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So unaufdringlich wie das Leben, so unterschwellig intensiv wie die Liebe. Zum Film “Lost & Delirious”


Bei so vielen Meinungen, die zu Filmen durchs Netz geistern- gibt es da überhaupt noch etwas, das noch ungesagt ist? Und was uns bei Kunst und gerade bei Filmen so mitreißt – lässt sich das überhaupt weiterreichen, lässt es sich teilen?
Vielen Kritikpunkten, die aufkommen, könnte widersprochen, viele begeisterte Äußerungen geteilt und bekräftigt werden. Aber weil ich Lost & Delirious für einen wirklich besonderen Film halte und doch für einen sehr eigenen, werde ich hier nur kurz meine Eindrücke schildern und versuchen, aufzuzeigen, was der Film ist und – sich daraus ergebend – was er nicht ist. Es ist, in allen Belangen, ein sehr konsequenter Film und als solcher sollte er gesehen werden.

Erste Liebe ist eine Empfindung, von der Pablo Neruda sagte, dass sie “das letzte Überbleibsel des Paradieses sei”. Jede andere Liebe sei “nur” ein “Gebet” zu jenem Gott, der sich damals offenbarte. Sicherlich eine etwas drastische Ansicht, es steckt aber auch darin ein kleiner Teil der Wahrheit. Immerhin ist die erste Liebe der Anfang. Mit ihr beginnt alles auf diesem Gebiet. Ein wenig bewegt, prägt und bestimmt sie unser ganzes weiters Handeln und unsere Denkstrukturen in Sachen Liebe für immer.

In Lost & Delirious geht es um eine solche erste Liebe – und obwohl es sich um eine lesbische Liebe handelt, ist doch für ihre Wesen sehr viel wichtiger, dass es eine erste Liebe ist, also eine Liebe, die noch kaum bis keine Regeln kennt, nur diesen neuartigen, wunderbaren, alle Gedanken anfachenden Zustand, den man nicht verlassen will, in dem man aufgeht und aufgeht und in dem sich die Angst vor Verlust sehr schnell verbreiten kann.
Für den Verlauf der Geschichte ist es natürlich schon sehr wichtig, dass es um eine gleichgeschlechtliche Liebe geht. Dennoch entsteht die Eindringlichkeit des Films gerade dadurch, das diese zwei Dinge zusammenfließen: Die Unschuld der ersten Liebe und die formenden, gesellschaftlichen Erwartungen – Faktoren, die ein Leben lang unser aller Liebesleben bestimmt und die in dieser Geschichte einen zerrissenen Ausdruck finden, eine wunderbare Darstellung, atmosphärisch, wie inhaltlich, vor allem aber atmosphärisch.

Der Umschwung, der die Geschichte dieser Liebe so mitreißend, aber auch ambivalent und sogar, zugegeben, etwas zwiespältig macht, kommt sehr plötzlich und die beiden Hälften des Films sind tatsächlich ein bisschen wie Tag und Nacht. Aber ich mag solche Filme, Filme, die mich wirklich bewegen, weil sie Unvorhergesehenes und doch Nachzuempfindendes mit sich bringen, weil sie durch ihre ganz eigene Darstellung aufrütteln und bewegen; Filme, die einfach ihre Geschichte so erzählen, wie sie erzählt werden muss – das Unabänderliche einer Geschichte ist nun mal auch das, was uns selbst über unsere Handlungen und Vorstellungen nachdenken lässt, die vielleicht gar nicht so unveränderlich sind. Geschichten sind der beste Weg, das Wesen eines Gegenstands ohne eine Definition zu erreichen.

Atmosphärisch wird die Geschichte, wie gesagt, wunderbar getragen, woran auch die Musik ihren Anteil hat – selten habe ich einen so treffenden und stimulierenden Soundtrack gehört. Und auch die Darsteller sind mehr als überzeugend, vor allem weil sie nicht über ihre Rollen hinausgehen, weder in der Mimik, noch in ihren Handlungen, sondern ganz bei sich bleiben, was ja auch ein Teil jeder menschlichen Tragödie ist: das man ist wer man ist und will was man will. Besonders die Darstellung von Piper Perabo hat mich wirklich und zutiefst beeindruckt, bis ganz zuletzt.

Nun habe ich soviel geschrieben und noch immer mag sich für den Leser keine Vorstellung von dem Film ergeben. Im Prinzip sagt die Überschrift alles, was zu diesem Film kurz und knapp zu sagen wäre und irgendwie ist es ja auch gut, wenn man nicht so viel Konkretes sagen kann, weil das Konkrete, das Faktische, oft das ist, das wenig zum Ausdruck und Eindruck beiträgt und die wirklichen Botschaften und Momente eines Films liegen meist ganz in sich selbst; dennoch ein letzter zusammenfassender Versuch:

Lost & Delirious ist kein heiterer Film, kein leichter Film und obwohl es ein paar wunderbar einzigartige, lebensnahe Szenen gibt, ist der Film doch im Ganzen eher leise und ebenso sparsam in seinen Nebengeschichten und seiner Eigenkommentierung. Im Zentrum steht eine Liebesgeschichte und die Ambivalenz des Versprechens, auf das wir alle ein Anrecht zu haben glauben: das die Liebe nicht aufhört und alle Grenzen überwindet. Die Geschichte, dieses Versprechen – sie sind beide schön und schlimm zugleich. Und am Ende verschmelzen sie zu etwas, das auch ein sehr, sehr gelungenes Beispiel für das Thema Toleranz ist, ein Thema, vor dem wir uns alle nicht verschließen können und sollten. Das ist vielleicht nicht die wichtigste, aber eindringlichste Botschaft dieses Films. “Denn da ist kein Glück, wo einer meinte, er wüsste wie es für alle aussieht.” Willa Cather

Link zum Film: http://www.amazon.de/Lost-Delirious-Piper-Perabo-Jessica/dp/B000069ATW/ref=cm_cr_pr_pb_t

*Diese Rezension ist bereits teilweise auf Amazon.de erschienen