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Zu Philippe Djians Roman “Marlène”


Marlene Philippe Djians neuer Roman spielt in einer nicht näher benannten amerikanischen Kleinstadt/Vorstadt, vermutlich in den New England Staaten. Es gibt nicht eine/n konkrete/n Erzählende/n, vielmehr schlüpft Djian je nach Kapitel – und manchmal auch mitten im Kapitel oder mitten im Absatz – von einer Hauptfigur in die andere und schildert ihr Empfinden, ihr Erleben, ihre Sicht, ihre Lebenswirklichkeit.

Hauptfiguren sind die beiden Kriegsveteranen und engen Freunde Dan und Richard, Richards Frau Nath, ihre Tochter Mona und die Schwester von Nath, Marlène. Das Eintreffen von letzterer ist der Ausgangspunkt des Romans und zugleich der unmerkliche Startschuss für das weitere Geschehen, der lange nachhallt, spät die volle Lautstärke entfaltet.

Zu Anfang sitzt Richard noch wegen Geschwindigkeitsübertretung im Knast, Dan (der versucht, in einer freundlichen Stadtgegend wieder Anschluss ans Zivilleben zu bekommen) lässt gerade die 18jährige Mona ein bisschen bei sich wohnen, weil die sich nur noch mit ihrer Mutter in die Haare kriegt und Nath ist genervt davon, dass ihre Schwester bei ihr aufkreuzt, hat sie doch mit ihrem vom Krieg geschädigten, ständig saufenden und krumme Dinger drehenden Mann und ihrer pubertierenden Tochter genug am Hals.

Es braucht etwas Zeit, bis man sich in dem Roman zurechtfindet. Es gibt keine Anführungszeichen, die eine wörtliche Rede anzeigen oder kursive Passagen, die Gedachtes vom Rest der Handlung abheben. So muss man sich als Lesende/r selbst zurechtfinden, aufmerksam sein, sich auf die jeweiligen Figuren einlassen. Diese ungefilterte Erzähltechnik hat allerdings den Vorteil, einen ungekünstelten, direkten Eindruck zu hinterlassen. Die Figuren werden nicht plastisch durch äußere Beschreibungen, sondern durch die Ausformungen ihres Innenlebens, das Djian frei vor unseren Augen brodeln und fließen lässt.

Auch aus einem weiteren Grund kommt diese Art des Erzählens dem Buch zugute: es gibt keinen dramatischen, erzählerischen Bogen, nur die unmittelbare Wucht der Ereignisse und wie die Figuren sie wahrnehmen, verarbeiten. Kaum etwas in diesem Roman kann man kommen sehen (obwohl man sich im Nachhinein durchaus einreden kann, man hätte es irgendwie kommen sehen), so fein streut Djian Ahnungen ein, die gleich wieder vom tatsächlichen Geschehen verweht werden und erst später in vollendeter Form wieder auftauchen, so willkürlich erscheint vieles in dem Buch und doch so folgerichtig, wenn es erst geschehen ist.

Bei all dem gelingt es Djian, das Wesen seiner Charaktere auf geisterhafte Weise auszuleuchten – allen voran Marlène. Obwohl meist nur über sie gesprochen wird und sie sich kaum in den wenigen Passagen, die aus ihrer Sicht sind, entfalten kann, begreift man doch den Kern ihrer Seele, ihre bescheidenen, aber dennoch starken Sehnsüchte, Ängste, Schmerzen und Hoffnungen. Djians Figuren waren noch nie Heilige und auch in diesem Roman finden sich hauptsächlich halbfertige, halbverworfene, fragile Existenzen, abgestrampelt, unangeglichen, wie von allem übervorteilt. Und darin dem durchschnittlichen Leben nicht krampfhaft, sondern unverstellt nah.

„Marlène“ ist ein Buch, das langsam anläuft, aber letztlich wieder eine Wucht ist, wie so vieles, was Djian geschrieben hat. Manchmal kommt die Handlung fast zur Ruhe, aber der Sturm in einem solchen Buch klingt nie ganz ab – und schon kommt die nächste Welle.

Alben, die ich sehr schätze – Dritter Eintrag: Live-Alben von Bruce Springsteen


Live 1975-1985 Bruce Springsteen hat mir schon mehr als einmal das Leben gerettet. Nicht er persönlich, aber seine Musik. Sie hat diese Fähigkeit, sämtliche Versteinerungen & Abschirmungen bei mir zu durchbrechen; steht direkt neben mir, sobald sie erklingt, als gäbe es keine Entfernungen zwischen ihr und mir zu überwinden. Ich liebe die Bandbreite der Stimmungen in dieser Musik, ihre vielen emotionalen Register.

Kurz eine Liste. Die zehn besten Live-Alben von Bruce Springsteen sind meiner Meinung nach:

10. Live & RARE (1992-95, nur MP3)
9. Max’s Kansas City (1973, mit E Street Band)
8. Acoustic Radio Broadcast Collect. (1973-74, nur MP3)
7. Chimes of freedom (1988)
6. Live in Dublin (2007, mit Session Band)
5. Live at the Main Point (1975, mit E Street Band)
4. Live in New York City (2001, mit E Street Band)
3. Hammersmith Odeon ’75 (1975, mit E Street Band)
2. In Concert/MTV Plugged (1993)
1. Live 1975-1985 (mit E Street Band)

Meine persönlichste Geschichte habe ich mit dem Springsteen-Song „The River“. Es gibt eine Live-Version davon, auf der dritten CD von „Live 1975-1985“. Es ist der erste Track, 11 Minuten und 39 Sekunden lang. Gleich zu Anfang setzt schon Musik ein, läuft aber dann nur sanft dahin und schließlich ist da Springsteens Stimme, die fragt: „How you doin out there tonight?“ Die Menge antwortet mit begeisterten Rufen, aber Springsteens Stimme scheint etwas verhalten als er sagt: „That‘s good. That‘s good.“

Dann beginnt er zu erzählen; die Musik fließt weiter dahin, schimmernd und still wie ein Fluss in der Nacht. Es geht um ihn und seinen Vater, die beiden streiten sich oft in seiner Jugendzeit; er hat lange Haare, läuft immer wieder von zu Hause weg, verbringt die Nacht draußen, hat das Gefühl seinen Vater zu hassen. Der sagt schließlich nur noch: „Man, I can’t wait till the army gets you. When the army gets you they’re gonna make a man out of you. They’re gonna cut all that hair off and they’ll make a man out of you.”

Ich hatte zwar keinen Vater, der mich zum Militär schicken wollte, aber auch einen Vater, mit dem ich nicht klarkam. Mir ging es als Teenager oft nicht gut, ich hatte Panikattacken, Depressionen, Zukunftsängste. Für ihn war mein Verhalten selbstzerstörerischer Nonsense, ich riss mich einfach nicht zusammen, meinte er.
Er wusste nicht, wie er mir helfen sollte, also schrie er mich an, machte mich fertig – kurzum: bei mir kam nicht an, dass er mich liebte. Für mich fühlte es sich an, als ob er mich nicht lieben konnte wie ich war, als ob er mich nicht verstehen wollte, mich und meinen Kampf mit diesen Gefühlen, die ich mir nicht ausgesucht hatte und denen ich so schwer gegenüber treten, die ich oft nicht bekämpfen konnte.

Springsteen erzählt weiter. Von 1968, seinem Abschlussjahr. Der Vietnamkrieg ist im Gange, viele von seinen Freunden werden eingezogen; es ist das Jahr, in dem die meisten amerikanischen Rekruten fallen; viele andere kommen mit schlimmen Versehrungen zurück. Auch Springsteen muss zur Musterung (dem physical).

„I remember the day I got my draft notice. I hid it from my folks. And three days before my physical me and my friends went out and we stayed up all night and we got on the bus to go that morning and man we were all so scared…“

Ich weiß noch, wie ich den Song das erste Mal hörte. Ich war 15, war gerade in meiner ersten depressiven Episode, verstand dieses Gefühl noch überhaupt nicht, konnte aber die ganze Angst und Wut und Trauer auch nicht wirklich herauslassen. Es war, als wären in mir alle Hähne abgedreht worden. Nichts floss mehr: keine Freude, keine anderen Gefühle, alles stockte und ich trieb mich fast nur noch in mir selbst herum, versuchte die Hähne aufzudrehen, mit aller Gewalt und hockte vor den leeren Becken, von denen mich nur die Spiegelung meines Gesichtes anstarrte.

Auch Tränen wollten nicht kommen. Geweint hatte ich schon eine ganze Weile nicht mehr. Es schien, als hätte ich es für immer verlernt. Es gab die Momente, in denen ich weinen wollte – und ständig war da diese Anspannung in mir, auf die ein Weinen normalerweise folgt, aber nichts passierte. Ich weiß noch, wie ich dasaß und mir wie der einzige Zuhörer vorkam; ich lauschte dem Ende von Springsteens Geschichte.

„And I went, and I failed. I came home [audience cheers], it’s nothing to applaud about…

I remember coming home after I’d been gone for three days and walking in the kitchen and my mother and father were sitting there and my dad said:
»Where you been?«
and I said, uh, »I went to take my physical.«
He said »What happened?«
I said »They didn’t take me.«
And he said: »…That’s good.«“

Und während das Saxophon und die Mundharmonika einsetzen, den Song spielen (dieser Einsatz ist wunderschön, wie ein Sprung, ein Hineingleiten in den Fluss) kommen mir die Tränen. Es ist, als könnte ich zum ersten Mal seit langer Zeit atmen. Sie kommen, ich weine und weine. Ich kann weinen.

Und es funktioniert bis heute. Ich muss nur dieser Geschichte lauschen, nur diesen Song hören, und beginne zu weinen. Und noch mehr als das: immer wenn ich seitdem auf meinen Vater wütend bin, gibt es da diesen Moment, wo ich an diesen Song, an diese Geschichte denke. Ich wusste damals augenblicklich, wider jeder Wut, dass mein Vater mich liebte; dass er mir nie würde helfen können, weil er so war wie er war – dass in ihm aber auch dieses „That’s good“ vorhanden war.

Wer wissen will, warum man Live-Stücke hören sollte und nicht nur Studio-Versionen, den kann ich an diesen ersten Track auf der dritten CD von „Live 1975-1985“ verweisen. Es gibt viele andere gute Live-Versionen von „The River“: Die von „Live in New York City“ hat ein wunderschönes Saxophon-Vorspiel, es ist im Ganzen eine großartig-sanfte Interpretation; es gibt eine Version, in der Springsteen den Song zusammen mit Sting performt und ein paar gute Versionen aus Live-Mitschnitten von Konzerten nach 2010. Es ist immer und überall ein ergreifendes Stück. Aber diese Version, die hat mir das Herz gebrochen, auf eine gute Art. Und wer oder was einem das Herz bricht, das vergisst man nicht, das bleibt einem; vor allem wenn das Herz an dieser Stelle nicht (nur) blutet, sondern der Spalt die Öffnung ist, durch die man atmen kann.

Es gibt ein heiteres, emotionales Gegenstück zu dieser Live-Version von „The River“. Es ist der siebte Track auf der ersten CD von „Live 1975-1985“, eine Version von „Growin up“ (Das Lied erschien ursprünglich auf dem ersten Album von Springsteen: „Greetings from Asbury Park, N.J.“.)

Am Anfang das Piano, erwartungsvoll. Man hört die Rufe der Menge so deutlich, als stünde man mit im Raum. Es ist eine kleinere Location: ein Keller, eine Kneipe. Die Aufnahme stammt vermutlich aus der Mitte der Siebzigerjahre, vielleicht von der „Born to Run“-Tour oder sogar von noch früher.

Springsteens Stimme: „There was one night … just a normal guy. … And than, there was a next night … goddamn I was still just a normal guy.“ Dann beginnt das Lied, wunderbar schwung-voll, ja, das Wort unbändig ist die einzig adäquate Beschreibung dieses Auftakts, des ganzen Stücks. Es ist ein Song, der das Schmerzhafte des Erwachsenwerdens einfängt und gleichsam eine wilde Phantasie ist, in der die ganze Suche nach einem Platz in der Welt und der ganze Wahnsinn dieser Welt steckt.

Nach zwei Minuten plötzlich wieder nur das Piano, die Rufe des Publikums. Springsteen: „I think … I’m not sure … But I think my mother and father and my sister, they’re here again tonight.“ Das Publikum jubelt, lacht. „For six years they been following me around California, tryin’ to get me come back home.“ Die Menge klatscht, lacht, als wäre Springsteen ein Comedian. „Hey Ma“, ruft er, „give it up, kay? Gimme a break. They still-“ Er muss Lachen und beteuert beim nachfragenden Publikum, dass sie hier bestimmt irgendwo sind. „You know, they still trying to get me go back to colleague. Every time I come in the house: »You kow: It’s not to late. You can still go back to colleague«, they tell me.“

Dann erzählt er wiederum von seiner Jugend. „When I was growin up, there were two things that were unpopular in my house. One was me“ Gelächter „and the over one was my guitar.“ Dann erzählt er, wie sein Vater immer wieder versucht, ihn vom Gitarre spielen abzuhalten. Der Vater will, dass er Anwalt wird und Springsteen erzählt mit großem Vergnügen eine Anekdote über einen Motorradunfall in seiner Jugend und wie er von dem Anwalt im Dorf wegen seiner Klamotten und seinen langen Haaren heruntergeputzt wurde. Sein Vater sagt trotzem: „You should be a lawyer. You know, you get a little something for yourself.“ Und seine Mutter sagt: „No, no, he should be an author, ride books. That’s a good life, you can get a little something for yourself.”
Eine minimale Pause.
„But what they didn’t understand was … was that I wanted everything.“ Die Menge jubelt und man hört eine Frauenstimme ganz deutlich rufen: „You got it!“ Die Musik steigt ganz langsam an und Springsteen: „So, you guys, one of you wanted a lawyer, and the other one wanted an author. Well, tonight, you are both just going to have to settle for rock ‘n roll…” Die Menge jubelt und das Stück setzt wieder mit seiner ganzen Energie ein, als wäre es nie unterbrochen worden. Wer glaubt, Springsteen sei nur der Stadionrocker von „Born in the USA“, der sollte sich diese Aufnahme anhören (und sich außerdem von den ersten drei, vier Alben umhauen lassen!)

Springsteens Umgang mit seinem Wunsch „nach allem“ hat mich nachhaltig inspiriert, mehr als mir lange Zeit klar war. Zwar möchte ich nicht mehr wirklich daran denken, mit welcher Naivität und Großtuerei ich als Jugendlicher (und manchmal noch danach …) meine literarischen Ambitionen vertreten habe, aber ich bin froh, dass ich immer zu meinem Wunsch stand, Schriftsteller werden zu wollen. Nicht weil es etwas Glamouröses ist oder etwas, auf das man übermäßig stolz sein kann. Sondern, weil es alles ist, was ich wollte und nach wie vor will (nicht alles in allen Belangen, aber auf einer bestimmten Ebene alles).

Schreiben war einer meiner Wege aus den Untiefen des Unglücklichseins – oder zumindest die gehaltene Verbindung zur Welt, wenn ich glaubte, mich nicht mehr in ihr aufhalten zu können. Menschen haben mir natürlich auch geholfen, meine Mutter insbesondere – und Musik. Es klingt pathetisch, aber … Bruce Springsteen hat mir dabei geholfen, mir mein Leben zu retten.

Es ist schwer, jetzt von diesem Einstieg wegzukommen. Vielleicht hätte ich nicht so persönlich werden sollen, aber ehrlich gesagt bin ich froh, dass ich das alles aufschreiben konnte.

Einen guten Übergang stellt vielleicht der Song „No surrender“ dar, eine weitere unbändige Ode auf den Kampf mit dem Leben, ein Schrei und eine Liebeserklärung gleichermaßen.

“Now on the street tonight the lights grow dim
The walls of my room are closing in
There’s a war outside still raging
You say it ain’t ours anymore to win
I want to sleep beneath
Peaceful skies in my lover’s bed
With a wide open country in my eyes
And these romantic dreams in my head”

Veröffentlicht auf Springsteens populärstem Album “Born in the USA” (musikalisch teilweise ein harter Bruch mit den virtuosen Stilen der ersten Alben) ist „No surrender“ ein Stück, dass sich mit seinem Tempo und mit seinen Keyboard- und Synthesizerklängen weniger für Live-Aufritte eignet, denn es unterfordert die Virtuosität und Vielfalt der E Street Band eher. Folgerichtig ist die beste Live-Version (von Springsteen selbst) eine sparsame: Track elf auf der dritten CD von „Live 1975-1985“. Nur mit E-Gitarre, sehr eindringlich, ganz ohne das Tempo der Originalversion, aber genauso drängend.

Wer das Lied mit all seiner Power live erleben will, der kann sich auf Youtube (unter dem Stichwort „No Surrender Festival 2017“) ein Video anschauen, in dem eine Menge von etwa fünfhundert Leuten den Song spielt/singt, mit sehr vielen Gitarren, Schlagzeugen, Klavieren, Stimmen, Bässen.

Das Festival, auf dem diese großartige Aktion zustande kam, fand in Spanien statt, 2017 das erste, dieses Jahr zum zweiten Mal (die in diesem Jahr entstandene „Badlands“-Version ist leider nicht ganz so mitreißend und ergreifend). Es ist toll, wie diese Interpretation die ganze Schönheit von Springsteens Musik einfängt, ihre verbindende und begeisternde Energie, ihre Faszination. Da geht einem das Herz auf.

“The screen door slams, Mary’s dress waves
Like a vision she dances across the porch as the radio plays
Roy Orbison singing for the lonely
Hey, that’s me and I want you only
Don’t turn me home again, I just can’t face myself alone again”

Auf ganz andere Weise geht mir die, wie ich finde, beste Live-Version von „Thunder Road“ nah. Sie befindet sich auf dem Album „In Concert“. Eigentlich sollte dieses Album zur bekannten „MTV unplugged“-Reihe gehören, in der Künstler*innen ihre Stücke ohne elektronische Unterstützung spielen. Springsteen spielte aber nur den ersten Track unplugged und den Rest mit einer kleinen Band (die E Street Band lag zu dieser Zeit auf Eis).
Es ist natürlich schade, dass es kein MTV Unplugged Album von Springsteen gibt, aber die Entscheidung erwies sich als Glücksfall, denn auf „In Concert“ befinden sich ein paar tolle Live-Versionen, auch teilweise von Liedern, die Springsteen mit der E Street Band nie gespielt hätte (und heute sehr selten spielt).

„Thunder Road“ hat er natürlich unzählige Male mit ihnen gespielt und es gibt gute Versionen auf mindestens der Hälfte der Live-Alben, die ich oben aufgelistet habe. Aber die auf „In Concert“ ist meiner Ansicht nach die beste: souverän, liebevoll, unerbittlich, zärtlich, zerschlagen, hoffnungsvoll, all diese Dinge auf einmal. Wunderbar, wie die Gitarre und die Hammond Orgel den Song kleiden, heben und heben; wunderschön, wie die Mundharmonika den Song noch festhält, festhält und schließlich gehen lassen muss (Springsteen ist eh ein wunderbarer Mundharmonikaspieler).

Nicht entscheiden kann ich mich bis heute, ob ich die auf „In Concert“ vertretene Version von „Atlantic City“ der vorziehen soll, die auf dem Album „Live in New York City“ enthalten ist. Ursprünglich stammt der Track von Springsteens erstem Soloalbum „Nebraska“ (1982), ein düsteres, nur von rauen, unerbittlichen Gitarrenklängen (und Springsteens Stimme) zusammengehaltenes Werk, auf dem ursprünglich auch „Born in the USA“ enthalten sein sollte – in einer ganz anderen, das Martialische des Textes viel eher betonenden Version (Ronald Reagan, der die Stadionrockversion des Titels 1984 für seinen Wahlkampf verwenden wollte und entsprechend anfragte (Springsteen sagte natürlich nein), hätte das bei dieser Version sicher nicht getan; 1995 veröffentlichte Springsteen sie auf der Kompilation „Tracks“).

Live wird „Atlantic City“ meist umarrangiert zu einer spannungsgeladenen Zelebration, zwischen Ausgelassenheit und Unterschwelligkeit pendelnd. Auf „In Concert“ geschieht das sanft, auf „Live in New York City“ brodelnd, eruptiv. Zwischen beiden Inszenierungen liegen acht Jahre, aber man hat das Gefühl, dass Springsteen auf „In Concert“ eine besondere Gelassenheit ausstrahlt, auf „Live in New York“ mitunter eher eine Angespanntheit (die aber manchen Song auch befördert, mit Ecken und Kanten versieht).

Auf „In Concert“ gelingt ihm alles leichthändig, im Kleinen, bei „Live in New York“ will er, dass ihm und der Band alles gelingt, das alles ganz groß ist. Bei Songs wie „Prove it all night“, „Out on the street“ und ganz besonders „Lost in the flood“, dieser Anti-Hymne auf die Schattenseiten der USA, die wie „Growin up“ von dem ersten Album stammt, ungeheuerlich und zerreißend, gelingt das. Bei anderen Songs wirkt diese Rasanz, dieses Drängen überdreht, nicht gut ausbalanciert, z.B. bei der dortigen Version von „Born to run“

Bis heute bin ich noch auf der Suche nach einer guten Live-Version von „Born to Run“. Weder die Version von „Live in New York City“, noch die von den frühen Live-Alben können mich vollends überzeugen. Es gibt eine unplugged Version auf „Chimes of freedom“, die die Intensität des Textes am besten widerspiegelt; außerdem eine Version von Melissa Etheridge – anlässlich der Kennedy Center Honors für Springsteen – die die Lebendigkeit des Songs, seine irre Dynamik einfängt.

Die ganze, intensive Kraft des Songs wird für meinen Geschmack am besten (abseits von Springsteens Studio Version versteht sich) in der Live Version des Songs „Springsteen“ von Erich Church (auf dem Live-Album „Caught in the act“) angedeutet; ein cooles Lied, eine wunderbar rockige Liebeserklärung an die Musik von Springsteen. Man findet den Track auch auf Youtube. – wenn man direkt zu der Stelle vorspringen will, die ich meine: sie fängt bei 05:04 an. Um nicht zu weit von Springsteen abzukommen: die Live Version aus dem Hammersmith Odeon und vom Main Point sind durchaus hörenswert.

Überhaupt: das sind zwei Live-Alben, die sich weniger in Tops und Flops gliedern, sondern durchweg eine großartige Show bieten. „Live at the Main Point“ stellt dabei die ganze Ausgelassenheit, das Konzert im Odeon die ganze Versiertheit der frühen E Street Band unter Beweis. Und beide Alben kann man nur als elektrisierend bezeichnen, von ihnen geht, finde ich, die wahre Suchtgefahr aus (während die meisten anderen Alben die Sucht, mehr oder weniger, befriedigen.)

Auf dem Main Point Album gibt es eine, herrlich café-süßliche Version von Bob Dylans „I want you“, eine endlos coole, blues-rappige Version von „The E Street Shuffle“ und die rührendste Version von „Incident on 57th Street“, nicht zu vergessen eine Interpretation von „Mountain of Love“, die einem direkt in die Beine fährt. Vermutlich kann man Springsteen auf diesem Album (und den Acoustic Broadcast Sessions, hier kann einen Springsteen erleben, der viel erzählt, nicht nur über die Songs, sondern über sich) am unbelasteten erleben, eins mit seiner Musik, wie auch oft später (vor allem seit den 2010er Jahren), aber nie so sehr wie hier.

Das Main Point Album wurde im selben Jahr aufgezeichnet, in dem „Born to Run“ erschien (1975) – der lang ersehnte Durchbruch für Springsteen. Auf den ein böses Erwachen folgte, als sich herausstellte, dass ihm die Rechte an seiner Musik nicht gehörten. Sein Manager hatte ihm einen Vertrag angedreht, der fast durchgehend nachteilig für ihn war; er wollte daraufhin unbedingt den Manager wechseln, konnte keine neuen Songs mehr schreiben, keine neue Musik aufnehmen und hatte es schnell Satz, um die Rechte an seiner Musik prozessieren zu müssen. (Nachlesen kann man über diese Zeit in dem Buch „Vom Außenseiter zum Boss: Als Bruce Springsteen sich seine Songs zurückholte“ von Philipp Hacker-Walton).

“Talk about a dream
Try to make it real
You wake up in the night
With a fear so real
Spend your life waiting
For a moment that just don’t come
Well don’t waste your time waiting
[…]
I believe in the love that you gave me
I believe in the hope that can save me
I believe in the faith
And I pray that some day it may raise me
Above these badlands”

Er überwand dieses Tief schnell und es folgte die produktive Phase in seiner Biographie. 1978 erschien „The Darkness in the edge of town“, vielleicht das vielseitigste Album, das Springsteen je gemacht hat, auf jeden Fall eines der unbequemsten, klügsten. Das Eröffnungslied „Badlands“ gibt es gleich in zwei großartigen Live-Versionen, die minimal bessere davon auf „Live in New York“, die andere auf „Live 1975-1985“. Es ist einer dieser Springsteensongs, der eine Form von Überwindung zelebriert, fordert, erhofft, die ich seitdem mit Rockmusik an sich verbinde, immer suche (nicht als einzige Qualität, aber als eine Qualität).

“And I’m driving a stolen car
On a pitch black night
And I’m telling myself
I’m gonna be alright
But I ride by night
And I travel in fear
In this darkness I will disappear”

Es gibt eine Szene in dem Film Prozac Nation (eine Verfilmung von Elizabeth Wurtzels gleichnamigen Buch, sehr lesens-/sehenswert), wo die Protagonistin über Springsteen schreibt, er sei wie ein „dichtender Automechaniker … wenn ich seine Lieder höre, habe ich Dunst in regennassen Gassen vor Augen… Liebende, die sich an den Händen halten… Dreck unter seinen Fingernägeln und Klarsicht in seinen Augen…er erzählt wie nebenbei, seinen Gitarre und seine Stimme aber zielen direkt auf das Herz…“

Das Autofahren, überhaupt das Wegfahren, Ausreißen, ist ein wichtiges Motiv in Springsteens Musik (und überhaupt in der amerikanischen Musik, eh klar). Ich erinnere mich, wie ich das zum ersten Mal verstand, als der Song „Stolen Car“ (von dem Album „The River“) auf sehr eindringliche Weise in der TV-Serie „Cold Case“ verwendet wurde (die Handlung dieser ganzen 11. Episode aus der dritten Staffel ist aus Springsteen-Songs zusammengebaut und von den entsprechenden Liedern untermalt). Ich weiß noch, wie ich danach eine ganze Nacht damit verbrachte, mir die Texte von Springsteen-Songs näher anzusehen/-hören – und wie ich mich bei einigen davon an eine Parabel von Kafka erinnert fühlte:

„Ich befahl mein Pferd aus dem Stall zu holen. Der Diener verstand mich nicht. Ich ging selbst in den Stall, sattelte mein Pferd und bestieg es. In der Ferne hörte ich eine Trompete blasen, ich fragte ihn, was das bedeutete. Er wusste nichts und hatte nichts gehört. Beim Tore hielt er mich auf und fragte: »Wohin reitet der Herr?« »Ich weiß es nicht«, sagte ich, »nur weg von hier, nur weg von hier. Immerfort weg von hier, nur so kann ich mein Ziel erreichen.« »Du kennst also dein Ziel«, fragte er. »Ja«, antwortete ich, »ich sagte es doch: ›Weg-von-hier‹ – das ist mein Ziel.« »Du hast keinen Eßvorrat mit«, sagte er. »Ich brauche keinen«, sagte ich, »die Reise ist so lang, daß ich verhungern muß, wenn ich auf dem Weg nichts bekomme. Kein Eßvorrat kann mich retten. Es ist ja zum Glück eine wahrhaft ungeheure Reise.«“

Es erscheint ein wenig lachhaft, aber ich finde, hier berühren sich der Prager Schriftsteller Kafka und der US-amerikanische Rockstar Springsteen. Es gibt noch andere großartige Songs übers Wegfahren, übers Herumfahren – zwei wunderbare ruhige und meditative sind „Drive all night“ und „Racing in the streets“, zu letzterem gibt es eine wunderbare Live Version auf „Live 1975-1985.“

Oft wird auf die sozialkritischen Aspekte von Springsteens Musik hingewiesen. Die Tracks 9-12 auf der zweiten CD von „Live 1975-1985“ sind ein sehr gutes Beispiel dafür. Drei davon („Nebraska“, „Johnny 99“ & „Reason to believe“) stammen von „Nebraska“ – heftige, sich unter die Fingernägel schiebende, tieftraurige Dystopien, Anklagen und Trauergesänge.
Das andere ist ein Lied von dem großartigen amerikanischen Liedermacher Woody Guthrie mit dem Titel „This land is your land“. Springsteen erzählt vorweg dem Publikum, dass er gerade dessen Biographie (von Joe Klein) liest – ein Buch, das ich ebenfalls sehr empfehlen kann. Der Song selbst ist, so Springsteen „one of the most beautiful song ever written“ und seine Live-Version bewegt entsprechend (und macht seine eher schwächliche Interpretation von Bob Dylans „The times they’re changin‘“ wett, die er anlässlich von dessen Kennedy Honorations verzapfte …).

Ich könnte ewig so weitermachen, will aber langsam zu einem Ende kommen. Also nur noch ein paar Streiflichter:

1. Songs, die ich als Studiotracks eigentlich nicht so mag, die aber live gut inszeniert sind:
„Im goin down“ (meine Live-Version ist ein Mitschnitt, den ich mal bei einem Springsteen-Radiosender mitgeschnitten habe, sie stammt vom Hard Rock Calling 2013).
„Working on the Highway“ (auch dies ein Mitschnitt, stammend von der Wrecking Ball Tour, London 2013)
„Tenth Avenue Freeze-Out“ (auf „Live in New York City“, enthält eine der großartigsten Ansprachen von Springsteen an sein Publikum – mit dem er über die Jahre immer mehr zusammengewachsen ist – und eine großartige(!) Vorstellung der Mitglieder der E Street Band)
„Tougher than the rest“ (auf „Chimes of freedom”, einfach nur Gänsehaut in dieser Version)
„I’m on fire“ (auf „Live 1975-1985“)
„Born in the USA“ (auf „Live in New York City“ in der düsteren, schlichten Version von der Kompilation „Tracks“)
„Adam Raised a Cain“ (von „Live 1975-1985)

2. Songs, bei denen ich gute Live-Versionen vermisse. Es sind einige, aber am meisten schmerzt es bei den Tracks „Thundercrack“ (ein sehr frühes Stück, unglaublich tolle Komposition von über 8 Minuten, ein Juwel) und „Wrecking Ball“, diesem mitreißenden Stück, das erst 2014 rauskam. Bei einem meiner absoluten Lieblingssongs von Springsteen, der unscheinbaren Serenade „Meeting across the River“, stört es mich wiederum nicht, dass es keine gute Live-Version gibt.

3. Auf das Album „Live in Dublin“ bin ich kaum eingegangen, aber nicht, weil ich es geringschätzen wollte. Es erscheint mir so zusammenhängend, dass ich kein Stück wirklich herausgreifen kann. Man erlebt hier einige Interpretation von Springsteen-Stücken, die einzigartig sind; die Session-Band, die auf dem Album mitspielt, ist keine Rockband, sondern mehr so etwas wie eine Folk-Bigband. Entsprechend besticht das Album nicht durch Wumms, sondern durch schöne Turbulenz, seine Elemente aus vielen Stilrichtungen. Es gibt ein Konzertalbum von Sting mit dem Titel „All this time“, auf dem er die meisten seiner bekannten Stücke ganz neu arrangiert – mit diesem Album ist „Live in Dublin“ vergleichbar (nur, dass das Publikum bei Sting kleiner ist, wie auch der Rahmen und dass bei „Live in Dublin“ die Ausgelassenheit eine größere Rolle spielt).

4. Coversongs, Duette. Es gibt so, so viele. Es gibt Aufnahmen von Springsteen mit Bob Dylan, Billy Joel, John Fogerty, Chuck Berry, Melissa Etheridge, Sting, U2, u.v.a.
Und Springsteen covert auf Konzerten regelmäßig Lieder von anderen Bands (ein paar seiner Favoriten sind The Clash, CCR, The Beatles), besonders gerne Rock’n’Roll-Klassiker. Hier zeigt sich auch immer wieder die Klasse der E Street Band, die anscheinend alles spielen kann. Ein paar meiner Lieblingscovers sind:
„You never can tell“ (ein Mitschnitt von einem Konzert in Leipzig 2013)
„I saw her standing there & Twist and Shout“ (mit Paul McCartney, Mitschnitt vom Hard Rock Calling 2012)
Nochmal „Twist and Shout & La Bamba“ (enthalten auf der CD „Released! The Human Rights Concerts – 1988“)
„London Calling“ (Original The Clash, auch Mitschnitt vom Hard Rock Calling, 2009, auch enthalten auf der DVD „Live in Hyde Park“)

5. Drei wunderbare Songs muss ich noch nennen, die auf dem Album „In Concert“ zu finden sind. Das ganze Album ist gut, aber diese drei sind „outstanding“: „Human Touch“ (der Titel sagt, worum es geht), „I wish I were blind“ (eines der besten Lieder über Eifersucht) und „If I should fall behind wait for me“ (eines der schönsten, zartesten Liebeslieder, mit einem Mundharmonikasolo vom Feinsten).

6. Noch drei großartige frühe Stücke von Springsteen: „Rosalita (come out tonight)“ (ein Stück von bahnbrechender Lebensfreude, beste Version auf „Hammersmith Odeon ’75) und die beiden schönen Balladen „Sandy“ und „Jersey Girl“ (ersteres auf der Hammersmith CD, das andere auf „Live 1975-1985“)

7. Und noch drei letzte Erwähnungen, die einen guten Abschluss bilden. Zum einen „Because the night“, das Springsteen zusammen mit Patti Smith schrieb und von dem es eine Live-Version auf „Live 1975-1985“ gibt (leider ohne Smith). Dann „American Land“, ein Immigrant-Song, der auf dem Studio Album „We shall overcome“ enthalten ist. Und last but not least: eines der schönsten Stücke von Springsteen, eine heilsame Hymne: „Land of Hope and Dreams“ – beste Live-Version auf „Live in New York City“.

Ich habe einige Konzerte von Springsteen besuchen können – wer es sich leisten kann, der sollte es einmal in seinem Leben tun. Es ist wirklich magisch. Die Live-Alben können das einfangen und wiedergeben, aber nicht zur Gänze. Ich habe mit völlig fremden Menschen getanzt, in einem Kreis in der Menge. Fast jedes Stück hat uns einander näher gebracht. Bei den Zugaben am Ende hatte sich längst dieses Gefühl eingestellt, dass man hat, wenn man sich gut aufgehoben fühlt. Ich hätte mich wohl bei einigen dieser Menschen aus den unterschiedlichsten Gründen nicht so schnell (oder überhaupt) gut aufgehoben gefühlt. Aber Springsteens Musik hat etwas Verbindendes, besonders auf Konzerten. Nicht nur, weil alle hier zusammengekommen sind, um derselben Band zuzuhören. Nein, es scheint in diesen Momenten wirklich so, als würde die Musik zwischen den Menschen für die Dauer des Konzertes ein Band knüpfen und durch dieses Band fließt die ganze Energie jedes einzelnen Liedes.

… diese Dinge, an denen man nicht nur teilhat, sondern die man so sehr mit sich herumträgt, leidenschaftlich, dass man sie sofort zückt, anbringt, wenn das Thema in die Nähe kommt. Bruce Springsteen gehört bei mir zu diesen Dingen, die mich in der Welt verankern. Es ist wohl so: das gilt für mich und viele andere nicht. Aber wenn ihr wollt: hört euch mal was an?

Zu Sebastian Barrys “Tage ohne Ende”


Tage ohne Ende “Noch während wir den Pfad entlangreiten, können wir sehen, wie übel Lige dran ist. Ein wunderschöner Bach, der wie ein endlos bereifter Bart verläuft. Feld um Feld besorgt aussehnenden Landes. Hohes geschwärztes Unkraut, und halb geerntete, verfaulende Nutzpflanzen. Dieses vergilbte Land und dann der erschrocken wirkende Himmel, der sich bis zum Himmelreich erstreckt, und überall am Horizont die Stümpfe und Stacheln unbekannter Bäume.”

Mit diesem Roman stand der Ire Sebastian Barry 2017 auf der Longlist für den Man Booker Prize, dem wichtigsten Literaturpreis für britische Prosa. Schon vorher hat er sich mit einem Roman über den ersten Weltkrieg und anderen über die Auseinandersetzungen im Irland des frühen 20. Jahrhunderts hervorgetan. In “Tage ohne Ende” hat er sich einer neuen Region zugewandt: dem nordamerikanischen Kontinent zur Zeit des Wilden Westens und des US-amerikanischen Bürgerkrieges.

Protagonist und Ich-Erzähler ist ein Ire, Thomas McNulty, der als Jugendlicher vor den großen Hungersnöten in die neue Welt geflüchtet ist und dort auf seinen Freund und seine große Liebe John Cole trifft. Mit ihm tanzt er zunächst, als Frauen verkleidet, im Saloon einer Bergarbeiterstadt, bevor sich beide zur Armee verpflichten und nach Westen ziehen, gegen die Indianer und bald in den Krieg…

“Wie ein irischer Simplicissimus stolpert er durch das Grauen der Feldzüge gegen die Indianer und des amerikanischen Bürgerkriegs – davon und von seiner großen Liebe erzählt er mit unerhörter Selbstverständlichkeit und berührender Offenheit.” So heißt es im Klappentext. In der Tat ist der Vergleich mit Grimmelshausens bitterbösbrachialem Roman über den 30jährigen Krieg nicht unangebracht: hier wie dort beherrscht eine rücksichtslose, unabwendbare Rohheit alle Lande, es findet sich kaum ein Schrei nach irgendeiner Form von Zivilisiertem, Überleben und Ertragen sind das tägliche Handwerk, das nicht stilisiert, sondern schlicht vorgeführt wird; die Offenheit ist zwar nicht direkt berührend, aber besticht durchaus.

Das Genre des Wild-West-Romans ist, würde ich behaupten, eng mit Groschenheften verknüpft; Barrys literarischer Ansatz leistet hier Pionierarbeit und sein Buch ist ein bemerkenswerter Versuch, in einem von Klischees und Heroismus, Mythen und Stilisierung beherrschten Themenfeld eine eigene Geschichte zu entwickeln, die realistische Maßstäbe an den Tag legt. Ihm gelingen beeindruckende Darstellungen, sein Timing für kleine Momente abseits der düsteren Grunderzählung ist tadellos.

Ich glaube dennoch nicht, dass dies ein Buch ist, das viele Leser*innen überzeugen wird. Ähnlich wie Kazuo Ishiguros großartiger Sagenroman “Der begrabene Riese” (Ishiguro hat sich sehr anerkennt zu diesem Roman von Barry geäußert), ist „Tage ohne Ende“ in seiner Komposition zu eigenwillig, um ein breites Lesepublikum für sich zu gewinnen. Er hat keine epischen Tendenzen, keine epische Grundstimmung, ist rustikal und direkt, mitunter poetisch – und viele Leser*innen werden diesen Mix für einen Mangel halten, obgleich gerade darin die Kraft seiner Darstellung liegt.

Vielleicht irre ich ja, ich hoffe es. Denn obgleich mich der Roman nicht begeistert hat (über Geschmack lässt sich nicht streiten), ist er große Literatur, eine bestechende Erzählung und ein wichtiges Dokument.

Zu Emily Fridlunds “Eine Geschichte der Wölfe”


Eine Geschichte der Wölfe Direkt vorweg: “Eine Geschichte der Wölfe” ist ein sehr, sehr bemerkenswertes Buch. Nicht primär wegen dem Plot oder der Sprache, sondern weil es schlicht und einfach unter die Haut geht. Wurde ich bisher nach einem umfangreicheren Roman von einer zeitgenössischen Autorin, der unter die Haut geht gefragt, nannte ich meist Marisha Pessls “Die amerikanische Nacht”, manchmal auch “Die Vegetarierin” von Han Kang (wobei nicht so umfangreich). Jetzt kann ich auch noch “Eine Geschichte der Wölfe” nennen.

Linda (oder Madeleine, Linda scheint ihr selbstgewählter Name zu sein) lebt mit ihren Eltern in einer kleinen Hütte im amerikanischen Middlewest-Nordstaat Minnesota, in der Nähe eines Sees. Das Verhältnis zu ihren Eltern (ehemalige Hippies) und ihre Lebensumstände sind trostlos, in der Schule ist sie eine Außenseiterin. Ein neuer Lehrer verspricht für sie und die andere Außenseiterin Lily ein Hoffnungsstreif zu werden, aber sehr schnell offenbaren sich unheimliche Züge in dessen Persönlichkeit.

Linda erzählt die Ereignisse um ihn und ihre Kindheit rückblickend. Inzwischen ist sie 14 und freundet sich mit einer jungen Mutter an, die ein Sommerhaus am See bezogen hat; ab und zu babysittet sie ihren kleinen Sohn. Bald tun sich aber auch in dieser Familie Abgründe auf und Linda sieht sich mit der Frage konfrontiert, inwieweit Erziehung und Lebenswelt Privatsache sind und wann sie problematische Züge annehmen.

Eine Geschichte der Wölfe ist fast durchgehend eine ungemütliche Angelegenheit. Es gibt Augenblicke der Wärme, aber die Grundstimmung hat etwas Herbes, etwas Sinisteres beizeiten. In Linda ballt sich immer wieder die gesammelte Ratlosigkeit des Individuums, das nicht tatenlos sein will, aber auch nicht weiß, was in seiner Macht steht und was nicht; daran zweifelt, dass es etwas erreichen kann in diesem Fall.

Wie verhält man sich zu jenen Erscheinungen des “Gefährlichen”, die sich am Rande des Verbrechens bewegen? Die Erkenntnis ist schon vorhanden, aber für eine eigene Tat sind sie nicht greifbar genug … Ein Dilemma, vor das sich jeder Mensch irgendwann einmal gestellt sieht. Emily Fridlund führt dies vor, eindrücklich, intensiv, nachhaltig. Großartig erzählt.

Zu Ta-Nehisi Coates “We were eight years in power – Eine amerikanische Tragödie”


Eine amerikanische Tragödie besprochen bei Fixpoetry