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Zu Doris Anselms “Hautfreundin”


Hautfreundin „Herr und Frau.
Eigentlich, fällt mir heute ein, sind diese Anredeformeln überhaupt nicht seriös. Im Gegenteil. Sie weisen ständig darauf hin, dass Geschlechtsteile anwesend sind.“

Nach etwas fünfzig Seiten muss ich mich ermahnen, dass auf dem Cover des Buches „Roman“ steht. Denn das erzählende Ich in Doris Anselms „Hautfreundin“ ist so konsistent und tritt so unverstellt und direkt auf, dass man meinen könnte, „Hautfreundin“ sei ein tatsächlicher Erfahrungsbericht, die Autobiographie eines echten Körpers und seines Begehrens, und keine Fiktion.

Ein klassischer Roman ist das Buch allerdings auch nicht, denn statt eine lückenlose Geschichte aufzuführen, besteht das Buch aus längeren für sich stehenden Einzelgeschichten, Episoden im Leben der Erzählerin, die sich von ihrer Jugend über ihre jüngeren Erwachsenenjahre bis zu einem Zeitpunkt im mittleren Alter erstrecken, der als ungenaue Gegenwart Dreh- und Angelpunkt des Geschehens ist (außerdem gibt es noch eine Episode, die in einer technologisch noch weiter entwickelten Zukunft spielt, wobei unklar ist, ob das Szenario der Episode ein Traum, eine Fantasie oder eine wirkliche Vorausschau darstellt). Im Zentrum der Episoden steht meist eine Begegnung, oft sexueller Natur, unterschiedlich aufbereitet.

Den Anfang macht die Episode „Das Wort“, in der die Erzählerin, zunächst nur als Stimme, noch nicht als Körper, über das Wort für ihr Geschlechtsteil nachdenkt.

„Ein Wort, das viel Scham aufgenommen hat, das hundert Jahre oder länger nur flüsternd gesagt wurde, mit niedergeschlagenen Augen, ohne Stolz, ohne Freude, kann sehr schwer sein. Es wird nicht ausgetauscht, weil offiziell ja alles in Ordnung ist mit ihm. Aber es fühlt sich anders an als andere Wörter.“

Natürlich steht diese Reflexion über Sprache nicht zufällig am Anfang und nicht zufällig ist in dieser Überlegung das ganzes Dilemma der weiblichen Lust schon ausgebreitet: wie eine positive Geschichte weiblicher Sexualität erzählen, wenn schon die Begriffe, die Worte, mit Scham behaftet sind und eine Stimmung erzeugen, die lust- und genussfern ist, in der das Unzureichende dominiert, das Schwierige, das einen in die Unzulänglichkeit zwängt, statt Möglichkeiten zu bieten, aus sich herauszugehen?

In den darauffolgenden knapp 250 Seiten hat Doris Anselm genau das versucht. Ihr Buch ist ein Roman über Sex und über Lust, aber vor allem ein Buch, das versucht, die Geschichte einer positiven Selbsterfahrung, als Körper, als Frau, als sexuelles Wesen, zu erzählen. Und für so eine Geschichte eine Sprache zu finden ist schwer. Schließlich gibt es auf der einen Seite nur die pornographische Sprache mit all den männergeprägten Frauenbildern, auf der anderen Seite vor allem die süßlich-schwüle Romantik von Groschenheften und die liberal-verklemmte, komische Erotik von Hollywoodfilmen.

Anselm sucht dazwischen einen Mittelweg, der aber natürlich nicht einfach jenseits der bisherigen Sprachverhältnisse ganz neu beginnen kann. Ihre Sprache hat daher einen leicht wiegenden Touch, der entfernt der glatten Oberfläche von Pop-Romantik gleich und in der Beschreibung von sexuellen Tätigkeiten eine Langsamkeit, die an die Detailfixierung von pornographischen Texten erinnert. Aber nebst diesen Anleihen hat ihre Sprache in vielen Fällen wichtige zusätzliche Qualitäten: sie ist anschaulich, intensiv und geht Risiken ein, probiert aus, und kann in den richtigen Momenten von tiefer Involvierung auf distanzierte Analyse umzuschalten (und umgekehrt).

Manchmal wirkt sie dennoch etwas manierlich, manchmal etwas platt, aber mindestens genauso oft bietet sie überraschende Einblicke, hält feinsinnige Umschreibungen und starke Bilder parat. Gleich im zweiten Kapitel beschreibt die Ich-Erzählerin ihr erstes Mal und auch ihre erste Penetration:

„Dann herrscht eine Zeit lang das Bild von etwas Fremdem in meinem Körper. Es könnte alles möglich sein, es gehört nicht zu mir. Ich atme. Wir sehen uns an und er hält still. Auf dem Himmelsplakat verblasst eine weiße Kondensspur. […]
Da umklammere ich ihn mit den Beinen, und als die weiße Spur vom Himmel verschwunden ist, gehört alles, was in mir ist, mir. […] Wir gleiten umeinander. Ich muss lächeln.“

In dem darauffolgenden Kapitel die spontane Erregung bei einer Begegnung mit einem anziehenden Menschen:

„Irgendwo neben uns zieht ein Drucker seufzend Papier ein. Jemand beendet ein Telefonat und legt auf.
Wir sehen einander in die Augen. Wir stehen da, zwei Erwachsene in ihrer jeweiligen Rolle, und dann dehnt sich der Moment über uns aus, wölbt sich, schillert, zerplatzt.“

Oft sind Emotionen stark vertreten in dieser Sprache. Und das ist auch gut so, denn selbst wenn dergleichen manchmal schwärmerisch oder eben manieristisch rüberkommt, ebnet Anselm damit hoffentlich an einigen Stellen den Weg für nachfolgende Autor*innen, die über Lust schreiben wollen und aus ihren Fehlern lernen, und ebenso von ihren Ideen, von ihren Ansätzen profitieren werden.

Ein weiterer Vorteil der emotionsdurchzogenen Sprache ist (neben der Nähe, die sich zur Ich-Erzählerin als Figur einstellt), dass nicht nur Geschichten von Handlungen erzählt werden (wie es in der klassischen Pornographie meist der Fall ist – Emotionen werden dort lediglich aus den Handlungen abgeleitet), sondern vor allem von Gefühlen, Zuständen, die den Handlungen vorausgehen, ihnen auch widersprechen, sich schnell abwechseln, changieren. Wir erleben Anselms Protagonistin in den unterschiedlichsten Momenten, verschiedensten Lagen, begleiten sie bei geilen Erfahrungen, meditativen Augenblicken und tief hinein in ihre Unsicherheit, z.B. in Gesprächssituationen, mit Reaktionen, die von Wut bis Verzweiflung reichen.

„Wenn du das wirklich glaubst, denke ich, wenn du glaubst, dass ich für etwas, das ich will, zu schade bin, glaubst du in Wirklichkeit, dass es egal ist, was ich will.“

„Damit, dass er mir so gefallen würde, habe ich nicht gerechnet. Ich hatte bloß gehofft, dass er mir genug gefallen würde. Genug, um mir etwas mit ihm vorstellen zu können: etwas Neues, etwas Spezielles, etwas Dunkles. Ich hatte gehofft, dass er für meine Neugier ausreichen würde. Über mich selbst habe ich gar nicht nachgedacht.“

Trotz dieser breiten Gefühlspalette ist das Buch zunächst vor allem die Geschichte eines sexuell erfüllten Daseins, einer von Neugierde und Glück geprägten Lust an Körpern, dem eigenen und den fremden. Erst im weiteren Verlauf und vor allem gegen Ende realisiert die Protagonistin, dass sie Glück hatte mit ihrem Lebensweg, ihren Erfahrungen, und dass die sexuelle Biographie vieler Frauen nach wie vor (und vor allem früher) viel mit den Umständen zu tun hat(te), also damit, an welche Menschen (vor allem Männer) man gerät und was einem passiert, wenn man jemandem seinen Körper anvertraut oder einfach einen Körper hat und von diesem Körper etwas erwartet wird.

Gerade dieser letzte Turn hat mich noch einmal sehr beeindruckt, weil das Buch dadurch beides in sich trägt: Utopie und Realität, Wunsch und Wahrheit. Es wird gezeigt, wie es gehen könnte – und warum es so noch immer nicht läuft, zumindest leicht anders laufen kann. „Hautfreundin“ ist die Geschichte einer Erfüllung, die am Ende in einen Abgrund der Verletzungen und Ängste schaut, dem sie, wie durch Zufall, entronnen ist. Die ganze Geschichte, so wird am Ende klar, hätte auch in jeder Episode ganz anders aus- und weitergehen (oder auch enden) können (hier scheint durch, wie sinnvoll die Struktur des Buches ist).

„Ich habe mal gehört, dass echte Nächstenliebe meistens holprig daherkommt, wenig elegant, weil jemand, der sie gibt, vorher nicht lange überlegt.“

Anselm ist über weite Strecken eine großartige introspektive Darstellung gelungen. Ich persönlich habe selten eine so intensiv-feingliedrige Schilderung von Begehrensstrukturen gelesen (egal ob von einem Mann oder einer Frau), die aber nicht ins detailgetriebene oder ins erotisch-versessene abdriftet. „Hautfreundin“ ist kein female-friendly Porno, kein neues „Feuchtgebiete“. Es ist ein Buch darüber, wie eine erfüllte Sexualität für jemanden (der/die sie ausleben will), aussehen kann, die Geschichte einer Entdeckung und Eroberung des eigenen sexuellen Terrains. Und ein Buch darüber, wie dieser Wunsch auf verschiedenste Arten mit einer Welt interagiert, kollidiert, verschmilzt, in der wir heute leben (könnten).

Zu “100 Seiten – Emanzipation” von Katrin Rönicke


Emanzipation „Ja, das Ende des Mittelalters, die Reformation, der Beginn des Kapitalismus und die Demokratie haben viele äußere Zwänge abgeschafft – aber bei genauerem Hinsehen bringen sowohl die Neuzeit als auch der Kapitalismus und die Demokratie neue Formen von Ungleichheit und Diskriminierung mit sich“

Die Emanzipation rückt das menschliche Individuum und seine individuellen Bedürfnisse in den Mittelpunkt und wendet sich gegen die Hoheit und das Diktum einer bestimmten Klasse, Ethnie, eines bestimmten Geschlechtes oder einer bestimmten Weltanschauung.

Emanzipation bedeutet wörtlich die „Entlassung aus der väterlichen Gewalt“, wobei man wohl eher von der „Befreiung aus“ sprechen müsste, denn selten wurden Menschen aus dieser väterlichen Gewalt freiwillig „entlassen“. Egal ob es um Frauen, Sklaven und Sklavinnen, Anhänger*innen von Religionen oder anderen Gruppen von unterdrückten, stigmatisierten und diskriminierten Menschen ging – fast immer war Emanzipation ein Akt, der von ihnen ausging und nicht von einer herrschenden Macht ermöglicht wurde.

Und als eine solche Bewegung, ein solcher Zug zum Ungehorsam und zur Befreiung, wird Emanzipation auch nie aus der Mode kommen; jede Emanzipation, die von herrschenden Kräften vorangetrieben wird, sollte dagegen genauestens darauf abgeklopft werden, ob sie überhaupt emanzipatorisch ist oder nur als Freiheit verkauft werden soll, aber eigentlich im gewissen Sinne versklavt, Unfreiheit und Ungleichheit fördert.

„Menschen ringen nicht nur um die Emanzipation und den Fortschritt, sondern auch um Macht und Privilegien. Das eine kann dem anderen im Weg stehen.“

Katrin Rönicke hat in der 100 Seiten Reihe von Reclam eine wirklich fabelhaft vielschichtige Auseinandersetzung mit dem Thema gewagt, zusammengesetzt aus einer Einführung, der anschließenden Konzentration auf verschiedene Schwerpunkte menschlicher Emanzipation in den letzten fünfhundert, vor allem aber den letzten hundert Jahren und außerdem Interviews (das erste mit Matthias von Hellfeld und das zweite mit Sineb El Masrar), biographischen Abrissen, Begriffserläuterungen.

Das Buch zeigt und begreift Emanzipation als Prozess und nicht als einmalige Tat. Es erzählt des Weiteren nicht einfach nur ein Märchen über Fortschritt, Liebe zur Freiheit und großen Errungenschaften, sondern zeigt die Schwierigkeiten in den Emanzipationsprozessen, in der Vergangenheit, der Gegenwart, der Zukunft. Zur Wahrheit gehört zum Beispiel auch, dass über lange Zeit Emanzipationsbewegungen nicht allen Menschen zugutekamen, meist nur den Männern, oft nur weißen Menschen; immer blieb irgendwer von neu erworbenen Privilegien aufgeschlossen. Eben deshalb sind die meisten Emanzipationsprozesse, die in dem Buch genauer in Augenschein genommen werden, noch längst nicht abgeschlossen.

Rönicke legt in ihrem Text Schicht für Schicht das Thema frei, beginnend bei der Historie, über die Befreiungskämpfe von Schwarzen und Frauen, endend bei der Digitalisierung; am Ende hat man eine umfassenden Eindruck davon, wo Emanzipation überall stattfindet – und stattfinden sollte. Zwischendurch geht sie auch sehr gut auf den Backlash-Effekt ein, also restaurative und regressive Prozesse (wie wir sie auch gerade in der politischen und gesellschaftlichen Landschaft erleben).

Überhaupt beschreibt sie vieles überraschend einfühlsam (aber nicht gefühlig), was eine zusätzliche Stärke des Buches ist: einem wird das Thema nicht einfach hingeblättert, sondern nahegebracht.

Fazit: ein solches Thema kann nicht auf 100 Seiten ausgeschöpft werden, aber trotzdem deckt das Buch sehr viel ab, vor allem sehr viel Reflexives; und da hinten sogar einen Liste mit Lektüretipps enthalten ist (die ich ergänzen will um die Bücher von Margarete Stokowski, Ta-Nehisi Coates, Rebecca Solnit und Jessica Crispin), kann man das Buch auch als Ausgangpunkt sehen, als Anstoß. Viel ist schon passiert, aber vieles ist noch zu tun, im Großen, aber auch im Kleinen, wie Rönicke richtig anmerkt:

„wir brauchen noch immer viel Mut, wenn wir das Studium schmeißen, den Vater unserer Kinder verlassen, den Twitteraccount löschen oder den Job an den Nagel hängen wollen.“

 

Zur Anthologie “Die Flügel meines schweren Herzens” mit Lyrik von Frauen aus dem Arabischen


Die Flügel meines schweren Herzens Besprochen auf Fixpoetry

Zu Margarete Stokowskis “Untenrum frei”


Untenrum frei

Haben wir die Fesseln der Unterdrückung längst gesprengt, oder haben wir nur gelernt, in ihnen shoppen zu gehen?

Man könnte das ganze Buch von Margarete Stokowski – das in 7 Kapitel unterteilt ist, von denen jedes in sich abgeschlossen ist und als Einzeltext gelesen werden kann – als eine lange, ausführliche, von verschiedenen Seiten beleuchtete Antwort auf eine einzige Frage lesen: Warum Feminismus?

Das wäre selbstverständlich eine stark verknappte Zusammenfassung. Natürlich schleift diese Frage einen Rattenschwanz von weiteren Fragen hinter sich her: Was ist Feminismus? Wie wirken sich feministische Positionen auf das eigene Leben aus, wie stellt sich eine unter feministischen Gesichtspunkten betrachtete Wirklichkeit dar? Inwiefern hängen Feminismus und Gendertheorie zusammen? Ist Feminismus grundsätzlich solidarisch mit allen anderen Anti-Diskriminierungsbewegungen? Was will der Feminismus erreichen?

All diese Fragen bindet Stokowski ein und es wird schnell ersichtlich, dass es ihr nicht um einen Feminismus spezieller Prägung, sondern um Feminismus als Ausdruck und Sammelbegriff einer generellen Unzufriedenheit mit den hierarchischen, determinierten, unverhältnismäßigen & ungerechten Gesellschaftsverhältnissen, Normen und Vorstellungen geht, dessen Hauptanliegen und Ziel die Freiheit beim Ausleben der eigenen Persönlichkeit und der Ausformung der eigenen Identität ist (solange dies nicht die Freiheit eines anderen Individuums oder einer Gruppe einschränkt).

Es geht um die kleinen, schmutzigen Dinge, über die man lieber nicht redet, weil sie peinlich werden könnten, und um die großen Machtfragen, über die man lieber auch nicht redet, weil vieles so unveränderlich scheint. Es geht darum, wie die Freiheit im Kleinen mit der Freiheit im Großen zusammenhängt, und am Ende wird sich zeigen: Es ist dieselbe.

Ich werde nicht müde, Camus zu zitieren, der einmal in seinen Cahiers angemerkt hat, dass alle größeren Konflikte der Menschheit letztlich Kämpfe um Privilegien waren und sind. Noch immer sind die Privilegien auf dem Planeten ungleich verteilt, in jeglicher Hinsicht. Hauptsächlich, weil die Menschen die mehr Privilegien haben nicht bereit sind, einen Teil davon abzugeben, damit irgendwann alle dieselben Privilegien genießen können.

Rebecca Solnit hat in ihrem Buch „Wenn Männer mir die Welt erklären“ eindrucksvoll geschildert, dass ein großer Teil der Weltbevölkerung immer noch vom anderen Teil unterdrückt wird. Frauen (und als Frauen definierte oder so wahrgenommene Personen jedweden/r Geschlechts/Genderbezeichnung) üben lediglich 10% der Gewalttaten aus, sind aber selbst häufig Opfer von Gewalt, speziell von sexueller Gewalt. Auch in Deutschland hat mindestens jede vierte Frau einmal sexuelle Gewalt erfahren.

Es gibt in Deutschland und generell in Westeuropa vielleicht keine Zwangsheiraten mehr und keine gesetzlich verankerte sexuelle Repression. Aber immer noch sind unsere Systeme und Vorstellungen von repressiven und problematischen Geschlechterbildern durchdrungen. Das beginnt schon in den banalsten alltäglichen Wortverwendungen, wird deutlich in der pornogeprägten Sexualsprache (z.B.: wenn man in vielen Kontexten bei Frauen von schmutzigen, statt schlicht von sexuellen Phantasien spricht), aber letztlich springt uns diese Problematik überall entgegen. Stokowski spricht in einem Kapitel von einer Studie, bei der den Testpersonen Aussagen vorgelegt wurden, die entweder aus Männermagazinen entnommen waren oder von verurteilten Vergewaltigern stammten.

Die Testpersonen waren nicht fähig zu unterscheiden, welche Sätze aus Männermagazinen stammen und welche von Vergewaltigern. Ja, sie fanden sogar die Aussagen aus den Magazinen tendenziell herabwürdigender.

Stokowskis Buch ist aber nicht bloß eine gute Darstellung solcher systemimmanenter Diskriminierungen und Idiotien, sondern auch das Ergebnis einer Auseinandersetzung mit der eigenen Entwicklungsgeschichte, von der Bravolektüre bis zum Beziehungsalltag als Erwachsene. Die Kapitel beginnen fast immer mit einem Erlebnis aus ihrer eigenen Biographie und sind von solchen Selbstausleuchtungen mal mehr, mal weniger durchzogen. Klug und überzeugend knüpft sie mit Biographischem an größere Zusammenhängen an. Ihre Prosa hat eine coole Dynamik, ist eine bestechende Mischung aus fachlich Gediegenem und genauestens Durchdachtem, tiefergehenden Selbstzeugnissen und hingerotzten und herbeizitierten Klarstellungen. Sie nimmt letztlich keine hohe Warte ein, doziert nicht, sondern begegnet ihren Leser*innen auf Gesprächsniveau, verständnisvoll und unversöhnlich zugleich.

Stokowski spricht davon, wie sie selbst lange nicht glaubte, dass Feminismus wichtig ist oder sich zumindest nicht genauer mit ihm auseinandersetzte. Bis sie begriff, was das mit uns macht, wenn wir die gesellschaftlichen Rollen, in die wir gesteckt werden (auch wenn wir nicht glauben, dass wir uns in ihnen durch die Welt bewegen), nicht hinterfragen. Wenn wir uns nicht mit ihnen auseinandersetzen. Dann gibt es sie trotzdem, dann machen sie trotzdem etwas mit uns.

Wir stecken viel Energie in die Rollen, die wir spielen, weil wir glauben, dass alles eine Ordnung haben muss und so viel anders auch gar nicht geht. Wir geben uns Mühe, die wir oft kaum bemerken, weil sie so alltäglich geworden ist. Und auch, weil es leichter ist, sich an vorhandene Muster zu halten.

Sie spricht über ihre eigenen Erfahrungen mit Sex, Bildung, Sozialgefügen, etc. und schafft es, dabei sowohl die menschliche als auch theoretische Ebene konkret herauszuarbeiten, hervorstechen zu lassen – ein bemerkenswerter Balanceakt, den man ihr als Unentschlossenheit, als Makel ankreiden könnte. Doch dann würde man ignorieren, wie nachdrücklich dieses Buch Dinge auf den Punkt bringt, wie versiert und uneitel es sich innerhalb dieser komplexen Themen bewegt und wie weit es sich an manchen Stellen den Leser*innen öffnet.

Ungerechtigkeiten zwischen den Geschlechtern aufzuzeigen wirkt manchmal so, als wolle man die Gräben zwischen ihnen vertiefen, obwohl man sie auf Dauer abschaffen will: Ein nerviges Dilemma, aus dem man nicht rauskommt, solange man Probleme beheben will.
Wir müssen zeigen, nach welchen Kriterien sich Reichtum und Erfolg, Gesundheit und Lebensdauer, Gewalt und Leid verteilen, wenn wir wollen, dass alle dieselben Chancen auf ein glückliches Leben haben – auch wenn oder gerade weil diese Kriterien das sind, was wir auf Dauer abzuschaffen versuchen.

Ja, wir müssen, im Interesse aller, daran arbeiten, dass eine Gesellschaft, in der Gleichberechtigung nicht nur ein Vorsatz, sondern eine verwirklichte, gelebte Realität ist, entstehen kann und das heißt, dass einiges planiert, einiges platt gemacht werden muss. Dass einige Privilegien verschwinden und letztlich alle.

Denn es gibt keine neutrale Sicht auf das Leben, und wir brauchen sie nicht. Wir brauchen Vielfalt – Vielfalt lehrt uns Freiheit.

Margarete Stokowskis Buch hat mir seit langem mal wieder Mut gemacht; etwas in mir angefacht, dass an dieser Welt arbeiten, sie auf positive Weise mitgestalten will. Es ist ein Buch mit vielen Facetten und ich hoffe, ich habe keine von ihnen allzu sehr in der Mittelpunkt gerückt oder unter den Tisch fallenlassen.

Manches hat mich tief berührt, manches schockiert, manches hat meinen Horizont erweitert, manches meine eigenen Gedanken bestärkt. Auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: am meisten hat mich beeindruckt, wie dieses Buch aufklärerlisch argumentiert, auf theoretischen Ebenen arbeitet und doch durch seine Direktheit, seine Sprache, eben nicht belehrt, sondern kommuniziert, ein Aufruf zum Dialog ist. Aufmerksamkeit erzeugt und nicht nur Wissen.

Solche Bücher braucht es. Bücher, in denen das Abstrakte und das Lebendige zusammenfallen. Die uns Zusammenhänge aufzeigen, Tatsachen vermitteln, die uns aber auch auffordern, in denen wir nicht einfach nur sichere und schweigsame Teilnehmer sein können, sondern die uns mit uns selbst, mit dem Schönen und Schlimmen in uns und um uns, konfrontieren. Bücher, die uns inspirieren.

Sie sagen, dass wir von Hass getrieben sind, weil sie sich wundern, dass da Frauen mal keine Harmonie und Liebe versprühen, sondern Forderungen haben. Aber Wut ist nicht dasselbe wie Hass. Hass will Zerstörung. Wut will Veränderung. Hass ist destruktiv, Wut ist produktiv.

Stokowski zitiert Susan Sontag mit den Worten: „Wir müssen lernen, mehr zu sehen, mehr zu hören und mehr zu fühlen.“ Ich glaube, dass Literatur eine Schule des Sehens, des Zuhörens, des Hinhörens und Fühlens sein kann – „Untenrum frei“ hat es mir mal wieder gezeigt, mich darin bestärkt. Genauso wie Stokowski glaube ich daran, dass es wichtig ist

hinter Sätze, die in Stein gemeißelt sind, ein Fragezeichen [zu] setzen.

Dieses Buch setzt ein paar fette Fragezeichen und fügt meist noch ein fettes Ausrufezeichen hinzu.

Zu den Gedichten von Sor Juana Inés de la Cruz in “Nichts Freieres gibt es auf Erden”


Nichts freieres gibt es auf Erden besprochen beim Signaturen-Magazin

“Göttertage” von Gabriele Glang


Göttertage “Sie ist die erste Frau in der Kunstgeschichte, die sich nackt malt. Ein ungeheurer Schritt. Bis dato gab es nur den Blick von Männern auf den nackten Frauenkörper.”

Paula Modersohn-Becker verstarb bereits mit 31 Jahren. Doch in den wenigen Jahren, in denen sie als Künstlerin tätig war, schuf sie über 700 Gemälde und noch viel mehr Zeichnungen, Skizzen. Viele der Gemälde waren Selbstportraits, einige eben auch Akte.

Gabriele Glang portraitiert diese mit einer Reihe von kurzen Gedichten, die das Innenleben der Künstlerin während der Zeit ihres letzten halben Jahrs, ihrer Zeit in Paris, abbilden, nachvollziehen, umkreisen.

“Seht: in der Freiheit
wird etwas aus mir.”

Ein wichtiges Motiv in den Gedichten ist die Befreiung, die Freiheit – ein anderes allerdings die Rechtfertigung, die Erklärung. Zwischen diesen beiden Polen ist Modersohn-Becker als eine der ersten Frauen, die als eigenständige Künstlerin arbeitete, unausweichlich hin und her geworfen. Sie will ihr Tun mit der Selbstverständlichkeit annehmen, mit der sie es betreibt, aber sie kann nicht umhin, die Besonderheit ihrer Lage zu erkennen. Sie erlebt den Rausch der Inspiration und will sich durch nichts bremsen lassen …

„Göttertage“ ist kein großer lyrischer Wurf, da sich die meisten Gedichte eher wie Dokumente ausnehmen, aber ein ungeheuer einfühlsames Portrait einer Frau, einer künstlerischen Kraft und Obsession und zusätzlich auch einer Frauengeneration.

Wie Glang Modersohn-Becker Leben einhaucht, ganz ohne großes Tam-Tam, aber bestimmt, ist beeindruckend. Die Wahrnehmung der Frau als dem Mann gleichgestellte Akteurin auf allen Gebieten der Kunst und Wissenschaft ist noch nicht abgeschlossen – sie begann mit Gestalten wie Paula Modersohn-Becker, die einst freudig aufbrach in ihr neues, leider kurzes Leben und der Glang in einem ihrer Texte den Gedanken eingibt, den jeder junge Mensch, gleich welchen Geschlechts, beim Eintritt in sein selbst bestimmtes Leben haben sollte:

“Nun muss ja alles kommen.”