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Zur Kurzprosa in “Humbug und Variationen” von Ion Luca Caragiale


Humbug und Variation Ich werde leider nie beurteilen können, wie genau und adäquat die Übersetzerin Eva Ruth Wemme diese Texte aus dem Rumänischen übersetzt hat, aber ich möchte ihr in jedem Fall danken für die artistischen und sprachlich immer wieder überraschenden und findigen Übertragungen, die sie von Ion Luca Caragiales mehr als fünfzig Erzählungen für diesen Band angefertigt hat.

Caragiale scheint ein sehr aufmerksamer Beobachter gewesen zu sein, einer der die Feinheiten des Umgangs und des Selbstverständnisses bei seinen Mitmenschen wahrnahm; in jedem Fall einer, der das, was er täglich antraf, virtuos und überspitzt in Form von Charakteren und Geschichten zu verdichten verstand. In einigen der hier versammelten Erzählungen ließe er sich mit Größen wie Anton Ĉechov vergleichen; gerade die frühen, ebenfalls sehr ironischen oder sarkastischen, anekdotischen Kurzgeschichten von Ĉechov kommen einem während der Lektüre dieser Texte von Caragiale immer wieder in den Sinn. Aber das mag auch eine zu schnell angebahnte Verwandtschaft sein und eigentlich stehen Caragiales Texte in ihrer heftigen Bekümmertheit und ihrem fein bis grob knackenden Witz sehr für sich.

Humbug (ein schönes Wort, das man viel zu selten hört und zu dem es hoffentlich im Rumänischen ein schönes Pendant gibt) bezeichnet sehr gut den feinen Funken Irrsinn, der in all diesen Beobachtungen, Anekdoten, Skizzen und Geschichten aus dem Rumänien um 1900 in Erscheinung tritt oder unter den Oberflächen zischt; eine Funke allermenschlichsten Irrsinns wohlgemerkt, der aber immer wieder durch das Nebulöse, Verlogene und Durchtriebene angeregt wird.

Der deutsche Titel “Humbug und Varaiton” hat etwas mehr Color als das schlichtere rumänische „Momente și schițe” (Momente und Skizzen). Gemeinsam stecken sie gut die Stimmung ab, die diese Texte transportieren: das Lebendig, Dynamische, Absurde und Verwegene daran, aber auch das Geerdete und Präzise.

Letztlich finden sich hier vor allem gelungene Satiren, schnalzende Possen und Alltagsparodien, überbordendes Fabulieren erster Güte, voller Humbug, voller Zynismus und Komik.

Zu Vonneguts großartigem “Galapagos”


“Die Erde war ein sehr unschuldiger Planet, abgesehen von diesen großen Gehirnen.”

Diesen großen Gehirnen, die immer nur Ärger und ihre Besitzer immer wahnsinnig machen – Diese These hat keiner (fiktiv) so verfochten, bitterbös untermalt und zynisch auf den Haupt-, Nebensatz und Punkt gebracht wie Kurt Vonnegut, der pessimistischste und zugleich lebendigste Querschläger der amerikanischen Literatur.
In Galapagos verbindet er gleich zwei seiner liebsten Plots miteinander: den Wahnsinn der Gegenwart einerseits, mit einer utopisch-dystopischen Vorrauschau auf die Entwicklung der Menschheit andererseits.

Ein Luxusliner soll die Galapagos-Inseln von Ecuador aus besuchen; es ist eine legendäre Fahrt, an der auch Mick Jagger, Henry Kissinger und andere Prominenz teilnehmen sollen. Doch dann bricht eine weltweite Finanzkrise aus und es werden Entwicklungen in Gang gesetzt an dessen Ende Abenteuer, Exodus und Evolution ebenso zusammenfallen, wie die Galapagos Inseln und der Geist eines Werftarbeiters aus Schweden.

Immer wieder nutzt Vonnegut während dieses irren, aber kein bisschen aberwitzigen Plots, die Gelegenheit, um sich über die Menschheit im Allgemeinen auf meta-sarkastische Weise auszulassen, was Teil des wunderbaren Drives ist, den das Buch mit sich bringt. So zum Beispiel bei der Weltwirtschaftskrise:

“Bloße Meinungen bestimmten die Handlungen der Leute mindestens genauso wie beweisbare Tatsachen, und sie waren immer wieder Gegenstand heftiger Umschwünge, wie sie bei Tatsachen niemals auftreten konnten. […]
Es gab immer noch genug Nahrungsmittel und Brennstoff für alle Menschen auf dem Planeten, so zahlreich sie waren, trotzdem waren Millionen und Abermillionen jetzt dabei zu verhungern.
Und diese Hungersnot war, ebenso wie Beethovens Neunte, ein reines Produkt der überdimensionalen Gehirne. Es war alles in den Köpfen der Leute. Die Leute hatten lediglich ihre Meinung über das Papiergeld geändert, aber die Ergebnisse waren nicht weniger katastrophal, als hätte ein Meteor von der Größe Luxemburgs den Planeten getroffen.”

Anhand von Kurt Vonnegut kann man sich gut die Frage stellen, ob ein Zyniker immer auch ein Pessimist sein muss, zumal wenn er Autor von Romanen ist. Eigentlich besteht nämlich ein Unterschied. Ein Zyniker sieht die derzeitigen Verhältnisse auf die denkbar schlechteste Weise, ein Pessimist ist vor allem nicht davon überzeugt, dass sie besser werden können oder könnten.

Vonnegut ist einer der gründlichsten und vollendeten Zyniker, der jemals eine Feder zur Hand genommen hat, aber ob man ihn einen Pessimisten nennen kann, in dieser Frage deutet sich die Ambivalenz seines Werkes an, auch und vor allem in Galapagos. Ein Werk, das immerhin ein Zitat von Anne Frank voranstellt: “Denn ich glaube, trotz allem, noch stets an das Gute im Menschen.” Ebenfalls ein sehr ambivalentes Zitat.

Vonneguts Schreiben ist zutiefst geprägt von der Utopie, die allerdings immer einen Gegenentwurf zu der als Utopie bezeichneten und als Wahnsinn entlarvten gegenwärtigen Lage der Menschheit darstellt. Die Dystopie, das sind für Vonnegut die derzeitigen gesellschaftlichen und sozialen Verhältnisse und der Mensch als eine Erscheinung in dessen Handeln viel Widersinn steckt. Anders gesagt: Die Dystopie ist die Gegenwart.

Es gelingt Vonnegut immer leicht diese Gegenwart und ihre Bewohner als wahnhaft, als seltsame Gestalten mit eitlen, komischen und sinnlosen Bestrebungen hinzustellen – man beobachtet ihn dabei wie er die ganze Welt mit seinen eingeschobenen Diagnosen, meist einem Außenseiter in den Mund gelegt, in die Tasche steckt und sich aufschwingt, einen überfälligen Niedergang der Menschheit anzukündigen und einzuleiten und nebenbei seine Ideen für ein besseres Miteinander oder einen besseren Weg für die Evolution des Menschen zu einem friedlicheren Wesen anzubringen.

In seinen grotesken und phantastischen Zukunftsentwürfen fehlt es nicht an allerhand faszinierenden Ideen, die wie Selbstverständlichkeiten auftauchen. Seine Figurenkabinette gehören immer noch zu den schrägsten, besten, von den man lesen kann.

“Von allen Worten, die ich kenn,
das traurigste ist immer: wenn …!”

Galapagos ist ein irres Buch und zugleich wunderbar leicht zu lesen, der Sarkasmus lädt zum mitschmunzeln ein, die Story kann sich am Ende sehen lassen, so nebensächlich sie auch daherkommt und im Ganzen ist das Buch ein wunderbares Epos über die Dummheit des Menschen und ebenso: seiner Menschlichkeit.