Tag Archives: Skurril

Zu Richard Brautigans “Das Hawkline Monster”


Hawkline Monster 1974 war Richard Brautigans Stern bereits im Sinken begriffen. Seine unbestreitbaren, skurril-genialen Gedicht- und Geschichtenerfolge aus den späten Sechzigern und den frühen Siebzigern lagen ein paar Jahre zurück und sein letztes Buch „Die Abtreibung“ hatte offengelassen, in welche Richtung sich sein Werk wenden würde: Bisher hatte seine Literatur mit origineller Banalität und funkelnder Poesie immer wieder ein Fest der heiteren Traurigkeit und Orientierungslosigkeit gefeiert – in „Die Abtreibung“ aber war zum ersten Mal die Ernsthaftigkeit in voller Montur aufgetreten, wenn auch mit sympathisch-unsicherem, bedächtigem Schritt.

„Das Hawkline Monster“ ließ die Ernsthaftigkeit dann wieder weit hinter sich und erscheint wie ein Versuch, an die frühsten Erfolge (besonders an den Erstling) anzuknüpfen. Wie in dem großartigen Debüt „Ein konföderierter General aus Big Sur“ sind es nämlich zwei Freunde, Cameron und Greer, ihres Zeichens Revolverhelden, die Dreh- und Angelpunkt der aberwitzigen und in aller Entschleunigung vorangetriebenen Geschichte sind. Die beiden Killer werden angeheuert, um ein Monster zu töten, das in einer Eishöhle unter einem Haus lebt, in dem zwei identische Schwestern leben und das Werk ihres genialen Vaters zu vollenden suchen. Natürlich sind sie bildschön und v**eln gern und die Männer sind leicht schräge, aber attraktive Typen. Einem Kabinettstück à la Brautigan steht also nichts im Wege.

Allerdings fehlt diesem „Western“ mit Ironie-Horror-Elementen die poetische Durchschlagskraft des zehn Jahre vorher veröffentlichten General-Buches und eben auch die melancholische Tiefe der letzten Geschichten z.B. aus dem „Tokio-Montana-Express“. Oft fließt die Story einfach dahin.
Trotzdem ist Brautigans Monsterjagd ein nettes, bizarres, mit allerlei kleinen Einfällen und Figurenschicksalen gespicktes Abenteuer, das sich hier und da eine etwas zu sehr in die eigenen Motive verliebte Art erlaubt und auch nicht unbedingt fesseln oder faszinieren kann, aber doch unterhält, aberwitzig und irritierend, lustvoll mitunter und manchmal schlicht närrisch. In Brautigan vernarrt man sich – oder man fühlt sich zum Narren gemacht. Doch meist ist er unwiderstehlich – dieses Unwiderstehliche fehlt mir hier ein bisschen. Manchmal erscheint es schlicht zu sehr wie Trash, zu albern und schmeckt zu wenig nach der Unberechenbarkeit eines Brautiganbooks.