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Zu “Unsichtbare Frauen” von Caroline Criado-Perez


Unsichtbare Frauen

Der Großteil der Menschheitsgeschichte ist eine einzige Datenlücke. Beginnend mit der Theorie vom Mann als Jäger räumten die Chronisten der Vergangenheit der Frau in der Entwicklung der Menschheit weder in kultureller noch in biologischer Hinsicht viel Platz ein. Stattdessen galten männliche Lebensläufe als repräsentativ für alle Menschen. […] Doch das Problem ist nicht nur, dass etwas verschwiegen wird. Die Leerstellen und das Schweigen haben ganz alltägliche Folgen für das Leben von Frauen. […] Die von Männern nicht berücksichtigten frauenspezifischen Faktoren betreffen die verschiedensten Bereiche. Dieses Buch wird jedoch zeigen, dass drei Themen wieder und wieder auftauchen: Der weibliche Körper, die von Frauen geleistete, unbezahlte Care-Arbeit und Gewalt von Männern gegen Frauen.

Wenn es um die Sicherheit bei Autounfällen geht, werden die dazugehörigen Vorrichtungen abgestimmt auf Körpertypen, die auf männlichen Modellen beruhen; ebenso ist es bei verschiedenen besonderen Kleidungsstücken wie etwa schusssicheren Westen. Regale werden so konstruiert, dass ein durchschnittlicher männlicher Körper das oberste Brett erreichen kann. Räumdienste in Städten räumen priorisiert die Straßen frei, statt die Fußgänger- und Fahrradwege, die sehr viel öfter von Frauen frequentiert werden.

Dies sind nur einige anschauliche Beispiele, fast noch harmlos. Zu ihnen gesellen sich die großen Ungleichheiten bei der Bezahlung, die unterschiedlichen Wahrnehmungen und Reaktionen auf männliche und weibliche Körper in der Öffentlichkeit und, auf einer abstrakten Ebene, das generelle Fehlen eines weiblichen Faktors in den Erhebungen von Daten zu jeglichem Thema. Dabei wird nicht nur die unbezahlte Care-Arbeit von Frauen systematisch unterschlagen, sondern elementare und nachweislich feststellbare Bedürfnisse von Frauen bleiben unberücksichtigt. So kommt es zu der Welt in der wir leben – einer Welt, die für Frauen ein wesentlich problematischerer und unzureichend eingerichteter Ort ist als für Männer. Und auch das allgemeine Narrative dieser Welt, mit allen darin zusammengeführten Geschichten von Erfolg, Glück, etc. ist meist männlich.

Die Folge dieser zutiefst männlich dominierten Kultur ist, dass männliche Erfahrungen und Perspektiven als universell angesehen werden, während weibliche Erfahrungen – also die Erfahrungen der Hälfte der Weltbevölkerung – als, nun ja, Randerscheinung wahrgenommen werden. […] Deshalb auch ergab 2015 eine Studie über Wikipedia-Einträge in mehreren Sprachen, dass Artikel über Frauen Wörter wie »Frau«, »weiblich« oder »Dame« enthalten, während Artikel über Männer nicht »Mann«, »männlich« oder »Herr« umfassen (weil das männliche Geschlecht stets unausgesprochen unterstellt wird).

Gerade was die Entwicklungsgeschichte der Menschheit betrifft, haben wir meist die männliche Geschichte und die Errungenschaften für die Männer vor Augen – Frauen haben von der Athener Demokratie ebenso wenig profitiert wie von Renaissance und Aufklärung, trotzdem werden sie als übergreifende Errungenschaften gefeiert (die emanzipatorischen Bewegungen gelten dagegen dezidiert als Errungenschaften nur für Frauen). Diese aufs Männliche fixierte Weltsicht wird, wie Criado-Perez sehr umfassend darlegt, für universell gehalten, während eine weibliche Perspektive meist als ideologisch (!) aufgeladen gilt und mit diesem Argumente auch oft beiseitegeschoben wird.

»Unsichtbare Frauen« erzählt, was geschieht, wenn wir die Hälfte der Menschheit einfach vergessen. Es zeigt, wie die geschlechtsbezogene Datenlücke Frauen im Lauf eines mehr oder weniger normalen Lebens schadet – hinsichtlich der Stadtplanung, der Politik oder der Arbeitsplätze.

Es ist in der Tat ein Mammutwerk, das die Autorin hier vorgelegt hat, und das mit jeder vorgebrachten Statistik, mit jedem neuen Themengebiet, auf das Criado-Perez zu sprechen kommt, fundamentaler wird. Man kann es, so behaupte ich, nicht ohne teilweises Entsetzen und Erschrecken lesen. Dass die Macht- und Bezahlstrukturen in unseren Gesellschaften ungerecht sind, ist bereits in einer breiteren Öffentlichkeit angekommen. Dieses Buch aber zeigt, wie tief die Wurzeln, Vorstellungen und Mechaniken, die diese Strukturen stützen und von ihnen hervorgebracht wurden, in alle Winkel des Alltags reichen. Von den einfachsten Wahrheiten bis zu den komplexesten Diskriminierungen ist dabei alles enthalten – viele Geschichten über die repräsentative Abwesenheit von Frauen in allen (für sie) wichtigen Bereichen.

Jede/r sollte zumindest einen Blick in dieses Buch werfen. Vor allem Männer und besonders die, die glauben, sie lebten nicht in einer sexistischen Welt und hätten einen objektiven Blick auf die Dinge (oder ein objektiver Blick würde ihnen täglich präsentiert).

Studien haben gezeigt, dass die Überzeugung, man selbst sei objektiv oder nicht sexistisch, zu weniger Objektivität und mehr sexistischem Verhalten führt.

Zu “Das entehrte Geschlecht” von Ralf Bönt


Entehrte Geschlecht “Trotz noch immer ungleichem Lohn für gleiche Arbeit und der Niederlage Hillary Clintons gegen Barack Obama: Frauen sind auf ihrem Weg der Gleichberechtigung sehr weit. Statt daran zu erinnern, dass manch schwarzer Mann seit 1869 sein Wahlrecht vor manch weißer Frau bekam, und zu mutmaßen, dass Clinton eine solche Niederlage nun wiederholte, sollte man bedenken, wie feminin Obama wirkt. In manchem durchaus femininer als Hillary Clinton.“

Es hätte sich wohl niemand beschweren können, wenn ich dieses Buch nach einer solchen Passage an die Wand geworfen oder einfach nur weggelegt hätte. Es ist unstrukturiert, sprunghaft und mäandert vor sich hin, immer wieder in Argumentationen geradezu verfallend wie in einen tranceähnlichen Zustand.

Aber ich habe weitergelesen, dies jedoch auch nicht selten bereut. Denn es geht unausgegoren weiter, immer wieder mit argen Turns und der Text wird mit einer Wut oder Frustration betrieben, die sich zwar als schlichte Klarstellung ausgibt, aber doch eher in der Mitte zwischen Pöbeln und Polarisieren stattfindet. Man bekommt auch nie ganz genau zu fassen, worauf Bönt hinauswill, weshalb sich manche Passagen wie Verschwörungstheorien lesen und selbst die nachvollziehbaren Elemente ohne Kontext oder mit fragwürdigem Kontext dastehen.

Ja, Herr Bönt, es braucht durchaus ein neues Männerbild und ja, es gibt Dinge, über die noch gesprochen werden muss, nach dem Ende des Patriachats und ja, Männer sollten nicht verdammt, ihnen sollte auch geholfen werden und ja, die Abschaffung des Sexismus beseitigt nicht die Probleme des Kapitalismus und der sozialen Gefälle. Aber man kann das nicht alles durcheinanderwerfen und manches kleinreden und manches mit Empörung versehen und als Sorge verkaufen oder gar als Manifest.

Sie haben nicht ganz Unrecht, wenn sie sagen: „Das Problem ist immer noch das alte: Der Mann. Er macht bei der ganzen Sache nicht richtig mit.“ Aber erstens ergehen sie sich in solchen Pauschalien bis man es nicht mehr ertragen kann und zweitens ist ihr Appell an die Männer, ihre gesellschaftliche Rolle selbstständig zu überdenken und zu korrigieren zwar löblich und im Kern auch willkommen, nur würzen sie diesen Aufruf mit derart viel herbeiphilosophierten Schwachsinn, Halbfakten und Beobachtungen zweifelhafter Natur, dass sich die Spielräume des Manifests sehr schnell auf das übliche Kleinkarierte minimieren.

Ja, Sexismus ist das Problem von Männern und Frauen, meistens in der Konstellation Mann=Täter und Frau=Opfer. Und ja, es wäre schön, wenn nicht nur Frauen ihre Opferrolle hinter sich lassen wollen, sondern Männer selbstständig vom Täterprofil zurücktreten wollen, sich von den Strukturen zu ihrem eigen Wohl verabschieden. Das tun auch viele. Und es wäre auch schön, wenn sie das mit Selbstbewusstsein machen würden, welches aber nicht in Stolz umschlagen sollte. Gegen diese Position hat niemand was, aber warum das Ganze pflastern mit Seitenhieben und pseudohistorischen Gesichtspunkten?

Fazit bleibt: unausgegoren, oft weit am eigenen Thema vorbei.

Zu Roxane Gays Essays in “Bad Feminist”


Bad Feminist „Ich bin eine schlechte Feministin, weil ich nicht auf einen feministischen Sockel gestellt werden will. Von Menschen, die man auf Sockel stellt, wird erwartet, dass sie etwas darstellen, und zwar perfekt. Und wenn sie es versauen, stürzt man sie. Ich versaue es regelmäßig. Betrachten sie mich also als bereits gestürzt.“

Wer nach diesen Eingangsworten fürchtet, Roxane Gays Essays könnten ein weiteres unausgegorenes antifeministisch-feministisches Manifest (wie etwa Jessa Crispins „Warum ich keine Feministin bin“) sein, den kann ich sofort beruhigen: sie sind weit davon entfernt.

Denn obgleich Gay im Vorwort lang und breit ihre Schwierigkeiten beschreibt, zu dem Begriff und der Idee des Feminismus eine gesunde Beziehung aufzubauen, zeigt sich im Verlauf des Buches, dass gerade dieser anfängliche Zweifel die Grundlage einer vielschichtigen und sehr tiefgehenden Auseinandersetzung ist.

Wenn man mich [früher] als Feministin bezeichnete, hörte ich: » Du bist ein zorniges, Sex und Männer hassendes weibliches Opfer. « Diese Karikatur haben Menschen aus Feministinnen gemacht, die den Feminismus am meisten fürchten.

Der Kern des Problems, den Gay mit dem derzeitigen US-amerikanischen Feminismus hat, ist sein mitunter einförmiges Denken, kurzum: seine Heteronormativität und das oftmals fehlende Bewusstsein für Klasse und Race. Wie Gay schreibt:

Frauen of Color, queere Frauen und Transgender-Frauen müssen im feministischen Projekt besser verankert werden. Frauen aus diesen Gruppen sind vom Ideal-Feminismus beschämenderweise immer wieder vernachlässigt worden.

Auch finde keine differenzierte Auseinandersetzung mit den Verhältnisse in unterschiedlichen kulturellen Kontexten statt oder mit der Lage in anderen Ländern:

Ich glaube, dass Frauen nicht nur in den Vereinigten Staaten, sondern überall auf der Welt Gleichheit und Freiheit verdienen, aber ich weiß auch, dass ich nicht befugt bin, Frauen aus anderen Kulturen zu sagen, wie diese Gleichheit und diese Freiheit aussehen soll.

Nachdem Gay im Vorwort viele kleinere bis größere Kritikpunkte an der derzeitigen Perspektive des US-amerikanischen Feminismus vorgebracht hat, kann man die folgenden Essays u.a. als Versuch begreifen, einige Felder zu er- und einige von ihr genannte Lücken zu schließen. Sie betritt kein feministisches Neuland, aber bereichert den Feminismus um eine wichtige Perspektive.

Folgerichtig steuert Gay konsequent nur etwas zu den Themen bei, zu denen sie einen klaren Bezug hat: als Autorin, als Frau, als People of Color, etc. Ein Großteil der Essays sind bspw. authentische und gewissenhafte Dekonstruktionen und Analysen von Race in den Kontexten von Literatur und Film, Gesellschaft und Politik.

Hier leistet sie in vielerlei Hinsicht Pionierarbeit (zumindest für mich, der ich vermutlich viele andere Autor*innen, die dasselbe Feld bearbeitet haben und bearbeiten, mangels Übersetzungen und/oder Publicity nicht kenne), schreibt über Reality-TV, Filme wie „The Help“ und „Twelve Years a slave“, Serien wie „Orange ist the new black“ und erzählt, wie sie Tarantinos „Django“ überlebte und warum sie der Serie „Girls“ zwiespältig gegenübersteht.

In der Literatur äußert sie sich zu Guilty Pleasures wie etwa Teenager-Schundromanen, schreibt über die Diskrepanz zwischen der Rezeption von männlichen und der von weiblichen Romanfiguren, bekennt sich ungeniert zu Die Tribute von Panem und nimmt in einem meisterhaften Text Fifty Shades of Grey, auf mehr als nur der literarischen Ebene, auseinander.

Es geht in Fifty Shades um einen Mann, der Glück und Frieden findet, weil er endlich eine Frau findet, die gewillt ist, seinen Scheiß lange genug zu ertragen. […] Ich lache nur bis zu einer gewissen Grenze über Fifty Shades. Die Bücher sind im Wesentlichen ein detaillierter Leidfaden, um Beziehungen zu führen, in der Kontrolle und Missbrauch an der Tagesordnung sind.

Zusätzlich schreibt sie auch noch über sexistische Lyrics und setzt sich mit Vergewaltigungs- und anderen problematischen Witzen in der Comedy-Kultur auseinander.

Aber auch mit dieser Bandbreite an kulturellen Themen ist der Band noch nicht ausgeschöpft. Gay schreibt auch noch über ihre große Liebe zum Spiel Scrabble und wie sie in der dortigen Community eine neue Familie fand, schreibt über Abtreibungspolitik und Polizeigewalt, Racial-Profiling und erzählt Geschichten von Männern, die von Männlichkeitsbegriffen kaputtgemacht werden.

In einigen sehr bemerkenswerten Texten setzt sie sich außerdem mit sexueller Gewalt auseinander, u.a. auch mit dem Phänomen des Verschweigens und Herunterspielens, wenn es sich bei den Tätern um große Persönlichkeiten oder einfach lokale „Helden“ oder Mitglieder in bestimmten Organisationen handelt, bspw. Footballspieler.

In den meisten Fällen entschuldigt man die Drogen- und Alkoholvergehen der Spieler, die Anschuldigungen gegen sie wegen sexueller Übergriffe und Vergewaltigung wurden fallengelassen, weil sie fähig waren, auf dem Footballfeld Punkte zu machen. […] Sie konnten für unser Team die Meisterschaft gewinnen, immer wieder.

Auch nach all diesen Aufzählungen habe ich das Gefühl, gerade mal an der Oberfläche von Gays Themenvielfalt gekratzt zu haben. Egal ob Popkultur oder Politik, Race oder Gender, Gay behandelt jeden dieser Themenkomplexe mit der gleichen Sorgfalt und dem gleichen Ernst, ist selbstkritisch, spricht aber auch im richtigen Moment unverhohlenen Klartext.

„Bad Feminist“ ist eine Sammlung von Essays, die weit über den Titelbegriff hinausweist. Gays aufrichtige, unverstellte Beschäftigung mit ihren Themen macht ihre Texte nicht nur unterhaltsam, lehrreich und lesenswert, sondern ist auch beispielhaft und sollte Schule machen.

Ich erzähle einige Geschichten immer und immer wieder, weil mich bestimmte Erfahrungen tief berührt haben. Manchmal hoffe ich, dass ich durch das wiederholte Erzählen dieser Geschichten besser verstehe, wie die Welt funktioniert.

 

Zu Margarete Stokowskis “Die letzten Tage des Patriachats”


Die letzten Tage des Patriachats Man muss schon den Hut ziehen vor Margarete Stokowski, wenn man diese gesammelten Kolumnen liest. Wie viele zentrale Themen unserer heutigen Gesellschaft und ihrer Verhältnismäßigkeiten darin aufgegriffen und angeschnitten, wie viele wichtige Anmerkungen zu Umgang, Perspektiven und Scheuklappen gemacht werden, wow. Und dann muss man noch einmal den Hut ziehen, wenn Stokowski hier und da durchblicken lässt, mit welcher Engstirnigkeit sie sich oft konfrontiert sieht, in Kommentaren, Zuschriften, etc., weil sie als Verfasserin dieser Kolumnen in Erscheinung tritt.

Der Band sammelt 75 von Stokowski ausgewählte Kolumnen aus den Jahren 2011-2018, die in zehn Themenkapiteln jeweils chronologisch angeordnet sind; viele von ihnen hat sie ergänzt durch Nachsätze, in denen sie Kommentare und Folgen zu den einzelnen Kolumnen schildert. Übergreifend kann man sagen, dass sie (bei Kolumnen nicht überraschend) oft einen Bezug zum Tagesgeschehen haben – aber Stokowski gelingt es fast immer, jenseits (oder eher diesseits) des Anlasses generelle Feststellungen anzubringen, Schlüsse zu ziehen, Symptome freizulegen und zu isolieren, Strukturen zu zeigen und eingespielte Problematiken zu benennen.

Ein zentrales Thema, das viele Kolumnen durchzieht, ist die Rolle von Frauen (und Minderheiten) in der Gesellschaft und ihre Stigmatisierung, die leider immer noch viele (sehr viele) Facetten und Gesichter hat.

Frauen haben immer noch weniger Geld als Männer, sie arbeiten seltener in Führungspositionen, sie erledigen die meiste Familienarbeit, und nicht wenige erleben sexualisierte Gewalt. Im Deutschen Bundestag sind im Jahr 2018 nicht mal ein Drittel der Abgeordneten Frauen. Frauen müssen in vielen Ländern für grundlegende Rechte kämpfen, und selbst dort, wo sie das nicht müssen, hören sie in den verrücktesten Situationen dämliche Kommentare über ihren Körper.

Es sollte jedoch niemand den Fehler machen, Stokowski deswegen für eine Agitatorin mit begrenzter Motivation und begrenzter Perspektive zu halten. Eins beweist sie in ihren Kolumnen mehr als einmal und ich bewundere sie enorm dafür: dass sie immer wieder gegen vereinfachte und festgesetzte, eingespielte und klischeegesteuerte Vorstellungen anschreibt und dass es ihr gelingt ihren Kolumnen (und hier setzt die Bewunderung ein) fast immer einen widerständigen, schlagfertigen Zug zu geben, eine Argumentation und Intonation aufzubauen, die sich auf knappem Raum wirkungsvoll und klug behaupten kann.
Stokowskis Texte zeigen: die Welt mag komplex sein, unübersichtlich vielleicht, aber es gibt doch sehr viel, das wir klar feststellen können, sowohl bei den Sachen, die im Argen liegen, als auch bei den Sachen, die gute Entwicklungen sind und jeden Unkenrufen trotzen können.

Bei Stokowski kann man außerdem lernen (nicht nur bei ihr, aber auch bei ihr), dass Feminismus eben nicht ein Versuch ist, Männer zu dämonisieren, unterzukriegen oder für ihr Mann-sein zu verdammen, sondern die generelle Emanzipation von Macht- und Diktionsstrukturen, sowie die längst fällige Aufhebung von zu enggezogenen Geschlechterbegriffen und Rollenbildern betreibt, zum letztendlichen Vorteil beider Geschlechter. Wie Stokowski in ihrem Buch „Untenrum frei“ schrieb:

Ungerechtigkeiten zwischen den Geschlechtern aufzuzeigen wirkt manchmal so, als wolle man die Gräben zwischen ihnen vertiefen, obwohl man sie auf Dauer abschaffen will: Ein nerviges Dilemma, aus dem man nicht rauskommt, solange man Probleme beheben will.
Wir müssen zeigen, nach welchen Kriterien sich Reichtum und Erfolg, Gesundheit und Lebensdauer, Gewalt und Leid verteilen, wenn wir wollen, dass alle dieselben Chancen auf ein glückliches Leben haben – auch wenn oder gerade weil diese Kriterien das sind, was wir auf Dauer abzuschaffen versuchen.

Ungleichheit und Stigmatisierung haben, wie gesagt, noch immer viele Facetten. Großteils sind es eingefahrene, überholte, falsche Vorstellungen, gegen die sich der Versuch der Veränderung von Verhältnissen und Umgangsformen behaupten muss. Das fängt an bei der von vielen Medien geschürten und überall halbgar servierten „Angst“ (in diesem Kontext wirklich das falsche Wort), dass die Anprangerung von sexuellen Übergriffen und Sexismus, am Arbeitsplatz und anderswo, einem Verbot von Flirten und Begehren gleichkommt. Stokowski bringt die Fadenscheinigkeit dieser (und anderer) Panikmacherei auf den Punkt und schreibt am Ende:

Es gibt eine feministische Flirtregel, die man sich im Übrigen sehr leicht merken kann und die lautet [#wheaton’slaw]: Sei kein Arschloch. Fertig. That’s it. Unisex übrigens.

und an anderer Stelle:

Es ist mir ein Rätsel, wie man denken kann, irgendwas würde der Menschheit fehlen, wenn Sexismus, Belästigung und Missbrauch wegfallen.

Aber Stokowski lässt es nicht bei diesen Themen bewenden, sondern äußert sich ebenso pointiert, gewandt, kritisch und klug zu angrenzenden und anders gearteten Themenbereichen. Großartig ist ihre Kolumne zu „Germany’s next Topmodel“, die mir aus der Seele spricht; am liebsten würde ich das folgende Zitat bei ProSieben einblenden, während die Show läuft:

Die Sendung ist eine perverse, niederträchtige, menschenverachtende Geldmaschine, die kapitalistische Krönung von Sexismus und Neoliberalismus in Form von Frauendressur mit Product Placement, und eine überraschungsarme Aneinanderreihung von Erniedrigungen, bei der junge Menschen dafür ausgezeichnet werden, dass sie geile Gene haben und sich den Regeln der Jury unterwerfen, weil man als Model halt einfach auch mal machen muss, was der Kunde will.

Und sie spricht mir ebenso aus der Seele, wenn sie über die Verbindung von Sexualität und Werbung schreibt – eine Erscheinung, welche, so glaube ich, das Verhältnis zum eigenen Körper in den letzten Generationen mitunter schwer belastet hat, vom Frauenbild ganz zu schweigen und vom Männerbild, das auf dieses Frauenbild ständig anspringen soll, erst recht.

Wenn wir aber die nackten Körper oder Körperteile von Frauen nicht mehr trennen können von Sex oder Erotik, dann haben wir ein Problem. Und zwar ein tief sitzendes. Wenn wir denken, dass wir nicht frei sind, weil nicht überall Brüste hängen oder Frauen halbnackt über Mietwagen robben, dann ist das ein schlechtes Zeichen für unser Frauenbild.

Auch auf die feinsprachliche Ebene geht Stokowski immer wieder – bspw. in einer Kolumne über die häufige Verwendung der Wörter „Krieg“, „Kamp“, „Frontlinie“ bei der Beschreibung von Diskussionen und Auseinandersetzungen zum Thema Gender und Feminismus. Die Kolumne trägt den rotzigen Titel „Hamse jedient im Genderkrieg?“ Stokowski klagt darin die fast schon brutale, zumindest zynische Gedankenlosigkeit bei der Verwendung dieser Worte an, die für eine gewaltsame und leidvolle, verheerende Erscheinung steht und schreibt u.a.:

Sagt mal: Frontlinie, Barrikaden, Krieg – haben die alle zu viel »Star Wars« geguckt. […] Es ist nur eine Metapher, sagt ihr. Nein, es ist unbedachtes Wörterkotzen. Metaphern haben einen Sinn, sie sollen etwas klarer oder schöner sagen. Wer aber von Krieg spricht, macht es weder klarer noch schöner, der sagt nur: Guck, wie sie sich prügeln. […] Hier meine These dazu: Das ist schlecht. Es klingt nach Eskalation, aber da eskaliert nichts. Da reden Leute. […] Krieg! Und dann bringt ein Mann eine Frau um, und was wird daraus? Ein »Beziehungsdrama«. […] So viel Feinfühligkeit darf man erwarten, nicht von Krieg zu sprechen, wo kein Krieg ist, und von Mord, wo Mord ist.

Und so geht es weiter – dreihundert Seiten Schlagfertigkeit, widerständiges und reflektiertes Denken, manchmal nonchalant serviert, manchmal um die Ohren pfeifend, mal von beißendem Spott, mal von klarer Anteilnahme begleitet. Ich erwische mich beim Lesen oft dabei, dass ich mir wünsche, dass Stokowskis Artikel die durchschlagende Wirkung erzielen, die sie für mich haben; dass Germany’s Next Topmodel dichtgemacht wird und Jens Spahns himmelschreiende Aussage zu Hartz IV als der politische Selbstmord gewertet wird, als der er hätte wahrgenommen werden müssen.

Wenn es wäre, wie Spahn sagt, und man hätte mit Hartz IV wirklich alles zum Leben, dann wären die Leute, denen das Geld nicht reicht, entweder unfähig oder gierig. […] Der Witz an Privilegien ist, dass man sie nicht die ganze Zeit fühlt, sondern dass sie Voreinstellungen der Macht sind, die einigen Menschen Dinge ermöglichen, die für andere wesentlich schwieriger oder unmöglich wären. Aber daraus ergibt sich Verantwortung.

Und für Verantwortung wirbt und kämpf Margarete Stokowski in diesen Texten. Für Verantwortung und Verständnis, fürs Hinterfragen und Empathisieren, sie wirbt darum und sie verlangt danach. Sie bricht Lanzen für Menschlichkeit und Zwischenmenschlichkeit, sie zerrt Hass und Rücksichtslosigkeit, Kurzsichtigkeit und Bequemlichkeit hervor und stellt sie bloß. Nach dreihundert Seiten kann ich nur noch sagen: Wir können froh sein, eine Stimme und eine Essayistin wie Margarete Stokowski zu haben. Sie hat zumindest mir dabei geholfen weiter zu denken als bisher, vielschichtiger mitzuempfinden, genauer hinzusehen. Wenn ein Buch das leistet, dann ist es ein verdammt gutes Buch.

Zu der Anthologie “Sagte sie – 17 Erzählungen über Sex und Macht”, erschienen bei Hanser Berlin


Sagte Sie „(auch habe mich bei der Körperpflege, beim Schminken, Sportmachen und Rasieren schon häufiger mit schlechtem Gewissen gefragt, für wen ich das eigentlich tue, wenn nicht für die Männer beziehungsweise in diesem konkreten Fall C., und bin zu dem Schluss gekommen, dass mein Wille und ihrer nicht mehr trennbar sind, das heißt: Sie würden mir das gleiche Kleid aussuchen wie ich.“
(Antonia Baum)

Eine Frau beginnt zu sprechen, an ein Publikum gerichtet, gleichsam als würde sie in einem Raum, der halb Bühne, halb Gerichtssaal ist, ihren Fall vortragen. Sie spricht von ihren Zweifeln, davon wie sie selbst nicht ganz genau weiß, wie sich abgrenzen soll von der Art, wie sie gesehen wird, wie sie gesehen werden will (und wie sich das beides bedingt), dass sie sich schuldig fühlt und nicht weiß, inwieweit sie das sollte, erzählt wie sie wieder und wieder als Frau in soziale Konventionen verstrickt wird, die sie oft als unangenehm, manchmal aber auch als angenehm empfindet. Das alles breitet sie aus, aber eigentlich will sie von einem Erlebnis mit einem Arbeitskollegen erzählen; einem netten Typen, der aber dann im Taxi übergriffig wird.

Schon in dieser ersten Erzählung von Antonia Baum zeigt sich die Ambivalenz, die dieser Band und seine Thematik aushalten müssen und der in den Erzählungen, wie ich finde, letztlich über weite Strecken vielschichtig und gut Ausdruck verliehen wird. „Setzen sie sich!“ ist als Einstiegstext die perfekte Wahl, denn er erzählt einerseits eine ziemlich klare Geschichte, ist aber andererseits in seiner ganzen Inszenierung facettenreich, inkludiert viele weitere Aspekte.

Baums namenlose Frau muss sich nicht nur Zwischenrufe aus dem Publikum gefallen lassen, der ganze Rahmen, in dem sie ihr Erlebnis schildert, bildet wiederum einen Aspekt der Problematik ab: wenn sie davon sprechen will, muss sie sich ausstellen, sie muss es sich gefallen lassen, beurteilt zu werden (entweder als Opfer oder als Mittäterin, was sie natürlich beides nicht sein will) sie muss sich rechtfertigen, sich erklären. Sie findet keine Position, in der sie wirklich über sich und das Geschehene reden kann, umringt von einem Wust aus Details und Überlegungen, die sich in für und wider aufteilen, als ginge es nur darum, ob das Urteil zu ihren Gunsten ausfällt – und nicht um das Verstehen ihrer schwierigen Position, um ihre Gefühle und deren Verletzung; um sie als menschliches Wesen, nicht als Fall.

Die folgenden Erzählungen von Anna Prizkau und Julia Wolf weiten das Thema „Sex und Macht“ auf ihre Weise aus. In Prizkaus „Boss“ ist der Job der Mutter an die Bedingung geknüpft, dass sie etwas mit ihrem Chef hat. Julia Wolfs Erzählung „Dickicht“ ist einer der eigenwilligsten Texte des Bandes, stark fokussiert auf die Eigenständigkeit des Narrativ. Er arbeitet auf verschiedenen Ebenen mit den Motiven Angst und Verletzlichkeit, ohne sich klar zu positionieren, bleibt ausdeutbar.

Anett Gröschners „Maria im Schnee“ ist dagegen die knappe, schonungslose Schilderung einer Vergewaltigung. Die namenlose Frau wird von diesem Gewaltakt wie in zwei gerissen – der betrunkene Vergewaltiger glaubt in ihr eine andere Person zu erkennen, eine Maria. So erleidet sie die Vergewaltigung zweifach: in den eigenen Schmerzen und Gefühlen und in der Taten- und Hilflosigkeit der Betrachterin gefangen. Sie ist das Opfer, aber auch Maria ist das Opfer. Maria und alle anderen Frauen, von denen Männer glauben, sie würden gerne oder willig ihrem sexuellen Verlangen Abhilfe schaffen (sie wären dazu da) und man könnte das einfach jederzeit von ihnen erwarten, verlangen, fordern. Gröschner schildert den Vergewaltiger als verstörten Mann, als Individuum, das fast schon Erbarmen weckt; aber sie zeigt im selben Moment: auch hilflose Gesten können Gesten der Gewalt sein. Es gibt in den gesammelten Essays von Magret Atwood eine Stelle, wo es heißt:

»Wieso fühlen sich Männer von Frauen bedroht«, habe ich unlängst einen Freund von mir gefragt […] »Ich meine, Männer sind doch größer«, sagte ich, »meistens jedenfalls, können schneller laufen, besser würgen, und im Schnitt haben sie auch viel mehr Macht und mehr Geld.« »Sie haben Angst, dass die Frauen sie auslachen«, sagte er. »Ihre Weltsicht belächeln.« Und dann fragte ich in einem improvisierten Lyrikseminar ein paar Studentinnen: »Wieso fühlen sich Frauen von Männern bedroht?« »Sie haben Angst, dass sie umgebracht werden«, hieß es lapidar.

Und diese Angst vor männlicher Gewalt ist leider alles andere als unbegründet; alle Zahlen belegen, dass Männer sehr viel gewalttätiger als Frauen sind (nicht nur gegen Frauen) und ihre Motive ändern nichts daran, dass es Gewaltakte sind.

Der folgende Text von Annika Reich, „Der Fleck“, besticht durch seine Bilder, durch seine Art, sich an Dinge heranzutasten. Die Protagonistin ist mit ihrer Mutter in China und erlebt dort eine ungewohnt asexualisierte Atmosphäre. Diese Abwesenheit bringt ihre Protagonistin zum Nachdenken. Vor allem denkt sie darüber nach, was die sexualisierte Atmosphäre zu Hause mit ihr macht/gemacht hat:

Ich hatte keine fremde Hand mehr am Arsch. Keine Hand mehr am Arsch, keine am Busen, keine an der Hüfte, der Taille, dem Nacken. Die fremden Hände waren von mir abgefallen wie Gipsabdrücke, die abgetrocknet keinen Halt mehr fanden, keinen Halt und vielleicht auch keinen Gefallen mehr an mir. […] Mein Körper, hin- und hergerissen zwischen einer hingebungsvollen und einer straffen Beziehung zu sich selbst, meist gleichzeitig weich und verspannt, hatte sich im Hohlraum dieser Griffe geformt.

Außerdem gibt es da noch ein totgeschwiegenes Familiengeheimnis, über das Reichs Protagonistin endlich mit ihrer Mutter reden will. Die ganze Konstellation, zusammen mit den introspektiven Einschüben, breitet eine Palette von Themen aus: das früher vorherrschende (und bis heute angewandte) fast schon chronische Verschweigen oder Kleinreden von sexuellen Übergriffen in der Familie; die in der Gesellschaft immer noch präsente Vorstellung, eine Frau sei nichts ohne einen Mann ganz gleich, ob sie nun glücklich ist oder nicht; das Flirten als Erwartung, als Pflicht geradezu, als Aufmerksamkeitsvoraussetzung, und anderes.

In der Beziehung Mutter und Tochter wird der Generationenkonflikt – die alten Muster auf der einen, die langsam sich durchsetzenden Überzeugungen auf der anderen Seite – verhandelt, aber auch das generationsübergreifende Verständnis füreinander, weil die Erfahrungen trotzdem oft dieselben sind.

Einen spannenden Text hat auch Margarita Iov geschrieben: „Das Wasser des Flusses Lot“, eine Geschichte, irgendwo zwischen Parabel und feingesponnener Erzählung liegend, die ich bereits dreimal gelesen und noch immer nicht ganz durchdrungen habe. Sehr lesenswert, ich wünschte, ich könnte mehr dazu sagen, traue mir aber eine Analyse nicht zu. Anja Kümmel ist in ihrer Besprechung beim Onlinemedium Fixpoetry sehr gut auf diese Erzählung eingegangen.

Ich gebe zu, dass mich die nächsten beiden Texte – Anna Katharina Hahns „Drei Mädchen“ und Helene Hegemanns „The day I fucked her husband at the lake“ – etwas ratlos zurückgelassen haben. Ich kann sie im Kontext verorten, aber ihre Dynamiken verblüffen mich.

Hahn dreht den Spieß quasi um und schildert eine Kinderhortszene, in der die Mädchen als die stärkeren Personen auftreten, die Jungen dominieren und vielleicht auch ein wenig tyrannisieren. Ohne Zweifel ein spannender Beitrag, der auch die unbequeme Frage nach der generellen Problematik von Machtverhältnissen und ihrem natürlichen Zustandekommen aufwirft.

Hegemann wiederum erzählt eine Geschichte von einigen Aussteigern, die – halb Hippies, halb Millennials – am Meer in Kanada leben, ohne Strom, fließend Wasser – und ohne Sorgen. Hegemann verhandelt zwar gut die Themen Anziehung und Begehren (deren Individualität), und wie Rollenbilder, Besitzverhältnisse, etc. Einfluss darauf haben, trotzdem kommt ihr Text ein bisschen aus dem Nichts und verschwindet dort auch wieder, hat irgendwie keinen wirklichen Dreh- und Angelpunkt. Möglicherweise ist das aber auch ein Feature und kein Fehler.

Anke Stellings Text „Raus“ schildert die langsame Entfremdung der Ich-Erzählerin von einer befreundeten Dichterin, die von ihrem Mann tyrannisiert und nach allen Regeln der Kunst untergekriegt und abgeschottet wird, ohne, dass sie sich dazu in der Lage sieht, etwas dagegen zu unternehmen. Einer der geradlinigsten Texte, einer der psychologischsten.

Nora Gomringer entfaltet in ihren Monologen „aus dem dazwischen“ ein Kaleidoskop von Ansichten und Erlebnissen, angefangen beim noch nicht in die Pubertät eingetretenen Mädchen, das einen Übergriff durch einen Typen im Schwimmbad erlebt und beschließt, möglichst unauffällig, möglichst unattraktiv zu werden, um nicht mehr in Gefahr zu sein (denn nur als solche nimmt sie Begehren nun wahr: als Gefahr) bis zu einem Mann, der darüber klagt, dass er nicht mit allen Arschlöchern in einen Topf geworfen werden will, nur weil er einen Penis hat, den er schön findet, ebenso wie er Frauen schön findet und begehrt, während er damit hadert, dass sein Begehren auch als etwas Unerwünschtes wahrgenommen werden kann, als eine Zumutung.

Jackie Thomaes Beitrag „Unsexyland“, in einer nahen Zukunft spielend, überzeugt vor allem als klassische Narration, enthält eine der besten szenischen Schilderungen und zeichnet, ähnlich wie der Text von Hegemann, sehr gut Begehrensstrukturen nach, ihr Durchhaltevermögen, gleichsam ihre Irrationalität und ihre Fragilität.

Ein bisschen enttäuscht war ich von Margarete Stokowskis „Zurück“. Als großer Fan von „untenrum frei“ und der dort vorherrschenden, gelungenen Verquickung von Erlebnisbericht und essayistischer Ausformung, erscheint mir dieses Prosastück etwas blass, die Figurenkonstellation etwas zu gewollt. Vielleicht ist es eine wahre Geschichte – wenn sie fiktiv ist, wirkt das Nebeneinander zweier Thematiken (Obdachlosigkeit und sexueller Missbrauch – wohlgemerkt: nebeneinander, nicht in einer Figur zusammengelegt), etwas überinstrumentiert. Möglicherweise tue ich der Erzählung Unrecht – und mir ist klar, dass es problematisch ist, zu einem Text mit dieser Thematik einfach Geschmacksurteile abzugeben. Möglicherweise habe ich die Idee hinter dieser Zusammenführung nicht ganz verstanden.

Kristine Bilkaus „Die kurze Zeit der magischen Logik“ fängt einen weiteren Aspekt der Thematik Geschlecht und Macht ein. In ihrer Geschichte erlebt eine Mutter, wie ihre Tochter beim Spielen von zwei Jungen geärgert wird, ohne, dass die Jungen dafür von dem befreundeten Elternpaar wirklich gemaßregelt werden – am Ende ist es ihre Tochter, die sich bei den Jungen entschuldigt, weil sie wieder mitspielen will.

Am Ende noch zwei Highlights. Zum einen Mercedes Lauensteins Dialogtext „Die Wahrheit“, der die Lesenden auf ambivalente, mitunter durchaus amüsante, dann wieder ernste Weise mit Erwartungsstrukturen konfrontiert, wie vor allem Frauen sie ständig durchlaufen müssen, durch sie hindurchgeschleust werden. Und ständig in der Lage sind, reagieren zu müssen.

Fatma Aydemirs Text „Ein Zimmer am Flughafen“, mit dem der Band schließt, berichtet wiederum von einem Übergriff und wie eine Frau diesen Übergriff jemand anderem anvertraut. Die andere Person kennt den Übeltäter: es ist sein Schwager. Er will sie zu einer Aussage überreden, damit seine Schwester den Mann verlassen kann. Sie leugnet alles, zieht sich zurück. Im Licht dieser Erzählung wird noch einmal deutlich, was ein Übergriff mit einer Person macht, wie Machtausübung auch abseits des tatsächlichen Aktes geschieht, wie toxisch sie ist und wie viele Spuren von ihr zurückbleiben.

„Sagte Sie“ ist nicht nur ein Buch über sexuelle Gewalt, aber in jedem Text werden Gefälle sichtbar, zeigt sich die Schmalheit der Schwellen, an denen sich Begehren in Übergriffigkeit, Reiz in Gewalt, Interesse in Machtausübung verwandelt. Es erzählt, anschaulich und vielschichtig, und in seinen Erzählungen wird deutlich und ersichtlich, wie sehr menschliches Zusammenleben von den Auswüchsen der Problematik „Sex und Macht“ überzogen, umrankt, teilweise überwuchert wird; nicht in jedem Fall, aber oft genug.

Deswegen ist der Band lesenswert, sollte gelesen werden: als Auseinandersetzung, die viele Dimensionen abdeckt, die schildert, die den wichtigen Klartext mit wichtigen Zwischentönen versieht (ohne den Klartext damit zu untergraben). Das Buch sucht den Dialog und stellt gleichzeitig die Dinge dar, schlicht und direkt. Ich habe viel Eindrückliches mitgenommen und gleichsam viele Denkanstöße.