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Der gro(e)ß(r)e Faktor Klima


Fatum

„Im vorliegenden Buch soll gezeigt werden, dass der Einfluss des Klimas auf die römische Geschichte abwechselnd kaum merkbar und dann wiederum riesengroß war, manchmal positiv und andere Male zerstörerisch. Der Klimawandel war jedoch immer ein exogener Faktor, ein echter Joker, der alle übrigen Spielregeln außer Kraft setzte. […] Aus guten Gründen verehrte man in der Antike die furchterregende Göttin Fortuna: Die Menschen ahnten, dass die Mächte, die diese Welt regierten, letztlich unberechenbar waren.“

Fatum, Schicksal. Kyle Harper ist nicht unter den Ersten, die den Niedergang der römischen Zivilisation mit diesem Wort versehen haben. So unterschiedlich die Interpretationen des Untergangs der pax romana auch sind, in einer Sache sind sich die meisten Historiker*innen einig: er war unvermeidlich.

Einige Analysen dazu haben sich eingebürgert: vom ganz allgemeinen „Imperien steigen auf und fallen, brechen unter ihrer eigenen Last/ihren eigenen Ambitionen zusammen“ bis zu Analysen der spätrömischen Dekadenz, die das Reich träge und unflexibel werden ließ – außerdem auf der Liste der üblichen Verdächtigen: das Christentum, die Reichsteilung und nicht zuletzt die Völkerwanderung. 

„Alle diese Antworten mögen gleichzeitig richtig sein. Das auf diesen Seiten vorgetragene Argument jedoch ist das folgende: Um den langen Zeitraum zu erfassen, den wir als Untergang des Römischen Reichs bezeichnen, müssen wir einen genaueren Blick auf die gewaltige Selbsttäuschung inmitten der triumphalen Zeremonien des Imperiums werfen – den trügerischen Glauben, der sich im blutigen Ritual der inszenierten Schaukämpfe gegen Tiere ausdrückte, dass nämlich die Römer die Kräfte der wilden Natur gebändigt hätten. Während die Römer selbst den Untergang ihres Reiches nicht verstehen und ihn sich kaum vorstellen konnten, bedeutete er letztlich den Sieg der Natur über menschliche Ambitionen. […] In diesem Buch soll dargestellt werden, wie die Angehörigen einer der bedeutendsten Zivilisationen der Geschichte erfahren mussten, dass sie die Natur längst nicht so beherrschten, wie sie gedacht hatten. […]Wir wollen deutlich machen, dass die Blüte Roms auf einem prekären und vorübergehenden Zusammentreffen günstiger klimatischer Bedingungen beruhte. Und noch bedeutsamer war, dass die Strukturen des Reich die ökologischen Bedingungen für das Aufkommen einer neuen Infektionskrankheit begünstigten, die mit bis dahin nicht gekannter Wucht zuschlug.“

Laut Harper hatten die Römer bei ihrem Aufstieg nicht nur ihre Tatkraft und ihr Bundesgenossensystem, nebst Aneignung verschiedener Technologien, Gesellschaftssysteme und Traditionen, auf ihrer Seite, sondern auch das Klima. Neuste Erkenntnisse, so Harper, legen nah, dass in den ersten Jahrhunderten vor und nach Christi ein sehr beständiges und mildes Klima im Mittelmeerraum herrschte (Ägypten bspw. war damals, nicht nur wegen der Nilfluten, eine Art Kornkammer des Reichs), sodass die Expansion der pax romana und die damit einhergehende Befriedung und Prosperität, die zu einem großen Bevölkerungswachstum führten, nicht Hungersnöte und Aufstände, sondern eine allgemeine Blüte zur Folge hatten, die der Stabilität und der Vorherrschaft des Reichs zugutekam.

Um etwa 250 n.Chr. änderte sich aber dann das Klima, wurde unbeständiger, bis es schließlich etwa um 550 n.Chr. zu einer kleinen Eiszeit (ohne große Eisflächen und massive Kälteeinbrüche, aber mit ungünstigeren Temperaturen für die Landwirtschaft) kam. Außerdem erwiesen sich die Lebensart der Römer und ihr weitläufiges Handelsnetz als optimaler Nährboden für Infektionskrankheiten, die sich einige Male (zum ersten Mal in der Geschichtsschreibung) zu Pandemien ausweiteten.

Aus offensichtlichen Gründen ist Harpers Buch, trotz seines eigentlich historischen Themas, brandaktuell: Die Römer wähnten sich auf dem Höhepunkt ihrer Macht, als sich bereits Symptome zeigten, die den Keim ihres Untergangs in sich trugen; nicht anders könnte es uns ergehen, wenn wir die Zeichen unserer Zeit nicht in all ihrer Konsequenz deuten und begreifen. Die Hybris, die das Buch beschreibt, ist zeitlos, weil menschlich.

Dennoch muss man sagen, dass, trotz der Brisanz des Themas, das Buch einen nicht wirklich hineinzieht. Das liegt zum größten Teil daran, dass es einfach nicht gut strukturiert und teilweise auch umständlich verfasst ist; Geschichten und wissenschaftliche Fakten werden bspw. ineinander gemischt, sodass keins von beidem seine volle Faszination/Wucht entfalten kann; es gibt etliche Wiederholungen, von denen man einige noch als Erinnerungsanregung begreifen kann, die meisten aber sind schlicht enervierend.

Hier hat in meinen Augen das Lektorat ein bisschen versagt, das dem Autor hätte raten müssen, bestimmte Dinge nicht andauernd wieder aufzugreifen, sondern lieber ruhen zu lassen und später zu Ende zu führen – und vor allem: sich darauf zu verlassen, dass ein*e interessierte*r Leser*in sich noch erinnert, welche größeren Zusammenhänge bereits 20 Seiten vorher angesprochen wurden.

Natürlich verstehe ich, dass Harper gewissenhaft vorgehen und seine Darstellung nicht missverstanden sehen und keinesfalls andere Thesen in Abrede stellen wollte Aber wie sagte bereits F. C. Delius: „Missverstanden wird man sowieso, meist mit Absicht“. Und das heißt umgekehrt: Man muss sich auch ein bisschen darauf verlassen, dass die Leser*innen nicht alles gleich in den falschen Hals bekommen, sondern mitdenken und keineswegs darauf aus sind, Harpers Thesen infrage zu stellen oder zu vergleichen, zumindest nicht sofort. Eine Betrachtung, vor allem eine historische, braucht einen Fokus und den verliert Harper immer wieder bei dem Versuch, sich der Berechtigung dieses Fokus zu versichern.  

Abgesehen von diesen formellen Schnitzern und auch mit ihnen, bleibt Harpers Buch ein wichtiger Beitrag, nicht nur zur Kulturgeschichte, sondern vor allem zu Themen der Gegenwart. Ähnlich wie Philipp Bloms „Die Welt aus den Angeln“ (das ich wärmstens(!) empfehlen kann), liefert es Aspekte, die zu einer neuen Betrachtung von Geschichte und Gegenwart anregen, ja sogar verleiten sollten. Auf das unser Fatum noch nicht besiegelt sei …

 

 

 

Zu “Dichter und Denker der Antike und ihre bedeutendsten Werke”


Dichter und Denker der Antike Es mutet natürlich kühn an, die wichtigsten Werke der Dichter und Denker der Antike in einem Band mit gerade einmal 700 Seiten vorstellen zu wollen. Diese Edition von Erich Ackermann kann sich allerdings durchaus sehen lassen und es ist ein bisschen ärgerlich, dass gerade in einem solch guten Kompendium/Lesebuch ein vernünftiges Stichwortverzeichnis fehlt.

Aber der Reihe nach. Das Buch beginnt mit einem kurzen, sehr übersichtlichen Vorwort und die folgende Werkschau ist in zwei Teile unterteilt: Griechenland und Rom. Griechenland wiederum ist unterteilt in: Das Epos, Asöp und die Fabel, Frühe griech. Lyrik, Griechische Philosophie, Drama (Tragödie und Komödie), Die Geschichtsschreibung, Rhetorik, Hellenistische Philosophen und hellenistische Dichtung.

Der Abschnitt des Epos widmet sich Homer und seine beiden Epen, sowie den Werken Hesiods. Es werden (wie auch in den folgenden Kapiteln) Ausschnitte aus den (rechtfreien Übersetzungen der) Werke zitiert, jeweils versehen mit kurzen Einleitungen, die die zitierten Stellen im Kontext der Geschichte verorten. Bei der Ilias werden bspw. u.a. die Klage des Achills gegenüber seiner Mutter und die Beschreibung von Achills Schleifen von Hektors Leiche vorgestellt.

Fabelfreunde kommen auf ihre Kosten, da rund zwanzig Texte zitiert werden. Bei den frühen griech. Lyriker*innen gibt es Texte von: Archilochos, Alkman, Sappho, Alkaios, Solon, Simonides, Ibykos, Theognis, Anakreon und Anakrontea, Bakchylides, Pindar, was eine maßgebliche Auswahl darstellt, obgleich von den meisten nur Fragmente und/oder sehr wenige Texte überliefert sind.

Bei der Philosophie sind neben den drei großen – Sokrates (wobei dieser nichts Schriftliches hinterließ), Platon (u.a. Höhlengleichnis) und Aristoteles (u.a. Ursprung und Wesen des Staates) – auch die Vorsokratiker (Texte von Anaximander, Xenophanes, Empedokles, Heraklit, Parmenides und Demokrit, nebst Erwähnungen von Thales, Pythagoras, Anaximenes und Leukipp) und die Sophisten (zitiert nur indirekt durch Platon) vertreten.

Das Drama-Kapitel besteht aus Texten von Aischylos, Sophokles und Euripides (Tragödie), sowie Aristophanes (Komödie), mit Ausschnitten aus den Stücken „Agamemnon“ und „Choephoren“ (Aischylos), „Antigone“ (Sophokles), „Medea“ (Euripides) und „Lysistrate“ (Aristophanes). Bei der Geschichtsschreibung wird aus den Werken von Herodot, Thukydides und Xenophon zitiert, außerdem ist der Eid des Hippokrates vertreten. Bei der Rhetorik sind es Demosthenes und Isokrates. Die hellenistischen Philosophien werden indirekt durch Cicero beleuchtet. Bei den hellenistischen Dichtungen gibt es Ausschnitte aus den Werken des Kallimachos und des Theokrit.

Der Abschnitt Rom eröffnet – nach einer sehr kurzen Einführung den Übergang vom Hellenismus zur römischen Kulturdominanz betreffend – mit Sallust als Vertreter der frühen römischen Geschichtsschreibung und Lukrez mit Ausschnitten aus „De rerum natura/Über die Natur der Dinge“. Danach folgen Cäsar („De bello gallico“) und Cicero (sowohl Schriften als Philosoph als auch als Redner), denen beiden viel Platz eingeräumt wird.

Danach folgt Catull und im Anschluss eine Auswahl der Vertreter der augusteischen Dichtung, namentlich Vergil (vertreten mit Ausschnitten aus „Bucolica“, „Georgica“ und „Aeneis“), Horaz (Epoden und Oden) und Ovid („Metamorphosen“ und „Amoris), nebst einem besonderen Abschnitt über die Liebeselegie, wodurch noch Texte von Tibull und Properz hinzukommen.

Den Abschluss bilden Texte von Livius und Tacitus (kaiserliche Geschichtsschreibung) und Seneca, Epiktet und Marc Aurel als Vertreter der Stoa in der Kaiserzeit, sowie Briefe von Plinius dem Jüngeren. Dann folgt noch eine Art Epilog über Augustinus.

Es fehlen:

Der Abschnitt über Griechenland kann durchaus eine gewisse Vollständigkeit für sich beanspruchen, zumindest was die Namen und deren wichtigste Werke angeht. Der Teil über Rom ist allerdings unvollständig, vor allem was das römische Drama (Plautus und Terenz) und die Lyrik (als wichtigster fehlt hier Martial) angeht.

Dennoch ist dieses Kompendium empfehlenswert, der größte Makel bleibt das fehlende Stichwortverzeichnis oder zumindest ein genaueres Inhaltsverzeichnis, in dem man nicht nur die Autoren, sondern auch Werke und zitierte Passagen auf einen Blick finden kann. Wer mit diesem Makel leben kann, der bekommt hier ein schönes Lesebuch, mit dem man einen umfassenden Eindruck von den unterschiedlichsten Werken der Antike erhalten kann.

 

Zu Michael Zeuskes Werk über “Sklaverei” als Phänomen und Fakt


Sklaverei „Sklaverei bedeutet Gewalt von Menschen über den Körper anderer Menschen, es bedeutet in den allermeisten Fällen körperlichen Zwang zu schwersten und schmutzigsten Arbeiten oder zu Dienstleistungen sowie Mobilitätsbeschränkung. Dazu kommen alle Formen und Folgen von Statusdegradierung“

Begegnet man dem Wort Sklaverei, fallen den meisten Menschen wohl zunächst zwei Standorte der Geschichte ein: die klassischen antiken Staaten (Ägypten, Griechenland, Rom) und der europäische Kolonial- und Imperialismus. Natürlich hatten auch die Inkas und Azteken, die Mongolen, die Araber und die Perser Sklaven. Aber wenn man von historisch von Sklaverei redet, wird zumeist davon ausgegangen, dass die Verschleppung und Ausbeutung der afrikanischen Bevölkerung (vor allem in den USA und den Inseln der Karibik) gemeint ist – oder eben ein Aspekt des antiken römisch-griechischen Staats- und Ständewesens.

Dieser historische Fokus könnte leicht darüber hinwegtäuschen, dass Sklaverei kein begrenztes und an bestimmte historische Perioden und System geknüpftes, sondern ein allgemeines Phänomen ist. Allein wenn man sich Zeuskes Ansatz einer Definition (siehe Zitat oben) ansieht, fallen einem hoffentlich zahlreiche Beispiele ein, die zumeist nicht mit dem Begriff Sklaverei zusammengebracht werden: Zwangsheirat, Marginalisierung & Stigmatisierung. Das alles sind (bspw.) Wege in und Formen von Sklaverei.

Der große Verdienst dieses Buches, das manchmal etwas umständlich formuliert ist (wobei das natürlich Gründe hat, die mit Seriosität und Umsicht zu tun haben – ich will Herrn Zeuske keinen schlechten Stil unterstellen), ist dann auch die Tatsache, dass es Sklaverei als allgegenwärtiges Phänomen, historisch und aktuell, begreift und darstellt.

Dabei wirft es einen Blick weit zurück, in die Anfänge der menschlichen Sozialsysteme noch vor dem Auftreten erster großer »Zivilisationen« und ebenso Blicke in die Realitäten vieler unterschiedlichster Ausprägungen von Sklaverei und Versklavung, bekanntere und unbekanntere. Zeuske arbeitet viel mit Zahlen, seine Stärke sind aber vor allem die umfassend-knappe, präzise Darstellung von Entwicklungen und die Vielfalt seiner Beispiele.

Kurzum: ein wichtiges Buch, das letztlich brandaktuell ist. Noch immer ist Sklaverei ein großes Thema; es hat nie aufgehört eines zu sein. Europas Reichtum der letzten Jahrzehnte stützt sich auf Arbeits- und Lohnumstände in vielen anderen Erdteilen, die nur durch spitzfinge Definitionsheuchelei von dem Wort Sklaverei getrennt sind. Und selbst in Europa wird Arbeit derzeit stark entwertet. Wo beginnt Sklaverei – nicht schon dort, wo man keine Wahl hat, obgleich man nicht direkt in Ketten liegt? Wo man niederste Tätigkeiten ausführen muss, weil es keine anderen Perspektiven gibt oder wo einem alle anderen Perspektiven verstellt werden?

„Sklaverei ist nur scheinbar tot. Bei näherem Hinsehen wird schnell klar, dass die großen und klar erkennbaren Sklavereien sich zu illegalen, meist kleinen und getarnten Sklavereien gewandelt haben. In diesem Wechsel des Aggregatszustandes der Sklaverei von groß und fest zu eher flüssig und klein sowie oft opportunistisch liegt der Bruch, den ihre formalen Abschaffungen im »Westen« oder auf seinen Druck hin 1792-1970 weltweit langfristig bewirkt haben.“

Zu “50 Klassiker Römische Antike”, einem gelungenen Who is Who des antiken Rom


“Sogar in der Tagespolitik spielt das antike Rom noch immer eine Rolle. So wird häufig die Frage diskutiert, ob die Weltmacht USA eine ähnliche Entwicklung durchläuft wie seinerseits das römische Imperiums: Ist damit zu rechnen, dass auch das amerikanische Weltreich mit einer demokratischen Staatsform nicht dauerhaft und effizient zu regieren ist, und wird sich aus der amerikanischen Demokratie möglicherweise, wie damals in Rom, allmählich eine Aristokratie, also die Herrschaft nur weniger Dynastien und Familien, oder gar eine Monarchie entwickeln?”

ACHTUNG: SPOILER!

Hätten Sie gewusst, dass Aeneas nur die zweite Wahl beim Herkunftsmythos der Römer war? Dass Ovids Flirtratgeber “ars amatoria” auch heute noch eine verlockende Lektüre ist? Dass der erste Film von Terence Hill und Bud Spencer “Hannibal” hieß? Dass viele der uns bekannten Komödien, die Shakespeare, Moliere und Kleist schrieben, auf Werke des Stückeschreibers Plautus zurückgehen? Dass wir dem literarischen Erfindungsgeist des Cicero Worte wie “moralisch” oder “Qualität” verdanken? Dass eines der frühsten Gedichte von Vergil eine Schnacke besingt, die einen Hirten sticht, um ihn vor einer Schlange zu warnen, der dann aber reflexartig die Schnacke erschlägt, sodass sie ihm später in der Nacht erscheint und ihn tadelt?

Als ich mich in meiner Schulzeit für Geschichte begeisterte (vor allem für die Geschichte der Antike), lieferten die meisten Schulbücher bald nicht mehr genug Stoff – vor allem, weil die faszinierenden Randfiguren des Geschehens oft mit ein paar Sätzen abgekanzelt wurden; außer Caesar, Marcus Antonius und Augustus war da nicht viel. Aber auch die populären Buchreihen wie “Was ist Was” oder die vielen historischen Zeitschriften kauten meist nur dieselben Informationen wieder oder verloren sich in uninteressanten Details. Dementsprechend war ich sehr skeptisch, ob sich dieses Trauma meiner Jugend mit “50 Klassiker Römische Antike” nicht wiederholen würde.

Aber: ganz im Gegenteil. Das Buch ist nicht nur durchweg unterhaltsam und hält eine Fülle an anschaulichen Darstellungen und Informationen bereit, es betrachtet auch jeden der angeführten Charaktere unter eigenen Gesichtspunkten, weist die Verknüpfungen untereinander aus, berichtet im Rahmen seiner Möglichkeiten genauestens von den besonderen Ausprägungen, die gerade diese Person so wichtig für die römische Geschichte machen.

Architekten, Feldherren, Philosophen, Dichter, Kaisergattinen, Kaiser, Senatoren, Redner, Propheten, sie alle werden auf 3-4 Seiten essayistisch vorgestellt, dann folgt noch ein biographischer Abriss und eine Werkbeschreibung oder eine Trivia + Tipps für zusätzliche Lektüren und andere Informationsquellen zu der betreffenden Person. Sollte in keinem Bücherschrank fehlen; so kompakt und gut wird man Rom und seine Sternstunden wohl nirgends erleben können.

Der Hannibal-Essay von Robert Garland


  Ein guter Essay kann eine ganze, langatmige Biographie ersetzen, wenn er den Kern trifft, einen Modus findet, in dem die Quintessenz eines Lebens, seine ganze Dynamik, eingefangen werden kann; sodass man eine Vorstellung von der Person bekommt, die ihrem Wesen ungleich näher kommt als es die Aufzählung seiner Taten, seiner einzelnen, von Laune und Umstand bedingten Entscheidungen, je vermöchte. Die Summe des Lebens erweist sich am großen Bild, in dem, was darin überhandnimmt oder immer wieder vorkommt und nicht in der Summierung und Auswertung sämtlicher Detailstriche. Es gibt wichtiges und unwichtiges in jedem Leben.

Robert Garlands Essay über Hannibal ist das, was man eine gewissenhafte Arbeit nennt: Mit einer klaren Struktur, vielen Belegen, vielen Abwägungen und einer Art, die immer möglichst viel Einblick in das Material bietet, das zur Verfügung stand. Und wegen dieser Tugenden, wegen Umsicht und Vorsicht, ist es dem Autor gelungen, einen Text vorzulegen, der so ziemlich die Summe dessen darstellt, was wir über Hannibal wissen – dabei bleibt auch der Mythos nie ausgespart, aber Garland fokussiert auch in diesen Ausflügen die Schnipsel, anhand derer wir etwas über die reale Person erfahren können.

Hannibal als eine tragische oder heroische Figur zu sehen, mag zunächst verlockend sein, diese Darstellung wird ihm aber nicht gerecht (auch wenn eine andere Darstellung kaum möglich ist). Das erkennt man auf diesen Seiten, in den Quellen, die Garland, wohldosiert und kommentiert, nach und nach offen legt und dabei um sie herum die Erzählung von Hannibals Leben aufbaut. Diese Erzählung erscheint, trotz ihrer spärlichen Grundlagen und ihres klaren Ausgangs, spannend. Man lernt nicht nur, Hannibal nicht zu überhöhen, sondern man gerät gleichzeitig in den Bann der Faszination, die ihn dennoch umgibt, selbst wenn die Idee von ihm auf ein Bild aus wenigen Quellen heruntergebrochen wird.

Garlands Essay kann keine Wunder vollbringen: Das Material über Hannibal ist rar und ideologisch eingefärbt, es wurde verzerrt durch die Jahrhunderte, in Mythenwasser getränkt und über dem Spiegelbecken der Renaissance und später der Popkultur ausgewrungen. Dass Garland trotzdem eine gute Darstellung gelingt, ist bemerkenswert und erfreulich und macht aus einem eher unergiebigen Thema eine erlesene Spurensuche, zu der ich noch öfters greifen werde. Denn aus ihr ergibt sich für mich eine Ahnung in Bezug auf die Faszination des Historischen an sich.

Zu “stella maris” von Isabella Feimer


  Ich habe während der Lektüre dieses Buches öfter an Simone de Beauvoirs „Alle Menschen sind sterblich“ denken müssen. Anders als in diesem Buch, ist „stella maris“ keine allzu konkrete Ausformung einer unsterblichen Lebensgeschichte (bei Beauvoir ist außerdem ein Mann der Protagonist, während es bei Isabella Feimer die Urmutter Eva ist, die in die Endlosigkeit des Daseins vorstößt), aber in der Art wie das menschliche Leben als hoffnungslose, geradezu unerreichbare Schönheit gepriesen wird, gibt es Berührungspunkte zwischen den beiden Werken.

Was sehr früh auffällt ist der schwärmerische Duktus, der ständig auf eine transzendente Ebene, in höchste Höhen zu verweisen scheint und einem permanentes Aufwallen gleichkommt. Die Protagonistin stellt sich dem/r Lesenden als erzählende und bekennende Stimme dar, fragmentarisch und doch entblößt, ohne Netz und doppelten Boden und doch auch nebulös. Man muss sich eine Vorstellung der Figur und die Ausmaße des Narrativ erst Stück für Stück erarbeiten und gänzlich erkennen kann man beides nie, es bleibt ein Rest Geheimnis in den Windungen zurück, nachdem das Buch geschlossen wurde.

Feimer spielt mit den Symbolen des Göttlichen und Schwindenden, mit den Entitäten der Ewigkeit und Flüchtigkeit. Einsamkeit ist das Siegel der einen, Begegnung das Siegel der anderen. Das Raumschiff, von dem aus sich Eva auf Episoden und Erlebnisse zurückbesinnt, ist eine Metapher in zweierlei Hinsicht: wie der Mensch ist es gemacht für eine Reise und kann sich einzig an den Sternen orientieren und außerdem stellt es den geringen Raum des Möglichen, des Schönen da, inmitten einer Umgebung, die unbewohnbar und kalt ist, vor der man sich in die kleinen Wärmen und Nähen des Lebens flüchten muss.

Eva ist ebenfalls auf der Flucht, aber auch immer noch auf der Suche. Auf der Flucht vor etwas, dem sie nicht entrinnen kann und auf der Suche nach etwas, das dann doch wieder zerrinnt und entschwindet. Abgesehen von der sprachlichen Schönheit ist „stella maris“ vor allem eine Konfrontation mit der schmerzlichen Suche nach einer Heimat, die nicht korrumpierbar ist. Und die man hoffentlich auch nicht selbst korrumpiert. Aber wie soll das möglich sein? Die Klage dieses Widerspruchs erfüllt das ganze Buch mit einer Lebendigkeit, die berührt.

Eigentlich ist der Ausspruch stella maris eine Anrufung Marias, mit der Bitte, einem den Weg zu weisen. Niemand kann Eva den Weg weisen, nicht ihre Geliebten, nicht ihre Suche nach Glück. Aber gerade in dieser Haltlosigkeit erzeugt die Sprache von Isabella Feimer zumindest einen Versuch, im Erinnerten und Verlorenen etwas zu finden, das einem das Gefühl gibt, darin gelebt zu haben und deswegen auch wieder leben zu können. Wenn ein Buch sowas leistet: Hut ab!

Zu Josef Winklers (Un!-)Stillleben in seinem Buch “Natura morta”


Alle Wahrnehmungen ausdrücken, das kann nur die Wahrnehmung selbst, kann nur das Auge. Ein Wort kann Wahrnehmung komprimieren, von einem Wort kann eine größre Wahrnehmung sich ausdehnen, ausgehen, ein Wort kann eine Erfahrung an die Stelle einer Wahrnehmung setzen. Ein Wort schreibt sich auf die Flächen der Wahrnehmung und richtet all ihre feinsten Reflexe und Schnitte, magnetisch nach sich aus und prägt so das Muster und verfasst den Kern der Erfahrung.

Eine besondere, eigenwillige Ausformung von Wahrnehmung als Sprache (und Sprache als Wahrnehmung) begegnet einem in Josef Winklers Natura morta. Hier gehen einem nicht die Augen, hier geht einem die Sprache über. Unter filigranen und zugleich ausufernden Bögen – gebaut, gemauert, aus Naturalien und Adjektiven – schwenkt uns Winkler in einer Schüssel aus Schweiß, Verlangen, Reliquien, aus Mode, Marter und Müll, macht uns zum Inhalt eines direkten und abschweifenden Blicks, der durch römische Märkte und menschliche Niederungen kreuzt.

Kaum ein Moment dieses großen Schweifens, gelegentlichen Schöpfens und dann wieder Wegdriftens, lässt sich wirklich im Leser nieder. Wie ein Fremder und nur brüchig Eingeweihter halten wir uns die Linse der Erzählung vor das Auge, erfassen immer wieder Personen, Szenen, finden unsern Abstand verringert und vergrößert, verweilen fast bei einem Moment, dann wird uns wiederum der Kopf verdreht, in eine andere Richtung, in eine andere Geschichte hinein, die sich nie ganz erzählen wird, aber an diesem Punkt, in diesem Moment, in eine große Wirklichkeit gehört. Informationen und Andeutungen mischen sich und werden aufgetragen auf das Gesicht der Stadt, des kleinen Marktviertels, des vatikanischen und elendigen Alltags.

Winklers Buch ist, wie schon oft betont, ein sinnliches Erlebnis, aus einer Sprache steigend, die halb Rhetorik, halb Unnachgiebigkeit ist. In einem Vorbeirauschen und doch Mosaikwerden, werden wir auf eine Gedulds- und Faszinationsprobe gestellt. Wer eine klassische Geschichte sucht, ist in diesem Buch so verloren, wie einer, der in einer Stadt wie Rom das Antike in den Elendsvierteln sucht. Und doch hat dieses Buch eine ganze Reihe von Geschichten zu bieten, nur eben nicht wohlsortiert, sondern in die Eindrucksschneisen eingesät, aufblitzend und in der Erde strampelnd.

Es wäre zu viel des Guten wollte man Winklers Buch ganz hoch in den Himmel loben. Aber es hat etwas Elementares, etwas Lebensgerechtes, das man nicht alle Tage lesen kann und aus dem das Anrecht auf das Wort Literatur nicht wegzudiskutieren ist. Alles in allem wälzt sich das Buch ab und zu nur so vor sich hin, aber immer wieder geht dann ein Reiz von ihm aus, eine Geschichte kündigt sich an, verschwindet im Gedränge der Wahrnehmungen und lässt einen neue Untiefe zurück.

Ja, “Ich ist kein anderer” – Robert Fischers “Römische Abschweifungen”


“Flug über die Alpen, der Nebel lichtet sich: blauer Himmel und gleißendes Licht. Unter dir liegt eine faszinierend aufgefaltete Welt mit frischem Schnee über grauem Fels, die Täler von Straßen und Flüssen durchzogen, wie Lebensadern in einem fast menschenleeren Gebiet.”

Max Frisch hat Recht: “Das menschliche Leben vollzieht oder verfehlt sich am einzelnen Ich, nirgends sonst”. Aber dieser These literarisch zu folgen ist sehr schwierig. Denn dann kann man keine ausufernden Geschichten erzählen, sondern nur die eigene; kann nichts imaginieren und erfinden, außer der Sprache für das Selbst-Erlebte.

Diese Prämissen haben etwas von Lyrik und in der Tat könnte “Römische Abschweifungen” auch ein langes erzählendes Gedicht sein, ein ungereimter Versfluss, immer wieder unterbrochen durch Prosaabschnitte die die Randgeschichte fortführen. Aber gerade die Tatsache, dass es reine Prosa ist, macht dies schmale Werk poetisch noch umso wertvoller und verleiht ihm eine unnachahmliche Tiefe, einen Zug der eingefangenen Wirklichkeit.

Inhaltlich geht es um einen Lebensweg, den Blick darauf zurück und die während der Retroperspektive erlebte Gegenwart. Kindheit, Liebe, Sexualität, Vertrauen – alle Problemzonen des Lebens geben sich hier und da zu erkennen, während der Ich-Erzähler gleichzeitig von seiner Beziehung, seinen Gedanken und seiner Romreise berichtet. Letzteres immer wieder auf sehr anschauliche, lebensnahe Weise:

“Dann spazierst du um die Piazza Navona und setzt dich zum Lesen auf eine Bank vor Berninis Fontana dei Fiumi. Gegen halb sieben Uhr gehen die Lichter an, und die Kulisse rund um den oval angelegten Platz bekommt einen surreal anmutenden Glanz. Eine bunt gekleidete Frau tanzt Flamenco zu einer Musik aus dem mitgebrachten Ghettoblaster, während ihre Tochter nicht recht zu wissen scheint, ob sie sich darüber genieren oder Geld einsammeln soll. Junge Zigeunerinnen halten dir ihre Pappschilder unter die Nase und versuchen dich mit einem Lächeln auszurauben.”

Weiterhin kann man zum Inhalt wenig sagen, was in diesem Fall für das Buch spricht. Es ist keine auf einen Nenner zu bringende Geschichte, sondern 1zu1 ein Erlebnis des Lesens; kein Name, sondern ein langer Gedankenfluss, den man “open mind” durchschwimmen sollte.

Robert Fischer versteht zu schreiben, nuanciert zu erzählen und es ist fast schon egal worüber, zumindest zu Anfang. Dann, immer mehr, schleicht sich die Weisheit seiner Prosa in die Randbezirke der eigenen Wahrnehmung, bevor sie ganz am Ende wie die Sonne über der Landschaft des Gelesenen aufgeht.
Er schafft es das Bewusstsein des Lesers ständig im Fluss zu halten, hier und da mit erotischen Anklängen anzuecken, dann wieder mit seiner bewusstseinsklaren Sprache, dann wieder mit seiner rätselhaften Erzählstruktur. Bewundernswert, schön, mehr fällt einem wieder und wieder nicht dazu ein.

“…doch wie soll man auf ein Leben vertrauen, indem nichts gewiss ist außer dem Tod?” – eine einfache Frage, die inmitten seiner Prosa wie der schwere Stein wirkt, der Augenaufschlag, der sie ja auch ist. Thomas Mann schrieb einmal über den Steppenwolf an Hermann Hesse: “Der Steppenwolf hat mich seit langem wieder gelehrt, was Lesen heißt.” Das kann ich, für mich, auch über dies kleine Buch sagen. Es ist ein Leseerlebnis, eines, das ich jedem in dem Maße wünsche, indem es mir zuteil wurde.

Link zum Buch: http://www.amazon.de/R%C3%B6mische-Abschweifungen-Erz%C3%A4hlung-suhrkamp-taschenbuch/dp/3518395300/ref=cm_cr_pr_pb_t

*diese Rezension ist in Teilen schon auf Amazon.de erschienen

Ein Film ohne wirkliche Grenzen – ein Kultwerk, ein Meisterstück: Jim Jarmuschs “Night on Earth”…


Manche Filme sind einfach besonders, man kann es Ihnen nicht absprechen, nur auslegen kann man es, sowohl für, als auch gegen sie. In Jim Jarmuschs Ceuvre gibt es einige Filme, auf die diese Art des Anspruchs zutrifft, aber keiner ist so einzigartig anders und doch so wunderbar klassisch genial wie “Night on Earth”, der Film über fünf skurrile Taxifahrten in einer Nacht, rund um die Welt.

Blinde, Verrückte, Narren und Glücksuchende verstecken sich in diesem Film auf engstem Raum, auf der Vorder- und Rückbank eines Wagens. 5mal wird die Uhr rund um die Welt zurückgestellt und es geht in einer weiteren Stadt, von Abends in Los Angeles bis Frühmorgens in Helsinki. Das Taxi als Ort der zwei Meinungen, die aufeinanderprallen, der Begegnungen, der Beichte, der Geschichten – und das mitten in der Nacht, diese andere Seite der Welt, in der jeder noch mehr auf sich selbst zurückgeworfen ist. Mit diesen Werkzeugen erzeugt Jarmusch Stimmungen, Humor und Gefühl, schafft Innerstes, Berührendes und Amüsantes. Von all dem hat der Film viel zu bieten und doch bleibt er seiner Außenseiterrolle treu, so bestimmend und klar, als wäre der ganze Reigen der vorgeführt wird, eben nur eine Nacht auf der Erde – nichts weiter.

Allgemein ein Fan von bestimmten Schauspielern zu sein ist die eine Sache, aber manchmal wünscht man sich auch, dass ein ganz bestimmter Darsteller doch nur noch eine Szene lang, ein paar Minuten länger, diese eine Rolle verkörpern möge; am liebsten noch etliche Stunden lang, wenn es möglich wäre. Jarmusch hatte für die Rollen in seinen Filmen schon immer einen sehr guten Blick für Darsteller (man denke nur an Forest Whitacker in “Ghost Dog” oder Bill Murray in “Broken Flowers” undundund) und ich würde viel dafür geben noch eine Taxifahrt lang Winona Ryders ständig Zigaretten anzündendes Streetgirl zu erleben und ebenso viel für noch mehr Sünden aus dem Munde von Roberto Benigni.
Und es gibt auch Momente in diesem Film, wegen denen ich sehr froh bin, dass er nicht endlos weitergeht, weil man sich dann diese Stellen immer wieder ansehen kann – sei es der Moment in dem Winona Ryder davon spricht, dass sie auf jeden Fall eine Familie will, mit einer Klarheit, die die Naivität um eine Haaresbreite überflügelt (das wirkt so authentisch wie selten etwas) oder der erste Moment, wenn Armin Mueller Stahls Taxi huckelnd und zuckelnd herankommt; oder auch die herrliche, ungeschliffene Melancholie am Ende derselben Episode.

Man kann nicht sagen, dass Night on Earth etwas für jeden ist. Aber irgendwie hat dieser Film doch etwas omipräsentes, wahrhaftiges, in seiner ganzen unverstellten Schlichtheit und Größe. Jeder, der sich etwas aus Filmen macht, sollte ihn daher einmal gesehen haben. Er wird ihn vermutlich nicht mehr aus dem Kopf bekommen. Und irgendwann, wenn es mal wieder lange her ist, kann er ihn einlegen, mitten in der Nacht und es ist einer dieser Augenblicke, wo man für alles dankbar ist, was einmal so schön und gut komponiert wurde…

Link zum Film: http://www.amazon.de/Night-Earth-Jim-Jarmusch/dp/3866150296/ref=cm_cr_pr_pb_t

*Diese Rezension ist bereits teilweise auf Amazon.de erschienen