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Zu Doris Anselms “Hautfreundin”


Hautfreundin „Herr und Frau.
Eigentlich, fällt mir heute ein, sind diese Anredeformeln überhaupt nicht seriös. Im Gegenteil. Sie weisen ständig darauf hin, dass Geschlechtsteile anwesend sind.“

Nach etwas fünfzig Seiten muss ich mich ermahnen, dass auf dem Cover des Buches „Roman“ steht. Denn das erzählende Ich in Doris Anselms „Hautfreundin“ ist so konsistent und tritt so unverstellt und direkt auf, dass man meinen könnte, „Hautfreundin“ sei ein tatsächlicher Erfahrungsbericht, die Autobiographie eines echten Körpers und seines Begehrens, und keine Fiktion.

Ein klassischer Roman ist das Buch allerdings auch nicht, denn statt eine lückenlose Geschichte aufzuführen, besteht das Buch aus längeren für sich stehenden Einzelgeschichten, Episoden im Leben der Erzählerin, die sich von ihrer Jugend über ihre jüngeren Erwachsenenjahre bis zu einem Zeitpunkt im mittleren Alter erstrecken, der als ungenaue Gegenwart Dreh- und Angelpunkt des Geschehens ist (außerdem gibt es noch eine Episode, die in einer technologisch noch weiter entwickelten Zukunft spielt, wobei unklar ist, ob das Szenario der Episode ein Traum, eine Fantasie oder eine wirkliche Vorausschau darstellt). Im Zentrum der Episoden steht meist eine Begegnung, oft sexueller Natur, unterschiedlich aufbereitet.

Den Anfang macht die Episode „Das Wort“, in der die Erzählerin, zunächst nur als Stimme, noch nicht als Körper, über das Wort für ihr Geschlechtsteil nachdenkt.

„Ein Wort, das viel Scham aufgenommen hat, das hundert Jahre oder länger nur flüsternd gesagt wurde, mit niedergeschlagenen Augen, ohne Stolz, ohne Freude, kann sehr schwer sein. Es wird nicht ausgetauscht, weil offiziell ja alles in Ordnung ist mit ihm. Aber es fühlt sich anders an als andere Wörter.“

Natürlich steht diese Reflexion über Sprache nicht zufällig am Anfang und nicht zufällig ist in dieser Überlegung das ganzes Dilemma der weiblichen Lust schon ausgebreitet: wie eine positive Geschichte weiblicher Sexualität erzählen, wenn schon die Begriffe, die Worte, mit Scham behaftet sind und eine Stimmung erzeugen, die lust- und genussfern ist, in der das Unzureichende dominiert, das Schwierige, das einen in die Unzulänglichkeit zwängt, statt Möglichkeiten zu bieten, aus sich herauszugehen?

In den darauffolgenden knapp 250 Seiten hat Doris Anselm genau das versucht. Ihr Buch ist ein Roman über Sex und über Lust, aber vor allem ein Buch, das versucht, die Geschichte einer positiven Selbsterfahrung, als Körper, als Frau, als sexuelles Wesen, zu erzählen. Und für so eine Geschichte eine Sprache zu finden ist schwer. Schließlich gibt es auf der einen Seite nur die pornographische Sprache mit all den männergeprägten Frauenbildern, auf der anderen Seite vor allem die süßlich-schwüle Romantik von Groschenheften und die liberal-verklemmte, komische Erotik von Hollywoodfilmen.

Anselm sucht dazwischen einen Mittelweg, der aber natürlich nicht einfach jenseits der bisherigen Sprachverhältnisse ganz neu beginnen kann. Ihre Sprache hat daher einen leicht wiegenden Touch, der entfernt der glatten Oberfläche von Pop-Romantik gleich und in der Beschreibung von sexuellen Tätigkeiten eine Langsamkeit, die an die Detailfixierung von pornographischen Texten erinnert. Aber nebst diesen Anleihen hat ihre Sprache in vielen Fällen wichtige zusätzliche Qualitäten: sie ist anschaulich, intensiv und geht Risiken ein, probiert aus, und kann in den richtigen Momenten von tiefer Involvierung auf distanzierte Analyse umzuschalten (und umgekehrt).

Manchmal wirkt sie dennoch etwas manierlich, manchmal etwas platt, aber mindestens genauso oft bietet sie überraschende Einblicke, hält feinsinnige Umschreibungen und starke Bilder parat. Gleich im zweiten Kapitel beschreibt die Ich-Erzählerin ihr erstes Mal und auch ihre erste Penetration:

„Dann herrscht eine Zeit lang das Bild von etwas Fremdem in meinem Körper. Es könnte alles möglich sein, es gehört nicht zu mir. Ich atme. Wir sehen uns an und er hält still. Auf dem Himmelsplakat verblasst eine weiße Kondensspur. […]
Da umklammere ich ihn mit den Beinen, und als die weiße Spur vom Himmel verschwunden ist, gehört alles, was in mir ist, mir. […] Wir gleiten umeinander. Ich muss lächeln.“

In dem darauffolgenden Kapitel die spontane Erregung bei einer Begegnung mit einem anziehenden Menschen:

„Irgendwo neben uns zieht ein Drucker seufzend Papier ein. Jemand beendet ein Telefonat und legt auf.
Wir sehen einander in die Augen. Wir stehen da, zwei Erwachsene in ihrer jeweiligen Rolle, und dann dehnt sich der Moment über uns aus, wölbt sich, schillert, zerplatzt.“

Oft sind Emotionen stark vertreten in dieser Sprache. Und das ist auch gut so, denn selbst wenn dergleichen manchmal schwärmerisch oder eben manieristisch rüberkommt, ebnet Anselm damit hoffentlich an einigen Stellen den Weg für nachfolgende Autor*innen, die über Lust schreiben wollen und aus ihren Fehlern lernen, und ebenso von ihren Ideen, von ihren Ansätzen profitieren werden.

Ein weiterer Vorteil der emotionsdurchzogenen Sprache ist (neben der Nähe, die sich zur Ich-Erzählerin als Figur einstellt), dass nicht nur Geschichten von Handlungen erzählt werden (wie es in der klassischen Pornographie meist der Fall ist – Emotionen werden dort lediglich aus den Handlungen abgeleitet), sondern vor allem von Gefühlen, Zuständen, die den Handlungen vorausgehen, ihnen auch widersprechen, sich schnell abwechseln, changieren. Wir erleben Anselms Protagonistin in den unterschiedlichsten Momenten, verschiedensten Lagen, begleiten sie bei geilen Erfahrungen, meditativen Augenblicken und tief hinein in ihre Unsicherheit, z.B. in Gesprächssituationen, mit Reaktionen, die von Wut bis Verzweiflung reichen.

„Wenn du das wirklich glaubst, denke ich, wenn du glaubst, dass ich für etwas, das ich will, zu schade bin, glaubst du in Wirklichkeit, dass es egal ist, was ich will.“

„Damit, dass er mir so gefallen würde, habe ich nicht gerechnet. Ich hatte bloß gehofft, dass er mir genug gefallen würde. Genug, um mir etwas mit ihm vorstellen zu können: etwas Neues, etwas Spezielles, etwas Dunkles. Ich hatte gehofft, dass er für meine Neugier ausreichen würde. Über mich selbst habe ich gar nicht nachgedacht.“

Trotz dieser breiten Gefühlspalette ist das Buch zunächst vor allem die Geschichte eines sexuell erfüllten Daseins, einer von Neugierde und Glück geprägten Lust an Körpern, dem eigenen und den fremden. Erst im weiteren Verlauf und vor allem gegen Ende realisiert die Protagonistin, dass sie Glück hatte mit ihrem Lebensweg, ihren Erfahrungen, und dass die sexuelle Biographie vieler Frauen nach wie vor (und vor allem früher) viel mit den Umständen zu tun hat(te), also damit, an welche Menschen (vor allem Männer) man gerät und was einem passiert, wenn man jemandem seinen Körper anvertraut oder einfach einen Körper hat und von diesem Körper etwas erwartet wird.

Gerade dieser letzte Turn hat mich noch einmal sehr beeindruckt, weil das Buch dadurch beides in sich trägt: Utopie und Realität, Wunsch und Wahrheit. Es wird gezeigt, wie es gehen könnte – und warum es so noch immer nicht läuft, zumindest leicht anders laufen kann. „Hautfreundin“ ist die Geschichte einer Erfüllung, die am Ende in einen Abgrund der Verletzungen und Ängste schaut, dem sie, wie durch Zufall, entronnen ist. Die ganze Geschichte, so wird am Ende klar, hätte auch in jeder Episode ganz anders aus- und weitergehen (oder auch enden) können (hier scheint durch, wie sinnvoll die Struktur des Buches ist).

„Ich habe mal gehört, dass echte Nächstenliebe meistens holprig daherkommt, wenig elegant, weil jemand, der sie gibt, vorher nicht lange überlegt.“

Anselm ist über weite Strecken eine großartige introspektive Darstellung gelungen. Ich persönlich habe selten eine so intensiv-feingliedrige Schilderung von Begehrensstrukturen gelesen (egal ob von einem Mann oder einer Frau), die aber nicht ins detailgetriebene oder ins erotisch-versessene abdriftet. „Hautfreundin“ ist kein female-friendly Porno, kein neues „Feuchtgebiete“. Es ist ein Buch darüber, wie eine erfüllte Sexualität für jemanden (der/die sie ausleben will), aussehen kann, die Geschichte einer Entdeckung und Eroberung des eigenen sexuellen Terrains. Und ein Buch darüber, wie dieser Wunsch auf verschiedenste Arten mit einer Welt interagiert, kollidiert, verschmilzt, in der wir heute leben (könnten).

Zu der Biographie von James Tiptree Jr. alias Alice B. Sheldon von Julie Phillips


James Tiptree Jr. Aber hinter jeder Fassade einer Alice, die »Haltung« besaß und sich anpasste, existierte eine andere Alice, die ahnte, dass das alles Schwindel war, und die sich danach sehnte, zu fliehen. Sie sagte einmal, sie habe in seelischen Krisen »eine große Schwäche für die simple Lösung – den einen, drastischen Befreiungsschlag.«

Bis heute trägt ein Science-Fiction & Fantasy-Preis ihren Namen; ein Preis, verliehen für ein Werk, welches die Geschlechterrollen untersucht und auf diesem Gebiet zu neuen Bereichen und Erkenntnissen vorstößt. Sehr passend, trägt der Preis doch nicht ihren wirklichen Namen, sondern den ihres männlichen Pseudonyms: James Tiptree Jr. (abstammend von einer Marmeladenmarke, auf die das Auge der Autorin zufällig beim Einkaufen fiel, kurz bevor sie ihre ersten Geschichten aussandte).

Alice B. Sheldon, wie sie eigentlich hieß, hatte bereits ein bewegtes Leben hinters ich, als ihre Geschichten erstmals unter dem Namen Tiptree erschienen und bald schon zahlreiche Preise und Ehrungen abräumen sollten.
Sie war aufgewachsen in einer wohlhabenden Familie, mit sehr liberalen Eltern. Ihre Mutter war durch Reiseberichte zu einer kurzzeitig wohlbekannten Schriftstellerin geworden. Mit ihren Eltern bereiste sie Afrika und Europa, versuchte sich zunächst als bildende Künstlerin, schrieb immer wieder nebenher und arbeitete schließlich lange für die US-amerikanischen Nachrichtendienste, u.a. auch für die nach dem 2. Weltkrieg gegründete Central Intelligence Agency, kurz: CIA. Nach einem Psychologiestudium fand sie erst spät und auf Umwegen zu dem Genre, dass sie in kleinen Teilen revolutionieren und entscheidend weiterdenken sollte: Science Fiction.

Julie Phillips minutiöse Biographie ist eine Mammutleistung, eine bestechend-umfassendes Lebensschau, auf allen Gefühlseben und in jedem Lebensabschnitt. Die Autorin versteht es, Alice Existenz sensibel zu sezieren und vor allem ihr Innenleben hervorragend einzufangen. Sie zeigt ihre enorme Eigenwilligkeit und ihre Stärke, verschweigt aber nicht ihr Hadern und die (vor allem gegen Ende) schwierigen Lebensumstände. Es gibt Passagen, die geradezu aufwühlend sind und manchmal fließt der Text auch dahin als läse man keine Biographie, sondern die Erzählung eines erdachten Lebens; spannend und gut inszeniert.

Die (vor allem männliche, auf jeden Fall männlich dominierte) Sci-Fi-Community dachte nicht einmal daran, dass James Tiptree Jr. jemand anders als ein Mann sein könnte und so rühmten sie seine Meisterschaft im Bereich des männlichen Erzählens – es wurde als zusätzliche Errungenschaft gepriesen, dass es hier einem Mann sogar gelungen war, sehr glaubhafte Frauenfiguren zu erschaffen.
Ob Alice B. Sheldon unter ihrem eigenen Namen solche Lobeshymnen empfangen hätte? Wohl nicht zu Lebzeiten. Doch bei ihren Erzählungen, die man nur empfehlen kann, weiß zum Glück heute jeder, dass sie von einer Frau verfasst wurden. Bei Werken aus früheren Epochen hätten Zeitgenossen und Nachfolger diesen Umstand möglicherweise verschwiegen und vertuscht.

In jedem Fall: wunderbar, dass der Septime Verlag nicht nur das Werk von Sheldon/Tiptree Jr. neu aufgelegt und editiert hat, sondern auch diese Biographie. Sie ist kein Muss für Fans der Storys, aber ein großartiges Werk, wenn einen die Erzählungen und ihre Autorin faszinieren.

 

Zu Vonneguts großartigem “Galapagos”


“Die Erde war ein sehr unschuldiger Planet, abgesehen von diesen großen Gehirnen.”

Diesen großen Gehirnen, die immer nur Ärger und ihre Besitzer immer wahnsinnig machen – Diese These hat keiner (fiktiv) so verfochten, bitterbös untermalt und zynisch auf den Haupt-, Nebensatz und Punkt gebracht wie Kurt Vonnegut, der pessimistischste und zugleich lebendigste Querschläger der amerikanischen Literatur.
In Galapagos verbindet er gleich zwei seiner liebsten Plots miteinander: den Wahnsinn der Gegenwart einerseits, mit einer utopisch-dystopischen Vorrauschau auf die Entwicklung der Menschheit andererseits.

Ein Luxusliner soll die Galapagos-Inseln von Ecuador aus besuchen; es ist eine legendäre Fahrt, an der auch Mick Jagger, Henry Kissinger und andere Prominenz teilnehmen sollen. Doch dann bricht eine weltweite Finanzkrise aus und es werden Entwicklungen in Gang gesetzt an dessen Ende Abenteuer, Exodus und Evolution ebenso zusammenfallen, wie die Galapagos Inseln und der Geist eines Werftarbeiters aus Schweden.

Immer wieder nutzt Vonnegut während dieses irren, aber kein bisschen aberwitzigen Plots, die Gelegenheit, um sich über die Menschheit im Allgemeinen auf meta-sarkastische Weise auszulassen, was Teil des wunderbaren Drives ist, den das Buch mit sich bringt. So zum Beispiel bei der Weltwirtschaftskrise:

“Bloße Meinungen bestimmten die Handlungen der Leute mindestens genauso wie beweisbare Tatsachen, und sie waren immer wieder Gegenstand heftiger Umschwünge, wie sie bei Tatsachen niemals auftreten konnten. […]
Es gab immer noch genug Nahrungsmittel und Brennstoff für alle Menschen auf dem Planeten, so zahlreich sie waren, trotzdem waren Millionen und Abermillionen jetzt dabei zu verhungern.
Und diese Hungersnot war, ebenso wie Beethovens Neunte, ein reines Produkt der überdimensionalen Gehirne. Es war alles in den Köpfen der Leute. Die Leute hatten lediglich ihre Meinung über das Papiergeld geändert, aber die Ergebnisse waren nicht weniger katastrophal, als hätte ein Meteor von der Größe Luxemburgs den Planeten getroffen.”

Anhand von Kurt Vonnegut kann man sich gut die Frage stellen, ob ein Zyniker immer auch ein Pessimist sein muss, zumal wenn er Autor von Romanen ist. Eigentlich besteht nämlich ein Unterschied. Ein Zyniker sieht die derzeitigen Verhältnisse auf die denkbar schlechteste Weise, ein Pessimist ist vor allem nicht davon überzeugt, dass sie besser werden können oder könnten.

Vonnegut ist einer der gründlichsten und vollendeten Zyniker, der jemals eine Feder zur Hand genommen hat, aber ob man ihn einen Pessimisten nennen kann, in dieser Frage deutet sich die Ambivalenz seines Werkes an, auch und vor allem in Galapagos. Ein Werk, das immerhin ein Zitat von Anne Frank voranstellt: “Denn ich glaube, trotz allem, noch stets an das Gute im Menschen.” Ebenfalls ein sehr ambivalentes Zitat.

Vonneguts Schreiben ist zutiefst geprägt von der Utopie, die allerdings immer einen Gegenentwurf zu der als Utopie bezeichneten und als Wahnsinn entlarvten gegenwärtigen Lage der Menschheit darstellt. Die Dystopie, das sind für Vonnegut die derzeitigen gesellschaftlichen und sozialen Verhältnisse und der Mensch als eine Erscheinung in dessen Handeln viel Widersinn steckt. Anders gesagt: Die Dystopie ist die Gegenwart.

Es gelingt Vonnegut immer leicht diese Gegenwart und ihre Bewohner als wahnhaft, als seltsame Gestalten mit eitlen, komischen und sinnlosen Bestrebungen hinzustellen – man beobachtet ihn dabei wie er die ganze Welt mit seinen eingeschobenen Diagnosen, meist einem Außenseiter in den Mund gelegt, in die Tasche steckt und sich aufschwingt, einen überfälligen Niedergang der Menschheit anzukündigen und einzuleiten und nebenbei seine Ideen für ein besseres Miteinander oder einen besseren Weg für die Evolution des Menschen zu einem friedlicheren Wesen anzubringen.

In seinen grotesken und phantastischen Zukunftsentwürfen fehlt es nicht an allerhand faszinierenden Ideen, die wie Selbstverständlichkeiten auftauchen. Seine Figurenkabinette gehören immer noch zu den schrägsten, besten, von den man lesen kann.

“Von allen Worten, die ich kenn,
das traurigste ist immer: wenn …!”

Galapagos ist ein irres Buch und zugleich wunderbar leicht zu lesen, der Sarkasmus lädt zum mitschmunzeln ein, die Story kann sich am Ende sehen lassen, so nebensächlich sie auch daherkommt und im Ganzen ist das Buch ein wunderbares Epos über die Dummheit des Menschen und ebenso: seiner Menschlichkeit.

Casares Roman “Morels Erfindung”


Die großen Unbekannten der Literaturwelt, die vergessenen Phantasten, Denker, Individualisten und ihre Werke, habe ich immer als sehr reizvoll empfunden. Denn diese ihre Ceuvres scheinen auf seltsame Weise alle miteinander verbunden zu sein, durch die Originalität ihrer Ideen, durch ihre Innovationen in Raum-, Zeit- und Gedankensphären und natürlich wegen der komplexe Faszination, die sie bieten. Ich bin mir sicher: Würde man alle großen Werke von Ausnahmeliteraten wie Bioy Casares (oder Georges Perec, Djuna Barnes, Borges und Julio Cortazár etc.) versammeln und lesen, wäre man derart inspiriert, dass man wahrscheinlich selbst nicht darum herum käme, das Universum als eine Realität in sehr vielen verschiedenen Fassungen zu betrachten und das Spiel der Gedanken als ein Spiel des Lebens anzuerkennen, in dem auch das Phantastische, die Ideen jenseits der Realität, eine Wirklichkeit haben, weil sie als Ideen zur Dimension des Daseins dazugehören. Wie sagte Borges doch:”und wir wissen nicht einmal mit Sicherheit, ob das Universum ein Beispiel für phantastische Literatur oder für Realismus ist.

Nur wenigen ist Adolfo Bioy Casares ein Begriff; sehr viel bekannter dürfte eben sein enger Freud Borges sein, der auch ein kurzes Nachwort zu diesem Roman geschrieben hat; einige phantastische Geschichten und Kriminalerzählungen, haben die beiden zusammen verfasst, sie finden sich in den letzten beiden Bänden der Borges Werkausgabe (Mord nach Modell & Zwielicht und Pomp) und wurden von beiden Schriftstellern oft als ihre gelungensten Werke bezeichnet.

Bioy Casares war unter vielen Pseudonymen tätig und umfassend lässt sich die Größe und Form seines Werks heute kaum mehr kartographieren. Er hat viele Erzählungen geschrieben, im späteren Verlauf seines Lebens waren es häufig Liebesgeschichten, die er jedoch mit sehr vielen anderen Genres und einem phantastischen, historischen oder innerlichen Element verknüpfte. Seine Romane sind allesamt sehr Südamerikabezogen und deshalb schwer zur Weltliteratur zu zählen; die Ausnahme bildet dieses Buch, das weite Kreise gezogen hat; so wird Bioy Casares Buch heute sogar teilweise der Anstoß zur Idee für die Fernsehserie “Lost” zugesprochen.

“Die Musik stellte sich wieder ein, und ich stand da mit umflorten Augen, bestrickt von innerer Harmonie, erstarrt, bis ich mich im tiefsten entsetzte…
Eine Weile später ging ich zum Fenster. Das Wasser, hell und glanzlos auf der Scheibe, tiefdunkel in der Luft, ließ kaum etwas erkennen…”

Moderne SciFi ist meist nicht mehr bloße “Science”-“Fiction”. Der moderne Roman, der sich größtenteils von der einfachen Abenteuergeschichte abgewandt und dem psychologisch-realistischen Erzählen zugewandt hat, stößt im Genre des SciFi und der Fantasy immer noch an Grenzen, weil sich die Psychologie schwer in die abenteuerliche, phantastische Struktur dieser Werke integrieren lässt und oft die Faszination und Spannung dieser Werke mildern würde; doch die modernen Richtung dieser beiden Genres haben eine andere Form (bei Fantasy-Werken könnte man sogar sagen, das diese Richtung bei ihnen die erste war, wenn man “Der Herr der Ringe” als erstes/prägendes Werk des Genres bezeichnet) der Entwicklung gefunden: sie verknüpfen ihre Abenteuer oft mit Mystik oder metaphysischen Ansätzen. Gute Beispiele dafür sind Elemente wie die Macht in Star Wars und viele andere Filme und Bücher, die eine neue Welt dazu nutzen auch andere denkbare spirituelle und metaphysische Konzepte (manchmal zusammen mit besonderen Situationen oder komplett neuen Völkern) zu entwerfen.
Parabeln, Parodien, Metaphern, Gleichnisse, Anlehnungen, Anprangerungen, Satire u.v.a; der inhaltlich nach dem Ermessen des Autors zu gestaltende Raum bietet die Möglichkeit, durch andere Kunstwelten hindurch universelle Ideen und Fragen ins menschliche Bewusstsein zu säen. Wie sagte Coleridge: “Man halte der Welt einen Spiegel vor und sie wird glauben sie sähe bloß noch einmal, was sie täglich sieht; aber halte ihr ein Kunstwerk vor und sie wird versuchen zu ergründen, was es für sie bedeutet.”

Nun zum Roman:

Ein Venezolaner flieht vor der Justiz auf eine einsame, sehr kleine Insel; sie gilt bei den Kapitänen und Seeleuten als verflucht, doch gerade deshalb hofft der Mann dort vorerst sicher zu sein. Er findet drei Gebäude und diverse kleinere Anlagen vor, aber keine Menschen. Das “Museum”, ein hotelgroßes und auch so eingerichtetes Gebäude, dient ihm mit seinen Lebensmittelvorräten die nächsten Tage als Wohnplatz. Doch die erste Ruhe wird je von einer merkwürdigen Gesellschaft von Leuten unterbrochen, die jäh, von einem Tag auf den anderen, auf der Insel erscheinen und deren gesamten Bereich  (abgesehen von den Niederungen und dem Gehölz) für sich in Besitz nehmen. Schnell wird dem Leser jedoch klar, dass diese Menschen für den Protagonisten, der jetzt Tagebuch (das Buch besteht aus seinen Aufzeichnungen) führt, keine Gefahr darstellen, da sie ihn anscheinend weder wahrnehmen noch auf seine Versuche sie anzusprechen oder zu erschrecken reagieren. Der Protagonist hält dies für eine Finte, um ihn in Sicherheit zu wiegen, doch schon bald kristallisiert sich die Wahrheit heraus: Die Menschen auf der Insel waren hier, sind es aber eigentlich nicht mehr – geblieben ist eine Erfindung, die ihren Schöpfer überlebt hat und eine Idee von metaphysischer Tragweite besitzt…

Bioy Casares Sprache ist nicht immer glatt und schön, aber sie ist intelligent. Sie schafft es, sowohl die Verwirrung des Protagonisten, seine Gedankensprünge, aber auch sein gehetztes Wesen einzufangen. Trotzdem ist es nicht immer leicht das Buch zu lesen, gerade weil ein-zwei Teile doch etwas misslungen oder verkompliziert erscheinen. Im Ganzen war das Buch aber wirklich eine Offenbarung, zumindest was die Idee (und die Umsetzung der Idee) angeht und einige Nebenbemerkungen hier und da erscheinen einem wie perfekte Aphorismen.

Pageturnerspannung oder eine einfache Sci-Fi Story sollte man nicht erwarten; vielmehr ist dieses Buch tatsächlich wie ein realistischer Bericht verfasst und alles ist darauf ausgerichtet, aus einem bestimmten Blickwinkel die Geschichte zu erzählen und es wurde nicht versucht die Idee oder den Plot zugänglicher zu machen; der Leser muss größtenteils selbst mit- und gegendenken und kann sich schwerlich allein von den Aussagen des Berichts leiten lassen. Am Ende kommt es bei diesem Buch vor allem darauf an, wie man die Idee begreift und sie weiterdenkt. Der wahre Gewinn steckt nicht so sehr in der Handlung selbst, sondern vielmehr in ihrem Hang ganz und gar symbolisch zu sein. So symbolisch, dass sie einem mit ihrer Dimensionalität noch lange im Gedächtnis bleibt.

Link zum Buch

*diese Rezension ist teilweise schon auf Amazon.de erschienen