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Neue Veröffentlichung


 

2 Gedichte von mir sind in der neuen Ausgabe von DAS GEDICHT.

Nr. 24 – Der Heimat auf den Versen (ISBN 978-3929433814)

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Ein bisschen was auf Brecht


I – Die Hauspostille

“O Himmel, strahlender Azur!
Enormer Wind, die Segel bläh!
Laßt Wind und Himmel fahren! Nur
Laßt uns um Sankt Marie die See!”

Die Hauspostille war der erste bedeutende Gedichtband den Brecht veröffentlichte (1927). Größtenteils besteht er aus Liedern – im wahrsten Sinne des Wortes, denn Brecht hat den Vertonungen seiner Gedichte immer viel Bedeutung beigemessen – mit zahlreichen Strophen und oft auch Refrains (im Folgenden sind z.B. die letzten vier Zeilen der Refrain):

“Kein Kleid war arm, wie das ihre war
und es gab keinen Sonntag für sie,
keinen Ausflug zu dritt in die Kirschtortenbar
und keinen Weizenfladen im Kar
und keine Mundharmonie.
Und war jeder Tag, wie alle sind
und gab’s kein Sonnenlicht:
Es hatte die Hanna Cash, mein Kind
die Sonn stets im Gesicht.”

Viele der längeren Gedichte haben die üblichen Balladenthemen; Seeräuber oder Abenteuer, Tunichtgute und Säufer, und häufig trübes Menschenschicksal, verdammt, das alles steht im Mittelpunkt; vielfach kommt auch der Tod vor, allerdings wird Brecht dann meistens sehr lyrisch. Die wenigen Gedichte zum Zeitgeschehen, die vor allem im ersten Teil -Bittgänge- stehen, sind dagegen von frontaler Sachlichkeit (So hier am Ende eines Gedichts über eine Kindermörderin):

“Ihr, die ihr gut gebärt in sauberen Wochenbetten
und nennt gesegnet euren schwangeren Schoß
wollt nicht verdammen die verworfnen Schwachen,
denn ihre Sünd war schwer, doch ihr Leid war groß.”

Das Schöne an den Gedichten ist, dass sie tatsächlich eingängig sind, man kann sie tatsächlich fast mitsingen, allein deswegen fühlte ich mich, auch wenn thematisch keine Verbindung besteht, doch an Heinrich Heines Das Buch der Lieder erinnert, ebenfalls ein Debüt. In beiden findet sich die einfache Form, eine Form von erzählender Lyrik, zusammengefügt mit einfachen, sich wiederholenden Klängen und Motiven, lesegenüsslich schnell zu konsumieren.

“Schlendernd durch Höllen und gepeitscht durch Paradiese
still und grinsend vergehenden Gesichts
träumt er gelegentlich von einer kleinen Wiese
mit blauem Himmel drüber und sonst nichts.”

Sicherlich ist dieser Gedichtband mehr ein schöner Sing-Sang als ein großes, lyrisches Meisterwerk. Aber wie in vielen Dingen, ist auch in der Einfachheit der Zeilen hier eine karge Schönheit aufbewahrt worden.
Schließen tue ich mit einem Gedicht, einem Liebesgedicht, dass viele von Brecht vielleicht kennen und das eine der wenigen feinsinnigen Ausnahmen in diesem Band darstellt:

Erinnerung an die Marie A.

An jenem Tag im blauen Mond September
Still unter einem jungen Pflaumenbaum
Da hielt ich sie, die stille bleiche Liebe
In meinem Arm wie einen holden Traum.
Und über uns im schönen Sommerhimmel
War eine Wolke, die ich lange sah
Sie war sehr weiß und ungeheur oben
Und als ich aufsah, war sie nimmer da.

Seit jenem Tag sind viele, viele Monde
Geschwommen still hinunter und vorbei.
Die Pflaumenbäume sind wohl abgehauen
Und fragst du mich, was mit der Liebe sei?
So sag ich dir: ich kann mich nicht erinnern
Und doch, gewiß, ich weiß schon, was du meinst.
Doch ihr Gesicht, das weiß ich wirklich nimmer
Ich weiß nur mehr: ich küßte es dereinst.

Und auch den Kuß, ich hätt ihn längst vergessen
Wenn nicht die Wolke da gewesen wär’
Die weiß ich noch und werd ich immer wissen
Sie war sehr weiß und kam von oben her.
Die Pflaumebäume blühn vielleicht noch immer
Und jene Frau hat jetzt vielleicht das siebte Kind
Doch jene Wolke blühte nur Minuten
Und als ich aufsah, schwand sie schon im Wind.

II – Svendborger Gedichte

“Die Regierung
schreibt Nichtangriffspakte.
Kleiner Mann
schreibe dein Testament.”

1933 floh Bertolt Brecht mit seiner Familie ins dänische Svendborg, wo, in relativer Nähe zu Deutschland, dieser 6teilige Gedichtband entstand. Hauptsächlich sind es Widerstandsgedichte, die die deutschen Geschehnisse kommentieren, parodieren und untersuchen. Natürlich ist mit dem Anstreicher, der häufig vorkommt (und wie Brecht ihn nicht nur in seinen Satiren nannte) Hitler gemeint.
Brecht sah sich auch nach der Aberkennung der Staatsbürgerschaft 1935 noch als Deutscher, weshalb er auch stets von “unserem Land” spricht.

“Es ist möglich, dass in unserem Land nicht alles so geht, wie es gehen sollte.
Aber niemand kann bezweifeln, dass die Propaganda gut ist.
Selbst Hungernde müssen zugeben,
dass der Minister für Ernährung gut redet.
[…]
Und noch etwas macht ein wenig bedenklich
über den Zweck der Propaganda: je mehr es in unserem Land Propaganda gibt,
desto weniger gibt es sonst.”

Obwohl Emigrant, versuchte Brecht die Verbindung zum deutschen Volk nicht zu verlieren, zu wahren, zu kritisieren und vor allem, mit ihnen zu leiden, was vor allem im zweiten Teil deutlich wird, der vor allem Gedichte über das Schicksal von Juden und von Deutschen im neufaschistischen Klima enthält. Im sechsten Teil dieses Bandes setzt er sich mit dem Emigrantendasein selbst auseinander und schreibt:

“Schlage keinen Nagel in die Wand,
wirf den Rock auf den Stuhl!
Warum für vier Tage vorsorgen?
Du kehrst morgen zurück!”

Diese Bestimmtheit verlor er wohl erst mit Anfang des Krieges, von dem er weiter weg, erst nach Schweden, dann nach Finnland flüchtete; ein Krieg, vor dem er schon viel früher zu warnen begann:

“Auf der Mauer stand mit Kreide:
Sie wollen den Krieg.
Der es geschrieben hat
ist schon gefallen.”

Diese Gedichte sind zwar hauptsächlich vom zeithistorischem Interesse und verraten viel über Brechts Persönlichkeit (der vierte Band z.B. besteht aus Gedichten, die sich mit dem Kommunismus und dem sozialistischen System auseinandersetzen, sehr intensiv und anschaulich), aber so manches Gedanke und manches Gedicht mag sich hier auch finden, welche ihre Überlegungen, Schlüsse und Bilder über die Zeit hinaus zu schicken vermögen. Sei es eine einfach Lehre gegen Krieg:

“Wenn es zum Marschieren kommt, wissen viele nicht,
dass ihr Feind, an ihrer Spitze marschiert.
Die Stimme, die sie kommandiert
ist die Stimme ihres Feindes.
Der da vom Feind spricht
ist selber der Feind.”

oder eine der frei gereimten Chroniken aus dem dritten Teil, aus dem auch das bekanntere Gedicht “Legende von der Entstehung des Buches Taoteking auf dem Weg des Laotse in die Emigration” stammt und in welchem sich noch so manch andere gute Geschichte findet.

Ein vielseitiger Gedichtband, auch heute immer noch interessant und lehrreich.

III – Gedichte aus dem Widerstand (Chinesische Gedichte + Studien + Steffinische Sammlung)

“Mein Bruder war ein Flieger
Eines Tages bekam er eine Kart’
Er hat seine Kiste eingepackt
Und Südwärts ging die Fahrt.

Mein Bruder ist ein Eroberer
Unserm Volke fehlt’s an Raum
Und Grund und Boden zu kriegen ist
Bei uns ein alter Traum.

Der Raum, den mein Bruder eroberte
Liegt im Quadaramamassiv
Er ist lang einen Meter achtzig
Und einen Meter fünfzig tief.”

Die Studien und die chinesischen Gedichte sind sehr kleine Sammlung. In den Studien geht es um Werke anderer Dichter, Shakespeare, Dante, Kant, Schiller, Goethe, die in Sonetten abgehandelt, kommentiert oder zusammengefasst werden, manchmal auch alles gleichzeitig. Die Chinesischen Gedichte behandeln allgemeine Themen vor dem Hintergrund der chinesischen Mentalität und Geschichte.

Die “Steffinische Sammlung” ist ein Dokument von Brechts Exilreise, seinem Aufenthalt in Schweden und Finnland und enthält auch Chroniken und Satiren auf die Geschehnisse vor und im Krieg.
Die “Gedichte aus dem Messingkauf” sind Gedichte über das richtige Theater (ebenso wie die Dialoge aus dem Messingkauf)

-Gedenktafel für 4000, die im Krieg des Hitler gegen Norwegen versenkt wurden-

“Wir liegen allesamt im Kattegat.
Viehdampfer haben uns mitgenommen.
Fischer, wenn dein Netzt hier viele Fische gefangen hat
Gedenke unser und lass einen entkommen!”

IV – Buckower Elegien

“Ich sitze am Straßenhang.
Der Fahrer wechselt das Rad.
Ich bin nicht gern, wo ich herkomme.
Ich bin nicht gern, wo ich hinfahre.
Warum sehe ich den Radwechsel
Mit Ungeduld?”

Die Buckower Elegien, immer als Reaktion auf den 17. Juni 1953 verstanden, sind die letzte Gedichtsammlung Brechts. Bedeutend sind sie vor allem wegen ihrer komprimierten Konzeption und ihrem allegorischen Charakter. Wie zum Beispiel “Der Radwechsel”(oben) oder dieses:

“In der Frühe
Sind die Tannen kupfern.
So sah ich sie
vor einem halben Jahrhundert
vor zwei Weltkriegen
mit jungen Augen.”

Am schönsten empfinde ich gerade bei diesen Gedichten die freie Form. Sie sagen so viel mehr und ihre Melodie ergibt sich bei jedem Gedicht, am Schluss, rückwirkend. Ein Eindruck manifestiert sich mit ihnen, gerade groß genug für ihre kleine, meditative Gestalt.

Der zweite Teil dieses Bandes sind die “Gedichte im Exil”, sehr wenige kurze Gedichte (plus eine Erweiterung der Satiren aus den Svendborger Gedichten), die während der späten Phase des Krieges und danach entstanden. Fast jedes von ihnen ist ein kleines Meisterwerk und zugleich sehr persönliche Erschütterungen, wie dieses Gedicht -Ich, der Überlebende-:

“Ich weiß natürlich: einzig durch Glück
Habe ich so viele Freunde überlebt. Aber heute Nacht im Traum
Hörte ich diese Freunde von mir sagen: “Die Stärkeren überleben.”
Und ich hasste mich.”

Über alle Zeit werden diese Gedichte lesenswert bleiben.
Zum Abschluss, ein letztes Brechtgedicht, das ihn ganz umreißen kann: gewitzt, kaltschnäuzig, herablassend und demütig:

“Ich benötige keinen Grabstein, aber
Wenn ihr einen für mich benötigt
Wünschte ich, es stünde darauf:
Er hat Vorschläge gemacht. Wir
Haben sie angenommen.
Durch eine solche Inschrift wären
Wir alle geehrt.”

Anna Achmatowa – Gedichte aus “Im Spiegelland”


spiegelland   “Wie tief im Brunnen weiße Steine liegen,
Liegt ein Erinnern tief in meinem Herzen.
Ich kann nicht und ich will es nicht bekriegen:
Es bringt mir Freude und es bringt mir Schmerzen.”

Die russische Dichtung des 20. Jahrhunderts kennt viele große Namen, von denen sich viele auch untereinander kannten und gegenseitig inspiriert haben und selbst ihre Schicksale weisen ähnliche Komponenten auf, darunter oftmals Exil, Lagerhaft, Bespitzlung, Schreibverbot und sogar Ermordung. Die Grande Dame dieser verlorenen Generation russischer Dichter (das als silbernes Zeitalter gilt – das goldene war die Zeit von Puschkin) war ohne Zweifel die Dichterin Anna Achmatowa, deren Schicksal es war, die meisten ihrer Freunde und Zeitgenossen um manchmal viele Jahre zu überleben. So Mandelstam und Zwetajewa, aber auch Pasternak und Alexander Blok.

“Die einen Scherzen in der Nacht und küssen,
Die andern trinken, bis der Tag anbricht.
Mit mir verhandelt nächtens mein Gewissen,
Das klar und unerbittlich zu mir spricht.

Ich sag zu ihm: Wie lang soll ich noch tragen
Die Last von dem, was längst Vergangenheit?
Doch es erwidert: So darfst du nicht fragen,
Denn weder Raum gibt es für mich noch Zeit.”

Nachdem sie vor der Revolution (1912-1917) bereits einige Bände mit Liebes- und anderen Gedichten veröffentlicht hatte, wurde sie in Sowjetrussland schnell mit einem Publikationsverbot belegt (1923). Ihre bereits geschriebenen Verse überlebten die lange Zeit des auferlegten Schweigegebots – das, bis auf winzige Ausnahmen, bis zu Stalins Tod (1953) gelten sollte – vor allem dank ihrer Eingängigkeit und Lebensnähe in den Köpfen der Menschen; ihre Gedichte erreichten teilweise eine große Sprichwörtlichkeit.

Dieser Traum eines jeden Dichters, er war für Achmatowa gleichsam ein Alptraum, aus der düsteren Quelle der Umstände gespeist. Dieser Zwiespalt überschattete ihr ganzes Leben, auch nachdem sie wieder publizieren konnte und findet sich auch als wiederkehrendes, unterschwelliges Motiv, als eine Stimmung von Grau, in ihren späten Versen wieder.

“Verließ’ uns schlichtes Fühlen, frisches Wort –
Wär’s nicht als nähm’ dem Maler man das Sehen,
Dem Schauspieler das Sprechen und das Gehen,
Und einer schönen Frau die Schönheit fort?

Doch such nicht zu behalten deinerseits
Die Gaben, die der Himmel dir verliehen:
Wir sind verdammt – wir wissen es – zum Blühen
Und zur Verschwendung – nicht zum Geiz.”

Schlicht, bisweilen mit einem Anflug Spott, und auch manchmal nahe am Schmachten, Verzieren und Verzehren, doch eigentlich immer nur leicht bewegt, nur träumend oder weisend, kommen ihre Verse daher; ihr lyrisches Credo ist eine dünner Frist, die auf alle Worte gestrichen ist. Spürbar, unter der Oberfläche, liegen darin Sehnsucht, Abneigung, Angst und Furcht: glattgestrichen; weder Feuer, noch Eis, sondern eher Rauch, Brunnenplätschern, Schifffahrtswellen, die ungefähren Wesenheiten ihrer Dichtung. Blinzelnd vor dem Aufragen und Verschwinden betonen sie das Flüchtige, aber auch das Bleibende, das Matt-werdende.

Ihre Liebesgedichte sind heute noch lesenswert; im Spätwerk sind es jene Verse, die sich um das Schicksal drehen, ihre eigenen Händel mit dem Staat (ihr Sohn saß über 15 Jahre in einem Lager, manchmal drohte ihm sogar die Exekution) und die Portraits der Personen, Dichter und Denker, die sie schätzte, dazu die Gedicht-Zyklen und die vielen, meist unbetitelten, nach innen gekehrten Beobachtungen und Betrachtungen; letztere schwanken oft zwischen vollendeter und angeknackster Beherrschung.

“Aus Stein scheint des Himmels Bogen,
Verwundet von gelbem Glühn.
Oh, sei mir endlich gewogen,
Send ein einziges Wort über ihn.

Der mit Tau Du benetzest die Triebe,
Beleb mit der Kunde mein Herz –
Nicht für Leidenschaften und Scherz,
Für die große irdische Liebe.”

Liebe, Liebe, als ein Ding, so groß wie eine Welt, aber so abgewandt und versunken wie deren tiefste Schluchten und entlegenste Gegenden – und doch auch wieder schön; ein magischer, unfehlbarer Fall. Kaum ein Dichter hat die Liebe in so ambivalente, entsprechende und gleichsam schlichte, in so tiefe und doch so unbewegte Verse gekleidet, wie Anna Achmatowa. Jedes der Gedichte über diese Thema hat seinen eigenen Herzschlag, seine eigene Vorstellung von der Liebe, aus der Momentaufnahme der damaligen Empfindung entsprungen und wie darin gefangen; die Atmosphären in diesen Zeilen können sanft wie Wasser oder schwer wie Brokat sein, aber immer sind sie Oberfläche und Inhalt zugleich – ein schwieriger Balanceakt und ein sehr kontrastiertes Leseerlebnis.

“O zerknülle nicht, Liebster, mein Schreiben.
Nein, mein Freund, ließ es bis zum Schluss.
Ich bin’s Leid, dass ich unbekannt bleiben,
Stets die Fremde dir bleiben muss.
[…]
Dieses Lächeln schenk bewahr ich mir,
Das die Lippen kaum sichtbar bewegt;
Liebe selbst hat es in mich gelegt,
Und ich schenke es keinem als dir.”

Wenig Licht herrscht in diesen Gedichten, viel Dunkelheit, aber eine Dunkelheit, die wiederum viele ferne Lichtquellen auf sich zieht wie Sterne; als wäre sie Wein, auf den man blickt, während die Lichter eines Saales sich auf Glas und Flüssigkeit brechen und spiegeln.

“Unausgesprochene Sätze
Und Worte, nie gesagt.
Die Blicke, die sich nicht trafen,
Wissen nicht wohin.”

Man kann es heikel nennen, Gedichte aus einer Sprache (und dann noch aus der russischen Sprache, die sehr viel mehr natürliche Reime und vielfältigere Kadenzen kennt als die deutsche) in eine andere zu übertragen und dabei den Reim halten zu wollen. Immerhin hat diese Ausgabe insofern einen interessanten Mittelweg gefunden, dass sie ab und an mehrere (von 2 bis manchmal 4) Varianten einer Übersetzungen anbietet (jedoch alle gereimt).

Ansonsten ist es, im Falle von Anna Achmatowa, auf jeden Fall das kleinere Übel, denn ihre Lyrik lebt elementar von Reimen, von dem Kranz- und Kreischarakter des Verses, der sich in seinen Windungen immer wieder mit dem Ursprung verbindet. Das mag im Deutschen manchmal etwas herunterkonstruiert wirken, hat aber auch den Vorteil, dass man, trotz der Komplexität, die manchmal in der Einfachheit von ihren Zeilen liegt, über den Rhythmus und Klang doch leichter Zugang zu ihren Werken erhält.

“Weil er den Rauch Laokoon verglichen,
Die Distel an der Friedhofswand besang,
Weil alles seinem neuen Klang gewichen,
Mit dem er einen neuen Raum errang,

Ward er belohnt mit kindlichem Erfassen,
Mit der Gestirne weitem, scharfem Blick,
Die Erde ward als Erbteil im gelassen,
Doch er gab allen andern sie zurück.”
(Aus einem Gedicht über Pasternak)

Anna Achmatowa zu lesen hat viel mit Wiederlesen, mit Genaulesen und auch mit Empathie zu tun. Doch es steckt einfach auch eine Größe in ihr, unübersehbar, gleich einem riesigen Schiff, welches glatt, schwarz und langsam durch eine Landschaft in einen Hafen einfährt, vielleicht umjubelt, aber selber still, bis auf das leise Rauschen der Schiffsschraube. Innerliche und doch auch nach außen getragene Größe und aufrechte Haltung, hinter der die zarte Sehnsucht schlägt wie das Herz eines Wurmes im Kerngehäuse des Apfels. Man spürt den Herzschlag in den Zeilen.

“Man gräme sich nicht so unendlich
Und sei nicht so verschlossen, o nein! –
Um denen, die leben, verständlich
Und angelweit offen zu sein.
[…]
Das wenige, was uns gegeben,
Ist eng von der Zeit umzäunt,
Doch er wird unwandelbar leben,
Des Dichters verborgener Freund.”
(Aus einem Gedicht über den Leser)

Weisheit, Eros und Hellenismus – “Das schöne Leben war nur kurz bemessen”. Zum lyrischen Werk des griech. Dichters Konstantin Kavafis.


I

“Das Werk der Götter stören wir,
des Augenblickes ungestüme, unerfahrene Geschöpfe.”

In einem Essay von Joseph Brodsky über das Werk von Kavafis, beschreibt er Kavafis verlorenes Alexandria. Kavafis lebte in dieser Stadt, allerdings hunderte von Jahren nach dessen Blüte, als es Kulturzentrum und Symbol des Hellenismus war, dieses goldenen Zeitalters griechischer Kunst und griechischen Einflusses, in Splittern noch weitergeführt im Byzantinischen, dann irgendwann verschwunden, verraucht, verglommen. Noch ganz leicht im modernen Griechisch an den Rändern präsent, ein Phantom in Kultur und Geschichte. Brodsky vermutet in diesem ehemaligen Alexandria so etwas wie eine Metapher auf die Jugend, die Kavafis ebenfalls in seinen Gedichten nur aus der Ferne, rückwirkend, schildert; Alexandria und die Jugend, zwei ferne Orte, mythisch fast und in ihrer Lebendigkeit, ihrem Überreichtum und ihrer Größe, Weite, für den heutigen Betrachter ein nie mehr zu erreichender Zenit.

Die Betrachtung von Brodsky hat viele Aspekte und wer genaueres wissen will, kann hierzu den Essayband Flucht aus Byzanz konsultieren – im Wesentlichen ist sie hilfreich, um eine wesentliche Einteilung von Kavafis Werk vorzunehmen, die beinahe ohne Ausnahmen funktioniert und nur zwei Kategorien hat.

Auf der einen Seite sind da die persönlichen Gedichte, die vom Verrinnen der Zeit (das bekanntest Gedicht von ihm ist hierbei “Kerzen”, das überall im Netz zu finden ist) und von Homosexualität, der Begegnung junger Männer oder ihren Liebschaften handeln. Viele von diesen Liebesgedichten sind szenisch gehalten, versetzen den Leser z.B. in einen jungen Mann, der in einem Cafe wartet, stundenlang, und hofft, dass der eine bestimme Gast hereinkommt, den er einmal hier gesehen hat (das Geschlecht der Person war bei den ursprünglichen Veröffentlichungen unbestimmt, da zu Kavafis Zeiten Homosexualität noch strafbar war). Viele dieser unaufgeregten, zögerlichen Liebesgedichte gehören zu den Höhepunkten in Kavafis Werk – so wie jenes Gedicht “Er fragte nach der Qualität der Tücher”, in dem ein Mann in ein Tuch-Geschäft geht, nur weil er das schöne Gesicht eines dort arbeitenden Verkäufers gesehen hat:

“Sie sprachen ohne Unterlass über den Handel – doch
nur mit einem Ziel: dass sich ihre Hände
über den Tüchern berühren; dass ihre Gesichter,
die Lippen sich wie zufällig nähern;
die Begegnung ihrer Glieder für einen Augenblick.

Schnell und heimlich, dass es der Geschäftsinhaber
nicht bemerkte, der im Hintergrunde saß.”

Dieses Spiel, die Anziehung, auf die es in diesen Momenten ankommt, hat Kavafis fein und unverstellt in solchen kurzen Passagen eingefangen – es ist ein übergreifendes Bildnis von dem Wagnis und dem verwirrend schönen Zug der Liebe selbst.

In seiner Homosexualität war Kavafis ein unbeflissener und doch natürlichste Dichter, ohne über die Strenge zu schlagen, oder provozieren zu wollen; es ist vielmehr die scheue und zugleich die animalisch-berauschte Intonation der Liebe und des Eros, die er immer wieder anstimmt, vom Ursprung her und nicht in ihren Ausprägungen und Praktiken, die er wohlweislich in sanften Andeutungen dem jeweils möglichen Bedeutungs- und Phantasiespielraum überlässt. Viele Jünglinge gehen über seine Seiten, vor allem im zweiten Teil seines Werk, zu dem ich weiter unten kommen werde; früher Tod und Verfall ist diesen Jünglingen nicht selten beschieden, ein Sinnbild für das, was mit jeder Jugend geschieht, ob abrupt oder schleichend. … und doch: In der letzten Sehnsucht seiner Gesten betont Kavafis auch die Ewigkeit der Schönheit, die diese Jünglinge, der spontane Eros, letztlich beweisen und die ihnen innewohnt, auch, weil die Sehnsucht und die Erinnerung sie immer wieder gemeinsam hervorarbeiten …

“Die Schönheit habe ich so unverwandt betrachtet,
dass sie ganz mein Sehen füllt.”

In manchen seiner persönlichen Gedichte begegnen wir dem Dichter Kavafis selbst, dem alternden, der nun Gedichte schreibt. Vergangenheit ist hier die einzige Richtung des Denkens, das Heiligtum – reiches und trübes Schwelgen darin, sind seine Beschäftigungen. Das Vergangene und doch nie ganz Vergehende zieht immer wieder ein in seinen Texte – das Phänomen der Zeit, gegen das der Mensch die Erinnerung stellt und doch oft Erkennen muss, dass erstere Recht behält und die Zeit den Erinnerungen das entzieht, was sie einst erinnerungswürdig machte; dass alles Morgen irgendwann einem Gestern unterliegt, alles Dasein irgendwann dem Vergehen; dass das Werden uns alle zu einem Ende führt.

“Ein Monat zieht vorbei, wird anderen Monat leiten.
Was kommt dringt unschwer in dein Ahnen ein;
es sind die gestrigen, die nämlichen Beschwerlichkeiten.
Und das Morgen endet dahin, gleich Morgen nicht zu sein.”

Doch nicht immer … manchmal langt noch etwas hinüber aus alten Zeiten – das sind Momente, die Kavafis in ihrer Gänze festzuhalten versucht, Momente, zwischen Trost und Trauer verkeilt, plötzlich wieder frohlockend und ganz nah am Auge, an der Haut, dann nur mehr wieder ein Gegenstand entzogener Erfahrung. Das Nachtrauern des Altgewordenen wird hier subtil vermittelt in einem Anklingen von früherer, unbeschwerter Gedankenlosigkeit, von einer Zeit als man noch im Geschehen stand und nicht jetzt, in Gedanken, darüber – von wo man sehr viel mehr sehen kann, aber dafür weniger fühlen. Man ist dieser Haut entwachsen und nur sehr selten, als Ahnung, flüchtig, kommt sie wieder.

“Immer wieder kehr zurück und nimm mich auf,
geliebte Empfindung, kehr zurück und nimm mich auf –
wenn meines Körpers Gedächtnis erwacht
und alte Begierde von Neuem ins Blut dringt,
wenn die Lippen sich erinnern und die Haut
und wenn die Hände fühlten, als berührten sie noch einmal”

Viele Dichter haben über Vergänglichkeit geschrieben. Bei Kavafis ist diese Vergänglichkeit unmittelbar an das Erleben gebunden; sie ist nicht übergreifend, nein, sie ist an das Eigene gebunden, an die menschliche Existenz, die man besitzt und die einem doch entrinnt und weniger wird, egal wie sehr man sie zu füllen zu versucht und vermag. Seine Art ist indirekt und unepisch, sie hat etwas Leises, wie ein Gebrechen, eine Sorge, die diese Dinge mit sich selbst ausmacht. Sichtbar wird dies noch einmal in der Figur des Greise, den er in einigen seiner Gedichte auftreten lässt, ein junger Versäumer, nun betagter Bereuer.

“Er erinnert sich der Stürme, die er unterdrückt. Und wie viel
Freuden er geopfert hat. Seinen törichten Bedenken
spottet nunmehr eine jede der verpassten Chancen.”

Kaum ein anderer Dichter hat mir wie Kavafis klargemacht, wie viel (vergebliche) Hoffnung wir eigentlich in die Erinnerung stecken, wie sehr wir uns daran klammern, wieviel Sehnsucht wir noch auf diese Dinge anwenden, die längst vergangen sind.

“Es ist halb eins. Schnell verstrichen die Stunden
seit neun, als ich das Licht entzündete
und mich niedersetzt. Ich saß da und las nicht,
sprach auch nicht. Mit wem denn sollt’ ich sprechen,
ganz allein in diesem Haus.
[…]
Das Trugbild meines jugendlichen Körpers
kam und brachte auch die Kümmernisse mit;
Totentrauern der Familie, Trennungen,
die Gefühle derer, die mir nahe standen, der Gestorbenen
Gefühle, die so wenig Achtung fanden.

Es ist halb eins. Wie verstrichen die Stunden.
Es ist halb eins. Wie verstrichen die Jahre.”

II

Der zweite Teil von Kavafis Werk hat seine Ursprünge in einigen Tatsachen: der, das Kavafis Zeit seines Lebens (bis auf ein paar Jahre in England und eine Zeit in Athen) in Alexandria lebte; dann dass er viele griechisch-antike und byzantinische Autoren und Chroniken las und außerdem seine große Affinität zu dem Sagenumwobenen, Lebendigen und Idealen in der antiken Welt. Der zweite Teil seines Werk setzt sich daher aus Werken zusammen, die (fiktive oder echte) antike Personen und Ereignisse darstellen, nachvollziehen, betrachten. Durch all diese Gedichte entsteht ein kleines Panorama von Kavafis Bildung und Interessen; die Darstellung der jeweiligen Szene, ihrer kleinsten Komponenten und Erwähnungen, gedachte er große Sorgfalt an. In seinen Ausschmückungen, seinem dann und wann lieblich wie Wein hineinrauschenden Hedonismus, spürt man eine Verbundenheit, eine gewisse Freude am Erfinden und Malen dieser Szenerien. Im Ende des Gedichts “In der Kirche” beschreibt Kavafis selbst welche Vorstellungen/Sympathien diesem alten griechischen Wesen, fortgeführt im Byzantinischen, bei ihm auslösen, in ihm entfachen:

“Wenn ich eintret’, in der Griechen Kirche;
mit des Weihrauchs Wohlgerüchen,
den liturgischen Gesängen, Psalmenklängen,
mit der Priester prangender Erscheinung
und dem feierlichen Gleichmaß jeder ihrer Gesten –
von größter Pracht im Schmuck der Meßgewänder –
wendet sich mein Geist der Macht und Größe unserer R asse zu,
unserem Ruhm: dem Wesen von Byzanz.”

Zwischen Geschichtenerzähler und anmerkendem Betrachter, steht Kavafis in diesen “hellenischen” Gedichten und es sind wahrscheinlich die kunstvollsten Texte seines Werkes – dabei aber auch die für den deutschen Leser am schwierigsten nachzuvollziehenden. Selbst mit einem Anmerkungsverzeichnis (wie hier in der Sammlung “Brichst du auf gen Ithaka …” enthalten) tut man sich schwer damit in die einzelnen historischen Bildnisse, ihre Umgebung und Bedingung einzusteigen. Nachvollziehbarer ist es dann schon, wenn Kavafis sich nicht etwas Historisches zum Vorbild nimmt, sondern selbst ein (meist unbedeutendes) Ereignis als kleine Begebenheit der damaligen Zeit erfindet, oder eine unbekannte Person eines bestimmten Zeitalters einen kurzen Monolog halten lässt. Sowie jene Geschichte eines Jünglings, der, auf der Überfahrt schwer erkrankt, in einem Hafen Syriens ankommt, wo er eigentlich ein Gewerbe lernen und sein Leben richtig beginnen wollte und:

“Wenige Stunden nur, bevor er starb, flüsterte
er von -Haus-, von -sehr betagten Eltern-.
Doch es wusste niemand, wer sie waren,
niemand wusste, was sein Vaterland im großen Kreis der Griechenwelt sei.
Besser ist’s. Da so, derweil
im Tode er in diesem Hafenorte ruht,
ihn die Eltern stets am Leben hoffen werden.”

Eine letzte Unterkategorie gibt es noch in jener zweiten Kategorie, und es ist wiederum eine, die ein paar der besten Gedichte von Kavafis enthält. Das beste Beispiel für diese Unterkategorie ist wahrscheinlich das Gedicht “Thermopylen” (Der Ort an dem die allseists bekannten 300 Spartaner die Perser aufhalten wollten; Ephialtes war der Verräter, der die Perser auf einem Pfad um die Thermopylen herumführte und so den Untergang dieser Verteidigungsstellung herbeiführte; Meder ist eine andere Bezeichnung für Perser.)

“Ehre denen, die in ihrem Leben Thermopylen
je bestimmten und bewachen.
Die nie aus der Verpflichtung weichen;
gerecht und unbeirrt ihren Taten,
doch dabei voll Mitleid und Erbarmen;
großherzig, wenn sie reich, und wenn
sie arm sind, dennoch freigebig im kleinen Maß,
dennoch Hilfe stellend so viel sie vermögen;
die immerfort die Wahrheit sprechen,
jedoch ohne Hass auf die, die lügen.

Und um so mehr gebührt dann Ehre ihnen,
wenn sie voraussehen (und viele sehen voraus),
dass am Ende Ephialtes erscheinen wird
und am Ende die Meder durchmarschieren.”

Hier, in diesen Gedichten, regiert das Symbolische Hand in Hand mit der leisen Beschwörung und Erhebung; in sehr schlichter Weise transferiert Kavafis Gleichnisse und übergreifende Ideen aus der griechischen Geschichte und Mythologie heraus in die Gegenwart – Botschaften, eindringlich und umfassend, und doch im gewissen Sinne geradezu klassisch. Allegorien, die fast ausnahmslos auf das Wesentliche weisen, unbrachial, geradezu mild, auf (un)bedeutsame Weise berührend. Eine Operation der Allegorie, die nicht nur Erinnerung beschwört sondern in der Erinnerung die Gegenwart heraufbeschwört und sie sichtbar macht .

Es gibt einige wenige Gedicht von diesem Schlag, aber sie sind alle grandios; vielleicht weil in ihnen die Möglichkeiten von Kavafis Stil und die Möglichkeiten des Gedichts, unmittelbar zusammen kommen; dieses Verbinden von Botschaft, historischem Bezug, ideeller Verdichtung und einer kurzen, wesentlichen Betrachtung, mit formelhafter Beschreibung.

Konstantin Kavafis war ein Dichter einiger weniger zentraler Ideen: Vergänglichkeit, Eros, Hellenismus und flüchtiger Schönheit, die sich in allen drei anderen Ideen auf bestimmte Weise bricht. Pathos und Übertretung, Metaphern und experimentelle oder sprachliche Innovativität lässt er fast gänzlich vermissen; seine Sprache ist ungefilterte Mitteilung, die tieferes Verständnis, das schon vorhanden ist, anzusprechen versucht. Diese schlichte Weisheit, ein beinahe lakonisches und doch gefestigtes Interesse an der Wahrheit und der Gewissheit, der Erkenntnis, dass bestimmte Dinge weder schlecht noch gut betrachtet werden müssen, weil sie jenseits dieser Einteilungen sind, was sie sind und wir sie darin auch nicht verdrehen können, weil alle Bezeichnungen auf uns zurückfallen, ohne diese Wesenheiten zu verändern oder auch nur zu erreichen, anzurühren. Diese Klarheit und dieses Verständnis sind am Ende das größte Geschenk, das Kavafis uns macht. Ein Geschenk für die Ewigkeit.

“Immer halte Ithaka im Sinn.
Dort anzukommen ist dir vorbestimmt.
Doch beeile nur nicht deine Reise.
Besser ist, sie dauere viele Jahre;
und alt geworden lege auf der Insel an,
reich an dem, was du auf deiner Fahrt gewannst,
und hoffe nicht, das Ithaka
dir solchen Reichtum geben kann.

Ithaka gab dir die schöne Reise.
Du wärest ohne es nicht auf die Fahrt gegangen.
Nun hat es dir nicht mehr zu geben.

Auch wenn es sich dir ärmlich zeigt, Ithaka betrog dich nicht.
So weise wie du wurdest und in solchem Maß erfahren,
wirst du ohnedies verstanden haben, was die Ithakas bedeuten.”

 

Zur Übersetzung:

Der Autor der Rezension bekennt betrübt, dass er kein Griechisch spricht. Alles was er folgend zu der Übersetzung zu sagen hat, geht also von folgendem Gesichtspunkt aus: Wenn etwas ankommt, wenn die Gedichte also im Deutschen vielfältig erfahrbar sind, kann die Übersetzung nicht so schlecht nicht sein. Was Getreulichkeit, Adäquatheit und Rhythmus angeht, kann keine fachlich-nachvollziehbare, sondern lediglich jene Auskunft gegeben werden, die aus den Erfahrungen/ und dem Erlebnis mit den Übersetzungen bezogen werden kann.

Man lässt sich, wenn man die deutschen Übertragungen zuerst liest, vielleicht allzu schnell täuschen von einer gewissen Manieriertheit, einer abgerundeten Glätte, die Form und Syntax der Verse bestimmen – aber in seiner bedächtigen Langsamkeit erreicht Kavafis eben genau das, was er wollte: das tiefere Verständnis der Bewandtnisse, das sich über den flüchtigen Blick, den flüchtigen Gedanken hinwegsetzen und die Dinge einmal ganz einfach und wahrhaftig betrachten will. Seinen Sentenzen zu folgen hat etwas Meditatives und Ruhiges – man hat Zeit für jede Zeile, jede Weiterführung, jeden neuen Aspekt des Gedankens. Gleichzeitig ist die Übersetzung, im (bewussten) Verzicht auf Nachdichtungen (mit einigen wenigen Ausnahmen, wo die Übersetzer  es für machbar hielten), doch immer erstaunlich melodisch und unterstützt die langsame, aber bestimmte Windung, die Kavafis Formulierungen nehmen.

 

Zu den verschiedenen Ausgaben

1. Brichst du auf gen Ithaka … (ISBN 3923728034)

Dieser Band enthält alle zu Lebzeiten von Kavafis autorisierten Gedichte (153), zuzüglich eines Gedichtes aus dem Nachlass – alle auf Deutsch, bei einigen wenigen ist eine Version des Originals daneben abgedruckt. Zu jedem Gedicht liegen gute, fürs Verständnis meist ausreichende Anmerkungen vor. Namen und sonstige unbekannten Bezeichnungen werden ebenso wie einige sonstige Informationen zu dem Gedicht darin aufgeführt. Ein Vorwort, das die Übersetzungsart erklärt und allgemein ein bisschen zu diesem Thema sagt, sowie ein Nachwort als Skizze zu Leben und Werk von Kavafis sind auch enthalten.

Die Übertragungen dieses Bandes wurden von Wolfgang Josing, unter Mitarbeit von Doris Gundert besorgt. Der Schwerpunkt wurde auf Textgenauigkeit gelegt; Kavafis “Vorlagen” wurde Rechenschaft getragen, in dem man versuchte Klang, Art und Wortwahl des gesprochenen Wortes, der gewöhnlichen Rede, zu treffen, wie Kavafis es im Griechischen Original tat. Alle Textbeispiele, die ich oben anführe, sind diesem Band entnommen, weil mir seine Übersetzungen am meisten gefallen haben; so bezieht sich auch der Abschnitt “zur Übersetzung” zentral auf die Übertragungen dieser Ausgabe.

2. Das Gesamtwerk (ISBN 3596142733)

Die Übersetzungen in “Das Gesamtwerk” wurden von Robert Elsie besorgt, den einleitenden Essay schrieb Marguerite Yourcenar. Das Buch fasst alle autorisierten 154 Gedichte von Kavafis ebenso wie 77 unveröffentlichte, sowie Prosa und Notizen, sowie unvollendete Gedichte (gesamte Übersicht unter http://www.elsie.de/de/buecher/b17.html), womit es die umfangreichste deutsche Kavafis-Ausgabe ist; im Anhang befinden sich umfangreiche Anmerkungen, eine Zeittafel und ein Nachwort des Übersetzers.

3. Gedichte: Das Hauptwerk, griechisch und deutsch (ISBN 3825352129)

Der Übersetzer dieses Bandes, Jörg Schäfer, wurde vom griechischen Kulturministerium 2005 mit einem Preis für die beste Übertragung eines neugriechischen Werkes ausgezeichnet. Diese Ausgabe des Winterverlags  enthält 159 Gedichte und ist damit die umfangreichste griech./deut. Ausgabe, die von Kavafis vorliegt.)

4. Gefärbtes Glas – Historische Gedichte (ISBN 3518223372)

Übertragen und mit einem Nachwort von Michael Schroeder. Ratsam für die, die sich weniger für die persönlichen und mehr für die alexandrinischen Gedichte von Kavafis interessieren. Historisch heißt hier allerdings nicht immer “historisch verbürgt”, sondern meist “aufs Historische ausgerichtet/das Historische nachahmend.

5. Um zu bleiben – Liebesgedichte (ISBN 978-3-518-22020-7 )

Ebenfalls von Michael Schroeder übersetzt. Dazu mit 13 sehr gelungenen Radierungen von David Hockney. Ratsam für jene, die sich mehr für die persönlichen und homoerotischen Gedichte von Kavafis interessieren.