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Hafis, großer Dichter persischer Zunge


Hafis-Kanani- Seinen bis heute bekannten, klingenden Namen verdankt der persische Dichter, der eigentlich Mohammed Schemseddin hieß, einer Fertigkeit, die er sich schon in jungen Jahren aneignete: er konnte alle 114 Suren des Korans auswendig, da war er gerade einmal acht Jahre alt. Dies brachte ihm den Ehrentitel Hafis ein, durchaus ein geläufiger Ehrentitel, auch heute noch, der aber bei ihm als Poetenname über sein Zeitalter hinaus erstrahlen durfte.

Geboren wurde Hafis Anfang des 14. Jahrhunderts, in den stürmischen Zeiten der letzten Mongoleninvasionen und zahlreicher weitere Konflikte und Rivalitäten auf dem Gebiet Persiens. Seine Heimatstadt Schiras, die er, abgesehen von ein paar unbedeutenden Reisen, nie verließ, lag im südlichen Teil des heutigen Iran und war immer wieder von türkischen, afghanischen und mongolischen Überfällen bedroht.

Dennoch war Hafis ein vergleichsweise langes Leben beschieden, in dem eine große Zahl von Gedichten (vor allem Ghaselen) entstand, die bis heute als unübertroffen in ihrer Formvollendung gelten; viele sind Teil des Allgemeingedächtnisses aller Persisch/Fārsi/فارسی sprechenden Menschen geworden.

Auch in Deutschland hat Hafis viele Bewunderer gehabt, einer der bekanntesten ist Johann Wolfgang von Goethe, der mit West-Östlicher Divan ein ganzes Werk schrieb, das von den Dichtungen des Hafis inspiriert ist; auch Friedrich Rückert hat sich zeitlebens mit dem persischen Dichter beschäftigt und einige der besten Übersetzungen zu seinem Werk angefertigt.

In seiner Studie arbeitet Nasser Kanani sehr gewissenhaft die Rezeptionsgeschichte von Hafis in der deutschsprachigen (vorrangig, aber auch internationalen) Literatur und Geschichtsschreibung heraus. Beginnen tut das Buch allerdings mit einem Kapitel, in dem es vor allem um die Geburtsstadt Schiras und ihre Rezeption (die allerdings von der Hafis-Rezeption schwer zu trennen ist) in der deutschsprachigen Literatur geht und warum sie in vielerlei Hinsicht ein wichtiges Kernstück von Hafis Dichtungen ist.

Kapitel 2 und 3 beschäftigen sich dann mit Hafis Lebensgeschichte und seinen philosophischen Überzeugungen, immer auch im Spiegel seiner Werke, wozu Kanani umfangreich aus den Übersetzungen zitiert (die Originale sind auch abgebildet). Dadurch gelingt ein breit gefächertes, teilweise auch erschöpfendes Bild des widersprüchlichen und doch mit sich im Einklang liegenden Menschen, der Hafis gewesen ist.

Die letzten Kapitel 4 und 5 sind dann Hafis Dichtungen, genauer der Liebeslyrik und dem Divan, vorbehalten. Kanani präsentiert Deutungen und Rezeptionsansätze und zitiert wiederum umfangreich aus dem Werk. Auch wenn das ganze Buch eine spannende Aufbereitung ist, sind diese beiden Kapitel seine Meisterstücke.

Für wen Hafis bisher nur ein Name ist, der sollte sich diese umfangreiche Studie zulegen – sie ist ein guter Einstieg, bieter aber dennoch Tiefe und breite Auseinandersetzung. Kananis Leidenschaft und Begeisterung für Hafis sind nicht nur ansteckend, sie werden im Zuge seiner Ausführungen auch nachvollziehbar. Ob Hafis wirklich der größte Lyriker persischer Zunge war, das ist ungewiss. Gewiss aber ist: er war ein wunderbarer Poet, mit einem trefflichen Überschwang, der seinesgleichen sucht.

Zu Joan Didions “Süden und Westen”


Süden und Westen „Alles entlang des Golfes scheint zu vergammeln: Wände werden fleckig, Fenster rosten. Gardinen schimmeln. Holz verzieht sich. Die Klimaanlagen funktionieren nicht mehr.“

Golfküstenregion: Wildnis, Abgeschiedenheit, Riten, Rauheit, Zivilisationsabhang. Die drei Staaten zwischen dem weitläufig-erzkonservativen, cowboygeprägten Texas und dem sonnig-paradiesischen Florida, namentlich Louisiana, Mississippi und Alabama, gelten in vielerlei Hinsicht als spezielle US-amerikanische Bundestaaten.

Große Teile der Bevölkerung von dort müssen regelmäßig (wie der Süden von Amerika im Allgemeinen) als Blaupause für jenes Klischees vom hinterwäldlerischen, immer leicht soziopathischen Amerikaner herhalten, stur und allem Fremden gegenüber skeptisch, dabei oft brutal und abgestumpft.

Die Atmosphären in diesen Gegenden, mit denen Schriftsteller und Filmemacher immer wieder gearbeitet habe (zuletzt zum Beispiel in der Staffel 1 der Serie „True Detective“), sind geprägt von einer Mischung aus verquerem Lokalstolz, einfachen Traditionen, Mystik und einem tiefsitzenden Fatalismus (nicht umsonst ist diese Region die Quelle des Blues), der sich aus den zermürbenden klimatischen Bedingungen und der Abgeschiedenheit der Region ergeben.

„Das war ein Fatalismus, der, wie ich feststellte, zu diesem bestimmten Sound des Lebens von New Orleans gehörte. Bananen verfaulten und beherbergten Vogelspinnen. Das Wetter kam über das Radar herein und war schlecht. Kinder bekamen Fieber und starben, häusliche Streits endeten in Messerstechereien […]
der Fatalismus ist der einer Kultur, die von der Wildnis bestimmt wird.“

Joan Didion ist 1970 in diesen Staaten unterwegs gewesen. Zusammen mit ihrem Mann, der aber in den Notizen kaum auftaucht – in den wesentlichen Szenen ihrer Notizen wirkt es so, als wäre Didion allein in den Gespräche, bei den Begegnungen, mit ihren Überlegungen. Eine Frau aus Kalifornien im Kontakt mit Menschen vor Ort.

Die Notizen, die einmal zu einem Artikel über diese Staaten des Südens werden sollten (aber nie wurden), sind in Kapitel eingeteilt, die jeweils Abschnitte der Reise markieren, sodass man allein anhand der Kapitelüberschriften Didions Route auf der Karte verfolgen kann.

Während ihrer Reise kommt sie ins Gespräch mit Menschen, beschreibt die örtlichen Gegebenheiten, ihr eigenes Herausstechen (als einzige Frau, die Bikini trägt, die selber Auto fährt, die so weit weg von ihrer Heimat angetroffen wird), ihren Versuch die Lebenswelt der Menschen zu begreifen.

„Die Abgeschnittenheit dieser Menschen von den Strömungen des amerikanischen Lebens der siebziger Jahre war erschreckend und verblüffend anzusehen. Alle ihre Informationen kamen aus fünfter Hand und waren im Weitergeben mythisiert worden. Spielt es überhaupt eine Rolle, wo XY liegt, wenn XY nicht in Mississippi liegt?“

Trotz der Chronologie wirkt „Süden und Westen“ eher unsortiert, weil die Themen und die Art der Darstellung stark variieren und Zusammenhänge nicht immer erkennbar sind und auch nicht immer geliefert werden. Didion gibt schon am Anfang zu, dass das Buch ein Skizzenbuch ist und des Weiteren vor allem fasst, was ihr unverhofft passierte – sie recherchierte selten bewusst.

„Ich versäumte es, die Menschen anzurufen, deren Namen ich hatte, und hielt mich stattdessen in Drogerien auf. In einem wörtlichen Sinne war ich unter Wasser, diesen ganzen Monat.“

Gerade weil es nur eine Art Notizbuch ist, verblüffen allerdings die Klarheit und der Stil der meisten Schilderungen. Zwar variiert die Darstellung, aber der Fokus in der jeweiligen Darstellung ist immer gestochen scharf und die jeweiligen Überlegungen wirken zwar manchmal willkürlich, sind aber in sich geschlossen.

„Süden und Westen“ ist ein Reisebuch und gut, geradezu angenehm zu lesen. Es streift einen konsequent, aber oft auf eindringliche Art. Manche Abschnitte, wie etwa die Suche nach dem Grab William Faulkners, des Schriftstellers, der diese Regionen so gut beschrieb und doch (oder: deswegen) von den meisten Südstaatlern gehasst wird, bleiben im Gedächtnis.

Alles in allem ist das Buch natürlich auch eine minimale Sozialstudie – inwiefern noch immer gültig, lässt sich schwer sagen. Aber wenn man „True Detective“ sieht oder Bücher wie „Fremd in ihrem eigenen Land“ liest, bekommt man den Eindruck, Didion würde heute, 45 Jahre später, nicht wirklich eine andere Region bereisen.

Nachtrag: Es gibt auch noch ein kleines Kapitel über Kalifornien, in dem es u.a. um den Patty Hearst-Fall geht. Es ist allerdings mehr ein beigegebener Schnipsel und als eigenständiger Text eher nicht ernstzunehmen.

Kurz zu Angelika Klüssendorfs Roman “Das Mädchen”


Für einen Tag fesselte mich dieses Buch auf das Sofa; einen Tag lang verfolgte ich nahezu ohne Pause (fast als wäre das Buch als ein einzelnes Erlebnis unumgänglich) der Geschichte eines Mädchens, das namenlos bleibt und dessen Existenz sich wahrscheinlich zusammenfassen ließe mit den Worten: Hier ist wohl viel passiert, aber wenig davon würde man als Außergewöhnlich bezeichnen.

Dabei ist eigentlich alles außergewöhnlich – für das einzelne Individuum. Eine existenzielle Wahrheit, die in Angelika Klüssendorfs Buch sehr gut zum Ausdruck kommt. Jedes Leben, jeder mit Leben gefüllte Körper, ist eine einzigartige Form von Wahrnehmung, Erlebnis, Erwartung und Gefühlen. Und jedes Leben steht im Schatten anderer Leben, die bereits fortgeschritten sind.

In “Das Mädchen” wird eine Form von Elend und Milieu gezeigt, die weit davon entfernt ist, im materiellen Sinne katastrophal zu sein. Nicht die Armut an Besitz macht hier das schmale Entsetzen aus, das alles umspinnenwebt, sondern die Armut an Raum für Emotionen, für Hoffnungen, Entwicklungen.

Wer eine augenscheinliche unspektakuläre, aber sehr existenzielle Erfahrung machen will, sollte “Das Mädchen” lesen. Es ist ein Buch, dass sich unter die Haut eines Menschen begibt, der schon von Anfang an im Abseits des Lebens steht und dennoch existiert, als eine Bewegung durch formlose Zeit und durch verengte Perspektiven. In seiner Kürze und Nüchternheit (die eine Unerhörtheit anstößt) ein großartiges Dokument!

“Träume von Räumen”… Georges Perecs Studie über den Raum…


Es ist immer etwas heikel und schwierig Bezeichnungen wie “Genie” zu benutzten. Was genau ist ein Genie; wer ist eines?

Im “Raum” Frankreich, ist es da ein Georges Simenon, der sich einfach morgens an den Schreibtisch setzen und einen Roman runterschreiben konnte? …oder ein Jean-Paul Sartre, der einfach so die Stränge jahrelanger Existenzphilosophie zusammenführte? … oder ein Alexandre Dumas, der, als ihn der Verleger nach Silben bezahlen wollte, einen Stotterer in seinen Roman einführte?

Man könnte den Gesamtraum beliebig auf andere Räume (sprich Nationen, Sprachen, Gegenden, Künste etc.) ausdehnen und doch würde die Frage eine äußerst komplizierte bleiben.
Unzweifelhaft ist es trotzdem aus meiner Sicht, dass Georges Perec, ein bis heute viel zu unbekannter Schriftsteller und Mitbegründer der Oulipo-Gruppe, die Ehrung Genie mehr als verdient hat. Das beweist neben seinem Opus Mangnum Das Leben Gebrauchsanweisung und seinem einzigartigen Buch Anton Voyls Fortgang, einem Roman ohne den Buchstaben “e”, auch das kleine Buch “Träume von Räumen”.

“Der Raum scheint entweder gezähmter oder harmloser zu sein als die Zeit: man begegnet überall Leuten, die Uhren haben, und sehr selten Leuten, die Kompasse haben. Man muss immer die Zeit wissen (und wer kann sie noch nach dem Stand der Sonne errechnen?), doch man fragt sich nie, wo man ist. Man glaubt es zu wissen: […]”

Genauso wie Perec mit seinem Buch ohne das “e” die Konforme und Grenzen der Sprache ausgelotet und überquert hat (in Räume getreten ist, die unerreichbar, ja nicht mal existent schienen), so hat er hier ein Buch geschrieben, was die Frage(n) nach dem Raum aufwirft: Was sind Räume? Wie sehen wir Räume? Wie leben wir mit den Räumen? Und, again: was sind Räume?
Dabei fängt er mit dem kleinsten an: ein Stück Papier ist ein Raum, ein Bett ist ein Raum, ein Zimmer ist ein Raum. Man kann sie alle in ihrer Funktion besehen, sie ausmessen, ihre Tiefen und ihre Wichtigkeit für die Kontingenz betrachten. Dann sind da Räume wie Städte, Länder – Bezugspunkte und Einteilungen, meist ohne den Gedanken an einen “Raum”. Doch wird dem Leser so der Begriff Raum in verschiedenen Größen näher gebracht. Bei all dem geht es Perec nicht um Physik oder schlichte Philosophie. Es geht um Wahrnehmung und Idee, um das, was literarisch und bewusst in uns Bleiben kann von den Gedanken an Raum, vom Wort “Raum“.

Für wen sich diese eher philosophisch/kosmischen Überlegungen nun langweilig oder fachlich anhören, der sei unbesorgt – Perec hat kein Fach- oder Sachbuch geschrieben; ich würde es noch nicht mal eine Studie nennen. Es ist eine (An-)Sammlung von Gedanken, Zitaten (auch vielen aus der Weltliteratur), Beobachtungen und Analysen, Witzen und Anekdoten – das alles fasst sich zusammen zu einer Art Lesebuch über den Raum, das sich auch nicht nur am Abstrakten, sondern auch am Wesentlichen misst und welches vor allem dazu dient uns mit seiner Leichtigkeit und seinem spielerischen Antasten zu unterhalten und unseren Gedanken neue große Räume zu eröffnen ( – oder besser gesagt uns selbst dazu zu ermuntern, die eingefahrenen Vorstellung vom Raum wieder auf das Universelle,  Vielschichtige, Kreative zu erweitern).

Kurios, Fintenreich, Perecs Sprach geizt nicht mit Qualität und Esprit und in seinen Büchern fühlt man sich von Faszination erfasst – für mich war er allein schon wegen dieser Art Form, die jedes seiner Bücher anzunehmen weiß, ein Genie.

Link zum Buch: http://www.amazon.de/Tr%C3%A4ume-von-R%C3%A4umen-Georges-Perec/dp/3596111382/ref=cm_rdp_product

*diese Rezension ist in Teilen schon auf Amazon.de erschienen