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Zu “Schnee und Schwefel” von Dieter Kühn


Schnee und Schwefel.jpg

besprochen beim signaturen-magazin.de

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Zu Durs Grünbeins Gedichtband “Zündkerzen”


besprochen beim Signaturen-Magazin.de.

Backlink (http://www.suhrkamp.de/buecher/zuendkerzen-durs_gruenbein_42753.html).

Zu Meret Oppenheims “Husch, husch, der schönste Vokal entleert sich”


„Ein merkwürdiger Erdteil
In weiße Tücher gewickelt
Rollt die gewundene Treppe
Eines Hauses hinunter
Man rollt ihn (Zeremonie)“

Was ist ein surrealistisches Gedicht? Am Anfang wird ein Erdteil in weiße Tücher gewickelt (unschuldig? ein Gespenst?) und wie ein Teppich (willkommen sein? Ausbreiten?) die gewundene Treppe eines Hauses hinuntergerollt.

Die Behauptungsstruktur, die jedes Gedicht natürlicherweise hat, und die es ihm unter anderem ermöglicht, mit Metaphern ungewöhnliche Bildbeweise zu führen – in einem surrealistischen Gedicht wird sie auf eine gewisse Weise zur heftigsten Erfüllung und zur Selbstzerstörung getrieben. Man kann einen Erdteil nicht die Treppe hinunterrollen – diese Dimensionen werden der Wirklichkeit nie gelingen, sie gelingen nur dem Gedicht. Somit verliert dieser Text sofort die intime Glaubwürdigkeit, die erst einmal jedes Gedicht besitzt, das von etwas spricht, das uns auch angehen könnte.

Allerdings, wie schon im ersten Abschnitt angedeutet: die Bezüge, die die von der Realität getrennte Behauptungsstruktur nun aufbaut, können sehr vielfältig auf die Wirklichkeit zurückverweisen, gerade weil sie an keine konkreten Bewegungsabläufe und Verbindungen mehr angewiesen ist, stattdessen eigene Verbindungen anbringen und ihren Begriffen eine Weite und Suggestivität geben kann.

„Von Beeren nährt man sich
Mit dem Schuh verehrt man sich
Husch, Husch, der schönste Vokal entleert sich.“

Der schönste Vokal entleert sich. Noch das sinnigste Gedichte, die schönste Wendung, der trefflichste Vers, sie entkommen nicht ihrem Dasein auf dem Papier. Das Widersinnige in Meret Oppenheims Gedichten ist nicht das Sinnlose, sondern die Suche nach einer in den Winkeln der Assoziation – nebst Kontemplation, nebst Verschriftlichung – sich bahnbrechenden Bestimmtheit, Wahrheit, Wirklichkeit. Die Formulierungen erscheinen waghalsig, ja, sogar entleert vielleicht, aber ihnen fehlt die wichtigste Eigenschaft zum entleert sein, denn man befragt doch jedes Bild.

„Für dich – wider dich
Wirf alle Steine hinter dich
Und lass die Wände los.“

Satz für Satz zur Aussage, fast. Man kommt den Gedichten nicht bei, man entkommt ihnen gleichzeitig nicht. Ihrer fragwürdigen Banalität, ihrer eindringlichen Einfachheit. Dem Wissen, dass sie Erzeugnisse sind, hinter denen alles stehen kann, das Fassungslose wie das Aufrichtige.

„Ein Springbrunnen braungoldener Federn
Die Pilze lösen sich vom Boden und schweben
Von der warmen Luft getragen
Bis an die Wolken.“

Außer Gedichten enthält das Buch noch einige wenige Bilder (Fotos, Gemälde), sowie einige zusätzliche Materialien, darunter ein sehr luzider und stark motivisch arbeitender Entwurf zu einem Drehbuch über Kaspar Hauser. Die Wunderlichkeit dieser Existenz und gleichzeitig das Fatale dieser Existenz, beides wird eingefangen und auf die zwei Seiten einer Münze geprägt, die sich im Text dreht und dreht.

Dann noch ein wunderbarer Text über Bettine Brentano, ein Gesprächsprotokoll, in dem auch einige von Oppenheims eigenen Bekenntnissen und Ideen einfließen. Das Nachwort hat mir persönlich nicht so viel gegeben, ja ich fürchte sogar, es verbaut einem vielleicht Perspektiven, aber wer von der Motivation der Künstlerin geleitet werden will, ist trotzdem gut beraten es zu lesen.

Gedichtbetrachtung 1 – Ann Cotten & Haltlosigkeit


Ich habe beschlossen von heute an regelmäßig (nicht jeden Tag, sondern immer wennn es geht), ein Gedicht zu nehmen (vielleicht geh ich auch zu meinem Lyrikschrank und ziehe was raus, schlage wahllos eine Seite auf) und dann eine kurze Meditation zu dem aufgeschlagenen Gedicht zu schreiben.

31 Heimat, Impersonation

Ob Mann, ob Frau, sie liegen über Hügeln,
short of amorph, in diesen Versionen
der Dunkelheit, im Schatten ihrer Flügel.
So rasten Tauben am Aspahlt, und wohnen

am Asphalt und schonen sich. Ner Fantasie
möchts einfallen, sie wiederzuerkennen
an Formen ihres Schlafs. Indessen nie
und nimmer mehr als sie zu nennen

Vertraute für den Lidschalg einer Nacht,
wie auch, denn immer ziehen sie vorbei.
Wenn Dunkel Freude kennt, dann lacht
Nacht im Vorbeiziehn: scheut Geschlecht
vorerst die Freude, bloß erwacht
aus Langstreckenschlaf beim Wort, sei es

der Grund am Ende dieser Reise da.
Mit einem Satz des Schlafes Boden
entzogen, setzen Füße zögerlich und weise
erst einmal keinen Fuß auf derart trügerische Wogen,

die eben noch vor Stunden noch zuvor
Bekanntheit vorgetäuscht. In deren Wahn
man lullte fahrend sich und halb erkor
sich zur Mätresse, die zu diesem Land

Zutritt besitzt und seis nur mit dem Auge
mutierend Formen, mutwillig interpretierend,
verbindend die Erhebungen verliebt und vage,
in Dünen anderer Gewalt, zusehend verlierend
den Halt, whatever, immer weiter, während
als queer, ob hier, ob fort, es immer weiter flöge.”
(Ann Cotten, Fremdwörterbuchsonette, Suhrkamp Verlag 2007)

Impersonation bedeutet Personifikation und Nachahmung; Heimat bedeutet etwas Unsinniges oder Wichtiges, meist liegt es woanders, irgendwo dazwischen.

Es beginnt mit Mann und Frau, die über Hügeln liegen – irgendwas fällt also noch auf, sticht heraus, auf das sie sich beziehen und sie liegen darauf, dazwischen. Heimat und Hügel, das ist fast schon ein Schon-Klischee-Bereich, aber immerhin hat Heimat auch viel damit zu tun, dass in der Ferne um die Heimat rum etwas ist und was könnte da besser sein als Hügel, Berge? (Vielleicht das Meer.)

Amorphes, das hat keine geordnete Gestalt, sucht sich seine Struktur immerfort; in der Physik sind amorphe Substanzen jene, deren Teilchenverbindung zwar über eine Nahordnung, nicht jedoch eine Fernordnung verfügt. Je ferner ihrer Mitte, desto ungeordneter sind sie und werden es auch immer sein.

Wenn Leute sich impersonieren, einer Landschaft Bedeutung geben oder das Hervorstehende nachahmen, was kommt dabei heraus? – Sie sind knapp an sich selbst, aber noch knapper an amorph. Im Schatten ihrer Flügel, ihrer Freiheit – aber ist das schon Dunkelheit? Genauso rasten Tauben am Asphalt (womit, klar Tauben nie das höchste der Gefühle sind). Und es ist wohl wahr: Wo Heimat ist, da schont man sich. Was tut mann/frau in der Fremde? Ein Gedicht über Urlaub ist fällig.

Einer Fantasie fällt vieles ein, auch dergleichen, Menschen wieder zu erkennen, anhand ihrer Struktur, ihrer Form, während sie schlafen; auch wenn Fantasie als Wiedererkennen zu deklarieren, zu verwenden, nur einer dichterischen Wendung einfallen kann, klar, um dem Kreisel der Berührung zwischen Wort und Bedeutung einem Schwung in die Lichtgeschwindigkeit zu schnitzen.

Und schon ist vorbei, was Nähe heißt, weil wir uns selbst immer noch am nächsten sind und das entfernt uns von den anderen, wenn man das so sagen kann. Denn wir ziehen ja vorbei und immer aus zu uns, immer ein zu uns. Wenn wir das Lid schon heben, um einander anzusehen, ist der Augenblick bereits vorbei, meist. Am Ende ist Geschlecht der Grund – oder das, was daraus auftaucht, die Hügel auf denen wir liegen oder die Verlängerung dieser Hügel …

Dann der Reim – er klingt, obwohl man nicht weiß, was dieser Klang mit sich bringt. Boden auf Wogen und es ergibt sich ein Sinn, den keine Takelage irgendeines Schiffes, das je ein fernes Land erreicht hat oder jemand in den Hafen brachte, erreichen kann, egal wie weit sie reist mit ihrem Segel, ihrem Kiel.

Man glaubt Zutritt zu haben zu dem Land, in das man gehn kann, in das man sich trägt. Dabei ist es so, dass man “verbindend die Erhebungen, verliebt und vage”, aufgestoßen wird von seinen Gefühlen und den Orten, an denen man sie aufzurufen glaubt – dass Erhebungen auch Forderungen meinen können und nicht nur etwas, das bereits größer ist, bereits erhoben, Hügel, Schatten werfend. Man sieht hin und verliert den Halt.