu Nicole Krauss “Waldesdunkel”


Waldesdunkel besprochen bei Fixpoetry

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Zu “Tagebuch eines frischvermählten Dichters” von Juan Ramón Jiménez


Tagebuch eines frischvermählten Dichters besprochen beim Signaturen-Magazin.de

Zu Joan Didions “Süden und Westen”


Süden und Westen „Alles entlang des Golfes scheint zu vergammeln: Wände werden fleckig, Fenster rosten. Gardinen schimmeln. Holz verzieht sich. Die Klimaanlagen funktionieren nicht mehr.“

Golfküstenregion: Wildnis, Abgeschiedenheit, Riten, Rauheit, Zivilisationsabhang. Die drei Staaten zwischen dem weitläufig-erzkonservativen, cowboygeprägten Texas und dem sonnig-paradiesischen Florida, namentlich Louisiana, Mississippi und Alabama, gelten in vielerlei Hinsicht als spezielle US-amerikanische Bundestaaten.

Große Teile der Bevölkerung von dort müssen regelmäßig (wie der Süden von Amerika im Allgemeinen) als Blaupause für jenes Klischees vom hinterwäldlerischen, immer leicht soziopathischen Amerikaner herhalten, stur und allem Fremden gegenüber skeptisch, dabei oft brutal und abgestumpft.

Die Atmosphären in diesen Gegenden, mit denen Schriftsteller und Filmemacher immer wieder gearbeitet habe (zuletzt zum Beispiel in der Staffel 1 der Serie „True Detective“), sind geprägt von einer Mischung aus verquerem Lokalstolz, einfachen Traditionen, Mystik und einem tiefsitzenden Fatalismus (nicht umsonst ist diese Region die Quelle des Blues), der sich aus den zermürbenden klimatischen Bedingungen und der Abgeschiedenheit der Region ergeben.

„Das war ein Fatalismus, der, wie ich feststellte, zu diesem bestimmten Sound des Lebens von New Orleans gehörte. Bananen verfaulten und beherbergten Vogelspinnen. Das Wetter kam über das Radar herein und war schlecht. Kinder bekamen Fieber und starben, häusliche Streits endeten in Messerstechereien […]
der Fatalismus ist der einer Kultur, die von der Wildnis bestimmt wird.“

Joan Didion ist 1970 in diesen Staaten unterwegs gewesen. Zusammen mit ihrem Mann, der aber in den Notizen kaum auftaucht – in den wesentlichen Szenen ihrer Notizen wirkt es so, als wäre Didion allein in den Gespräche, bei den Begegnungen, mit ihren Überlegungen. Eine Frau aus Kalifornien im Kontakt mit Menschen vor Ort.

Die Notizen, die einmal zu einem Artikel über diese Staaten des Südens werden sollten (aber nie wurden), sind in Kapitel eingeteilt, die jeweils Abschnitte der Reise markieren, sodass man allein anhand der Kapitelüberschriften Didions Route auf der Karte verfolgen kann.

Während ihrer Reise kommt sie ins Gespräch mit Menschen, beschreibt die örtlichen Gegebenheiten, ihr eigenes Herausstechen (als einzige Frau, die Bikini trägt, die selber Auto fährt, die so weit weg von ihrer Heimat angetroffen wird), ihren Versuch die Lebenswelt der Menschen zu begreifen.

„Die Abgeschnittenheit dieser Menschen von den Strömungen des amerikanischen Lebens der siebziger Jahre war erschreckend und verblüffend anzusehen. Alle ihre Informationen kamen aus fünfter Hand und waren im Weitergeben mythisiert worden. Spielt es überhaupt eine Rolle, wo XY liegt, wenn XY nicht in Mississippi liegt?“

Trotz der Chronologie wirkt „Süden und Westen“ eher unsortiert, weil die Themen und die Art der Darstellung stark variieren und Zusammenhänge nicht immer erkennbar sind und auch nicht immer geliefert werden. Didion gibt schon am Anfang zu, dass das Buch ein Skizzenbuch ist und des Weiteren vor allem fasst, was ihr unverhofft passierte – sie recherchierte selten bewusst.

„Ich versäumte es, die Menschen anzurufen, deren Namen ich hatte, und hielt mich stattdessen in Drogerien auf. In einem wörtlichen Sinne war ich unter Wasser, diesen ganzen Monat.“

Gerade weil es nur eine Art Notizbuch ist, verblüffen allerdings die Klarheit und der Stil der meisten Schilderungen. Zwar variiert die Darstellung, aber der Fokus in der jeweiligen Darstellung ist immer gestochen scharf und die jeweiligen Überlegungen wirken zwar manchmal willkürlich, sind aber in sich geschlossen.

„Süden und Westen“ ist ein Reisebuch und gut, geradezu angenehm zu lesen. Es streift einen konsequent, aber oft auf eindringliche Art. Manche Abschnitte, wie etwa die Suche nach dem Grab William Faulkners, des Schriftstellers, der diese Regionen so gut beschrieb und doch (oder: deswegen) von den meisten Südstaatlern gehasst wird, bleiben im Gedächtnis.

Alles in allem ist das Buch natürlich auch eine minimale Sozialstudie – inwiefern noch immer gültig, lässt sich schwer sagen. Aber wenn man „True Detective“ sieht oder Bücher wie „Fremd in ihrem eigenen Land“ liest, bekommt man den Eindruck, Didion würde heute, 45 Jahre später, nicht wirklich eine andere Region bereisen.

Nachtrag: Es gibt auch noch ein kleines Kapitel über Kalifornien, in dem es u.a. um den Patty Hearst-Fall geht. Es ist allerdings mehr ein beigegebener Schnipsel und als eigenständiger Text eher nicht ernstzunehmen.

“Nick & Norah” – eine Reise durch Nacht und Musik


“We all start as strangers.”

Musik und Liebe haben etwas gemeinsam: man kann nur sehr schwer Worte finden, um sie lang und ausführlich zu beschreiben. Oft steckt die Wahrhaftigkeit dieser beiden Phänomene in einem kurzen Satz, einem Wort und noch häufiger einfach in ihnen selbst, als eine Wahrheit, die sie mittragen, ohne sie dir auszuhändigen; sie verbleibt dort, unauslotbar, eine Erscheinung der Wirklichkeit, die zwar wirkt, aber nicht bleibt – dem Kopf nicht zu vermitteln.

Jeder neue Liebesroman ist auch ein neuer Versuch, jene ganz spezielle Wahrheit einer Liebegeschichte zu beschreiben; jede Zeile, die man über Musik jeglicher Art schreibt, ist ein neuer Tanz auf dünnem Eis, fast genauso, als würde man versuchen, Musik zu genießen, in dem man sie kognitiv während des Hörens aufbricht, zu erschließen und in die richtigen Kanäle zu leiten versucht.

Aber nur fast… denn in der Sprache kann es noch gelingen, das man mit einem Mal, für einen Lese-Schritt, für eine Zeile, wirklich weiß, was der Autor meint – diese eine Zeile reißt einen dann mit, über weitere 10, 20, 30 weitere Sätze. Und man liest sich selbst die eignen Sehnsüchte, Gedanken und Erinnerungen von der Seele – und erschließt sich dabei ein Stück von den Weisheiten des Lebens. Auf denen mag stehen: Vorsicht – flüchtig. Aber selbst das was flüchtig ist, kann einem der Moment, in dem man liest und liest und erkennt, nicht nehmen.

“Die Seele hat ihr eigenes Ohr und manchmal ist die Erinnerung der gnadenloseste DJ aller Zeiten”

Alle meine Rezensionen zu Büchern sind nicht nur Empfehlungen und Besprechungen, sondern auch Meditationen zu den Themen, dem Tempo, der Sprache, der Botschaft eines Werkes. Als solche können die oberen beiden Abschnitte gelesen werden. Nun eine etwas sachlichere Ergänzung.

Wegen seiner unkonventionelle Erzählungen einer Liebesgeschichte in Das Wörterbuch der Liebenden, die mir sehr gut gefallen hat, war mir David Levithan schon ein Begriff – zusätzlich noch, weil er ja auch ein Buch zusammen mit John Green geschrieben hat, dessen Werke ich ebenfalls sehr schätze. Ich lese immer mal wieder gerne Jugendbücher – warum, diese Frage habe ich in meiner Rezension zu Die erste Liebe nach 19 vergeblichen Versuchen auf Amazon.de beantwortet; trotzdem sei hier erneut gesagt, dass ich glaube, dass Jugendbücher Erfahrungen bereithalten, die wir über unser ganzes Leben nicht vergessen sollten.

“und da hab ich mich nur noch wie eine Feuerwerksrakete gefühlt.”

In zwanzig Kapiteln (die ungeraden gehören Nick, in den geraden erzählt Norah, immer abwechselnd) begleiten wir die zwei durch die Nacht und die Clubs von New York City. Worum es geht, ist von Anfang an klar: es geht um die Liebe und um die Musik – und darum, dass man sich in beiden verlieren, aber auch finden kann. Beides leichter gesagt als getan, unentwegt passiert das eine wie das andere, scheinbar ohne, dass wir etwas daran tun können; schließlich sind wir, wer wir sind, die Musik ist, was sie ist. Das Leben ist, was es ist.

Manches kann man teilen, das andere nicht. Manches ist kompliziert, manches einfach – und manches, manches ist schöner als man glauben kann und manches gelingt nie, obwohl es anderen gelingt.

Und darum geht es doch, in der Musik und in der Liebe: um das, was den Glauben übersteigt. Es geht nicht darum “Wissen” zu werden oder “Gewissheit”. Eher darum etwas zu befühlen und zu erfahren, wie es sich anfühlt.

Auf dem Weg zu ein paar kleinen Erkenntnissen, reisen Norah und Nick durch die Nacht. Sie kommen sich näher, entfremden sich, lachen und reden, hören Musik, erleben und spüren, denken und erzählen. Der Rest: den muss man Lesen. Denn soviel sei gesagt: Auch sprachlich hat dieser kleine Roman den einen oder anderen genialen Riff drauf.

“Ich schaue nach oben, versuche, hinter dem Wolkenkratzer ein Stück vom Nachthimmel und am Nachthimmel einen schimmernden Stern zu entdecken, und als mir das nicht gelingt, schließe ich die Augen und versuche, mir auf meine Augenlider selbst einen Stern zu zaubern, und ich bin froh, dass Norah in diesem Moment Augenblick nicht meine Gedanken lesen kann, denn ich bin mir nicht sicher, ob ich will, dass irgendjemand von mir solche Sachen weiß.”

Warum wir lesen? Ich glaube, ich werde diese Frage nie beantworten können, während ich vor diesem Bildschirm sitze, oder während ich mit anderen irgendwo zusammensitze – und wenn, dann nur unzureichend. Ich könnte es immer nur sagen, wenn ich gerade vor einem richtig tollen Buch sitze. Doch dort bin ich mit mir allein und das ist gut so. Denn im Lesen geschieht mehr, als die Sprache wieder herausklauben könnte. Andeuten, ja das kann man und ich hoffe, dass die Andeutung ankommt, wenn ich abschließend sage, dass ich Nick & Norah für einen lesenswerten Jugendroman halte – kein Meisterwerk, aber eine kurzweilige Fuge in meinen Leseerfahrungen, die ich nicht missen möchte. “Atemlos”, nannte ein anderer Rezensent das Buch. Dem kann man zustimmen, auch wenn nicht das ganze Buch dieser Idee folgt. Es gibt auch sehr ruhige Stellen und ein paar die wiederum zum Schießen sind. Es gibt Stellen, wo alles Musik ist und dann wieder welche, wo alles fast süßlich ist, dann wieder kommt die Melancholie, dann die Zurückgezogenheit, dann der Überschwang, dann gehen die beiden Protagonisten wieder in einen filmreifen Schlagabtausch. Und das ist letztlich die Besonderheit des Buches, dass es einen die Intensität von Gefühlen in der Nacht nachempfinden lässt, auch von Enttäuschung oder Liebeswunsch oder simpler Freude am Gespräch – dass es seinen Ton, seine Windungen, sein Tempo sehr gut nach der Erzählung richtet, nach der Stimmung, die die Geschichte gerade betritt – einen wirklich durch diese Nacht, mit allen Höhen und Tiefen trägt. Diese eine Nacht. Was will man mehr?

Zum Schluss drehen wir die sprachliche Musik dieses Buches noch mal voll auf und lassen sie für sich selbst sprechen:

“Mein Herz schlägt schneller. Ich bin. Hier und jetzt. Ich bin. In der Zukunft. Ich umarme sie. Wir sind. Und wollen, fühlen, begehren, wissen, hoffen, alles wird eins. Wir sind die, die das Ding, das alle Musik nennen, mit dem Ding, das alle Zeit nennen, zusammenbringen. Wir sind das Ticken, wir sind das Pulsieren, wir sind die, die in diesem Augenblick alles vorantreiben. Es gibt nur uns in diesem Augenblick. Für eine Ewigkeit. Kein Publikum. Keine Instrumente. Nur unsere Körper, unsere Gedanken, unser Flüstern, unsere Blicke. Das ist die Musik, die größer ist als alles.”

Link zum Buch

*diese Rezension ist bereits auf Amazon.de erschienen

Austers “Leviathan”


Der Leviathan ist eigentlich ein Ungeheuer aus der Mythologie des Zweistromslandes, eine riesige Wasserschlange, mit biblischer Zerstörungskraft. Bekannter und für die westliche Geisteswelt von größerer Bedeutung ist jedoch das, nach diesem Ungetüm benannte, Buch aus dem 17. Jahrhundert (Der Leviathan), geschrieben von dem Mathematiker und Philosophen Thomas Hobbes. Es ist ein politik-/staatsphilosophisches Werk, der Form und dem Grundwesen nach ähnelt es dem Buch Der Fürst von Machiavelli oder Rousseaus Gesellschaftsvertrag – genau wie diese ist es weniger eine konkrete Ausarbeitung eines Staatsapparates, als vielmehr eine Abhandlung über der menschlichen Natur und wie der Staat (also die Gemeinschaft der Menschen) dieser Natur in seinen Mechanismen und Aufgaben Rechenschaft zollen muss. Hobbes sah den Menschen als ein sehr düsteres Wesen, das stets nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht und eigentlich nicht für ein Zusammenleben geeignet ist. Deswegen muss der Staat, als allmächtiger Leviathan (in der Mythologie kann kein Mensch die Macht des Leviathan brechen) dafür sorgen, dass seine Instanz die Menschen und ihre Natur stets kontrolliert und sie davon abhält, übereinander herzufallen. Dazu sind dem Staat kaum Beschränkungen auferlegt, solange die Sicherheit gewahrt bleibt und Chaos, Anarchie und Verbrechen vermieden oder zumindest bestraft werden können. Dies wird von Hobbes nicht nur als Notlösung, sondern als höchste ideele Möglichkeit des Staates angesehen.

Es ist interessant wie viele Künstler sich auch danach noch mit dem Leviathan-Motiv beschäftigt/es aufgegriffen haben. Julien Green zum Beispiel (Leviathan) und Joseph Roth. Aber auch Arno Schmidt hat eine seiner wichtigsten Erzählungen nach dieser doppeldeutigen Idee benannt. Dabei ist den Texten von Schmidt und Green eigen (den von Roth kenne ich leider nicht), dass sie nur sehr unkonkret auf das Phänomen, das ihren Werken den Titel gab, eingehen – oder anders gesagt: nur der Titel schafft die Verbindung zwischen der Idee des Leviathans und dem Text, obwohl sie dann ganz offensichtlich oder zumindest naheliegend ist. Überhaupt hat diese Idee, in abgewandelter, libertinärer Form, etwas sehr modernes, in Zeiten des Internets, des organisierten Terrorismus und solchen Gesetzen wie dem Patriot Act, etc.

Paul Auster ist bisher der letzte große Autor, der sich mit diesem Thema beschäftigt hat, obwohl bei ihm der Titel während und nach der Lektüre schon fast als ein Rätsel auftritt, als etwas Nebulöses, schon beinahe unkenntlich gemacht. Das mag enttäuschend sein, aber nur wenn man konkrete Erwartungen hegt. Und das Paul Auster aus so einem Motiv keinen hochgestochenen Verschwörungsthriller, sondern eine zutiefst ambivalente, menschliche Geschichte gemacht hat, ist ihm letztlich sogar hoch anzurechnen. Dadurch wirkt das Buch zwar manchmal auch etwas unentschlossen und nicht gerade zielstrebig, was aber wiederum zu der Geschichte passt.

Trotzdem sei dies schon mal klar in den Raum gestellt: Wer nicht in die Beschaffenheit/Welt eines Buches, mit all seinen Abzweigungen, Änderungen am Grundthema und dem Verschieben der Perspektiven, eintauchen kann, ist mit diesem Werk wahrscheinlich schlecht beraten. Dabei ist es nicht mal ein sonderlich kompliziertes Buch. Aber, und dies hat auch mit den fiktiven Begleitumständen der Niederschrift des Berichtes, aus dem das Buch besteht, zu tun: es ist ein eher unordentliches, nicht gerade lineares Werk – bewahrt sich dadurch allerdings eine stille, dem Leben angeglichene Authentizität.

Wie nicht selten bei Auster beginnt das Buch mit einer Ausgangslage, die das ganze spätere Werk auf gewisse Weise prägt, weil sie im Kern Form und Rahmen der ganzen Erzählung bereits festlegt. In diesem Fall ist es der Anfang eines Bekenntnisses oder eines Berichts, beginnend mit den Worten: “Vor sechs Tagen hat sich im nördlichen Wisconsin ein Mann am Rande einer Straße in die Luft gesprengt.” Ein Satz wie Dynamit. Und doch auch sehr rätselhaft; schon dieser erste Satz wirft einen Schatten über das ganze Buch. Es folgt, wider erwartend, keine reißerische, bunt gefächerte, sondern die zutiefst menschliche und erstaunlich wendungsreiche Geschichte eines Lebens, das zwischen Glück und Niedergang einen seltsamen Weg beschreitet und in dem das Schicksal einen raubbauhaften Einfluss betreibt. Das Buch und die Geschichte legen sich wenig fest, verändern oft die Prioritäten, haben ein-zwei Längen – und sind doch am Ende fast grandios.

Ein guter Roman baut einen Sog auf, dem man sich nicht mehr ganz entziehen kann – bei der (potentiell und zumeist) längsten literarischen Gattung, die wir kennen, ist das ja auch irgendwie überlebenswichtig. Dennoch ist der Sog unterschiedlich; bei einigen Büchern tritt er sofort zu Tage, bei anderen ist er kaum vorhanden, liegt weniger in der Spannung der Geschichte, dem Sturm der Ereignisse und offenen Fragen, als vielmehr in einer hartnäckigen Neugier, die das Geflecht und die Windungen des Romans bis zum Ende gehen will, die alles Erleben will, was der Roman in seiner inhärenten Beschaffenheit für sie bereithält. Leviathan ist ein Roman von letzterem Kaliber. Man darf das jetzt nicht so verstehen, dass er langweilig ist. Aber seine innere Konsequenz bleibt bis zum Schluss zum Teil im Dunkeln, beinah bis zur letzten Seite ist sie nicht ganz offensichtlich. Darin liegt wiederum der große Reiz des Romans: Man weiß nicht, wo er einen hinführt. Ein Zug, der ihn auf eine beinahe morbide Art lebendig macht.

Es gäbe sicherlich noch viel zu sagen, noch viel was eine Erwähnung wert wäre. Das Ende z.B., das auszudeuten bleibt, aber auch die vielen Grauzonen (Dinge aus zweiter Hand, Widersprüchliches) die unauffällig den Roman immer wieder begleiten (und zuletzt noch Austers ewiges Thema: der Zufall, der auch die Manifestierung des Leviathans sein könnte) – das alles ist nicht ganz festgelegt und lässt das Werk in seinen Dimensionen gleichsam wachsen und verschwinden. Doch was man ihm nicht absprechen kann, dass sind ein Gesamtkonzept, welches alles andere als uninteressant ist und eine unaufdringliche Klasse, die man während des ganzen Buches spüren kann. Wie gesagt, wenn ein wenig Geduld mit ihm hat, kann Auster einen immer wieder überraschen und in seinen Bann schlagen, auch in diesem Werk. Man muss sich darauf einlassen – oder eben nicht.

Link zum Buch

*diese Rezension ist in Teilen bereits auf Amazon.de erschienen