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Zu Walle Sayers Band “Strohhalme, Stützbalken”


„Katzentapser und wie es auf Mülltonnen schneit.
Fern werden Nachttresore geleert und Kummerkästen.”

Es gibt Dichter, die dich bei der Hand nehmen, bei denen das Begegnen in jeder Zeile vorhanden ist und stattfindet, in etwa wie an einem stillen Frühlingsmorgen für einige Augenblicke alles erfahrbar ist und jeder Eindruck nach einem anderen geschieht und erst im Nachhinein zu dem Frühlingsmorgen als Ganzes verschmilzt. Solche Dichter warten in ihren Gedichten auf die Aufnahme des Lesers in ihre Geste, jede Zeile ist Ankunft und nicht Abfahrt; in diesen Gedichten ist oft etwas enthalten, das über verschiedene Gedanken und Ansichten hinweg ein luzider Begriff ist, eine Idee dessen, woraus Momente im Leben gebaut sein könnten.

“Der am äußersten Ast aufgehängte Meisenknödel
pendelt eine Winterfrage aus.”

Walle Sayer schreibt seine Gedichte, wie man Kerzen, eine nach der anderen, ausbläst, mit leichter Traurigkeit, aber auch einer Gewissheit, in welcher schon das in Formung begriffene Bleiben geschwenkt wird – das Außen wird zum Bild, das Innere übernimmt die Bewegung des Außen in Gefühl und Erinnerung hinein.
Im Angesicht eines Gedichts sehen wir oft erst, wie stark wir selbst Resonanzkörper sind, unser Erlebniswiderschein der Welt ihre Tiefe gibt.

Sayers Gedichte bestehen ganz aus einer Unwillkürlichkeit, die sich so niederschlägt wie eine kleine Ewigkeit. Ihre Kürze machen sie in der Länge des Miteinanders, dass der Leser empfindet, wett; zum Beispiel wenn er sehr behutsam eine gleichsam quicklebendige und starre Erinnerung auferstehen lässt, zu der viele bestimmt ein eigenes Äquivalent kennen:

“Die Stelle, wo die Umkleidekabine stand.
Ein Bretterverschlag in seiner Verschwundenheit.
Allein das Astloch, das verblieb.
[..]
In der Rückwand der Luft.”

Die Fähigkeit des Menschen aus der Zeit heraus in die Erinnerung einzutreten und sich die physische Welt als Raum zu bewahren, der auch alte Züge annehmen und mit ihnen ausstaffiert werden kann, anknüpfend an Gefühle und Gerüche, Erlebnisse unseres Lebens, ist eine wesentliche Magie unseres Daseins. “Vielfältig wie die Tönungen eines Herbstwaldes”, wie Chesterton sagen würde, treiben Gedichte alte Wahrnehmungen als neue Pflänzchen hervor; und auf dem Papier lassen sie sich immer wieder lesen, sind präsent als Tür und Tor zu dieser uns so einmalig erschienenen Nähe. Walle Sayer hat in seinen besten Gedichten sehr viel von dieser Nähe, von den Verbindungen zu unserer Wahrnehmung gesammelt und in knappen Worten aufleuchten lassen, aber auch wo er nur ein Bild schafft, ist das Ergebnis beeindruckend.

“Ein Eiszapfen
träufelt Augentropfen
in das Starren der Tonne.”

Hätten Momente Initialen, würden sie, ins Gefühl übersetzt, oft wohl so aussehen, wie Sayers Gedichte. Man kann seinen neuen Band sehr gut nur für ein-zwei Gedichte zur Hand nehmen, nur um sich in aller Ruhe am sonnenfleckigen Wind einer kurzen Chiffre für unser Dasein und dadurch unseres ganzen inneren Lebenswertes zu erfreuen. Poesie ist in keiner Form wirklich kompliziert, eigentlich muss man nur immer Tranströmers Worte beherzigen: “Es ist wie ein Gebet zur Leere./ Und die Leere kehrt uns ihr Gesicht zu/ und flüstert:/ Ich bin nicht leer, ich bin offen”. Walle Sayer sind auf besonders schöne und klare Weise offen. Und deswegen sind sie sehr lesenwert.

“Und jede Weltreise beginnt auf einem Dreirad,
eine staubige Hauptstraße hinunter,
an drei Misthaufen vorbei.”

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Zu Josef Winklers (Un!-)Stillleben in seinem Buch “Natura morta”


Alle Wahrnehmungen ausdrücken, das kann nur die Wahrnehmung selbst, kann nur das Auge. Ein Wort kann Wahrnehmung komprimieren, von einem Wort kann eine größre Wahrnehmung sich ausdehnen, ausgehen, ein Wort kann eine Erfahrung an die Stelle einer Wahrnehmung setzen. Ein Wort schreibt sich auf die Flächen der Wahrnehmung und richtet all ihre feinsten Reflexe und Schnitte, magnetisch nach sich aus und prägt so das Muster und verfasst den Kern der Erfahrung.

Eine besondere, eigenwillige Ausformung von Wahrnehmung als Sprache (und Sprache als Wahrnehmung) begegnet einem in Josef Winklers Natura morta. Hier gehen einem nicht die Augen, hier geht einem die Sprache über. Unter filigranen und zugleich ausufernden Bögen – gebaut, gemauert, aus Naturalien und Adjektiven – schwenkt uns Winkler in einer Schüssel aus Schweiß, Verlangen, Reliquien, aus Mode, Marter und Müll, macht uns zum Inhalt eines direkten und abschweifenden Blicks, der durch römische Märkte und menschliche Niederungen kreuzt.

Kaum ein Moment dieses großen Schweifens, gelegentlichen Schöpfens und dann wieder Wegdriftens, lässt sich wirklich im Leser nieder. Wie ein Fremder und nur brüchig Eingeweihter halten wir uns die Linse der Erzählung vor das Auge, erfassen immer wieder Personen, Szenen, finden unsern Abstand verringert und vergrößert, verweilen fast bei einem Moment, dann wird uns wiederum der Kopf verdreht, in eine andere Richtung, in eine andere Geschichte hinein, die sich nie ganz erzählen wird, aber an diesem Punkt, in diesem Moment, in eine große Wirklichkeit gehört. Informationen und Andeutungen mischen sich und werden aufgetragen auf das Gesicht der Stadt, des kleinen Marktviertels, des vatikanischen und elendigen Alltags.

Winklers Buch ist, wie schon oft betont, ein sinnliches Erlebnis, aus einer Sprache steigend, die halb Rhetorik, halb Unnachgiebigkeit ist. In einem Vorbeirauschen und doch Mosaikwerden, werden wir auf eine Gedulds- und Faszinationsprobe gestellt. Wer eine klassische Geschichte sucht, ist in diesem Buch so verloren, wie einer, der in einer Stadt wie Rom das Antike in den Elendsvierteln sucht. Und doch hat dieses Buch eine ganze Reihe von Geschichten zu bieten, nur eben nicht wohlsortiert, sondern in die Eindrucksschneisen eingesät, aufblitzend und in der Erde strampelnd.

Es wäre zu viel des Guten wollte man Winklers Buch ganz hoch in den Himmel loben. Aber es hat etwas Elementares, etwas Lebensgerechtes, das man nicht alle Tage lesen kann und aus dem das Anrecht auf das Wort Literatur nicht wegzudiskutieren ist. Alles in allem wälzt sich das Buch ab und zu nur so vor sich hin, aber immer wieder geht dann ein Reiz von ihm aus, eine Geschichte kündigt sich an, verschwindet im Gedränge der Wahrnehmungen und lässt einen neue Untiefe zurück.

“the ivory perfoming rose of you”. Mit erotischen Gedichten von E.E. Cummings auf allen Sinnen ins Spiel der Sinne


“press easily (drück leicht)
at first, it will be leaves (am anfang ist da laub)
and a little harder (und etwas fester dann)
for roses (für Rosen)
only a little harder (nur etwas fester)

last we (am ende wir)
on the groaning flame of neat huge (auf der stöhnenden flamme niedlichen gewaltigen)
truding kiss (trägen kusses)”

Den meisten dürfte der amerikanische Dichter E. E. Cummings (wenn überhaupt) aufgrund einer einzigen Zeile bekannt sein: “nobody, not even the rain, has such small hands”. Das 8zeilige Gedicht mit dieser Schlusszeile kommt nämlich in Woody Allens Film “Hannah und ihre Schwestern” vor, was für mich den Film zeitlebens mit diesem Dichter verbinden wird und mir des Weiteren die Entdeckung eines der schönsten Poeten englischer Sprache bescherrt hat.

Denn ebenso wie den Übersetzer dieses Buches, hatte auch mich diese Zeile damals so verzaubert und ich tat viel dafür, einige Gedichte von Cummings in Anthologien aufzutreiben oder direkt auf Englisch zu lesen – das scheiterte schnell an meinem damals begrenzten Wortschatz, aber ich nahm mir vor mich irgendwann einmal genau mit ihm auseinanderzusetzen.

Bis heute ist die Lyrik des Amerikaners, vielleicht wegen ihrer experimentell anmutenden Ansätze, für Übersetzer und unbedarfte Leser eine Herausforderung. Viele seiner Gedichte leben von Stimmungen und Bildern, die das Englische wie von Zauberhand, häufig allein aus Betonungen, Leerstellen & Pausen und sehr speziellen Adjektivketten und – verbindungen, beschwört – der Dichter Louis MacNeice schrieb einmal, Cummings habe “die englische Sprache an ihren Fingerspitzen magisch gemacht”. So könnte man es ausdrücken. Dies gilt speziell für seine erotischen Gedichte, die hier, in diesem Band der C.H. Beck Textura, aus den verschiedenen Epochen seines Gesamtwerks zusammengetragen wurden.

“your smiles accuse (deine lächeleien klagen)
the dusk with an untimid svelte subdued (die dämmerung an mit unzaghaftem anmutigem gedämpftem)
magic (zauber)
while in your eyes there lives (während in deinen augen ein)
a green egyptian noise. (grüner ägyptischer lärm lebt.)”

Cummings war immer ein leicht erotischer, oder vielleicht besser: sinnlicher Dichter, da seine Gedichte oft alle Sinnesorgan ansprechen. Als drücke man die Worte hinein in die Welt und sie nehmen sofort alles auf: Eindrücke, Gedanken, Berührungen, Gerüche, Bilder, Namen, Farben.
Es ist ein Balanceakt, sich dem völlig hinzugeben, darin einzutauchen und einen eigenen roten Faden zu finden. Man sollte nicht denken, dass diese Poesie in irgendeiner Form “kompliziert” ist, überhaupt nicht – Cummings gehört wahrscheinlich sogar zu den unprätentiösesten Dichtern aller Zeiten. Aber er ist vielschichtig, facettenreich und manchmal verschlüsselt er seine Ideen bis sie so dicht werden, dass man nicht mehr weiß, was Metapher ist, was Anspielung, was Bild, was Ahnung, was Ausdruck, was Eindruck.

Facettenreich ist auch die Palette an Themen, um die sich seine erotischen Gedichte drehen. Da sind die ganz persönlichen Erlebnisse, da sind die poetisch-sinnlichen Verschleierungen, die Liebkosungen, die Resignation des erotischen Alltags, Nutten, Stripperinnen, feine Damen und alberne Mädchen, Erlebnisse und Fantasien. So können Ton und Ausdruck dieser Lyrik eine efeuartige Glückseligkeit und frühlingshafte Lebendigkeit einfangen, voller erster Liebe und Verlangen:

“du batest mich zu kommen: es regnete ein wenig,
und der frühling; eine tolpatschige helligkeit der luft
stolperte wunderbar über den platz,
kleine verliebt-kaulquappige leute zappelten […]
blätter rüttelten
zum schüttelnden duft des neuen
– und dann. // Meine verückten Finger mochten dein Kleid
…. dein kuss, dein kuss war eine klare zerbrechliche
blume”

oder auch die lieblose Vereinigung und die burleske Seite des Eros:

“die schmutzigen farben ihres kusses haben eben
abgedrosselt
mein sehnendes blut, ihr herzgeplapper

hat einen weinenden wolkenkratzer vernietet
in mir.”

Bei all dem kann es mit wortloser Zärtlichkeit zugehen oder mit überschäumender Lust an Sprache und sprachlichen Zuspitzungen; Präzision kommt unter der Hand ins Spiel, denn es gefällt cummings meist, nicht von Lust oder Begierde zu reden, sondern der Faszination nachzugehen, die in diesen Gefühlen liegt – eine Art, das Erotische eher in seiner Beispiellosigkeit als in seiner Blöße zu beschreiben; trotzdem können die Gedichte auf Umwegen auch einigermaßen deutlich werden, ohne einen Funken Rohheit, eher mit einem Funken Gänsehaut:

“there is between my big legs a crisp city. (es liegt zwischen meinen großen beinen eine feste stadt)
when you touch me (wenn du mich berührst)
it is spring in the city; the streets beautifully writhe, (ist frühling in der stadt; die straßen winden sich wunderschön;)
it is for you; do not frighten them (es ist für dich; ängstige sie nicht)
all the house terribly tighten (all die häuser straffen schrecklich sich)
upon your coming: (bei deinem kommen)
and they are glad (und sie sind froh)
as you fill the streets of my city with children. (wenn du die straßen meiner stadt mit kindern füllst.)”

Zur Übersetzung:
Ich habe bei den Beispielen meist die deutsche Übersetzung dazugeschrieben, da ich finde, dass Ich hier keine Meinung über die Übersetzung vorfertigen sollte – jeder sollte zuerst die Chance haben sich selbst einen Eindruck zu verschaffen, um sie dann mit meinen Ansichten zu vergleichen …
Ich persönlich finde, dass die Übersetzung sehr ambivalent und zwiespältig zu betrachten ist, im höchsten Maße geradezu. Man spürt oft die Intention des Übersetzers, ganz nah, also wörtlich, bei Cummings zu bleiben und hier und da merkt man dann wiederum, dass die Übersetzung gerade dann glückt (und der Übersetzter das wohl auch wusste), wenn er sich eine kleine Freiheit erlaubt, die letztendlich gar keine echte Freiheit ist, sondern eine perfekte Übersetzung, die die Stärken der deutschen Sprache ausspielt, wo Cummings es im Englischen tat. Um das einmal zu illustrieren:

“how beautifully swims (wie wunderschön schwimmt)
the fooling world in my huge blood, (die flausenwelt in meinem riesigen blut,)
cracking brains (und knackt hirne) ”

Flausenwelt ist hier eine etwas freie, aber geniale Übersetzung, die den Charakter der Zeile einfängt – dagegen ist riesig für das Blut hier etwas kar, zu nah, zu einfach aus der Wörterbuchdefiniton von “huge” hergeleitet. Es ist auch gewiss keine “schlechte” Übersetzung, keinewegs. Aber schließlich muss man einmal ganz klar sagen: Wenn man will, dass die Magie eines Gedichts erhalten bleibt, muss man nicht nach dem Motto “was soll das Wort bedeuten” übersetzen, sondern nach der Frage “was will der Autor sagen und wie kann ich es in meiner Sprache sagen ohne vom Text abzufallen”. Vielleicht ist riesig sogar die beste Kompromisslösung – Es gibt einfach im Deutschen wenig Worte die von Größe sprechen und doch zärtlich sein können wie “huge”, unsere klingen mit “gigantisch” oder “gewaltig” oder “riesig” immer nach “zu hoch hinaus”. Trotzdem fällt es deutlich ab.

Die Zärtlichkeit und Ungebremstheit der Worte, in denen Taten, Haltung und Sinne verschwimmen, ist das, was einen in diesem Band erwartet. Manche Momente darin gehen eher in Richtung “sensation”, manche in Richtung “love”. Und die Bezeichnung “erotisch” kann man bei dem ein- oder anderen Gedicht ruhig wörtlich nehmen; bei anderen ist es nur der Kern und nicht der Rezeptor, nicht der Inhalt. Da geht es dann meist eher um die Liebe und die Anziehung und was sie mit Erotik zu tun hat – etwas, das man bei Cummings gut lernen kann.

“Do you believe in always, the wind
said to the rain
I am too busy with
my flowers to believe, the rain answered”

Kleine Empfehlung zum ersten Buch von Robert Walser


“Fritz Kochers Aufsätze”, so heißt die Prosa, die Robert Walser 1904 herausgibt. Sie ist springend, singend, voller Lebensfreude, Ironie und Geist und trotzdem naiv und sinnlich.

Es sind kleine Prosaminiaturen, zu fast jedem Thema: Natur, Freundschaft, Armut, eine Feuersbrunst, Beruf & Weihnacht. Sie zeichnen sich durch eine wahrlich beeindruckende Kindlichkeit und Unschuld aus – Erinnerungen und Gefühle mischen sich mit dem Charakter der Abhandlung.
Es sind also wahrlich ‘schöne’ Texte, ein Lese- und Abschweifvergnügen, das uns Bilder und Momente schenkt, das zaubert und kaum etwas diktiert.

Am Schluss finden sich noch zwei umfangreichere Texte:

Mit “Ein Maler” geht er dem Wesen des Künstler auf seine eigene naiv-verspielte Weise auf den Grund und lässt allerhand geistreiches zum Schaffen und zum Künstler selbst verlauten, wobei ihm als Ich-Erzähler ein fröhlicher Maler (einem unverkennbar ‘leichten’ Walsercharakter, ein Abbild fröhlicher Gesinnung, und leicht weltferner Traurigkeit, der sich durch sein ganzes Werk zieht) dient, der auf einem Schloss bei einer Gräfin in den Bergen wohnt. Ein wunderbar tiefes Portrait mit einer Fülle von geschwungenen Betrachtungen.

Mit “Der Wald” hat Walser dann etwas geschaffen, was man jedem Hobbyautoren zur Lektüre geben sollte. Es ist ein wunderbares Kreisen und Blicken (wie ich es sonst nur in Gedichtform bei Rilke kenne) um das Wesen des Waldes, seine Anmut, seine Größe, seine Ruhe, seine Kraft. Es wie ein Bilderrausch und eine fesselnde Geschichte zugleich – es ist ein Erleben, dass uns bekannt vorkommt wie das Leben in uns selbst:
“Am Abend, o wie wundervoll sind da die Wälder! Wenn über dem Dunkelgrün der Bäume und Waldwiesen hochrote und tiefrote Wolken schweben und das Blau des Himmels von so eigentümlicher Tiefe ist! Alsdann ist Träumen für den Schauenden und Ankommenden eine längst vorbestimmte Sache. Alsdann findet der Mensch nichts mehr schön, weil es viel zu schön ist für seine Sinne. Er lässt sich dann, ohnmächtig und ergriffen, wie er ist, mehr von dem Tiefschönen anblicken, als das er es selbst anschaut. Schauen ist dann eine umkehrte, vertauschte Rolle.”

Romantische Ästehtik, vermischt mit träumerischem Glanz und hier und da einer visuellen Verdichtung, die fast schon wieder wie reine Erfahrungswiedergabe wirkt.
Walser sollte man einmal lesen. Und mit diesem seinen ersten Werk lässt sich  auch gut beginnen.

Kurz zu Gehard Meiers Gedichtwerk in “Einige Häuser nebenan”


“Der Acker hißt die Maisblattsegel
mittschiffs
einsamer Passagier
die
Vogelscheuche.”

Es ist mir immer sehr schwer gefallen über Lyrik als ein Spiel der Symbole zu schreiben. Wenn der Winter (pauschal) die Trauer, der halbe Mond über dem abgebrochenen Zweig die Liebe ist und die See das Ewige, was ist dann der Inhalt des Gedichts? Eine geometrische Figur der Fingerzeige?, ein Konstrukt, dessen Schönheit sich aus dem Folgen mit den Fingern entlang der eingeritzten Linen erweist.

Nein, zumindest für mich nicht. Denn die besten Gedichte treffen einen doch wie die anderen großartigen Erlebnisse und Ereignisse ganz plötzlich, ja die Kraft und Weite dieser Momente ist oft erst im Nachhinein voll erfassbar, weil man es währenddessen erstmal total genießt, total darin ist. Der Zauber eines Gedichts ist in etwa wie ein tiefenräumiges Bild: zuerst schaut man nur und dann erst fängt man an zwischen den Farben und dem Sinn und der Form zu differenzieren.

Gerhard Meier, geboren 1917, gestorben 2008, war ein Meister der Prosa. Seine Amrainer Tetralogie ist bis heute ein wichtiges Werk der knappen, deutschen Innerlichkeit. Bevor er diese Vollendung seines Werkes erreichte und bevor er seine ersten Romane schrieb, veröffentlichte er zwei Gedichtbände und einige Bände mit kurzen Prosacapriccios. Gerade auch die letzteren sind von großer poetischer Schönheit und können zum dichterischen Frühwerk gezählt werden.

“Am Kran
hängt der Mond
an Wänden der WCs
van Goghs vervielfältigte Zugbrücke
In Schneedünen liegen Häuser
An Cheminées spricht man
vom einfachen
Leben

Wind
Sanftmütiger
seit langem versuchst du
den Bäumen das Gehen beizubringen du
Unbelehrbarer”

Insgesamt ist das lyrische Werk Meiers leider sehr übersichtlich, obwohl sich seine Poesie, wie bereits erwähnt, in der Prosa fortsetzt. Hier und da ist auch etwas gereimt, aber am sichersten sitzen die einfachen, freien Verse, da muss Meier keine Abstriche bei seiner eigenwilligen Stilistik machen.

Die meisten der Gedichte sind Momentaufnahmen; kaum eines ist länger als eine Taschenbuchseite, viele nur halb so lang. Eingefangen wird jedoch sehr viel, von der Stimmung am Anfang und Ende der Jahreszeiten, über viele bezeichnende Nebenattitüden (“Gehirne müllern/wie immer/Geist” – “Alte tragen ihr Weltbild/ durch die Städte”) bis hin zu eindrucksvoll-melancholischen Rahmungen des Weltgefühls. Wirkliche Geschichten gibt es nicht, auch keine Meinungsgedichte. Es ist der leise und doch immer wieder mit wunderbaren Wendungen aufwartende Ton (“Im Panzerschrank des Zivilstandsbeamten/ blühen die Stammbäume”), der die meisten dieser Gedichte zu kleinen Perlen macht, und sei es auch nur um sie einmal mit viel Genuss zu lesen und im Geist zu spüren.

In der Art der Diktion und kargen, melancholischen Schönheit, haben mich diese Gedichte vielfach an den Dichter Rainer Malkowski erinnert, auch er ein wunderbarer Maler von Skizzen, denen man die Farben selbst zugibt. Ich empfehle ihre beiden Werke weil ich der Überzeugung bin, dass wir Gedichte brauchen, um uns selbst immer wieder einen Eindruck von der Schönheit der Sprache und den Zügen der Wirklichkeit zu geben. Dafür müssen wir, wenn wir wollen, nicht einmal abstrakte Worte im Kopf hin und her wenden oder unsere Zähne in die Lyrik ausländischer Autoren in schlechter Übersetzung schlagen (was hier nicht polemisch, sondern augenzwinkernd gemeint ist), denn es gibt so viele gute deutsche Dichter, bei denen es einfach reicht ihre Bücher in die Hand zu nehmen, sie aufzuschlagen und einfach nur zu lesen und zu staunen. Gerhard Meier gehört zu diesen Dichtern. Auch nicht jedes seiner Gedichte kann gut sein, aber wer suchet der findet. Wie Erich Fried schrieb:

“Wer von einem Gedicht seine Rettung erwartet,
der sollte lieber lernen, Gedichte zu lesen.
Wer von einem Gedicht keine Rettung erwartet,
der sollte lieber lernen, Gedichte zu lesen.”

Link zum Buch

Zu Stefan Zweigs gesammelten Gedichten in “Silberne Saiten”


“Treten möcht’ ich durch die offene Pforte
Und im Dämmer einer Liebste Worte
Flüstern, bis Gewährung ihre Wangen rötet,

Dort, wo hinter goldumglänzten Gittern,
Rote Rosen vor Erwartung zittern
vor dem Herbst, der sie in seinen Armen tötet…”

Stefan Zweig, Novellist, Essayist und Historiker, veröffentlichte bereits im Alter von 19 Jahren seinen ersten Gedichtband, der auch prompt freundlich durchgewinkt wurde. Der Titel dieses ersten Werkes entstammte einer Zeile aus einem Roman, den schon Rilke mit besonderer Intensität rühmte: “Silberne Saiten”, entnommen aus dem Buch Niels Lyhne, welches Rilkes als sein Lieblingsbuch (nach der Bibel) bezeichnete.

“Ist denn wirklich Traum das Leben,
Sinnen süßer als das Schaun?”

Rilke und Hofmannsthal waren die Vorbilder dieser ersten 50 Gedichte. Sie sind überwiegend schön, sehnsuchtsvoll, leidenschaftlich, in klassischen Reimen, blumig, kreisend. “Mehr Traum, weniger Leben, aber deswegen nicht weniger Schönheit”, schrieb Zweigs Freund Emile Vernhaegen in einem Brief. Dieser Meinung kann ich mich anschließen.
Später kamen noch die “Frühen Kränze”, verstreute Verse und längere Gedichte zu Ehren von Künstlern hinzu (Rodin, Mahler, Dostojewski (letzteres auch enthalten in Sternstunden der Menschheit). Immer ist seine Lyrik stillvoll und ein an den rilkschen Symbolismus angenäherter Ton, der alle Dinge zum Kreisen ihrer Selbst und ihrer Verbindungen macht, dominiert, vor allem in den Gedichten der mittleren Periode, die an die Ding-Gedichte aus den Neuen Gedichten erinnern.

“Die Tage stiegen längst die goldenen Leiter
Des Sommers nieder, Spätglanz wärmt das Land.
Die Schatten wachsen früh und fallen breiter
Von allen Bäumen in des Abends Hand.”

Es ist fast unumgänglich Zweigs Lyrik als eines der letzten Werke der klassischen Dichtertradition sehen (Zweig starb 1942 durch Selbstmord), ihn selbst als einen der letzten Dichter, der noch frei sagen konnte, dass “des Herzens Hammer nicht/ So ohne Antwort in die Stille fällt”. In der heutigen Dichtung ist es üblich, dass des “Herzens Hammer” in die Stille fällt, oder sogar dabei etwas zum Verstummen bringt. Zweigs Gedichte sind der letzte Markstein empfindsamer, teilweise schwärmerischer, teilweise besinnlicher Poesie; er war der letzte Sänger, der mit Empfindungen wie mit impressionistischen Farben malte, auf Leinwände des Überschwangs, der ohne Zweifel beinahe jedes schöne Wort gebrauchte und doch die Wirklichkeit im Fokus all seiner Wortwünsche hatte.

Und man muss dieses Werk, trotzdem Zweig später gute und sogar teilweise beeindruckende Langgedichte schrieb, als ein Nebenwerk betrachten. Die Prosa war sein Metier, das er auf sehr elegante, gefühlsbetonte Weise beherrschte. Zweig selbst, sollte erwähnt werden, war auf viele seiner Gedichte stolzer, als auf seine Prosa.

Zweigs letztes Gedicht, geschrieben an seinem 60. Geburtstag ist ein Abbild der meisten seiner lyrischen Produkte: streng, voller Klangfreude, sinnend, einfach und schlicht.

“Linder schwebt der Stunden Reigen
Über schon ergrautem Haar
Denn erst an des Bechers Neige
Wird der Grund, der gold’ne klar.

Vorgefühl des nahen Nachtens
Es verstört nicht – es entschwert!
Reine Lust des Weltbetrachtens
Kennt nur, wer nicht mehr begehrt.

Nicht mehr fragt, was er erreichte,
Nicht mehr klagt, was er gemisst
Und dem Altern nur der leichte
Anfang seines Abschieds ist.

Niemals glänzt der Ausblick freier
Als im Glast des Scheidelichts,
Nie liebt man das Leben treuer
Als im Schatten des Verzichts.”

Es lohnt sich diese schönen lyrischen Spiele zu lesen, sich von ihnen in die Bilder einer erstaunlich klaren Welt tragen zu lassen. Ihre ungemein ergreifende Ansprache an den Leser wirkt zwar oftmals etwas gerahmt und überbrisant, aber man verzeiht es Zweig, wenn man die innersten Ringe seiner Eindrücke durch die Augen streifen lässt. Er war lyrisch ein Träumer und so sollte man ihn lesen: als jemanden, der glaubte, die Welt könne ewig bestehen in einer zweiten Welt.

“Denn jenen ist das Leben noch die Hülle
Und wer vom Tage borgt, ist ihm verpflichtet,
Doch der bloß träumt, hat seine wahre Fülle.

Ihm ist die Stirn zu Ewigem gerichtet,
Und was hier irdisch gilt, gilt ihm geringe,
Die Welt besitzt nur, wer sie sich erdichtet.
[…]
Im Spiel herab. Ich habe nichts versäumt,
Denn selbst dein Letztes, deinen Kern der Kerne,

Denn auch den Tod, längst hab ich ihn geträumt -”

Link zum Buch