Tag Archives: Sehnsucht

Zu Mascha Kalékos Gedichtband “Verse für Zeitgenossen”, neu aufgelegt bei dtv


Verse für Zeitgenossen besprochen beim Signaturen-Magazin.de

“We take love in all its seasons.” Beeindruckende Gedichte um die Liebe von Anne Sexton.


“Bis Gestern war mein Körper nutzlos.
Nun zerrt er an allen Ecken und Enden.
[…]
Einst war ein Boot, ganz aus Holz, ohne Aufgabe,
ohne Salzwasser unter ihm, konnte etwas Farbe brauchen.
Er war nicht mehr als eine Ansammlung von Brettern.
Doch du hast es ausgesetzt, es aufgetakelt.
Es ist auserwählt worden.”

Immer wieder gerne wird Anne Sexton, gebürtige Amerikanerin, geb. 1928, gest. durch Freitod 1974, zu den “confessional poets” gezählt (andere z.B.: John Berryman, Robert Lowell) und noch näher scheint oft der Vergleich mit Sylvia Plath zu liegen, obwohl die beiden nur einige wenige Begegnungen hatten. Allerdings gibt es in der Tat auffällige Parallelen in ihren poetischen Werken; z.B. ihre sehr ambivalente Einstellung zu Liebe, Sex und Institution wie Kinderkriegen, Ehe und Erfüllung und die leicht abseitigen Bilderwelten und Verschlüsselungen, die beide erfunden haben, um diese Dinge in Gedichten zu verarbeiten.

“I cried and then you held me just as you must
and of course we’re not married, we are a pair of scissors
who come together to cut, without towels saying His. Hers.”

Die Liebesgedichte Sextons liegen zwischen zwei Lagern und da liegen sie genau richtig. Auf der einen Seite ist immer noch Klassisches zu finden, die (Üb-)Erhöhung der Liebesakte, die Vervielfältigung des Träumens und die Sehnsucht, die man dem geliebten Menschen und seiner Berührung und am meisten seiner Abwesenheit angedeihen lässt. Mit diesem Teil geht Sexton sehr sparsam um, was man aber kaum bemerkt, weil sie es manchmal so schmerzvoll und greifbar tut, dass es über dem ganzen restlichen Gedicht hängt wie ein Schatten. Auf der anderen Seite ist da ihre ganz eigene lyrische Stimme: ihr persönliches Verständnis, ihre Erfahrungen und Anschauungen zu Liebe und Beziehung. Die sind manchmal nicht weniger zärtlich oder zerrissen als das Klassische. Aber in Ihnen steckt eine Komponente, die die Facetten der ganzen Sache leuchten lässt, das Klassische zum Persönlichen hin aufbricht.

“Während zwanzig Zentimeter Schnee
herunterkamen wie Sterne
in kleinen Kalkstücken
waren wir in unseren Körpern
(diesem Raum, der uns begraben wird)
und du warst in meinem Körper
(dieser Raum, der uns überdauern wird)”

“So tell me anything but trake me like a climber
for here is the eye, here is the jewel
here ist the excitement the nipple learns.
I am unbalanced – but I am not mad with snow.
[…]
I burn the way money burns.”
Wenn man kann sollte man die Gedichte auf Englisch lesen, denn Sexton hat ein unglaubliches und unkompliziertes Gefühl für Sprache. In einem Gedicht namens “The Ballad of the lonely masturbator” gibt es zum Beispiel diese Strophe:

“Finger to Finger, now she’s mine.
She’s not too far. She’s my encounter.
I beat her like a bell. I recline
in the bower where you used to mount her.
You borrowed me on the flowered spread.
At Night, alone, I marry my bed.”

Also auch darum geht es, um Selbstliebe und Einsamkeit, die einen wesentlichen Bestandteil der Liebe ausmachen. Das letzte große Gedicht in der deutschen Ausgabe der Liebesgedichte, ein Zyklus, beschreibt die 18 Tage die Sexton von einem ihrer Liebhaber getrennt ist. Überhaupt sind Liebhaber die beherrschenden Figuren des Buches.

Unsäglich schön sind manche Gedichte, fast schon wieder traurig, weil selbst das Vergehen, der Verzug der Liebe, in ihrer Erfüllung schon eingeplant ist:

“Seien wir ehrlich, ich war nicht von Dauer.
Ein Luxus. Eine hellrote Schaluppe im Hafen.
Mein Haar stieg wie Rauch aus dem Autofenster.
Junge Venusmuscheln, nicht billig zu haben.”

schreibt sie an einen Mann, der sie verlassen hat und zu seiner Frau zurückgekehrt ist.

“Das Meer trägt eine Glocke am Nabel.
[…]
Die Brandung ist eine Droge und ruft
die ganze Nacht lang
ich bin, ich bin, ich bin.”

“Take my looking glass and my wounds
and undo them. Turn off the light and
then we are all over black paper.”

Die “Liebesgedichte” sind ein fulminantes Werk über die Liebe, das Unfaire und das Gelungene an ihr, das Ertragen und das kurze Besitzen. In seinen vielen unterschiedlichen Ansätzen bringt er es zustande, dass seine vielen Richtung langsam die Form eines Satzes annehmen, eine großartigen Satze, wie man sich ihn auf die inneren Augenlieder schreiben will, in ein kleines Büchlein der Wahrheiten des Lebens: “We take love in all its seasons”. Wer wirklich Gedichte über die Ausmaße der Liebe und ihrer Unterströmungen lesen will, muss zu Anne Sextons Gedichten greifen

Als letztes noch ein Ausschnitt aus den Gedichten “Nacktschwimmen” und “4th December”:

“Water so clear you could
read a book through it.
Water so bouyant you could
float on your elbow.
I lay on it as on a divan.
Water was my strange flower.”

“Als der Bibermond die Erde erhellte,
raschelten Eichenzweige wie Mäuse in einem Karton.”

Alvaro de Campos alias Fernando Pessoa und das Leben als entzogenes Abenteuer


“Wir alle haben zwei Leben:
das wahre, dass wir uns in der Kindheit erträumten
und als Erwachsene weiterträumen auf Nebelgrund;
das falsche, was wir gemeinsam mit anderen verbringen,
das praktische, nützliche,
das Leben, worin man uns schließlich in einen Sarg legt.”

Für alle, die Fernando Pessoa noch nicht kennen: er war ein portugiesischer Intellektueller und Schriftsteller, dessen Werke, die fast sämtliche Genres der Literatur umfassen, größtenteils erst nach seinem Tod gefunden wurden. Pessoa, der bis zu seinem Tod eine unscheinbare Existenz als Handelsvertreter führte und nur wenige Schriften unter dem eigenen Namen publizierte (darunter Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares, das bis heute noch das bekannteste seiner Werke ist ), ist bis heute vor allem dadurch berühmt, dass er nahezu seine ganzen unveröffentlichten Manuskripte (es sind etwa 27 000 an der Zahl, viele kurz, einige lang) Heteronymen zuordnete, also abgespaltenen Persönlichkeiten, denen er einen eigenen Stil, eine eigene Biographie und eine eigene Verbindung zu den anderen Heteronymen gab. Jedoch war dies ein kontrollierter und künstlerischer Akt und hatte nichts mit Krankheiten, zumindest nichts mit multipler Persönlichkeitsstörung, zu tun.

“Ich, der nutzlose Brennpunkt der Wirklichkeiten.”

Alvaro de Campos ist die dritte der Persönlichkeiten nach Alberto Caeiro und Ricardo Reis, der größtenteils als Dichter hervortritt. Ein Verehrer und Nacheiferer von Caeiro, gab Pessoa dem 1890 in Glasgow geborenen Schiffsingenieur doch sehr viel eigene Dichtungsphilosophien mit auf den Weg. Wie Pessoa selbst ist de Campos ein leidender, ein Gefangener seines eigenen Ichs und der gesellschaftlichen Stagnierung. Während Pessoa sich jedoch in de Campos flüchten konnte, kennt de Campos keine andere Flucht, als die nach vorne:

“In meinem Herzen bewahre ich
wie in einer Schatztruhe, die man vor Fülle nicht schließen kann,
alle Orte, wo ich mich aufhielt,
alle Häfen, in dich ich kam,
alle Landschaften, die ich träumend
durch Bullaugen oder Fenster oder von Decks erblickte,
und dies alles – unendlich viel! – ist wenig für das, was ich möchte.”

Bis zur Seite 129 dieses Auswahlbandes (von ca. 290 Seiten, davon jeweils die Hälfte im portugiesischen Original, die andere Übersetzung) sind 5 längere Gedichte verzeichnet, eines davon besonders lang, die Meeres-Ode, ein einziger, an Walt Whitman erinnernder (auf den de Campos sich einige Male beruft), aber noch radikalerer Gesang mit phantastischen und ambivalenten Auswüchsen. Anfangs sind es nur Betrachtungen zum Meer und zu Ferne, harmlose Poesien, bis sich de Campos langsam und stetig in eine Phantasie über Seeräuber und ihr aufregendes Leben hineinsteigert, um dann zu erkennen, wie stark er selbst vor seinen eigenen Gedanken erschrickt, vor der Gewalt, urtümlich und doch wie ein erstarrtes Auges nur noch auf einen Sinn hin ausgerichtet.

“Mein Leib ist der Mittelpunkt eines unendlichen Steuerrads,
das immerfort schwindelnd sich selbst umkreist”

“Was weiß ich von dem, was ich sein werde, ich, der ich nicht weiß, was ich bin.”

Dies ist die Frage, aufgeworfen in vielen kürzeren Gedichten im zweiten Teil des Bandes. Zwar ist die Thematik dieser kleinen Dichtungen durchaus vielschichtig, doch man bemerkt früh, dass sie immer wieder zum Jammer und zur Sehnsucht zurückkehren, manchmal in großem Stile, manchmal meditativ und zaghaft. Man merkt wie Pessoa mit ihm gebaut hat: Auf der einen Seite die großen, ja gewaltigen Ansprüche, die aus vielen seiner Poeme blitzen, aber gleichzeitig die Sensibilität, die sich auch immer wieder ihre Bahn bricht und ebenso wunderbare Beschreibungen des Ich findet, aber auch zerriebene Erinnerungsideen von glücklichen Zuständen, die nun immer jenseits des Lichts sind, dass sein Ich wirft und werfen kann.

“Nacht
Du, deren Ankunft, so sanft ist, dass sie ein Fortgehn scheint,
deren ebbende, flutende Finsternis unter dem Hauch des Mondes
Wellen erstorbener Zärtlichkeit und die Kälte erträumter Meere kennt,
Brisen vermeintlicher Landschaften für unsre übermäßige Angst…”

Verlorene Kindheit, verlorene Unschuld. Das wird von De Campos mit Weltverlust gleichgesetzt. Auch das Vergehende und das einstmals Gewesene, dass in der Gegenwart nicht mehr unter die Haut geht, gehört zu den vielfach abgewandelten Gedanken seiner Dichtung. Angst und Unbehagen befällt in jedes Mal, wenn er ringen muss “mit dem Schicksal, das sie Karosse des Ganzen über die Straße des Nichts lenkt.”

Geradezu bewundernswert ist, dass seine Sprache dabei immer wieder, auf denselben Bahnen, neue Eindrücke dieses Dilemmas herauskristallisiert und nie an ein Ende zu kommen scheint. Es gelingen ihm Bilder und Metaphern, eine ganze Metamorphose aus passenden Abbildungen dieses Lebens, dieses Leids, dieser Angst.

Auf Dauer kann es etwas schwierig sein, sich immer wieder mit diesem existenziellen, wichtigen, aber nichtsdestotrotz destruktiven Thema konfrontiert zu sehen, in das Pessoa sich, als hätte ihn bei fast jedem Gedicht gerade die schiere Verzweiflung oder zumindest etwas anderes herzzerreißendes (im wahrsten/härtesten Sinne des Wortes) gepackt. Die Lyrik des Alvaro de Campos ist daher nur den wirklichen Freunden der Poesie zu empfehlen, jenen die bei der Lyrik nicht nur die fremde, illuminierte Anschauung genießen, sondern mitleiden, mitfühlen, mitdenken, miterleben wollen – jene, möchte ich fast sagen, die eine Schramme von jedem Gedicht zurückbehalten möchten, einen Gegenentwurf zur Erklärtheit der Existenz,

“Das Licht der Sonne erstickt das Schweigen der Sphären,
und wir müssen alle von dannen,
ihr düsteren Pinienwälder im Dämmerlicht,
Pinienwälder, wo meine Kindheit anders war,
als ich heute bin…”

Unter jedem Poem findet sich im Original ein Datumsvermerk; das Nachwort geht ebenfalls in Ordnung, wenn es auch etwas sporadisch wirkt. Wie dort vermerkt handelt es sich bei dieser Ausgabe um so ziemlich alle relevanten Gedichte, die unter dem Namen de Campos geschrieben wurden.

Noch einmal möchte ich zusammenfassen und betonen: Wer sich an dieses Werk wagt wird größtenteils weitschweifige, exaltierte und anstrengende Gedichte vorfinden, deren Gewinn eine oftmals tiefgehende, aber eben auch aufwühlende Sprache und Sehnsuchtsanalyse ist. Auch einige Sonette und einige stillere Werke wird man finden, aber sie sind in der Unterzahl. Alle Gedichte sind feingliedrig, aber manchmal eben auch überbordend, vielleicht sogar erschreckend. Ich weiß nicht, ob ich eine Empfehlung aussprechen soll und ob ich schon alle Empfindungen beschrieben habe, die de Campos/Pessoa auslöst – vielleicht habe auch ich mehr die Sehnsucht gespürt, weil ich dafür empfänglich bin und lauern tut darin noch reichlich anderes. Es gibt gewisse einige bedeutende Dichtungen in diesem Werk, einige fulminante Zeilen und Wendungen und überhaupt gehört es zu den interessantesten literarischen Torturen, die ich auf mich genommen habe, keine Frage. Aber ich persönlich würde mich, trotz aller lyrischen Freude, nicht noch einmal durch dieses Werk lesen.

Jedoch, Pessoa hat Recht, wenn er aus de Campos Feder fließen lässt, was alle großen Dichter, auch ihn selbst, betrifft:
“Der lebenspendende Geist bin in diesem Augenblick ICH.”

Hier finden sich noch einige Textbeispiele, die den poetischen Wert des Werkes noch mal untermauern sollen:

“Ich möchte schlafen wie ein verscheuchter Hund auf dem Weg, in der Sonne,
entgültig für das ganze übrige Universum,
und die Wagen mögen mich überrollen.

Die Denkwürdigkeit reicht in die Tiefen der Existenz,
hat mich seit vorgestern gealtert und meinen Körper frösteln lassen.

… dass Metaphysik nur die Folge von Unwohlsein ist.

Was ward aus jener unserer Warheit – dem Traum am Fenster der Kindheit?

Was verbergen die Jalousien der Welt in den Schaufenstern Gottes?

Ach, dieser Kai ist steingewordene Sehnsucht!
Und wenn das Schiff vom Kai ablegt
und man plötzlich gewahrt, dass sein Abstand klafft
zwischen dem Kai und dem Schiff,
überkommt mich – warum wohl? – eine neue Angst,
ein Nebel trauriger Gefühle
und schimmert in der Sonne meiner grasbewachsenen Ängste
wie das Fenster, an das der junge Morgen pocht,
und hüllt mich ein wie die Erinnerung an ein anderes Wesen,
das auf geheimnisvolle Weise mein ist.

Link zum Buch

Außerdem gibt es bald eine Neuauflage in der auch die Prosa enthalten ist: hier

Dem letzten Romantiker Hermann Hesse


“Sorge flieht und Not wird klein
seit der Ruf geschah.
Mag ich Morgen nimmer sein,
heute bin ich da!”

Am neunten August 2012 jährte sich Hermann Hesses Todestag zum 50. Mal. Er, der weltbekannte deutsche Bestsellerautor und Nobelpreisträger, der als Schweizer starb; er, der zusammen mit Stefan Zweig einer der letzten, großen klassisch-romantischen Dichter war (und mit ihm teilt, dass sein Prosawerk mehr Anerkennung fand als seine Lyrik); er, der wie nur wenige Schriftsteller unsere Fantasie unentwegt beflügelte; er, der immer ein Außenseiter war und doch einer, der sich in diesem Zustand einrichten und behaupten konnte.

“Ihr schaffet, bauet, löset Rätsel viel –
Das kann ich nicht. Mich treibt es durch die Welt
rastlos nach einem unbekannten Ziel,
das jeder neue Tag mir ferner stellt.

Ihm also gilt diese Rezension seiner Gedichte.
Denn als Dichter hat sich Hesse immer betrachtet, in einigen Phasen seines Lebens mehr und weniger und schließlich verstärkt zuletzt. Es soll hier nicht behauptet werden, Hesse hätten seine Romane und Erzählungen nichts bedeutet, aber Lyrik war für ihn immer noch die am weitesten reichende Kunstform, die, in der er seinen ganz persönlichen Ausdruck, sein Selbst am allerbesten/-stärksten formulieren konnte, statt seine alter Egos in Romanen Geschichten erzählen, Systeme entwerfen und Erlebnisse verarbeiten zu lassen. Gedichte waren für ihn sofortiger Ausdruck, unmittelbare Kunst.

“Sterngleich ertönen sie gleich Kristallen,
in ihrem Dienst ward unser Leben Sinn,
und keiner kann aus ihren Kreisen fallen
als nach der heiligen Mitte hin.”

Hesse war ein aufgeschlossener Leser und hat, wenn auch gegen vieles in der Moderne eingestellt, auch vieles gewürdigt, was sie hervorbrachte – trotzdem hatte er nicht viel übrig für die Modernisierung der Dichtung. Als Vorbilder vor allem Goethe und Eichendorff, in den Thematiken dann und wann etwas moderner angeregt, geht es in seinen Versen vor allem um zweierlei: Das Zerreisend-Vergängliche und die lyrische Erschließung des Moments.

“Da geht kein Rauschen übers Feld,
Dem nicht mein Horchen nachgestellt
Sehnsüchtig, forschend, unverwandt,
Bis mir sein eig’nster Laut bekannt.”

Sehr beherrschend ist dabei die Figur (das Symbol) der unwiederholbaren Jugend, der nicht mehr zu erreichenden Tiefe und Fülle von einst, die man noch kennt und streift und spürt, doch nicht mehr wirklich trägt und hält. Ein Thema was Hesse in mindestens jedem zehnten Gedicht immer wieder variiert oder anklingen lässt.

“Hinträumend wandelt in die alten Zeiten
und scheu dein stillgewordener Wunsch zurück
zu lang verglühten Träumen, Wonnen, Leiden
und Jugendhoffnungen… Das war das Glück.”

Ganz klar ist Hesse ein Dichter des Ich, einer, der anerkennt, dass man im tiefsten Sinne nur von sich sprechen darf, wenn man andere erreichen will. Das nimmt seiner Lyrik sicherlich hier und da einiges, weil sie oft mehr ein freudiges, denn ein wohl platziertes Reimen inne hat, ein spontanes und stürmisch ausdrückendes, aber es macht sie auch ehrlich und hier und da auf wunderbare Weise vollkommen zugänglich, wie das selbst bei den schönsten Gedichten sonst selten der Fall ist.

“Lange habe ich nun dem Regenlied gelauscht,
tagelang und viele Nächte lang,
wie es schwebend hängt und träumend rauscht,
eingehüllt in ewig gleichen Klang.”

Nahend im Vertonen der manchmal simpelsten und doch wichtigsten Dinge, suchend und Beschreibungen und Eindrücke findend und in Worte fassend, wie sie jenem Bild, was wir von den Dingen haben, beiseite gestellt werden können, für einen Moment, einen Augenblick, einem Glänzen der Schönheit, indem uns die Welt Spiegel und Fenster zugleich.

“Wie still der Baum sein Kindergesicht
Hinunterbeugt und mit sich selber spricht.”

“Ein Tönen ist erklungen
aus dumpfen Erdentiefen her
und hat sich zart geschwungen
ins Reich der Luft und tönet
wie Harfen zart und Glocken schwer.”

Wer sich auf die Lektüre sämtlicher Gedichte Hesses einlässt, der wird vor allem von den Themen der Heimatlosigkeit, den Empfindungen von Rausch und Einwebung, von Traum und Nacht und dem Sonnenuntergang der Jugend begleitet werden. Dann und wann werden auch malerische Langgedichte und Arbeiten, die während der Romane entstanden sind, seine Wege kreuzen, sowie mahnende oder treffliche Zeilen auftauchen, wie diese:

“Das ist die tiefste Lebenslist:
Den Ort auf jedem Wege wissen,
Wo seine Sphinx verborgen ist.”

Dann wieder liefert er einleuchtende, schön gereimte und einfache Versionen jener Ahnung, die ganz tief in der Lyrik verwurzelt ist, was immer ihr Ruf, ihr Versprechen war: das Ewige.

“Wir freuen uns an Trug und Schaum,
wir gleichen führerlosen Blinden,
wir suchen bang in Zeit und Raum,
was nur im Ewigen zu finden.”

“Ich seh nach ewigen Gesetzen segeln
was einst mir wild erschien und frei von Regeln.”

Wenn Gedichte dies alles können, altern sie letztendlich nur im Auge desjenigen, der sie nach ihrer Aktualität und nicht nach ihrem Wert in allen Facetten beurteilt. Hesse hat einige wunderbare Gedichte geschrieben und er sollte als Dichter nicht vergessen werden – als Romancier natürlich auch nicht!
Manchmal sind seine Verse sehr schwermütig, todessehnsüchtig beinahe, dann wieder ist diese erlesene Klarheit enthalten, die man aus seinen Briefen und Buchbesprechungen kennt und schätzt – und irgendwo trifft sich dies beides in seinen besten Versen.

“Leise lösch ich mein spätes Licht,
fiebernde Stunden zu wachen,
und die Nacht hat dein Angesicht,
und der Wind, der von Liebe spricht,
hat dein unvergessliches Lachen.”

Verse voller Lebensdrang und Liebesklang – und doch auf der Suche, wie alle Lyrik, nach dem flüchtigen Schönen, dem Unsagbaren, dass uns gewährt wird jenseits der Erkenntnis der Wörter, in dem was sie auch noch können, ihrem zeitlosen Spiel, dessen Regeln wir wohl nur dann begreifen, wenn wir das Schöne und Vortreffliche einen Moment lang darin sehen, wie wir selbst es verstehen …

“Und so fließt im unterirdisch Dunkeln
ewig fort der heilige Strom, es funkeln
aus der Tiefe manchmal seine Töne;
wer sie hört, spürt ein Geheimnis walten,
sieht es fliehen, wünscht es festzuhalten,
brennt vor Heimweh. Denn er ahnt das Schöne.”

Zu Georges Perecs “Ein Mann der schläft”


Georges Perec gehört bis heute zu den unangefochtenen Königen innovativer Literatur. Davon zeugen nicht nur seine große Würfe, der 1000 Seiten Roman Das Leben – Gebrauchsanweisung und sein Roman, welcher ohne den Buchstaben “e” auskommt: Anton Voyls Fortgang, sondern auch seine kleineren, sprachexperimentellen Werke, von denen einige vor kurzem erst bei diaphanes broschur neu aufgelegt wurden.

Perecs Bücher sind Ausnahmeerscheinungen und deswegen nicht für jede Leseerwartung zu empfehlen, die man bei dem Titel “Roman” hegen könnte. Das Buch ist eindeutig ein Roman, aber der Inhalt ist, wenn man ihn schlicht als Handlung eines Romans betrachtet, wahrscheinlich eher als dürftig zu bewerten. Es gibt zwar einen Spannungsbogen und eine klare Stimmungskontur, doch davon abgesehen hat der Roman scheinbar keine prägnanten Themen oder Geschichten zu bieten. Die Frage ist: Was bewertet man – das was da ist, oder das was fehlt?

“Ein Mann der schläft” beginnt mit einer Expertise über den Schlaf; über das seltsame Gefühl, kurz bevor du einschläfst, die verlorenen Sekunden zwischen Stille und Erwachen, die Formen und Farben die auftauchen, wenn du die Augen schließt, jedoch trotzdem noch schaust. Mit wunderbarer Detail- und Sprachsensibilität schafft Perec es, dass man erstmal in sich selbst schaut, tief nachempfindet, was er beschreibt, weil man es kennt, weil man es so schon erlebt hat – weil man sofort die Augen schließen und miterleben kann, was man gerade gelesen hat.

Nach dieser, für uns sehr nahen Erfahrung, folgt die “Geschichte”, in der ein 25jähriger Student eines Tages nicht aufsteht, obwohl er an diesem Tag Examen machen soll.
Wir alle wollten schon mal nicht aufstehen, wollten unser Leben, das wir gerade leben, verwerfen wie einen Entwurf, den wir gemacht haben, und zurückkehren in die Welt der Zeitlosigkeit, dahin wo die Schliche der Zeit und des Raums sich zersetzen – und nun haben wir hier die Geschichte eines Mannes, der diesen Weg wählt; er kappt die Verbindung zur Welt, er nimmt quasi das Gefühl des Traumes für die Wirklichkeit in Anspruch.

Und wir sind immer noch ganz nah dran an dieser Geschichte. Zumindest ich konnte diese Nähe auch nicht mehr völlig ablegen – durch die geschickt an den Anfang gestellte Einstimmung, die mir so vertraut war und die in derselben feinen Sprache verfasst war, wie die darauf folgende Geschichte, war ich mit dem Folgenden ebenfalls verbunden.

“Du hast kaum gelebt und doch ist alles schon gesagt, schon vorbei.”
“Du gehst wie ein Mensch, der unsichtbare Koffer trägt, du gehst wie ein Mensch, der seinem Schatten folgt.”

Was passiert, wenn man sich auflösen will in Raum und Zeit? Wenn man die Zügel der Welt ablegt? Wenn man noch in ihr lebt, aber seinen Beitrag zu ihr einspart?
Perecs Student zieht sich in sich selbst zurück. Er will ein Baum sein, er will in Ruhe gelassen werden, er will allein sein. Will er allein sein? Nein, eigentlich will er vor allem eins: er möchte ein Teil der Welt sein und nicht ein Mensch, der nie ein Teil der Welt ist, weil er sie verstehen will, weil er wie außerhalb von ihr steht, von wo er sie immer unterschiedlich sieht, weil er sie nie gleich sehen kann, ja, weil er eine eigene Welt ist, die ständig mit einer großen, ganzen Welt konkurriert, die soviel größer ist als die seine, so groß, dass er sie nur wahlweise mit seiner Welt messen kann. Aber wonach soll man wählen? Ist die Wahl nicht armselig, im Gegensatz zum Frieden, den alles andere hat?

“Ein Mann der schläft” ist kein Roman, der eine Geschichte erzählt, auch wenn er es vordergründig vorgibt zu sein. Nein, es ist ein Buch, dass ein Gefühl einfasst,  ein Gefühl, dass sich über 140 Seiten ausspricht, das klagt, nach Lösungen sucht, das zusieht, wie alles entflieht, das sich selbst auf den Grund geht. Das Gefühl zu nennen ist nicht möglich, denn es braucht diese 140 Seiten oder einen ganz bestimmten Abschnitt, der Teil dieser 140 Seiten ist (sein muss), um dies zu tun.

Wer also gerne ein Leseabenteuer erleben, wer eine persönliche Erfahrung in Form eines Buches machen will, der lese “Ein Mann der schläft”. Kurz und knapp zusammengefasst ist über dieses Buch zu sagen: Ein wirklich interessantes Werk und tiefenwirksam.

“Vogelschwärme ziehen sehr hoch am Himmel dahin. Auf dem Yonne-Kanal gleitet ein langer Kohleschlepper mit metallblauem Rumpf, von zwei großen grauen Pferden gezogen, vorüber. Nachts kommst du über die Route Nationale zurück, aufheulende Autos kommen dir entgegen oder überholen dich, du wirst von Scheinwerfern geblendet, die, wie es einen Augenblick lang scheint, den Himmeln anleuchten wollen, bevor sie sich auf dich stürzen.”

Link zum Buch

*diese Rezension ist bereits in Teilen auf Amazon.de erschienen

Philip Roths Debüt: “Portnoys Beschwerden”


Portnoy’s Complaint – so heißt dieser Roman, mit dem Philip Roth 1969 zum Bestseller (und zum anerkannten großen Romancier) wurde, in der Originalausgabe. Allerdings passt die deutsche Übersetzung perfekt, denn sowohl in Englisch, als auch auf Deutsch, ist das Attributwort Complaint/Beschwerde mehrdeutig. Es kann Beschwerde im Sinne von Klage bedeuten, aber auch Beschwerde im Sinne von Krankheit oder Leiden.

Alexander Portnoy, wie Roth aufgewachsen in Newark im jüdischen Viertel, ist ein 33jähriger Neurotiker voller Selbstzweifel und Seelenballast – und er ist der festen Überzeugung, dass man ihn bloß dazu gemacht hat. Seine überfürsorglichen Eltern sind Schuld, die ihm das Leben von vorneherein als extrasaubere Sache prophezeit haben, dass er dann mit dem Erwachen seiner Sexualität aber von einer ganz anderen Seite kennenlernen musste, die sich nicht vereinbaren ließ mit der kleinen Gefügigkeit seiner Erziehung und Kindheit. Seine moralische Integrität und Selbstbefindlichkeit schwinden in dem Zwist aus Anerzogenem und Triebhaften, sein Gewissen und sein Geschlecht stehen im dauerhaften Wettstreit. Das ist der Sprengstoff – seines Charakters, und letztendlich des ganzen Buches: fragile sexuelle Realität kontra ebenso fragiler, anerzogener jüdischer Mentalität, zusammengeführt zu einer ständigen Zerreisprobe, gespannt noch durch die menschlich bedingte Sehnsucht. Elterliche Erwartungen und Sex werden zum Sinnbild zweier verschiedener, doch gleichsam in ihrer Problematik schon fast wieder ähnlicher, unvereinbarer Welten, ohne Möglichkeit der Erfüllung oder Verbindung.

Der Aufbau des Buches ist etwas aberwitzig und wirkt zu Anfang etwas unstrukturiert – und doch: es ist sehr gut zu lesen (nicht so perfekt, wie im Vergleich zu anderen Roth-Romanen, aber doch sehr flüssig). Das liegt wohl vor allem an der gut getimten Abstimmung zwischen dem Erzählflusses und den Abschweifungen und Reflexion und dem sich langsam übergreifend aufbauenden Bildes der Romanfigur, die einen mal mit ihren aggressiven Beichten verschreckt und einem dann wieder mit den Momenten durchblitzender Menschlichkeit und Sehnucht näherkommt. Klug werden dem Leser mal die zentralen Problematiken der Figur in Form von Anklagen und Analysen aufgedrängt, dann entdeckt er sie wieder selbst in den einfachen Schilderungen aus seinem Leben – so gesehen ein Meisterwerk der Symbiose zweier erzählerischer Bestrebungen.

Viele mögen das rasante Buch, dass weniger von einem Roman, denn von einem Monolog hat (oder zumindest eine Synthese aus beidem ist), als bloße Satire oder als Analyse lesen (und man kann es auch, gut und problemlos, so lesen). Aber für mich ist es vielmehr eine der besten Aufarbeitung und Auseinandersetzung mit dem sexuellen Konfliktpotential, die weit über die bloße Essayistik vieler Betrachtungen hinausgeht und weit über den bloßen Präzedenzfall des Protagonisten. Portnoy ist ein suchender, der die Glorie im Hang des Menschen zur sexuellen Überhöhung sieht. Doch immer wieder, eigentlich ständig, zeigen sich Risse in diesem Glauben, von denen er weiß, dass sie die Bestätigung eines tieferen Unglücks sind – ein Unglück, das ihm gleichzeitig Angst wegen seiner scheinbar nur scheinbaren und doch immer stärkeren Unausweichlichkeit macht. Letztlich zweifeln seine tiefsten Gewissheiten nicht an der Sexualität an sich, aber an ihrem abgeleiteten, beschworenen Symbolplatz in den Beziehungen zwischen Menschen. Denn Sexualität, dass kann man aus diesem Buch lernen, ist kein Verbindungsaufbau – kann es nicht sein – sondern nur die Verbindung selbst, die möglicherweise etwas mit aufzubauen weiß.

Portnoys Beschwerden ist ein Schlüsselroman – und gerade deshalb kein Allerweltsbuch, es wird immer etwas schwierig sein, aber auch immer brandaktuell, längerfristig von Bedeutung. Vielleicht ist es nicht das beste Buch, das je über Sex geschrieben wurde. Aber es ist zumindest das beste, das auf solch erheiternd-vielschichtige Weise darüber geschrieben wurde; das Buch, welches haarklein mit dem spielt, wofür Sex oft gehalten wird. Mit einem Urteil aufräumen will das Buch dabei allerdings nicht, auch nicht sich eins erlauben. Aber es will die Urteile reflektieren. Und das gelingt, wenn der Leser es will, sehr gut.

Link zum Buch

*Diese Rezension ist in Teilen bereits auf Amazon.de erschienen

David Wagners kleines, sehnsuchts-philosophisches Werk “Vier Äpfel”.


“Als ich mich umdrehe, sehe ich die Frau mit der braunen Strumpfhose nun vor dem Kartoffelpüree, und mir fällt auf, dass kaum eine der Personen, die hier Kunden heißen und, so wie ich, einen Einkaufswagen schieben, einmal aufschaut. Alle wirken sehr konzentriert und bewegen sich doch wie Schlafwandler, manchmal sieht das aus, als steckten sie selbst schon in den Kühlschränken, in die sie die Dinge, die sie kaufen, später stopfen werden.”

Ein Roman der Innerlichkeit, ein Monolog, der sein Thema konsequent in nachvollziehbaren Zusammenhängen umsetzt, eine Hommage an die Dinge, die einem passieren, obwohl oft so wenig passiert, zumindest weniger als erhofft, erdacht – und nicht zuletzt eine an Beobachtungs- und Sprachkunst sehr reiche Schilderung von Supermarktkultur. Das alles ist David Wagners Buch “Vier Äpfel” und natürlich wie immer noch ein bisschen mehr.

“und die Zukunft reicht nur bis – zum Mindesthaltbarkeitsdatum”

Manche Bücher sind ein großes Lesevergnügen, manche sind echte Erlebnisse, andere sind große Geschichten. Aber es gibt auch jene Bücher, die, für sich betrachtet, zuerst einmal Phänomene sind. Sie kommen eigen daher, unwillkürlich und sind sehr redselig, sehr genau (was ihr Thema angeht; abseits davon scheinen sie kaum zu existieren). Sie fangen einen ganz bestimmten Aspekt menschlicher Wahrnehmung, Gewohnheit, Erfahrung und Gewissheit ein. Würde man all diese Bücher sammeln und verbinden, ergebe sich eine Art Bibliothek der Wesenheiten, von Perecs Ein Mann der schläft bis zu Saint-Exuperys Nachtflug. Es sind diese kleinen Bücher, die uns oft einen wesentlichen Teil unserer Lebenswelt für einige Seiten gänzlich näherzubringen verstehen, diese einzelnen Elmente, die in unserem Dasein mit vielen zusammen eine wichtige Rolle spielen.

“Ich vermute, die Gänge sind mit einem unmerklichen, knapp unterhalb der Wahrnehmungsgrenze liegenden Gefälle angelegt worden, das mich ganz langsam, wie ein Floß auf einem mäandernden Fluss, Richtung Kasse gleiten lässt, der Wagen schwimmt vor mir her, und ich treibe an den Spielsachen vorbei, an Bauklötzen und Stofftieren und Puppenköpfen, die sich schminken und frisieren lassen, an Barbie-Pferden, deren Ohren und Schweif bei Berührung aufleuchten, und Baggern mit aufgemalten Gesichtern.”

So bringt uns auch Wagners Prosa wie ein leichtes Gefälle, ein Lauschen auf den Wasserfall der Gedanken, mal laut und mal leise, hier im Vordergrund, dann wieder im Hintergrund, durch das Buch, durch den Supermarkt. Uns wird die kulinarische Vielfalt, aber vor allem das unvergleichliche, ja geradezu ideele, inspirative Ambiente dieses Ortes vor Augen geführt und Schritt für Schritt öffnet das Buch sich den Phänomenen und Bagatellen der Gänge, Produkte, Schilder und des sterilen, tiefen Glanzes der Atmosphäre. Doch dem ganzen wird noch die Komponente des Vexierbildes hinzugefügt, denn da ist L., die Frau, das Mädchen, die Liebe, die überall ihre Erinnerungsspinnenweben hinterlassen hat, in Formulierungen, in Eingebungen zu diesem und jenem – ihre Vorlieben sind die Assoziationen, ihr Fehlen ein Beweis, dass wir alle etwas brauchen und dass es Orte wie den Supermarkt gibt, wo wir es angeblich finden.

Wagners Prosa ist sehr auf eine leichte Direktheit und doch auch auf eine gewisse Sorgfalt bedacht. Kindheitserinnerungen und L., die geheimnisvolle Frau, verbindet er geradezu unwiderruflich mit seinen Betrachtungen zu Obst, Waschmittel und Plüschtieren und kommt so zu philosophischen Trampelpfaden wie diesen:

“Kaufen heißt also eigentlich verzichten – beispielsweise auf all die Pullover, die ich beim Kauf desjenigen, den ich heute trage, ebenfalls hätte kaufen können. Als ich ihn in dem Geschäft, in dem ich ihn mir ausgesucht hatte, bezahlte, habe ich alle anderen Möglichkeiten gegen diesen einen dunkelblauen Pullover eingetauscht, dabei hätte ich, ich erinnere mich, gern auch den dunkelbraunen genommen.”

All diese Philosophie ist gleichsam Sinn und doch nur Sinn auf Abruf. Es ist das, was als Wahrnehmungsfluss unser aller Dasein in puncto Supermarkt begleitet und was Wagner nur in Wörter gießt. Und L., diese Frau, die einfach immer wieder erscheint, auch wenn der Leser (und der Autor) gerade meint sie hinter sich gelassen zu haben: sie ist das Boot auf diesem Fluß, das, worum es im Leben geht und doch das, was unabhängig vom eigenen Leben einen Bestand hat – es ist nicht der Fluß, es ist nicht der Fluß, weil es, weil alles, fließt.

“Komme ich aus diesem Supermarkt nie wieder heraus? Muss ich hier vielleicht für immer Runden drehen? Ist das mein Schicksal? Bin ich dazu verdammt, immer wieder einzukaufen, die Einkäufe nach Hause zu tragen, in den Kühlschrank zu räumen und einen Teil dort zu vergessen, bis sie schlecht geworden sind?”

Die Angst, dass in dem Viel (zu Viel) des Supermarktes auch ein “zu wenig” liegen kann, dass in der Philosophie, ja sogar in der eigenen Biographie, ein Rückstand ist, den man nicht ohne etwas Besonderes, eine Frau, Liebe, Glück, aufholen kann, gehört zu den Gefühlen, die ganz selbstverständlich zu uns gehören. Wagner hat dieser Emotion in diesem Buch eine großartige Bühne geboten. Also: Sehr empfehlenswert!

“Und der Tod, so kommt’s mir vor, schiebt seinen Einkaufswagen neben mir. Und legt die Leben, die er nimmt, hinein. Und an der Kasse muss er nicht bezahlen.”
[…]
“Ich schalte Nahaufnahme hinter Nahaufnahme, um nur ja nie ein Panorama zu sehen.”

Link zum Buch

*diese Rezension ist in Teilen schon auf Amazon.de erschienen