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Zu “Königinnen” von Daniela Sannwald/Christina Tilmann


Königinnen Daniela Sannwalds und Christian Tilmanns Buch ist vor allem ein Buch über den Mythos, der sich um die zehn in diesem Buch behandelten Herrscherinnen gebildet hat. Keiner der Texte ist eine stringente Biographie, es sind stets Auslotungen der Präsenz, der Gestalt, die die Frauen im kulturellen Gedächtnis hinterlassen haben, gespiegelt in den Adaptionen ihrer (vermeintlichen) Lebensläufe und -motive (vor allem durch den Film), nebst Spekulationen zu Liebe und Charakter.

Wer also Kurz-Biographien erwartet, der wird enttäuscht werden. Interessant wird es für diejenigen, die sich gerne mit der Macht der Populärkultur auseinandersetzen wollen und wie sie von Personen der Macht angezogen wird, sie einspinnt und permanent neu erfindend, bis von der Wahrheit nur noch Versatzstücke übrig sind. Das Buch zeigt – wie gesagt: vor allem anhand von Verfilmungen – wie die Leben der Königinnen mal so mal so ausgelegt werden und wie unterschiedliche die Gewichtungen sind. Das ist vor allem spannend, weil es sich meist um mächtige Frauen handelt; eine Kombination, die anscheinend die Inszenierung herausfordert und wenig Raum für Ambivalenzen lässt (man denke an die Sissi-Filme).

In Verfilmungen werden Frauencharaktere oft in Rollenbilder hineingezwängt, sie müssen oft einen bestimmten Archetyp bedienen; oftmals sind es längst überlebte wie die gefallen Frau, die keusche Frau, die lüsterne Frau, die missgünstige Frau, etc.
Ich hätte mir gewünscht, dass die Autorinnen des Buches ein bisschen diese übergreifenden Tendenzen miteinbringen. Ansonsten ist das Buch aber zu empfehlen, als Reflexionsgrundlage und nicht zuletzt als Film- und Serientippsammlung.

The formidable rise & fall of the man named Barry Lyndon by the big and little tragic-ironies of life.


Zusammen mit 2001: Odyssee im Weltraum ist Barry Lyndon wohl Stanley Kubricks längster und monumentalster Film; dies vor allem, wie auch bei 2001, durch die durch Musik untermalte, wahrhaftige Eigensinnigkeit der Kameraperspektiven und -methoden (wie z.B. langen Momenten des Innehaltens, in denen nur die Musik und die Bilder sprechen oder das Drehen nur bei Kerzenschein). Der Aufwand der hier um die Details in Sachen Raumausstattung, Kleidung, historischer Darstellung und allgemein um die atmosphärische Authentizität (und Intensität) betrieben wurde, hat etwas Verschwenderisches an sich, aber auch etwas ungeheuer Echtes und Realistisches. Kubrick ist es, so könnte man es am einfachsten sagen, wahrhaft gelungen einen realistischen Roman auch als solchen zu verfilmen. Wer keine realistischen Romane mag, der wird denn wohl auch den Film eher als langatmig, überspannt in seiner Wirksamkeitsvehemenz und in seinen Kausalitäten als wenig komplex empfinden.

Zur Story: Die Geschichte Barry Lyndons ist eine Geschichte, wie man sie einst am Kamin über lange Abende erzählt bekam: die Geschichte eines Mannes und seiner Zeit, seiner Händel und Gelegenheiten, seiner Kämpfe und Niederlagen und der Personen, die ihn führten, ihm beistanden oder ihn verlachten – und auch, letztendlich, die Geschichte seines übergreifenden Schicksals. “Der Pfeil von der Sehne, beobachtet im Fluge”, wie Goethe sagen würde.
Geboren auf den irischen Inseln Mitte des 18. Jahrhunderts ist Barry von Anfang an ein nicht uncleverer, aber mit wenig Sensibilität, Spürsinn und Argwohn ausgestatteter Junge, der dafür oftmals ungestümen und jähzornigen Anwandlungen nachgibt. Die Wirren des Lebens werden ihn bald weit weg von seiner Heimat tragen, über den siebenjährigen Krieg zu einem Leben als Hochstapler bis hin zu einem scheinbar gesicherten Lebensabend.

Die Geschichte eines Lebens, so dachten viele realistische Romanciers (und wohl auch William Makepeace Thackeray (1811-1863), von dem die Romanvorlage zum “Junker Barry Lyndon” stammt), muss den Abgrund steht’s bereithalten, innehaben, auch wenn der Held ihm vielleicht immer wieder zu entkommen weiß. Denn nur am Abgrund kann der Held sich beweisen und nur an den Abgründen des Lebens offenbaren sich die Abgründe der Menschen. Kubricks fein inszenierte Verfilmung jedoch, in der die Vorleserstimme aus dem Off beinahe genau so viel Platz und Text einnimmt, wie alles Gesprochene der Figuren zusammen, sieht in Barry keinen Helden wie Charles Dickens in seinem Oliver Twist, sondern vielmehr ein Musterbeispiel an Schicksal, Gewohnheit und ein Sinnbild für die Ironie des Lebens, was seine Geschichte wiederum, abseits von Belehrungen oder Fingerzeigen, einfach zu einem sehr guten Bild des Lebens und all seiner Attribute an sich macht: Des Strebens, Gewinnens und Scheiterns. Und deswegen wird sie erzählt. Als Beispiel der kleinen Ironien oder großen Wagnisse des Lebens – wie man es auch immer betrachten will.

Wer sich drei Stunden lang auf ein Epos einlassen kann, wer die Spannung eher (oder auch) aus der Tatsache der Unabänderlichkeit, denn der Handlungsfrage (Wie entkommen? Wie verstecken? Wie helfen? Wie lösen) ziehen kann und wem es gefällt, wenn ein Film voller Momente der Besinnung auf Bild, Atmosphäre und Emotionen ist, dem wird Barry Lyndon als das Ideal einer bestimmten Art von Epos erscheinen. Wer allerdings die expressionistische der impressionistischen Dramatik vorzieht, der wird mit diesem Film vermutlich nicht glücklich werden – zu sehr hängt alles darin am seidenen Faden des Zusammenspiels aus Musik, Bild und Augenblick. Zu wenig hat dieser Film als Ziel mehr im Sinn, als das anschauliche Erzählen und Darstellen seiner Geschichte, unterstützt durch die Kunstfertigkeit der Bilder.

Link zum Film: http://www.amazon.de/Barry-Lyndon-Ryan-ONeal/dp/B0019GZ9G4/ref=cm_cr_pr_product_top

*Diese Rezension ist bereits teilweise auf Amazon.de erschienen.

Have fear/ Vlad is not hear – Etwas zur Verfilmung des Computerspieles Max Payne


Ich bin ja immer dafür, dass man eine Verfilmung (egal ob von einem Roman, Theaterstück oder, wie hier, von einem kongenialen Computerspiel) als Neuinterpretationen auf filmischer Ebene ansieht; man nimmt die wichtigsten (und so viele wie sonst noch möglichen) Aspekte und versucht das Feeling, die Botschaft, die Charaktere einzufangen und gut zu arrangieren. Max Payne wahrhaft zu verfilmen wäre eine Mammutaufgabe gewesen und letztlich wahrscheinlich nicht zu schaffen; das Spiel an sich ist ja schon eine Art Film in Eigenregie.
Trotzdem sind die maximalen Möglichkeiten einer Filmversion hier eindeutig nicht ausgenutzt worden. Zu vieles wurde zu halbherzig aufgenommen, vieles unoriginell in Szene gesetzt. Es bleibt die Enttäuschung, trotz der Ansätze.

Dass der Film eine eigene Interpretation darstellen sollte, sieht man glaube ich schon an der Ausrichtung des Charakters, der Verkörperung durch Mark Wahlberg. Frei nach dem PC-Spiel, verkörpert er Payne erstmal als eine gezeichnete Figur, ein “not lucky enough for luck, but to tough to die” Charakter – weswegen der Nachname der Figur ja auch “Payne” lautet, was sich immer wieder mit vollendeter Lakonie doppeldeutig ins Spiel einflechten ließ. Dieser Teil der Figur wird nicht schlecht (auch nicht perfekt, aber dennoch gut) inszeniert; ganz selten kommt er auf dieser Seite dem Original sogar nah.
Die unterkühlte Distanz, die damit einhergeht, dieser mangelnde Ausdruck, ist aber schon wieder völlig “unpaynelike”. Wo ist diese schwarze Ironie, die düstere Magie und Lakonie der Sprache in Verbindung mit der Bildgewalt von Nacht und Abgrund; wo der kugelschmale Witz und die filigrane Abgedrehtheit? Die sucht man vergeblich. Szenisch hätte man hier mit Comiceinschnitten à la Original und mit Original Off-Texten noch einiges rausholen können. Außerdem hätten Figuren wie Vladimir Lem (den ich wirklich vermisst habe) und Vinnie Gognitti 1a für einen Film getaugt – geradezu unumgänglich, hätte ich gedacht. Gut, das wäre dann ein ganz anderer Film geworden. So jedoch fehlt dieser Teil der Figur Max Payne fast völlig (das meinte ich in der Überschrift mit: zu wenig Max). Kalte Coolnes statt Lässigkeit, dumpfe Härte statt charmant-eiserner. Alles geht nur in diese eine Richtung.

In der Handlung konzentriert sich der Film wiederum sehr stark auf die Droge Valkyr. Aha, werden jetzt manche denken: Das geht doch in die richtige Richtung. Aber nein, auch hier wurde vieles umgemodelt und neu orientiert. Wiederum ist das natürlich nicht grundlegend schlecht zu bewerten und macht auch keinen schlechten ersten Eindruck. Die Story wird eingeleitet, die Charaktere vorgestellt und auch der klassische Verschwörungskniff ist enthalten. Im Aufbau ahnt man zumindest eine gelungene Verfilmung dieses Aspekts.
Jedoch: Manko: Der Film ist viel zu kurz, um die payneschen Ausmaße anzunehmen, mit der Verfolgunsjagd, den Widersachern, dem Rätsel. Auch die Rolle, die Wahlberg/Max dabei spielt, ist verschwindend gering gehalten, der Film ist keine echte Suche, eher schon das Finale. Nebenbei wird auch viel Filmzeit verschwendet, auf Sachen, die zwar gut gemacht sind, aber nur wichtig wären, wenn sie in konkreten Zusammenhängen ständen (die, wenn überhaupt, nur sehr lose geknüpft sind – als würde man sie für selbstverständlich und selbsterklärend halten). Auch einige Logiklücken (nicht nach Art von: “so viele Kugeln, warum trifft den keine?”, sondern nach Art von: “Häh, warum macht der jetzt nicht das und das?”, oder: „wo gehört diese Figur in das Ganze eingeordnet?“)

Viel wurde hier über die Zeitlupe geschrieben. Für das Spiel Max Payne ist sie sicher unverzichtbar (wobei es manchmal fast schade ist, dass es von außen her nur darüber definiert wird – da ist ja noch viel mehr) – in einem Film hätte es mich ehrlich gesagt genervt, wenn sie zu häufig vorgekommen wäre. Hier finde ich die Richtung, die der Film einschlägt – mit sparsamer Verwendung und gestylten Actionszenen – wirklich gut. So kommen die wenigen Szenen auch viel besser rüber und sogar ein wenig echtes Feeling kommt auf.

Feeling, welches leider auf offenem Feld steht, inmitten einer von Hollywood verkorksten Leere. Optik: nicht übel; neue Interpretation der Valkyr-Droge: auch nicht schlecht. Aber wer das Spiel gespielt hat, sehnsüchtig auf vertraute Sprüche, anti-heldische Ironie oder einfach auf ein Dichte der Atmosphäre wartet, die das Spiel erreichte, der wird am Ende den Kopf schütteln. Das Ende versöhnt da auch nicht mehr, wenn es auch fast wie eine Max Payne-Geste scheint – aber es bleibt der üble Nachgeschmack, das Gefühl: zu viel Füllmaterial, zu wenig von dem unverwechselbaren Glanz, zu viel Austauschbares.

Wer das Spiel noch nicht gespielt hat, wird einen mittelmäßigen Film sehen, der ein größeres Potential andeutet. Wer das Spiel kennt, wird das verschenkte Potential mit den Fingern greifen können.