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Zu Perecs Traumnotaten in “Die dunkle Kammer”


“Aus Deutschland erhalte ich einen Brief, der mir mitteilt, dass Eugen Helmlé gestorben ist. Ich hatte ihm noch am Vortag geschrieben.

Nach und nach wird mir klar, dass ich träume und das Eugen Helmlé nicht tot ist.”

Gott sei Dank war es nur ein Traum – denn was für Übersetzungen und Werkzugänge wären uns entgangen, wenn Eugen Helmlé gestorben wäre. Es wäre uns wahrscheinlich nie möglich gewesen Anton Voyls Fortgang zu lesen, Helmlé geniale Übersetzung von “La Disparation”, dem Roman ohne den Buchstaben “e”. Oder Perecs Opus Magnum Das Leben: Gebrauchsanweisung, das man laut Harry Rowohlt einmal im Jahr lesen sollte. Und ich hätte vielleicht nie das Glück gehabt, dem für mich nach wie vor ungeschlagene Kleinod Träume von Räumen zu begegnen, einer vielschichtigen, epiphanischen Meditation über die Vorstellungen des Raums.

Träume, Schlaf. Die Belassenheit der Dinge, die aber gleichsam im Inneren ungeheure Kapazitäten bereithält. Themen, die in Perecs Werk immer wieder auftauchen. Das Sprachspiel, die Schule von Oulipo, war das Eine; das lieferte die Formen, die Freude, den Spaß, die Herausforderung. Auf der anderen Seite sind da die eigenen Untiefen, aus denen jeder Schreibende schöpft. Gerade bei Perec prallen an der Schnittstelle durchaus einige Gegensätze aufeinander. Denn so genial viele seiner Werke sind, es geht darin oft um Verlassenheit, um Zwingendes und Furchteinflößendes, um das Negierende. In seinem Nachwort schreibt der Übersetzer und Herausgeber Jürgen Ritte:

“Unter den vielen literarischen Wunderwerken, mit denen Georges Perec im Laufe seines viel zu kurzen Lebens die Welt beschenkte, ist die Dunkle Kammer […] gewiss das verstörendste.”

Das ist meiner Meinung nach etwas zu hoch gegriffen, ich halte W oder die Kindheitserinnerung definitiv für das verstörendste Werk Perec; es trifft einen wie einen Wucht, gerade wenn man vorher die eher spielerischen oder meditativ-philosophischen Texte von Perec kannte. Aber beiden Büchern ist die Eigenschaft gemein, gleichsam autobiographisch und doch in gewissem Sinne undurchsichtig, undurchdringlich zu sein.

Im Titel “Die dunkle Kammer” ist natürlich die Idee der Dunkelkammer enthalten, der Ort, wo man aus Negativen Fotos entwickelt. Und tatsächlich ist die Niederschrift von Träumen ein ähnlicher Vorgang. Man erlebt etwas und mit der Linse hält man es fest, wie den Traum mit dem Stift, und es kommen dabei Objekte heraus die eine Version des Traums/des Erlebnisses sind und doch wieder nicht. Es sind Rahmungen, es sind Festsetzungen von etwas, das nicht festgesetzt werden kann.

Trotzdem gelingt Perec in den 124 Traumnotaten Erstaunliches. Sehr oft fängt seine nüchterne Nacherzählung der Träume gut die additive und zugleich kontemplative Bewegung der Träume ein, den Verlauf. Vor allem das Bewusstwerden, das im Traum – noch einmal mehr als in der Wirklichkeit – meist eine geradezu erschütternde, direkt Dimension bekommt. Das ermöglicht es den Lesenden einzutauchen in die andere Seite der Nacht, in die seltsame Kreativität unserer Unterströmung, die alles Mögliche anschwemmt, das einmal in den Strudel unserer Wahrnehmung, unserer Erinnerungen, unserer Bedeutungsaneigung geriet.

“Ich bin A. in meinem Zimmer – und mit einem Zufallsbekannten, dem ich das Go-Spiel beizubringen versuche. Er scheint das Spiel zu begreifen, bis zu dem Augenblick, da mir bewusst wird, dass er glaubt, gerade die Bridge-Regeln zu lernen.”

Die Berichte der Träumen sind von unterschiedlicher Ausführlichkeit und von unterschiedlicher Schwere, je nachdem ob es um ein eher obskures, wie eine Phantasie anmutende Traum-Szenario geht, z.B.:

“Ich gehöre zu einer Gruppe Hippies. Auf einer Landstraße stoppen wir den Verkehr. Wir umzingeln eine Luxuskarosse und rücken ihr bedrohlich näher.”

oder ob Lebensthemen im Zentrum der Träume eine gewisse Gravität einbringen. Einmal träumt Perec, er und ein Freund hätten in “Anton Voyls Fortgang” lauter e’s gefunden; plötzlich tauchen sie auf, stechen hervor, dann sind sie wieder weg. Die Holocaust-Vergangenheit von Perecs Familie und seine privaten Beziehungen sind andere Themen, die oft einfließen; das Bergwerk, zu dem der Traum immer wieder zurückkehrt, um zu schürfen. Und dann sind es wieder von jeglichem Betrachter losgelöste Träume, entkörperte Filme hinterm Auge des Schlafs.

“Nach einer langen Abwesenheit kehrt der Rächer aus Mexiko zurück. Ein Verräter schickt sich an ihn von hinten zu erschießen, als eine hell behandschuhte Hand auftaucht und ihn daran hindert.”

Die dunkle Kammer ist ein reiches Buch, ein Buch mit dem man sich sehr lange beschäftigen kann und dafür muss man nicht einmal an Perec oder seinem Werk im Besonderen interessiert sein. Wobei auch der- oder diejenige auf seine/ihre Kosten kommt, zumal das Nachwort sich sehr gelungen zu Perecs Werk auslässt (und dabei vielleicht ein bisschen zu wenig zu “Die dunkle Kammer”).

Für alle, die sich für den Traum interessieren, für das Wartende, Schlummernde, das erwacht, wenn wir einschlafen, eingefasst und durchdrungen von den Symbolen unseres ganzen Lebens und doch nur in unordentliche Zustände gekleidet, denen wird dieses Buch ein Schatz sein. Jorge Luis Borges zitierte einmal Arthur Schopenhauer mit dem Satz: “Wach sein heißt, das Buch des Lebens lesen, Träumen heißt, darin zu blättern.”

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Zu “Der große Meaulnes” von Henri Alain-Fournier


Der Autor Henri-Alain Fournier fiel 1914 bei Verdun. “Der große Meaulnes” blieb sein einziges Werk.

Francois, der Erzähler der Geschichte, lebt in einem kleinen Dorf in Frankreich. Sein Dasein dort ist ruhig, eintönig und friedlich. Sein Vater ist der Lehrer im Ort, Francois selbst geht noch zu Schule. Das Leben dieses ausgeglichenen, einfachen Menschen ändert sich abrupt, als ein neuer Junge auf die Schule kommt. Der Junge, den sie bald nur noch den ‘großen Meaulnes’ nennen, freundet sich mit Francois an, bringt mit seinem Unternehmungsgeist Schwung in das Dorfleben und ist auch ansonsten eine besondere Seele. Als es gilt die Großeltern seines Freundes vom Bahnhof abzuholen, stibitzt er kurzerhand einen Pferde-Wagen und fährt mit ihm auf und davon. Doch statt an den Bahnhof zu kommen, verschlägt es Meaulnes auf einen geheimnisvollen Landsitz, auf dem eine, in der Beschreibung gar rätselhafte Hochzeit gefeiert wird – auch für Meaulnes selbst wird dies eine Schicksalsnacht werden …

Die Geschichte ist glatt, aber vielschichtig aufgebaut. Francois ist zwar der Erzähler, aber oft lässt Fournier uns trotzdem durch die Augen Meaulnes sehen. Die Erzählung über das Fest auf der Hochzeit zum Beispiel ist ein Bericht von Meaulnes, den Francois eines Nachts erzählt bekommt. Gleichzeitig liegt die ganze Geschichte über immer etwas im Schatten; Handlungen von denen der Leser erst sehr spät erfährt und die das Ganze wieder andersherum beleuchten; die Stimmung ist mit der in manchen Büchern von Hermann Hesse verwandt (etwa dem Steppenwolf) mit ihrer Verbindung von Traum und Realität, die sich gegenseitig ergänzen.

Ein weiteres auffälliges Merkmal des Buches ist die Präzision der Wörter und Sätze. Der Text ist, möglicherweise nur durch die Übersetzung, ein ruhig dahin fließender, ohne Wasserfälle, Stromschnellen oder weitläufigen Kurven, aber auch ohne steinige Bachbette, er flirrt nur ein wenig, ansonsten ist er klar und tief genug, um ohne Grund zu sein. Um es einfach zu sagen: der Text ist eine wirklich schöne Erzählung voll herrlicher Stimmungsbilder. Und einigen Tropfen Wehmut.

Trotz all der schönen Worte und Sätze bleibt doch eins unergründlich: Die Intention Fourniers, wenn er eine hatte, ist mir verborgen geblieben. Eine Schilderung von Liebe, Abenteuerlust, Ländlichkeiten und leicht romantisch unterlegten Szenarien ist ihm gelungen, aber am Ende ist das Ende wirklich ein Ende, ohne Offenbarung. Vielleicht liegt genau darin die Finesse dieses Werks. Es ist eine Geschichte, die nichts will, außer genau dies zu sein. Mit einem Hang zum Märchenhaften entwindet sie sich jedem Zugriff; mit ihrer klaren Sprache bleibt sie nah am Leser. Eine Kombination, die man einfach bewundern muss.

“Das Gefängnis der Freiheit” – Über Michael Ende’s Erzählband


“Wenn es sich aber so verhält, wenn Zeit nichts anderes ist als die Art und Weise, wie unser Bewusstsein eine Welt wahrnimmt, die ohne Zeit ist, warum sollte es dann nicht auch Erinnerungen geben an etwas, das uns erst in naher oder ferner Zukunft widerfahren wird?”
(S. 64)

Ein Geleit durch unerreichbare Länder sind jene Geschichten, die wir phantastisch nennen, und die heute meist dem Science-Fiction oder der Fantasy zuzuordnen sind; doch es gibt auch jenseits dieser Genres phantastische Literatur: Geschichten, die Randphänomene menschlicher Lebenswirklichkeit, wie Träume oder Mystik, unerklärliche Geschehnisse und Zaubertricks, mit einer gewohnten Erzählstruktur verbinden und daraus eine phantastische Erfahrung kombinieren, die nicht allein unsere Vorstellungskraft anspricht, sondern vor allem unser Staunen über die möglichen Untiefen der Wirklichkeit belebt.

Michael Ende, der die phantastischen Welten seiner Kinderbücher immer wieder auf besondere Art mit Facetten unserer wunderlichen und wunderbaren Wirklichkeit zu durchdringen vermochte (indem er z.B. die Realität mit einem phantastischen Element kontrastiere und so nicht nur die Macht der Fantasie, sondern auch die Schönheit der Realität hervorhob, ohne die seine fantasiereiche, gesteigerte Variante ja gar nicht denkbar gewesen wäre – oder indem er seinen Welten trotz ihrer phantastischen Weiten die menschlichen Gefühle und Sehnsüchte zur Seite stellte). Neben seinen Kinderbüchern hat sich Ende auch in einigen Erzählungen, Märchen, Aphorismen und Betrachtungen der Faszination von Wirklichkeit, Wünschen, Spirituellem und Träumen gewidmet.

“dass nämlich zur Erfahrung der Wirklichkeit außer dem Nur-Faktischen auch ein erkennendes Bewusstsein gehört, das dieses Faktische erst realisiert, dann ist es wohl nicht allzu gewagt zu folgern, dass also die Beschaffenheit der jeweiligen Wirklichkeit von der Beschaffenheit des jeweiligen Bewusstsein abhängt. Da letzteres jedoch, wie man weiß, keineswegs bei allen Menschen und in allen Völkern gleich ist, kann man mit Recht annehmen, dass es an verschiedenen Orten der Erde verschiedenen Wirklichkeiten gibt, ja dass an ein- und demselben Ort durchaus mehrere Wirklichkeiten vorhanden sein können.”
(S. 81)

Die Erzählungen in diesem Band sind allesamt der Tradition von erzählten Geschichten verpflichtet, es geht nicht um Zwischenmenschliches, es geht um Lebenswege und Gleichnisse, die sich um das Suchen und Entdecken drehen. Der Protagonist der ersten Geschichte ist ein Mann, der in Hotels rund um die Welt unter der Obhut des Vaters und ein-zwei Dienern aufwächst und ein gedämpftes, unwirkliches Leben fristet, bis er zum ersten Mal zufällig auf jemanden trifft, der Heimweh hat. Heimweh, Heimat, ein Zuhause? – etwas, das er nicht kennt. Aber alle bekommen diese wehmütige Art wenn sie davon reden. Auch wer will so etwas haben und sucht von da an sein ganzes Leben nach diesem Ort…
Während diese erste Erzählung noch in das Gewand einer gewöhnlichen, profanen Lebensgeschichte gehüllt ist, wird der Leser in einer anderen Erzählung in eine geradezu kafkaesk anmutende, totalitäre Schattenwelt geworfen, in der die Lebewesen in unveränderlichen Tagesrhythmen in einem unveränderlichen, unendlichen Tunnelsystem leben; wiederum in einer weiteren Erzählung, befindet er sich in den spirituellen Gleichniswelten des Korans, in denen ein dem Glauben entfallener sich mit dem Gefängnis der Freiheit auseinandersetzen muss. Und dann ist da noch jener Korridor in Rom, der ein physisch gewordenes mathematisches Problem darstellt …

Gute phantastische Literatur bezieht ihre größte Faszination nicht allein aus der reinen Fabulierkunst. Es ist die verschwimmende Grenze, das Abtasten der Wirklichkeit, das die erstaunlichsten phantastischen Erzählungen ausmacht, von Borges über Cortazar, von Lovecraft über Kehlmann bis zu diesen Geschichten Michael Ende. Denn die Wirklichkeit eines phantastischen Textes, einer phantastischen Welt, ist ein eigener Bereich, der aus Elementen der realen Wirklichkeit und der denkbaren Wirklichkeit erschaffen wird und wo die realen Elemente von der phantastischen Wirklichkeit in Beschlag genommen werden, aber umgekehrt auch die phantastischen von den realen. So entsteht eine Ebene, die man geheimnisvoll, rätselhaft nennen würde. Sie grenzt sich von der Realität nur dadurch ab, dass sie erdacht wurde, trägt aber Teile in sich, die durchaus in Bereichen unserer Lebenswirklichkeit greifen könnten, darin präsent sind.

Das ist natürlich mehr die interpretative Seite. Der Leser kann diese Seite ebenso gut mit Genuss ignorieren und diese Erzählungen so lesen, wie Ende sie sicherlich verstanden sehen wollte: als Geschichten mit fantasievollen Zügen, mit Ideen, die eine übergreifende Vorstellung erzeugen können, von der Bedeutung des Glücks, der Vorstellungskraft und vielem anderen. Ende war ein Geschichtenerzähler und er war sicherlich noch mehr als das. Aber allein wegen ersterem lohnt es sich schon, ihn zu lesen – die eigene Fantasie seinen kleinen Welten, Lebensläufen und Parabeln anzuvertrauen.

Zu Georges Perecs “Ein Mann der schläft”


Georges Perec gehört bis heute zu den unangefochtenen Königen innovativer Literatur. Davon zeugen nicht nur seine große Würfe, der 1000 Seiten Roman Das Leben – Gebrauchsanweisung und sein Roman, welcher ohne den Buchstaben “e” auskommt: Anton Voyls Fortgang, sondern auch seine kleineren, sprachexperimentellen Werke, von denen einige vor kurzem erst bei diaphanes broschur neu aufgelegt wurden.

Perecs Bücher sind Ausnahmeerscheinungen und deswegen nicht für jede Leseerwartung zu empfehlen, die man bei dem Titel “Roman” hegen könnte. Das Buch ist eindeutig ein Roman, aber der Inhalt ist, wenn man ihn schlicht als Handlung eines Romans betrachtet, wahrscheinlich eher als dürftig zu bewerten. Es gibt zwar einen Spannungsbogen und eine klare Stimmungskontur, doch davon abgesehen hat der Roman scheinbar keine prägnanten Themen oder Geschichten zu bieten. Die Frage ist: Was bewertet man – das was da ist, oder das was fehlt?

“Ein Mann der schläft” beginnt mit einer Expertise über den Schlaf; über das seltsame Gefühl, kurz bevor du einschläfst, die verlorenen Sekunden zwischen Stille und Erwachen, die Formen und Farben die auftauchen, wenn du die Augen schließt, jedoch trotzdem noch schaust. Mit wunderbarer Detail- und Sprachsensibilität schafft Perec es, dass man erstmal in sich selbst schaut, tief nachempfindet, was er beschreibt, weil man es kennt, weil man es so schon erlebt hat – weil man sofort die Augen schließen und miterleben kann, was man gerade gelesen hat.

Nach dieser, für uns sehr nahen Erfahrung, folgt die “Geschichte”, in der ein 25jähriger Student eines Tages nicht aufsteht, obwohl er an diesem Tag Examen machen soll.
Wir alle wollten schon mal nicht aufstehen, wollten unser Leben, das wir gerade leben, verwerfen wie einen Entwurf, den wir gemacht haben, und zurückkehren in die Welt der Zeitlosigkeit, dahin wo die Schliche der Zeit und des Raums sich zersetzen – und nun haben wir hier die Geschichte eines Mannes, der diesen Weg wählt; er kappt die Verbindung zur Welt, er nimmt quasi das Gefühl des Traumes für die Wirklichkeit in Anspruch.

Und wir sind immer noch ganz nah dran an dieser Geschichte. Zumindest ich konnte diese Nähe auch nicht mehr völlig ablegen – durch die geschickt an den Anfang gestellte Einstimmung, die mir so vertraut war und die in derselben feinen Sprache verfasst war, wie die darauf folgende Geschichte, war ich mit dem Folgenden ebenfalls verbunden.

“Du hast kaum gelebt und doch ist alles schon gesagt, schon vorbei.”
“Du gehst wie ein Mensch, der unsichtbare Koffer trägt, du gehst wie ein Mensch, der seinem Schatten folgt.”

Was passiert, wenn man sich auflösen will in Raum und Zeit? Wenn man die Zügel der Welt ablegt? Wenn man noch in ihr lebt, aber seinen Beitrag zu ihr einspart?
Perecs Student zieht sich in sich selbst zurück. Er will ein Baum sein, er will in Ruhe gelassen werden, er will allein sein. Will er allein sein? Nein, eigentlich will er vor allem eins: er möchte ein Teil der Welt sein und nicht ein Mensch, der nie ein Teil der Welt ist, weil er sie verstehen will, weil er wie außerhalb von ihr steht, von wo er sie immer unterschiedlich sieht, weil er sie nie gleich sehen kann, ja, weil er eine eigene Welt ist, die ständig mit einer großen, ganzen Welt konkurriert, die soviel größer ist als die seine, so groß, dass er sie nur wahlweise mit seiner Welt messen kann. Aber wonach soll man wählen? Ist die Wahl nicht armselig, im Gegensatz zum Frieden, den alles andere hat?

“Ein Mann der schläft” ist kein Roman, der eine Geschichte erzählt, auch wenn er es vordergründig vorgibt zu sein. Nein, es ist ein Buch, dass ein Gefühl einfasst,  ein Gefühl, dass sich über 140 Seiten ausspricht, das klagt, nach Lösungen sucht, das zusieht, wie alles entflieht, das sich selbst auf den Grund geht. Das Gefühl zu nennen ist nicht möglich, denn es braucht diese 140 Seiten oder einen ganz bestimmten Abschnitt, der Teil dieser 140 Seiten ist (sein muss), um dies zu tun.

Wer also gerne ein Leseabenteuer erleben, wer eine persönliche Erfahrung in Form eines Buches machen will, der lese “Ein Mann der schläft”. Kurz und knapp zusammengefasst ist über dieses Buch zu sagen: Ein wirklich interessantes Werk und tiefenwirksam.

“Vogelschwärme ziehen sehr hoch am Himmel dahin. Auf dem Yonne-Kanal gleitet ein langer Kohleschlepper mit metallblauem Rumpf, von zwei großen grauen Pferden gezogen, vorüber. Nachts kommst du über die Route Nationale zurück, aufheulende Autos kommen dir entgegen oder überholen dich, du wirst von Scheinwerfern geblendet, die, wie es einen Augenblick lang scheint, den Himmeln anleuchten wollen, bevor sie sich auf dich stürzen.”

Link zum Buch

*diese Rezension ist bereits in Teilen auf Amazon.de erschienen

Kleine Impression zu Cocteaus “Kinder der Nacht”


“Ich will nicht schlafen. Das lässt sich nicht träumen.”
Aus einem Gedicht von Günter Grass

“Ob ich schreibe, ob ich filme, ob ich male – ich errege Anstoß.”
Jean Cocteau

Cocteau ist einer dieser Dichter (denn als Dichter bezeichnete er sich sein Leben lang, auch wenn er vor allem Filme machte und Prosa schrieb) die einem durch den Verstand wirbeln, weil sie so originell und doch im Ganzen so natürlich und nah sind. Seine somnialen, geschmückten Gedichte, seine fassende Art zu erzählen und seine klar ausgerichtete künstlerische Freiheit, die ohne Diktum Phantasie mit Beschwörungen des Realen vereint, machen ihn und auch dieses wundervolle Buch zu Lichtgestalten in einer in der Literatur vorherrschenden Grautönigkeit. Kinder der Nacht ist zwar ein Abgesang, aber auch ein Loblied und diese beiden Dinge in einem Buch zu verbinden, gelingt sehr selten und ist meist ein berauschendes, einmaliges Erlebnis.

Dabei ist an diesem Buch vom Inhalt her nichts Lichtes. Die ganze Zeit schwankt es in einer zwie-bedrohlichen Dämmerung umher; der Hauptteil der vielen, lebendigen Gefühlsoffenbarungen spielt sich in der Nacht ab, denn die beiden Geschwister Elisabeth und Paul sind nun mal “Kinder der Nacht”. In der Dunkelheit erscheinen ihre Obskuritäten, ihre Weltverlassen und -vergessenheit wiederum nicht zwingend als etwas Abnormales, nicht als abwegig, sondern geradezu unausweichlich, richtig und geradezu wahrhaftig, wenn auch immer noch leicht märchenhaft, leicht überirdisch, wie eine Szene aus einer flüchtigen, tieferen Welt.

Ich zögere genaure Angaben über den Inhalt zu machen, denn jede Festlegung scheint mir bei diesem Buch wie eine Ausfahrt, wie ein Ablenken von diesem wunderbaren, ganz in sich stimmigen Wunsch nach einer reinen Geschichte, den man während des Lesens als Ahnung ins Blut geimpft bekommt. Weder ist dieses Buch ein surrealistisches Buch, noch kann man es einen realistischen Roman nennen; auf wunderliche Weise bezieht es aus beidem sein Nötigstes und lebt zwischen beidem wie im Schwebezustand, der die eigentliche Fülle des Buches erst möglich macht, verdichtet. Jeder Satz, jeder Absatz ist wie ein kleiner Atemzug; das Buch als Ganzes eine eingefasste Welt aus Luft, durch die der Schnee von Träumen, Phantasien, Schraffuren von Sehnsucht und Verlangen, ein Eindruck aus Wünschen und Verliebtsein fällt; dann und wann liest man hinter dem Gestöber die Keilschrift der Wirklichkeit.

Eigentlich ist das Buch eine einzigartige Liebesgeschichte; aber auch eine sensible Studie zu den Emotionen der Kindheit, eine Elegie von der Furcht und dem Versuch sie zu vertreiben oder ein Versteck vor ihr zu finden, ein Traum von überlebendigen Regungen und ein Kunststück traurigbizarrer Atmosphäre. Jeder sollte dieses Buch auf seine Weise erfahren, denn es steckt darin ein Urbild unser selbst, die wir, der Kindheit entwachsen, immer noch glauben, dass unsere innere strömende Welt mehr zählt, als jene sich verzahnende dort draußen.
Cocteau hatte also Recht: Er erregt Anstoß. Aber nicht irgendwo draußen in der rohen Materie, sondern ganz tief drinnen, vielleicht bei etwas ganz Vergessenem …

 

 

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*diese Rezension ist in Teilen bereits auf Amazon.de

Über “Das Schloss” und den Erzähler Franz Kafka


An Kafka, Kafka, Kafka scheiden sich die Geister. So viel Zuspruch wie er hat noch keiner über sich ergehen lassen müssen, so viel unterschwellige Ignoranz wie ihm, wird ihm wie kaum einem anderen deutschen Literaten entgegengebracht. Es ist sicherlich, im Fall von Kafka, eine Frage von Erwartung und Erfüllung, wie sie überall in der Literatur, bei Kafka aber im besonders hohen Maße, eine Rolle spielt. Denn Kafka ist einer der wenigen Literaten, die kaum bis gar keine Erwartung des Lesers erfüllen oder überhaupt darauf eingehen. Ganz im Gegenteil: seine Prosa ist die reinste innere Konsequenz, scheint allein die Schlussfolgerung ihrer selbst zu sein. Scheint, wohlgemerkt. Vertieft man sich in Kafka, bemerkt man nämlich sehr schnell, dass diese erzählerische Folgerung sich an sehr realen Systemen und Ideen festmacht, dass sie Symptome des Realen ausweitet zur inneren Konsequenz der Handlung. Daraus ergibt sich eine paradoxe Wirkung, wie sie Kafka seit jeher ausmacht: Er ist ein Realist, aber einer, dessen Realismus (der ja “eigentlich” die am leichtesten verständliche Form der Fiktion ist) ganz schwer als solcher zu erreichen ist. Natürlich ist Kafka in allem auch ein bemerkenswerter Erfinder von Fiktion – dennoch ist er im Kern ein Realist, ohne die damit einhergehende Realitätsnähe.

Der Landvermesser K. kommt zu einem Dorf, das zu Füßen eines Schlosses liegt, angeblich ist er dorthin berufen worden. Doch schon kurz nach der Ankunft ist K. gefangen in dem wirren Netz aus grotesken Vorschriften und scheinbar unfähigen Beamten, einer undurchschaubaren Bürokratie, in deren Sog er droht – auch wegen der unverrückbaren anonymen Ablehnung und nicht vorhandenen Beachtung der herrschenden Klasse im Schloss – in seine ganz eigene Bedeutungslosigkeit zu versinken. Bestrebt, mit aller Entschlossenheit seine Existenz zu rechtfertigen, versucht K. im Dorf Verbündete zu finden, stößt aber auch hier nur auf ein diffuse Dogmatik von verstrickten Beziehungen, unerklärlichen Handlungen und widersprüchlichen Meinungen. All sein Aufbegehren und seine Versuche werden sofort wieder durch einen neuen Rahmen, eine neue Wendung begrenzt. Sein Ziel, der Einlass oder zumindest die Verbindung zum Schloss rückt für ihn in immer weitere Ferne, als wäre er jemand, der auf den Horizont zu rennt, während die Sonne unaufhaltsam immer tiefer sinkt, ohne dass der Horizont je näher kommt, ohne dass die Sonne je ganz verschwindet.

Kafka scheint auf den ersten Blick in seinen Büchern groteske, düstere und doch phantastisch anmutende Welten zu erschaffen, die in ihrer Widersprüchlichkeit und ihren Ausmaßen kaum einen Bezug zur Realität erkennen lassen. Verzeichnete Alpträume nannte Borges diese Art der Darstellung und den Schreibstil, der sich durch nichts, außer durch sich selbst, beherrschen lässt und sich durch nichts, außer durch sich selbst auszeichnet. Safranski dagegen hat in seinem Buch Wieviel Wahrheit braucht der Mensch? die klaren Strukturen dargestellt, die Kafka, unter der Oberfläche der Handlung, meisterhaft in seinen Büchern platziert hat.

Jedoch, Kafka ist, weitab dieser beiden Theorien, ein großer und tiefblickender Erzähler, der die Welt ausgeleuchtet hat und vielleicht nur an der Vermittlung seiner Ideen gescheitert ist; auch weil sein Feinsinn ganz in seiner Sprache liegt und man sich dieser Sprache erst öffnen muss, wie einem abstrakten Bild, um ihre Schönheit und mannigfaltige Bewegung zu erkennen.

Es mangelt nicht an philosophisch-interpretativen Ansätzen zu “Das Schloss“.

K., der Landvermesser, dringt am Anfang des Buches in einen Mikrokosmos ein, dem sich jeder neuen Ankömmling unterordnen muss – das ganze also eine Metapher auf das Leben selbst, der Künstler K., das Individuum K. als der Versuch, anders zu sein, über das Leben der anderen hinauskommen oder einfach genauso leben zu können, wie die anderen – also das ganze Werk eine Metapher als Aufruf zur Erkenntnis, dass eine Anpassung unmöglich ist?

Nähme man das Schloss auf der anderen Seite zum Beispiel als Symbol für die Wahrheit, wird wiederum eine Dimension von Kafkas Schaffen deutlicht. Wer hat sich nicht schon mal nach der Wahrheit gesehnt, hat versucht sie zu erreichen und ist doch an der gesammelten Fülle der Informationen und Verstrickungen gescheitert, die die Wahrheit umgibt, die Wahrheit, die vielleicht gar selbst nicht wahr ist; das Schloss, dass vielleicht gar nicht erstrebenswert ist.
Auch noch viele andere, existenzialistische oder religiöse Deutungen sind möglich. Hier könnte  K. ein kluger, sogar sehr intelligenter Redner und Mensch mit guten Ambitionen sein. Doch das Leben tut sich sinnlos vor ihm auf, überall wo er sich bemüht rechtschaffen, bescheiden und ehrlich zu sein, sich breitschlägt zu argumentieren, wird er abgeblockt und als lächerlich hingestellt, immer wenn er versucht es allen recht zu machen, wird er hier im Stich gelassen und dort schuldlos beschuldigt.

Vielleicht sind Kafkas Bücher tatsächlich einfach sehr fein justierte Modelle, auf die man sehr viele Ansätze legen und sie alle bestätigt finden kann. Ausdeutbare Dinge also, wie Träume, wie Gemälde, in denen der eine Erinnerung, der andere eine gerade aufkommende Angst, der nächste wieder eine schöne Idee von Wirklichkeit oder Vorstellungskraft sieht.

Kafka hat einen ausdruckstarken Ton der deutschen Sprache geprägt und es geschafft in seinen Werken symbolische Manifestationen zu schaffen, die uns nach der Lektüre unser Leben lang begleiten. Man kann natürlich auch sehr profan und richtig sagen, dass seine Bücher, wenn man sie richtig entschlüsselt, ein treffendes Bild des Menschen in einer modernen, völlig unübersichtlichen, bürokratischen Welt zeigen. Egal wie man ihn deutet, Kafka zwingt einen geradezu, über die Wörter hinaussehen. Wer dazu nicht bereit ist, bleibt zurück, wird Kafka am Liebsten an die Wand werfen wollen… Oder? Nun, ich muss sagen, ich lese Kafkas Prosa (wenn auch nicht die Romane) immer wieder gern, einfach weil sie so unbestimmt daherkommt, als würde ich nie wissen, was mich erwartet. Ich weiß nicht, ob es anderen auch so geht. Aber ich denke, man kann auch alle Theorien verdammen und einfach Kafka lesen. Zu Anfang würde ich immer die Aphorismen und kurzen Prosastücke, sowie den Prozeß empfehlen. An das Schloss sollte man sich vielleicht eher zum Schluss wagen. Aber und hier befinden wir uns eindeutig auf kafkaeskem Boden, vielleicht ist das wiederum der ganz falsche Ansatz…

*diese Rezension ist in Teilen schon auf Amazon.de erschienen