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Zu Colin Crouchs “Ist der Neoliberalismus noch zu retten?”


Noch zu retten „[Dieses Buch] ist kein Beitrag zur Dämonisierung des Neoliberalismus, sondern der Versuch einer differenzierten Betrachtung zur Einschätzung seiner Reformierbarkeit.“

Also mal Bestandsaufnahme, ein kleines Für und Wider in Sachen Neoliberalismus, der Wirtschaftstheorie und -praxis, die seit den Zeiten von Ronald Reagen und Margaret Thatcher zur Grundlage für den globalisierte Welthandel und die meisten lokalen Wirtschafts- und Finanzsysteme avanciert ist. Eine nüchterne Herangehensweise ist sicher nicht verkehrt bei diesem Thema, in das häufig unterschwellig Emotionen mit eingebracht werden. Aber auch schwierig, denn viele dieser Emotionen sind berechtigt und können und sollten vielleicht gar nicht außen vor gelassen werden; vielmehr gehören sie vielleicht noch forciert und in die richtigen Bahnen gelenkt.

Denn die Wut über die großen Krisen der letzten Jahre und die Untergrabung vieler demokratischer Prinzipien, maßgeblich versucht durch die Finanz- und Konzerneliten und die großen Monopolisten (der Pokémon-Rap der Großkonzerne sollte mittlerweile bekannt sein, der Refrain lautet: Google, Amazon, Apple, Facebook/und das was die Springerpresse druckt), die einerseits kaum Steuern zahlen, andererseits das Internet und die Konsumgesellschaft als Vehikel für den Griff nach einer Quasi-Allmacht nutzen (mit Algorithmen, die ihnen längst davongaloppieren und Wagenladungen an Daten hinter sich herziehen), richtet sich derzeit leider gegen jene Teile der Gesellschaft, die eben nicht ausbeuterisch tätig waren oder sind, sondern eher gegen die, die sich am wenigsten wehren können, die leicht zu stigmatisieren sind. Man sucht die Schuldigen außerhalb des Systems, meint es würde von außen angegriffen. Dabei sind die Probleme im System, zu dem der Neoliberalismus nahezu untrennbar dazugehört.

Insofern ist Colin Crouchs kurze, prägnante Studie zwar ein hehrer Versuch der Aufarbeitung unter unparteiischen Vorzeichen, aber selbst ihm will kein Balanceakt gelingen, der den Neoliberalismus als Idee am Scheideweg präsentiert. Er stellt zwar auch die Neuerungen dar, die durch den Siegeszug des Neoliberalismus ermöglicht wurden, aber fast alle dieser Neuerungen haben einen großen Haken, der sie befristet, seien es Umweltverschmutzung & Klimawandel oder Armutswachstum oder die Aushöhlung gesellschaftlicher Räume. Crouch führt diese Nachteile an, Vertuschung kann man ihm nicht vorwerfen, aber immer wieder wagt er den haltlosen Versuch, eine tolle Verdammung der Idee abzuwenden.

„Ich gehöre zu denen, die den Eindruck haben, dass es der Neoliberalismus trotz mancher Kompromisse mit der Förderung der Ungleichheit übertrieben hat und den Werten, für die der Markt steht, also etwa Wahlfreiheit, Selbstbestimmung und dergleichen, in zum hohem Maß Vorrang vor anderen einräumt.“

Ich finde diesen Versuch sehr lobenswert – ich bin auch kein großer Fan vom Verdammen und fehlender Diversität der Meinungen. Aber der Neoliberalismus ist schlicht nicht mehr zu retten und kaum mehr zu reformieren. Selbst seine besten Ideen haben sich als sehr anfällig für Pervertierungen erwiesen und seine Entwicklung hat an vielen emanzipatorischen Fronten für Rückschritte gesorgt und wird sie weiterhin negieren, das liegt in seiner Natur.

Wäre der Neoliberalismus ein Tier, dann müsste man ihn fast zwangsläufig einschläfern, denn er fungiert nur noch als gehetzter und nicht mehr zu kontrollierender Schoßhund eben jener Konzerne und reichen Privatpersonen, nebst Anhängsel, die ihn weiterhin für alternativlos erklären und regelmäßig von der Leine lassen, weil er ihnen tolle Sachen zurückbringt, dabei aber große Verwüstungen verursacht.

Die Mittelschichten von Westeuropa und anderen „westlichen“ Ländern profitieren von der derzeitigen Weltwirtschaft (man sieht es an unseren Supermärkten, an unserem Verständnis von Privatbesitz, unserem mangelnden Bewusstsein für Luxus-Zustände), aber auch uns beginnt der Neoliberalismus langsam aufzufressen, zu entkernen, denn er sieht in uns nurmehr Konsument*innen und Markteilnehmer*innen und alle anderen Aspekte unserer Persönlichkeiten werden durch ihn langsam ins Hintertreffen geraten. Zu retten gibt es da nicht viel, wenn ein System eine so klare Entfremdung und Zerstörung vorantreibt und Colin Crouch schreibt sehr richtig:

„Der Neoliberalismus ist nicht fähig, etwas gegen den Klimawandel zu unternehmen […] Die Gesellschaft wird durch ihn an Gemeingütern ärmer. Er sorgt nicht dafür, dass sich Bürger die Informationen beschaffen können, die sie als Marktteilnehmer eigentlich bräuchten, betont aber zugleich, dass Märkte die einzig akzeptable Form der Güterverteilung und die einzige Grundlage der Entscheidungsfindung seien. Er korrumpiert sich selbst, indem er die Interessen von Megakonzernen unterstützt, obwohl sie Effizienz des Markes untergraben. Und schließlich kennt er keine Mittel zur Linderung der Ungleichheit, die aus seinen Verzerrungen der Marktordnung hervorgeht.“

Bevor wir versuchen ein marodes System zu retten, sollten wir lieber überlegen, wie ein neues aussehen könnte. Das könnte ja einige wenige Teile des Neoliberalismus beinhalten, die Crouch in seinem Buch gut hervorhebt. Aber ein neuer Anfang und neue Strukturen sind vonnöten, die alten auszubessern ist keine Lösung. Insofern ist dieser Abriss trotz seiner Bemühungen ein Verriss der Idee Neoliberalismus, da hilft alles Beschwichtigen nichts.

Eine Polemik zu Steffen Popps “Spitzen”


Spitzen [08] besprochen beim Signaturen-Magazin

Zu Julio Cortázars Erzählung “Die Katzen”


Die Katzen Wer ihn noch nicht kennt, dem/r rate ich, das schleunigst zu ändern. Vor allem, wenn man für jene besondere Art von Faszination anfällig und empfänglich ist, die phantastische, irreale und dennoch fesselnde Elemente erzeugen, die als bedrohliche, unheimliche und irritierende Momente innerhalb einer Erzählung eingesetzt werden und die Realität gleichsam umdeuten und hinterfragen.

Julio Cortázar hat eine Handvoll Erzählungen geschrieben, die ich wirklich liebe, die mich immer wieder begeistern (nicht zu vergessen: jenen irren Roman „Rayuela“, der gleich Joyce „Ulysses“ eine lange (möglicherweise nie endende) Vorlaufzeit braucht, bevor man ihn wirklich in Angriff nimmt, außerdem “Der Verfolger” eine der schönsten Novellen über Musik, die ich kenne). Die meisten davon sind in dem ersten Band der gesammelten Erzählungen bei Suhrkamp, „Die Nacht auf dem Rücken“, zu finden.

Viele dieser Texte arbeiten mit zwei Arten von erzählerischer Technik. Zum einen mit einer atmosphärischen Beschreibungskunst, die einem das Geschilderte nah an die Haut heranträgt. Cortázar ist kein Erzähler, der sich nur an seinen Ideen erfreut und dem es genügt, sie zu präsentieren, auszuwalzen – er will, dass die Lesenden die emotionale Komponente seiner Texte abbekommen, ja, sie ist oft die wahre Kraft, die in dem Text wirkt und die zweite Komponente als Vehikel benutzt.

Diese zweite Komponente sind die geschickt eingeflochtenen, immer tiefer verwobenen Irritationen, die aus der scheinbaren Wirklichkeit (in der man den Text zunächst verortet glaubt) eine Anderswelt machen, eine alternative Wirklichkeit, die sich bei Cortázar aber nicht als fremd entpuppt, sondern nur einen unscheinbaren Hauch entfernt ist und oft in einem kleinen Schritt, mit einer Bemerkung, in den Text eintritt und alle Spielregeln ändert. Diese Verschiebung ist immer wieder großartig zu beobachten und vollzieht sich auf so unterschiedliche Arten und Weisen, dass sich die Überraschung und Bewunderung angesichts dieses Kniffs nicht abnutzt; die Gewänder und Pointen, Ausgangspunkte und Verläufe sind vielfältig, geistreich, teilweise würde ich nicht zögern sie als genial zu bezeichnen.

Die aus dem Quasi-Nachlass stammende Erzählung „Die Katzen“ (in dieser Edition übersetzt von Henriette Terpe und Frank Henseleit, allerdings zweisprachig abgedruckt) ist ein Text aus dem Jahr 1948, kurze Zeit bevor die ersten wichtigen Erzählungen publiziert wurden. In ihr wird man keinen Tropfen jener erzählerischen Magie nach Art der zweiten Komponente finden – es gibt keine phantastischen Elemente in dieser Erzählung. Dafür tritt der erste Aspekt noch stärker hervor und die typische Aufgeladenheit einer Cortázar-Erzählung wird hier allein über den Aspekt des Emotionalen erreicht (die ja in ihren Extremen auch etwas Phantastisches, Transzendentes hat).

Schauplatz ist das Haus einer argentinischen Familie in den 40er Jahren. Carlos María wächst zusammen mit seiner Cousine im Haus seiner Eltern auf; ihre Eltern sind tot, wobei die Geschichte ihrer Herkunft nicht ganz klar ist. Die beiden Kinder spielen Verstecken, Fangen und Cowboy und Indianer – letzteres ein Spiel, das Carlos María bevorzugt, weil er seine Cousine dabei an den Marterpfahl binden kann, wo sie ihm ausgeliefert ist.
Schon zu Anfang wird klar, dass „Die Katzen“ die Geschichte einer Obsession werden wird, eine starke Anziehung zwischen den Heranwachsenden im Mittelpunkt steht. Im weiteren Verlauf wird zunächst das Widerstreben behandelt, das die beiden in Bezug auf ihre Zuneigung zueinander an den Tag legen. Die Mutter hält sie, kaum sind sie dabei in die Pubertät einzutreten, möglichst fern voneinander – und bald gesellt sich auch ein neuer Verehrer der Cousine dazu …

„Die Katzen“ ist vordergründig eine Geschichte vom Erwachsenwerden, mit einen leichten Hauch von Tabu versehen, der dann und wann hervorblitzt. Vielmehr als um die verbotene Liebe zwischen den gemeinsam aufgewachsenen Kindern, geht es um die, als prekärem Einschnitt empfundene, allgemeine Aufwallung des Begehrens; jenen Wunsch sich mit jemandem zu balgen, spielerisch wie einst als Kind, aber mit einem unterschwellig-heftigen Drang, der auf irgendeine Art und Weise „weiter“ gehen will. Keusche Verehrung und rasender Nähe- und Besitzwunsch prallen aufeinander, zusätzlich verstrickt in die sozialen Konventionen und die sich täglich wandelnden Verhältnisse, sowie die unklaren Dimensionen, als die sich die Gefühle der anderen Menschen darbieten und die man nicht aufdecken kann, nur schwerfällig ausdeuten.

Diese emotionale Achterbahnfahrt, mit all ihren kleinen Momenten, Wendepunkten, Erschütterungen, fährt Cortázar in seiner Erzählung ab, zeichnet jede neue Facette gekonnt und unreißerisch nach. Man kann den beiden Übersetzer*innen und Nachwortschreibenden nur danken, dass sie diesen Text ausgewählt haben (sowie dem Lilienfeld Verlag, dass sie ihn publiziert haben), denn in ihm wird eine weitere Qualitätsfacette von Cortázars Werk greifbar. An alle daher die Empfehlung – lesen!