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Zu Julia Ebners “Wut”


Wut Wir leben einer Zeit der kumulativen Extreme (und des kumulativen Extremismus), einer Zeit also, in der verschiedene (radikalisierte) Ansichten und Krisenfälle sich gegenseitig aufschaukeln und die Fronten verhärten. Das hat viele unterschiedliche Gründe, die in den meisten Fällen ihre Wurzeln in der verschleppten Auseinandersetzung mit (oder der Nichtbeachtung von) den Folgen technologischer und historischer wie geopolitischer Veränderungen und der damit einhergehenden gesellschaftlichen Umbrüche haben.

Die Einmischung der USA und ihrer Bündnispartner in das (dadurch fast gänzlich zerstörte) Mächtegleichgewicht im Nahen Osten (bei gleichzeitiger Abhängigkeit von den Rohstoffen dieser Region) und generell das postkoloniale (aber nicht postkapitalistische und damit nicht wirklich postkoloniale) Chaos, hat in den letzten Jahrzehnten und Jahren zu Dynamiken geführt, die Bürgerkriege, Fluchtbewegungen und zusätzliche Verheerungen zur Folge hatten. Gleichzeitig bröckelte das scheinbar im kalten Krieg errungene „westliche“ Machtmonopol und der Kapitalismus (und mit ihm die Globalisierung) befindet sich wegen seiner neoliberalen Zuspitzungen endgültig in einer schweren Krise, die Mitteleuropäer*innen nur deswegen so wenig zu spüren bekommen und verleugnen können, weil sie im Auge des Sturms sitzen und immer noch glauben, sie könnten agieren, statt nur noch zu reagieren.

Aber eigentlich spüren auch wir diese Krise, die eine ökonomische und ökologische Krise ist und eine Herausforderung, der sich die Menschheit längst geschlossen gestellt haben müsste. Was hält sie davon ab? Hauptsächlich der Glaube, man müsste immer noch den Kuchen verteilen, obwohl es längst darum geht, dass vielleicht bald keine Zutaten mehr da sind. Albert Camus Diagnose, dass menschliche Geschichte schon immer ein Kampf um Privilegien und nie wirklich die Suche nach einer einheitlichen Vision war, lebt fort.

Als Analystin bei der Londoner Extremismusbekämpfungsorganisation Quiliam, die von ehemaligen Islamisten gegründet wurde, war es mein oberstes Ziel, die Pläne von Terroristen frühzeitig zu durchschauen und zu durchkreuzen. […] In meinen Gesprächen mit Extremisten in rechtsradikalen Foren erkannte ich, dass das Drehbuch der Rechtsextremen dem der Islamisten erstaunlich ähnlich ist. […][…] Die Rhetorik und der modus operandi weisen in mancherlei Hinsicht eine verblüffende Ähnlichkeit auf. Beide stacheln zum Hass gegen den anderen auf, der angeblich die Gesellschaft als Ganzes repräsentiert. Beide Seiten fühlen sich in ihrer kollektiven Identität und Würde angegriffen. […] Beiden ging und geht es darum, durch kontrollierte Provokation und strategische Polarisierung das selbstzerstörerische Potenzial der Gesellschaft freizusetzen, sodass sie letztendlich freie Bahn haben, um ihr eigenes radikales Modell zu etablieren. […] Dies macht die beiden Extreme faktisch zu „rhetorischen Verbündeten“.

Einer der Konflikte, der unsere Gesellschaften davon abhält (ja: abhält) sich den drängenden Fragen der Zukunft zu stellen (bspw.: Wie können wir das Ökosystem unseres Planeten retten? Wie unsere Wertvorstellungen ineinander integrieren? Wie die Erzeugnisse unserer Industrien und die Rohstoffe unseres Planeten gleichmäßig und fair verteilen?) ist der Konflikt, der sich vermeintlich an der Zugehörigkeit zu Völkern und Glaubensgemeinschaften entzündet. Längst haben sich diese Zugehörigkeiten durchdrungen (wie es in der Geschichte schon oft vorgekommen ist, ja, zur Normalität gehört), aber es gibt immer noch Menschen, die glauben, sie sauber voneinander trennen zu müssen (und zu können). Menschen, die ein binäres Weltbild pflegen und weiterhin glauben, dass die beiden Position zwangsläufig gegeneinander antreten müssen.

Julia Ebner hat ein Buch über diese Menschen mit extremen Vorstellungen geschrieben. Die dabei verfolgte Hauptthese ist, dass zwei der wichtigsten extremistischen Bewegungen unserer Zeit, die islamistische und die rechtsextreme, letztlich zwei Seiten einer Medaille sind, deren Narrative sich gleichen und ansonsten gegenseitig stärken. Sie nehmen die Positionen und Taten des jeweils anderen Extrems als Beispiele, um größere Gruppen oder ganze Gesellschaften zu verdammen und zu stigmatisieren und Anhänger*innen für ihre Weltsicht zu gewinnen. In diesen verzerrten und vereinfachten Ansichten ist bspw. Trump die Personifikation des Westens und die Selbstmordattentäter und fanatischen Gläubigen stellen den durchschnittlichen Muslim dar.

Obwohl es sich vielleicht von selbst versteht, ist es wichtig zu betonen, dass die meisten Muslime keine Islamisten sind und die meisten Islamisten keine Dschihadisten.

Ebner, aus Österreich stammend und in London arbeitend, versucht in „The Rage“ (sie schrieb das Buch auf Englisch) anhand vieler symptomatischer und repräsentativer Schicksale, Begegnungen und Geschichten, die Vorstellungen und Dynamiken innerhalb der rechtsextremistischen und radikalisierten islamistischen Kreise und Netzwerk zu beschreiben; zu zeigen, wie sie ihre Weltbilder in die Ängste der Bevölkerungen integrieren und wie sie diese Aktionen mit Multimedia, popkulturellen Einflüssen und sozialen Netzwerken unterstützen.

Ein wichtiger Punkt, um den sich das Buch dabei durchaus verdient macht, ist das Augenmerk, welches auf die wichtige Stellung des Narrativ gelegt wird, der glaubwürdigen und einfachen Geschichte, ohne die extreme Haltungen schnell in sich zusammenfallen würden. Die Welt ist jedem geöffnet und verstellt durch seine/ihre Interpretation der eigenen Erfahrungen und wir sind oft darauf angewiesen, dass uns die Zusammenhänge, die diese Erfahrungen (innerhalb von größeren Strukturen) bedingen, erklärt bzw. erzählt werden.

Der erste Schritt zur Bekämpfung des Extremismus besteht darin, den Geschichten von Extremisten zuzuhören. Natürlich geschieht das am besten innerhalb der jeweiligen Communities – dort, wo die unzensierten Gespräche stattfinden.

So beginnt das Buch auch mit der Schilderung einer Teilnahme an einer Demonstration der EDL (English Defence League) und an einer Diskussionsveranstaltung der Hizb ut-Tahrir („Partei der Befreiung“) – an ein und demselben Tag. Das erweist sich zum Auftakt als keine schlechte Idee, untermauern die Schilderungen der Veranstaltungen doch zum einen gleich die Grundthese, dass Extremist*innen sich letztlich – abseits dessen, worauf sie sich stützen – in ihren Forderungen und Methoden oft gleichen, während sie auf der anderen Seite, durch die Darstellung des Kontaktes mit Teilnehmer*innen der jeweiligen Veranstaltungen, die menschlichen Profile hinter den Organisationen ins Licht rücken.

Weil Extremismus stets mit der Entmenschlichung anfängt, werde ich mein Möglichstes tun, um nicht in dieselbe Falle zu tappen, und stattdessen bestrebt sein, jede einzelne Person als menschliches Wesen mit guten und schlechten Eigenschaften darzustellen.

Man kann Ebner zu Gute halten, dass sie in diese Falle tatsächlich nicht getappt ist. Ihre Beschreibungen der (vielen, vielen) Personen, die im Buch auftauchen, sind sicherlich manchmal von Erschütterungen durchzogen, aber nie über ein obligatorisches Maß hinaus wertend oder verurteilend.

Überhaupt ist sie bestrebt, die Vorstellungen, die man sich auf beiden Seiten (und in der von den Extremen zunehmend eingenommenen Mitte der Gesellschaft) von den Akteur*innen der rechtsextremen und islamistischen Organisationen macht, etwas aufzubrechen. Nicht, indem sie diese Akteur*innen als missverstanden darstellt oder sie allzu stark als Opfer gesellschaftlicher und sozioökonomischer Missstände inszeniert (obwohl sie dies mitbedenkt und bei passenden Gelegenheiten auch allgemein anspricht), sondern schlicht ihre Motive und Aussagen durchleuchtet und so der Irrationalität ihrer Taten und Weltbilder ein Umfeld gibt, was ihre Ansichten zwar nicht unbedingt verständlicher oder zugänglicher macht, aber sie der Vereinfachung entzieht. Viele Täter*innen und Akteur*innen stellt sie als Menschen dar, die aufgrund ihrer Lebensgeschichten Identitätskrisen aufwiesen und sich auch deshalb für radikale Konzepte, die ihnen bei der Festlegung ihrer Identität und Zugehörigkeit halfen und Ziele festlegten, empfänglich zeigten.

Es sollte nicht vernachlässigt werden in den heutigen Diskussionen, dass die Freiheit, die unsere westlichen Demokratien propagieren, offenbar auch eine Belastung für manche Menschen ist, die sich nach einem klaren Selbstbild sehnen und nicht ersehen können, wie sie außerhalb von konkreten, geschlossenen Gemeinschaften zu einem solchen finden. Das hat natürlich einiges mit dem schnellen Tempo der Veränderungen und auch etwas mit der Wahrung von stürzenden Privilegien zu tun. Aber dennoch: dies auszuklammern, das zeigt das Buch, befördert Radikalisierung, weil sie sich als die einzige Alternative präsentieren kann.

Die Tatsache, dass wir unsere Identität nach Belieben formen können, bedeutet auch eine große Belastung: Selbstdefinition kann ein schwieriger Prozess sein, auf den nicht jeder vorbereitet ist.

Auch mit vielen anderen bequemen Vorstellungen räumt Ebner auf und es gibt einige Punkte in ihrem Buch, die sie mit wunderbarer Klarheit und Prägnanz anspricht. Dazu gehört bspw. die Rolle der Medien (und das Verhalten ihrer Konsument*innen) bei der Popularisierung von extremistischen Positionen. Sie nennt das Kind beim Namen: es gibt „unverantwortliche Medien“, die ihren Auftrag der Berichterstattung als Anlass nehmen, um reißerische und stark konnotierte Berichte über Ereignisse und Phänomene zu schreiben/zu senden, bei denen eine differenzierte und längerfristige Berichterstattung wichtig wäre, auch um die Vorurteile und eindimensionalen Vorstellungen von vielen Dingen zu korrigieren. Sie tragen mit, was sie eigentlich aufbrechen sollten.

Aber anscheinend haben manche Medien kein Interesse daran, sich als Gegenbild zum Gerede am Stammtisch, zu Gerüchten und Vereinfachungen zu verstehen, sondern biedern sich immer mehr bei diesen Formen an (was, so meine persönliche Meinung, eine himmelschreiende Dummheit war und ist).

Man kann sich unverantwortliche Medien als Theater vorstellen, das die von Terroristen verfassten Stücke inszeniert und die Eintrittskarten für die Vorstellungen verkauft. Derweil drängt die Öffentlichkeit, die sich das Schauspiel ansieht, Politiker, auf die Bühne zu gehen, um in dem Stück mitzumachen, und zwar nach dem Drehbuch der Terroristen.

Und die Politiker*innen widersetzen sich diesem Trend nur bedingt (und stehen natürlich auch dann und wann vor einem Dilemma). Ebner schreibt:

Sichtbar zu handeln wird wichtiger als effektiv zu handeln.

Und bringt damit auf den Punkt, was derzeit allerorten geschieht, nämlich das Populismus immer mehr dabei ist, zum normalen Politikstil zu werden.

An der Geflüchtetenkrise erhitzen sich derzeit viele Gemüter und obgleich ich schon viele vernünftige Stimmen zu dem Thema gehört habe, überwiegen nach wie vor die irrationalen und stark vereinfachten Perspektiven auf dieses Phänomen. Ebner zeigt wie leicht sich dieses Thema instrumentalisieren ließ, wie einfach es zugelassen wurde. Denn genau das ist geschehen – diese „Krise“ wurde instrumentalisiert, ebenso wie es der islamistische Terror wurde.

Natürlich sind die Verbrechen, die Terroristen in Europa begangen haben, schrecklich, verwerflich, erschütternd. Aber es sind Verbrechen, wie sie jeden Tag auf dem ganzen Globus im Namen vieler Religionen, Ideen und sonstigen Motivationen begangen werden. Jeden Tag missbraucht jemand die Idee der Liebe, der Gerechtigkeit, der Vernunft, etc. um jemand anderem weh zu tun – deswegen werden diese Ideen nicht verdammt. Eine Idee – und auch eine Religion – kann nichts dafür, wenn sie missbraucht wird. Und genau das tun islamistische Selbstmordattentäter – sie rechtfertigen etwas, das sich nicht rechtfertigen lässt, mit einer Idee, die Raum für Ausdeutungen lässt und die von vielen anderen, die sie praktizieren, auf eine ganz andere Weise gedeutet wird. Es gibt nicht den einen Islam. Es sollte außerdem nicht vergessen werden:

Die meisten Terroropfer sind Muslime, und die große Mehrzahl der dschihadistischen Anschläge findet im Nahen Osten und in Afrika statt. Im Jahr 2015 ereigneten sich 75 Prozent der weltweiten Todesfälle durch Terrorismus in Irak, Afghanistan, Nigeria, Syrien und Pakistan.

In Europa werden die geringen Prozente derweil genutzt, um Ressentiments und Vorurteile zu schüren. Es werden gesellschaftliche Freiheiten eingeschränkt, um Terrorismus zu verhindern. Natürlich müssen wir uns um Sicherheitsmaßnahmen kümmern – aber nicht zu jedem Preis. Denn wir müssen gleichzeitig akzeptieren, dass es keinen letztendlichen Schutz vor Verbrechen gibt. Sie entstehen in den Köpfen von Menschen jeglichen Alters, jeglicher Glaubensrichtung, jeglicher Herkunft – und auf die Köpfe der Menschen hat, zum Glück, niemand Zugriff. Man kann versuchen früh anzusetzen, Gräben und Isolation gar nicht erst aufkommen zu lassen.

Europa hat schon vorher Migrationsbewegungen erlebt und unsere Gesellschaften können, wenn zusammengearbeitet wird, diese neue Bewegung ebenfalls verkraften und Menschen helfen, die vor Krieg und Mord und Folter geflohen sind. Natürlich werden wir teilen müssen, etwas abgeben müssen von unserem Wohlstand. Aber ganz abgesehen davon, dass wir diesen Wohlstand auch einer jahrhundertelangen Ausbeutung anderer Erdteile verdanken – was ist so schlimm daran, etwas abzugeben, wenn es hilft, wenn es eine konfliktärmere Zukunft hervorbringt? Wir müssen uns die Frage stellen, wie wir wirklich leben wollen und was das für andere Menschen an anderen Orten bedeutet.

Deswegen sollte beherzigt werden, was Ebner über die Geflüchtetenbewegung kurz und prägnant schreibt, nämlich dass

eigentlich nicht Europa mit einer Flüchtlings- und Migrantenkrise konfrontiert ist. Es sind die Flüchtlinge und Migranten, die mit einer Krise Europas konfrontiert sind.

Diese Krise Europas, die sich auch im Aufkommen von isolationistischen und nationalstaatlichen Ideen zeigt und in extremen Positionen – gerichtet gegen einen Feind, der viel größer gemacht wird als er ist, um dem eigenen Extrem mehr Bedeutung zu verleihen –, wurde nicht herbeigetragen. Sie fand hier statt, weil die letzten Jahrzehnte so gelebt wurde wie gelebt wurde. Und diese Einstellung muss auf allen Ebenen überdacht werden.

Ebners Buch – obgleich es sein Hauptaugenmerk auf die Ränder der Gesellschaft legt und von dort allerlei Informatives heranträgt – handelt letztlich auch von dieser Krise. Einer Krise, die so groß tobt, obwohl eigentlich nur so wenig toben und viele andere unsicher stillhalten oder mal mittoben oder sich abwenden.

Und in dieser Hinsicht ist es, trotz einiger Mängel, ein wichtiges Buch. Es will viel, es reißt viel an und es tauchen jede Menge Personen auf, die allzu schnell wieder verschwinden. Es will zu viel. Aber es scheitert dennoch nicht, denn in diesem zu viel geschehen immerhin allerlei Durchbrüche, die allerhand Proben liefern, von Verhältnissen, die uns umgeben und, obgleich sie extrem sind, längst die gemäßigte Sicht in einigen Punkten mehr und mehr für sich gewinnen.

Es ist dieses Buch letztendlich ein Aufruf, ein Aufruf zum Dialog, der allein das Abdriften in die Extreme – die es immer geben wird, denen man aber nicht den Diskurs überlassen darf –verhindern kann. Am Ende schreibt Ebner:

Verschließen wir niemandem die Tür; bleiben wir stattdessen offen für Dialog und Debatte mit allen. Was die Humanisten und die Antihumanisten unterscheidet, ist, dass Ersterer jedem – auch der Person, die er oder sie am meisten hasst – eine zweite Chance geben würde.

Über zweite Chancen, über Utopisches und das Wagen muss nachgedacht, geredet werden. Und es müssen Narrative entwickelt werden, die sich um das Gemeinsame und Verbindende bemühen – den Geschichten erschaffen Vorstellungen, bedingen Handlungen. Das zeigt Ebners Buch überdeutlich und dies ist, wie bereits gesagt, wohl der wichtigste Verdienst dieser Schrift. Sie wendet sich gegen Ungenauigkeit und Unverhältnismäßigkeit und damit gegen zwei Phänomene, die in der Zeit von Fake-News, Kommentarspaltenhetze und Millionen von Pseudoexpert*innen, unsere schlimmsten Alpträume geworden sind. Wie sagte schon George Orwell:

Ungenaue Sprache hindert uns daran, klar zu denken, und veranlasst uns, törichte Gedanken zu reproduzieren.

 

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Zu Eduardo Galeanos Vermächtnis: “Geschichtenjäger”. Großartig!


Geschichtenjäger „Die Erde segelt dahin.
Sie trägt mehr Schiffbrüchige als Passagiere.“

Eduardo Galeano war einer der umtriebigsten linken Autoren des 20. Jahrhunderts. Fußballfan und Feminist, anprangernder Journalist und Geschichtenerzähler, Mythensammler, Aktivist und Herausgeber – die Breite seiner Interessen, die Größe seines Augenmerks und seines Bewusstseins für Ungerechtigkeiten, Verschüttetes und Tröstendes war enorm.

Diesem besonderen Gespür bot sich in Südamerika und seinem Heimatland Uruguay genügend Stoff dar. In einem seiner bekanntesten Bücher, „Die offenen Adern Lateinamerikas“ (das in vielen der südamerikanischen Militärdiktaturen verboten war), zeichnete Galeano minutiös und akribisch die einstigen und derzeitigen Ausbeutungen und Zerstörungen des Kontinents und seiner indigenen und derzeitigen Bevölkerung nach. Auch in vielen seiner anderen Bücher war ihm vor allem daran gelegen, den Reichtum und die Grausamkeit des Daseins nebeneinander zu stellen und auch aus der kleinsten Perspektive heraus sichtbar zu machen.

Eduard Galeano, Ausländer (Lutz Kliche)

„Geschichtenjäger“ ist das letzte von Galeano noch abgeschlossene Buch (in der deutschen Ausgabe befinden sich aber auch noch einige Stücke aus seinem vor dem Tod begonnenen Buch „Kritzeleien“). Es ist, dies will ich direkt sagen, eines der schönsten, mannigfaltigsten, reichsten, aufrechtesten Bücher, die ich in meinem Leben gelesen habe. Es ist ein Schatz, ein Buch für alle Zeiten und Tage.

Wie soll man die zumeist nur eine Seite langen Kurzprosastücke dieses Büchleins beschreiben? Begebenheiten? Erinnerungen aus der Unzahl der Leben und Tode? Spuren der Ungerechtigkeit und der Schönheit? Verbrechen und Wunder? Phänomene? Nadelstiche, stechend und gleichsam ein großes Panorama nähend? Anekdoten und Fabeln? Zerschlagenes und Utopisches? Berichte von Courage und Ignoranz?

Eduard Galeano, Yucatan (Lutz Kliche)

Das alles deckt einen Teil der Texte ab und vernachlässigt manch anderes, eigensinniges oder plötzlich aus einer ganz anderen Richtung herbeiwanderndes Kleinod. Über Galeanos Buch kann man sagen, was man über die Erzählbände Julio Cortázars oft sagt: es sind keine Bücher, es sind Welten.

Bei Galeano bestehen diese Welten zu gleichen Teilen aus scheinender Transzendenz und harter Realität. Die Adjektive sind wichtig. Denn auf der einen Seite breitet er Mythenkosmen und Sagenstoffe aus, spielt sie an wie Melodien und es scheint daraus ein Glaube an den ewigen Kreislauf von Überwindung und Fehlschlag hervor, an die Kraft der Ideen und gleichzeitig Zerrissenheit der Existenz.

Eduard Galeano, Sonne und Mond (Lutz Kliche)

Auf der anderen Seite legt er ohne Ende die Verfehlungen, die ganze Ignoranz der menschlichen (und vor allem männlich dominierten) Gesellschaften bloß: Prüderie und Körperfeindlichkeit, Bigotterie und mangelnde Vorstellungskraft, Rassismus und Unterdrückung, Misogynie und Vorurteil – seine Geschichten aus der Realität handeln von all diesen Verbrechen und wie Menschen und Völker ihnen erliegen, sie verfechten und wie einzelne und viele sich ihnen entgegenstellen.

Eduard Galeano, Kleine Gaucho Gil (Lutz Kliche)

Ca. 250 dieser anekdotischen Fundstücke, erjagten und erinnerten Geschichten sind hier versammelt. Sie machen Mut, berühren, erschüttern, faszinieren und stimmen nachdenklich. Galeano liefert ein Panorama der Niedertracht und erzählt dazwischen von den Momenten des unbeirrbaren Widerstands, Fortschritts und von kleinen leuchtenden Beispielen, die sich wie Wunder aus dem Getümmel der sonstigen harten Fakten emporheben, die über den Globus wuseln, zusammenstoßen und sich vermehren, sodass man gar nicht glauben mag, dass ihnen jemand entgehen kann.

Hier und dort kann man dieser Härte entgehen, wenn man sich dem Ewigen zuwendet oder gegen den Sog der Härte ankämpft, für und für andere einen kleinen Flecken erstreitet, auf dem Ideen des Guten und des Wandels gedeihen können. Galeano erzählt von diesen Versuchen, vom Scheitern, vom Untergang und schafft es, dass man als Lesende/r, in diesen Darstellungen nicht bloß Ereignisse sieht, sondern Lektionen fürs Leben, Flammen, die bewahrt werden sollten, weil noch viel in ihrem Schein bewerkstelligt werden kann.

Ich kann wirklich nur jedem empfehlen, sich dieses Buch zuzulegen. Es ist ein Schatz fürs Leben. Ein Vermächtnis, ein glühendes, funkenschlagendes, strahlendes. Danke Eduardo Galeano. Für so vieles.

Eduard Galeano, Neugier (Lutz Kliche)

Und dank auch an den Peter Hammer Verlag, dafür, dass er seit vielen Jahren die Werke von wichtigen südamerikanischen Autor*innen wie Eduardo Galeano oder auch Ernesto Cardenal herausgibt.

Zu Philip Roth


 

Seine großen Themen waren Sex und Tod. Das in manchen seiner Romane nicht ganz unproblematische und nicht selten einseitig gewichtete Frauenbild, dürfte manchen Leser*innen schon einmal sauer aufgestoßen sein. Seine Frauenfiguren, oft nur Spiegel für die Vergänglichkeit und Konflikte der männlichen Protagonisten, blieben seine Achillesverse.

In den USA sorgten einige seiner Plots für Furore – schon sein Erstling „Portnoys Beschwerden“ wurde begrüßt und gleichsam verdammt, aber auch sein in Europa kaum bekannter Satireroman über Richard Nixon, seine Zuckermann-Quadrologie und nicht zuletzt sein Buch „Der menschliche Makel“, erhitzten die Gemüter und sorgten für einige Kontroversen. Nun ist der Autor Philip Roth gestern im Alter von 85 Jahren gestorben.

Immer wieder thematisierte er das Neurotische im und am Triebhaften, die Fallhöhen der kreativen und erotischen Existenz – und schon früh, und am Ende immer häufiger, die Qualen des Alters, die Furcht vor dem Tod. Eine Furcht, der seine Protagonisten anscheinend nur durch eine Flucht ins Brodelnde oder Ebenmäßige der wiedergefundenen Jugend beikommen konnten, im Wiederaufleben der Pubertät, einer letzten Erregung.

Ich schätze vor allem seine unkonventionelleren Werke: das anarchische Baseball-Opus „The great american Novel“, halb Parodie, halb Mythos, eigentlich ein wahnsinniger Witz und streckenweise eigenwilligste Unterhaltung. Das schmale Buch „Mein Leben als Sohn“, eine Auseinandersetzung mit dem Vater. Und jene beiden ersten Bände seiner letzten Kurzromanserie „Jedermann“ und „Empörung“.

Ersteres: eine rücksichtslose, hoffnungsangekratzte Bilanz einer (männlichen) Existenz, ein Endpunktspektakel, das berührt, weil es alle Kraft der Beschreibung in die Aussichtlosigkeit investiert. Ein Konzentrat der Endlichkeit.
„Empörung“: Das Gegenstück. Eine Geschichte von Jugend, Aufbruch und Ungeduld. Ein Konzentrat der Unendlichkeit. Und beide Bücher haben ihre ganz eigene Antipointe.

Viele können sicher viel mehr über das Werk Philip Roths, seine Größe, seine Problematiken, berichten. Aber für diese vier Bücher will ich ihm einfach danken. Mir werden sie bleiben. Ruhe sanft.

Zu Brautigans letztem Roman “Ende einer Kindheit”


Ende einer Kindheit

Ich wusste an diesem Nachmittag noch nicht, dass die Erde darauf wartete, in nur ein paar Tagen wieder zum Grab zu werden. Es ist schlimm, dass ich die Kugel nicht mehr in der Luft packen und sie wieder in den Lauf der 22er Flinte zurückstecken konnte, damit sie sich wieder den ganzen Lauf hinunter bis in die Kammer zurückschraubte und sich von selber wieder an der Hülse befestigte, so als wäre sie nie abgefeuert, noch nicht einmal ins Gewehr geschoben worden.

Mit diesem unheilschwangeren Bekenntnis beginnt der letzte abgeschlossene Roman Richard Brautigans. Im Englischen trägt er den Titel „So the wind won’t blow it all away“, eine Wendung, die immer wieder, am Ende von längeren Abschnitten, gleich einer Phrase, wiederholt wird.

„Ende einer Kindheit“ markiert noch einmal eine leichte Veränderung in Brautigans Romanästhetik und es ist reizvoll sich vorzustellen, welche Richtung sein Schreiben eingeschlagen hätte – doch sein Freitod 1984 beschloss dies Werk, eines der schillerndsten unter den Oeuvres des 20. Jahrhunderts.

Das anarchische Element, das in diesem Werk immer präsent gewesen war und zusammen mit einer unaufhaltsamen Poesie und einer leichten Albernheit ein Pendant zu dem schwermütigen Frohsinn, Brautigans Grundstimmung, geboten hatte, löst sich in diesem letzten Buch fast vollständig auf. Eine Art von Liebe und ein noch so banales Streben nach Glück, das Brautigans Protagonisten zumeist für sich zu beanspruchen versuchen, trotz aller Widrigkeiten, hier schrumpft beides auf ein paar fast schon makabre Kleinigkeiten.

Die Sonne hatte sich verändert, sie war nicht mehr langweilig, sondern war jetzt, während sie tiefer sank, interessant geworden, und sie würde bald im Sinken die ersten Türen des Abends öffnen, und der Wind hatte sich gelegt, so dass der Teich ruhig und still dalag wie schlafendes Glas.

Trotzdem ist „Ende der Kindheit“ kein bitteres Buch. Es ist eine melancholische Suche nach der verlorenen Kindheit und eine unverstellte Auseinandersetzung mit dem Tod. Der Ich-Erzähler hat schon als Fünfjähriger von seinem Kinderzimmer aus auf das Bestattungsinstitut gegenüber geblickt und die vielen Beerdigungskolonnen beobachtet, die Trauergäste und die Särge. Auch ansonsten erzählt er im Rückblick vor allem von den Begegnungen aus seiner Kindheit, die aus unterschiedlichen Gründen mit dem Tod endeten. Bis zu dem Tag im Apfelhain, an dem er den Tod noch unmittelbarer erlebt hat.

„Ende der Kindheit“ ist ein trauriges Buch, keine Frage, und jedes kleine Funkeln Witz und Irritation darin erinnert nur von fern an den ausgelassenen, ideensprühenden Autor von „Ein konföderierter General aus Big Sur“ oder der genialen Erzählsammlung „Der Tokio-Montana-Express“. Nachdem er u.a. den Western, den erotischen Roman und die Gothic-Novel, sowie das Detektivheft durch den Kakao gezogen und gleichsam wunderbar adaptiert hatte, zog sich Brautigan in seinem letzten Buch auf eine sehr einfache, autobiographisch wirkende Ebene zurück und versuchte die verstörende Dichte der Kindheit und die verstörende Dichte des Lebens festzuhalten. Ein Schimmer der alten Genialität blieb und floss in solche Betrachtungen ein:

Der Mann hielt eine Flasche Bier in der Hand, die er ganz sachte in einer klaren Linie zum Mund führte, um einen Schluck zu trinken. Rembrandts Linienführung hätte nicht sparsamer und nicht direkter sein können.

Für solche Bilder lernte ich Brautigan zu lieben. Während der Lektüre seines letzten Buches begriff ich aber auch wieder, was mich zusätzlich zu ihm hinzog: seine hoffnungslose, geradezu närrische, aber auch sehr feinfühlige Suche nach Wundern, nach Harmonie und Erfüllung, in allem, in jeder Kleinigkeit, jedem Ereignis, das uns widerfährt, jedem Moment, der uns betrifft, egal ob banaler oder phantastischer Natur. Brautigan versuchte stets den Dingen Euphorie, Schönheit und Bedeutung beizumessen, einzuimpfen, die oftmals eine solche Behandlung gar nicht verdient zu haben schienen.

Doch dieser Eindruck trog und trügt uns weiterhin. Denn die ganze Wirklichkeit ist ein einziges Wunder, das wir nicht auf uns hinunterplätschern oder in uns hinein- und durch uns hindurchziehen lassen – es muss auf uns einstürzen oder flach und unbewegt vor uns liegen, sonst nehmen wir es nicht wahr.

In den Zwischenräumen und an den Scheitelpunkten all unserer Leben wird uns die Frage begegnen: Was hätten wir anderes machen können, was können wir anders machen? Diese Fage wird uns die Gegenwart dehnen, über die wir sonst so leichtfüßig, auf dem Weg in die Zukunft hinwegsteigen. Für Brautigans Protagonist ist ein Weg in die Zukunft versperrt durch die eine Sekunde im Apfelhain, in der er die Kugel nicht mehr in den Lauf drücken konnte, derweil der Abgrund der Vergangenheit überall liegt. Er hätte damals einen Hamburger kaufen können, aber er tat es nicht.

Stattdessen ging ich über die Straße in das Waffengeschäft und kaufte mir eine Schachtel 22er Munition. Der Hamburger hatte verloren. Das Geräusch, das bei der Produktion von faulem Apfelmus entstand, hatte gewonnen.

 

Ein Pappmachevogel, Sado-Maso und ein paar Jungs, die für ihre Trophäen morden – Richard Brautigans “Willard und seine Bowlingtrophäen”


Willard und seine Bowlingtrophäen „Sie lagen eng aneinandergeschmiegt im Bett, und sie waren sehr traurig. Sie waren immer traurig, wenn sie miteinander geschlafen hatten, aber sie waren ja jetzt die meiste Zeit traurig, so dass es eigentlich soviel auch wieder nicht ausmachte, außer dass sie jetzt warum und unbekleidet beieinanderlagen und dass die Leidenschaft auf ihre eigentümliche Art ihre Körper gestreift hatte wie ein Schwarm seltsamer Vögel oder wie der Flug eines einzigen dunklen Vogels.“

Während die zwei traurigen Liebenden auf dem Bett liegen (gleich daneben die Green Anthology mit den Fragmenten von zweitausend Jahre alten Gedichten), hockt ein Stockwerk tiefer Willard, der große Pappmachevogel, zusammen mit seinen Bowlingtrophäen, während im Zimmer nebenan seine Besitzer, John und Pat, sich noch die Johnny Carson-Show ansehen und Sandwiches futtern. Das eine Paar hat einen unbefriedigenden Geschlechtsakt hinter sich, mit Sado-Maso, Kondomekel und Entfremdung gespickt, das andere einen befriedigenden, geradezu idyllischen. Eine traurig bis heitere Wohnhaus-Melancholie mit american Flair, mit Feinschliff dargestellt – oder?

Leider gehören Willard die Bowlingtrophäen nicht (auch wenn sie nun zusammengehören, Pokale und Vogel), sie gehören den Logan-Brüdern, die seit mehreren Jahren auf der Suche nach ihnen sind und durch die Staaten touren. Einstmals nette Jungs, deren ganzer Stolz ihre Trophäen waren, drehen sie krumme Dinger und überfallen Tankstellen, immer nur auf der Suche nach den Dieben, die ihnen eines Abends ihre ganzen Trophäen geklaut haben. Gerade warten sie in einem Hotel auf einen mysteriösen Anruf, der ihnen endlich verraten soll, WO IHRE VERDAMMTEN TROPHÄEN SIND.

Schon irritiert? Die Lektüre von „Willard und seine Bowlingtrophäen“ wird diese Irritation nicht auflösen, sondern eher noch sanft-süffisant verstärken. Denn Richard Brautigans 1975 erstmals veröffentlichter „perverser Kriminalroman“ ist kein Krimi und auch kein Roman, sondern ein komisch-krudes Kabinettstück. Während wir einiges über Warzen am Geschlechtsteil hören, erleben wir den traurigen Verlauf, den die Liebe manchmal nimmt und sehen gleichzeitig ein Stockwerk tiefer ein zufriedenes Liebesglück. Und dazwischen braut sich langsam die Geschichte über den schleichenden Wahnsinn, die Gewalt, die aus der Verhinderung der höchsten wie einfachsten Lebenswünsche entspringt zusammen.

Brautigans kurze, aber nicht beiläufige Farce ist skurril, absurd, albern fast. Aber sie hat trotzdem wie immer einen Haufen doppelter Böden, die oft in Nischen und innerhalb der banalsten Momente angebracht sind und sich nur kurz auftun, während die Handlung fast schon behäbig und gleichwohl beschwingt dahinfließt. Seine Bücher kreisen immer wieder um Motive, denen eine absurde, kaum angemessene, aber doch sehr lebensnahe, vertraute Tragik innewohnt – und diese Tragik rettet seine obskure, lang hingezogene Dramatisierung vor dem Abgrund der Mühsamkeit.

Es ist nicht Brautigans bestes Buch, aber es ist eine kurze und lesenswerte Comedy-Melancholie, ohne Gewieftheit, schlicht und mitunter in ihrer Sanftheit und Unausweichlichkeit poetisch.

Zu Richard Brautigans “Das Hawkline Monster”


Hawkline Monster 1974 war Richard Brautigans Stern bereits im Sinken begriffen. Seine unbestreitbaren, skurril-genialen Gedicht- und Geschichtenerfolge aus den späten Sechzigern und den frühen Siebzigern lagen ein paar Jahre zurück und sein letztes Buch „Die Abtreibung“ hatte offengelassen, in welche Richtung sich sein Werk wenden würde: Bisher hatte seine Literatur mit origineller Banalität und funkelnder Poesie immer wieder ein Fest der heiteren Traurigkeit und Orientierungslosigkeit gefeiert – in „Die Abtreibung“ aber war zum ersten Mal die Ernsthaftigkeit in voller Montur aufgetreten, wenn auch mit sympathisch-unsicherem, bedächtigem Schritt.

„Das Hawkline Monster“ ließ die Ernsthaftigkeit dann wieder weit hinter sich und erscheint wie ein Versuch, an die frühsten Erfolge (besonders an den Erstling) anzuknüpfen. Wie in dem großartigen Debüt „Ein konföderierter General aus Big Sur“ sind es nämlich zwei Freunde, Cameron und Greer, ihres Zeichens Revolverhelden, die Dreh- und Angelpunkt der aberwitzigen und in aller Entschleunigung vorangetriebenen Geschichte sind. Die beiden Killer werden angeheuert, um ein Monster zu töten, das in einer Eishöhle unter einem Haus lebt, in dem zwei identische Schwestern leben und das Werk ihres genialen Vaters zu vollenden suchen. Natürlich sind sie bildschön und v**eln gern und die Männer sind leicht schräge, aber attraktive Typen. Einem Kabinettstück à la Brautigan steht also nichts im Wege.

Allerdings fehlt diesem „Western“ mit Ironie-Horror-Elementen die poetische Durchschlagskraft des zehn Jahre vorher veröffentlichten General-Buches und eben auch die melancholische Tiefe der letzten Geschichten z.B. aus dem „Tokio-Montana-Express“. Oft fließt die Story einfach dahin.
Trotzdem ist Brautigans Monsterjagd ein nettes, bizarres, mit allerlei kleinen Einfällen und Figurenschicksalen gespicktes Abenteuer, das sich hier und da eine etwas zu sehr in die eigenen Motive verliebte Art erlaubt und auch nicht unbedingt fesseln oder faszinieren kann, aber doch unterhält, aberwitzig und irritierend, lustvoll mitunter und manchmal schlicht närrisch. In Brautigan vernarrt man sich – oder man fühlt sich zum Narren gemacht. Doch meist ist er unwiderstehlich – dieses Unwiderstehliche fehlt mir hier ein bisschen. Manchmal erscheint es schlicht zu sehr wie Trash, zu albern und schmeckt zu wenig nach der Unberechenbarkeit eines Brautiganbooks.