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“Tarkowskis Pferde” von Pia Tafdrup


 besprochen beim Signaturen-magazin

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Doris Runges gesammelte Gedichte


“meine flügel ließ ich dir
du rupftest sie
für unser daunenbett
nun träume ich nachts
vom fliegen”

Still heißt nicht automatisch: sanft. Es gibt auch eine Stille, die noch wertfreier, neutraler ist, so still, dass sie schon gar nicht mehr still ist, sondern stattdessen alle Geräusche, sonst unhörbar, zulässt, hervorholt. Geräusche, die eigentlich nur Eindrücke sind, Verbindungen zwischen diesem und jenem, unter tausend oberflächlichen Stimmungen, Flexionen, Einteilungen und Tatsachen verborgen – und nur im Gedicht, in der Sprache, bekommen sie ein plötzliches, tiefgreifendes Geschick. Von dort aus erfasst die Sprache aber wiederum erstaunlicherweise auch die Neigungen unserer Wahrnehmung, füllt sie auf, bis zum Überlaufen.

“das war ein blutsturz von rosen
der heiße rücken der erde
es war ein altmodischer sommer
aus einem anderen leben
ich will nicht abschied nehmen
von dort wo ich nie war
von der tafelrunde grüner blicke”

Drei Jahrzehnte Gedichte. Bei diesem Ausmaß kann einen schon mal die Ehrfurcht packen. Doch weil es Gedichte sind, gilt: umso größer der Zeitraum, desto feiner die angesammelte Gedichtmenge im Vergleich zum Phänomen – gestreckt und doch eingefallen – der Zeit (wie Paul Valery sagte: Gedichte sind das Rauschen, nicht das Meer). Gesammelte Gedichte, sämtliche Gedichte – solche Sammlungen erreichen schließlich, wonach sich jedes Gedicht auf gewisse Weise, einzeln, sehnt: ein Loslösen von der Zeit, von Bestimmungen. Das Eingehen in den zeitlosen Raum, in dem alles, was von ihm ausgeht, eine besondere, kleine Erfahrung ist.

Während die Jahre wachsen, wächst der Dichter in sich hinein; jedes Gedicht eine Wurzel, tief in der Erde, in der all die Wendungen und Wahrheiten liegen. Mit jedem Gedicht wird der halt größer und doch ändert sich sonst nahezu nichts. Denn jedes Gedicht steht für sich, unerklärt, verdankt sein Dasein einer nicht aufzudeckenden Gleichung, welcher weder bekannte, noch unbekannte Variablen zuzuordnen sind. Und die Menge der nicht geschriebenen Gedichte ist im Vergleich zu jeder Ansammlung einzelner Poesien so groß, das Verhältnis zwischen diesen beiden Mengen so ungewiss, dass jedes Gedicht, jede weitere Seite in so einer Sammlung, einem Geschenk gleicht, in welchem die Loslösung vom Nichts noch enthalten ist.

“licht aus
belaubtem stein
heiter
wie jenseitig”

Warum dies alles zu Doris Runges Gedichten schreiben, Gedichte, die mehr Wegstreifen, Gräsertau, Fächerlicht und flüchtige Instanzen sind, als Werke mit großer Epik? Nun, da mag ich jetzt scheitern, wenn ich diese Frage mit Worten aus meiner Hand beantworten will und nicht einfach sagen kann: Lesen sie diesen Band. Das mich diese Gedichte zu den obigen Auslassungen inspiriert haben, mag vielleicht niemanden für diese Texte gewinnen – was aber sonst? Eine Erörterung, eine Hinterfragung? Eintausend Zitate?

Nun, ein kleiner, weiterer Versuch kann sicher nicht schaden. Ansonsten nehme man einfach zur Kenntnis, dass die Gedichte ihre anfängliche Unscheinbarkeit sehr schnell in das genaue Gegenteil kehren: in eine flüchtige Essenz, die Tatsachen und Dinge überragt, wie ein einziger, kühner Moment alle Möglichkeiten zu überragen pflegt.

“gras
wie grün den toten
das haar wächst
für den wind”

In Doris Runges Gedichten spielt die Natur, die heimatliche, eine große Rolle, zweifellos. Auch das Vergehen und das Bleiben, wie es jeden Dichter beschäftigt, hat seinen festen Platz, in Kombination mit Liebe oder einfach nur wenn es um Zustände geht, um Fragen und vermeintliche Antworten (wobei jede neue Frage eine Antwort wie nichts erscheinen lassen kann, eine Antwort sich jedoch mit jeder Frage schwertut – auf diesem Gebiet, so scheint es oft, kann gerade die Lyrik aber noch etwas vollbringen).
Und dann als Hauptelement ist natürlich: das nicht abzustreifende Bild, die Impression, das, was Poesie vordergründig zusammenhält und ausmacht, die Wendungen, mit denen Dichter Realität in Sprache überspielen, in einen Klang, wobei die Realität durch die Sprache hindurch gewinnt.

Aber da ist – vor all dem, in all dem – vor allem eins: Kürze. Kaum ein Gedicht ist länger als eine Seite. Kaum eine Zeile länger als ein kurzer Satz. Und wie ein Blatt an einem Ast, ein Grashalm, steht die Sprache, stehen die Gedichte von Doris Runge niemals still. Weiter, weiter, flüstert es darin, ein Weiter, das jedoch nicht schneller wird. Eindrücke, vorherrschend, wie Wind und Lichtstrahlen und alles was sie einfangen, in Bewegung halten. Aber diese Bewegungen bleiben Stille.

Und eine weitere Schicht wird erkennbar: das taxierende, das bestimmende Element, das Bilder und Natürlichkeit, Assoziationen und Wendungen wie Hüte, tief ins Gesicht gezogen, trägt; fast wie eine Maske.

Im Wind der Sprache also gleichsam die Bewegung der Flagge, das Erhabene und das Klirren der Stange, das “andere” – in unnachahmlicher Symmetrie und Symbiose. Kaum mehr, fast nichts anderes. Aber dies auf so viele Spielweisen, in so vielen Untiefen und Dasein, dass es wie ein breiter Raum voll unzähliger Lichtstrahlen wirkt. Wie große Kunst.

“mein liebster
diesseitger
engel

bald werde ich
fliegen
bald ist der fisch
mein schatten”

Und darin: diese Bilder, diese Filigranität, diese Zärtlichkeit. Wie ohne Gedanken tauchen die Gedichte auf, sie denken nicht, sie sind, ein Vollzug der kleinsten Welt. Würde man ihre kleinen Wunder Gedanken nennen, wäre das eine eindeutig Abstufung.

Es gibt Bücher, um sie ans Herz zu pressen, um sie eines Tages zu lesen und diesen Tag zu vergessen, aber das Lesen nicht, als hätte das Lesen den Tag vereinnahmt und überdauert, nunmehr ewig in seinem Wesensgehäuse. Dieses Buch empfinde ich als ein solches Erlebnis. Man muss die Texte wie kleine, komprimierte Elegien lesen, nicht zu rasch, auf keinen Fall zu hastig. Hier heben Bäume ihre “blutgescheuerten geweihe”, hier “wärmt haut wie tee/ in kleinen Schlucken”, hier gibt es keine Stopptaste, nur die Musik, abgeschaltet, die sich in der Welt noch eine Weile fortsetzt. Gedichte, sehr nah am Verschwinden – und knapp davor – triffst du endlich mit ihnen zusammen.

“rauch
wer oder was
wird geopfert
was schleicht sich ein
was geht vorbei
was radelt mit
blattgold
in den speichen
war das
die zeit”

Zu Walle Sayers Band “Strohhalme, Stützbalken”


„Katzentapser und wie es auf Mülltonnen schneit.
Fern werden Nachttresore geleert und Kummerkästen.”

Es gibt Dichter, die dich bei der Hand nehmen, bei denen das Begegnen in jeder Zeile vorhanden ist und stattfindet, in etwa wie an einem stillen Frühlingsmorgen für einige Augenblicke alles erfahrbar ist und jeder Eindruck nach einem anderen geschieht und erst im Nachhinein zu dem Frühlingsmorgen als Ganzes verschmilzt. Solche Dichter warten in ihren Gedichten auf die Aufnahme des Lesers in ihre Geste, jede Zeile ist Ankunft und nicht Abfahrt; in diesen Gedichten ist oft etwas enthalten, das über verschiedene Gedanken und Ansichten hinweg ein luzider Begriff ist, eine Idee dessen, woraus Momente im Leben gebaut sein könnten.

“Der am äußersten Ast aufgehängte Meisenknödel
pendelt eine Winterfrage aus.”

Walle Sayer schreibt seine Gedichte, wie man Kerzen, eine nach der anderen, ausbläst, mit leichter Traurigkeit, aber auch einer Gewissheit, in welcher schon das in Formung begriffene Bleiben geschwenkt wird – das Außen wird zum Bild, das Innere übernimmt die Bewegung des Außen in Gefühl und Erinnerung hinein.
Im Angesicht eines Gedichts sehen wir oft erst, wie stark wir selbst Resonanzkörper sind, unser Erlebniswiderschein der Welt ihre Tiefe gibt.

Sayers Gedichte bestehen ganz aus einer Unwillkürlichkeit, die sich so niederschlägt wie eine kleine Ewigkeit. Ihre Kürze machen sie in der Länge des Miteinanders, dass der Leser empfindet, wett; zum Beispiel wenn er sehr behutsam eine gleichsam quicklebendige und starre Erinnerung auferstehen lässt, zu der viele bestimmt ein eigenes Äquivalent kennen:

“Die Stelle, wo die Umkleidekabine stand.
Ein Bretterverschlag in seiner Verschwundenheit.
Allein das Astloch, das verblieb.
[..]
In der Rückwand der Luft.”

Die Fähigkeit des Menschen aus der Zeit heraus in die Erinnerung einzutreten und sich die physische Welt als Raum zu bewahren, der auch alte Züge annehmen und mit ihnen ausstaffiert werden kann, anknüpfend an Gefühle und Gerüche, Erlebnisse unseres Lebens, ist eine wesentliche Magie unseres Daseins. “Vielfältig wie die Tönungen eines Herbstwaldes”, wie Chesterton sagen würde, treiben Gedichte alte Wahrnehmungen als neue Pflänzchen hervor; und auf dem Papier lassen sie sich immer wieder lesen, sind präsent als Tür und Tor zu dieser uns so einmalig erschienenen Nähe. Walle Sayer hat in seinen besten Gedichten sehr viel von dieser Nähe, von den Verbindungen zu unserer Wahrnehmung gesammelt und in knappen Worten aufleuchten lassen, aber auch wo er nur ein Bild schafft, ist das Ergebnis beeindruckend.

“Ein Eiszapfen
träufelt Augentropfen
in das Starren der Tonne.”

Hätten Momente Initialen, würden sie, ins Gefühl übersetzt, oft wohl so aussehen, wie Sayers Gedichte. Man kann seinen neuen Band sehr gut nur für ein-zwei Gedichte zur Hand nehmen, nur um sich in aller Ruhe am sonnenfleckigen Wind einer kurzen Chiffre für unser Dasein und dadurch unseres ganzen inneren Lebenswertes zu erfreuen. Poesie ist in keiner Form wirklich kompliziert, eigentlich muss man nur immer Tranströmers Worte beherzigen: “Es ist wie ein Gebet zur Leere./ Und die Leere kehrt uns ihr Gesicht zu/ und flüstert:/ Ich bin nicht leer, ich bin offen”. Walle Sayer sind auf besonders schöne und klare Weise offen. Und deswegen sind sie sehr lesenwert.

“Und jede Weltreise beginnt auf einem Dreirad,
eine staubige Hauptstraße hinunter,
an drei Misthaufen vorbei.”

Don Paterson und sein Band “Weiß wie der Mond”


“Gedichte übersetzen das Schweigen und finden Worte, wofür es keine Worte gibt. Sie füllen Lücken mit… Liedern, die wir eigentlich nicht hören dürfen.”
Don Paterson

“Remember, brother soul, that day spent cleaving,
nothing from nothing, like a thrown knife?
Then there was no arriving and no leaving,
just a dream of a disintricated life –
crucified and free, the still man moving,
the balancing his work, the wind his wife.”
(Aus: Schlittschuhlaufen auf Loch Ogil)

Ausgerechnet der vielleicht größte amerikanische Dichter unserer Zeit, Charles Simic, sagte über dieses Buch: “Wenn sie mich fragen, ob große Gedichte überhaupt noch geschrieben werden, dann müssen sie nur die Gedichte von Don Paterson lesen.”
Denn eine so vielgestaltige und vielschichtige, in gleichen Teilen klassische, antagonistische und moderne Dichtung, die sich wegen ihrer Bandbreite allein schon dem Begriff der Größe nähert, gibt es in diesen Zeiten selten – eine Dichtung, die Wahrheit nicht zwanghaft mit Schönheit verbindet (aber sie doch oft zusammenbringt und wieder auseinandersprengt), nicht Reim mit Gesang, sondern ganz eigen und auf virtuose Weise radikal, stets ihren eigenen Diktionen folgt.

“Die Gegenwart ist eine Scheibe,
an die ihr die Stirn lehnt, wobei ihr heimlich
das Wörtchen >jetzt< schreit. Vielleicht
ist die Gegenwart eine Zimmerwand,
durch die ihr die Geister stoßt, die ihr sofort
wieder zu euch zurückholt. Die Gegenwart
ist eine Wand, vor der ihr zwischen Nichts
und Etwas patrouilliert. Sie hält nicht dicht.
Die Gegenwart ist eine Wand, die sich
vor euch aufbaut, während ihr euch bemüht,
sie zu erklimmen, bis ihr abrutscht und stürzt.
[…]
There is no wall. Pick your bed. Walk through it.
Last chance friend. So do it or don’t do it.”

Verse der Analyse, des Bohrenden und Offenbarenden, in endlosen Gedichtverquerungen, wird man hier finden, genauso wie kleine, sich in Reimen die Hände reichende Lyrik. Paterson wendet die Metapher und sogar die Metaphorik als ganzes Gedicht an, aber weiß auch in ganz einfachen Worten das Orchester der Welt einen Bogenstrich lang auf einen einzelnen Ton zu minimieren.

“Stehe ich zwischen der Sonne selbst,
gesegnete Mutter, und dem, was sie erhellt,
dann verwandele mich in Glas.”

Ein solches, immer wieder seine Ausrichtungen änderndes Werk, ist natürlich kein homogenes Lesevergnügen. Es sind z.B. auch zwei Rilke-Übersetzungen enthalten, die ich ziemlich schlecht finde und auch das sehr lange, in seinen scheinbar erderschütternden Parabeln des Worte-auf-den-Kopfstellens und -ausschüttens gefangene Gedicht-Black-Box, welches sicherlich Hochphilosophisches enthält, mir war es eher ein Gräuel. Aber was man eben anerkennen muss ist, dass Paterson einfach dichten/schreiben kann und das dabei immer auch etwas Tiefes zustande kommt, etwas Magisches.

Don Paterson ist ein starker Dichter, der sowohl Moll als auch Dur, sowohl Angriff als auch Beobachtung beherrscht. Dieses kleine Büchlein wird, denke ich, für jeden eine andere Erfahrung sein; es ist ein Kaleidoskop von “Weiß wie der Mond” bis zu “black box”, darin viele Stufen von hell und dunkel, Kontraste einer Welterfahrung, fein definiert. Aber jeder wird von seiner Position aus ein paar für ihn vortreffliche Verse entdecken, denn hier wurde nichts ausgespart, vom Prosagedicht bis zur lyrischen Einfassung.

“Was ich euch nun überbringe,
ist das Geheimnis der Bruderschaft der Dinge,
und nur der Dinge, die es lang schon bewahren.”

“Kein Sänger von Nacht- und Tageszeit
ist glücklicher als ich,
denn mein Schallraum ist die Dunkelheit,
mein Vortragssaal das Licht.”

Octavio Paz – als großer Dichter wiederzuentdecken


“Zwei Körper Aug’ in Auge
sind manchmal zwei Wellen,
und die Nacht ist ein Ozean.
[…]
Und wenn du sie schließt,
überflutet dich innen ein Fluß,
eine sanfte verschwiegen Strömung dringt an und
macht dich dunkel:
die Nacht netzt Ufer in deiner Seele.”

Die Literatur Südamerikas bleibt nach wie vor eine der magischsten Erfahrungen von Lektüre, egal wie bekannt sie mittlerweile geworden ist, wie sehr dieser Kontinent literarisch „erschlossen“ ist. Und in dieser Magie steckt eine Vielschichtigkeit, die sich von Jorges Luis Borges bis zu Mario Vargas Llosa, von Pablo Neruda bis zu Cortazar, von Alejo Carpentier bis zu Gabriel Garcia Marquez erstreckt und eine Strecke, die durchzogen ist von einer bunten und doch perlendunklen Eigenart, wie sie Ausdruck einer nahezu unerreichbaren Welt in (oder außerhalb) der eigentlichen Welt zu sein scheint.

Octavio Paz, Nobelpreisträger 1990 (die Geschichte der südamerikanischen Literatur ist auch die Geschichte vieler verliehener und vieler zu Unrecht nicht zuerkannter Nobelpreise), ist vor allem für das Werk bekannte, in dem er die Identität Lateinamerikas einfangen wollte: Das Labyrinth der Einsamkeit. In Romanen oder Erzählungen hat er sich nie besonders hervorgetan, seine Dichtung und sein Engagement kennzeichnen ihn aber bis heute als einen der großen Geister und Schriftsteller des vergangenen Jahrhunderts.

“Dem Flockengewand, dem Pflaumenbaum
Lebwohl sagen, und dem Vogel dort,
der ein einziger Windhauch ist auf einem Zweig.”

Der Band „Gedichte“, der Texte aus den Jahren von 1935-1974 + einige damals unveröffentlichte Werke enthält, kann neben Suche nach einer Mitte: Die großen Gedichte als beste Auswahl der Lyrik von Paz gelten; diese hier ist etwas vielschichtiger und repräsentativer, während die andere vor allem Kernwerke von Paz, die auch großen Einfluss auf die Lyrik seiner Generation ausübten, enthalten.

“Pause aus Blut zwischen dieser Zeit und einer anderen, ohne
Maß.”

Vom träumerischen zum wahrhaft Transzendenten ist es ein schmaler, aber dennoch meist klarer Schritt. Wer käme schon darauf Celan als träumerisch zu bezeichnen? Bei Octavio Paz ist das Ganze nicht so einfach und ich glaube man könnte ihn sowohl als träumerisch-phantastischen (bisweilen surrealen), als auch als transzendenten, geistlich-forschenden Dichter lesen, bei dem die Übergänge fließend sind. Zum Beispiel diese Zeilen:

“Eine Frau mit den Regungen eines Flusses
Mit durchsichtigen Wassergebärden
Ein Mädchen aus Wasser
Darin zu lesen was vorübergeht und nicht wiederkommt”

Eine Liebeserklärung, eine wörtliche Formung der weiblichen Schönheit, eingefangen in der Metapher eines Flusses, die sie fast völlig umgibt; aber spätestens in der letzten Zeile wird einem auch die Doppelbödigkeit dieser Allegorie bewusst. Immer noch geht es um die Schönheit, aber um eine sehr viel transzendentere Geste ihrerseits, dem Hinweis auf die Vergänglichkeit, die Paz hineinwebt. Diese zusammengeführte Essenz aus poetischer, auch seichter, Schönheit und einem klaren, manchmal offenbarenden Ansatz zur Durchleuchtung viel tieferer Grundsätze der dargebotenen Bilder und Szenen – das ist Octavio Paz im Kern.

Cortazar sprach in einem Essay einmal in Bezug auf Luis Cernuda von “Sinnen in der Welt”. Ich glaube, dass diese leicht abstrakte, aber nichtsdestotrotz gelungene Bezeichnung auch sehr gut das beschreibt, was im Werk von Paz geschieht, das Schreiten der Stimmen, die sich die Sinne in der Welt zu eigen machen, zum Beispiel wenn Paz schreibt: “Weiße Gärten die bersten in der Luft.”

“ich falle von Geburt an ohne Ende,
falle in mich selbst, ohne Grund zu finden,
nimm mich in deine Augen auf, vereine
meinen zerstreuten Staub, versöhne
meine Asche, binde meine zerteilten Knochen,
hauche über mein Sein, in deiner Erde
begrabe mich, dein Schweigen gebe Frieden
dem Denken, das sich selbst zerwütet”

Manchmal gibt es auch leicht religiöse und “gesängliche” Komponenten in Paz Dichtung und auch andere bekannte dichterische Mittel, wie Persönliches, Erlebtes und Analysiertes. Aber bei all dem ist Paz nie ein entrückter Dichter (außer vielleicht in seinem Langgedicht “Sonnenstein”, wobei es sein kann, dass gerade dies im Gegenteil auch als sehr nah und natürlich angesehen wird) und ein Denker, denn der bildliche Verweis auf einen Gedanken und eine Regung mehr interessiert als ein Spiel der abstrakten Begriffe und Gegenbegriffe. “Die ersehnte Wirklichkeit/ sehnt sich” heißt eine Zeile, eine treffliche Beschreibung für die Absicht hinter seinen Zeilen.

“Alles ist Türe
Es genügt der leichte Druck eines Gedankens
[…]
Alles Schlachten haben wir verloren
jeden Tag gewinnen wir ein
Gedicht”

Worte können purer Raumstaub sein, Verbindungen ohne daraus entstehende Symmetrie; doch wenn ein Dichter es schafft, dass eine Kombination ganz bestimmter, auch einfachster Wörter, in uns die Entsprechung eines Vorgangs, einer Idee, einer Erinnerung belebt und ausführt, hat er nicht nur unseren Glauben an die Sprache geschaffen, wie wir ihn tief ins uns sinken lassen bei jeder Lektüre, sondern auch einen Teil unserer Selbst einen kurzen Moment erhellt, hat gezeigt wie groß wir doch sind und wie tief die Welt.

“Mit klaren Zügen schreibt der Dichter
Seine dunklen Wahrheiten
Seine Worte sind kein öffentliches Denkmal
Auch kein Reiseführer des rechten Wegs
Aus dem Schweigen sind sie geboren
Öffnen sich auf Stengeln des Schweigens
Wir betrachten sie im Schweigen
Wahrheit und Irrtum
Eine einzige Wahrheit
Wirklichkeit und Sehnsucht
Eine einzige Substanz
Gelöst im Quellsturz durchsichtiger Klarheit.”

Zu den gesammelten Gedichten von Tomas Tranströmer – “In meinem Schatten werde ich getragen”


“Ein Sturm bringt die Flügel der Mühle dazu, sich wild zu
drehn im Dunkel der Nacht, nichts mahlend. – Du
wirst aus denselben Gesetzen wachgehalten.”

“Ein Träumen außer Sehweite gibt es/ das stets geschieht.”

Voller Ehrfurcht, so möchte ich beginnen, sitzt man vor den Werken Tomas Tranströmers. Sitzen – denn Stehen vor so großen und doch kleinen Gemälden scheint eine noch zu unruhige Haltung und ihre Bilderanwandlungen, das umfangreiche Panorama des Moments, senken einen in eine sitzende, eigentlich sogar liegende Position, als werfe man sich rücklings auf eine Wiese und der Himmel wäre poetischer Spiegel der Wahrnehmung, der ausgemalten Wirklichkeit. Eine ruhige Einsicht entsteht, lässt die Verse wirken, gleich dem nahen und fernen Ziehen der Wolke, bewusst und unbewusst, denn jenseits dieser beiden Begriffe hat Tranströmer eine Feld des Ausdrucks erschaffen, in dem Sprache das eine dem anderen in die Augen blicken lässt.

“Es herrscht Stille, wie wenn das Radar übermütig
Umdrehung nach Umdrehung macht.”

“Sommer mit flachshaarigem Regen
oder einer einzelnen Gewitterwolke
über einem Hund, der bellt.
Das Samenkorn strampelt in der Erde.”

Staunen und trotzdem dieser Drang, die Augen nach jedem Wort, nach jedem Satz, schließen zu wollen, wie als könnte man mit dem erlauschten Rauschen der Welle den Ozean festhalten. Viele Gedichte drücken irgendwo irgendwann -zu-, wollen einen bestimmten Nerv treffen. Nicht so bei Tranströmer. Seine Verse blinzeln, weiten sich aus und kugeln sich ein; sie sind lautlose Helikopter, kreisende Seinsöffner und die Wahrnehmung jedes strichcodelosen Elements, da ist kein Zupacken, jedes seiner Gedichte lässt einen mehr frei, als dass es einen bindet. Und doch fühlt man sich auch gebannt, denn seine Verse vervollständigen unsere Vorstellung auf unwillkürliche Weise.

Wahrnehmen wird zum Funkeln dessen, was Wahrnehmung sein kann. Jedes Bild ist ein kleines Bekenntnis der Dinge, die es abbildet, ausdrückt.

“Um 18 Uhr kommt der Wind
und sprengt mit Getöse auf der Dorfstraße vorwärts,
im Dunkel, wie eine Reiterschar. Wie
die schwarze Unruhe spielt und verklingt!
In Unbeweglichkeitstanz stehen die Häuser gefangen,
in diesem Brausen, das dem des Traumes ähnelt. Windstoß
auf Windstoß streift über die Bucht, weg
zur offnen See, die sich ins Dunkel stürzt.
Im Raume flaggen verzweifelt die Sterne.
Sie werden angezündet und ausgelöscht von den Wolken, die vorwärts fliegen,
die nur, wenn sie ihre Lichter verdecken, ihre Existenz
verraten, gleich den Wolken des Vergangenen,
die in den Seelen umherjagen.”

“Der Regen verschwindet allmählich.
Der Rauch tut ein paar stolprige Schritte
in der Luft über den Dächern,

Hier folgt mehr,
was größer ist als Träume.”

Zwei Ebenen, zwei Ansichten regieren hauptsächlich in Tranströmers Werk: Einmal die kontemplative, bilderreiche, wie eine Knospe aufspringende und dann die zweite, tiefere, in der all diese Bilder buntgläserne Fenster sind, durch die das Licht des Augenblicks mit dem Schimmer des Seins in einen sehr hohen, weiten Raum fällt. Ein Raum, kühl und doch wunderschön, ein Raum voll Ungesagtem, darin unausführliche Wahrheiten schweben wie einzelne Töne. Wahrheiten, die eigentlich nur Gesten sind, zu erahnen in der Art wie Tranströmer sie uns eingibt, ihre Wirkung nicht aus dem Kern, sondern von den Grenzen und Außenposten der Aufmerksamkeit ziehend, mitten hinein, wo kaum mehr ein Gedanke regieren kann; Tranströmer weiß um die wesentliche Wahrheit dieser Gesten und so spiegeln sie sich in all den Versen, die er um sie und in ihnen errichtet: Ein Geflecht, ein Labyrinth aus Eindrücken, Wesenheiten und Momenten, über dem man zu schweben beginnt, und die alle am Ende das nahezu glatte, weiße Segel bilden, mit dem man ein Boot hinaus auf jenen Ozean der Poesie schicken kann, ein Meer, auf dem alles Erfahrung bedeutet, und wo jedes gesichtetes Festland einem Wunder gleicht und doch nicht das Ziel ist – das Ziel ist es, zu segeln, immer weiter, in die nächste Stimmung, tiefer hinaus und hinein.

“Schneelose Wintertage gibt es, da ist das Meer verwandt
mit Berggegenden, geduckt in grauem Federkleid,
eine kurze Minute blau, lange Stunden mit Wellen wie bleiche
Luchse, vergebens Halt suchend im Strandkies.”

Dies alles, dessen bin ich mir bewusst, ist nur die eine Seite von Tranströmers Lyrik, die allgegenwärtige, die unwillkürliche, kurz: der Stil. In dem Langgedicht Ostseen (ein Text, den man immer wieder lesen und lesen und lesen kann) heißt es an einer Stelle: “2. August. Etwas will gesagt werden, aber die Worte lassen sich nicht darauf ein./ […] Worte gibt es nicht, aber vielleicht einen Stil…” Der Stil – dieses Einhalten, Festhalten und gleichzeitige Erweitern aller Bilder, das Bescheidene und Große, die nebeneinander wandern, kein bisschen unschlüssig – er allein macht Tranströmer schon zu einem unvergleichlichen Erlebnis. Und alle, die einmal gerne eine Sammlung echter Poesie im Schrank, auf dem Nachtisch, oder einfach bei sich haben wollen, denen sei dieses überreiche Buch schon alleine deswegen wärmstens empfohlen.

“Wach im Dunkel, hört man die
Sternbilder stampfen in ihren Boxen
hoch überm Baume.”

“Und der Wind radelt friedlich durchs Laub.”

Als Psychologe (auch in einer Haftanstalt) und Reisender, als Opfer eines Schlaganfalls (mit folgenden Lähmungserscheinungen), als Naturbegeisterter, als Kenner der Geschichte, als Mensch, als Bewohner Schwedens, als Freund des Meeres und als sensibler Erfasser der Nacht, als Kenner von Musik und Malerei, als Liebender – jeder Dichter hat viele Stimmen (oder: viele Elemente, durch die er sich bewegt mit seiner Stimme), mit denen er spricht.

Einige von Tranströmer habe ich hiermit aufgezählt, auch wenn ich sie am liebsten sofort wieder wegstreichen würde. Man nehme sie bitte denn auch nicht als Ansatz für Vorstellungen, etwa hinsichtlich von Meinungen, die Tranströmmer kundtut, oder als eingefasste Themenvorwegnahme oder sonst etwas in der Art. Sie sind hier nur aufgelistet, um einen Blick auf die Ausgangspunkte mancher Situationen zu ermöglichen, in denen Gedichte entstanden sein mögen, wo, von der Idee eines flüchtigen Erlebens angereizt, das Wesen einer lyrischen Wortfolge seinen Ursprung haben könnte.

“Unterwegs im langen Dunkel. Eigensinnig schimmert
meine Armbanduhr mit dem gefangnen Insekt der Zeit.

Das vollbesetzte Abteil ist dicht vor Stille.
Im Dunkel strömen die Wiesen vorbei.

Aber der Schreiber ist halbwegs in seinem Bild
und bewegt sich darin zugleich als Maulwurf und Adler.”

Dichtung ist oftmals eine Art von Rettungsanker, ein Bewahrer, ein Formulierer des Magischen im Realen und dann und wann auch so etwas wie ein guter Geist, der in allem ein Schweigen finden kann, dass die Dinge und dich durch einen Raum aus Entfernungen miteinander vernetzt.

Auch in Tranströmers Lyrik geht es oft ums Bewahren, um das Bewahren der alltäglichen Wunder (mit Bildern wie dem oben zitierten Ausschnitt um das “Insekt der Zeit” oder, noch weiter oben, der Sternenbilder) bei Einhaltung aller Grenzen, die man nicht übertreten kann, ohne zu viel miteinander zu verbinden. Denn auch diese Fuge ist stark in Tranströmers Werk, die filigrane Verbindung. Aber sie hält sich an das Wesen der Linie, die mit ihrer einzelnen Bahn langsam einen Raum zeichnet, statt direkt den ganzen Raum in ein Muster drücken zu wollen. In Tranströmers Gedichte passen wir noch, geradeso, ohne unsere Augen umstellen, ohne unsere Vorstellungen verknoten zu müssen. Das Ich des Lesers und seine reflexive Anteilnahme an den Zeilen, wird manchmal sogar zum zentralen Punkt des Gedichts, einem Text, der letztlich nichts ist ohne das Gebirge des Einzelnen, das zu seinem Echo wird, in diesem Echos selbst enthalten ist.

“Ich hisse die Haydnflagge – das bedeutet:
>>Wir ergeben uns nicht. Sondern wollen Frieden.<<

Die Musik ist ein Glashaus am Hang,
wo die Steine fliegen, die Steine rollen.

Und die Steine rollen quer hindurch,
doch jede Fensterscheibe bleibt ganz.”

Dieses Gefühl, das sagt: “ich bin genau die Stelle,/ wo die Schöpfung an sich selbst arbeitet.” Dieses Gefühl, was unser Bewusstsein ausmacht.

Solche Bewusstseinszustände zu beschreiben und zu malen, ist einer der großen Verdienste des Gedichts. Und deswegen brauchen wir Gedichte – um im Angesicht dessen, was unvergänglich scheint für den Moment, und das doch so vergänglich ist wie wir selbst (wie wir wissen), einen Ruhepunkt zu finden, eine Verbindung. Ein Beweis, so klein wie eine Blume und doch so mächtig wie der allererste Eindruck, wenn unser Blick auf sie fällt, an ihr hängenbleibt und an ihrer Erscheinung festhält. Unumgänglich ist unser Augenschein und seine allzeit laufende Aufnahme und dennoch sehen wir nur den Kern der Dinge – das Fruchtfleisch zeigt uns das Gedicht.

“Im Gelände draußen, nicht weit von der Ansiedlung,
liegt seit Monaten eine vergessene Zeitung voller Ereignisse.
Sie altert Nächte und Tage hindurch in Regen und Sonne,
dabei, eine Pflanze zu werden, ein Kohlkopf, dabei, mit dem Boden
eins zu werden.
So wie eine Erinnerung sich langsam zu dir selbst verwandelt.”

“Zwei Wahrheiten nähern sich einander. Eine kommt von innen, eine
kommt von außen,
und wo sie sich treffen, hat man eine Chance, sich selbst zu sehen.”

Sich selbst zu sehen und auch das Andere (welches in der heutigen Zeit entweder ignoriert oder aber als anonym, unübersichtlich, etc. abgestempelt wird). Ein Gedicht bietet dabei selbstredend keine Gewissheit; es zeigt vielmehr, dass Ungewissheit die Regel ist, selbst wenn es irgendwo Gewissheit geben sollte. Und dass auch in der Ungewissheit eine Möglichkeit steckt, mit der Welt umzugehen.. In diesem Zusammenhang gilt immer noch, was Erich Fried einst schrieb: “Wer/ von einem Gedicht/ seine Rettung erwartet/ der sollte lieber/ lernen/ Gedichte zu lesen.
Wer/ von einem Gedicht/ keine Rettung erwartet/ der sollte lieber/ lernen/ Gedichte zu lesen.

Tranströmers Gedichte halten noch vieles bereit, weit mehr, als eine Annäherung wie diese offenbaren oder ausdeuten kann. Da sind noch jene zunächst rätselhaft anmutenden konzentrierten Verswahrheiten, klein wie Schlüssel, passend zu nur allzu bekannten Türen, die wir auch mit dem eigenen Blick öffnen könnten – aber die Sprache kann hier helfen, sich überhaupt der Schlüssel zu erinnern. Manchmal braucht es eine Girlande von Worten, um in der Finsternis von Reden und Gegenreden die wage Erkenntnis zu berühren, die sich als Stimmung erhebt zwischen Gedicht und Leser, als geschähe es zwischen dem Wunsch und der Erfüllung …

“Und über die Toten zu schreiben,
ist auch ein Spiel, das schwer ist
von dem, was einst kommt.”

“Jesus hielt eine Münze hoch
mit Tiberius im Profil,
ein Profil ohne Liebe,
die Macht im Umlauf.”

Am Ende eines wunderbaren Gedichtes über Vermeer heißt es bei Tranströmer wie folgt:

“Es ist wie ein Gebet zur Leere.
Und die Leere kehrt uns ihr Gesicht zu
und flüstert:
>>Ich bin nicht leer. Ich bin offen.<<”

Ich glaube, dies ist eine gute Beschreibung für die Erfüllung, die Chance eines Gedichts. Und das Bemerkenswerte ist letztendlich, dass auch man selbst sich manche innere Leere als etwas Offenes erschließen kann, wenn man sehr aufmerksam liest, wenn man die Fußspuren der Dinge zwischen den Falten der Landkarte bemerkt.

“Es gibt Tage, da ist die Ostsee ein stilles endloses Dach.
Da träumte naiv von Einem, der auf das Dach gekrochen kommt und
versucht, die Flaggenschnüre zu entwirren,
versucht, den Fetzen
hochzukriegen –

die Fahne, die vom Wind so zerrieben und von den Schornsteinen so
verräuchert und von der Sonne so gebleicht ist, dass sie allen gehören
kann.”

“Und das Haus spürt sein Sternbild aus Nägeln,
welche die Wände zusammenhalten.”

Zu dieser Edition:

Im Wesentlichen ist das Buch eine Zusammenführung der bei Hanser erschienenen Bände Sämtliche Gedichte(bis 1996), Das große Rätsel (Haikus & Gedichte 1996-2004) und dem autobiographischen Prosaband Die Erinnerungen sehen mich ergänzt um die Rede zur Verleihung des Pilot-Preises. Letztere ist ein sehr interessantes Dokument und erzählt auch von Tranströmers eigenen Vorstellungen über Poetik, während “Die Erinnerungen sehen mich” sich ausschließlich mit seinem Heranwachsen und der Schulzeit beschäftigt, auf eine feine und knappe Art, unter wenigen Stichpunkten sortiert und prosapoetisch inspiriert.

Die Übersetzungen liegen weiterhin in der sehr überzeugenden, geradezu meisterhaften Übersetzung von Hanns Grössel vor (meisterhaft von der Wirkung her; über die weiteren Qualitäten darf ich mir, als jemand, der kein Wort Schwedisch kann, natürlich kein Urteil erlauben). Sehr schade ist, dass die Anmerkungen zu den Gedichten bis 1996 einfach aus dem Band “Sämtliche Gedichte” übernommen wurden; hier hätten bestimmt noch ein paar Einträge mehr dazukommen können. Es belastet zwar das Leseerlebnis in keinster Weise, hätte aber die Edition als solche wirklich komplettiert. Das Nachwort von Hans Jürgen Balmes ist ebenfalls gelungen, auch wenn ich mir vielleicht noch ein paar Worte von Michael Krüger oder von dem (leider 2012 verstorbenen) Hanns Grössel gewünscht hätte, vielleicht auch etwas zu den Übersetzungen.

Dennoch gebührt dieser, in ihrem Großformat ansehnlichen Edition auch ein Lob, ebenso wie dem S. Fischer Verlag, der mit dieser Ausgabe zu einem weiteren Literaturnobelpreisträger aus der Sparte Lyrik (neben Joseph Brodsky und Seamus Heaney) eine umfassende Sammlung von Gedichten zugänglich macht (auch wenn hier der Hanser Verlag die Vorarbeit leistete).

Abschließen möchte ich diese Rezension mit zwei Haikus, die Textform, in der Tranströmer in seinen letzten erschienen Gedichten hervortrat, und zwei Sätzen aus seinen Prosatexten, die hoffentlich auch die Eleganz und Tiefe, die er in dieser Gattung zuwege bringt, illustrieren können. Ganz zum Schluss bleibt mir nur, dieses Buch noch einmal nachdrücklich zu empfehlen, als ein beeindruckendes Erlebnis, als ein ungemein einnehmendes Beispiel großer Dichtkunst. Lesen bedeutet hier Glanz und Erkennen, auf derselben Stufe; bedeutet Sinne, die sich in alle Dinge begeben und doch auf dem Gefühl Vorstellung ruhen, wie eine schöne Erinnerung tief im Gedächtnis liegt und doch am meisten in jenem Moment enthalten ist, in dem sie hervorbricht.

“Anwesenheit von Gott.
Im Tunnel des Vogelgesangs
wird ein verschlossenes Tor geöffnet.”

“Horch, das Rauschen von Regen.
Ich flüstere ein Geheimnis
um hineinzukommen.”

“Man fühlt sich immer jünger, als man ist. In mir trage ich meine früheren Gesichter, wie ein Baum seine Jahresringe. Die Summe daraus ist das, was >>ich<< ist. Der Spiegel sieht nur mein letztes Gesicht, ich spüre alle meine früheren.”
(Aus: Die Erinnerungen sehen mich)

“Mein Examen habe ich an der Universität des Vergessens gemacht und habe genauso leere Hände wie das Hemd auf der Wäscheleine.”
(Aus dem kurzen poetischen Prosatext “Madrigal“)

“Ich schaute zum Himmel und auf den Boden und geradeaus
und schreibe seither einen langen Brief an die Toten
auf einer Maschine, die kein Farbband hat, nur einen Horizontstreifen,
sodass die Worte vergebens schlagen und nichts haftet.”

Ein leichthändiges Märchen, ein wunderbarer Film: “Grand Budapest Hotel”


Dynamisch und doch erzählerisch-bedächtig – virtuos & bunt und doch wieder schlicht – eigensinnig, aber nie abstrakt. Wes Andersons Filme sind schon allein deswegen jedes Mal ein Erlebnis, weil ihre Art sich nicht ganz erklären oder in Worte fassen lässt. Egal um welch Materie er seine leichtfüßig-tiefgehenden Erzählungen spinnt, immer haftet dem Stoff die Aura des Absonderlichen, des Kuriosen an, aber auf so sanfte und kunstvolle Weise, dass die Erfahrung der Kuriosität auf eine besondere Ebene gehoben wird – eine menschliche Ebene, die Anderson jedem Ambiente, jeder Geschichte entlockt – ohne darauf verzichten zu müssen, seine Zuschauer durch vielerlei Formen von Witz, Wendung und mit einer Vielzahl von Figuren zu unterhalten.

Wenn man zum ersten Mal einen Wes Anderson sieht, sollte man sich bewusst machen, dass die leichte Apathie und Irritation, die in jeder Szene seiner Filme auftauchen kann, ein Stilmittel ist, dass seine Filme begleitet wie eine stilistische Kadenz. Natürlich kann man diese Tatsache als störend empfinden – ebenso wie den Umstand, dass seiner Handlungsführung stets eine schwer zu bändigende Fabulierfreude innewohnt, die zwar nie ausufert, aber auch nie Ruhe gibt. Wer aber gerade diese freie und unbändige Form mag, wer Filme als Orte zwischen Fiktion und Wirklichkeit, voller Möglichkeiten, Ideen und Charakteren, erleben will, die Leinwandwelt als eine den Gesetzen der Realität leicht entzogene Chance zur Schönheit sehen kann, als Möglichkeit über die Wahrheit, die Liebe und viele andere Dingen mit einem gewissen Anstrich von Phantasie zu erzählen, die diese Entitäten nicht verschleiert, sondern sie im Gegenteil manchmal noch besser einzufangen versteht, der wird sich in diesem und wohl auch in jedem anderen Wes Anderson Film sehr wohl fühlen.

“Grand Budapest Hotel” ist in gewissem Sinne ein Krimi, aber auch eine Hommage an die goldenen Jahre Europas, vor und zwischen den Weltkriegen; ein Märchengebäude, gebaut aus lauter echten Kultur- und Historienbruchstücken, Accessoires und Atmosphären. Es ist ein Kino der Optik wie auch der Erzählfreude, unopulent, trotzdem mit einer großen Detailfreude und -fülle, einer Zelebrierung, in der Ernst und Spaß sehr, sehr nah beieinander liegen. Während vordergründig allerhand Charaktere in den Todesfall einer alten Grande Dame verwickelt werden, herrscht in den einzelnen Szenen und Kapiteln jeweils die ein oder andere Idee vor – die ganze Zeit schwebt eine leichte Parodie über allem, nicht maßgeblich und auch nicht die eigentliche Absicht – sie ist nur ein Stilmittel, ein Funke, der die Dynamik des Ganzen in Schwung hält.

Wer meine Meinung nicht teilt, dem mag es albern erscheinen, aber ich finde das wesentliche Element in Andersons Filmen ist (neben der Vergeblichkeit, die Anderson nie auswalzt, nie vertieft, sie nur erscheinen lässt, als schlichtester Zusatz des Daseins) die Schönheit. Die Schönheit die Liebe, die Schönheit der Kindheit, die Schönheit der Exzentrik, die Schönheit der Angst oder, im Fall von Grand Budapest Hotel, die Schönheit der Epoche, der Kultur von damals. Damit will ich nicht sagen, dass Andersons Filme Wohlfühlfilme sind, zuckersüß oder irgendwas in der Art. Denn wenn ich von Schönheit spreche meine ich damit nicht eine der Ausprägungen von Schönheit wie Rührung, Zärtlichkeit, Glanz, Epos oder Künstlichkeit, Anspruch und Glamour. Es wird nichts herausgestellt – es ist einfach die Schönheit der Sache selbst, mit all ihren Fehlern und Farben, ihrem Wesen. Eine Schönheit, die in ihrem Widerschein eine Spur von Wahrhaftigkeit besitzt.

Deswegen sind Andersons Filme, wenn man sie mag, auch immer wieder eine Art vollendetes Erlebnis. Es bleibt kein Zwiespalt zurück. Nicht, weil seine Filme übergroß sind oder er als Regisseur unfehlbar. Aber die schlichte Ehrlichkeit, die unverfängliche Eigenheit, der unaufdringliche Witz, all das, was seine Erzählungen ausmacht, bietet sich dem Zuschauer immer an, als Welt, als Geschichte, stellt aber nie Anforderungen, weder durch große Special-Effects, noch durch reißerische Dilemmas, aufgezwungenes “Vor den Kopf stoßen” oder den erhobenen Zeigefinger. Seine Filme wühlen einen nicht auf – sie sind wie ein gutes, wunderbar geschriebenes Buch: sie bieten einem die Möglichkeit einer einzigartigen Geschichte, in jeder Zeile, mit vielen Auftritten und vielen Feinheiten. Nicht mehr und nicht weniger.

Nachtrag: Das der Film von tollen Schauspielern nur so übersprudelt, dürfte wohl bekannt sein. Am Anfang (und auch noch später) kann man immer wieder, auch noch bei der kleinsten Rolle, in ein bekanntes Gesicht blicken – an die 15-20 große bis kleine Hollywoodstars treten auf, manchmal nur für wenige Sekunden. Hervorheben muss man Ralph Fiennes, der die Hauptrolle so gut spielt, jede Szene wie aus dem Ärmel schüttelt, in keinem Moment zuviel und nie zu wenig in die Rolle legt und den unvergesslichen Charakter ausfüllt wie es wohl sonst keiner gekonnt hätte. Man freut sich einfach, dass diese Rolle und dieser Schauspieler zusammengefunden haben!