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Dem letzten Romantiker Hermann Hesse


“Sorge flieht und Not wird klein
seit der Ruf geschah.
Mag ich Morgen nimmer sein,
heute bin ich da!”

Am neunten August 2012 jährte sich Hermann Hesses Todestag zum 50. Mal. Er, der weltbekannte deutsche Bestsellerautor und Nobelpreisträger, der als Schweizer starb; er, der zusammen mit Stefan Zweig einer der letzten, großen klassisch-romantischen Dichter war (und mit ihm teilt, dass sein Prosawerk mehr Anerkennung fand als seine Lyrik); er, der wie nur wenige Schriftsteller unsere Fantasie unentwegt beflügelte; er, der immer ein Außenseiter war und doch einer, der sich in diesem Zustand einrichten und behaupten konnte.

“Ihr schaffet, bauet, löset Rätsel viel –
Das kann ich nicht. Mich treibt es durch die Welt
rastlos nach einem unbekannten Ziel,
das jeder neue Tag mir ferner stellt.

Ihm also gilt diese Rezension seiner Gedichte.
Denn als Dichter hat sich Hesse immer betrachtet, in einigen Phasen seines Lebens mehr und weniger und schließlich verstärkt zuletzt. Es soll hier nicht behauptet werden, Hesse hätten seine Romane und Erzählungen nichts bedeutet, aber Lyrik war für ihn immer noch die am weitesten reichende Kunstform, die, in der er seinen ganz persönlichen Ausdruck, sein Selbst am allerbesten/-stärksten formulieren konnte, statt seine alter Egos in Romanen Geschichten erzählen, Systeme entwerfen und Erlebnisse verarbeiten zu lassen. Gedichte waren für ihn sofortiger Ausdruck, unmittelbare Kunst.

“Sterngleich ertönen sie gleich Kristallen,
in ihrem Dienst ward unser Leben Sinn,
und keiner kann aus ihren Kreisen fallen
als nach der heiligen Mitte hin.”

Hesse war ein aufgeschlossener Leser und hat, wenn auch gegen vieles in der Moderne eingestellt, auch vieles gewürdigt, was sie hervorbrachte – trotzdem hatte er nicht viel übrig für die Modernisierung der Dichtung. Als Vorbilder vor allem Goethe und Eichendorff, in den Thematiken dann und wann etwas moderner angeregt, geht es in seinen Versen vor allem um zweierlei: Das Zerreisend-Vergängliche und die lyrische Erschließung des Moments.

“Da geht kein Rauschen übers Feld,
Dem nicht mein Horchen nachgestellt
Sehnsüchtig, forschend, unverwandt,
Bis mir sein eig’nster Laut bekannt.”

Sehr beherrschend ist dabei die Figur (das Symbol) der unwiederholbaren Jugend, der nicht mehr zu erreichenden Tiefe und Fülle von einst, die man noch kennt und streift und spürt, doch nicht mehr wirklich trägt und hält. Ein Thema was Hesse in mindestens jedem zehnten Gedicht immer wieder variiert oder anklingen lässt.

“Hinträumend wandelt in die alten Zeiten
und scheu dein stillgewordener Wunsch zurück
zu lang verglühten Träumen, Wonnen, Leiden
und Jugendhoffnungen… Das war das Glück.”

Ganz klar ist Hesse ein Dichter des Ich, einer, der anerkennt, dass man im tiefsten Sinne nur von sich sprechen darf, wenn man andere erreichen will. Das nimmt seiner Lyrik sicherlich hier und da einiges, weil sie oft mehr ein freudiges, denn ein wohl platziertes Reimen inne hat, ein spontanes und stürmisch ausdrückendes, aber es macht sie auch ehrlich und hier und da auf wunderbare Weise vollkommen zugänglich, wie das selbst bei den schönsten Gedichten sonst selten der Fall ist.

“Lange habe ich nun dem Regenlied gelauscht,
tagelang und viele Nächte lang,
wie es schwebend hängt und träumend rauscht,
eingehüllt in ewig gleichen Klang.”

Nahend im Vertonen der manchmal simpelsten und doch wichtigsten Dinge, suchend und Beschreibungen und Eindrücke findend und in Worte fassend, wie sie jenem Bild, was wir von den Dingen haben, beiseite gestellt werden können, für einen Moment, einen Augenblick, einem Glänzen der Schönheit, indem uns die Welt Spiegel und Fenster zugleich.

“Wie still der Baum sein Kindergesicht
Hinunterbeugt und mit sich selber spricht.”

“Ein Tönen ist erklungen
aus dumpfen Erdentiefen her
und hat sich zart geschwungen
ins Reich der Luft und tönet
wie Harfen zart und Glocken schwer.”

Wer sich auf die Lektüre sämtlicher Gedichte Hesses einlässt, der wird vor allem von den Themen der Heimatlosigkeit, den Empfindungen von Rausch und Einwebung, von Traum und Nacht und dem Sonnenuntergang der Jugend begleitet werden. Dann und wann werden auch malerische Langgedichte und Arbeiten, die während der Romane entstanden sind, seine Wege kreuzen, sowie mahnende oder treffliche Zeilen auftauchen, wie diese:

“Das ist die tiefste Lebenslist:
Den Ort auf jedem Wege wissen,
Wo seine Sphinx verborgen ist.”

Dann wieder liefert er einleuchtende, schön gereimte und einfache Versionen jener Ahnung, die ganz tief in der Lyrik verwurzelt ist, was immer ihr Ruf, ihr Versprechen war: das Ewige.

“Wir freuen uns an Trug und Schaum,
wir gleichen führerlosen Blinden,
wir suchen bang in Zeit und Raum,
was nur im Ewigen zu finden.”

“Ich seh nach ewigen Gesetzen segeln
was einst mir wild erschien und frei von Regeln.”

Wenn Gedichte dies alles können, altern sie letztendlich nur im Auge desjenigen, der sie nach ihrer Aktualität und nicht nach ihrem Wert in allen Facetten beurteilt. Hesse hat einige wunderbare Gedichte geschrieben und er sollte als Dichter nicht vergessen werden – als Romancier natürlich auch nicht!
Manchmal sind seine Verse sehr schwermütig, todessehnsüchtig beinahe, dann wieder ist diese erlesene Klarheit enthalten, die man aus seinen Briefen und Buchbesprechungen kennt und schätzt – und irgendwo trifft sich dies beides in seinen besten Versen.

“Leise lösch ich mein spätes Licht,
fiebernde Stunden zu wachen,
und die Nacht hat dein Angesicht,
und der Wind, der von Liebe spricht,
hat dein unvergessliches Lachen.”

Verse voller Lebensdrang und Liebesklang – und doch auf der Suche, wie alle Lyrik, nach dem flüchtigen Schönen, dem Unsagbaren, dass uns gewährt wird jenseits der Erkenntnis der Wörter, in dem was sie auch noch können, ihrem zeitlosen Spiel, dessen Regeln wir wohl nur dann begreifen, wenn wir das Schöne und Vortreffliche einen Moment lang darin sehen, wie wir selbst es verstehen …

“Und so fließt im unterirdisch Dunkeln
ewig fort der heilige Strom, es funkeln
aus der Tiefe manchmal seine Töne;
wer sie hört, spürt ein Geheimnis walten,
sieht es fliehen, wünscht es festzuhalten,
brennt vor Heimweh. Denn er ahnt das Schöne.”

Eine kleine Hymne auf Roberto Benignis “Das Leben ist schön”


“He who binds to himself a joy
Does the winged life destroy;
But he who kisses the joy as it flies
Lives in eternity’s sun rise.”
William Blake

Diese Zeilen sprach Roberto Benigni, nachdem er, über die Sitzreihen hinweg springend, auf die Oscartribüne gestiegen war, um 1999 den Preis für den besten ausländischen Film entgegenzunehmen – ein Bild, das, genau wie dieser Film, zu Herzen geht. Er sprach sie inmitten eines großen, freudigen Redeschwalls aus, in dem er sich überschwänglich bei allem und jedem bedankte und so sind sie in dieser abschließenden, wunderbaren Rede, die beinahe als ein Epilog zu seinem großartigen Film getaugt hätte, leider untergegangen, obwohl sie die die Leichtigkeit und Tragik dieses Film so gut einfangen könnten.

Das Leben ist schön – nur wenige Filme könnten einem solchen Titel gerecht werden und es wäre vielleicht schon genug, zu sagen, dass dieser Film diesem Titel wirklich gerecht wird. Denn obwohl es in diesem Film letztendlich um das schlimmste Ereignis des 20. Jahrhunderts geht und daneben fast jedes Glück und jede Leichtigkeit verblassen muss zu einer kopfschüttelnden Traurigkeit, schafft es der Film, am Ende die Tränen hervorzuholen, die trotz allem sagen: Ja, das Leben ist schön. Denn die Liebe vermag es, das Scheitern mancher Welten, jederzeit zu überwinden. Eine einfache Erkenntnis, die aber selten so gut und tief(er)greifend dargestellt wurde, wie in diesem Film.

Zum Inhalt: (ACHTUNG SPOILER)

Zwei Freunde auf dem Weg mit dem Auto in die Stadt, um dort ihr Glück zu machen; der eine, Ferruccio, ein Dichter, der andere, Guido, will einen Buchladen aufmachen. Mit Slapstick, Witz und Charme kommt der Film daher, und nur wenige kleine Nuancen verraten etwas über die Zeit und die Atmosphäre, in der er spielt. Denn man befindet sich etwa in der Mitte der dreißiger Jahre, Italien ist schon lange ein faschistisches Land und schlägt allmählich einen noch gefährlicheren Weg ein. Während der Film einzigartig und wunderbar klamaukig und märchenhaft voranschreitet und sich daraus eine wundervolle Liebesgeschichte entspinnt, ziehen die Schatten herauf – Guido und der Onkel bei dem er arbeitet, sind nämlich Juden und obwohl in Italien lebend, nicht den Auswirkungen des schlimmsten Verbrechens des zwanzigsten Jahrhundert entzogen…

“Das Leben ist schön” ist ein vielschichtiger und, in jedem Abschnitt auf neue/andere Weise, guter Film. Sehr gut zeigt er – neben viel Unterhaltung – zum Beispiel die Schwierigkeit, als einzelner Mensch zu erfassen, was wirklich historisch geschieht, da jeder es ja nur anhand von Ereignissen erahnen kann, die ihm selbst widerfahren. Das Böse ist sehr langsam und gleichsam sehr schnell. Und doch hat dieser Film mehr Geschichten und Augenblicke in seiner Bandbreite zu bieten, als man hier mit einer Allgemeinbeschreibung einfassen könnte, denn er ist wahrhaft, bei aller Schwierigkeit des Themas, ein unglaublich unfestlegbarer Film, der seine Geschichte mit der Selbstverständlichkeit einer lebendigen Wahrheit erzählt. Einer Wahrheit von großer Schönheit.

“Das Leben ist schön” – jeder sollte diesen Film einmal gesehen haben. Sprichwörtlich wird einem danach der Filmtitel immer wieder durch den Kopf gehen, einen Rühren, Verzaubern und Erfreuen, mit der ganzen Kraft seiner kleinen Geschichten und unvergesslichen Momente – und seinem übergreifenden, letztlich im Titel aufgefangenen Anliegen: zu sagen, dass das Leben kostbar ist, in all seiner Einfachheit, wie nichts anderes, das wir kennen, keine Idee, kein Glaube, kein Stolz, keine Richtung. Denn das, was uns verbindet, sollte uns nicht trennen.

Link zum Film: http://www.amazon.de/Das-Leben-sch%C3%B6n-Nicoletta-Braschi/dp/B0054I1IKE/ref=cm_cr_pr_pb_t

*Diese Rezension ist bereits teilweise auf Amazon.de erschienen.