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Zu den Slam-Texten von David Friedrich in “Solange es draussen brennt”


„Das Leben ist doch ein Marionettentheater
Mit den Typen, die im Hintergrund die Fäden ziehen
Läuft dann doch alles wie am Schnürchen“

Der Satyr Verlag war mir lange kein Begriff, bis ich bei meinen Recherchen zu Lyrik-Verlagen auf ihn stieß. Ein Verlag für Slam-Texte? Zumindest scheint es dort ein wichtiger Programmpunkt zu sein. Und Poetry-Slam-Texte gehören ja auch unter die Leute; vor allem seit die politische Lyrik mehr oder minder tot ist, werden sie als starke, kritische Stimme gebraucht.

Auf dem Buchdeckel werden David Friedrichs Texte als „emotionsgeladene Lyrik voll Sarkasmus und Bildgewalt, skurril-witzige, aber niemals kritiklose Texte“ beschrieben. Dem ist eigentlich wenig hinzuzufügen, denn all die genannten Eigenschaften sind in erstaunlicher Fülle vorhanden. Das Emotionsgeladene lässt sich allerdings dann und wann auch überartikuliert an, der Sarkasmus kann schon mal nach Häme schmecken.

„Optisch ist sie wie von Picasso gemalt, diese Frau
Kein Kubismuswitz, wartet nicht drauf
Denn vom Ehemann geschlagen ist ihr Auge
Auch phasenweise blau“

Natürlich ist gerade bei Bühnentexten des Slams diese Überzeichnung ein probates Stilmittel, ein fast schon geforderter Unterhaltungsaspekt. Was die Bildgewalt angeht, werde ich bei aller Sympathie das Gefühl nicht los, dass die Erwartungshaltung des Publikums in Bezug auf die Pointen (sie sollen besonders pittoresk und eindrücklich, möglichst sprachverspielt und innovativ sein) zu sehr bedient wird und sich selbst permanent hervorstechen lässt, was mitunter etwas enervierend ist (und vor allem nicht immer die Botschaft transportiert). Dabei hat David Friedrich viel zu sagen und ist eben nicht nur ein Spaßmacher oder ein cleverer Wortkünstler und manchmal gelingt ihm ja auch die Verbindung zwischen Kritik und Slapstick, zwischen Revue und Biss.

„Und während der Nachrichtensprecher den Anschlag erwähnt
Wird nebenan schon der nächste Brandsatz gelegt
Im Kopf der jungen Janina, 13 Jahre, Einzelkind
Papa erklärt, wer heutzutage unsere Feinde sind
Auf dem Schulfest, der süße Junge, mit dem sie tanzte
Nein, das mit Serhad wird wohl keine Teenieromanze“

Manchmal wiederum kommt man sich vor wie an der Leine durchs Witzekabinett geführt, in dem angeblich auch die Idee der Dinge beleuchtet wird. Gerade wenn Gesellschaftskritik in den Mittelpunkt (von lyrischen Texten) gerückt wird, glaube ich, dass Subtilität das A und O ist, sonst tauscht man die eine Vereinfachung gegen die andere aus. Vielleicht stelle ich da viel zu hohe Ansprüche, aber ich vermute eben, dass David Friedrich durchaus auch hohe Ansprüche mit seinen Texten verbindet.

„Ab und zu ein Stück Fleisch – natürlich nur wenn das Rind
alt und schwach war und nach drei Jahren im Krankenhaus
gesagt hat: Bitte, zieht den Stecker, bitte, ach was, ich ziehe
ihn selber! Aber dann richtig mit Röstzwiebeln und Kräu-
terbutter. Gönn dir, Gutmensch! Nimm doch dazu Senf! Den
gibst du doch sonst auch so gern dazu. […]
Der Vanillesirup riecht sehr streng in deiner Sojalatte
Erklärst mir die Echtheit der Welt und bist selbst eine Attrappe“

Ein bisschen ändert sich dieser Eindruck, wenn man sich mithilfe der mitabgedruckten QR-Codes die Texte von David Friedrich vortragen lässt. Die feinen Stufungen der Selbstironie, der punktgenaue Einsatz der Pointe, die Dynamik des Sprechvorgangs – das alle lässt die Texte lebendiger und damit auch weniger problematisch erscheinen; halt aus dem Leben gegriffen, mittendrin, und nicht nur aus der Ferne Position beziehend.

Trotzdem: ein vielschichtiger Schreibender, ein Dichter wie David Friedrich, der für unsere Existenz die schöne Wendung „Wir sind Schiffschrauben in der Wüste“ findet, setzt zumindest seine Poetik dann und wann herab, wenn er doch mal eben zu einer schnellentzündlichen, aber auch schnell verrauchten Wendung greift. Ich weiß, man brauch so etwas auf Bühnen und ich verstehe, dass er damit ins Leben will, die Dinge frontal angehen will und das Hintergründige dem Vordergründigen schon mal weichen muss. So entstehen nette Zweizeiler zum Zeitgeist:

„Du wolltest immer dein eigener Chef sein
Doch was heißt Chef sein? Der Chef ist die Deadline“

Oder scheinbar klar-kritische Bilder:

„In den Ruinen suchen Trümmerkinder
Nach den Resten ihrer Kinderzimmer“

In der Unbedingtheit dieser Wendungen liegt eine große Kraft, aber oft auch eine leicht abzuschüttelnde Atmosphäre, die so momentgebunden daherkommt, so fidel an einem vorbeihüpft, dass sie nicht unbedingt nachhaltig beeindruckt, obwohl sie doch Gesellschaftsrelevantes aufgreift und nicht selten gut verpackt.

„Und ich freu mich
Denn ich merke deutlich
Dass diese Situation scheußlich ist
‚Rumhängen‘, das ist wie die AfD
Da macht mein Kreuz nicht mit“

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Zu Bukowskis Gedichten, speziell zu denen aus: “Gedichte, die einer schrieb bevor er im 8. Stockwerk aus dem Fenster sprang”


“nicht als Ketchup und Windhunde
und Krankheit
und Frauen, manche davon
für Augenblicke so schön wie
eine dieser Kathedralen,
und jetzt spielen sie Bartok,
der wusste was er tat,
was bedeutet: er wusste nicht was er tat,
und morgen werde ich vermutlich wieder zurück
zu diesem Scheißjob gehen
wie zu einer Frau mit 4 Kindern”

Charles Bukowskis Gedichte sind Geschichten und Tiraden; Blitzlichter – der Auslöser ist das Leben; frankiertes Elend, dass sich in Nullkommanichts weglesen lässt und doch in seinen Kanten und Rillen viele kleine Offenbarungen versteckt und damit oft auch gar nicht hinterm Berg hält, sondern frontal darauf zusteuert.

Gerade die freie Form der Gedichte macht sie zwingend, lässt sie zusammen dem lapidaren Ton zu einer Beschwörung werden, die das faserige Leben aus dem Fleisch des bloßen Benennens, Erzählens, Dokumentierens schneidet. Bukowski-Gedichte, das sind die unanmaßendsten Anmaßungen der Lyrikgeschichte.

“kann sein, dass Eiswürfel aus der Schale brechen
etwas bedeuten kann,
oder eine Maus die an einer leeren Bierflasche schnuppert;
zwei leere Räume, die ineinander hineinsehen,
oder die nächtliche See, bestückt mit schmierigen Schiffen
die dir ins Hirn dringen mit ihren Lichtern,
diesen salzigen Lichtern
die dich streifen und wieder verlassen
für die konkretere Liebe irgendeines Indien;”

Die Gedichte im Band “Gedichte, die einer schrieb” sind nicht ganz so ausbalanciert wie jene in “Western Avenue” oder “Kamikazeträume”, aber dennoch haben sie bei aller Zurückgelehntheit oder Heftigkeit denselben schalen Glanz, der so hell und großflächig reflektieren kann, von dem so mancher Wahnwitz und Verdruss und so viel Tiefe zurückbleibt.

Ausholen tun seine Gedichte, aber sie verstehen es auch eine ganz spezielle Besinnlichkeit hervorzurufen, einzigartig, fast kämen die Texte einem wie Prosa vor, in Verse gepresst, aber sie sind etwas Subtileres: Gerede, das am Rande des Lyrischen streift und es immer wieder betritt. Gerede, das kein Gelaber ist, sondern eine Stimme, die den Leser nicht in eine flüchtige Metapher presst, sondern mitten in einen großen Raum schmeißt, einem Raum voll von Willen zu etwas, dem Versagen daran, voller Anekdoten, dem Staub, der wir werden & Bewegungen, die wir sind, im Versuch, noch anders zu sein als das Nichts.

Das Sensible in den Gedichten entdeckt man schnell selbst, am eigenen Leib könnte man fast sagen. Was will man mehr von nem Gedicht?

“Es kommt die Zeit wo man tiefer
in sich reingehen muss
und es kommt die Zeit
wo sichs unschuldiger
und leichter stirbt
wie bei nem Bombenangriff
auf Santa Monica”

Zu Thomas Bernhards “Wittgensteins Neffe”


“denn machen wir uns nichts vor, die Köpfe, die uns die meiste Zeit erreichbar sind, sind uninteressant, wir haben nicht viel mehr davon als wenn wir mit ausgewachsenen Erdäpfeln zusammen wären, die auf wehleidigen Körpern in mehr oder weniger geschmacklosen Kleidern ein kümmerliches, leider gar nicht erbarmungswürdiges Dasein fristen.”

(Seite 46)

Freundschaft beginnt mit dem Interesse, der Sympathie und findet ihre Vollendung in einem Wohlgefühl, einer Vertrautheit und dem Wunsch, sich so oft wie möglich austauschen zu können. Freundschaften sind kein Amboss auf dem wir unsere Gedanken und unser Rüstzeug für das Leben schmieden, aber sie sind Oasen für uns Menschen, die wir stets dazu gezwungen sind, unterwegs zu sein.

Manche Menschen suchen in der Freundschaft die Bestätigung, andere den Austausch, die Inspiration. Freunde können uns darüber trösten wer wir sind oder es uns erst wirklich vor Augen fühlen, im schönsten Fall: beides zugleich. Für Thomas Bernhard war Paul Wittgenstein so ein Freund; ein Freund, in dem er sich selbst und sein Leiden erkannte, aber mit dem er auch die Liebe zur Musik und der Philosophie, die Abscheu vor der Heuchelei und manch anderen wertvollen Moment teilte.

Natürlich kann ein Thomas Bernhard keinen Liebesbrief schreiben, wie andere ihn schreiben würden, denkt man sich. Er wird nicht mit Rührung kommen, nicht mit Schwüren und Schwulst, vielleicht am ehesten noch mit Superlativen.

Was Thomas Bernhard unter anderem sehr stark auszeichnet ist sein Unverständnis. Und darunter möchte ich nicht Ignoranz verstanden sehen, oder Vorurteil oder schlichte und stupide Härte. Nein, ich rede von einem Unverständnis, welches direkt auf die Akzeptanz abzielt, die die “normalen” Menschen um viele Dinge aufgebaut haben. Konventionen, Institutionen, Trägheiten, etc. Ein Thomas Bernhard zeigt wenig Verständnis.

Auch dieses Buch ist kein Buch des Verständnisses. Aber es enthält viel davon. Neben all den Tiraden, Relativierungen und Offenheiten, ist es Thomas Bernhard hier gelungen uns einen Menschen, Paul Wittgenstein, bei all dem, was gegen ihn sprechen mag, durch die Augen eines Freundes zu zeigen; der Stil und das Objektiv, durch welches wir die Erzählung aufnehmen, enthält diese besondere, nicht nachsichtige, aber zugeneigte Tönung der Freundschaft.

Ich lese aus vielen Gründen gerne Thomas Bernhard und es wäre albern zu behaupten, dass dieses Buch eine große Ausnahme in seinem Werk darstellt. Warum ich trotzdem nicht umhin komme, es großartig zu nennen? Letzten Endes, neben Eindringlichkeit, Stil und Darstellung, besitzt dieses Buch eine ungeheure Menschlichkeit. Egal wie sehr man in Thomas Bernhard einen Misanthropen, Vernichter oder apathischen Geist sehen will – in diesem Buch spürt man dann und wann zur Gänze, dass sein Schreiben, sein Artikulieren und seine Erregung von dem Thema der Menschlichkeit nie ganz abweichen. Womit ich ihn nicht zum Heiligen oder Gutmenschen machen will, eben gerade nicht. Aber der Konfrontationskurs, auf dem Bernhard sich befindet, nicht nur mit der Gesellschaft oder der Existenz, sondern hier auch mit sich selbst, mit dem Freund Paul Wittgenstein: er offenbart meiner Meinung nach eine große menschliche Dimension.

Gerade weil es ein Buch ist, das alle anderen Verwandtschaften außer der geistigen leugnet. Gerade weil es ein Buch ist, das ehrlich mit seinem Objekt und seinen Emotionen sein will, ohne Tragik und perdue.

Wittgenstein Neffe ist ein großartiges Buch. Ich kann nur jedem empfehlen, sich in seinen Bann zu begeben, meine Meinung zu widerlegen oder eine Spur davon wiederzufinden. Beides wäre mir mehr als willkommen.