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Das wenige, was ich zu den erstaunlichen Gedichten von Dylan Thomas sagen kann


“Never to reach the oblivious dark
And not to know
Any man’s troubles nor your own -”

Dylan Thomas, Poet und Trinker, Leisetreter und Furorebrecher – bis heute einer jener wenigen Dichter, die mit ihrer Poesie weit über das übliche Maß hinaus eine Kerbe in die Welt schlagen konnten, zumindest in der englischsprachigen Welt. Er ist ein Meister der gegensätzlichen und doch vereinenden Bilder und Wendungen, ein Beeindrucker der Worte, ein Waghalsiger, der so langsam und kraftvoll waghalsig ist, dass man das Wort ganz neu im Kopf herumwälzt; es gibt keinen Dichter wie ihn, vielleicht ist es sogar legitim zu sagen, er sei der größte Dichter, den die englische Sprache je gehabt hat – zumindest wenn Dichten als eine ganz und gar schöpferische Tätigkeit verstanden wird, als das Einschwemmen von Sprache in die tiefsten Lücken zwischen den Bedeutungsflächen, wo Ausformung und Inhalt noch erstaunlich und erstmalig sind. Hier ist er nah dran, Shakespeare ebenwürdig zu sein.

“The carved mouths in the rock are wind swept strings.
[…]
For love, the long ago she bird rises. Look.
[…]
Children of Darkness got no wings
This we know we got no wings,
Stay, dramatic figures, tethered down
By weight of cloth and fact,
Crystal or funeral, got no hope
For us that knows misventure
Only as wrong;”

Ihn zu übersetzten ist eine Kunst oder eine Unmöglichkeit – und beides gleicht sich in diesem Fall. Und auch wenn der Band „Windabgeworfenes Licht“ zweisprachig ist, wird man als deutschsprachiger Leser wohl dazu verführt eher und zuerst die deutsche Fassung zu lesen. Doch, wenn man kann, wenn es irgendgeht, ist davon abzuraten. Nicht weil die deutschen Übertragungen wirklich “schlecht” sind oder abweichend, sondern weil sie nicht fassen und finden, was jede Zeile von Thomas findet, diesen verstürmten, sich einschneidenden Gang, dieses Erkennen der einzelnen Bilder, Worte, als eine Stimme formende Gestalt, Gestalt formende Stimme.

“Upon your held-out hand
Count the endless days until they end,
Feel, as the pulse grows tired,
The angels’ wings beating about your head
Unsounding, they beat so soft.”

1 Stunde, zwei Zeilen. So war Dylan Thomas Arbeitsrhythmus, wenn er ein neues Gedicht schrieb; nur selten ging es schneller. Diese Arbeitsweise spürt man aber auch fast in jeder Zeile – sie steht für sich und ist doch im großen Ganzen nur ein kleines, wenn auch wichtiges Indiz für die Strömung, die Robustheit seiner Natur. Verlieben kann man sich in die Worte dieses Mannes, der in seinem Leben, so sagt die Legende, kein einziges Buch gelesen haben soll, außer der Bibel …

Ist er ein schöner Dichter, ein hoffnungsreicher, ein verneinender, ein religiöser, ein offenbarender, ein verschließender… eigentlich geht er weit über diese Kategorien hinaus, was wiederum an Shakespeare denken lässt. Sagen, was gesagt, und was unmöglich keine Zeichen hinterlassen kann, ist seine Dichtung, sein Inhalt, sein oft verspiegelter Hochglanz, darin er wunderbare Lichtschatten zu werfen versteht. Seine Metaphoriken eröffnen Wege zu Instrumenten in uns, auf denen wir noch nie gespielt haben; Gedanken werden gewürfelt und in Stimmungen und Mythen geworfen, um auf kräftiger Sprachflamme zu kochen.
Thomas war kein großer Intellektueller, aber er war ein Schaffer jenseits aller gesteckten Gedankenfähnchen und Prämissen. Er war das lebendige, suchende Wort, das reift und schwer fällt wie ein Apfel.

“Warum die Seide weich ist und der Stein verletzt
Fragt sich das Kind solang es lebt…
[…]
Lift up your head, let
comfort come through the devil’s clouds,
The Nightmare’s mist
Suspended from the devil’s precipice,
Let comfort come slowley, lift
Up your hand to stroke the light,
Its honeyed cheek, soft-talking mouth,
Lift up the blinds over the blind eyes.”

Jedoch, man darf nicht verhehlen, dass er kein besonders einfacher Dichter ist, zumindest augenscheinlich. Seine oft abstrakten Allegorien und Anspielungen (in seinen späteren Gedichten) können einen fast transzendental erblinden lassen; seine Reimschemas lassen einen langsam werden. Aber genau das muss man bei Thomas: langsam werden – und mit dem Takt der Gedichte „werden“. Man muss das Gedicht sein. Die Stimme, die es herspricht. Man muss sich darüber klar sein, dass sich Thomas allmählich von der Sprache entfernt und auf die Dinge zugeht.

“Und das ist wahr: Kein Mensch lebt,
Der nicht Gott in einem tiefen Grab verscharrt
Und dann wiederauferstehen lässt als Skelett,
Kein Mensch, der nicht zerbricht und schafft,
Der in den Gebeinen keinen neuen Glauben findet,
Kein Fleisch den Rippen um den Hals verleiht,
Der nicht zerbricht und seine letzte Ruheb findet.”

Vielleicht ist er der größte, kryptischste und schönste Dichter der Welt. Auf jeden Fall hat er eines der reichsten, poetischsten Werke geschaffen. Manche Gedichte sind fast so schön, dass sie undenkbar sind, nur lesbar; und bei manchen ist es leider wohl auch umgekehrt.
Man lese Dylan Thomas, höre nicht auf Zweifler oder auf ihn selbst, wenn er über seine Zeilen sagt: “Dies sind nur Träumende. Atem verweht sie” und gebe nicht auf, wenn man seine Zeilen abgeht, ohne etwas zu sehen, denn irgendwann liest man Zeilen wie “der Schlaf befährt der Zeit Gezeiten” oder sieht sich plötzlich “unter dem tanzenden Huf des Blätterdachs”…

Und am Ende ist es bei Thomas immer, als ob “ein Feuerwind die Kerze löscht” – ein wunderbares Gefühl.

“We have the fairy tales by heart
[…]
Wenn Logik stirbt,
Tritt das Geheimnis der Erde durch das Auge,
Und Blut pulsiert in der Sonne.”

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Cendrars, der reisende Magier und seine gesammelten Gedichte


“Der Himmel gleicht dem zerrissenen Zelt eines Wanderzirkus in einem kleinen Fischerdorf
In Flandern
Die Sonne ist eine rauchige Funzel
Und hoch oben am Trapez macht eine Frau den Mond.”

Er war überall und nirgends; er verlor seinen einen Arm im ersten Weltkrieg und schrieb mit seinem gesunden noch über ein Dutzend Bücher und Publikationen, er war ein Reisender und doch ein Innehaltender, ein Poet und doch ein Phantast, der allein die Welt dort für real hielt, wo sie etwas Einzigartiges offenbarte, an Farben, Fauna oder Lebensart. Er schrieb Romane und war doch eigentlich ein Dichter, er erweiterte und stutzte das Gedicht gleichermaßen und gehört wohl zu den formbewusstesten und formlosesten Lyrikern aller Zeiten. Sein Name: Frédéric Sauser, alias Blaise Cendrars.

“Die Fenster meiner Poesie sind weit geöffnet zur Straße und in ihren Scheiben
Leuchten
Die Juwelen des Lichts
Hörst du die Geigenkonzerte der Limousinen und die Xylophone der Druckmaschinen
Der Maler macht sich sauber im Handtuch des Himmels
Farbflecken überall
Und die Hüte der Frauen, die vorbeigehen, sind Kometen im Feuerschein des Abends”

Dank sei dem Lenos Verlag, dass sie eine so umfangreiche und umfassend kommentierte deutschsprachige Ausgabe der Gedichte herausgebracht haben. Mit beinahe hundert Seiten Anhang inkl. Kommentaren und Anmerkungen, sowie Einführungen zu allen einzelnen Gedichtbänden und einem großzügigen Lebenslauf könnte dieser Band schon fast als Standard für alle ehrgeizigen Werkzusammenfassungen weltweit herhalten. Dieser ungewöhnliche Geselle hat dies alles aber auch verdient.

“Ich will, dass die Wirklichkeit mir wie ein Traum vorkommt, will leben in einer Welt von Traumbildern.”
[…]
“Unter den Fingernägeln habe ich Musik”
[…]
“Im Zimmer nebenan, hinter der Türe wartet
Ein trauriges und stummes Wesen, wartet, dass ich’s rufe!
Du bist es, es ist Gott, ich selber bin’s – das Ewige.”

Aufmerksam geworden bin auf Cendrars durch eines meiner Lieblingsbücher, Philippe Djians In der Kreide, indem dieser Cendrars als einen seiner zehn großen Einflüsse beschreibt. Entsprechend ist Cendrars auch, wie viele andere Autoren in Djians Buch, ein Schriftsteller, der auf vielen Ebenen, stilistisch und formal, ungestüm ist, Grenzen sprengen will und seine eigene Vorstellung von der Beschaffenheit der Literatur erschaffen hat.

“Nach Japan können wir nicht
Komm mit nach Mexiko!
Auf den Hochebenen blüht der Tulpenbaum
Und die Schlingpflanzen sind das Haar der Sonne
Der Palette und dem Pinsel eines Malers scheint alles entsprungen
Farben, ohrenbetäubend wie Gongs”

Cendrars hielt es selten an einem Ort und so bereiste er schon früh die Welt. Er riss von zu Hause aus, war in Russland, gelangte in Paris vor dem 1. Weltkrieg in Literatenzirkel, war neben Apollinaire (mit dem er befreundet war, so wie mit vielen anderen z.B. Cocteau) einer der wichtigsten Dichter dieser kurzen Epoche, sagte sich dann vom Surrealismus und Symbolismus los, dem er nie wirklich angehört hatte und reiste nach dem Krieg, in dem er seinen rechten Arm verlor, nach Brasilien und Amerika und hielt seine Reiseeindrücke und -Phantasien in seinen knappen “Reiseblättern” fest.

“Der Frühling in Kanada hat eine Frische und Kraft wie sonst in keinem Land der Welt
Aus der dicken Schneedecke, aus dem Eis
Spiresst plötzlich
Fruchtbare Natur
Ganze Büschel von violetten, weißen, blauen, rosaroten Veilchen
Orchideen, Sonnenblumen, Tigerlilien
In den ehrwürdigen Avenuen mit ihren Ahornbäumen, dunklen Eschen und Birken
Fliegen und Singen die Vögel
Im Unterholz voller Knospen und zarter Triebe
Lakritzenfarbiges Sonnenlicht”

Man kann es sehen das Licht, man geht unter den Ahornbäumen längs – Cendrars hat wie kein anderer Wirklichkeit mit Phantasiefarben zusammengebracht und daraus das Erleben des Reisens, durch Natur und der Atmosphäre, nachgebildet. Fast alle seine Gedichte aus Brasilien oder von sonst woher, auf See, aus Afrika, haben diese innehaltende und gleichzeitig flüchtige Impression, diese unhaltbare, aber bewahrte Glück eines Fast-Eingehens in die Umgebung, eines Lebensmoments. Mit seiner Sprache blieb er sparsam und doch war ein Magier, mehr im Leben wohl, doch dann und wann packte ihn auch im Gedicht ein Hang zur ungewöhnlichsten Kreation. Zeilen, verquer und gleichsam genial – denen Cendrars eigene Wahrheit innewohnt.

“Ich kenne über 120000 Briefmarken, die mehr Spaß machen als die Schinken im Louvre”

Wenn man Dichter empfiehlt ist man immer ein bisschen in der Verlegenheit, weil man eigentlich ihre besten Zeilen zitieren müsste, um alle völlig mitzureißen und dennoch muss man den Leuten ja einen Eindruck vom Gesamtkonzept der Dichtung geben.
Viele der Zeilen die ich hier zitiere, machen sich natürlich besser, wenn sie einen mitten im Gedicht treffen, aber ich hoffe sie vermitteln etwas von der Leichtigkeit und Unberechenbarkeit von Cendrars Sprache und ihrem eigenwilligen Charme, ohne dabei zu verhehlen dass es die Lichtblitze in einer ansonsten sehr gelassenen und vor allem Eindrücke vermittelnden Dichtung sind, die sich auch wegen der vielen Arten von Ausdruck, in denen Cendrars sich versuchte, nicht wirklich auf ein Merkmal fokussieren lässt, auch wenn seine Reisebeschreibungen den größeren Teil seiner Schriften ausmachen und viele andere Werke mehr wie eine Laune, eine Phase wirken.

“Sie strahlt Lebhaftigkeit aus, Offenheit in ihren Gesten und Bewegungen
Der junge Blick eines bezaubernden Tiers
Ihre Wissenschaft: Die Grammatik des Gehens
Sie schwimmt wie man einen Roman von 400 Seiten schreibt
Unermüdlich
Stolz
Ungezwungen”

Nie oder ganz selten habe ich jemanden so klar und rein über Frauen schreiben sehen, ohne einen dunklen Hauch von Frivolität, höchstens einen hellen. Ganz ein Staunender, dem schon das blaue Meer in der Wärme der Sonne als Wunder und Offenbarung erscheint, nähert sich Cendrars beinahe jedem Thema, sofern er nicht seine leicht lakonisch-satirischen Einsprengsel von der Leine lässt oder den Überschwang in die Realität seiner Empfindungen einlädt.

“Eine Seerose auf der Seine, es ist in der Strömung der Mond.
Die Milchstraße spielt am Himmel verrückt vor Freude
und schließt Paris
nackt und wahnwitzig in die Arme, kopfüber saugt sich ihr Mund an Notre Dame fest.”

Er ist einzigartig dieser Dichter, er, der nie zur Ruhe kam, und dessen Gedichte doch eine gewisse Ruhe waren, ein Magier, der seine Ausführungen über eine tropische, leise Nacht in einem einfachen Satz ausklingen lässt, der, noch mal, alles heißt:

“Die Sterne schmelzen wie Zucker”

“Engel im Herbst mit Orangen” und “Die Sekunden vor Augenaufschlag”


Wer Titel wie “Die Dunkelheit knistert wie Kandis” oder “Engel im Herbst mit Orangen” verwendet, könnte von manchen als ein sehr blumiger und sehr banaler Dichter vorverurteilt werden. Dass Hellmuth Opitz in seiner sprachlich-vielfältigen Kombinatorik und seiner überbordenden Individualität beim Finden von Metaphern und Gesten, dennoch zu den schönsten und interessantesten Dichtern Deutschlands gezählt werden kann, möchte ich kurz anhand zweiter Gedichtbände andeuten.

Um ebenfalls seine feine Bewandertheit in Stimmungen und sprachlichen Gefühlseindrücken zu erfahren, empfehle ich die Lesung auf Youtoub von seinem Gedicht “Isarbrücken” http://www.youtube.com/watch?v=tvXQnmVbdj8

1. “Engel im Herbst mit Orangen”

“PSST! Es ist Herbst,
Madame.
Die Nacht spielt schon ein
kühles Saxophon.”

Hellmuth Opitz, Bielefelder Dichter und Autor, gehört zu der Art Poeten, die man sich in Lederjacke und mit Zigarette im Mund vorstellt; ein lockerer Spieler in seinem Metier, der das Leben + einen Sprung Fantasie in seinen Gedichten einfangen will. Seine Sprache, durchaus gezeichnet von der Havarie der modernen Poesie, ist größtenteils sehr eigenständig und aufrichtig gewählt und vor allem auf verdichtende Sprachbilder fixiert/ausgerichtet.

“Mit Blaulicht kommen die Tage,
zerschellen an der kühlen Küste
weißer Villen. Von dort tropft
Langeweile ins Warten, das bebildert
ist mit Palmen, Pools, Terrassen,
den blauen Scherben eines anderen Himmels.”

“Ich
war ein schlechter Vorname in diesen Tagen:
Zu groß. Hallte wie ein Treppenhaus, wenn man ihn
rief.”

Verschiedene Sammlungen von Gedichten wurden in diesem Buch zusammengefasst. Mit “Der 88. Januar”, einer sehr poetischen Sammlung beginnt es und es endet mit den melancholisch-verdrießlichen “Abenden aus dem Ärmel”. Fast alle Gedichte sind nicht länger als eine Seite. Besonders hervorzuheben ist noch der Abschnitt mit Gedichten über die Liebe, der besonders verspielte und deswegen in ihrer Betrachtung nicht weniger eindrückliche Zeilen enthält .

“Springtime sagen die Engländer
springt an und schon hängen der Stadt
hellblonde Strähnen in die Stirn aus frühem Licht.

Dann blüht ein Kaufrausch
und Farben trachten Frauen nach dem Leben.”

Opitz ist auf jeden Fall ein begnadeter Erfinder, einer, der sich in der Sprache wohl fühlt, wenn sie etwas mit all ihren ausdrücklichen Möglichkeiten erschließt. Seine Kombinatorik hat, mir zumindest, immer sehr viel Freude bereitet.

“sogar die Traurigkeit ist ganz aus
Schrott gemacht.”

“Auf den Schultern der Bäume saß ein großer
Sommer.”

Opitz ist ein wirklich lesenswerter Dichter. Ich empfehle ihn und hoffe, dass seine Leserschaft weiter wächst.

“Ein Kirchturm wirft eine Tonleiter herab
zu den keltischen Gräbern. Hier sind im Laufe
der Jahre der Trauer Kreuze gewachsen,
Hortensiengebüsch, zutiefst blaßblau
zu Sehnsucht verwilderter Tod.”

2. “Die Sekunden vor Augenaufschlag”

Hoffentlich zum Ausdruck bringend, wie bereichernd Lyrik doch sein kann, beginne ich:

“Auf einen Wink erhob sich der Wind,
sein Komplize, die Steppdecke der Wolken
weit von sich wirbelnd fuhr er in die
Fahnen. Alle Masten machten einen Knicks
vor ihm, als er sich den Himmel unter den
Nagel riss, den Mond, der wie ein Scheibchen
Zitrone in einem dunklen Drink versank.”

Sinnbildlich ist die Art wie Opitz nahezu alle seine Gedichte angeht. Mit visuellen Querschlägern, anschaulich-innovativen Metaphern, Vergleichen und Allegorien und einem stets halb prägnanten, halb sinnlichen Ton, schafft er es immer wieder einen in die Bilder seiner Gedichte hineinzuziehen – nicht nur einzuladen, sondern sie einem wirklich ins Blut gehen zu lassen, für einige Herzschläge.

“Wenn es stimmt
was geschrieben steht
dass wir den Frauen
die wir geliebt haben
nie wieder begegnen
können, weil sie nicht
im Raum gelebt haben
sondern in der Zeit,
was mach ich dann hier?”

Herzschläge, das ist auch, metaphorisch, die Hauptthematik in Opitz Lyrik und auch vielfach im Band “Sekunden vor Augenaufschlag”. Herzschläge der tiefen Empfindung, der Liebe, aber auch der Aufregung und der leisen Verzweiflung – ich glaube, er ist einer der wenigen heutigen Dichter, der so gekonnt und gefühlsecht alle Seiten des Liebens (das starre Lieben, das plötzlich, das tiefe, das tröstliche, das nagende, das unbeschwerte, das veruntreute etc.) darstellen kann und dabei die Konfrontation mit dem letztlich schon sehr oft beschriebenen Thema nicht scheut, mit der Überzeugung, dass jede wahrhaftige, präzise Beschreibung eines Glücks- oder Unglücksmomentes aus diesem Gebiet, zugleich einzigartig und sinnbildlich für das Phänomen in ganzen stehen kann. Zumindest erscheint dieses Buch im Ganzen immer wieder auch eine Art Querschnitt durch die verschiedenen Arten von Liebe zu sein, wie sie sich im Leben des Menschen bewegt, geht, kommt und wie sie sich anfühlen kann, in den verschiedensten Situationen und Stimmungen.

“Doch nichts hilft
[…]
Ja, nicht einmal die Kellnerin, die gerade
Kaffee serviert und mir mit den Augen
ein lächeln zusteckt, mir und dem Japaner
am Tisch nebenan. Ein Lächeln wie aus
dem Gesicht geschnitten, ihrem Gesicht,
der benutzerfreundlichen Oberfläche für
jeden hergelaufenen Blick.”

Nun soll keineswegs der Eindruck entstehen, Opitz schreibe nur Liebesgedichte (auch wenn ich diese oftmals für seine besten halte). Nein, es gibt auch hier kritische, spielerische Gedichte, Naturgedichte, Gedichte über das Schreiben; außerdem ein Kapitel dichter Kurzprosa.

Wer nach visueller, schlichter, naher Poesie sucht, der ist in diesem Band gut aufgehoben und wird sich von dem einen oder anderen Vers mitreißen lassen.

“Allein der Rest von Morgenlicht
heut morgen hätte ein Gedicht
gebraucht und nicht dies
Gebrauchtgedicht, das schon
erschrocken innehält und lauscht,
wenn ein Bikiniträger von
irgendeiner Schulter fällt und
durch die Brandung deiner
Blicke rauscht. Die Hitze tauscht
doch jeden deiner Sätze in
kräftigere Farben um.”