Tag Archives: Schön

Zu Sigune Schnabels Debüt “Apfeltage regnen”


besprochen auf fixpoetry.com

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Doris Runges gesammelte Gedichte


“meine flügel ließ ich dir
du rupftest sie
für unser daunenbett
nun träume ich nachts
vom fliegen”

Still heißt nicht automatisch: sanft. Es gibt auch eine Stille, die noch wertfreier, neutraler ist, so still, dass sie schon gar nicht mehr still ist, sondern stattdessen alle Geräusche, sonst unhörbar, zulässt, hervorholt. Geräusche, die eigentlich nur Eindrücke sind, Verbindungen zwischen diesem und jenem, unter tausend oberflächlichen Stimmungen, Flexionen, Einteilungen und Tatsachen verborgen – und nur im Gedicht, in der Sprache, bekommen sie ein plötzliches, tiefgreifendes Geschick. Von dort aus erfasst die Sprache aber wiederum erstaunlicherweise auch die Neigungen unserer Wahrnehmung, füllt sie auf, bis zum Überlaufen.

“das war ein blutsturz von rosen
der heiße rücken der erde
es war ein altmodischer sommer
aus einem anderen leben
ich will nicht abschied nehmen
von dort wo ich nie war
von der tafelrunde grüner blicke”

Drei Jahrzehnte Gedichte. Bei diesem Ausmaß kann einen schon mal die Ehrfurcht packen. Doch weil es Gedichte sind, gilt: umso größer der Zeitraum, desto feiner die angesammelte Gedichtmenge im Vergleich zum Phänomen – gestreckt und doch eingefallen – der Zeit (wie Paul Valery sagte: Gedichte sind das Rauschen, nicht das Meer). Gesammelte Gedichte, sämtliche Gedichte – solche Sammlungen erreichen schließlich, wonach sich jedes Gedicht auf gewisse Weise, einzeln, sehnt: ein Loslösen von der Zeit, von Bestimmungen. Das Eingehen in den zeitlosen Raum, in dem alles, was von ihm ausgeht, eine besondere, kleine Erfahrung ist.

Während die Jahre wachsen, wächst der Dichter in sich hinein; jedes Gedicht eine Wurzel, tief in der Erde, in der all die Wendungen und Wahrheiten liegen. Mit jedem Gedicht wird der halt größer und doch ändert sich sonst nahezu nichts. Denn jedes Gedicht steht für sich, unerklärt, verdankt sein Dasein einer nicht aufzudeckenden Gleichung, welcher weder bekannte, noch unbekannte Variablen zuzuordnen sind. Und die Menge der nicht geschriebenen Gedichte ist im Vergleich zu jeder Ansammlung einzelner Poesien so groß, das Verhältnis zwischen diesen beiden Mengen so ungewiss, dass jedes Gedicht, jede weitere Seite in so einer Sammlung, einem Geschenk gleicht, in welchem die Loslösung vom Nichts noch enthalten ist.

“licht aus
belaubtem stein
heiter
wie jenseitig”

Warum dies alles zu Doris Runges Gedichten schreiben, Gedichte, die mehr Wegstreifen, Gräsertau, Fächerlicht und flüchtige Instanzen sind, als Werke mit großer Epik? Nun, da mag ich jetzt scheitern, wenn ich diese Frage mit Worten aus meiner Hand beantworten will und nicht einfach sagen kann: Lesen sie diesen Band. Das mich diese Gedichte zu den obigen Auslassungen inspiriert haben, mag vielleicht niemanden für diese Texte gewinnen – was aber sonst? Eine Erörterung, eine Hinterfragung? Eintausend Zitate?

Nun, ein kleiner, weiterer Versuch kann sicher nicht schaden. Ansonsten nehme man einfach zur Kenntnis, dass die Gedichte ihre anfängliche Unscheinbarkeit sehr schnell in das genaue Gegenteil kehren: in eine flüchtige Essenz, die Tatsachen und Dinge überragt, wie ein einziger, kühner Moment alle Möglichkeiten zu überragen pflegt.

“gras
wie grün den toten
das haar wächst
für den wind”

In Doris Runges Gedichten spielt die Natur, die heimatliche, eine große Rolle, zweifellos. Auch das Vergehen und das Bleiben, wie es jeden Dichter beschäftigt, hat seinen festen Platz, in Kombination mit Liebe oder einfach nur wenn es um Zustände geht, um Fragen und vermeintliche Antworten (wobei jede neue Frage eine Antwort wie nichts erscheinen lassen kann, eine Antwort sich jedoch mit jeder Frage schwertut – auf diesem Gebiet, so scheint es oft, kann gerade die Lyrik aber noch etwas vollbringen).
Und dann als Hauptelement ist natürlich: das nicht abzustreifende Bild, die Impression, das, was Poesie vordergründig zusammenhält und ausmacht, die Wendungen, mit denen Dichter Realität in Sprache überspielen, in einen Klang, wobei die Realität durch die Sprache hindurch gewinnt.

Aber da ist – vor all dem, in all dem – vor allem eins: Kürze. Kaum ein Gedicht ist länger als eine Seite. Kaum eine Zeile länger als ein kurzer Satz. Und wie ein Blatt an einem Ast, ein Grashalm, steht die Sprache, stehen die Gedichte von Doris Runge niemals still. Weiter, weiter, flüstert es darin, ein Weiter, das jedoch nicht schneller wird. Eindrücke, vorherrschend, wie Wind und Lichtstrahlen und alles was sie einfangen, in Bewegung halten. Aber diese Bewegungen bleiben Stille.

Und eine weitere Schicht wird erkennbar: das taxierende, das bestimmende Element, das Bilder und Natürlichkeit, Assoziationen und Wendungen wie Hüte, tief ins Gesicht gezogen, trägt; fast wie eine Maske.

Im Wind der Sprache also gleichsam die Bewegung der Flagge, das Erhabene und das Klirren der Stange, das “andere” – in unnachahmlicher Symmetrie und Symbiose. Kaum mehr, fast nichts anderes. Aber dies auf so viele Spielweisen, in so vielen Untiefen und Dasein, dass es wie ein breiter Raum voll unzähliger Lichtstrahlen wirkt. Wie große Kunst.

“mein liebster
diesseitger
engel

bald werde ich
fliegen
bald ist der fisch
mein schatten”

Und darin: diese Bilder, diese Filigranität, diese Zärtlichkeit. Wie ohne Gedanken tauchen die Gedichte auf, sie denken nicht, sie sind, ein Vollzug der kleinsten Welt. Würde man ihre kleinen Wunder Gedanken nennen, wäre das eine eindeutig Abstufung.

Es gibt Bücher, um sie ans Herz zu pressen, um sie eines Tages zu lesen und diesen Tag zu vergessen, aber das Lesen nicht, als hätte das Lesen den Tag vereinnahmt und überdauert, nunmehr ewig in seinem Wesensgehäuse. Dieses Buch empfinde ich als ein solches Erlebnis. Man muss die Texte wie kleine, komprimierte Elegien lesen, nicht zu rasch, auf keinen Fall zu hastig. Hier heben Bäume ihre “blutgescheuerten geweihe”, hier “wärmt haut wie tee/ in kleinen Schlucken”, hier gibt es keine Stopptaste, nur die Musik, abgeschaltet, die sich in der Welt noch eine Weile fortsetzt. Gedichte, sehr nah am Verschwinden – und knapp davor – triffst du endlich mit ihnen zusammen.

“rauch
wer oder was
wird geopfert
was schleicht sich ein
was geht vorbei
was radelt mit
blattgold
in den speichen
war das
die zeit”

Zu Walle Sayers Band “Strohhalme, Stützbalken”


„Katzentapser und wie es auf Mülltonnen schneit.
Fern werden Nachttresore geleert und Kummerkästen.”

Es gibt Dichter, die dich bei der Hand nehmen, bei denen das Begegnen in jeder Zeile vorhanden ist und stattfindet, in etwa wie an einem stillen Frühlingsmorgen für einige Augenblicke alles erfahrbar ist und jeder Eindruck nach einem anderen geschieht und erst im Nachhinein zu dem Frühlingsmorgen als Ganzes verschmilzt. Solche Dichter warten in ihren Gedichten auf die Aufnahme des Lesers in ihre Geste, jede Zeile ist Ankunft und nicht Abfahrt; in diesen Gedichten ist oft etwas enthalten, das über verschiedene Gedanken und Ansichten hinweg ein luzider Begriff ist, eine Idee dessen, woraus Momente im Leben gebaut sein könnten.

“Der am äußersten Ast aufgehängte Meisenknödel
pendelt eine Winterfrage aus.”

Walle Sayer schreibt seine Gedichte, wie man Kerzen, eine nach der anderen, ausbläst, mit leichter Traurigkeit, aber auch einer Gewissheit, in welcher schon das in Formung begriffene Bleiben geschwenkt wird – das Außen wird zum Bild, das Innere übernimmt die Bewegung des Außen in Gefühl und Erinnerung hinein.
Im Angesicht eines Gedichts sehen wir oft erst, wie stark wir selbst Resonanzkörper sind, unser Erlebniswiderschein der Welt ihre Tiefe gibt.

Sayers Gedichte bestehen ganz aus einer Unwillkürlichkeit, die sich so niederschlägt wie eine kleine Ewigkeit. Ihre Kürze machen sie in der Länge des Miteinanders, dass der Leser empfindet, wett; zum Beispiel wenn er sehr behutsam eine gleichsam quicklebendige und starre Erinnerung auferstehen lässt, zu der viele bestimmt ein eigenes Äquivalent kennen:

“Die Stelle, wo die Umkleidekabine stand.
Ein Bretterverschlag in seiner Verschwundenheit.
Allein das Astloch, das verblieb.
[..]
In der Rückwand der Luft.”

Die Fähigkeit des Menschen aus der Zeit heraus in die Erinnerung einzutreten und sich die physische Welt als Raum zu bewahren, der auch alte Züge annehmen und mit ihnen ausstaffiert werden kann, anknüpfend an Gefühle und Gerüche, Erlebnisse unseres Lebens, ist eine wesentliche Magie unseres Daseins. “Vielfältig wie die Tönungen eines Herbstwaldes”, wie Chesterton sagen würde, treiben Gedichte alte Wahrnehmungen als neue Pflänzchen hervor; und auf dem Papier lassen sie sich immer wieder lesen, sind präsent als Tür und Tor zu dieser uns so einmalig erschienenen Nähe. Walle Sayer hat in seinen besten Gedichten sehr viel von dieser Nähe, von den Verbindungen zu unserer Wahrnehmung gesammelt und in knappen Worten aufleuchten lassen, aber auch wo er nur ein Bild schafft, ist das Ergebnis beeindruckend.

“Ein Eiszapfen
träufelt Augentropfen
in das Starren der Tonne.”

Hätten Momente Initialen, würden sie, ins Gefühl übersetzt, oft wohl so aussehen, wie Sayers Gedichte. Man kann seinen neuen Band sehr gut nur für ein-zwei Gedichte zur Hand nehmen, nur um sich in aller Ruhe am sonnenfleckigen Wind einer kurzen Chiffre für unser Dasein und dadurch unseres ganzen inneren Lebenswertes zu erfreuen. Poesie ist in keiner Form wirklich kompliziert, eigentlich muss man nur immer Tranströmers Worte beherzigen: “Es ist wie ein Gebet zur Leere./ Und die Leere kehrt uns ihr Gesicht zu/ und flüstert:/ Ich bin nicht leer, ich bin offen”. Walle Sayer sind auf besonders schöne und klare Weise offen. Und deswegen sind sie sehr lesenwert.

“Und jede Weltreise beginnt auf einem Dreirad,
eine staubige Hauptstraße hinunter,
an drei Misthaufen vorbei.”

Don Paterson und sein Band “Weiß wie der Mond”


“Gedichte übersetzen das Schweigen und finden Worte, wofür es keine Worte gibt. Sie füllen Lücken mit… Liedern, die wir eigentlich nicht hören dürfen.”
Don Paterson

“Remember, brother soul, that day spent cleaving,
nothing from nothing, like a thrown knife?
Then there was no arriving and no leaving,
just a dream of a disintricated life –
crucified and free, the still man moving,
the balancing his work, the wind his wife.”
(Aus: Schlittschuhlaufen auf Loch Ogil)

Ausgerechnet der vielleicht größte amerikanische Dichter unserer Zeit, Charles Simic, sagte über dieses Buch: “Wenn sie mich fragen, ob große Gedichte überhaupt noch geschrieben werden, dann müssen sie nur die Gedichte von Don Paterson lesen.”
Denn eine so vielgestaltige und vielschichtige, in gleichen Teilen klassische, antagonistische und moderne Dichtung, die sich wegen ihrer Bandbreite allein schon dem Begriff der Größe nähert, gibt es in diesen Zeiten selten – eine Dichtung, die Wahrheit nicht zwanghaft mit Schönheit verbindet (aber sie doch oft zusammenbringt und wieder auseinandersprengt), nicht Reim mit Gesang, sondern ganz eigen und auf virtuose Weise radikal, stets ihren eigenen Diktionen folgt.

“Die Gegenwart ist eine Scheibe,
an die ihr die Stirn lehnt, wobei ihr heimlich
das Wörtchen >jetzt< schreit. Vielleicht
ist die Gegenwart eine Zimmerwand,
durch die ihr die Geister stoßt, die ihr sofort
wieder zu euch zurückholt. Die Gegenwart
ist eine Wand, vor der ihr zwischen Nichts
und Etwas patrouilliert. Sie hält nicht dicht.
Die Gegenwart ist eine Wand, die sich
vor euch aufbaut, während ihr euch bemüht,
sie zu erklimmen, bis ihr abrutscht und stürzt.
[…]
There is no wall. Pick your bed. Walk through it.
Last chance friend. So do it or don’t do it.”

Verse der Analyse, des Bohrenden und Offenbarenden, in endlosen Gedichtverquerungen, wird man hier finden, genauso wie kleine, sich in Reimen die Hände reichende Lyrik. Paterson wendet die Metapher und sogar die Metaphorik als ganzes Gedicht an, aber weiß auch in ganz einfachen Worten das Orchester der Welt einen Bogenstrich lang auf einen einzelnen Ton zu minimieren.

“Stehe ich zwischen der Sonne selbst,
gesegnete Mutter, und dem, was sie erhellt,
dann verwandele mich in Glas.”

Ein solches, immer wieder seine Ausrichtungen änderndes Werk, ist natürlich kein homogenes Lesevergnügen. Es sind z.B. auch zwei Rilke-Übersetzungen enthalten, die ich ziemlich schlecht finde und auch das sehr lange, in seinen scheinbar erderschütternden Parabeln des Worte-auf-den-Kopfstellens und -ausschüttens gefangene Gedicht-Black-Box, welches sicherlich Hochphilosophisches enthält, mir war es eher ein Gräuel. Aber was man eben anerkennen muss ist, dass Paterson einfach dichten/schreiben kann und das dabei immer auch etwas Tiefes zustande kommt, etwas Magisches.

Don Paterson ist ein starker Dichter, der sowohl Moll als auch Dur, sowohl Angriff als auch Beobachtung beherrscht. Dieses kleine Büchlein wird, denke ich, für jeden eine andere Erfahrung sein; es ist ein Kaleidoskop von “Weiß wie der Mond” bis zu “black box”, darin viele Stufen von hell und dunkel, Kontraste einer Welterfahrung, fein definiert. Aber jeder wird von seiner Position aus ein paar für ihn vortreffliche Verse entdecken, denn hier wurde nichts ausgespart, vom Prosagedicht bis zur lyrischen Einfassung.

“Was ich euch nun überbringe,
ist das Geheimnis der Bruderschaft der Dinge,
und nur der Dinge, die es lang schon bewahren.”

“Kein Sänger von Nacht- und Tageszeit
ist glücklicher als ich,
denn mein Schallraum ist die Dunkelheit,
mein Vortragssaal das Licht.”