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Zu “Der große Meaulnes” von Henri Alain-Fournier


Der Autor Henri-Alain Fournier fiel 1914 bei Verdun. “Der große Meaulnes” blieb sein einziges Werk.

Francois, der Erzähler der Geschichte, lebt in einem kleinen Dorf in Frankreich. Sein Dasein dort ist ruhig, eintönig und friedlich. Sein Vater ist der Lehrer im Ort, Francois selbst geht noch zu Schule. Das Leben dieses ausgeglichenen, einfachen Menschen ändert sich abrupt, als ein neuer Junge auf die Schule kommt. Der Junge, den sie bald nur noch den ‘großen Meaulnes’ nennen, freundet sich mit Francois an, bringt mit seinem Unternehmungsgeist Schwung in das Dorfleben und ist auch ansonsten eine besondere Seele. Als es gilt die Großeltern seines Freundes vom Bahnhof abzuholen, stibitzt er kurzerhand einen Pferde-Wagen und fährt mit ihm auf und davon. Doch statt an den Bahnhof zu kommen, verschlägt es Meaulnes auf einen geheimnisvollen Landsitz, auf dem eine, in der Beschreibung gar rätselhafte Hochzeit gefeiert wird – auch für Meaulnes selbst wird dies eine Schicksalsnacht werden …

Die Geschichte ist glatt, aber vielschichtig aufgebaut. Francois ist zwar der Erzähler, aber oft lässt Fournier uns trotzdem durch die Augen Meaulnes sehen. Die Erzählung über das Fest auf der Hochzeit zum Beispiel ist ein Bericht von Meaulnes, den Francois eines Nachts erzählt bekommt. Gleichzeitig liegt die ganze Geschichte über immer etwas im Schatten; Handlungen von denen der Leser erst sehr spät erfährt und die das Ganze wieder andersherum beleuchten; die Stimmung ist mit der in manchen Büchern von Hermann Hesse verwandt (etwa dem Steppenwolf) mit ihrer Verbindung von Traum und Realität, die sich gegenseitig ergänzen.

Ein weiteres auffälliges Merkmal des Buches ist die Präzision der Wörter und Sätze. Der Text ist, möglicherweise nur durch die Übersetzung, ein ruhig dahin fließender, ohne Wasserfälle, Stromschnellen oder weitläufigen Kurven, aber auch ohne steinige Bachbette, er flirrt nur ein wenig, ansonsten ist er klar und tief genug, um ohne Grund zu sein. Um es einfach zu sagen: der Text ist eine wirklich schöne Erzählung voll herrlicher Stimmungsbilder. Und einigen Tropfen Wehmut.

Trotz all der schönen Worte und Sätze bleibt doch eins unergründlich: Die Intention Fourniers, wenn er eine hatte, ist mir verborgen geblieben. Eine Schilderung von Liebe, Abenteuerlust, Ländlichkeiten und leicht romantisch unterlegten Szenarien ist ihm gelungen, aber am Ende ist das Ende wirklich ein Ende, ohne Offenbarung. Vielleicht liegt genau darin die Finesse dieses Werks. Es ist eine Geschichte, die nichts will, außer genau dies zu sein. Mit einem Hang zum Märchenhaften entwindet sie sich jedem Zugriff; mit ihrer klaren Sprache bleibt sie nah am Leser. Eine Kombination, die man einfach bewundern muss.

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Kleine Empfehlung zum ersten Buch von Robert Walser


“Fritz Kochers Aufsätze”, so heißt die Prosa, die Robert Walser 1904 herausgibt. Sie ist springend, singend, voller Lebensfreude, Ironie und Geist und trotzdem naiv und sinnlich.

Es sind kleine Prosaminiaturen, zu fast jedem Thema: Natur, Freundschaft, Armut, eine Feuersbrunst, Beruf & Weihnacht. Sie zeichnen sich durch eine wahrlich beeindruckende Kindlichkeit und Unschuld aus – Erinnerungen und Gefühle mischen sich mit dem Charakter der Abhandlung.
Es sind also wahrlich ‘schöne’ Texte, ein Lese- und Abschweifvergnügen, das uns Bilder und Momente schenkt, das zaubert und kaum etwas diktiert.

Am Schluss finden sich noch zwei umfangreichere Texte:

Mit “Ein Maler” geht er dem Wesen des Künstler auf seine eigene naiv-verspielte Weise auf den Grund und lässt allerhand geistreiches zum Schaffen und zum Künstler selbst verlauten, wobei ihm als Ich-Erzähler ein fröhlicher Maler (einem unverkennbar ‘leichten’ Walsercharakter, ein Abbild fröhlicher Gesinnung, und leicht weltferner Traurigkeit, der sich durch sein ganzes Werk zieht) dient, der auf einem Schloss bei einer Gräfin in den Bergen wohnt. Ein wunderbar tiefes Portrait mit einer Fülle von geschwungenen Betrachtungen.

Mit “Der Wald” hat Walser dann etwas geschaffen, was man jedem Hobbyautoren zur Lektüre geben sollte. Es ist ein wunderbares Kreisen und Blicken (wie ich es sonst nur in Gedichtform bei Rilke kenne) um das Wesen des Waldes, seine Anmut, seine Größe, seine Ruhe, seine Kraft. Es wie ein Bilderrausch und eine fesselnde Geschichte zugleich – es ist ein Erleben, dass uns bekannt vorkommt wie das Leben in uns selbst:
“Am Abend, o wie wundervoll sind da die Wälder! Wenn über dem Dunkelgrün der Bäume und Waldwiesen hochrote und tiefrote Wolken schweben und das Blau des Himmels von so eigentümlicher Tiefe ist! Alsdann ist Träumen für den Schauenden und Ankommenden eine längst vorbestimmte Sache. Alsdann findet der Mensch nichts mehr schön, weil es viel zu schön ist für seine Sinne. Er lässt sich dann, ohnmächtig und ergriffen, wie er ist, mehr von dem Tiefschönen anblicken, als das er es selbst anschaut. Schauen ist dann eine umkehrte, vertauschte Rolle.”

Romantische Ästehtik, vermischt mit träumerischem Glanz und hier und da einer visuellen Verdichtung, die fast schon wieder wie reine Erfahrungswiedergabe wirkt.
Walser sollte man einmal lesen. Und mit diesem seinen ersten Werk lässt sich  auch gut beginnen.